Fallstudie

22.07.2007 um 11:14 Uhr

ich will ja nicht stören, aber...

Ich finde es unfassbar, was für Dinge heutzutage einfach nicht mehr gesellschaftsfähig sind. Gegen bestehendes Unrecht zu klagen etwa. Was würde man ernten, wenn man sagen würde, wie lebenslang unbegreifbar schrecklich die Nazi-Verbrechen gewesen sind? Eine hochgezogene Augenbraue. Bestenfalls. Zu unoriginell.

Natürlich ist da was dran. Die grauenhaften Bilder - in den Köpfen verkommen zu schwarz-weißen Masken, zu unwirklichen Szenarien. Das Fernsehen, die Medien, der erhobene Zeigefinger, alles zu uncool geworden, -buhuhuuu.

Und dann rege ich mich auf. Im Stillen. Wochenlang. Weil es kein Forum gibt. Weil es keiner hören will, wenn man wütend ist über Dinge, die keiner ändern möchte.

Ich denke an jenen jungen Deutsch-Äthiopier. Dem in Potsdam letztes Jahr während der Osterfeiertage beinahe das Leben ausgeprügelt worden ist. Ich denke an die Schläger, die freigesprochen wurden. Und ich denke daran, wie eben jener junge deutsche Äthiopier sich jetzt wohl fühlen mag. Allein mit dem an ihm begangenen Unrecht. Die deutsche Justiz auf der Seite der deutschen Tyrannen. Ein bekanntes Szenario.

Ein Jurist. Im Gespräch. Der dazu sagt, naja, es gäbe ja wohl immerhin vor deutschen Gerichten die Unschuldsvermutung. Die müsste dann doch wohl auch für die mutmaßlichen Schläger gelten, denn sonst wären wir - na, wo wohl? was glauben Sie? natürlich, dort, wo sie dann doch wieder zitierfähig sind die guten alten Nationalsozialisten, dort wo es gilt, sich die durchlöcherte Demokratie schön zu reden.

Und mein Gefühl? Das sagt mir, dass eine deutsche (!) Staatsanwaltschaft penibel ihr Material sammelt, genug zusammen bekommen MUSS, bevor sie überhaupt Anklage erhebt, weil sie sich sonst blamieren würde, vor den Kollegen (!), und dass der Freispruch der beiden (mutmaßlichen, ich würge es heraus) Schläger eher auf einen Formfehler, auf einen juristischen Kniff zurückzuführen ist als auf ihre tatsächliche Unschuld. Wahrscheinlich hatten sie einfach den teureren Anwalt. Woher sollte ein deutscher Äthiopier, der wochenlang im Krankenhaus lag (gute Pflege kostet eben auch hier (!) Geld), auch das Honorar hernehmen?

Übrigens ist ein wichtiger Punkt des Freispruchs, dass der Äthiopier in offenbar alkoholisiertem Zustand einen der Täter mit "Ey, geh mal weiter du Schweinesau" beschimpfte, die wiederum mit "oller Nigger" konterten, bevor die "Auseinandersetzung" (kann man das so nennen? zwei geübte Schläger gegen einen Betrunkenen?) begann.

Mich würde eins interessieren: wenn ich einen der besoffenen Jugendlichen, die mich in der Innenstadt gelegentlich ohne Grund mit sowas wie "ey Schlampe, komma her" anpöbeln, wenn ich also einen solchen Jugendlichen tot oder halbtot schlagen würde, dann müsste ich also nach jener Logik nicht ins Gefängnis. Noch interessanter: Wenn ich nun dabei schwarz wäre? Ich wäre auch freigesprochen worden, meinen Sie? Weil unsere deutsche Justiz nie irrt? Aha.

Ich könnte kotzen!