Oh Freunde, oh Freunde, mir juckt´s in den Fingern. Selten hab ich mich so darauf gefreut einen Eintrag zu schreiben wie heute, wie jetzt...
Ich war auf einer Autorenlesung in der städtischen Buchhandlung. Und ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich das nun morgen in journalistisch-distanzierter Manier und vor allem objektiv verwursten soll... aber ich schwöre euch mit feierlich erhobenen drei Fingern, dass nichts, aber auch wirklich NICHTS davon ausgedacht ist. Alles echt, alles real, das wahre Leben eben, aber hört selbst:
Etwa 25 Leute sitzen gebannt auf weißen Plastik-Gartenstühlen und erwarten die "Künstlerin". Die Frau ist weit über 50, hat einen schwarzen Turnanzug an, und sowohl einen Rock als auch ein türkisfarbenes rückenfreies Shirt darüber. Dazu grellrot geschminkte Lippen, die sie in Hannelore-Elsner-Manier weiblich zu schürzen versucht.
Sie holt ihr Büchlein hervor, auf dem ein dilettantisch gemalter Regenbogen zu sehen ist. "Den hab ich selbst gemacht", gibt sie mit bescheidenem Stolz zum Besten. Sie erzählt, dass ihre Therapeutin sie zu diesem Bild gedrängt hat. Aha.... (mir wird nachher noch einiges klar werden...)
Bevor sie die Anwesenden in den Genuss ihrer Worte bringt, hat sie sich ein besonderes Schmankerl ausgedacht: Julia. Ein gelangweilt dreinblickender blonder Teenie aus ihrer Nachbarschaft wird zum Gelingen des Abends beitragen. Julia packt die Geige aus. Geige ist gut, Geige ist intellektuell. Julia beginnt. Und entlockt dem bemitleidenswerten Instrument un-sag-bare Töne. Ich gucke um mich. Alle anderen haben ihre Gesichtsmuskeln einigermaßen im Griff, als die Tortur aus Quietsch- und Kratzgeräuschen losgeht. Nur ich nicht. Ich muss aussehen, als hätte ich grad meinen Arm in eine Kreissäge gehalten...
Danach beginnt sie zu lesen. Märchen und Gedichte. Wobei die Gedichte keinem mir bekannten metrischen Muster folgen. Ich würde diese Ergüsse auch eher als küchenphilosophische Betrachtungen definieren. Hier eine Kostprobe:
"Jeden Morgen geht die Sonne auf,
im gleichen Rhythmus, dabei ist es heute
doch nicht anders als sonst"
Hmhm... denke ich bei mir. Da ist was Wahres dran. Und meine Mundwinkel zucken bedenklich. "Grotesk" ist das Wort, das sich mir bei dieser Veranstaltung aufdrängt, während die anderen Zuhörer (ältere Frauen, wahrscheinlich alle geschieden und esoterisch gebildet) nicken und verhalten begeistert klatschen.
Pause. Ah, gut. Da kann ich die Gelegenheit wahrnehmen, mich der Autorin für ein paar Fragen zu nähern. Wie dieses Buch entstanden sei, möchte ich wissen, das angeblich von dem Weg aus der Schwere hinein "ins Licht" handelt. Ja, antwortet sie, das sei gewesen, als sie im Chakra-Kurs gewesen ist und grade ihr drittes Auge gesucht hat. Da sei es ihr gekommen, das erste Märchen. Ok. Ruhe bewahren, denke ich noch, da geht es weiter: Und dann habe sie einen Alkoholiker getroffen, dem sie Gedichte geschrieben hat. "Und mithilfe meiner Gedichte habe ich ihn aus der Sucht geführt...Er hat dann das Licht auch wieder sehen können..."
Ich sehe auch gleich Licht, mir wird nämlich fast schwarz vor Augen weil ich permanent durchatme, ja fast hyperventiliere, um die Contenance zu wahren. Doch die frisch gebackene Autorin (Erstveröffentlichung, 250 Exemplare in Eigenauflage) kennt kein Pardon.
Sie möchte mir unbedingt noch etwas mitteilen, was ich bitte auch in den Artikel mit aufnehmen möchte: Sie hat nämlich Kontakt zu ihrem Meerschweinchen und wüsste erst jetzt, wie es sich wirklich gefühlt hätte.
Ich scheine ein bisschen ratlos zu wirken, denn sie erklärt: "Ja, der Kontakt ist ja über eine andere Person...ein Medium." Jetzt fällt der Groschen. Möglichst behutsam frage ich: "Das Meerschweinchen ist also tot?" "Ja, es ist gestorben, aber ich habe jetzt wieder Kontakt zu ihm" antwortet sie, und klingt, als rede sie von einem engen Angehörigen.
Ich bin fertig. Ich kann nicht mehr. Unter einem Vorwand verabschiede ich mich und gehe in die menschenleere dunkle Fußgängerzone hinaus. Ich fange an nach Luft zu schnappen und dann schüttelt es mich, nein, ich berste vor Lachen. Ich kann zurzeit nur eins denken: Dieses Leben ist eins der buntesten!
Schöne gute Nacht