Fallstudie

15.05.2009 um 16:06 Uhr

Mein erstes Mal

Protokoll:

07.45 Uhr: Schlecht geschlafen. Ich bin nervös und mein Magen krampft sich so komisch. Ich frage mich warum, denn schief gehen kann eigentlich nix. Das Ding ist so gut wie eingetütet. 

07.55 Uhr: Aufstehen. Doch, es KANN etwas schief gehen. Jede Menge sogar. Ich könnte den teuren Glastisch von Chef umschmeißen, ich könnte plötzlich laut rülpsen oder mir könnte rausrutschen, dass ich schon immer mit der RAF sympathisiert habe.

08.13 Uhr: Inzwischen war ich viermal (!) auf dem Klo. Meine Gedärme implodieren. Naja, ein gutes hat es ja: Nun ist es relativ unwahrscheinlich, dass ich mitten im Gespräch aufstehe und sage: "Entschuldigen Sie meine Herren, aber ich muss mal ganz dringend kacken."

09.24 Uhr: Irgendwie ganz gut, dass ich noch ganz normal arbeiten muss. Es steht mal wieder eine Umfrage an und ich kann mich hervorragend ablenken, indem ich durch die Stadt schlendere und mit älteren Männern schäkere, um ein Statement von ihnen zu erhalten.

12.07 Uhr: Jetzt wirds ernst. Sachen einpacken und früher Schluss machen. Wobei natürlich keiner wissen darf, wo ich hingehe. Ich reime mir eine Geschichte zusammen, dass ich einen neuen Verein gegründet habe, "Geräteopfer e. V.", und dass nun grade heute die erste Jahresversammlung ansteht. Ich bekomme drei Zettel zugeschoben - Aufnahmeanträge von Kollegen.

12.27 Uhr: Ich stehe vorm Spiegel und schwitze. Wieso sehe ich trotz Bundfaltenhose und Bluse eigentlich immer aus, als hätte ich eine Nacht auf dem Klo der Deutschen Bahn verbracht? Die Haare, das Gesicht - ich bin verzweifelt!

13.30 Uhr: Auf der Bundesstraße. Ich kaue an einem Käsebrötchen, das ich mir noch schnell gekauft habe. Mir wird schlecht. Na toll, bei Chef aufn Teppich zu kotzen ist ja noch schlimmer als den Glastisch umzusäbeln. 

13.56 Uhr: Chef und ich sitzen in seinem Wohnzimmer und warten auf den Herrn Personalchef. Ich glaub wir fühlen uns beide ein wenig beklommen. Es ist noch schlimmer, plötzlich in einen privaten Rahmen geworfen zu werden, wenn man sich extrem sympathisch ist. Ich finde meinen natürlichen Tonfall nicht, und rede außerdem nur Unsinn.

14.40 Uhr: Der Personalmann mümmelt am Erdbeerkuchen und erzählt Geschichten aus dem Leben. Ich gehe im Kopf meine Antworten durch und frage mich, ob ich wirklich unbedingt erwähnen musste, dass ich Politiker nicht ausstehen kann. 

14.43 Uhr: Chef und ich rutschen beide in unserem Sessel hin und her. Ich weiß immer noch nicht, wie es denn nun gelaufen ist, denn der Personale erzählt grade von seinem Sohn, der Schalke-Fan ist. Chef redet allerdings auch nur Unsinn.

14.47 Uhr: Der Personale sagt: "Wir müssen nun auch noch über das Gehalt reden". Ich schlucke. "Äh...." Wir reden aber gar nicht, denn er setzt schon wieder an (wann zum Teufel holt dieser Mann mal Luft?) und wirft mir ein paar Zahlen vor den Bug. 

14.48  Uhr: Ich nicke und lächele. Mir ist doch alles egal, hauptsache Geld. Gut, dass er nicht weiß, dass ich noch nie echtes Geld verdient habe und dass er mir in meinen Augen grade ein kleines Vermögen anbietet. Aber es gibt einen Haken. Für die Kohle muss ich nun RICHTIG arbeiten. Horror! Ich überlege, durch das Fenster zu fliehen. Kann man da nicht....? Nein, kann man nicht. Auch gut, dann müssen wir da eben durch, das Leben ist kein Wunschkonzert.

14.54 Uhr: Der Personalmensch verabschiedet sich. Chef und ich springen beide auf und wirken ein wenig zu deutlich erleichtert. "Ja gut, Frau windkraft. Hat mich gefreut. Den Vertrag schicke ich dann ihrem Chef zu und alles weitere regeln Sie untereinander."

15.06 Uhr: Chef und ich grinsen uns an. Ich danke ihm herzlich dafür, dass er so hervorragend für mich geklüngelt hat. Er sagt: "Du hast es verdient." Ich setze mich ins Auto und rauche drei Zigaretten auf einmal. 

15.49 Uhr: Ich schlage schnaufend die Haustür zu und weiß nicht mal genau ob ich nun glücklich bin oder nicht. Es wird sich zeigen. Und ist ja nicht für immer. Leider hatte ich gar nicht geplant erwachsen zu werden. 

15.55 Uhr: Ich brauche ein Ventil. Ich muss mich erleichtern. Diesmal oben raus, also verbal. Ich könnte mich mal direkt an den Blog setzen...

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenSeren_a schreibt am 15.05.2009 um 20:51 Uhr:Herrlich, liebe Windkraft! Und sooo nachvollziehbar... besonders das: "Und ist ja nicht für immer." Der Satz steht für einen gewissen unbeugsamen Freiheitsdrang, dem es wurscht ist, dass man diese Bildchen braucht, um sich was zu kaufen... :-)
  2. zitierenwindkraft schreibt am 15.05.2009 um 20:59 Uhr:Tatsächlich. Unbeugsamer Freiheitsdrang - komisch, dass es mir jetzt erst auffällt, aber ich glaube den habe ich wirklich. Wow, eine echte Erkenntnis... Sänk ju Sirinä!
  3. zitierenSuperschalker schreibt am 16.05.2009 um 11:57 Uhr:*lach*
    Super!!!!!
    Glückwunsch zum tollen Job!

    Was ich aber mal genauer erklärt haben möchte... *räusper* ... ist folgender Satz:
    "... denn der Personale erzählt grade von seinem Sohn, der Schalke-Fan ist. Chef redet allerdings auch nur Unsinn."

    Dieses "auch nur Unsinn"... wie soll ich denn das bitte schön im Zusammenhang mit Erzählungen von Schalke verstehen???
    Ich bitte um detaillierte Erläuterungen. Vielen Dank. ;-)
  4. zitierenwindkraft schreibt am 16.05.2009 um 12:05 Uhr:*hahaaaa* du hast es verstanden!!! Großartig, ein Mann, der zwischen den Zeilen lesen kann! Ich bin ein Fan von dir, wirklich...!
    (Es war natürlich nicht persönlich gegen diesen außerordentlich netten und goldigen Verein,echt nicht! Das war mehr so ... literarische Freiheit. Ich hätte den Schalkern schon einige Male die Schale gegönnt, besonders damals - war es 2001? Ich glaube ja. "Die Sieger der Herzen" - you know?)
  5. zitierenSuperschalker schreibt am 16.05.2009 um 14:40 Uhr:Ich lasse gerade neue Autogrammkarten drucken. Danke! *freu*

    Ja, es war 2001.
    Ich war live im Stadion.
    Aber ich hatte ein Radio und wusste, dass das Bayern-Spiel noch nicht aus ist.
    Andere haben schon gefeiert und sind wie wild auf den Platz gerannt.
    Von daher ist für mich persönlich der Schock nicht zu groß gewesen.
    Ich habe es psychisch verkraftet... *seufz*

    "Meister der Herzen" ist der aufmunternde Titel gewesen...
  6. zitierensternenschein schreibt am 19.05.2009 um 00:01 Uhr:Glückwunsch dass du nicht bei Chef auf den Teppich gekotzt hast und natürlich zur Festanstellung.
    Dann musst du ja auch bald über den Niedergang der Zeitungsindustrie und dem bösen Internet sowie den Blogs schreiben, die daran schuld sind?
  7. zitierenAnna_Kurz schreibt am 20.05.2009 um 09:29 Uhr:Glückwunsch! Und Willkommen im Club der Sklaven des gesicherten Einkommens! Hast Du schon ein Farbe für die Fußkugel die Du auf der Galeere tragen wirst?*g*

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