nach Jahren endlich ein wirklicher Schuss
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Als Eugen Herrigel bei seinem japanischen Zen-Meister die Kunst des Bogenschießens lernte und nach Jahren noch nicht „richtig“ schoss, fand der Lehrer eine scheinbar unverständliche Begründung: „Die rechte Kunst“, rief der Meister aus, „ist absichtslos! Je hartnäckiger Sie dabei bleiben, das Abschießen des Pfeils erlernen zu wollen, damit Sie das Ziel ganz sicher treffen, umso ferner das andere rückt. Es steht Ihnen im Wege, dass Sie einen viel zu willigen Willen haben. Was Sie nicht tun, das, meinen Sie, geschehe nicht.“ Als Herrigel nach Jahren endlich einen wirklichen Schuss zustande brachte, erklärte der Meister, was geschehen war: „Sie verweilten diesmal völlig selbstvergessen und absichtslos in höchster Spannung; da fiel der Schuss von Ihnen ab wie eine reife Frucht.“ Was Herrigel hier einen Schritt weiterbrachte, war nach den Worten des Lehrers seine Absichtslosigkeit und damit Selbstvergessenheit. Das ist ein entscheidendes Stichwort: Selbstvergessenheit. Denn wer sich selbst vergisst, der verfolgt auch keine Absicht mehr. Um wirklich zu verstehen, was hier gemeint ist, müssen wir den Begriff des „Selbst“ etwas differenzierter betrachten. Natürlich ist es die „Person“ Herrigel, welche den Bogen spannt und schließlich die Sehne loslässt. Aber diese Person denkt nicht mehr in den Kategorien des Ich: Ich muss! Ich darf! Ich soll! Mache ich es (meinem Meister) recht? usw. In vielen Menschen bleibt das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit ebenso stark wie in ihrer frühen Kindheit; in anderen ist es der Hunger nach Zuneigung; wiederum in anderen das Bedürfnis nach Bestätigung oder die Furcht vor Missbilligung; und jeder dieser Faktoren ist die Quelle und Triebfeder der gesamten Persönlichkeit. Diese Analyse steht in völligem Einklang damit, dass wir uns vom inneren Sich-Richten befreien sollten sowie damit, dass uns die vorgefassten Bilder im Weg stehen. Und sie drängt uns zu der Einsicht, dass eine der schädlichsten Motivationen, die in vielen von uns unerkannt fortbestehen, die Sehnsucht nach Zustimmung, Beifall und Billigung ist. Wenn wir uns davon trennen, trennen wir uns von dem, was die spirituellen Traditionen Ich nennen. Absichtslos heißt, sich selbst vergessen.
