Taoistische Reflektionen

31.03.2005 um 01:23 Uhr

Laotse 4

von: tao

Also Konfuzius probierte es, er machte sich insgeheim auf die Suche.

Er sandte seine Schüler aus, um jemanden zu finden, der für ihn von Hilfe sein könnte,

und sie kamen mit der Information,

es gäbe da einen Mann, dessen Namen niemand wüßte;

er war nur als "der alte Kerl" bekannt.

Laotse heißt "der alte Junge".

Das Wort ist nicht sein Name, niemand kennt seinen Namen.

Er ist so ein unbekannter Mann, daß niemand weiß, wann er geboren wurde,

niemand weiß, wem.

Niemand weiß, wer sein Vater war oder wer seine Mutter war.

Er hatte schon neunzig Jahre gelebt, aber nur sehr wenige menschliche Wesen

waren auf ihn gestoßen, sehr selten;

nur diejenigen, die andere Augen und Perspektiven hatten,

womit sie ihn verstehen konnten.

Er war nur für die wenigsten -

ein so gewöhnlicher Mensch, aber nur für die seltenen Menschen mit außergewöhnlichem Bewußtsein.

Als er nun die Nachricht hörte, daß es da einen Mann gab, der als "der alte Bursche" bekannt war,

machte Konfuzius sich auf den Weg, um ihn kennenzulernen.

Als er Laotse traf, konnte er fühlen,

daß hier ein Mensch war, mit grandiosem Verständnis,

großartiger intellektueller Integrität, großer logischer Schärfe, ein Genie.

Er konnte spüren, daß da etwas war,

aber es konnte es nicht festmachen.

Ganz vage schien da auf mysteriöse Weise etwas da zu sein;

dieser Mensch war kein gewöhnlicher Mensch, obwohl er absolut gewöhnlich aussah.

Da versteckte sich etwas. Er trug einen Schatz in sich.

30.03.2005 um 02:38 Uhr

Laotse 3

von: tao

Es ist sehr schwierig, ein Laotse zu sein oder einen Laotse zu erkennen.

Tatsächlich bist du schon ein Laotse, wenn du einen Laotse erkennen kannst.

Um einen Buddha zu erkennen, brauchst du kein Buddha zu sein,

aber um Laotse zu erkennen, mußt du schon ein Laotse sein,

ansonsten ist das unmöglich.

Es wird gesagt, daß Konfuzius Laotse einen Besuch abstattete.

Laotse war ein alter Mann, Konfuzius war jünger;

Laotse war fast unbekannt,

Konfuzius war fast schon überall bekannt.

Könige und Herrscher bestellten ihn immer wieder in ihren Hofstaat;

weise Männer kamen immer wieder zu ihm, um ihn um Rat zu fragen;

er war in jenen Tagen der weiseste Mensch in China.

Aber nach und nach muß ihn das Gefühl beschlichen haben,

daß obwohl seine Weisheit für andere von Nutzen gewesen sein mag,

er selbst nicht glücklich war, er hatte eigentlich nichts erreicht.

Er war ein Experte geworden, hilfreich vielleicht für andere,

aber nicht hilfreich für sich selbst.

Also machte er sich insgeheim auf die Suche nach jemandem, der ihm helfen könnte.

Die normalen weisen Menschen konnten es nicht sein,

denn die kamen ja schon immer, um ihn um Rat zu fragen.

Große Gelehrte halfen auch nicht weiter,

denn auch die kamen immer wieder zu ihm, um ihn wegen ihrer Probleme zu befragen.

Aber irgendwo muß es doch jemanden geben - das Leben ist grenzenlos...

29.03.2005 um 01:04 Uhr

laotse 2

von: tao

Es ist einfach, die Spiritualität eines Buddha zu sehen, sehr einfach;

sie ist so außergewöhnlich, daß es unmöglich ist, sie zu übersehen.

Aber es ist schwierig, die Spiritualität von Laotse zu sehen,

denn er ist so gewöhnlich, genau wie wir.

Man muß erst dazulernen.

Wenn ein Buddha an dir vorbeigeht, wirst du ihn augenblicklich erkennen -

ein höher entwickeltes menschliches Wesen ist an dir vorübergegangen.

Ihn umgibt der Glanz eines Übermenschen,

es ist also schwierig, das nicht zu sehen, fast unmöglich, ihn zu ignorieren.

Aber Laotse...er könnte dein Nachbar sein.

Du hast ihn vielleicht schon die ganze Zeit übersehen, weil er so gewöhnlich ist,

so außergewöhnlich gewöhnlich. Und das ist seine Schönheit.

Außergewöhnlich zu werden ist einfach: es braucht bloß Anstrengung,

Verfeinerung ist nötig, Kultivierung.

Es ist eine tiefgehende innere Disziplin.

Man kann sich so sehr verfeinern, sublimieren, bis man absolut unirdisch wird,

aber gewöhnlich zu sein ist wirklich das alleraußergewöhnlichste.

Da hilft keine Anstrengung - nur Anstrengungslosigkeit.

Da hilft kein Üben, keine Methoden, keine Übungen, keine Praktiken helfen da weiter,

nur Verstehen.

Sogar Meditation ist da keine Hilfe.

Meditation hilfreich, wenn man ein Buddha werden will.

Um ein Laotse zu werden, ist sogar Meditation keine Hilfe mehr -

bloß Verstehen.

Einfach das Leben verstehen, wie es ist, und es mutig leben;

nicht davor davonlaufen, nicht sich davor verstecken, sondern sich ihm mutig stellen,

was auch immer es ist, gut oder schlecht, positiv oder negativ, Himmel oder Hölle.

27.03.2005 um 15:39 Uhr

Laotse

von: tao

Laotse

Laotse ist nicht wie Buddha, überhaupt nicht mathematisch,

und doch ist sehr sehr, sehr logisch in seiner Verrücktheit.

Er hat eine verrückte Logik.

Er hat eine eigene Logik: die Logik der Absurdität,

die Logik des Paradoxen, die Logik eines Verrückten.

Er trifft tief.

Buddhas Logik kann selbst von Blinden verstanden werden,

aber um Laotses Logik zu verstehen, muß man sich schon ums Sehen bemühen.

Sie ist sehr subtil, sie ist nicht die gewöhnliche Logik logischer Menschen -

sie ist die Logik eines verborgenen Lebens, eines sehr subtilen Lebens.

Was auch immer er sagt, ist oberflächlich gesehen absurd,

aber in der Tiefe existiert eine großartige Konsistenz.

Man muß da hinkommen;

man muß sein eigenes Denken ändern, um Laotse zu verstehen.

Buddha kann man verstehen, ohne sein Denken überhaupt ändern zu müssen;

so wie du bist, kannst du Buddha verstehen,

denn er liegt auf der gleichen Linie.

Wie weit auch immer er dir voraus sein mag,

sogar wenn er das Ziel erreicht haben mag,

er ist auf der gleichen Linie, der selben Spur.

Wenn du versuchst, Laotse zu verstehen..... er geht zickzack.

Manchmal sieht man ihn nach Osten gehen,

und manchmal nach Westen.

Sie gehören zusammen, sie sind eins.

Er glaubt an die Einheit der Gegensätze.

Und so ist das Leben.

Laotse ist also ein Repräsentant des Lebens.

Wenn das Leben absurd ist, ist Laotse absurd;

wenn dem Leben eine absurde Logik zu eigen ist, hat Laotse dieselbe Logik.

Laotse reflektiert einfach das Leben. Er fügt ihm nichts hinzu,

und er sucht sich auch nichts heraus.

Er akzeptiert einfach, was es auch immer ist.