Taoistische Reflektionen

30.04.2005 um 22:48 Uhr

Laotse 8

von: tao

Die Persönlichkeiten von Mahavir, Moses und Mohammed

sind wie einzelne Töne -

einfach, streng, enthaltsam, sogar schön, aber nur dann und wann.

Krishna ist multidimensional, übermenschlich, wundersam,

aber er scheint mehr wie ein Mythos zu sein als ein wirklicher Mensch;

er ist so außergewöhnlich, daß es ihn nicht geben kann.

Auf dieser Erde können solch außergewöhnliche Personen nicht existieren -

sie existieren nur als Träume,

und Mythen sind nichts als kollektive Träume,

die die ganze Menschheit sich erträumt hat -

schön, aber unglaubhaft.,

nicht sehr bedeutungsvoll, einfach kosmisches Geschwätz.

Jesus ist so traurig, so beladen und belastet -

überladen mit dem ganzen Unglück der gesamten Menschheit.

Er kann nicht lachen. Wenn du zu lange mit ihm gehst, wirst du traurig werden,

dir wird das Lachen vergehen. Ihn umgibt eine düstere Schwermut.

Er ist gut, aber zu gut, fast unmenschlich gut.

Mit Zarathustra kann man lachen, er ist kein Moralist, kein Puritaner;

er kann das Leben genießen und alles, was das Leben gibt.

Er ist ein guter Freund, mit ihm könnte man immer zusammensein -

aber er ist bloß ein Freund.

Und Freundschaft ist gut, aber nicht genug.

Buddha ist ungeheuer schön, außergewöhnlich schön, superb.

Aber er ist nicht auf der Erde, er geht nicht auf der Erde.

Er fliegt in den Wolken und hinterläßt keine Fußspuren,

man kann ihm nicht folgen, man weiß nie, wo er sich gerade aufhält.

Er ist wie eine Wolke.

Manchmal trifft man ihn, aber das ist zufällig.

Und er ist so verfeinert, daß er auf dieser Erde keine Wurzeln schlagen kann,

er ist für irgendeinen höheren Himmel gedacht. Auf diese Weise ist er einseitig.

Erde und Himmel begegnen sich nicht ihn ihm;

er ist himmlisch, aber der irdische Teil fehlt;

er ist wie eine Flamme, schön, aber da ist kein Öl, kein Behälter -

du kannst die Flamme sehen, aber sie geht immer höher und höher,

nichts hält sie auf der Erde.

30.04.2005 um 02:29 Uhr

Südliches Blütenland XVII 11 (1)

von: tao

Das religiöse Denken ist grundsätzlich ehrgeizlos.

Wenn noch irgendeine Spur von Ehrgeiz da ist,

dann ist es unmöglich, religiös zu sein,

denn nur ein höherwertiger Mensch kann religiös werden.

Ehrgeiz impliziert Minderwertigkeit.

Versuche dies zu verstehen, denn es ist eines der Grundgesetze.

Ohne das zu verstehen,

kannst du in die Tempel gehen,

kannst du zum Himalaya gehen,

kannst du beten und du kannst meditieren,

aber alles wird vergebens sein.

Du wirst einfach dein Leben vergeuden, wenn du nicht erkannt hast,

ob die Natur deines Denkens ambitioniert oder unambitioniert ist.

Deine ganze Suche wird zwecklos sein,

denn Ehrgeiz kann niemals zum Tao führen.

Nur Ehrgeizlosigkeit kann die Türe werden.

Die moderne Psychologie stimmt mit Dschuang Dsi überein,

mit Lao-tse, mit Liä Dsi,

mit all denen, die erkannt haben,

daß Minderwertigkeit Ehrgeiz erzeugt.

Daher kommen Politiker aus dem übelsten Teil der Menschheit.

Alle Politiker sind minderwertig.

Das kann gar nicht anders sein,

denn immer wenn das Denken den Minderwertigkeitskomplex spürt

versucht es, höherwertig zu werden - der Gegensatz ist geboren.

29.04.2005 um 02:59 Uhr

Tao Te King 10 (2)

von: tao

Wie kommt es zu dieser unterschiedlichen Behandlung von Körper und Seele ? Wenn wir das wissen, werden wir auch ihre Vereinigung verstehen.

Wenn ein Kind geboren wird, ist es sich keines Unterschiedes zwischen Körper und Seele bewußt. Der Körper und die Seele entwickeln sich als eine Existenz. Aber die Sachzwänge des Lebens - Kultur, Gesellschaft, Sicherheit - beginnen nun uns beizubringen, zwischen dem Körper und der Seele Unterschiede zu machen. Wenn ein Kind Hunger fühlt, wird ihm vermittelt, daß es nicht notwendig ist, daß es immer dann essen muß, wenn es hungrig ist, es is nötig, den Hunger zu kontrollieren. Dies ist ein unvermeidliches Arrangement des Lebens. Das Kind muß Selbstkontrolle erlernen. Es muß lernen, daß es nicht unbedingt dann seine körperlichen Bedürfnisse befriedigen muß, wenn und wie sie entstehen. Es ist nicht wesentlich, daß es dann schlafen muß, wenn es sich schläfrig fühlt oder seinen Durst dann löscht, wenn er entsteht.

Sobald ein Kind lernt, sich zurückzuhalten, beginnt es, sich von seinem Körper getrennt zu fühlen. Der Körper fühlt sich hungrig und es hält seinen Hunger zurück; der Körper fühlt sich müde und es verbietet ihm, jetzt schon zu schlafen. Dann glaubt das Kind, daß es getrennt und verschieden von dem ist, was es nun gelernt hat, zu kontrollieren.

Sowie das Kind die Macht der Selbstkontrolle entwickelt, entwickelt die Einheit von Körper und Seele einen Sprung. Sowie die Kontrolle zunimmt, wird der Riß größer und größer. Je größer der Spalt wird, desto schwieriger wird es für das Kind, sich eins mit der Existenz zu fühlen, denn jemand, der es schwierig findet, sich eins mit seinem eigenen Selbst zu fühlen, findet es unmöglich, eins zu sein mit dem größeren Körper des Universums.

Diese tiefverwurzelte Dualität entsteht aus den Notwendigkeiten des Lebens. Sie ist nützlich, aber sie ist nicht die Realität. Es ist nicht wesentlich, daß alles, was im Leben nutzvoll ist, auch die Wahrheit ist. Oftmals stellt sich heraus, daß die Unwahrheit nützlicher ist. Diese Unwahrheit ist sehr nützlich. Also muß sie kultiviert werden. Aber wenn unser Denken immerwährend kontrolliert bleibt und wir es schwierig finden, uns aus diesen nützlichen Unwahrheiten herauszuwinden, werden sie sich als selbstmörderisch erweisen.

Es ist notwendig, Zurückhaltung und Geduld zu entwickeln. Die Notwendigkeiten des Körpers entstehen und die Kraft, sie zu kontrollieren, muß entwickelt werden. Nach und nach wird derjenige, in dem die Bedürfnisse entstehen, unterschieden von demjenigen, der die Bedürfnisse kontrolliert.

28.04.2005 um 02:54 Uhr

Quellender Ursprung II 12 (3)

von: tao

Ein Mensch auf dem Weg bedeutet einen Menschen im Ozean - versunken, angekommen, verschwunden. Was das Tao angeht, können der Weg und das Ziel nicht getrennt werden, sie existieren nicht separat. Das ist die Schönheit von Tao und das großartige Verstehen von Tao. Gibt es erst einmal ein Ziel, dann wirst du angespannt werden, denn dann wird das Verlangen entstehen und der Ehrgeiz, es zu erreichen. Dann wirst du dich dafür vorbereiten müssen: Zeit wird nötig sein; Methoden und Techniken werden erforderlich sein; Tugend und Charakter werden benötigt. Und du wirst dir immer Sorgen machen und überängstlich sein, ob du auch in die richtige Richtung gehst oder nicht. Wirst du es schaffen können oder nicht ? Wirst du es wieder einmal verfehlen? Die Furcht, die Beklemmung, das Zittern werden anhalten, denn mit dem Ziel gibt es eine Zukunft. Wernn der Weg das Ziel ist, gibt es keine Zukunft - die Zukunft wird einfach zerstört, die Zeit verschwindet.

Es gibt kein Morgen mehr.

Hier und jetzt ist alles erhältlich, es besteht keine Notwendigkeit, irgendetwas zu verschieben. Das sind die Tricks des Denkens, das alles in die Länge ziehen will. Das Denken, das immer weiter aufschieben will, teilt den Weg vom Ziel. Und dann wird der Weg auch noch unterteilt in viele Meilensteine, in viele Stufen: Die erste, die zweite, die dritte ... man unterteilt immer weiter. Dann gibt es endlich ganz viel Platz für dein Denken, in den es sich projizieren kann. Tao läßt dem Denken keinen Raum. Es schaltet das Denken komplett aus, weil es kein Ziel gibt. Denk mal darüber nach, laß das auf dich wirken: Wenn es kein Ziel gibt, wie kann dann das Denken funktionieren ? Dann ist dieser Moment alles, was ist; dies ist alles. Ein Verlangen ist nicht möglich, denn es gibt kein Morgen und es gibt kein Ziel. Es gibt nichts zu erreichen - wohin willst du dann gehen ? Wohin wirst du dich flüchten ? Wo wirst du dich verbergen ? Das Ziel gibt dir einen Fluchtweg. Du kannst hoffen. "Heute bin ich noch nicht richtig, morgen werde ich richtig sein. Heute bin ich bloß ein Anfänger, morgen werde ich ein Adept sein." Aber wenn es kein Ziel gibt, wenn du nirgendwo ankommen kannst, wenn es nichts zu erreichen gibt, dann sind dir alle Tricks und alle Hilfsmittel weggenommen worden, alle Hilfskonstruktionen sind entfernt worden. Dann bleibt du mit diesem Moment allein. Dieser Moment ist alles, und gerade in eben diesem Moment ist die Befreiung.

Das Denken vom Verlangen befreit bedeutet Befreiung. Kein sehnsüchtiges Denken mehr bedeutet Erleuchtung.

27.04.2005 um 02:01 Uhr

Tao Te King 2 (2)

von: tao

Es gibt einen Witz, seit der Zeit von Lao-tse weit verbreitet, der eine interessante Geschichte ergibt: Ein junger Mann saß am Strand des Meeres mit seiner Geliebten. Es war eine mondhelle Nacht und die Wellen gingen hoch im Ozean und rauschten an das Ufer. Der junge Mann hob sein Gesicht gen Himmel und sagte: "Ströme noch schneller, o Ozean ! Laß deine Wellen höher steigen !" Die Nacht war schön und die Wellen gingen natürlich hoch im Meer und rauschten an die Küste. Aber die Geliebte ist von Staunen ergriffen: "Du bist so mächtig, das wußte ich nicht !". Sie sagt: "Ich hätte mir das nie träumen lassen, daß der mächtige Ozean dir gehorcht ! Du befahlst den Wellen sich zu erheben, und sie taten es. Du beordertest sie ans Ufer, und da waren sie !" Diese Geschichte zirkulierte zu Lao-tses Zeit. Und Lao-tse sagt: "So sind unsere Angelegenheiten im Leben." Die Wellen erheben sich und fallen wieder, aber wir stehen am Ufer und geben Befehle und glauben insgeheim, daß wir es sind, die die Wellen dazu gebracht haben, sich zu erheben !

Lao-tse sagt: "Du kannst weder die Handlung geschehen lassen noch sie ungeschehen lassen." Wenn du dich an diese kleine Wahrheit gewöhnst, daß die Dinge von selbst geschehen, ist das schon genug. Dafür, daß sich die Dinge ereignen, muß niemand anwesend sein.

Es liegt in der Natur der Dinge, daß sich sich ereignen. Und wer dies weiß und erfährt, ist ein Weiser, jedenfalls nach Lao-tse.

Gleichzeitig sagt Lao-tse: "Aber der Weise ist weder indifferent noch ablehnend den Geschehnissen gegenüber; denn wenn die Dinge sich von selbst ereignen, haben die Weisen nichts dagegen." Die Frage der Opposition oder des Verzichts oder der Apathie entsteht nur, wenn ich der Bewirkende bin. Zum Beispiel: Hunger kommt; der unwissende Mensch ißt zuviel – und denkt: "Ich bin es, der ißt". Aber auch er kann nicht einfach immer weiteressen, selbst wenn er es will.

Es gibt eine Anekdote aus Nasruddins Leben. Er war auf Pilgerschaft mit einem seiner Schüler. Jeden Tag bemerkte er, daß sein Schüler nach den Mahlzeiten sich heftig schüttelte und dann wieder zu essen begann. Monate verstrichen und jeden Tag spielte sich dies ab. Eines Tages stellte er ihn zur Rede und fragte: "Was soll das ? Du ißt, dann schüttelst du dich, dann ißt du wieder, dann schüttelst du dich wieder, und dann ißt du wieder?" Der Junge antwortete: "Auf diese Weise schaffe ich mehr Platz in mir, so daß ich mehr Essen zu mir nehmen kann." Nasruddin gab ihm eine schallende Ohrfeige und sagte: "Du Schuft ! Warum hast du mir das nicht früher gesagt ? Wenn ich nur an all das Essen denke, das ich so hätte essen können und aber nicht gegessen habe ! Ich hatte schon den Verdacht, daß ich viel mehr essen könnte, als ich gegessen habe."

26.04.2005 um 03:48 Uhr

quellender Ursprung II 12 (2)

von: tao

Was Dsi Hia da sagte: "Mein Meister kann diese Wunder tun, und er ist fähig geworden, diese Wunder zu bewirken, aber er ist auch imstande, sie nicht zu tun", ist ein grandioser Ausspruch, ein großartiges Bonmot, aber es kommt von einem blinden Menschen.

Käme es von Liä Dsi, würde es gewaltige Bedeutung haben. Wenn es von Buddha kommt, würde es auch bedeutsam sein. Aber es kommt von einem Gelehrten - es ist ohne Bedeutung. Es ist viel wichtiger, wer die Äußerung getan hat, als der Ausspruch an sich. Du kannst die Worte von Jesus exakt wiederholen, aber du wiederholst sie eben. Deinem Papagei kann man beibringen, die genauen Worte von Jesus oder Mohammed zu wiederholen ... aber was bedeutet das dann noch ? Der Papagei leiert es herunter - es ist eine leere Geste, da ist nichts entsprechendes im Papagei; es ist mechanisch. Aber als Jesus diese Worte sagte, da kamen sie von seinem Herzen - er wiederholte sie nicht, er imitierte niemanden - sie waren authentisch, sie waren wahr.

Wahrheit bedeutet das, was aus deiner eigenen Erfahrung kommt, aus deinem eigenen Erleben entsteht; was Teil deines Lebens ist, Teil deines Blutes, deiner Knochen, deines innersten Marks, was in deinem Wesen zirkuliert; du atmest sie ein und aus. Die Äußerung an sich bedeutet also nicht viel, was zählt ist, von wem sie kommt. Was ein Mensch sagt, ist nicht sehr relevant... was er ist, das Sein ist relevant, nicht das Wissen.

Man kann also Dsi Hia zugestehen, daß er ein Taoist war und noch dazu ein schöner, aber alles Imitation; keine wirklichen Diamanten - künstlich. Künstliche Diamanten können auch schön sein - zumindest können sie schön erscheinen. Plastikblumen können schön aussehen, sie können so gemacht sein, daß sie anziehend wirken, aber sie sind nicht real. Es ist Betrug, es ist trügerisch.

Tao ist ein wegloser Weg.

Was bedeutet das ?

Es bedeutet, daß der Weg und das Ziel eins sind; wenn du auf dem Weg bist, bist du schon angekommen. Das ist die Schönheit von Tao: Wenn du auf dem Weg bist, bist du schon zuhause.... dem der Weg und das Ziel sind nicht getrennt, die Reise und der Bestimmungsort sind nicht getrennt - die Reise selbst ist das Ziel. Das ist die Bedeutung des Wortes "tao". Tao heißt der Weg: der Weg selbst ist das Ziel. Das Mittel ist der Zweck, es gibt kein anderes Ziel.

25.04.2005 um 17:23 Uhr

Ko Hsuan 5 (1)

von: tao

Der ehrwürdige Meister sagte:

"Wenn ein Mensch die Macht erlangt, das, was sich verändert, zu transzendieren, indem er in Reinheit und Stille verweilt, dann sind Himmel und Erde in ihm vereint.

Die Seele des Menschen liebt Reinheit, aber sein Denken ist oft rebellisch. Das menschliche Denken liebt Stille, aber seine Sehnsüchte ziehen ihn in die Aktivität hinein. Wenn ein Mensch ständig seine Begierden beherrschen kann, wird sein Denken ganz spontan still. Wenn das Denken unbewölkt ist, sieht man die Seele, und sie ist rein. Dann werden die sechs Begierden mit Sicherheit aufhören, weiter erzeugt zu werden, und die drei Gifte werden eliminiert und aufgelöst werden.

Der Grund, warum die Menschen die Fähigkeit, dies zu erreichen, nicht besitzen, ist der, daß ihr Denken nicht klar ist und ihre Sehnsüchte unbeschränkt sind.

Wer die Macht hat, seine Begierden zu transzendieren, wenn der nach innen schaut und das Denken betrachtet, dann stellt er fest, daß in seinem Denken kein Denken mehr ist; wenn er dann nach außen schaut und die Formen betrachtet, dann stellt er fest, daß in der Form keine Form mehr ist; wenn er dann sich all die Dinge anschaut, die noch weiter entfernt sind und so die Materie betrachtet, stellt er fest, daß in der Materie nichts Stoffliches, nicht Festes, keine Materie mehr ist."

Tao glaubt an Spontaneität - nicht an die Kultivierung von Tugenden, nicht an die Schaffung eines Charakters, nicht einmal an ein Gewissen, sondern nur an Bewußtsein. Charakter, Disziplin, Gewissen, das sind alles Ego-Anstrengungen, und Ego ist gegen Tao. Tao ist ein Zustand des Loslassens: Im Einklang zu sein mit der Existenz, so total, daß es überhaupt keine Trennung mehr gibt. Du bist nicht einmal mehr ein Teil davon, du bist das Ganze. Du bist nicht die Welle, sondern der Ozean selbst. Daher geht es gar nicht ums Tun. Tao bedeutet Sein.

Alle anderen sogenannten Religionen bestehen auf dem Tun. Sie glauben an Gebote: "Tu dies, tu das nicht." Sie haben viele "du sollst" und viele "du darfst nicht". Die buddhistischen Schriften haben dreiunddreißigtausend Regeln für einen Mönch; sie auch nur alle im Kopf zu behalten, ist unmöglich. Die Leute vergessen doch sogar, was die zehn Gebote sind - wie können sie sich da an dreiunddreißigtausend Regeln erinnern. Ihr ganzes Leben wird vergeudet sein, nur in der Anstrengung, sich daran zu erinnern. Wann werden sie dann dazukommen, diese Regeln auch noch zu kultivieren ? Das wird Millionen von Leben dauern.

24.04.2005 um 03:34 Uhr

Tao 2

von: tao

Immer wenn du bei dir bist

bist du im Tao,

und es gibt keinen anderen Weg, im Tao zu sein.

Also erstelle keine Dualität zwischen dir und Tao.

Versuche bloß bei dir zu sein,

probiere einfach dein in dir sein zu sein,

und du bist im Tao !

Die Sprache ist nicht fähig

irgendetwas über eine non-duale Realität auszusagen.

Was auch immer sprachlich gesagt wird, ist notwendigerweise dual.

Und wenn du im Tao bist

bist weder du

noch Tao.

Immer wenn du wirklich dein Sein bist

bist du ein Niemand,

eine weite Leere

ein ganzer Himmel

ohne Grenzen.

Und dann bist du nicht nur bei dir selbst

du bist mit den Bäumen, mit den Wolken,

mit den Bergen,

mit den Sandkörnern und mit den Meeren...

wenn du bei dir selbst bist, wirst du das Ganze.

 

23.04.2005 um 02:43 Uhr

Tao Te King 10 (1)

von: tao

"Wenn die intelligente Seele und die tierische Seele in einer Umarmung zusammen gehalten werden, können sie so davon abgehalten werden, sich wieder zu trennen.

Wenn man dem (vitalen) Atem die ungeteilte Aufmerksamkeit schenkt und es so zum äußersten Grad an Flexibilität bringt, kann man wie ein (zartes) Baby werden.

Wenn man die höchst mysteriösen Sichtweisen (der eigenen Imagination) aus dem Weg geräumt hat, kann man so ohne Makel werden."

Immer wieder erzählt man uns von der einen unteilbaren Wahrheit. Und doch teilen diejenigen, die von der unteilbaren Wahrheit reden, auch die Seele und den Körper in zwei Teile; sie glauben auch, daß der Körper und die Seele getrennt sind. Wenn es einen Unterschied gibt zwischen dem Körper und der Seele, dann sind die Welt und Gott notwendigerweise voneinander getrennt. Die subtilste Annahme eines Unterschieds gibt der Dualität Raum, und so entsteht eine sehr widersprüchliche Situation: Wer einerseits an das unteilbare Einssein glaubt, glaubt auch an die Dualität der Dinge.

In diesem zehnten Kapitel legt Lao-tse die Grundstein für Advaita (das Unteilbare). Lao-tse sagt: "Gott und das Universum können nicht eins sein, bevor nicht ein Einssein besteht zwischen dem Körper und der Seele." Bevor es nicht ein Erleben des Einsseins zwischen dem Körper und der Seele gibt, kann es einen Einklang geben zwischen Materie und Bewußtsein.

Für den sogenannten religiösen Menschen wird dies kaum zu akzeptieren sein. Wenn eine Person von sich selbst glaubt, daß sie innerlich geteilt ist, kann sie nicht akzeptieren, daß die Existenz eins ist. Nur jemand, der in sich selbst integriert ist, kann erkennen, daß die Existenz eins ist, daß die Existenz eine unteilbare Ganzheit darstellt. Die Welt ist der expandierte Körper; das Bewußtsein ist der enorme universale Geist. Wenn mein Bewußtsein getrennt ist von meinem Körper, muß notwendigerweise auch Gottes Bewußtsein getrennt und weit weg von der Welt sein.

Lao-tse sagt: "Wenn der Körper und die Seele in Vereinigung gehalten werden können, nur dann ist das Unteilbare möglich" - - nur dann kann die integrierte Ganzheitlichkeit erblühen.

22.04.2005 um 02:08 Uhr

Quellender Ursprung II 12 (1)

von: tao

Dsi Hia kann man einen Taoisten nennen, aber nicht einen Mann des Tao. Taoist in dem Sinn, daß er glaubt, daß das Tao wahr ist, aber nicht einen Menschen des Tao, weil sein Glaube ohne Basis ist. Es ist nicht seine eigene Erfahrung, es ist nicht sein eigenes existentielles Verstehen; es ist immer noch Wissen, es ist nicht Kennenlernen. Ein Taoist zu sein, ist leicht, es ist recht billig: Wissen kann man immer borgen. Ein Mensch des Tao zu sein ist schwierig, es erfordert Mut.

Manchmal ist man vielleicht mehr von einem Taoisten beeindruckt als von einem Menschen des Tao, denn der Taoist ist mit unserem Intellekt verstehbar. Er hat eine gewisse Affinität zu dir, er spricht mit der gleichen Logik und die gleiche Sprache, die du verstehen kannst. Einen Menschen des Tao zu verstehen mag schwierig sein, denn da existiert noch keine Brücke zwischen dir und ihm. Er existiert in einer sehr transzendentalen Welt, in einer total anderen Realität. Er ist Teil einer separaten Realität. Wenn er recht hat, liegst du ganz falsch. Der Taoist kann recht haben und doch gibt er dir nicht das Gefühl, daß du völlig verkehrt bist. Der Taoist ist im Einklang mit dir, aber nicht im Einklang mit dem Tao. Das ist der Sinn des Endes dieser Geschichte: "Der Fürst war entzückt"... aber nicht entrückt, nicht verwandelt.

Die Antwort war wirklich schön, deliziös, aber sie beinhaltet keinen Nährwert. Du kannst sie genießen, aber du kannst nicht von ihr leben. Es ist eine sinnlose, substanzlose Angelegenheit. Es ist eine leere Geste - wie schön auch immer, aber trotzdem eine reine Formsache. Es ist impotent, es ist nicht kreativ. Ja, es kann dich unterhalten - aber das ist alles.

Also kann man dem Dsi Hia zugestehen, daß dieser Gelehrte ein Taoist war. Er glaubte an die Philosophie des Tao, aber es war eine Philosophie, ein Dogma, an das man glauben muß. Er hat es nicht gelebt, er hat es nicht gekostet; es ist noch nicht sein Herz. Es hat sich ihm noch nicht ereignet. Das ist wie bei einem blinden Mann, der schon viele Dinge über das Licht, die Farben, die Blumen, die Sonne, den Mond und die Sterne gehört hat, und ganz geschickt über diese Dinge reden kann. Vielleicht ist all das ja auch richtig, was er so sagt, aber trotzdem, wie kann es richtig sein ? Ein Blinder kann all das verstehen, was über Licht geschrieben worden ist, und er kann deine Fragen über das Licht perfekt beantworten. Vielleicht benutzt er exakt die Worte, die ein sehender Mensch verwenden wird - soweit es die Worte betrifft, ähneln sich die Worte; aber was die Erfahrung angeht, so hat der eine die Erfahrung, der andere hat sie nicht.

21.04.2005 um 03:15 Uhr

Tao Te King 2 (1)

von: tao

"Alle Dinge nehmen ihren Lauf, aber er wendet sich nicht ab von ihnen; er gibt ihnen Leben, aber nimmt sie nicht in Besitz; er geht durch diese Prozesse hindurch, aber er hält nichts fest; er handelt, aber eignet sich nicht an,

weil er keinen Anspruch auf irgendeinen Einfluß erhebt, deswegen kann ihm sein Verdienst nicht genommen werden."

Deswegen arrangiert der Weise seine Angelegenheiten mit einer anstrengungslosen Einstellung und übermittelt seine Lehren durch Schweigen.

Dann, im nächsten Kapitel, sagt Lao-tse: "Alles geschieht von selbst."

Unter den grundlegenden Lehren des Tao, gibt es diese eine, die besagt: "Alle Dinge geschehen von selbst." Da gibt es nichts, das unsere Anwesenheit erfordern würde, damit etwas notwendigerweise geschehen könnte. Alles findet statt, auch und sogar ohne uns. Schlaf kommt, ebenso Hunger, Geburt tritt ein, so auch der Tod; all dies geschieht ganz von selbst.

Aber wir nehmen gerne an, daß alles , was von selbst geschieht, von uns in Gang gesetzt worden sei. Folgt man Lao-tse, besteht die größte Selbsttäuschung des Menschen darin, daß er für sich selbst den Anspruch erhebt, der Verursacher all dessen zu sein, was geschieht. Alles das zu bewirken, was geschieht, ist größte Unwissenheit. Ebenso sagt Lao-tse auch nicht: "Du sollst nicht stehlen, begehe keinen Betrug." Er sagt: "Weder kannst du irgendetwas tun, noch kannst du irgendetwas lassen." Du kannst nur dann irgendetwas unterlassen, wenn du der Tuende bist. Wenn ich etwas getan habe, dann kann ich es auch lassen. Wenn ich nicht derjenige bin, der es tut, dann kann ich es auch nicht nicht tun. Es ist notwendig, dies gut zu verstehen, denn all die asketischen Konzepte des Verzichts und der Entsagung stehen im Widerspruch zu dieser Theorie des Lao-tse.

Wer Verzicht übt, glaubt, daß er entsagen kann. Lao-tse sagt: "Wenn du gar nichts tun kannst, dann kannst du ohne Frage auch nichts unterlassen." Er sagt: "Es gibt weder die Möglichkeit, Aktionen zu tun noch ebendiese Handlungen nicht zu tun." Die einzige Freiheit, die du hast, ist, der Tuende zu werden. Daß du nicht der Tuende sein mußt, sogar diese Freiheit hast du. Doch was immer geschehen soll, wird weiterhin passieren.

20.04.2005 um 03:19 Uhr

Südliches Blütenland XVII 11

von: tao

Hui Dsi war Premierminister von Liang.

Ihm war zugetragen worden, was er für Geheiminformation hielt,

daß Dschuang Dsi scharf sei auf seinen Posten,

und ein Komplott schmieden würde, um ihn aus dem Amt zu drängen.

Als dann Dschuang Dsi kam, um Liang zu besuchen,

sandte der Premierminister Polizei aus, ihn zu verhaften.

Aber obwohl sie drei Tage und Nächte suchten,

konnten sie ihn nicht finden.

In der Zwischenzeit präsentierte sich Dschuang Dsi

aus freier Entscheidung dem Hui Dsi, und sagte:

"Hast du von dem Vogel gehört,

der im Süden lebt -

der Phönix, der niemals altert ?

Dieser unsterbliche Phönix steigt auf aus dem Südmeer,

und fliegt zum Nordmeer,

ohne sich zur Rast niederzulassen, außer auf bestimmten heiligen Bäumen.

Er rührt keine Speise an,

es sei denn die exquisiteste seltenste Frucht,

und er trinkt nur von den reinsten Quellen.

Da war nun eine Eule,

die gerade an einer halb verwesten toten Ratte kaute,

die sah den Phönix, wie er ihr über ihr vorüberflog.

Sie schaute alarmiert nach oben,

schrie ihren Warnruf

und umkrallte fest die tote Ratte,

und zog sie an sich in Furcht und Entsetzen.

Premierminister,

warum bist du so rasend vor Verzweiflung,

klammerst dich an dein Ministeramt

und huhust mich an furchtsam und erschreckt ?"

18.04.2005 um 14:42 Uhr

Quellender Ursprung II 12

von: tao

Siang Dsi von Dschau ging auf die Jagd in das Zentralgebirge mit einem Gefolge von hunderttausend Mann. Er ließ die Wälder in Brand setzen, indem das hohe Gras angezündet wurde, und ließ die Flammen anfachen hundert Meilen weit.

Aus dem Inneren eines felsigen Steilabhangs kam ein Mann heraus, er schwebte mit dem Rauch und der Asche auf und nieder. Die Menge dachte, er sei ein Dämon. Als das Feuer vorbei war, kam er heraus und ging ganz lässig, als ob das Feuer, das er durchschritten hatte, gar nicht existiert hätte.

Siang Dsi von Dschau staunte, und ließ den Mann festnehmen. Er untersuchte ihn und nahm sich viel Zeit dafür. Nach seiner Körperform, seiner Hautfarbe und den sieben Löchern in seinem Kopf zu schließen, war er menschlich. Seine Atmung und seine Stimme war wie die eines Menschen. Er fragte den Mann, auf welche Weise er im Stein leben und durchs Feuer gehen würde.

"Was sind das für Sachen, die du Stein und Feuer nennst ?" sagte der Mann.

Siang Dsi sprach: "Das Ding, aus dem du gerade herausgekommen bist, war Stein; die Sache, durch die du gerade hindurchgegangen bist, war Feuer."

"Das wußte ich nicht", sagte der Mann.

Der Fürst Wen von We hörte davon und fragte den Dsi Hia: "Was für ein Mensch war das ?"

Dsi Hia sprach: "Nach dem, was ich meinen Meister sagen gehört habe, ist der Mensch, der in Harmonie ist, absolut dasselbe wie andere Dinge und kein Ding kann ihn verwunden oder ihm sonst etwas anhaben. Ob er nun durch Metall und Stein hindurchgeht, oder durch Wasser und Feuer wandelt, ihm ist alles möglich."

"Warum tust du selbst nicht dergleichen ?" sagte Fürst Wen.

Dsi Hia sprach: "Ich bin nicht fähig, mein Herz ganz aufzumachen und all das Wissen wegzuwerfen, das noch darin steckt. Ich kann jedoch dir alles sagen, was du darüber wissen willst."

"Warum tut es dann dein Meister nicht ?" fragte Fürst Wen.

Dsi Hia sprach: "Mein Meister ist jemand, der dazu imstande ist, es nicht zu tun, obwohl er es tun könnte."

Fürst Wen war entzückt über die Antwort.

18.04.2005 um 02:31 Uhr

Tao Te King 9 (1)

von: tao

"Es ist besser, einen Kessel ungefüllt zu lassen, als zu versuchen, ihn zu tragen, wenn er voll ist.

Wenn du immer wieder eine Spitze befühlst, die angespitzt worden ist, kann diese Spitze ihre Schärfe nicht lange bewahren.

Wenn Gold und Jade die Halle füllen, kann ihr Besitzer sie nicht sicher aufbewahren.

Wenn Reichtum und Ansehen zu Arroganz verleiten, bringt dies von selbst Unheil.

Wenn das Werk getan ist, und der eigene Name immer bekannter wird, sich dann in Unbekanntheit zurückzuziehen, ist der Weg zum Himmel."

Das Leben ist nicht schlichte Mathematik. Viel mehr ist das Leben ein Rätsel. Es ist auch nicht ein logisches Arrangement. Viel eher ist es ein Mysterium. Der Weg der Mathematik ist gerade und klar; Rätsel sind niemals geradeaus und durchschaubar. Die Lösung der Logik liegt schon verborgen in der Fragestellung. Logik führt niemals zu irgendetwas Neuem. Das Mysterium geht immer über sich hinaus.

Lao-tse untersucht in seinen Versen dieses Mysterium. Wir können dies auf zweierlei Weise verstehen. Wenn wir uns eine Person vorstellen, die einem Pfad folgt, der absolut geradeaus geht, können wir sehen, daß er niemals zum Anfangspunkt seiner Reise zurückkehren wird. Aber wenn sein Weg kreisförmig ist, muß er notwendigerweise zum dem Punkt zurückkehren, von wo aus er seine Reise begann. Ein zyklischer Weg führt zurück zum Beginn des Weges.

Logik glaubt, daß das Leben linear ist. Mysterium stellt dem seine Behauptung entgegen, daß das Leben zyklisch ist. Die Logik des westlichen Denkens, die das menschliche Bewußtsein so tiefgehend beeinflußt hat, sieht die Existenz nicht als zyklisches Phänomen. Im Osten, wo Anstrengungen unternommen worden sind, das Mysterium des Lebens zu verstehen, ob das nun Lao-tse, Buddha oder Krishna war, ist die Existenz schon immer in der Form eines Kreises gesehen worden. "Kreis" bedeutet, wir kehren zurück zum Anfangspunkt.

Deswegen ist die profane Welt als ein Rad beschrieben worden. Samsara bedeutet Rad. Das ist ein Kreis. Nichts in dieser Welt ist gerade, seien es nun die Jahreszeiten oder das Jahr selbst. Das Leben endet im Tod an genau dem Punkt, an dem es bei der Geburt begonnen hatte.

17.04.2005 um 00:41 Uhr

Goldene Blüte 5

von: tao

Meister Lü sagte: "Deine Entwicklung wird allmählich konzentriert und reif werden, aber bevor du den Zustand erreichst, in dem du sitzt wie ein morscher Baum vor einem steilen Abhang, gibt es immer noch viele Möglichkeiten des Irrens, auf dich ich dich gerne besonders aufmerksam machen würde. Diese Zustände werden nur dann erkannt, wenn sie schon persönlich erlebt worden sind. Zuerst würde ich gerne von den Fehlern sprechen und dann von den bestätigenden Anzeichen.

Wenn man damit beginnt, seine eigene Entscheidung in die Tat umzusetzen, muß dafür Sorge getragen werden, so daß sich alles in einer bequemen und entspannten Art und Weise entwickeln kann. Es darf nicht zuviel vom Herzen verlangt werden. Man muß darauf achten, daß, ganz automatisch, Herz und Energie im Gleichklang sind. Nur dann kann ein Zustand der ruhigen Gelassenheit erreicht werden. Während dieses ruhigen Zustands muß für die richtigen Bedingungen und das richtige Umfeld gesorgt werden. Man darf sich nicht hinsetzen (um zu meditieren) inmitten von oberflächlichen Affären. Das soll heißen, das Denken muß frei davon sein, sich zwanghaft mit nichtigen Gedanken zu beschäftigen. Alle Verwicklungen müssen beiseite gelegt werden; man muß losgelöst, unbeschwert und unabhängig sein. Doch dürfen die Gedanken auch nicht auf die richtige Vorgehensweise konzentriert werden. Diese Gefahr entsteht, wenn man sich zuviel Mühe gibt. Ich meine damit nicht, daß man sich keine Mühe geben soll, aber der korrekte Weg liegt darin, den gleichen Abstand zwischen Sein und Nichtsein zu halten. Wenn man Absichtslosigkeit absichtlich erreichen kann, dann hat man die Sache erfaßt. Nun kann man sich gehen lassen, losgelöst und ohne Verwirrung, auf eine unabhängige Art und Weise.

Weiterhin darf man nicht der verführerischen Welt zum Opfer fallen. Die verführerische Welt ist da, wo die fünf Arten von dunklen Dämonen sich herumtreiben. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn man, nachdem sich alles eingespielt hat, hauptsächlich nur Gedanken von trockenem Holz und toter Asche hat, und nur wenige Gedanken vom heiteren Frühling auf der großartigen Erde. Auf diese Weise sinkt man ein in die Welt des Dunklen. Dort ist die Energie kalt, das Atmen ist heftig, und viele Bilder von Kälte und Verfall drängen sich auf. Wenn man dort lange zögernd verweilt, kommt man in die Welt der Pflanzen und Steine.

Auch darf ein Mensch sich nicht von den zehntausend Verführungen in die Irre leiten lassen. Dies geschieht, wenn, nachdem der ruhige Zustand begonnen hat, plötzlich alle Arten von Bindungen und Verhaftungen eine nach der anderen auftauchen. Man möchte sich von ihnen losreißen und kann es nicht; man folgt ihnen,und fühlt sich dadurch, als wenn man erleichtert wäre. Dies bedeutet, der Meister ist der Diener geworden. Wenn ein Mensch auf dieser Stufe sich lange aufhält, kommt er in die Welt der illusorischen Sehnsüchte.

Am besten ist es, wenn man sich im Himmel wiederfindet, am schlechtesten, wenn man sich unter Fuchsgeistern befindet. Solch ein Fuchsgeist, das ist wahr, mag imstande sein, sich bei den berühmten Bergen herumzutreiben, den Wind und den Mond zu genießen, die Blüten und Früchte, und sein Vergnügen zu haben an den Korallenbäumen und dem Juwelengras. Aber wenn das vorbei ist, ist seine Belohnung erschöpft, und er wird wiedergeboren in der Welt des Aufruhrs und Durcheinander.

15.04.2005 um 13:41 Uhr

Tao Te King 4 (0)

von: tao

"Der Charakter von Tao:

Das Tao ist wie das Leersein eines Gefäßes; und wenn wir es verwenden, müssen wir uns hüten vor allem Vollsein. Wie tief und unergründlich es ist, als wenn es der geehrte Urahn aller Dinge wäre; (oder wie der Ursprung aller Dinge)."

Tao ist Leere, Leere wie die Leere im Inneren eines Kessels.

Wenn da nichts eingefüllt ist, nur dann ist Tao erreicht. Wenn das Bewußtsein leer ist, nur dann kommt die Erfahrung von Religion. Wenn das Individuum nicht mehr ist, wenn es sagen kann: "Ich bin nicht", nur dann kann es Tao kennenlernen. Je mehr ein Individuum mit seiner Individualität erfüllt ist, desto weniger wird es Tao fühlen und je leerer das Individuum ist, desto vollkommener wird die Manifestation von Tao sein.

Wenn es regnet, bleiben die Bergspitzen leer und unerfüllt, denn sie sind schon voll. Die Seen und die Aushöhlungen werden schnell gefüllt, denn sie sind leer. Der Regen macht keine Unterschiede. Er fällt gleichmäßig überall. Aber die Berge sind so übervoll mit sich selbst, daß da kein Raum mehr ist für irgendetwas anderes. Deswegen fließt alles Wasser in die Täler und die Seen. Dies scheint widersprüchlich - das, was voll ist, bleibt leer, wohingegen das, was leer ist, aufgefüllt wird. Der See hat nur eine Qualität - daß er leer ist, und die Berge haben nur einen Nachteil - daß sie voll sind.

Laotse sagt: "Religion ist wie ein leeres Gefäß." Tao ist ein andere Name für Religion, und wer Religion erlangen möchte, muß sich vor jeglicher Fülle hüten. Das ist etwas sehr eigenartiges - vor allen Arten des Ausgefülltseins. Es ist nicht nur so, daß wenn der Kessel mit Gold gefüllt ist, das ein Hindernis darstellen wird; wenn das Gefäß mit Wissen angefüllt ist, wird auch das eine Behinderung darstellen, wenn das Gefäß mit Entsagung und Verzicht gefüllt ist, wird auch dies die Ursache für Verhinderung sein. Was immer die Inhalte sind, es verursacht Verhinderung. Das Gefäß muß leer sein.

Aber in unserem Leben sind wir alle damit beschäftigt, uns selbst von allen Richtungen her aufzufüllen. Wir haben das Gefühl, das Leben ist ist nur dafür da, diesem Zweck zu dienen. Mit allen Mitteln, auf jedem Weg, versuchen wir voll und vollkommen zu sein.

14.04.2005 um 15:25 Uhr

Laotse 7

von: tao

Laotse war nicht traurig, wie Jesus,

er konnte lachen, er konnte aus dem Bauch heraus lachen.

Man sagt, daß er lachend geboren wurde.

Wenn Kinder geboren worden sind, weinen oder schreien sie normalerweise,

aber von ihm wird erzählt, daß er lachend geboren wurde.

Ein Mensch wie Laotse muß lachend geboren worden sein,

er ist nicht traurig wie Jesus -

er kann lachen, und das aus vollem Hals.

Aber in seinem Lachen schwingt ganz subtil immer eine Trauer mit, ein Mitgefühl -

ein Traurigsein über uns, über die ganze Existenz.

Sein Lachen ist nicht oberflächlich.

Zarathustra lacht, aber sein Lachen ist anders,

es enthält keine Trauer.

Laotse ist traurig wie Jesus und nicht traurig wie Jesus;

Laotse lacht wie Zarathustra,

und lacht nicht wie Zarathustra.

Seine Trauer enthält Heiterkeit

und sein Lachen beinhaltet Traurigkeit.

In Laotse begegnen sich die Gegensätze. Er ist eine Harmonie, eine Symphonie.

Mahavir ist zu mathematisch,

er hat keine Poesie des Seins,

er ist kein Mystiker.

Er mag großartig und erleuchtet sein, aber er ist wie eine weite Wüste:

man stößt auf keine einzige Oase in ihm.

Dasselbe gilt für Moses und Mohammed.

Sie gehören alle zur selben Kategorie:

Sie sind zu berechnend, zu extrem; ihnen fehlt die Gegensätzlichkeit.

Sie sind ein einziger Ton, keine Harmonie, keine Symphonie.

Ein einziger Ton hat seine Schönheit - eine karge Schönheit -

aber es ist monoton. Als Abwechslung so zwischendurch ist es in Ordnung,

aber wenn das immer so weitergeht, empfindet man Langeweile und würde gerne damit aufhören.

14.04.2005 um 12:11 Uhr

Tao Te King 22 (4)

von: tao

Ein logisches Muster ist ausgedacht

und dann soll das Leben da hineinpassen.

Wenn du das Gefühl hast, das Leben sei zu kurz dafür, dann dehnst du es;

wenn du das Gefühl hast, das Leben ist etwas zu lang dafür, dann verkürzt du es,

aber es muß genau in das logische Muster hineinpassen,

das sich dein Denken erträumt hat.

Wenn du in das Leben hineingehst, wirst du niemals irgendwo Logik wachsen sehen,

Logik ist bloß ein Albtraum im menschlichen Denken.

Bäume leben sehr unlogisch, Vögel leben ganz unlogisch,

Flüsse fließen äußerst unlogisch - sie folgen Laotse.

Tatsächlich existiert die ganze Existenz ohne jede Logik.

Es mag Poesie sein, aber es ist keine logische Schlußfolgerung -

daher ist es so schön.

Die logische Schlußfolgerung ist ein totes Phänomen.

Im wirklichen Leben kann man all die Gedichte wiederfinden,

die jemals von irgendeinem Dichter geschrieben worden sind -

da kann man Rilke und Novalis wiederfinden,

Shakespeare und Kafka nachvollziehen,

Ikkyu und Basho nachempfinden.

Wenn man sich auf das Leben einläßt,

kann man all die Gedichte nacherleben, die je gedichtet worden sind,

irgendwo leben sie, irgendwo wachsen sie, irgendwo kommen sie zur Blüte;

aber man kann nirgendwo eine logische Abhandlung finden,

ein Aristoteles ist nirgendwo zu sehen.

13.04.2005 um 14:04 Uhr

Tao Te King 22 (3)

von: tao

In der griechischen Mythologie gibt es eine sehr schöne Geschichte.

Die Geschichte handelt von einem Mann, dessen Name Prokrustes war.

Er muß wohl ein extrem logisch denkender Mensch gewesen sein.

Das griechische Denken ist logisch,

und diese Geschichte zeigt die ganze Bedeutung des griechischen Denkens.

Prokrustes war ein sehr großzügiger Mensch, aber auf logische Weise,

ein sehr reicher Mann, aber auf Logik fixiert.

Wie kann ein Mensch, der logisch denkt, sehr großzügig sein ?

Seine Großzügigkeit wird auch von seiner Logik vergiftet sein.

Er war reich, viele Gäste kamen zu Besuch,

aber kein Gast kehrte je zurück aus seinem Palast.

Was geschah mit den Gästen ?

Prokrustes hatte ein Bett aus Gold

ausgestattet mit wertvollen Edelsteinen, die überall eingelegt waren.

Es gab auf der ganzen Welt kein Bett, das wertvoller war.

Und das war das Bett, das als Gästebett verwendet wurde.

Immer wenn sich ein Gast auf das Bett zur Ruhe legte,

kam sogleich Prokrustes und nahm ihn in Augenschein.

Wenn der Gast etwas kürzer als das Bett war,

dann standen hierfür vier sehr starke Männer bereit, um den Gast von beiden Seiten her in die Länge zu ziehen,

so daß er der Länge des Bettes entsprach, und nicht zu kurz dafür war.

Natürlich überlebte der Gast diese Prozedur nicht....

Wenn der Gast länger war als das Bett, auch das kam manchmal vor,

dann ließ er dem Gast den Kopf oder die Füße abhacken.

Weil das Bett so wertvoll war, mußte der Gast genau in das Bett hineinpassen,

das Bett war nicht dazu da, um für den Gast passend zu sein.

Das ist es, worum sich alles in der Logik dreht:

Das Leben hat sich auf die Logik einzustimmen, nicht die Logik auf das Leben.

Logik existiert für sich selbst, das Leben hat sich der Logik anzupassen;

die Logik existiert nicht für das Leben, das Leben existiert für das logische Denken.

Kein Gast kam je lebend aus diesem Haus heraus.

Kein Gast kann je lebendig aus dem Haus des logischen Denkens herauskommen -

das ist der Sinn dieser Geschichte.

 

12.04.2005 um 02:02 Uhr

Tao Te King 22 (2)

von: tao

Das Denken hat eine Affinität zur Logik,

denn sie ist eine Kopfgeburt, vom Denken hergestellt.

Mit der Logik kann das Denken bleiben und sich halten, zuverlässig und sicher;

jeder Schritt im logischen Denken

stärkt das Denken immer weiter.

Leute, die denken, daß sie Gott mit Hilfe der Logik beweisen können,

sind also einfach töricht.

Gott kann nicht logisch bewiesen werden,

er kann nur durch Logik widerlegt werden.

Du kannst es versuchen; deine Logik mag oberflächlich gesehen irgendwie faszinierend sein,

aber wenn du dich eingehender damit befaßt, wirst du sicherlich Lücken finden.

Die Logik kann Tao nur verneinen, denn Tao ist ganzheitlich und paradox.

Wie kann man etwas Paradoxes mit Logik beweisen ?

Man muß schon die Ganzheit direkt sehen, indem man das Denken beiseite läßt.

Wenn du auf das Denken verzichten kannst,

hast du auf all das verzichtet, was wertlos ist.

Wenn du das Leben ohne zu denken beobachten kannst,

ist es plötzlich ein Segen:

Nichts hat je gefehlt und nichts war je verborgen,

alles war ein offenes Geheimnis -

nur du hattest dich hinter deiner Logik versteckt

und deine Wahrnehmung dadurch verschleiert.