Weil wir nicht verstehen wollen,
weil Erkennen schwierig und mühsam ist,
weil Verstehen Mut benötigt
und Erkennen Transformation braucht,
fallen wir einfach denen zum Opfer, die uns Regeln geben wollen.
Aber Regeln sind ein Ersatz, die kannst du leicht bekommen.
Du kannst dein Leben leicht zu einem disziplinierten Leben machen
aber das wird ein falsches Leben sein.
Du magst agieren, so tun, als ob, aber real kann dies nicht sein.
Es gibt eine jüdische Geschichte, die vielleicht dazu paßt.
Jesus muß sie schon gehört haben, denn sie ist älter als Jesus
und jeder kannte diese Geschichte in jenen Tagen.
Er muß sie von seiner Mutter, Maria gehört haben,
oder von seinem Vater, Josef.
Die Geschichte ist schön, auch wenn du sie vielleicht schon kennst.
Die Geschichte geht so:
Ein sogenannter weiser Mann, fast schon ein Rabbi...
Fast, denn obwohl er tatsächlich ein Rabbi war,
ist es schwierig, ein wirklicher Rabbi zu sein.
Ein wirklicher Rabbi zu sein würde bedeuten, du hast dich weiterentwickelt.
Tatsächlich war er bloß ein Priester, er hatte noch gar nichts verstanden.
Aber die Leute hatten sich von ihm das Bild gemacht, daß er ein weiser Mann sei.
Dieser Rabbi kam also nun zurück nach Hause von einem nahegelegenen Dorf.
Unterwegs sah er einen Mann, der einen schönen Vogel trug.
Er kaufte sich den Vogel und dachte so bei sich:
Wenn ich daheim bin, werde ich den Vogel essen, dieser Vogel ist schön.
Plötzlich sagte der Vogel: Denk nicht mal daran !
Der Rabbi bekam Angst und sagte:
Was, habe ich dich etwas sprechen gehört ?
Der Vogel sagte: Ja, und ich bin kein gewöhnlicher Vogel.
Ich bin auch fast so etwas wie ein Rabbi in der Welt der Vögel.
Und ich kann dir drei Ratschläge geben
wenn du versprichst, auf mich zu verzichten und mir die Freiheit zu schenken.
Der Rabbi sagte zu sich:
Dieser Vogel spricht. Er muß also jemand sein, der etwas weiß.
So treffen wir unsere Entscheidungen - wenn jemand gut reden kann, dann muß er wohl etwas zu sagen haben.
Das Sprechen ist so leicht, das Verstehen ist so schwer –
sie stehen in überhaupt keiner Beziehung zueinander.
Du kannst dich gewählt ausdrücken, ohne etwas zu wissen, du kannst wissen ohne darüber sprechen zu können.
Da gibt es keine Beziehung.
Aber für uns wird ein Redner zu einem Wissenden.
Der Rabbi sagte also: In Ordnung, gib mir die drei Ratschläge,
und ich werde dich freilassen.
Darauf der Vogel:
Erster Ratschlag – glaube niemals an irgendeine Absurdität,
wer auch immer sie behaupten sollte. Es mag ein großer Mann sen,
auf der ganzen Welt bekannt, mit Prestige, Macht, Autorität –
aber wenn er etwas Absurdes sagt, dann glaub ihm nicht.
Der Rabbi sagte: Richtig !
Der Vogel sagte: Dies ist mein zweiter Ratschlag –
was du auch immer tust, versuche niemals das Unmögliche,
denn dann wirst du der Verlierer sein.
Kenne also immer deine Grenze:
jemand, der seine Beschränkungen kennt, ist weise,
einer, der über sein Limit geht, wird zu einem Narren.
Der Rabbi nickte und sagte: Richtig !
""Und," sagte der Vogel, "dies ist mein dritter Ratschlag –
wenn du etwas Gutes tust, dann bereue es niemals,
bereue nur das, was schlecht ist."
Die Ratschläge waren wundervoll und schön, also wurde der Vogel freigelassen.
Glücklich ging der Rabbi nach Hause
und dachte so bei sich: Gutes Material für eine Predigt.
Nächste Woche in der Synagoge, wenn ich sprechen werde,
werde ich diese drei Ratschläge zum besten geben.
Und ich werde sie auf die Wand meines Hauses schreiben
und ich werde sie mir auf mein Pult schreiben, so daß ich sie mir merken kann.
Diese drei Regeln können einen Menschen verändern.
Dann sah er plötzlich den Vogel auf einem Baum sitzen
und der Vogel begann so laut zu lachen
daß der Rabbi sagte; Was ist los ?
Der Vogel sagte: Du Narr,
ich habe einen sehr wertvollenDiamanten in meinem Bauch.
Hättest du mich getötet,
wärest du der reichste Mann auf der ganzen Welt geworden.
Der Rabbi bereute zutiefst:
Ich bin wirklich dumm. Was habe ich nur getan, ich glaubte diesem Vogel.
Er ließ die Bücher fallen, die er bei sich trug
und begann den Baum hinaufzuklettern. Er war ein alter Mann
und noch nie in senem Leben war er schon einmal einen Baum hochgeklettert.
Und je höher er kletterte,
desto höher flog der Vogel, von Ast zu Ast.
Schließlich erreichte der Vogel die Baumspitze
und dann der alte Rabbi auch – und dann flog der Vogel weg.
Genau in dem Moment, als er nach dem Vogel griff, flog er weg.
Er griff ins Leere und fiel vom Baum hinunter;
er blutete und hatte sich beide Beine gebrochen,
er war halbtot.
Der Vogel setzte sich wieder auf einen unteren Ast und sagte:
Also, erstens hast du mir geglaubt,
daß ein Vogel einen wertvollen Diamanten in seinem Bauch haben kann.
Du Narr ! Hast du jemals schon von solch einer Absurdität gehört ?
Und dann versuchtest du das Unmögliche –
du bist noch nie auf einen Baum gestiegen. Und wenn ein Vogel freigelassen ist,
wie kannst du ihn dann mit deinen bkoßen Händen fangen, du Narr ?
Und dann bereutest du es bitterlich,
du hattest das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, wo du doch eigentlich eine gute Tat vollbracht hattest,
du hattest einem Vogel die Freiheit geschenkt !
Jetzt geh heim, wenn du kannst, und schreib dir deine Regel auf
und nächste Woche geh in die Synagoge, wenn du kannst, und predige sie den anderen.
Aber genau das ist das, was alle Prediger tun.
Es fehlt das Verstehen, sie tragen nur Regeln mit sich herum –
Regeln sind tot.