Taoistische Reflektionen

31.05.2005 um 02:57 Uhr

Südliches Blütenland XIX 13 (5)

von: tao

Regeln sind tote Gegenstände.

Verstehen hat kein Gewicht, das brauchst du nicht mit dir herumzutragen –

es trägt dich, es wird zu deinen Flügeln.

Es ist überhaupt kein Gewicht, du brauchst es nicht einmal im Gedächtnis zu behalten.

Wenn du eine Sache verstehst, mußt du dir das nicht mehr merken,

es geht dir in Mark und Bein über, du bist es.

Was auch immer du fortan tust, es wird durch dieses Verstehen getan werden;

es ist ein unbewußtes Phänomen geworden.

Regeln sind bewußt, Verstehen ist unbewußt,

und Dschuang Dsi ist immer auf seiten des Unbewußten.

Die ganze Tradition des Tao ist für das Unbewußte.

Erzwinge keine Regeln, versuche bloß die Dinge zu verstehen.

Wenn du dir selbst Regeln aufzwingst,

wirst du nicht das Tao verstehen,

du wirst innerlich unwissend bleiben, bloß von außen schön verziert.

Jesus pflegte zu sagen: Ich schaue euch an

und ich fühle, daß ihr wie Gräber seid, weiß getüncht –

innen tot, außen eine weiß angestrichene Wand.

Das mag schön und sauber aussehen,

all deine Regeln können dir eine äußerliche Reinlichkeit geben,

aber innerlich bleibst du der alte Narr.

Und nur Narren folgen Regeln;

ein weiser Mensch versucht zu verstehen und die Regeln zu vergessen.

Ein weiser Mensch genießt Bewegungsfreiheit; ein Mensch, der Regeln hat, kann nicht beweglich sein,

er muß immer der Regel folgen.

 

30.05.2005 um 03:05 Uhr

Südliches Blütenland XIX 13 (4)

von: tao

Weil wir nicht verstehen wollen,

weil Erkennen schwierig und mühsam ist,

weil Verstehen Mut benötigt

und Erkennen Transformation braucht,

fallen wir einfach denen zum Opfer, die uns Regeln geben wollen.

Aber Regeln sind ein Ersatz, die kannst du leicht bekommen.

Du kannst dein Leben leicht zu einem disziplinierten Leben machen

aber das wird ein falsches Leben sein.

Du magst agieren, so tun, als ob, aber real kann dies nicht sein.

Es gibt eine jüdische Geschichte, die vielleicht dazu paßt.

Jesus muß sie schon gehört haben, denn sie ist älter als Jesus

und jeder kannte diese Geschichte in jenen Tagen.

Er muß sie von seiner Mutter, Maria gehört haben,

oder von seinem Vater, Josef.

Die Geschichte ist schön, auch wenn du sie vielleicht schon kennst.

Die Geschichte geht so:

Ein sogenannter weiser Mann, fast schon ein Rabbi...

Fast, denn obwohl er tatsächlich ein Rabbi war,

ist es schwierig, ein wirklicher Rabbi zu sein.

Ein wirklicher Rabbi zu sein würde bedeuten, du hast dich weiterentwickelt.

Tatsächlich war er bloß ein Priester, er hatte noch gar nichts verstanden.

Aber die Leute hatten sich von ihm das Bild gemacht, daß er ein weiser Mann sei.

Dieser Rabbi kam also nun zurück nach Hause von einem nahegelegenen Dorf.

Unterwegs sah er einen Mann, der einen schönen Vogel trug.

Er kaufte sich den Vogel und dachte so bei sich:

Wenn ich daheim bin, werde ich den Vogel essen, dieser Vogel ist schön.

Plötzlich sagte der Vogel: Denk nicht mal daran !

Der Rabbi bekam Angst und sagte:

Was, habe ich dich etwas sprechen gehört ?

Der Vogel sagte: Ja, und ich bin kein gewöhnlicher Vogel.

Ich bin auch fast so etwas wie ein Rabbi in der Welt der Vögel.

Und ich kann dir drei Ratschläge geben

wenn du versprichst, auf mich zu verzichten und mir die Freiheit zu schenken.

Der Rabbi sagte zu sich:

Dieser Vogel spricht. Er muß also jemand sein, der etwas weiß.

So treffen wir unsere Entscheidungen - wenn jemand gut reden kann, dann muß er wohl etwas zu sagen haben.

Das Sprechen ist so leicht, das Verstehen ist so schwer –

sie stehen in überhaupt keiner Beziehung zueinander.

Du kannst dich gewählt ausdrücken, ohne etwas zu wissen, du kannst wissen ohne darüber sprechen zu können.

Da gibt es keine Beziehung.

Aber für uns wird ein Redner zu einem Wissenden.

Der Rabbi sagte also: In Ordnung, gib mir die drei Ratschläge,

und ich werde dich freilassen.

Darauf der Vogel:

Erster Ratschlag – glaube niemals an irgendeine Absurdität,

wer auch immer sie behaupten sollte. Es mag ein großer Mann sen,

auf der ganzen Welt bekannt, mit Prestige, Macht, Autorität –

aber wenn er etwas Absurdes sagt, dann glaub ihm nicht.

Der Rabbi sagte: Richtig !

Der Vogel sagte: Dies ist mein zweiter Ratschlag –

was du auch immer tust, versuche niemals das Unmögliche,

denn dann wirst du der Verlierer sein.

Kenne also immer deine Grenze:

jemand, der seine Beschränkungen kennt, ist weise,

einer, der über sein Limit geht, wird zu einem Narren.

Der Rabbi nickte und sagte: Richtig !

""Und," sagte der Vogel, "dies ist mein dritter Ratschlag –

wenn du etwas Gutes tust, dann bereue es niemals,

bereue nur das, was schlecht ist."

Die Ratschläge waren wundervoll und schön, also wurde der Vogel freigelassen.

Glücklich ging der Rabbi nach Hause

und dachte so bei sich: Gutes Material für eine Predigt.

Nächste Woche in der Synagoge, wenn ich sprechen werde,

werde ich diese drei Ratschläge zum besten geben.

Und ich werde sie auf die Wand meines Hauses schreiben

und ich werde sie mir auf mein Pult schreiben, so daß ich sie mir merken kann.

Diese drei Regeln können einen Menschen verändern.

Dann sah er plötzlich den Vogel auf einem Baum sitzen

und der Vogel begann so laut zu lachen

daß der Rabbi sagte; Was ist los ?

Der Vogel sagte: Du Narr,

ich habe einen sehr wertvollenDiamanten in meinem Bauch.

Hättest du mich getötet,

wärest du der reichste Mann auf der ganzen Welt geworden.

Der Rabbi bereute zutiefst:

Ich bin wirklich dumm. Was habe ich nur getan, ich glaubte diesem Vogel.

Er ließ die Bücher fallen, die er bei sich trug

und begann den Baum hinaufzuklettern. Er war ein alter Mann

und noch nie in senem Leben war er schon einmal einen Baum hochgeklettert.

Und je höher er kletterte,

desto höher flog der Vogel, von Ast zu Ast.

Schließlich erreichte der Vogel die Baumspitze

und dann der alte Rabbi auch – und dann flog der Vogel weg.

Genau in dem Moment, als er nach dem Vogel griff, flog er weg.

Er griff ins Leere und fiel vom Baum hinunter;

er blutete und hatte sich beide Beine gebrochen,

er war halbtot.

Der Vogel setzte sich wieder auf einen unteren Ast und sagte:

Also, erstens hast du mir geglaubt,

daß ein Vogel einen wertvollen Diamanten in seinem Bauch haben kann.

Du Narr ! Hast du jemals schon von solch einer Absurdität gehört ?

Und dann versuchtest du das Unmögliche –

du bist noch nie auf einen Baum gestiegen. Und wenn ein Vogel freigelassen ist,

wie kannst du ihn dann mit deinen bkoßen Händen fangen, du Narr ?

Und dann bereutest du es bitterlich,

du hattest das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, wo du doch eigentlich eine gute Tat vollbracht hattest,

du hattest einem Vogel die Freiheit geschenkt !

Jetzt geh heim, wenn du kannst, und schreib dir deine Regel auf

und nächste Woche geh in die Synagoge, wenn du kannst, und predige sie den anderen.

Aber genau das ist das, was alle Prediger tun.

Es fehlt das Verstehen, sie tragen nur Regeln mit sich herum –

Regeln sind tot.

29.05.2005 um 03:37 Uhr

Tao Te King 11 (1)

von: tao

"Die dreißig Speichen vereinen die eine Nabe; aber es ist die Achse, von der der Gebrauch des Rades abhängt.

Lehm wird zu Gefäßen geformt; aber es ist deren leere Hohlheit, von der ihre Verwendung abhängig ist.

Die Türen und Fenster werden aus den Wänden geschlagen, um ein Apartment zu gestalten, aber es liegt an diesem leeren Freiraum, von dem der Nutzen kommt.

Deswegen, was eine (positive) Existenz hat, dient der profitablen Adaptation, und was dies nicht hat, dient der (tatsächlichen) Nützlichkeit."

Wer das Leben oberflächlich betrachtet und seinen äußerlichsten Aspekt für alles hält, dem bleibt es versagt, die Nützlichkeit der Leere zu sehen. Wer sich nur auf die Vernünftigkeit beschränkt und sich nicht in die Tiefen des Denkens wagt, kann die Tatsache nicht begreifen, daß die Existenz von dem, was nicht da ist, unterstützt wird.

Wer in der Begrifflichkeit der Mathematik denkt, dem erscheint das Leben positiv. Aber die Positivität des Lebens könnte keinen Moment lang existieren, wenn sein negativer Aspekt nicht da wäre. Dies können sie nicht sehen.

Vielleicht helfen Beispiele, dies zu verstehen:

Einer der Grundsätze von Lao-tse ist, daß das Leben auf der Herrschaft der Gegensätze gegründet ist. Das Leben steht nicht im Gegensatz zu seinen Widersprüchen. Vielmehr wirkt es in Kollaboration mit seinen Gegenkräften. Gewöhnlich stellt man sich vor, daß wenn dein Feind stirbt, du ein glücklicherer Mensch sein wirst, aber was man dann nicht weiß, ist, daß mit dem Tod deines Feindes etwas in dir auch stirbt, was nur wegen dieses Feindes existiert hatte. Deswegen geschieht es oftmals, daß du viel mehr durch den Tod eines Feindes verlierst, als durch den Tod eines Freundes. Die Opposition des Feindes weckt die Herausforderung in dir, und die gegenseitige Feindseligkeit läßt diejenigen Qualitäten in dir entstehen und nährt sie auch, die ansonsten latent geblieben wären und weitergeschlafen hätten.

Darum hat Lao-tse gesagt: "Ein Freund kann jeder für dich sein, aber deine Feinde solltest du weise auswählen." Freunde beeinflussen unser Leben nicht so sehr, wie es Feinde tun, denn einen Freund kann man vernachlässigen, aber man kann es sich nicht leisten, einen Feind zu ignorieren. Und doch dämmert es uns so gut wie nie, daß ein Feind so unser Leben beeinflussen kann. Mahatma Gandhi wäre niemals zu einem Mahatma geworden, hätte es nicht die Engländer gegeben. Es war die Opposition zur britischen Herrschaft, die ihn Mahatma Gandhi werden ließ.

28.05.2005 um 02:03 Uhr

Südliches Blütenland XIX 13 (3)

von: tao

Kein verstehender Mensch kann strikt Regeln befolgen.

Nur Leute, die schon tot sind, befolgen strikt Regeln,

denn keine Regel ist wirklich für dich gemacht, du bist deine eigene Regel.

Verstehe, lerne von anderen, doch nur, um deine eigene Regel zu finden,

aber dränge niemals diese Regel jemand anderem auf –

niemals, das ist nämlich gewalttätig.

Unsere hochangesehenen Priester und Politiker zwingen ständig anderen Regeln auf,

denn durch die Regeln töten und zerstören sie,

und sie genießen diese Gewalttätigkeit.

Ihre Gewalt ist sehr subtil, sie töten dich nicht selbst, nicht direkt,

sie töten dich ganz indirekt.

Wenn dich jemand direkt attackiert, kannst du dich verteidigen.

Wenn dich aber jemand indirekt angreift – dir zuliebe, um deinetwillen –

dann wirst du komplett zum Opfer,

du kannst dich nicht einmal verteidigen.

Viele Gurus, geistliche Führer und Startherapeuten sind nichts als Gewalt,

aber ihre Gewalttätigkeit ist subtil.

Immer wenn du also in die Nähe eines Menschen kommst,

der seine Regeln deinem Leben auferlegen möchte,

dir einen fertigen festen Rahmen verpassen möchte,

dir ein Fenster geben möchte, durch das hindurch du die Wahrheit sehen kannst,

ergreif die Flucht. Es besteht höchste Gefahr.

Wäre er wirklich ein Freund, würde er dir kein Fenster geben wollen,

durch das du angeblich die Wahrheit betrachten kannst,

er würde dich herausbringen, unter den offenen Himmel.

Er würde dir kein Muster geben, nach dem du leben sollst,

er würde dir einfach das Gefühl dafür geben, das Verstehen,

und Verstehen würde dir helfen, in Bewegung zu kommen;

Verstehen ist frei, muß frei sein, nur dann ist es dein Verstehen.

27.05.2005 um 01:35 Uhr

Quellender Urgrund I 9 (1)

von: tao

"Jemand fragte Liä Dsi:

"Warum legst du soviel Wert auf Leere ?

Im Leersein gibt es doch keine Bewertung."

Liä Dsi sagte

"Um Wertschätzung geht es nicht.

Das beste ist: Sei still, sei leer.

In der Stille und in der Leere

finden wir unsere Bleibe;

im Nehmen und im Geben

verlieren wir wieder diesen Zufluchtsort.""

Die Wahrheit gibt es nur einmal – das kann nicht anders sein, denn die Existenz ist ein Universum, sie ist kein "Multiversum". Sie ist eins. Da hängt alles zusammen. Es ist ein einziger Zusammenhang. Es ist ein Kosmos. Das, was das Universum zusammenhängen läßt, der Klebstoff, der alles fest zusammenhält, ist das, was wir Wahrheit nennen, oder Tao, oder auch Gott. Tao ist keine Person, auch Gott ist keine Person, sondern die Einheit, die alles durchzieht, wie ein Draht, der durch eine Girlande läuft. Das Universum ist kein Haufen von Dingen, die Inseln gleich getrennt und individuell sind. Nein, das Universum ist eins, zusammen und etwas hält es zusammen...es fällt nicht auseinander. Das, was es zusammenhält, ist Tao.

Aber die Menschen können sich dieser Wahrheit auf zweierlei Weise annähern. Um diese zwei Wege geht es. Die Wahrheit ist eins, aber es gibt zwei Wege. Der erste Weg ist via affirmativa, der positive Weg, der Weg des Jasagers, der Weg der hingebungsvollen Verehrung. Jesus, Mohammed, Krishna – sie folgten dem Weg der Affirmation. Der Weg der Bejahung bedeutet der Weg der Anstrengung, der großen Anstrengung: man versucht, Gott zu erreichen, man muß alle nur möglichen Anstrengungen auf sich nehmen, man muß das äußerste leisten, man muß sich selbst aufs Spiel setzen. In neuerer Zeit folgten Gurdjieff und Ramakrishna dem Weg der Positivität, dem Weg der Bejahung.

Der andere Weg ist via negativa, er geht durch die Negation, durch das "Nein". Lao-tse, Buddha, Nagarjuna - sie folgten dem Weg der Negation. In neuerer Zeit folgten Ramana Maharshi und J. Krishnamurti dem Weg des "Nein".

26.05.2005 um 02:28 Uhr

Südliches Blütenland II 4 (1)

von: tao

Das Gesetz von den drei am Morgen.

Dschuang Dsi liebte diese Geschichte sehr.

Er hat sie oft erzählt.

Sie ist schön, mit vielen Bedeutungsebenen.

Offensichtlich ganz einfach gehalten,

aber dennoch in tiefgründiger Weise bezeichnend für das menschliche Denken.

Das menschliche Denken ist affig.

Es war nicht Darwin, der entdeckt hat, daß der Mensch von den Affen abstammt.

Das ist schon seit alters eine feststehende Beobachtung gewesen

daß das menschliche Denken sich in den gleichen Mustern bewegt

wie das Denken des Affen.

Nur selten kommt es vor

daß wir unser Affigsein transzendieren.

Wenn das Denken still wird, wenn das Denken schweigt,

wenn es wirklich gar kein Denken mehr gibt,

transzendieren wir das Affendenkmuster.

Was ist dieses Affendenkmuster ?

Es ist niemals still.

Und bevor wir nicht still sind, können wir die Wahrheit nicht sehen.

Wir schwanken und zittern so sehr, daß wir nichts sehen können.

So ist eine klare Sicht, eine direkte Wahrnehmung unmöglich.

25.05.2005 um 01:14 Uhr

Südliches Blütenland XIX 13 (2)

von: tao

Jedermann ist beladen mit Regeln,

jede Religion wird nichts als Regeln.

Weil Jesus es erreicht hatte, weil Buddha angekommen war,

wurde ihr Leben eine Regel, der jeder andere folgen sollte.

Aber kein anderer ist ein Gautama Buddha;

niemand sonst ist ein Jesus Christus.

Du kannst also höchstens ein dekoriertes Abziehbild werden,

aber du wirst niemals dein authentisches Selbst werden.

Wenn du Jesus zu sehr folgst,

wirst du ein Christ werden, aber niemals ein Christus,

und das ist die Gefahr.

Ein Christ zu werden und Christus zu verpassen, das ist es nicht wert.

Du kannst Christus werden, aber dann kann Jesus nicht dein Maßstab sein,

nur dein eigenes Verstehen wird das Gesetz sein.

Jesus folgte niemandem.

Er hatte einen Meister, Johannes den Täufer,

aber er folgte niemals irgendeiner Regel.

Er spürte etwas in seiner Nähe, er blieb bei Johannes,

er sah sein Feuer, er nahm es in sich auf,

er wurde von Johannes getauft,

aber er befolgte niemals irgendwelche Regeln.

Andere Jünger von Johannes wandten sich gegen Jesus. Sie sagten zu Johannes:

Dieser Mann hat dich betrogen. Er geht schon längst seinen eigenen Weg,

er befolgt nicht strikt die Regeln.

24.05.2005 um 14:25 Uhr

Tao Te King 41 (1)

von: tao

"Über die Qualitäten des Taoisten

Wenn der höchste Menschentyp vom Tao (die Wahrheit) hört,

dann setzt er alles daran, in Übereinstimmung damit zu leben,

wenn der Durchschnittstyp vom Tao hört,

scheint er es zu registrieren und doch nicht zu verstehen.

Wenn der unterentwickeltste Typ vom Tao hört,

bricht er in lautes Gelächter aus –

es wäre nicht Tao, würde nicht darüber gelacht werden.

Deswegen gibt es den altbekannten Spruch:

"Wer das Tao versteht, scheint schwer von Begriff zu sein;

wer fortgeschritten ist im Tao, scheint sich zurückzuentwickeln;

wer auf dem immer gleichen Tao (Pfad) geht, scheint auf- und abzusteigen."

Hochentwickelter Charakter erscheint hohl wie ein Tal;

bloßes Weiß sieht aus wie vergilbt;

großartiger Charakter erscheint wie unzureichend;

solider Charakter erscheint wie kraftlos;

würdevolle Makellosigkeit erscheint wie korrumpiert."

Die Menschheit ist ein Mythos,

so etwas gibt es nicht.

Es gibt soviele Menschheiten, wie es Menschen gibt,

da gibt es nicht nur einen Typus.

Jeder Mensch ist so verschieden von jedem anderen,

daß es eine Menschheit nicht gibt.

Sie ist bloß ein Wort, eine Abstraktion.

 

 

 

 

 

22.05.2005 um 20:36 Uhr

Südliches Blütenland XIX 13 (1)

von: tao

Es gibt keine menschliche Natur an sich – es gibt menschliche Naturen.

Jedes Individuum ist sich selbst ein Universum,

man kann keine allgemeine Regeln aufstellen.

Alle generellen Regeln sind falsch.

Dies ist sehr wichtig, denn auf diesem Weg

ist es sehr gut möglich, daß du damit beginnst, Regeln zu folgen,

und bist du erst einmal Regeln zum Opfer gefallen,

wirst du niemals zu der Erkenntnis kommen, wer du bist.

Du kannst dich selbst nur in totaler Freiheit kennenlernen –

und Regeln sind Gefängnisse.

Sie sind deswegen Gefängnisse, weil kein anderer für dich Regeln aufstellen kann;

er mag die Wahrheit ja entdeckt haben durch diese Regeln,

aber die galten für ihn.

Die Natur ist unterschiedlich –

sie halfen ihm, aber dir werden sie nicht helfen;

im Gegenteil, sie werden dich behindern.

Laß also Verstehen die einzige Regel sein.

Lerne, wachse im Verstehen, aber folge keinen Regeln.

Regeln sind tot, Verstehen ist lebendig;

Regeln werden zur Gefangenschaft,

Verstehen wird dir den grenzenlosen Himmel geben.

21.05.2005 um 15:57 Uhr

Tao 5

von: tao

Wenn du um der Harmonie willen immer nachgibst, dann fehlt schon von Anfang an die Harmonie. Wenn du also deiner Frau nachgibst, wird sie dir niemals vergeben, wenn du deinem Mann nachgibst, wird er dir niemals vergeben, denn dein ganzes Wesen wird vor Antagonismus vibrieren. Du wirst etwas in Worten sagen, es wird ein Lippenbekenntnis sein, denn dein Wesen wird es verneinen, es wird dem widersprechen. Und genau das wird ständig ausgesendet werden - von deinen Augen, von deinem Gesicht, von deiner Körpersprache, von allem. Deine Worte können das nicht verbergen.

So kann also nichts erreicht werden. Du gibst nach, du verlierst deine innere Harmonie, aber dadurch wird keine äußere Harmonie erschaffen. Äußere Harmonie kommt nur, wenn eine innere Harmonie vorhanden ist. Wenn du wütend bist, dann sei wütend, so total wütend. Riskiere alles. Dann wirst du in Harmonie sein. Und, das wird schwierig zu verstehen sein, aber trotzdem: Wenn du wirklich wütend auf deine Frau bist, wird sie glücklich sein, glücklicher, als wenn du nachgibst, weil du authentisch bist. Wer liebt keinen Menschen, der authentisch ist ? Dann kann sie dir vertrauen, wenn du wütend bist, bist du wütend, du bist nicht falsch, du bist nicht pseudo. Und wenn du wirklich liebst, dann liebst du, du bist nicht falsch, du bist nicht pseudo. Jetzt bist du verläßlich.

Ansonsten wird sie sogar dann, wenn ihr euch liebt, das Gefühl haben, daß sie sich nicht auf dich verlassen kann. Vielleicht denkst du ja währenddessen daran, wie du eine andere Frau liebst, oder zumindest denkst du dabei an irgendeine andere Frau. Diese reale Frau spielt in deiner Vorstellungswelt vielleicht überhaupt keine Rolle. Du machst Liebe mit dieser Frau, denkst vielleicht dabei an andere Frauen und wirst dann eigentlich gar nicht da sein, das ist zu spüren und es wird weh tun – denn die ganze Zeit über weiß die Frau, daß du unaufrichtig bist. Wenn du lächelst, dann lächelst du eigentlich gar nicht, wenn du sagst "Ich liebe dich", dann sagst du das nicht wirklich. Du gibst immer nur nach um der Harmonie willen. Du bist nicht ehrlich. Aber wenn du nicht in dir selbst in Harmonie bist, wie kannst du dann in Harmonie sein mit deiner Frau, mit deinem Freund, mit deinem Mann, mit deiner Freundin, mit irgendjemandem ? Sei zuerst in Harmonie mit dir selbst – das heißt, lasse alles zu, was es auch immer sein mag.

Das ist die neue Revolution, die sich auf der ganzen Welt abspielt, die neue Psychologie des Menschen. Die Tage der Repression sind vorbei, diese unterdrückten Leute sind weg vom Fenster.

21.05.2005 um 03:36 Uhr

Quellender Urgrund 2/4

von: tao

"Wie macht es der wahre Mensch des Tao,

daß er ungehindert durch Wände geht

und im Feuer steht, ohne verbrannt zu werden ?

Nicht weil er schlau ist oder es sich traut,

nicht weil er es gelernt hat –

sondern weil er verlernt hat.

Seine Natur sinkt zu ihrer Wurzel

in das Eine.

Seine Vitalität, seine Kraft

verbergen sich im geheimen Tao.

Wenn er ganz eins ist,

gibt es keinen Spalt in ihm

durch den ein Keil eindringen kann.

So hat ein Betrunkener, der aus einem Wagen herausfällt,

zwar Schrammen, aber er ist nicht ernstlich verletzt.

Seine Knochen sind wie die Knochen anderer Menschen,

aber er fällt anders.

Sein Geist ist ganzheitlich.

Er hat es gar nicht gemerkt, daß er in einen Wagen hineingekommen ist,

und es war ihm nicht bewußt, daß er aus ihm hinausgefallen ist.

Leben und Tod bedeuten ihm nichts in seinem Zustand.

Er kennt keinen Alarmzustand mehr,

er begegnet Hindernissen gedankenlos und sorglos,

und überwindet sie, ohne zu wissen, daß sie überhaupt da sind.

Wenn schon im Wein solche Sicherheit liegt,

wieviel mehr im Tao ?

Der weise Mensch ist im Tao verborgen.

Nichts kann ihn anrühren."

20.05.2005 um 02:54 Uhr

Tao 4

von: tao

Wenn Konflikt dein Ding ist, dann laß das so sein. Dann versuche nicht, dies durch irgendeine falsche Harmonie zu überdecken, denn falsche Harmonie wird niemals wahr sein, sie wird niemals zufriedenstellend sein. Sie ist häßlich. Ein wahrer Konflikt ist schön – schöner, viel schöner als eine aufgesetzte Harmonie, denn unter der Oberfläche geht der Konflikt weiter. Du kannst niemanden täuschen, du denkst nur, daß du den anderen etwas vormachen kannst. Die Wirklichkeit kann nicht getäuscht werden und du mußt die Konsequenzen erleiden.

Wenn also Konflikt dein Anliegen ist, dann lass es so sein. Das ist die Botschaft von Tao. Tao hat nichts mit Harmonie zu tun, es geht um das Loslassen. Wenn Konflikt dein Bestreben ist und du dies zuläßt, dann ist das für dich Harmonie – denn du wirst dann in Harmonie mit deiner Natur sein.

Das ist schwierig, denn wir machen uns sofort Idealvorstellungen. Dann denken wir, Tao sei Harmonie. Es ist Harmonie, aber nicht als ein Ideal. Wenn du entspannst und dein Ding tust – was es auch immer ist, was auch immer, dann bist du in Harmonie.

Du solltest dir also nichts auferlegen, ansonsten verfehlst du den Weg des Tao.

Was auch immer geschieht, geschieht. Was kannst du tun ? Selbst der Konflikt muß mit großem Respekt akzeptiert werden. Du würdest gerne ohne Konflikt auskommen, aber diese Auswahl, dieses lieber wollen, ist dein Ego. Wenn die Existenz den Konflikt haben möchte, dann muß das eben so sein. Entspanne und laß den Konflikt da sein.

Auf dem Weg des Tao zu gehen, heißt entspannt zu gehen. Was auch immer geschieht, es sollte immer total akzeptiert werden – sowohl die Handlung als auch die Konsequenz. Wenn der Konflikt Unglück bringt, dann muß auch das akzeptiert werden. Du mußt mit dem Fluß fließen, wo immer er hinführt. Wenn er gen Süden geht, gut; wenn er nach Norden geht, auch gut; wenn er nirgendwo hingeht, gut; wenn er dich überschwemmt, auch gut. Das ist totales Vertrauen.

Wenn du immer nachgibst, heißt das nicht, daß du damit losläßt. Wenn du nachgibst, gibst du nach gegen dich selbst. Gib niemals nach. Das braucht es nicht. Es ist besser, besiegt zu werden, es ist besser, verflucht zu werden, als nachzugeben. "Nachgeben" bedeutet, daß du widerstrebend bist, aber es trotzdem tust – um der Harmonie willen.

19.05.2005 um 03:37 Uhr

Tao Te King 7 (1)

von: tao

"Leben für andere:

Der Himmel ist lang andauernd und die Erde bleibt auch lange.

Der Grund, warum Himmel und Erde imstande sind, so lange anzudauern und so lange zu bleiben ist folgender:

Weil sie nicht aus sich selbst leben und weil sie nicht für sich selbst leben.

Auf diese Weise können sie so beharrlich und dauerhaft existieren.

Deswegen setzt der Weise seine Person an die letzte Stelle,

und doch wird sie dann am vordersten Platz zu finden sein,

er behandelt seine Person, als wenn sie ihm fremd wäre; und doch ist diese Person behütet.

Ist es nicht deswegen, weil er keine privaten und persönlichen Ziele hat, daß solche Ziele verwirklicht werden ?"

Es gibt zwei Existenzweisen.

Der eine Weg ist, so zu leben, als ob ich das Zentrum des gesamten Universums bin. So zu leben, als wenn die ganze Welt für mich erschaffen worden wäre; als wenn ich Gott bin und die ganze Welt mir dienstbar wäre. Dies ist eine Art zu leben. Der zweite Weg ist genau das Gegenteil davon: So zu leben, als wenn ich niemals das Zentrum das Universums wäre, ich bin vielmehr ein Punkt an seiner Peripherie. Zu leben, als wenn die ganze Welt Gott ist und ich bin bloß sein Diener.

Diese zwei Lebensweisen stellen den Unterschied zwischen einem religiösen und einem nicht religiösen Menschen dar. Der irreligiöse Mensch betrachtet sich selbst als Gott und die ganze Welt als seinen Diener. Er lebt, als wenn die Welt nur für seine Ausbeutung geschaffen worden ist. Ein religiöser Mensch lebt ganz konträr dazu – als wenn es ihn nicht gäbe. Die Welt ist, er ist nicht.

Diese zwei Lebenswege zeitigen zwei verschiedene Resultate.

Lao-tse sagt: "Himmel und Erde sind lang andauernd" – ewig. Ihre Lebensspanne ist sehr lange. Was ist der Grund, warum sie so lange existieren ? Es ist weil sie nicht für sich selbst existieren. Je mehr ein Mensch für sich selbst lebt, desto angespannter wird er. Sein Leben ist voll von Angst, Stress und Beklemmung, und dies wird wiederum sein Leben verkürzen. Ängstlichkeit verkürzt das Leben, sie schwächt. Je weniger ein Mensch für sich selbst lebt, desto freier, unbelasteter, gelassener und entspannter wird er sein.

17.05.2005 um 23:00 Uhr

Tao 3

von: tao

Glückseligkeit geschieht

aus totaler Frustration heraus.

Warum totale Enttäuschung ?

Wenn du immer noch die Hoffnung hegst,

daß Glücklichsein möglich ist

in dieser Welt –

und mit dieser Welt ist nicht die Welt der Bäume und der Vögel und des Himmels gemeint,

mit dieser Welt

ist unser Denken gemeint, dieses Denken,

dieses egozentrische Denken –

wenn du immer noch hoffst,

vielleicht hat es schon viele Frustrationen gegeben,

aber trotzdem hält sich noch hartnäckig eine Hoffnung,

daß eines Tages irgendwo in der Zukunft,

mit diesem Denken, daß du bekommen hast,

mit diesem Ego,

Glück möglich ist, dann wird sich Glückseligkeit nicht ereignen.

Glückseligkeit geschieht nur, wenn du zu der Erkenntnis gelangst,

daß mit diesem Denken kein Glücklichsein möglich ist,

eine absolute Realisierung der Tatsache,

daß dieses Denken sich kreisförmig bewegt.

Es wird niemals das werden,

was du suchst,

es wird niemals segensreich werden,

es wird sich niemals wohltätig auswirken.

Wenn du dies total realisierst,

fällt das Denken plötzlich weg !

Ohne Hoffnungen,

wie kannst du noch daran festhalten ?

Und Achtung: Das Denken hält sich nicht an dir fest,

du klammerst dich an dein Denken.

Wie kann sich ein unbelebtes Ding wie das Denken an dir festhalten ?

Du klammerst dich an das Denken, weil noch Hoffnung besteht !

17.05.2005 um 03:09 Uhr

Südliches Blütenland II 4

von: tao

"Was ist dieses Drei am Morgen ?

Dabei geht es um einem Affentrainer,

der ging zu seinen Affen und sagte ihnen:

"Was eure Kastanien angehtm

so werdet ihr drei Maß am Morgen kriegen,

und vier am Nachmittag."

Als sie das hörten, wurden die Affen wütend.

Also sagte der Wärter:

"Na gut dann,

ich werde es ändern

in vier Maß am Morgen,

und drei am Nachmittag."

Die Tiere waren mit diesem Arrangement zufrieden.

Die zwei Anordnungen waren sich gleich -

die Anzahl der Kastanien änderte sich nicht,

aber im einem Fall waren die Affen unzufrieden,

und im anderen Fall waren sie zufrieden.

Der Wärter war bereit,

seine persönliche Einteilung zu ändern,

um auf objektive Bedingungen einzugehen.

Er verlor nichts dadurch.

Der wahrhaft weise Mensch

betrachtet beide Seiten einer Fragestellung

ohne Parteilichkeit

und sieht sie beide im Lichte des Tao.

Das nennt man zwei Wegen auf einmal zu folgen."

16.05.2005 um 03:29 Uhr

Tao Te King 6 (1)

von: tao

"Der Geist des Tales:

Der Talgeist stirbt nicht, bleibt immer derselbe.

Das weibliche Mysterium, so nennen wir ihn.

Sein Tor, aus dem zuerst sie herausströmten,

wird die Wurzel genannt, aus der Himmel und Erde wuchs.

Land und ungebrochen bleibt seine Macht,

benutze sie sanft und ohne einen Hauch von Gewalt.".

Alle Dimensionen der Existenz können in männliche und weibliche Dimensionen aufgeteilt werden.

Die Unterscheidung zwischen Mann und Frau basiert nicht nur auf dem Geschlecht. Folgt man Lao-tse ist sie ein notwendiger Teil der dialektischen Evolution der Existenz. Nicht nur auf der körperlichen Ebene, sogar auf der mentalen Ebene sind Mann und Frau verschieden. Wo immer die Existenz sich manifestiert, da gibt es immer einen Unterschied zwischen männlich und weiblich. Folgt man dem Denken von Lao-tse, so ist die männliche Form immer die zeitliche Form der Existenz, wohingegen die weibliche Form immer die ewige Form der Existenz darstellt. Wenn eine Welle im Ozean entsteht, dann ist das momentan. Der Ozean ist gegenwärtig, ob nun eine Welle entsteht oder nicht. Weiblichkeit ist der Ozean der Existenz.

Deswegen ist die Geschichte von der Entstehung der Menschheit, wie sie von den Juden geschrieben wurd, komplett falsch, jedenfalls aus der Sicht von Lao-tse. Die Juden glauben, daß Gott den Mann zuerst machte. Dann erschuf er aus der Rippe des Mannes die Frau. Lao-tse denkt, daß es genau andersherum war. Lao-tse glaubt, daß die weibliche Existenz die anfängliche Existenz ist. Der Mann wird dann erst daraus geboren und er verliert sich auch wieder in diese weibliche Existenz. Dies erscheint in Lao-tses Aussage sehr tiefgehend zu sein, vor allem dies: "Eine Frau kann ohne einen Mann existieren. Ihre Unruhe, ohne einen Mann zu sein, ist nicht so groß. Wenn sie es also will, kann sie ihr ganzes Leben lang ein Single bleiben. Es wird sie nicht so hart ankommen, ohne einen Mann auszukommen. Aber einen Mann ohne eine Frau leben zu lassen, ist so gut wie unmöglich, es ist eine äußerst schwierige Aufgabe."

15.05.2005 um 02:58 Uhr

Südliches Blütenland XIX 13

von: tao

"Du kannst ein großes Transportgut nicht in eine kleine Tasche stecken,

noch kannst du mit einem kurzen Seil

Wasser aus einem tiefen Brunnen hochziehen.

Hast du nicht gehört, wie ein Vogel vom Meer

landeinwärts verweht wurde und schließlich

außerhalb der Hauptstadt von Lu landete ?

Der Fürst ordnete einen feierlichen Empfang an,

bot dem Seevogel Wein an in dem Heiligen Bezirk,

ließ Musikanten kommen

damit sie die Kompositionen von Shun spielten,

und ließ Vieh schlachten, um den Seevogel zu verköstigen.

Ganz benommen von den Symphonien,

starb der unglückliche Seevogel

aus Verzweiflung.

Wie sollte man einen Vogel behandeln ?

Wie sich selbst,

oder wie einen Vogel ?

Sollte nicht ein Vogel tief in dichtem Waldgebiet nisten

oder über Wiese und Morast fliegen ?

Sollte nicht im Fluß und im Teich schwimmen,

sich von Aalen und Fischen ernähren,

im Formationsflug mit anderen Wasservögeln fliegen,

und im Schilf sich ausruhen können ?

Schlimm genug für einen Seevogel

daß er von Menschen umringt wird

und von ihren Stimmen in Angst und Schrecken versetzt wird !

Doch das war nicht genug !

Sie töteten ihn mit Musik !

Wasser ist für Fische,

und Luft für Menschen.

Die Beschaffenheit der Wesensarten ist unterschiedlich, und so sind es auch die Bedürfnisse.

Daher setzten die weisen Menschen vor alters

keinen Maßstab für alle fest."

14.05.2005 um 01:53 Uhr

Quellender Urgrund II/21

von: tao

"Hui Yang stattete König Kang von Sung einen Besuch ab. König Kang stampfte mit dem Fuß auf, räusperte sich und sagte in heftigem Ton: "Was mich erfreut, ist Mut und Stärke. Ich habe kein Vergnügen an Männern, die Moral predigen. Was hast du mir für eine Lehre anzubieten ?"

Hui Yang erwiderte: "Nimm an, daß ich ein Mittel kenne, das jeden, wie mutig und stark er auch immer ist, scheitern läßt, wenn er dich erstechen oder auf dich einschlagen will, indem er dich verfehlen muß. Würde Ihre Majestät nicht daran interessiert sein ?"

Der König von Sung sprach: "Exzellent. Das ist genau das, was ich zu hören wünsche."

Hui Yang sprach: "Aber selbst wenn ein Dolchstich oder ein Schlag dich nicht treffen kann, ist es immer noch demütigend für dich. Nimm an, daß ich ein Mittel habe, um jedermann davon abzuhalten, wie stark und mutig er auch immer ist, es auch nur zu wagen, auf dich einzustechen oder die Hand gegen dich zu erheben. Aber ein Mensch, der es nicht wagt, dich zu verletzen, mag immer noch den Willen haben, dir zu schaden. Nimm an, daß ich ein Mittel habe, um sicher zu gehen, daß die Menschen absolut keinen Willen mehr haben, dir Schaden zuzufügen. Aber ein Mensch, der keinen Willen hat, dich zu schädigen, mag trotzdem nicht einmal daran denken, dich zu lieben oder dir Gutes zu tun. Nimm an, daß ich ein Mittel habe, daß jeden einzelnen Mann und jede Frau auf der ganzen Welt dazu bringt, freudig danach zu trachten, dich zu lieben und dir von Nutzen zu sein. Das ist doch drei mal besser als Mut und Stärke. Ist Eure Majestät nicht daran interessiert ?"

Der König von Sung sprach: "Das ist die Art von Mittel, die ich unbedingt finden möchte."

Hui Yang erwiderte: "Die Lehren von Konfuzius und Mo Di sind das, was ich im Sinn habe. Konfuzius und Mo Di wurden doch zu Fürsten, ohne Land zu besitzen, wurden Anführer, ohne ein öffentliches Amt innezuhaben. Jeder Mann und jede Frau auf der Welt streckten den Hals und standen auf Zehenspitzen, so sehr waren sie darauf bedacht, diese Männer zu beschützen und ihnen Gutes zu tun. Nun ist Ihre Majestät der Herr über zehntausend Streitwagen. Wenn du wirklich die Ziele dieser beiden Männer teilen solltest, würde jedermann innerhalb der vier Grenzen deines Reiches sich der wohltätigen Auswirkungen erfreuen. Du würdest weit größer sein als Konfuzius und Mo Di."

Hui Yang eilte hinaus. Und der König sagte zu seinen Höflingen: "Geschickt, wie er mich mit seiner Argumentation schwindlig geredet hat !""

13.05.2005 um 23:58 Uhr

Goldene Blüte 2 (2)

von: tao

Für einen Menschen, der auf der Suche nach Wahrheit ist, ist sogar der Tod eine Gelegenheit. Für den Menschen, der nicht auf der Suche nach Wahrheit ist, ist sogar das Leben keine Gelegenheit zu lernen. Die Leute leben ihr Leben, ohne auch nur überhaupt irgendetwas zu lernen. Sie gehen durch das Leben hindurch, aber ohne dadurch zu irgendeiner Reife zu kommen. Sie bleiben fast noch wie im Schlaf. Die Leute leben wie Schlafwandler. Sie bleiben wie besoffen - - sie wissen nicht, was sie tun, sie wissen nicht, warum sie es tun, sie wissen nicht, woher sie kommen, sie wissen nicht, wohin sie gehen. Sie sind einfach wie Treibholz, jedem x-beliebigen Windstoß ausgeliefert. Ihr Leben ist zufällig; eher ein Unfall als eine Fügung.

Millionen von Menschen leben nur zufällige Leben, und bevor du nicht dein Leben in die Hand nimmst und damit anfängst, es vom Zufälligen ins Existentielle zu verändern, wird keine Transformation stattfinden können.

Das ist Taoismus: Ein Versuch, das Zufällige zum Wesentlichen zu machen, eine Anstrengung, das unbewußte Leben in ein bewußtes Leben zu verändern, der Entschluß, aufzuwachen. Und dann ist das Leben Lernen, und auch der Tod. Dann lernt man immer weiter. Dann kommt jeder Moment, jede Situation als ein Geschenk. Ja, sogar Leiden ist ein Geschenk der Existenz, aber nur für diejenigen, die wissen, wie man lernt und wie man sich eine Gabe schenken läßt. Normalerweise sind sogar Segnungen keine Geschenke für uns, denn wir wissen nicht, wie wir sie empfangen können, wir wissen nicht, wie wir so etwas absorbieren können. Unser Leben wird roboterhaft gelebt.

Ein Mann kam sehr spät in der Nacht nach Hause. Die Entschuldigung, die er seiner Frau anbot, dafür, daß er zu spät nach Hause kam, war folgende: Eigentlich hatte der arme Mann ein bißchen zu reichlich geschluckt und erzählte seiner wütenden Frau, daß er den falschen Bus genommen hätte.

Seine Frau sagte: "Das ist leicht nachzuvollziehen – wenn man den Zustand in Betracht zieht, in dem du dich befindest – aber wie konntest du wissen, daß du im falschen Bus warst ?"

Der Mann sagte: "Nun, es kam mir schon komisch vor, als ich stundenlang in einer Ecke stand, aber was mich dann schließlich davon überzeugte, daß ich im falschen Bus war, war die Tatsache, daß ständig Leute hereinkamen und Hamburger und Kaffee bestellten."

Es war nicht einmal ein Bus !

11.05.2005 um 23:10 Uhr

Tao Te King 67

von: tao

"Lao Tse sagt:

Alle Welt sagt:

Meine Lehre, das Tao, sei doch eher eine großartige Torheit.

Weil sie großartig ist, deswegen ähnelt sie einer Torheit.

Wenn sie nicht so närrisch erscheinen würde,

wäre sie in der Tat schon lange zur Geringfügigkeit verkommen.

Ich habe drei Schätze;

hab acht auf sie und bring sie nicht in Gefahr.

Der erste Schatz ist Liebe.

Der zweite Schatz ist: Niemals zu sehr und niemals zuviel.

Der dritte Schatz ist: Sei niemals der erste in der Welt.

Durch Liebe hat man nichts mehr zu befürchten;

indem man nicht zu viel tut,

hat man Energie in Hülle und Fülle;

dadurch daß man sich nicht erdreistet, der erste in der Welt zu sein,

kann man sein eigenes Talent entwickeln und es zur Reife kommen lassen.

Wenn man Liebe und Furchtlosigkeit aufgibt,

wenn man seine Zurückhaltung aufgibt und sich energetisch verausgabt,

wenn man es aufgibt, immer hinterherzugehen und nach vorne eilt,

ist man zum Scheitern verurteilt !"