Taoistische Reflektionen

11.05.2005 um 14:44 Uhr

Südliches Blütenland XXVII 20 (1)

von: tao

Das Denken macht alles zum Problem.

Ansonsten ist das Leben einfach, der Tod ist einfach,

da gibt es überhaupt kein Problem.

Aber das Denken redet einem ein,

daß jeder Moment ein Problem ist und daß dieses Problem gelöst werden muß.

Hast du erst einmal diesen ersten Schritt nachvollzogen,

und glaubst nun selbst, daß alles ein Problem ist,

dann kann nichts mehr gelöst werden,

denn schon der erste Schritt ging in die absolut falsche Richtung.

Das Denken kann dir keine einzige Lösung geben,

es ist genau dieser Mechanismus, der dir die Probleme macht.

Selbst wenn du denkst, daß du jetzt ein Problem gelöst hast,

werden durch diese Lösung tausend neue Probleme entstehen.

Genau das hat die Philosophie schon immer betrieben.

Philosophie ist eine Angelegenheit des Denkens.

Wenn das Denken sich irgendetwas anschaut,

sieht es sofort ein Fragezeichen, es schaut mit zweifelndem Blick.

Sehr einfach ist das Leben und sehr einfach ist der Tod -

aber nur wenn du ohne das Denken sehen kannst.

Sobald du darüber nachdenkst,

dann ist alles komplex,

dann ist da nur noch Konfusion.

Und das Denken versucht dann, diese Konfusion zu lösen,

wo es doch in Wirklichkeit der Ursprung aller Konfusionen ist;

so kann also nur noch mehr Verwirrung erzeugt werden.

10.05.2005 um 02:04 Uhr

Tao 3

von: tao

Gibt es eine Verbindung zwischen Tao und Tantra ?

Tantra bedeutet Technik – und Tao kann keine Beziehung haben zu irgendeiner Technik, wie auch immer sie geartet sein mag. Tao ist unmethodisch und ohne Technik. Tao bedeutet Spontaneität. Wie kann Spontaneität eine Technik beinhalten ? Du kannst sie nicht praktizieren; wenn du sie ausübst, verfehlst du sie. Es gibt keinen Weg, sie zu kultivieren; eine kultivierte Spontaneität könnte alles andere sein, aber sie könnte keine Spontaneität mehr sein.

Tao bedeutet Loslassen. Wohin immer sich deine Energie hinbewegt, lass sie fließen. Schwimme nicht – laß dich mit dem Fluß treiben. Schwimmen ist eine Technik – wenn du bloß mit dem Fluß dahintreibst, was für eine Technik ist da noch nötig ? Technik bedeutet, daß du eine Ausrichtung hast, du möchtest irgendwo ankommen. Technik bedeutet, daß du deinen Willen der Realität aufzwingen willst, du möchtest jemand sein, irgendwo sein, in irgendeinem Zustand sein; du hast ein Verlangen, du hast eine Projektion.

Tao sagt: Du bist schon da, du bist es schon. Du mußt nirgendwo hingehen und du mußt nichts anderes sein, also entspanne dich einfach und laß die Dinge geschehen. Und was auch immer passiert, ist gut – denn im Tao gibt es keine Verneinung, keine Zurückweisung, keine Repression. Dies ist die großartigste rebellische Einstellung, die nur möglich ist. Niemals hat sich menschliche Intelligenz höher entwickelt als im Tao. Aber es gibt keinen Weg dorthin. Du kannst nicht hingeführt werden.

Buddha hat über fünf Wege geredet, die Wahrheit zu erreichen. Den ersten nennt er den Weg von sheela, den Weg der Moralität, des Charakters, der Tugend. Den zweiten Weg nennt er den Weg des Wissens. Den dritten Weg nennt er den Weg von dhyana, der Meditation; den vierten Weg nennt er den Weg der Hingabe; und den fünften Weg nennt er asheksha – das, was nicht gelehrt werden kann.

Dieser fünfte Weg ist Tao. Es kann nicht gelehrt weden. Es kann gelernt werden, aber es kann nicht gelehrt werden. Damit ist gemeint: Wenn du entspannst, wenn du es zuläßt, daß das Leben sich für dich ereignet, wenn du keine Barriere aufrichtest, wenn du bereit bist, dorthin zu gehen, wohin immer das Leben dich führt, dann wirst du es erlernen.

09.05.2005 um 03:48 Uhr

Goldene Blüte 4/9-12

von: tao

"Meister Lü sagte: Die zwei Fehler der Trägheit und der Zerstreutheit müssen bekämpft werden durch ruhige Arbeit, die täglich ohne Unterbrechung durchgeführt wird; dann wird sicherlich ein Erfolg erreicht werden. Wenn man nicht in Meditation gefestigt ist, wird man oft abgelenkt werden, ohne es zu bemerken. Sich der Ablenkung bewußt zu werden, ist der Mechanismus, mit dem man die Zerstreuung abstellt. Trägheit, derer man sich bewußt ist, und Trägheit, der man sich nicht bewußt ist, sind eintausend Meilen weit voneinander entfernt. Unbewußte Stumpfheit ist wirkliche Stumpfheit; bewußtes Stumpfsein ist nicht völliger Stumpfsinn, sondern es ist immer noch etwas Klarheit darin enthalten. Zerstreuung kommt zustande, wenn man das Denken herumwandern läßt; Trägheit kommt davon her, daß das Denken noch nicht rein ist. Ablenkung ist viel leichter zu korrigieren als Dumpfheit. Das ist wie bei Krankheit: Wenn man Schmerzen und Gereiztheit spürt, kann man dem mit Heilmitteln abhelfen, aber Abgestumpftsein ist wie eine Krankheit, die von einem Mangel an Problembewußtsein begleitet wird. Gegen Ablenkung kann man etwas machen, Verwirrung kann entwirrt werden, aber Trägheit und Lethargie ziehen einen nach unten und verdunkeln alles. Zerstreutheit und Konfusion sind wenigstens zu lokalisieren, aber bei dumpfer Lethargie ist nur die Anima aktiv. Bei der Ablenkung ist der Animus immer noch gegenwärtig, aber beim Stumpfsinn herrscht reine Dunkelheit. Wenn man während der Meditation schläfrig wird, ist das eine Auswirkung der Trägheit. Nur Atmen dient der Überwindung von Dumpfheit. Obgleich der Atem, der durch die Nase hinein und hinausfließt, nicht der wahre Atem ist, findet doch das Einströmen und Ausströmen des wahren Atems in Verbindung damit statt.

Während man sitzt und meditiert, muß man deswegen immer das Herz ruhig und die Energie konzentriert halten. Wie kann das Herz ruhig gemacht werden ? Durch den Atem. Nur noch das Herz darf sich des Einfließens und des Ausfließens des Atems bewußt sein; akustisch soll es nicht mehr wahrnehmbar sein. Wenn man es nicht mehr hören kann, dann ist das Atmen leicht; wenn es leicht ist, ist es rein. Wenn es noch zu hören ist, dann ist die Atemenergie noch grob; wenn sie noch grob ist, dann ist sie noch bemüht und behindert; wenn sie anstrengend ist, dann entwickeln sich Abstumpfung und Lethargie und man möchte schlafen. Das versteht sich von selbst."

08.05.2005 um 03:06 Uhr

Tao Te King 9 (2)

von: tao

Wenn ein Kind geboren wird, beginnt sein erster Schritt in das Leben mit seinem ersten Atemzug. Ein Kind beginnt erst dann zu atmen, nachdem es geboren worden ist und ein Mensch hört erst dann auf zu atmen, wenn er stirbt. Das Leben endet mit dem ausströmenden Atem. Der Punkt, von dem aus die Lebensreise beginnt, ist genau der Punkt, wo der Tod stattfindet. Das Leben ist ein Kreis. Wenn wir dies in der richtigen Perspektive verstehen, werden wir Lao-tse folgen können.

Lao-tse sagt: "Treibe den Erfolg nicht bis zum geht nicht mehr, sonst wird er zum Mißerfolg werden." Wenn du deinen Erfolg bis zum letzten weiterbetreibst, wirst du ihn eigenhändig in Mißerfolg verwandelt haben. Wenn du den Kreis des Ruhms immer weiter ziehst, kann er nur durch Unrühmlichkeit komplettiert werden. Wenn das Leben geradlinig verlaufen würde, dann läge Lao-tse falsch, aber wenn der Lebenslauf kreisförmig ist, dann hat er recht.

Der Osten betrieb niemals seine eigene Geschichtsschreibung, wohingegen der Westen dies tat, denn der Westen glaubt, daß welches Ereignis auch immer stattfindet, es sich niemals wiederholt. Jedes Geschehen ist ein einzigartiges Vorkommnis und daher unwiederholbar. Deswegen kann Jesus nur einmal und nie wieder geboren werden. Eine neue Geburt ist unmöglich. Daher wird die ganze Geschichte von der Zeit her datiert, wo Jesus geboren wurde. Es ist immer entweder vor Jesus oder nach Jesus. Der Osten datiert seine Geschichte nicht beispielsweise vor Rama oder nach Rama. Das fängt schon damit am, daß man nicht einmal weiß, wann genau Rama geboren wurde. Das bedeutet nicht, daß bei der Chronik seines ganzen Lebens solch ein wichtiges Ereignis wie seine Geburt ausgelassen worden wäre. Dies ist eine interessante Tatsache, unserer Betrachtung wert. Der Osten glaubte niemals daran, geschichtliche Ereignisse niederzuschreiben, denn der Osten glaubte fest daran, daß nichts unnachahmlich sei und daß alle Dinge sich notwendigerweise wiederholen würden. Rama ist in jedem Zeitalter geboren worden und er wird wieder in jedem Zeitalter geboren werden. Sein Name wird sich ändern, die Form wird anders sein, aber das ursprüngliche, das grundlegende Geschehen verändert sich nie. Es wird immer wieder wiederholt werden.

Es gibt eine Geschichte, die diesen Punkt illustriert. Es wird gesagt, daß der Weise Valmiki das Ramayana schrieb, lange bevor der Geburt von Rama. Nirgendwo sonst in der Welt würde man dies glauben, daß Rama erst lange danach geboren werden konnte, nachdem Valmiki sein Epos geschrieben hatte. Aber die Geburt von Rama ist aus östlicher Sicht ein kreisförmiges Geschehen. Genauso, wie wenn ein Rad rotiert, ein Teil nach oben kommt und dann der andere Teil des Rades, und der Teil, der oben war, wieder nach unten geht, und der Teil, der unten war, wieder nach oben kommt. Das Ereignis und die Erzählung folgen einander peripher, entlang des Kreisumfangs.

07.05.2005 um 03:37 Uhr

Ko Hsuan 5 (3)

von: tao

Chinesisch ist eine Traumsprache - und wir kennen doch die Schwierigkeiten mit den Träumen. Du hast etwas geträumt, aber am Morgen kannst du dir nicht mehr vorstellen, was das zu bedeuten hat. Du brauchst dann einen Experten, der soll den Traum interpretieren, und selbst Experten würden auf keinen gemeinsamen Nenner kommen. Der Freudianer wird das eine sagen, der Jungianer wird etwas anderes sagen, der Adlerianer sagt vielleicht genau das Gegenteil. Und jetzt gibt es ja noch viel mehr neue Trends, neue Schulen der Psychoanalyse, und sie haben alle ihre Interpretationen. Und bei wem du auch immer nachliest, es schaut schlüssig und vernünftig aus, denn sie alle können großartige Rationalisierungen liefern. Der Traum ist von dir, aber du weißt nicht, was er bedeutet, denn ein Traum kann viele Dinge bedeuten; ein Traum ist vieldimensional.

Und das ist die Schwierigkeit mit der chinesischen Sprache: Es ist eine Traumsprache, eine bildhafte Sprache - jedes Bild kann viele Dinge bedeuten. Daher gibt es viele Übersetzungen der chinesischen Schriften, und keine zwei Übersetzungen stimmen jemals überein, denn ein Bild kann auf so viele Weisen interpretiert werden, wie es Leute gibt,die es interpretieren. Die chinesische Sprache ist nur symbolisch; sie deutet an. Sie ist sehr poetisch, sie ist nicht arithmetisch.

Wenn man das bedenkt, nur dann wird man nicht in diese Falle geraten, in die fast alle Gelehrten gefallen sind.

Diese Texte wurde nicht in einer alphabetischen Sprache aufgeschrieben, was auch immer also in diesen Texten gesagt wird, ist eine Interpretation:

"Der verehrungswürdige Meister sagte:

Wenn ein Mensch zu der Macht gelangt, das zu transzendieren, was sich verändert... sind Himmel und Erde in ihm vereinigt."

Das erste, was absolut falsch ist, ist der Gedanke der Errungenschaft. Tao glaubt nicht daran, daß du irgendetwas erreichen mußt, oder daß du irgendetwas erreichen kannst. Du bist ja schon das, was du sein kannst: da kann gar nichts mehr erreicht werden. Allein schon die Idee der Errungenschaft, des Erreichens, ist der taoistischen Herangehensweise fremd. Es gibt nichts zu erreichen, da ist nichts zu erlangen. Die Idee der Errungenschaft, des Erstrebens ist in unseren Egos verwurzelt. Das Ego ist immer ehrgeizig; es kann gar nicht anders sein. Entweder muß das Ego weltliche Dinge erreichen oder es muß überirdische Kräfte anstreben, siddhis, aber etwas muß erreicht werden.

06.05.2005 um 02:44 Uhr

Goldene Blüte 8/33-35 (1)

von: tao

Meister Lü sagte: "Wenn es dir noch nicht klar ist, will ich es dir klar machen durch die dreifache buddhistische Kontemplation von Leere, Verblendung und der Mitte.

Leere kommt als die erste der drei Kontemplationen. Alle Dinge werden als leer betrachtet. Dann folgt die Täuschung. Obwohl es nun bekannt ist, daß sie leer sind, werden die Dinge nicht zerstört, sondern kümmert sich um seine Angelegenheiten inmitten der Leere. Aber obwohl man nicht die Dinge zerstört, schenkt man ihnen doch auch keine Aufmerksamkeit; dies ist die Kontemplation der Mitte. Während man die Kontemplation der Leere praktiziert, weiß man auch, daß man die zehntausend Dinge nicht zerstören kann, und doch nimmt man keine Notiz von ihnen. Auf diese Weise vereinen sich die drei Kontemplationen. Aber schließlich liegt die Stärke doch in der Perspektive der Leere. Wenn man deswegen die Betrachtung der Leere praktiziert, ist die Leere sicherlich leer, aber auch die Verblendung ist leer, und auch de Mitte ist leer. Es bedarf großer Stärke, die Kontemplation der Verblendung zu praktizieren; dann ist Verblendung wirklich Illusion, aber Leere ist auch Täuschung, und die Mitte ist auch Verblendung. Ist man auf dem Weg der Mitte, erschafft man sich Bilder von Leere; sie werden nicht leer genannt, sondern sie werden zentral genannt. Man praktiziert auch die Kontemplation der Verblendung, aber man nennt es dann nicht Verblendung, man nennt es mittenhaft. Was das mit dem Zentrum zu tun hat, darüber braucht nicht mehr gesagt werden."

Dazu eine Zen-Geschichte:

Kurz bevor der Zenmeister Ninakawa verstarb, besuchte ihn ein anderer Zenmeister, Ikkyu. "Soll ich dich auf den Weg führen ?" fragte Ikkyu.

Ninakawa erwiderte: "Ich bin allein hierhergekommen und ich gehe wieder alleine. Welche Hilfe könntest du mir sein ?"

Ikkyu antwortete: "Wenn du denkst, daß du wirklich gekommen bist und daß du wirklich wieder gehst, wenn du denkst, daß du kommst und gehst, ist das deine Verblendung. Laß mich dir den Weg zeigen, auf dem es kein Kommen und kein Gehen gibt."

Mit diesen Worten hatte Ikkyu den Weg so klar eröffnet, daß Ninakawa lächelte, und ohne noch ein einziges Wort zu sagen, nickte er und starb.

05.05.2005 um 02:57 Uhr

Ko Hsuan 5 (2)

von: tao

Vielleicht wegen der Kultivierung der Regeln wurde die Idee von vielen, vielen Leben so bedeutsam im Osten, denn zur Kultivierung braucht man Zeit. Ein Leben ist nicht genug - selbst tausend Leben werden nicht genügen - man braucht Millionen von Leben, um all das, was es an Vorschriften gibt, zu kultivieren. Eigentlich hilft einem diese ganze Einstellung, immerzu alles aufzuschieben. Das Morgen wird immer größer, fast unbegrenzt, und das Heute ist so klein, daß man sich selbst etwas vormachen kann. Man kann sich sagen: "Heute bleibe ich noch, was ich nun mal bin; morgen werde ich mich dann ändern. Und das Heute ist sowieso so klein, da ist gar nicht viel möglich." Natürlich kommt das Morgen nie; es besteht nur in der Vorstellung.

Tao glaubt an diesen Moment; Tao hat keine Vorstellung von der Zukunft. Wenn du diesen Moment pur leben kannst, in Stille, spontan, dann ist dein Leben verwandelt. Nicht, daß du es verwandelst: Tao verwandelt es, die Ganzheit transformiert es. Du erlaubst dem Fluß einfach, dich zum Ozean mitzunehmen; du brauchst den Fluß nicht anzuschieben.

Aber wenn solch große Wahrheiten sprachlich fixiert werden, führt das zu Schwierigkeiten, denn unsere Sprache ist von uns gemacht. Sie wird nicht von Leuten wie Lao-tse, Dschuang Dsi, Liä Dsi und Ko Hsuan gemacht, sie wird von den mittelmäßigen Leuten gemacht, von denen die Welt voll ist. Offensichtlich ist die Sprache ihre Erfindung und sie transportiert ihre Bedeutungen, ihre Einstellungen zum Leben. Was man als auch immer sagt, wird irgendwo unangemessen sein - nicht nur unangemessen, sondern eigentlich auch tiefgründig falsch.

Das muß man sich merken, und ganz besonders bei diesen Texten, denn diese Aussprüche wurden ursprünglich auf Chinesisch aufgeschrieben. Chinesisch ist eine Sprache, die total anders als jede andere Sprache ist, sie ist die schwierigste Sprache in der Welt aus dem einfachen Grund, daß sie kein Alphabet hat, es ist eine Bildersprache. Bildersprachen sind die altertümlichsten Sprachen;sie müssen noch von der Morgendämmerung des menschlichen Bewußtseins stammen, denn wenn ein Mensch noch ein Kind ist, denkt er in Bildern, er kann nicht in Worten denken, seine Sprache ist also nicht bildhaft. Darum gibt es in Kinderbüchern so viele farbige Bilder; es gibt kaum Text, aber viele Bilder. Das Kind ist nicht am Text interessiert, es ist an den Bildern interessiert. Wenn es sich dann das Bild einer Mango anschaut, einer sehr saftigen farbigen Mango, dann interessiert es sich vielleicht auch dafür, wie sie genannt wird, wie sie geschrieben wird, und es liest dann vielleicht sogar den Text - nur ein paar Worte über die Mango. Allmählich gerät die Mango in den Hintergrund, und macht der Sprache Platz. In den Büchern an der Universität verschwinden dann die Bilder völlig. Je gelehrter ein Buch ist, desto weniger Bilder kann es aufweisen; es besteht nur noch aus Sprache. Im Schlaf träumt man immer noch nicht sprachlich-abstrakt, sondern sehr bildhaft, denn in unserem Schlaf werden wir wieder zum Kind.

03.05.2005 um 17:35 Uhr

Südliches Blütenland XXVII 20

von: tao

"Als Dschuang Dsi im Sterben lag,

begannen seine Schüler mit der Planung einer großartigen Bestattung.

Aber Dschuang Dsi sagte:

Himmel und Erde werden mein Sarg sein;

die Sonne und der Mond werden die Jadesymbole sein,

aufgehängt links und rechts von mir;

Planeten und Sternkonstellationen

werden überall um mich herum als Juwelen blitzen,

und alle Wesen werden anwesend sein

als Trauergäste bei der Totenwache.

Was fehlt da noch ?

Für alles ist schon mehr als genug gesorgt.

Aber die Schüler sagten:

Wir fürchten, daß die Krähen und Raubvögel

unseren Meister fressen werden.

Dschuang Dsi erwiderte:

Nun, über der Erde werde ich

von Krähen und Raubvögeln gefressen werden,

und unter der Erde von Ameisen und Würmern.

Gegessen werde ich auf jeden Fall -

was habt ihr also gegen die Vögel ?"

03.05.2005 um 16:24 Uhr

Tao Te King 1 (2)

von: tao

Das Denken stößt das Entgegengesetzte ab. Der Intellekt ist eine sehr kleines Ding. Die Existenz ist sehr weit. Die Erkenntnis, daß die Gegensätze ein und dasselbe sind, daß Leben und Tod dasselbe sind, daß Liebe und Haß, Dunkelheit und Licht, Himmel und Hölle ein und dasselbe sind, liegt jenseits des Denkhorizontes. Der Intellekt kann sich kein Bild von Glücklichsein und Trauer machen als zwei Namen derselben Sache. Wie kann er es auch verstehen, denn er sagt: Glück ist ganz anders als Schmerz und Leid. Wir müssen nach Glück streben und uns vor Leid schützen. Wir müssen den Schmerz ausschließen und die Freude einladen.

Aber die Existenz sagt: "Wer nach Glück ruft, lädt auch Unglück ein, und wer versucht, dem Unglücklichsein zu entkommen, muß notgedrungen auch das Glücklichsein übergehen." Die Gegensätze sind eins in der Existenz.

Und Lao-tse sagt: "Hinter diesen beiden Aspekten verbirgt sich in Wirklichkeit dasselbe."

Das, was sich im Bereich des Benannten befindet, und das, was sich im Bereich des Unbenannten befindet, ist ein und dasselbe.

Lao-tse bekräftigt zu Beginn vehement, daß der Weg, der begangen werden kann, nicht der Weg ist, und der Name, der genannt werden kann, nicht der Name ist. Und dann sagt Lao-tse: "Das, was im Nennbaren liegt und das, was im Unnennbaren liegt, ist ein und das gleiche" – sie sind tatsächlich dasselbe. Es ist wieder die Dualität unseres eigenen Intellekts, die sagt, daß dies die Welt der Objekte ist, und daß jenes die Welt der Existenz ist; daß dies die Welt der Namen ist und jenes die Welt des Unnennbaren; daß dies die Welt der Formen ist und jenes die Welt des Formlosen; daß dies die Welt des Individuellen ist und jenes die Welt des Unpersönlichen. Lao-tse sagt: "Nein, sie beide enthalten tatsächlich das Eine." Das Ungenannte wohnt also auch in dem, was wir benennen, und dem, was wir unnennbar nennen, haben wir damit schon einen Namen gegeben ! Was macht das dann noch für einen Unterschied, wenn wir es Unnennbar nennen ?

Wir haben es namenlos genannt !

Dies wird ziemlich schwierig zu verstehen sein, da Lao-tse höchst expressiv zu Beginn gesagt hat, daß diese beiden absolut getrennt sind. "Gib ihm keinen Namen", hat er gesagt, "denn sobald du ihn benennst, wird er eine Falschheit. Bezeichne ihn nicht, denn allein schon dieser Ausdruck deformiert ihn. Begehe ihn nicht, denn es ist ein unveränderlicher Weg. DER WEG KANN NICHT BEGANGEN WERDEN" – und dann, kurz danach, sagt er: "Es ist ein und dasselbe, was in beidem wohnt. Es ist nur Eines allein."

01.05.2005 um 12:34 Uhr

Tao te King 1 (1)

von: tao

"Diese zwei Aspekte sind in Wirklichkeit dasselbe; aber sowie die Entwicklung stattfindet, erhält es die verschiedenen Namen. Zusammengenommen nennen wir sie das Mysterium. Wo das Mysterium am tiefsten ist, ist der Zugang zu allem, was subtil und wundervoll ist."

Allein das Eine residiert innerhalb der zwei.

Wo immer der Intellekt Dualität sieht, ist die Existenz doch nur eins.

Man kann sagen, daß der Intellekt die Angewohnheit hat, was immer er sieht, in zwei zu spalten. Sobald das Denken sich auf etwas ausrichtet, kann es nicht anders, als es in zwei zu teilen. Dafür gibt es Gründe. Das Denken lehnt das Irrationale ab. Das Denken kann das Entgegengesetzte nicht fassen, es läßt den Widerspruch außen vor.

Das Denken schaut auf das Leben, aber es ist ihm unmöglich, den Tod im Leben zu sehen. Der Tod scheint genau der Gegensatz des Lebens zu sein. Er hat keine Beziehung zu den Schlußfolgerungen des Lebens. Es sieht so aus, als ob der Tod das Ende des Lebens ist, der Feind des Lebens. Es sieht so aus, als ob der Tod sich außerhalb des Lebens befindet, ein Anschlag auf das Leben. In Wirklichkeit ist dies nicht so. Der Tod ereignet sich nicht außerhalb des Lebens. Er geschieht im Leben. Er ist ein Teil des Lebens. Der Tod ist die Vollendung des Lebens.

Leben und Tod sind wie das Einatmen und das Ausatmen. Der gleiche Atem, der eingeatmet wird, wird ausgeatmet. Der Atem, der bei der Geburt hineingeht, kommt beim Tod wieder heraus. Leben und Tod sind eins in der Existenz. Aber wenn das Denken beginnt, sich seine Gedanken zu machen, kann es das Passende akzeptieren, aber nicht das Unpassende. Vom rationalen Gesichtspunkt aus, werden Leben und Tod zwei voneinander getrennte Ereignisse.

Aber die Existenz akzeptiert auch das Irrationale. Sie akzeptiert auch das Entgegengesetzte, das Widersprüchliche; die Existenz hat keine Schwierigkeit damit, daß die Blüte und der Dorn am selben Stengel wachsen. Sie hat keine Schwierigkeit damit, daß Licht und Dunkelheit zusammenarbeiten. Tatsache ist, daß Dunkelheit eine dunkle Form von Licht ist und Licht ist der weniger dichte Zustand von Dunkelheit.

Wenn wir das Licht von der Erde entfernen, sagt der Intellekt, wird nur Dunkelheit zurückbleiben. Aber Tatsache auch die Kälte gleichzeitig verschwinden. Wenn wir den Tod völlig verbannen würden, würde auch das Leben enden. Die Existenz besteht zusammen mit den Gegensätzen.