Taoistische Reflektionen

10.06.2005 um 01:52 Uhr

Südliches Blütenland XIX 13 (11)

von: tao

Beim Kopfstand ist es eine Frage der Zeit, wie lange ?

Ein paar Sekunden lang mag sogar für einen intelligenten Menschen gut sein,

nur ein paar Sekunden, bloß ein Fluten und dann zurück:

dann wird nichts zerstört,

dann wird alles im Gehirn bloß lebendiger.

Aber das muß von einem Meister entschieden werden, nicht von dir –

wir können es nicht nur mit und aus Büchern machen.

Nur ein erfahrener Meister kann entscheiden, wieviele Sekunden

genug für uns sein werden, ansonsten werden wir uns in Gefahr begeben.

Aber das menschliche Denken ist kindisch.

Wenn etwas mit unserer Uhr nicht mehr stimmt,

ist der erste Impuls, sie aufzumachen

um zu sehen, was nicht mehr funktioniert,

und selbst darin herumzubasteln.

Bitte tut nichts dergleichen,

sonst würden noch viel mehr Dinge schief gehen.

Denn eine Uhr ist ein subtiler Mechanismus

und nur jemand, der sich auskennt, sollte sie öffnen.

Wir würden sie nicht reparieren, wir würden soviel Schaden anrichten,

daß es fast unmöglich sein würde, sie noch zu reparieren.

Und eine Uhr ist gar nichts - im Vergleich mit einem Gehirn ist eine Uhr nichts.

Tu nichts nur anhand von Büchern; Bücher können nicht hilfreich sein.

Es ist jemand nötig, der unser Denken durchschauen kann,

der das ganze System des Gehirns überblicken kann,

der fühlen kann, wie unser Gehirn in seiner Tiefe funktioniert;

nur der kann entscheiden, wie viele Sekunden

und ob überhaupt es gut sein würde oder nicht.

Und dies ist bloß ein Beispiel.

09.06.2005 um 02:59 Uhr

Südliches Blütenland XIX 13 (10)

von: tao

Der Mensch hat Intelligenz erlangt, so wie es kein Tier hat. Warum ?

Weil der Mensch auf zwei Beinen steht; das ist alles.

Wenn ein Kind immer weiter auf allen Vieren gehen würde,

würde es niemals ein Mensch werden.

Es würde niemals diese Intelligenz erreichen.

Wenn unsere Wirbelsäule parallel zum Erdboden ist,

fließt das Blut gleichmäßig überall im Körper;

es fließt in die Beine

genauso wie es in den Kopf strömt.

Dann kann der Kopf keine subtilen Nerven entfalten –

das Gehirn kann kein subtiles Nervensystem entwickeln.

Unser Gehirnmechanismus ist subtil, sehr subtil,

die subtilste Sache in der Welt.

Unser Kopf wiegt nur eineinhalb Kilogramm.

Sogar wenn es der Kopf eines Einstein ist, der Kopf eines großartigen Genies,

wiegt er trotzdem nur eineinhalb Kilo.

In diesem kleinen Kopf gibt es siebzig Millionen Zellen.

Jede Zelle kann Millionen Bits an Information speichern.

Und die Zelle ist so subtil,

wenn das Blut zu schnell fließt, stirbt die Zelle.

Das Blut darf nicht zu sehr in den Kopf hineinströmen,

sonst spült es den subtilen Mechanismus aus und weg.

Wenn also jemand dumm und idiotisch ist, geistig zurückgeblieben,

für den ist Sirshasana die beste Übung,

denn ihm kann sie nicht schaden und er wird sich sehr gut dabei fühlen,

denn das Blut wird zum Kopf hin in Form einer Flutwelle strömen

und wenn sich diese Flut dann wieder zurückzieht, wird sich alles entspannen.

Er wird sich dann sehr gut fühlen,

genau so, wie man sich sehr gut fühlt, wenn man ein Bad nimmt.

Aber wenn man intelligent ist, dann ist es gefährlich.

Dann wird man in der Klemme sein,

denn der subtile Mechanismus wird zerstört werden.

Man mag sich vielleicht physisch gut fühlen,

aber mental wird es sich als destruktiv erweisen.

Wenn es also ein sehr intelligenter Mensch macht, kann er dabei verrückt werden;

wenn es ein unintelligenter Mensch macht, wird er vielleicht gesünder werden.

08.06.2005 um 13:11 Uhr

Südliches Blütenland XIX 13 (9)

von: tao

Es gibt Menschen, die machen Sirshasana – eine Yogastellung,

sie stehen auf ihrem Kopf, sie praktizieren den Kopfstand.

In den Büchern steht geschrieben, daß dies sehr segensreich sei,

und weil es sehr wohltuend sei,

tun sie dies über sehr lange Zeitperioden.

Daraufhin können sie in solch einem inneren Aufruhr sein,

daß es schon fast zum Verrücktwerden ist.

Dann erst fragen sie sich, was wohl schief gelaufen ist.

Das sind Regelmenschen,

sie folgen ihren Lehrbüchern wortwörtlich: Diät, Schlaf, Zeitplan,

genau wie es sein sollte, sie sind völlig "geregelte" Menschen.

Sie können sich gar nicht vorstellen, was da falsch laufen kann.

Dann machen sie Sirshasana

eine Stunde lang am Morgen und eine Stunde in der Nacht.

Und dann warten sie, sie erwarten

daß jeden Moment Erleuchtung sich ereignen sollte.

Sie passiert aber nicht, stattdessen drehen sie durch und werden geisteskrank.

Sirshasana ist nur für bestimmte Leute geeignet.

Und je idiotischer ein Mensch ist, desto mehr paßt dies für ihn.

Für einen Menschen mit Intelligenz ist es gefährlich;

je höher die Intelligenz, desto gefährlicher.

Denn es ist nicht bloß eine Körperhaltung,

es verändert unsere ganze Körperchemie.

07.06.2005 um 18:28 Uhr

Südliches Blütenland XIX 13 (8)

von: tao

Wir können unser Verhalten ändern,

aber innerlich bleiben wir dieselben.

Worum es wirklich geht, ist, wie wir unser Wesen ändern können

-- nicht unser Verhalten, nicht unsere Worte, nicht unsere Kleider --

wie können wir unser Sein ändern.

Ein Mensch, der sich reglementiert, ändert sich an der Oberfläche.

Ein Mensch, der versteht, ändert sich selbst,

dann ändert sich das Oberflächliche automatisch,

es muß sich ändern. Aber wenn sich das Äußerliche verändert,

besteht für das innere Zentrum keine Notwendigkeit, sich ebenfalls zu ändern.

Was können Regeln bewirken ?

Sie können uns sagen, was wir tun sollen und was wir nicht tun sollen,

aber sie können uns nicht verändern,

sie können nur unsere Handlungen ändern, und wir sind nicht die Handlungen.

Handlungen kommen von uns, aber wir sind tiefer als unsere Handlungen.

Regeln können unser Verhalten ändern

-- Verhalten bedeutet unsere Beziehung zu anderen --

aber sie können uns nicht ändern.

Nur in unserem totalen Alleinsein sind wir unser Wesen,

nicht in der Beziehung.

Und dann sagt Dschuang Dsi, daß sich Naturen unterscheiden.

 

06.06.2005 um 02:27 Uhr

Südliches Blütenland XIX 13 (7)

von: tao

Mulla Nasrudin redete immer nur negativ

also sagte man ihm: Sei positiver.

Warum das Leben immer mit so negativen Augen betrachten ?

Dann wirst du immer nur Dornen finden und keine Blüten.

Also sagte er:

In Ordnung, ich werde es mir nun zur Regel machen, immer positiv zu sein.

Am nächsten Tag ging seine Frau zum Einkaufen auf den Markt

und sie sagte ihm, er solle sich um die Kinder kümmern.

Als sie zurück kam, spürte sie sofort,

daß etwas nicht stimmte. Das ganze Haus wirkte traurig,

keine Kinder rannten herum – kein Lärm.

Sie war alarmiert.

Und dann sah sie Nasrudin, wie er da an der Türe saß,

und sofort hatte sie das Gefühl, daß wirklich etwas passiert sein müsse.

Voller Angst sagte sie: Nasrudin, sag mir bloß nichts Falsches,

erzähl mir nur die gute Nachricht.

Nasrudin sagte: Ich habe geschworen, auf keinen Fall negativ zu sein,

du brauchst mich also gar nicht mehr daran erinnern. Du kennst doch deine sieben Kinder –

von ihnen sind sechs nicht unter einen Bus gekommen !

Auf diese Weise war er positiv geworden.

Wir können die Worte auswechseln, aber innerlich bleiben wir dieselben.

 

 

05.06.2005 um 02:52 Uhr

Südliches Blütenland II 4 (2)

von: tao

Was machen wir denn, wenn wir meditieren ?

Wir versetzen den Affen in eine Position des Stillseins,

daher all die Schwierigkeiten der Meditation.

Je mehr wir versuchen, das Denken still zu kriegen, desto mehr revoltiert es,

desto mehr fängt es an, aufzudrehen und sich in Aufruhr zu versetzen,

desto ruheloser wird es.

Hast du jemals einen Affen gesehen, der still und schweigend dasitzt ?

Unmöglich !

Der Affe ist immer dabei, etwas zu essen,

irgendetwas zu tun, von Ast zu Ast zu schwingen, zu plappern und zu schwatzen.

Und genau das tun wir auch.

Der Mensch hat viele Dinge erfunden.

Wenn es gar nichts zu tun gibt, dann wird er Kaugummi kauen;

oder, schlimmer, er wird rauchen, wenn er nichts zu tun hat !

Das sind bloß närrische Beschäftigungen, affenhafter Zeitvertreib.

Etwas muß ständig getan werden,

so daß wir beschäftigt bleiben.

Wir sind so ruhelos,

daß unsere Ruhelosigkeit immer auf die eine oder andere Weise beschäftigt werden muß.

Darum kann, was auch immer gegen das Rauchen gesagt wird,

das Rauchen nicht gestoppt werden.

Nur in einer meditativen Welt kann das Rauchen aufhören - sonst nicht.

Selbst wenn die Gefahr eines vorzeitigen Todes besteht, Krebs und Tuberkulose drohen,

es kann nicht gestoppt werden,

denn es ist geht nicht bloß darum, daß man raucht,

das eigentliche Problem ist, wie man die Ruhelosigkeit freisetzen und entspannen kann.

04.06.2005 um 02:13 Uhr

Tao 8

von: tao

Wir sind vielleicht frustriert mit dem Haus, in dem wir gerade leben,

aber nicht mit dem Palast, in dem jemand anderes lebt.

Dann werden wir versuchen,

diese Kluft zu überbrücken,

unsere Hütte in einen Palast zu verwandeln.

Wir sind vielleicht frustriert mit dem Geld, das wir bekommen haben,

aber nicht mit Geld als solchem;

mit der Macht, die wir bekommen haben,

aber nicht mit der Lust nach Macht als solcher.

Totale Frustration bedeutet,

wir sind wirklich frustriert.

Wir sind plötzlich in solch einer Situation, in der es nichts mehr gibt, wohin wir gehen könnten.

absolut nirgendwohin –

erst dann wendet sich die Energie nach innen,

und diese "Einkehr" ist Ekstase.

Wir sollten es besser "Enstase" nennen, nicht Ekstase,

denn es ist ein sich nach innen wenden,

ein hineingehen,

zum eigenen Sein gehen.

Nun sind wir nicht mehr auf die anderen ausgerichtet.

Wir sind nicht mehr zukunftsorientiert.

Wir versuchen einfach herauszubekommen, wer wir sind.

Die ganze Welt ist verschwunden.

Der ganze Alptraum, der damit zusammenhängt, ist nicht mehr da.

Ein Erwachen vollzieht sich.

03.06.2005 um 02:33 Uhr

Tao 7

von: tao

Selbstvertrauen ist keine Qualität für die innere Reise,

es ist eine Barriere.

In der Außenwelt

ist Selbstvertrauen eine Hilfe, ist es ein Muß.

Ohne das kannst du nirgendwo hingehen in die Welt da außen,

denn Ego ist nötig,

Kampf ist nötig,

eine Art von Verrücktheit ist nötig.

Aber wenn du dich in das Innere begibst,

werden all die Eigenschaften, die auf der äußeren Reise hilfreich waren,

zu Hindernissen.

Das Selbst ist nicht vonnöten,

Selbstvertrauen ist unnötig.

Man sollte komplett das Selbst verlieren,

nur dann gibt es eine Möglichkeit für Tao.

Du wirst niemals zum Tao.

Wenn du nicht bist, dann ist da Tao.

Wenn zuviel Selbst da ist,

kannst du auf diese Weise immerzu dich im Kreise drehen,

Es wird verzögert – und es wird weiter aufgeschoben werden,

es kann für immer zur Stagnation werden.

Es wird aufgehalten wegen dir !

02.06.2005 um 02:59 Uhr

Südliches Blütenland XIX 13 (6)

von: tao

Das Leben ändert sich in jedem Augenblick –

von Moment zu Moment ist es ständig in Wandlung,

es wartet nicht auf uns oder auf unsere Regeln.

Jeder Moment ist neu. Und wenn die Regel veraltet ist,

werden wir immer fehlgehen und wir werden immer eine Störung sein.

Immer wenn ein Mensch da ist, der Regeln folgt,

wird er immer überall ein Störfall sein,

denn das Leben fließt immer weiter und er steckt fest mit der Regel.

Wenn wir nach innen schauen, dann sind wir doch alle festgefahren mit unseren Regeln.

In unserer Kindheit wurden uns Regeln gegeben

und wir sind genau dort stehen geblieben. Seitdem haben wir uns nicht mehr weiterbewegt.

Wir sind vielleicht im Stand gelaufen,

aber wir haben uns nicht vom Fleck bewegt.

Wir sind vielleicht schon alt geworden – siebzig Jahre alt –

aber tief innen bleiben wir festgefahren.

Die ganze Anstrengung in Richtung Transformation

ist, wie man wieder loskommt, wie man in Bewegung kommt,

wie man wieder ein Fließen wird und nicht eingefroren bleibt.

Sei nicht wie Eis -- gefroren;

werde wie Wasser, ein Fluß – fließend.

Regeln werden dir dies nie erlauben.

Das Leben erneuert sich ständig von selbst

und nur Verstehen kann da mithalten und situationsgerecht antworten.

 

01.06.2005 um 01:54 Uhr

Tao 6

von: tao

Totale Frustration zerstört alle Hoffnung,

man wird hoffnungslos, will heißen, man ist alle Hoffnung los.

Es gibt allerdings Unterschiede.

Wir werden auch oftmals hoffnungslos, aber es ist nicht total.

Sogar in unserer Hoffnungslosigkeit

ist irgendwo die Saat der Hoffnung verborgen.

Und wieder keimt sie auf.

Du machst Schluß mit einer Frau oder mit einem Mann;

du bist frustriert;

aber du hast nicht mit der Frau als solcher oder dem Mann als solchem Schluß gemacht.

Du hast nur die Beziehung zu einer bestimmten Frau beendet,

oder die Beziehung zu einem bestimmten Mann,

aber nicht zur Weiblichkeit,

nicht mit dem Phänomen des Weiblichen.

Tief in dir lauert eine Sehnsucht, auch in deiner Frustration,

daß es eine Frau geben muß,

die nur für dich gemacht worden ist.

Und mit der kannst du glücklich sein.

Du bist immer nur wegen Einzelnen frustriert,

aber nie über die Gesamtheit.

Frustration ist erst dann total,

wenn wir mit dem Gesamten frustriert sind.

Dann bewegt sich die Energie nach innen.

Sie beginnt, sich nach innen zu wenden.

Dann geht sie endlich einmal nicht aus, nicht immer nur nach außen.