Tao 21
Es passierte Ramakrishna – die erste Erfahrung der Egolosigkeit. Er war erst dreizehn. Er kam gerade vom Feld nach Hause – er war der Sohn eines armen Mannes und lebte in einem kleinen Haus. Gerade ging er am See vorbei. Ein stiller Abend, der Sonnenuntergang, und niemand war auf dem See; nur er kam zum See... Eine große Schar weißer Kraniche stand am Ufer des Sees. Plötzlich flogen sie auf – es war so plötzlich, es kam ganz unerwartet – und vor dem Hintergrund einer schwarzen Wolke, die im Schein der untergehenden Sonne wie Samt schimmerte, blitzten diese weißen Kraniche, die in einer Reihe flogen, wie ein Blitz vor seinen Augen. Es war ein ganz besonderer Moment !
Er fiel zu Boden. Er war so ergriffen von dieser Schönheit, daß er ohnmächtig wurde. Er mußte von anderen nach Hause getragen werden. Nach einer Stunde hatte ihn jemand gefunden, wie er immer noch bewußtlos am Ufer des Sees lag. Es dauerte sechs Stunden, bis man ihn wieder ins Bewußtsein zurückgebracht hatte. Als er wieder zu Bewußtsein kam, fing er zu weinen an. Und man fragte ihn: "Warum weinst du denn ? Du solltest glücklich sein -- du bist wieder zu Bewußtsein gekommen."
Er sagte: "Nein, ich weine, weil ich wieder zurück in die gewöhnliche Welt gekommen bin. Ich war nicht unbewußt. Ich hatte mich auf eine höhere Ebene des Bewußtseins begeben, ich war auf irgendeine neue Bewußtseinsebene gekommen. Ich weiß nicht, was es war, aber ich war nicht da und doch war da große Freude. Ich hatte noch nie solch eine Freude gekostet !"
Das war seine erste Erfahrung, sein erstes Satori: Ein Moment der Egolosigkeit. Dann begann er ganz überlegt und bewußt danach zu suchen und zu forschen. Er ging immer wieder am Morgen zu dem See, am Abend, in der Nacht, und es begann immer öfter und immer leichter sich zu ereignen.
Auch uns geschieht es; jedem ist das schon einmal passiert. Tao ist für jeden da. Wir mögen das vergessen haben; Tao hat uns nicht vergessen – es kann nicht. Es ist nicht nur so, daß wir nach Tao suchen; Tao sucht auch nach uns, es macht sich uns bemerkbar.
Der Taoismus rät also niemandem, das Ego aufzugeben. Der Taoismus rät dazu, es zu sehen, es zu verstehen. Wenn wir es sehen können, verschwindet es. Also ist es günstig, sich all der Momente bewußt zu werden und sie genau in Augenschein zu nehmen, wenn das Ego ganz von selbst verschwindet. Bei körperlicher Liebe kann es verschwinden, bei einem tiefen Orgasmus verschwindet es; wir schmelzen dahin und gehen auf in der Existenz.
