Tao 47
Kindisch zu sein ist häßlich; kindlich zu sein ist ein ganz anderes Phänomen. Kindisch zu sein bedeutet, zurückgeblieben zu sein; dann spielt man immer noch mit Spielzeug, mit Papierbooten und Sandburgen.
Wenn man wirklich reif ist, integriert, dann ist man kindlich, unschuldig, voll des Staunens und der Ehrfurcht, empfänglich für die Schönheit der Existenz, so sensitiv, daß das ganze Leben zu einem Überfließen der Liebe wird. Wir sind von solch einer schönen Existenz umgeben und wenn unser Herz nicht mit ihr tanzt, dann kann man uns nicht lebendig nennen. Wir müssen tot sein, wir müssen eine posthume Existenz leben, wir müssen schon im Grab sein. Und der Taoismus versucht uns aus unserem Grab herauszuholen. Taoismus ist der Ruf: "Lazarus, komm aus deinem Grab hervor !" Und wir haben schon lange Zeit in unserem Grab gelebt...
Gräber sind bequeme, sehr komfortable Aufenthaltsorte; eigentlich gibt es nichts bequemeres als das Grab. Nichts passiert mehr in einem Grab, keine Furcht, denn ein Tod ist ja nicht mehr möglich; keine Krankheit, kein Leiden, kein Alter. Wir können nicht mehr betrogen werden, wir können nicht mehr hintergangen werden, wir können nicht beraubt werden, wir können nicht bankrott gehen. Wir sind sicher und geschützt.
Das Leben ist unsicher. Das Leben ist grundsätzlich gefährlich. Und der Taoismus lehrt uns, wie wir lebendig sein können, wie wir gefährlich leben können, denn das ist der einzige Weg zu leben; es gibt keinen anderen Weg. Wenn wir sicher leben wollen, bequem, bedeutet das einfach, wir wünschen uns den Tod, wir sind suicidgefährdet, wir sind feige und auf der Flucht.
Unser Gefühl trügt uns nicht. Immer wenn wir etwas äußerst Signifikantem begegnen, entsteht Furcht in uns und wir zucken zurück. Wenn wir unsere Furcht zulassen können, bedeutet dies den Beginn des Lebens. Wenn wir es akzeptieren, können wir hindurchgehen. Und es wird uns nicht schaden; es wird uns helfen – es wird uns stärker machen als je zuvor. Wenn wir bewußt durch die Furcht gehen können, wird die Furcht verschwinden und wir werden aus diesem Feuer reiner hervorkommen, wie pures Gold.
Liebe ist der Tod des Ego, daher die Furcht. Das Ego hat sehr große Angst davor, sich auf Liebe einzulassen. Es kann so tun als ob, aber es kann sich nicht auf Liebe einlassen. Es kann nur bis zu einem gewissen Punkt darauf eingehen; darüber hinaus bekommt es Angst. Dann fängt es an, sich zusammenzuziehen und sich umzudrehen. Jeder, der jemals in Liebe gewesen ist, weiß das.
Und je wacher wir sind, desto tiefer kann unsere Liebe gehen. Wache Liebe ist Vertrauen, Vertrauen in das Unkennbare. Vertrauen heißt, wie ein Narr sich aufs unbekannte Meer zu begeben, das Ufer hinter sich zu lassen, wo all die Sicherheit war. Sich auf eine Liebesbeziehung mit Tao einzulassen heißt aus weltlicher Sicht verrückt zu werden.
