Taoistische Reflektionen

31.07.2005 um 18:00 Uhr

Tao 47

von: tao

Kindisch zu sein ist häßlich; kindlich zu sein ist ein ganz anderes Phänomen. Kindisch zu sein bedeutet, zurückgeblieben zu sein; dann spielt man immer noch mit Spielzeug, mit Papierbooten und Sandburgen.

Wenn man wirklich reif ist, integriert, dann ist man kindlich, unschuldig, voll des Staunens und der Ehrfurcht, empfänglich für die Schönheit der Existenz, so sensitiv, daß das ganze Leben zu einem Überfließen der Liebe wird. Wir sind von solch einer schönen Existenz umgeben und wenn unser Herz nicht mit ihr tanzt, dann kann man uns nicht lebendig nennen. Wir müssen tot sein, wir müssen eine posthume Existenz leben, wir müssen schon im Grab sein. Und der Taoismus versucht uns aus unserem Grab herauszuholen. Taoismus ist der Ruf: "Lazarus, komm aus deinem Grab hervor !" Und wir haben schon lange Zeit in unserem Grab gelebt...

Gräber sind bequeme, sehr komfortable Aufenthaltsorte; eigentlich gibt es nichts bequemeres als das Grab. Nichts passiert mehr in einem Grab, keine Furcht, denn ein Tod ist ja nicht mehr möglich; keine Krankheit, kein Leiden, kein Alter. Wir können nicht mehr betrogen werden, wir können nicht mehr hintergangen werden, wir können nicht beraubt werden, wir können nicht bankrott gehen. Wir sind sicher und geschützt.

Das Leben ist unsicher. Das Leben ist grundsätzlich gefährlich. Und der Taoismus lehrt uns, wie wir lebendig sein können, wie wir gefährlich leben können, denn das ist der einzige Weg zu leben; es gibt keinen anderen Weg. Wenn wir sicher leben wollen, bequem, bedeutet das einfach, wir wünschen uns den Tod, wir sind suicidgefährdet, wir sind feige und auf der Flucht.

Unser Gefühl trügt uns nicht. Immer wenn wir etwas äußerst Signifikantem begegnen, entsteht Furcht in uns und wir zucken zurück. Wenn wir unsere Furcht zulassen können, bedeutet dies den Beginn des Lebens. Wenn wir es akzeptieren, können wir hindurchgehen. Und es wird uns nicht schaden; es wird uns helfen – es wird uns stärker machen als je zuvor. Wenn wir bewußt durch die Furcht gehen können, wird die Furcht verschwinden und wir werden aus diesem Feuer reiner hervorkommen, wie pures Gold.

Liebe ist der Tod des Ego, daher die Furcht. Das Ego hat sehr große Angst davor, sich auf Liebe einzulassen. Es kann so tun als ob, aber es kann sich nicht auf Liebe einlassen. Es kann nur bis zu einem gewissen Punkt darauf eingehen; darüber hinaus bekommt es Angst. Dann fängt es an, sich zusammenzuziehen und sich umzudrehen. Jeder, der jemals in Liebe gewesen ist, weiß das.

Und je wacher wir sind, desto tiefer kann unsere Liebe gehen. Wache Liebe ist Vertrauen, Vertrauen in das Unkennbare. Vertrauen heißt, wie ein Narr sich aufs unbekannte Meer zu begeben, das Ufer hinter sich zu lassen, wo all die Sicherheit war. Sich auf eine Liebesbeziehung mit Tao einzulassen heißt aus weltlicher Sicht verrückt zu werden.

29.07.2005 um 19:31 Uhr

Tao 46

von: tao

Verstehen kommt nie,

weder als ein plötzliches Phänomen noch als ein allmähliches,

denn es ist immer da. Wir haben es schon jetzt.

Es wird nicht irgendwann in der Zukunft geschehen.

Wir tragen es schon in uns, genauso wie ein Samenkorn den Baum

oder wie eine Frau ein Kind in sich trägt. Wir tragen es gerade jetzt.

Nun hängt es als von uns ab:

Wenn unsere Intensität total ist, werden wir es plötzlich aktualisieren,

wenn unsere Intensität nicht total ist,

werden wir es nach und nach, schrittweise, aktualisieren.

Aber Verstehen kommt niemals zu uns – wir verstehen schon.

Bewußtheit ist nicht etwas, was uns passiert –

wir sind Bewußtheit.

Wenn wir dies verinnerlichen, dann ist es eine Entscheidung, unsere Entscheidung.

Je wichtiger es uns ist, desto mehr verbrennt das Feuer dieser obersten Priorität

all das, was das Verstehen bedeckt und umhüllt,

und plötzlich ist das Licht da.

Aber es liegt an uns.

Es ist nicht Teil der Natur von Wachheit,

ob sie allmählich oder plötzlich geschieht.

Wir sind verantwortlich, doch wenn dir diese Verantwortung leugnen,

dann werden Philosophien erschaffen und Schulen gegründet.

29.07.2005 um 02:18 Uhr

Lao-tse 12

von: tao

Mit Lao-tse kann man sich jetzt befassen. Zu seiner eigenen Zeit konnte die Welt ihn nicht verstehen, denn die Leute jener Zeit waren nicht so unentwirrbar komplex , als daß Lao-tse ihr Arzt hätte sein müssen. Die Leute waren nicht so bekümmert und verwirrt, um ihn verstehen zu können. Die Leute waren bis dato noch nicht in die Welt des Wettbewerbs eingeweiht worden. Nicht einer gierte nach dem ersten Platz, der ersten Reihe, als daß er den Ausspruch hätte verstehen können, der letzte zu sein. Jetzt jedoch stehen wir in vorderster Front. Zu Lao-tses Zeit hatten die Leute nicht solchen materiellen Wohlstand im Überfluß, als daß sie die Freude, ohne einen Cent dazustehen, hätten verstehen können. Jetzt ist in der Welt soviel Wohlstand und Reichtum angehäuft worden, daß nun Armut als eine Freiheit erscheinen kann.

Ein Vorfall im Leben des Konfuzius kommt in den Sinn. Er ging gerade durch ein Dorf, als er einen Mann und dessen Sohn sah, angeschirrt an das Wasserrad, wie sie Wasser aus dem Brunnen schöpften. Konfuzius war schockiert. Er ging zu dem alten Mann und sagte: "Weißt du nicht, daß die Leute jetzt Pferde oder Ochsen verwenden, um Wasser aus dem Brunnen zu schöpfen ? In der Hauptstadt gibtes auch Maschinen, die diese Arbeit tun." Der alte Mann sagte: "Bitte sprich ganz leise, damit mein Sohn dich nicht hören kann. Komm später noch mal." Konfuzius war jetzt noch mehr perplex, aber er kam nach einiger Zeit wieder zurück, denn er war neugierig darauf, was er erfahren würde. Der alte Mann lag nun unter einem Baum. "Ich bin mir sehr wohl der Tatsache bewußt, daß heutzutage Pferde und Ochsen verwendet werden, um Wasser aus dem Brunnen zu holen," sagte er dem Konfuzius. "Ich weiß auch, ich könnte die Zeit und Energie meines Sohnes sparen, wenn ich ein Pferd verwenden würde, aber was soll ich mit der ungenutzten Energie meines Sohnes anfangen ? Ich habe dafür keine andere Verwendung. Bitte lass deine Pferde und Maschinen in deinen Städten verbleiben. Bring sie nicht hierher."

Aber diese Nachrichten über Maschinen konnten nicht daran gehindert werden, sich zu verbreiten. Nach und nach verbreiteten sich über das ganze Land und der Mensch wurde durch Maschinen ersetzt. Der alte Mann war ein Nachfolger von Lao-tse. Aber es war Konfuzius, der damals gewann. Jetzt jedoch ist Lao-tse an der Reihe, den Sieg davonzutragen, denn wo immer die Maschinen alles komplett übernommen haben, entsteht diese Frage aufs neue. Was soll der Mensch mit der Zeit anfangen, die ihm jetzt zur Verfügung steht ? Was soll er mit der ungenutzten Energie machen ? Die Zeít und die Energie, die nicht konstruktiv genutzt wird, wird notwendigerweise mißbraucht werden, denn Energie muß zu etwas gebraucht werden. Wie Jean Paul Sartre sagt: "Du kannst wählen, aber du kannst nicht wählen, nicht zu wählen." Energie wird konstruktiv genutzt werden müssen oder sie wird destruktiv zur Anwendung kommen.

28.07.2005 um 13:19 Uhr

Tao 45

von: tao

Von Edison wird erzählt, daß er an einem Experiment herumprobierte, an dem er siebenhundertmal scheiterte. Seine Kollegen verzweifelten schon. Drei Jahre waren schon daran verschwendet worden und er versuchte immer noch und immer wieder neue Alternativen. Und jeden Morgen kam er wieder mit großem Enthusiasmus – mit demselben Enthusiasmus, mit dem er am ersten Tag gekommen war.

Und drei Jahre waren schon vergeudet worden.

Eines Tages kamen seine Kollegen zusammen und sagten zu ihm: "Wir verstehen das nicht. Wir sind schon siebenhundertmal gescheitert. Es ist nun wirklich Zeit, dieses Herumexperimentieren sein zu lassen." Von Edison wird berichtet, er habe gesagt: "Was sagt ihr denn da – gescheitert ? Wir haben gelernt, daß siebenhundert Alternativen falsche Alternativen waren. Das ist eine großartige Erfahrung gewesen ! Heute werde ich auch nicht das gleiche Experiment versuchen. Ich habe eine andere Versuchsanordnung gefunden. Wir kommen der Wahrheit immer näher. Wieviele falsche Alternativen kann es denn noch geben ? Es muß eine Grenze geben. Wenn es eintausend falsche Alternativen gibt, dann haben wir siebenhundert schon abgehakt und es bleiben nur noch dreihundert. Und dann werden wir zum richtigen Punkt kommen."

Das ist Lernen. Ein Experiment ausprobieren, sehen, daß es nicht funktioniert, eine Alternative versuchen, sehen, daß sie nicht funktioniert, der weise Mensch läßt es wieder sein. Der Narr hält sich daran fest. Der Narr nennt das konsequent sein. Der Narr sagt: "Ich machte es gestern so und heute werde ich es auch wieder so tun. Und morgen werde ich es auch so machen." Er ist stur; hartnäckig. Er sagt: "Wie kann ich es wieder aufgeben ? Ich habe soviel dahinein investiert. Ich kann es nicht mehr ändern." Dann besteht er ständig darauf und sein ganzes Leben ist vergeudet. Und so wie der Tod näher kommt, ist er verzweifelt, er ist hoffnungslos. Tief drinnen im Bauchgehirn weiß er sehr genau, daß er scheitern wird. Er hat soviele Male versagt und immer noch versucht er dasselbe, ohne irgendetwas daraus zu lernen.

Dies erzeugt Neurose. Der Mensch, der lernfähig ist, wird niemals neurotisch werden.

Ein Taoist wird niemals neurotisch werden. Ein Taoist ist jemand, der lernfähig ist. Anstatt gebildet zu werden und allwissend zu sein ist es besser immer im Lernprozeß zu bleiben.

Die Bildung und das Wissen macht die Leute neurotisch. Es nicht bloß ein Zufall, daß Philosophen, Psychiater und Gelehrte so leicht verrückt werden. Sie haben gelernt, studiert und sind zu der Schlußfolgerung gelangt, daß es jetzt nichts mehr zu lernen gibt. In dem Moment, in dem wir beschließen, daß es nichts mehr zu lernen gibt, haben wir aufgehört zu wachsen. Das Wachstum zu blockieren ist Neurose.

26.07.2005 um 11:41 Uhr

Tao 44

von: tao

I Ging, Tarotkarten, was auch immer – immer das gleiche:

Wir kriegen das heraus, was wir herauskriegen wollen.

Wenn wir also sowieso das tun, was wir tun wollen,

warum dann dem armen I Ging die Verantwortung zuschieben ?

Es ist besser, selbst die Verantwortung für das zu übernehmen,

was wir tun wollen,

und es zu tun.

Das sind doch alles Tricks !

Ja, alles ist in allem enthalten,

sogar im I Ging.

Das ganze Universum ist in allem enthalten,

anders ist nichts möglich. So ist die Existenz.

In jedem Teil ist die Totalität enthalten, das Ganze ist mitumfaßt.

Wohin wir uns auch wenden, wir wenden uns der Ganzheit zu,

aber wie wir es entziffern werden, hängt von unserem Verstehen ab.

Der entscheidende Faktor ist also unser Verstehen.

Mit was wir uns auch beschäftigen, sei es das I Ging oder sonst etwas,

es geht immer um uns und unser Verständnis.

Statt unsere Zeit mit irgendetwas anderem zu verschwenden,

ist es besser, hier weiterzuwachsen.

Das Leben ist wirklich kurz und viel bleibt zu tun.

Anstatt mit Reflektionen herumzuspielen,

ist es wohl besser,

sich mit dem zu beschäftigen, was diese Reflektionen hervorruft:

Wir selbst, unser Denken, unser Verstehen.

26.07.2005 um 01:40 Uhr

Tao 43

von: tao

Neurotisch bedeutet, wir tragen solche Denkgebäude mit uns herum, daß wir unter dieser Last zusammenbrechen. Wir können uns nicht mehr bewegen, gar nicht zu reden davon, daß unser Bewußtsein fliegen könnte. Wir können nicht einmal kriechen – die Belastung ist zu groß. Und es wird uns ständig jeden Moment noch mehr aufgebürdet. Man kriegt einen Sprung. Das ist ganz natürlich.

Neurose ist die Maus, die es ständig am falschen Ende probiert, immer wieder in die Sackgasse läuft, ohne etwas zu lernen. Ja, nicht zu lernen ist Neurose – das ist eine Definition für Neurose. Wir rennen immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand und finden nicht den Ausgang.

Wir sind wieder mal wütend. Wie oft sind wir schon wütend gewesen ? Und wie oft haben wir es schon bereut, daß wir wieder wütend waren ? Und doch, gib uns einen Anlaß, einen Stimulus, einen Auslöser, und unsere Reaktion wird wieder dieselbe sein. Wir haben nichts, aber auch gar nichts gelernt. Wir sind gierig gewesen und Gier hat immer mehr Unglück erzeugt. Wir wissen das – Gier hat niemals irgendwem Glückseligkeit gegeben – aber trotzdem sind wir immer noch gierig, wir werden immer noch gierig. Wir lernen einfach nicht dazu.

Nicht-Lernen erzeugt Neurosen, ist eine Neurose.

Lernen bedeutet Assimilation. Wir versuchen etwas und dann finden wir heraus, daß es nicht funktioniert. Wir lassen es sein. Wir gehen in eine andere Richtung, wir versuchen eine andere Alternative. Das ist weise, das ist intelligent. Aber sich immer wieder den Kopf an der Wand blutig schlagen, obwohl wir ganz genau wissen, daß da keine Türe ist, das ist Neurose.

Und die Menschen werden immer neurotischer, weil sie ständig in die Sackgasse laufen und immer wieder das versuchen, was nicht funktioniert. Der Mensch, der lernfähig ist, wird niemals neurotisch – er kann es nicht werden. Er sieht augenblicklich den entscheidenden Punkt: Dies ist eine Wand. Also läßt er es sein, denkt nicht einmal mehr daran und fängt lieber an, sich in andere Dimensionen zu begeben. Es sind immer Alternativen möglich. Er hat etwas gelernt.

25.07.2005 um 14:03 Uhr

Tao 42

von: tao

Im I Ging werden wir einen Spiegel finden.

Wenn ein Erwachter das I Ging liest, wird dies total anders sein,

denn der Spiegel wird einen Erwachten zeigen.

Wenn Lao-tse das I Ging liest, wird es Lao-tse zeigen.

Wenn wir es lesen, werden wir natürlich uns selbst sehen.

Wir können nur unser Gesicht sehen.

Wir müssen uns also keinen Streß machen. Je wacher wir werden,

desto mehr lohnt es sich, in den Spiegel zu schauen.

Aber kein Erwachter macht sich die Mühe, in den Spiegel zu schauen. Das ist der Witz.

Kein wacher Mensch kümmert sich darum, in denSpiegel zu schauen, denn tief innen

kennt er sein eigenes Wesen so gut, so intensiv,

daß es nicht mehr eines Spiegels bedarf, um sich kennenzulernen.

Wir brauchen einen Spiegel – aber dann zeigt der Spiegel einfach uns.

Und wir machen uns laufend etwas vor.

Was auch immer wir lesen wollen, das werden wir lesen,

und die Verantwortung werden wir auf das I Ging schieben.

Einst ging Mulla Nasruddin nicht ins Büro.

Den ganzen Tag hatte er schlafend im Bett verbracht,

ohne sich um irgendetwas in der Welt zu kümmern.

Ein Freund fragte ihn: Nasrudin, warum hast du dir für heute frei genommen ?

Er sagte: Da konnte ich nichts machen. Ich warf am Morgen eine Münze

um zu sehen, ob ich ins Büro gehen sollte oder nicht –

wenn sie Kopf zeigen würde, würde ich gehen müssen,

wenn sie Zahl zeigen würde, könnte ich einen freien Tag genießen.

Der Freund fragte: Sie zeigte also Zahl und du konntest einen freien Tag genießen ?

Er sagte: Ja, aber ich mußte die Münze zehnmal werfen,

bis sie Zahl zeigte.

Und so geschieht das immer, so spielt es sich regelmäßig ab.

24.07.2005 um 13:47 Uhr

Tao 41

von: tao

Wenn wir also unser Selbst-Vertrauen fallen lassen, ja sogar das Selbst aufgeben,

dann können wir plötzlich feststellen,

daß Erblühen nicht etwas ist, das uns passiert;

Wachheit ist unsere eigentliche Natur,

unser eigentliches Wesen ist die Blüte.

Wenn das Selbst nicht ist – ist es;

dann sind wir selbst es.

Alle Vertröstungen können wir vergessen.

Erinnern wir uns nur an

die berühmte Geschichte

von dem Fuchs und den Trauben.

Einer der ganz außergewöhnlichen Menschen, Äsop, schrieb sie.

Ein Fuchs kommt in die Nähe eines Baumes,

und der Baum ist voll mit Weinreben, Weintrauben.

Er springt hoch, er bemüht sich sehr,

aber er kann die Trauben nicht erreichen, sie sind zu weit weg,

seine Sprünge sind nicht hoch genug.

Dann schaut er sich um – hat jemand zugeschaut ?

Ein kleiner Hase spitzt aus einem Busch heraus,

und er fragt: Onkel, was ist denn los ?

Konntest du nicht an die Trauben kommen ?

Er sagt: Nein, mein Kleiner, darum geht es gar nicht.

Die Trauben sind sauer.

Das ist eine Vertröstung.

Die Trauben sind niemals sauer –

zumindest die Trauben des Erblühens;

niemals sauer;

sie sind immer reif und süß;

und wenn wir sie nicht erreichen können,

ist es besser, einfach zu verstehen zu versuchen, warum wir gezwungen sind, zu warten,

anstatt uns damit zu vertrösten, daß wir das Warten lieben.

Wir zwingt uns denn zum Warten ?

Wir werden niemanden anderen finden,

als bloß uns selbst,

das Selbst und dieses Selbst-Vertrauen, das von sich so überzeugt ist.

23.07.2005 um 00:39 Uhr

Tao 40

von: tao

Die eigene Einzigartigkeit zu erkennen

heißt das eigene Selbst zu realisieren.

Dies zu kennen heißt alles zu kennen.

Wenn wir dies nicht kennengelernt haben,

ist alles, was auch immer sonst wir wissen,

bloß Schrott und Mist.

Wenn wir dies eine erkennen,

das Original in uns –

das Namenlose,

denn das Ursprüngliche kann keinen Namen haben;

das Formlose,

denn das Ursprüngliche kann keine Form haben;

das Unbekannte,

denn das Ursprüngliche kann nicht bekannt sein;

unerforscht, undurchdringlich, unberührt,

nur dann

kommen wir dazu, die Ekstase der Existenz zu fühlen,

die Schönheit der Existenz.

22.07.2005 um 02:13 Uhr

Tao 39

von: tao

Wenn etwas aufgeschrieben wird,

muß Sprache verwendet werden.

Doch wichtiger sind die Lücken

zwischen den Worten.

Was zählt, ist die Leere

zwischen den Zeilen.

Dann kann ein Verstehen hochkommen,

und plötzlich

wie ein Blitz

Originalität.

Aber das ist nicht Teil des Denkens.

Das Denken ist ein Mechanismus.

Es kann nicht originell sein;

es ist nicht einmal lebendig – wie kann es originell sein ?

Es ist sozial.

Daher bestehen all die, die wach sind, darauf,

daß wir nicht die Wahrheit erkennen können werden,

bevor wir nicht das Denken sein lassen,

denn die Wahrheit ist immer ursprünglich und originell.

Das Denken: immer ausgeborgt;

die Wahrheit: immer originell.

Denken und Wahrheit können nicht zusammenkommen.

Meditation heißt, zum Nicht-Denken zu gelangen,

zu einem Zustand des ohne Gedanken sein.

In dieser Offenheit, ohne Gedanken zu sein,

in diesem besonderen Raum,

plötzlich

werden wir rein, unschuldig, unverfälscht.

Niemals zuvor sind wir so gewesen,

niemand ist jemals zuvor schon so gewesen,

niemand wird jemals wieder so sein.

Einzigartig.

21.07.2005 um 16:56 Uhr

Tao Te King 47/9

von: tao

Unsere Armut ist kein Informationsmangel,

unsere Armut ist existentiell.

Wir sind armselig

und ständig verstecken wir diese Armseligkeit

durch Anhäufen von Dingen.

Und Bildung ist auch dinglich:

Worte, Theorien, Philosophien, Systeme, Theologien –

alles Dinge;

subtil, abstrakt,

aber trotzdem sächlich.

Wir wachsen nicht, wir bleiben dieselben,

und wir erzeugen eine Verblendung um uns herum,

daß wir zu Wissen gekommen sind.

Diese Sprüche von Lao-tse

sind in diesem Sinn zu verstehen.

"Ohne daß man zur eigenen Türe hinausgeht,

kann man wissen, was in der Welt so vor sich geht."

Denn

tief drinnen sind wir die Welt.

Die Welt ist nichts als wir im großen Maßstab.

Tatsächlich ist es nicht nötig, irgendwohin zu gehen

um irgendetwas kennenzulernen;

wenn wir uns selbst kennen, haben wir die ganze Menschheit kennengelernt,

wenn wir unseren Ärger kennen, haben wir allen Ärger kennengelernt,

wenn wir unsere Gewalttätigkeit kennen, haben wir alle Kriege kennengelernt;

nicht nötig, in den Irak zu gehen, nicht nötig, nach Jugoslawien zu gehen, nicht nötig, nach Palästina zu gehen,

nach Korea, Vietnam, oder sonstwohin,

wenn wir unsere Gewaltbereitschaft kennen,

haben wir alle Gewalt kennengelernt.

Wenn wir unsere Liebe kennen,

haben wir alles kennengelernt –

die ganze Geschichte der Liebe;

was niemals aufgeschrieben wurde, was niemals bekannt wurde, sogar das können wir wissen,

denn wir sind die Saat, wir sind der Ursprung !

19.07.2005 um 01:08 Uhr

Lao-tse 11

von: tao

Lao-tse ist unbegrenzt, sogar wenn er im Körper ist, denn er weiß, er ist nicht der Körper. Lao-tse ist grenzenlos, wenn er den Körper verläßt. Für ihn ist es kein Unterschied: Ob er im Körper lebt oder ob er den Körper verläßt, ist dasselbe. Wir leben in einem Haus, aber wir denken nicht, daß wir das Haus sind. Genau so lebt ein erwachtes Bewußtsein im Körper, es benutzt den Körper genau so, wie wir ein Auto benutzen. Wir sitzen in dem Auto, wir fahren das Auto; wir wissen, daß wir nicht das Auto sind. Wir können jeden Moment aussteigen. Wir brauchen nicht erst auf einen Unfall zu warten, in dem das Auto zerstört wird, um zu spüren, daß wir nicht das Auto sind. Und wenn wir es nicht wissen würden, wenn das Auto da ist und wir in ihm, wir würden wir es wissen, wenn das Auto nicht da ist ? Bloß durch den Tod des Körpers werden wir nicht wissen, daß wir unbegrenzt sind.

Entweder sind wir hierjetzt grenzenlos, oder wir werden es niemals sein. Unendlichkeit ist unsere Natur.

Das wirkliche Problem ist nicht der Körper. Der Körper ist nicht der Schuldige, wie es die sogenannten Religionen uns gesagt haben: "Der Körper ist schuld !" Der Körper ist überhaupt nicht schuld. Der Körper ist völlig unschuldig und schön. Der Schuldige ist das Denken, das Denken ist der Teufel. Wir werden das Denken auflösen müssen, daher der Drang, daher die Absicht all der Methodologien, die durch alle Zeiten entwickelt worden sind: Tao, Yoga, Tantra, Zen, Hassidismus.

Wenn wir ein Fluß werden, ist nichts mehr nötig. Das ist es, was das Geheimnis der goldenen Blüte sagt: Erreiche Untätigkeit durch Tätigkeit, erlange Anstrengungslosigkeit durch Anstrengung. Aber zuerst kommt die Anstrengung, die Aktion. Sie wird dich schmelzen lassen, und dann beginnen die Flüsse zu fließen. In eben diesem Fließen hat er den Ozean erreicht.

18.07.2005 um 12:46 Uhr

Lao-tse 10

von: tao

Die Zeit ist nun gekommen, wir müssen wohl innerhalb der nächsten dreißig bis vierzig Jahre eine Entscheidung treffen. Daher ist es äußerst angemessen, über Lao-tse nachzudenken.

Es ist wahr, Lao-tse erscheint heutzutage konträr. Der Mensch ist sehr komplex und Lao-tse redet über Einfachheit. Der Mensch ist sehr arrogant und egoistisch und Lao-tse redet über Bescheidenheit. Der Mensch ist versessen darauf, alle Höhen zu erklimmen, den Mars zu erreichen und die Sterne, und Lao-tse spricht über die Regel, in die Täler und Abgründe hinabzugehen. Der Mensch möchte erster sein und Lao-tse sagt, es gibt keinen Weg, die Seligkeit der Existenz zu erlangen, außer den, der allerletzte zu sein ! Es ist also offensichtlich, in solch einem gegensätzlichen Zeitalter, wer wird da auf Lao-tse hören ?

Aber wenn man ein Extrem erreicht, dann ist man bereit, sich zum anderen Extrem hin zu verändern. Wir haben das Ende der Komplexität erreicht, nun gibt es wohl nichts mehr darüber hinaus, und jetzt kann das Gegenteil in unserem Verstehen Fuß fassen. Wenn ein Mensch den ganzen Tag geschuftet hat und erschöpft ist, nur dann kann er die Bedeutung des Schlafes verstehen. Schlaf ist der Gegensatz zu Arbeit, aber wenn ein Mensch nicht müde ist, was dann ? Und das passiert ja immer mehr. Diejenigen, die ihr Auskommen haben, Privatier sind oder auf Rente, arbeitslos oder ihr Geld arbeitet für sie, die brauchen tagsüber nicht sich abzuarbeiten. Und dann beschweren sie sich, daß sie nachts nicht schlafen können. Sie denken, sie hätten ein Recht auf mehr Ruhe, aber sie irren, denn Entspannung kommt nur zu dem, der ausreichend sich abgemüht hat.

Nur schwere Arbeit ist der Weg zur Tiefenentspannung und diese wiederum erzeugt die Energie, um sich wieder auf neues Schaffen einzulassen.

Die Existenz ist wie der Strom, der zwischen den Ufern der zwei Gegensätze fließt.

Wir haben lange genug an dem Ufer des männlichen Bewußtseins gelebt. Die Zeit ist nun für uns gekommen, hinüberzuwechseln zum gegenüberliegenden Ufer des weiblichen Bewußtseins. Indem wir das tun, können wir ein Gleichgewicht finden und die richtigen Bedingungen herstellen. Die Zeit ist reif für Veränderung. Deswegen ist es wohl nicht ausgeschlossen, daß wir, obwohl äußerst komplex, Lao-tse verstehen können. Wir haben nun mal eine Stufe erreicht, wo wir nur noch die Sprache der Entspannung verstehen können. Der Mensch hat tatsächlich den Punkt erreicht, wo das männliche Bewußtsein sich vollständig manifestiert hat. Es hat sein Maximum erreicht, von wo aus es kein weiter mehr gibt. Es hat den Punkt der Sättigung erreicht. Wenn die Spannung komplett ist, ist der Punkt der Entspannung erreicht. Wenn ein Mensch rennt, rennt und immer weiter rennt, fällt er schließlich um und stoppt. Was ist denn das Endziel eines Rennens ? Es ist nichts anderes als ein Fall und ein Halt. Es endet im Gegenteil.

18.07.2005 um 02:07 Uhr

Tao 38

von: tao

Im Warten liegt keinerlei Wonne –

Warten ist immer ein Elend,

Warten heißt immer, in der Mitte zu hängen,

sich in einem Zwischenzustand zu befinden;

Warten ist immer angespannt,

ein Erleiden –

wer würde sonst etwas erreichen wollen ?

Auf was und wofür warten wir eigentlich ?

Wir warten darauf, daß wir ankommen !

Warten kann nicht schön sein – aber wir können versuchen,

uns zu trösten.

Besser ist es, das Selbst aufzugeben,

und falsche Tröstungen sein zu lassen,

denn außer uns selbst wird dadurch niemand hinters Licht geführt.

Wir täuschen damit niemanden,

aber uns selbst können wir etwas vormachen,

und das in Ewigkeit.

Besser ist es, das Selbst loszulassen, zuviel Selbstvertrauen aufzugeben,

es ist egoistisch,

und plötzlich kann Wandlung geschehen –

es ist nicht nötig, darauf zu warten !

Das Warten besteht aufgrund der Hindernisse, die wir uns selbst schaffen.

Wachheit stellt uns keine Behinderungen in den Weg.

Tao übt keine Abstoßung gegen uns aus.

Niemand macht uns irgendwelche Schwierigkeiten.

Wenn wir nicht weiterkommen, liegt es einzig an uns.

17.07.2005 um 02:10 Uhr

Lao-tse 9

von: tao

Was auch immer Lao-tse gesagt hat, ist 2.500 Jahre alt. Aber in gewisser Weise ist es so frisch wie der Morgentau. Es ist neu, weil es niemals in die Praxis umgesetzt worden ist. Es ist neu, weil der Geist des Menschen keinen einzigen Schritt in seine Richtung getan hat. Die Straße ist absolut unberührt und jungfräulich. Es ist alt wegen der Tatsache, daß Lao-tse schon vor 2.500 Jahren Neuigkeiten über diesen Weg mitteilte. Es ist neu, weil seine Mitteilungen bis heute nicht gehört und beachtet worden sind. Heute ist es wie niemals zuvor eine dringliche Notwendigkeit geworden, dieser Botschaft Gehör zu schenken. Der Mensch hat vom männlichen Denken Gebrauch gemacht und die Resultate gesehen. Unsere Geschichte der letzten 2.000 Jahre ist die Geschichte des Experimentes mit dem männlichen Denken. Seit 2.500 Jahren haben wir Gebrauch gemacht von Logik, Kampf, Gewalt, Aggression und ehrgeizigen Eroberungen. Der Mensch ist von Tag zu Tag unglücklicher geworden. Was auch immer wir unbedingt erreichen wollten, wir haben es nicht erreicht. Was immer wir hatten, wir haben es verloren. Dies war das Resultat dieses Experimentes. Wir waren erfolglos. Als Lao-tse sprach, hatte das männliche Bewußtsein noch nicht diesen Fehlschlag erlitten. Deswegen hörte man nicht auf Lao-tse. Es wäre wohl besser, wenn man sagen würde, daß Lao-tse 2.500 Jahre vor seiner Zeit geboren wurde. Das war sein Fehler. Er hätte heutzutage geboren werden sollen. Heute hätte man auf ihn gehört. Es war, als ob die Krankheit noch nicht da war, und der Heiler kam schon vorher. Wenn er dann über die Arznei spricht, kümmert es keinen, niemand hört zu, denn die Krankheit war noch nicht da, für deren Heilung er Vorschläge machte. Nun ist die Krankheit aufgekommen während dieser 2.500 Jahre, und ihre Heilung ist nur Lao-tse. Das Experiment mit dem männlichen Denken ist fehlgeschlagen. Es hat uns buchstäblich an die Schwelle des totalen Krieges geführt. Es scheint keinen Weg mehr zu geben, der uns weiter führt. Entweder wird die menschliche Rasse zu ihrem Ende kommen und der Mensch wird einen anderen Weg gehen müssen. Deswegen ist es nützlich, Lao-tse wiederzuentdecken. Lao-tse kann ausgewählt werden, die Welt heutzutage anzuführen – er muß es sogar. Wenn der Mensch sich retten möchte, werden Qualitäten des weiblichen Bewußtseins etabliert werden müssen oder es gibt sonst keine Hoffnung mehr auf ein Überleben der menschlichen Rasse. Der Mensch hat es nicht geschafft, eine Welt auf der Basis des männlichen Bewußtseins zu erschaffen; aber tiefer als das männliche ist das weibliche Element. Wir konnten kein Leben erzeugen unter Außerachtlassung des weiblichen Elementes. Wir haben die Welt in ein großes Irrenhaus verwandelt. Wir konnten die Welt nicht zu einer einzigen Familie machen. Wenn die Frau nicht das Zentrum ist, wir ein Haus eine Irrenanstalt. Eine Frau im Zentrum ist nützlich, um tausend verschiedene Spannungen zu absorbieren. Wenn die Frau in der Mitte unserer Kultur stände, wäre sie imstande, tausenderlei Spannungen aufzulösen. Wir werden das weibliche Bewußtsein zur Grundlage unserer Kultur machen müssen.

16.07.2005 um 02:58 Uhr

Tao 37

von: tao

Sogar ein Buddha wird unoriginell,

wenn er spricht.

Sein Wesen ist originell,

aber wenn er die Sprache benutzt....

Nochmal: Das Denken muß benutzt werden,

das Gedächtnis muß verwendet werden.

Die Sprache gehört zu anderen, nicht zu uns;

wir haben keine Sprache mit in die Welt gebracht,

wir haben natürlich ein frisches Wesen mitgebracht,

aber die Sprache ist von der Gesellschaft vorgegeben worden,

von anderen,

also muß sogar ein Buddha eine geborgte Sprache verwenden.

In dem Moment, in dem Buddha etwas sagt,

geht die Originalität verloren.

Und wenn man einem Buddha zuhört,

nicht seinen Worten,

sondern wenn wir durch die Worte eine Ahnung von seinem Wesen erhalten,

dann werden wir Originalität fühlen,

dann ist dort die Lotusblüte,

jedes Blütenblatt frisch,

genau wie die Tropfen des Morgentau –

aber dann müssen wir durch die Sprache, durch die Worte, hindurchdringen.

Wenn Buddha kommuniziert, stellt er auch Gemeinschaft her.

Er sagt etwas und er auch etwas.

Wenn wir auf seine Worte hören,

können wir sie in den Upanishaden finden, in den Veden,

oder sonstwo,

aber wenn wir auf sein Sein hören, nicht auf seine Worte,

wenn wir auf sein Herz hören, den Herzschlag, den Rhythmus seines Seins,

wenn wir auf sein Atmen hören,

auf die Art und Weise, wie er ist,

gerade jetzt, in diesem Moment,

das Wunder, das er ist,

die Magie, die er ist – wenn wir auf das hören,

dann kann keine Upanishad irgendetwas darüber berichten.

Dieser Mensch ist niemals zuvor da gewesen !

Er ist zum ersten Mal hier;

er ist ursprünglich.

15.07.2005 um 14:14 Uhr

Tao 36

von: tao

Neurosen sind in der Vergangenheit niemals so epidemisch gewesen, wie sie es jetzt sind. Die Neurose ist schon fast ein normaler Zustand des menschlichen Denkens geworden.

Die Vergangenheit war spirituell gesünder, und der Grund dafür war, daß das Denken nicht gleichzeitig mit sovielen Dingen gefüttert wurde; das Denken war nicht überladen. Das moderne Denken ist überlastet, und all das, was unassimiliert bleibt, erzeugt Neurose. Das ist genau so, wie wenn wir immerzu essen und unseren Körper vollstopfen würden. All das, was nicht vom Körper verdaut wird, wird sich als giftig erweisen. Und was wir essen ist weniger wichtig, als das, was wir hören und sehen. Von unseren Augen, von unseren Ohren, von all unseren Sinnen empfangen wir laufend in jedem Moment tausenderlei Dinge. Und es gibt keine Extra-Zeit für die Assimilation. Das ist so, wie wenn man ständig am Esstisch sitzen würde, und vierundzwanzig Stunden tagtäglich essen und essen würde. Dies ist die Situation des modernen Denkens: Es ist überladen; soviele Dinge belasten es. Da ist es eigentlich keine Überraschung mehr, wenn es dann zusammenbricht. Für jeden Mechanismus gibt es eine Grenze. Und das Denken ist eines der subtilsten und delikatesten Mechanismen.

Ein wirklich gesunder Mensch ist einer, der fünfzig Prozent seiner Zeit dafür hernimmt, um seine Erfahrungen zu assimilieren. Fünfzig Prozent Tätigkeit, fünfzig Prozent Untätigkeit – das ist die richtige Balance. Fünfzig Prozent Denken, fünfzig Prozent Meditation – das ist das Heilmittel für Neurosen, das ist die Kur.

Meditation ist nichts als eine Zeit, in der man sich in sich selbst völlig entspannen kann, wenn wir all unsere Türen schließen, all unsere Sinne den äußeren Reizen entziehen. Wir verschwinden von der Welt. Wir vergessen die Welt, als wenn sie nicht mehr existiert – keine Zeitungen, kein Radio, kein Fernsehen, keine Leute. Wir sind allein in unserem innersten Wesen, entspannt, zuhause.

In diesen Momenten wird all das, was sich so angehäuft hat, assimiliert. Das, was wertlos ist, wird hinausgeworfen. Meditation funktioniert wie ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite assimiliert sie all das, was nahrhaft ist, und auf der anderen Seite verwirft sie alles, was Mist ist, und schmeißt es raus.

Aber Meditation ist von der Welt verschwunden. Früher waren die Leute von Natur aus meditativ. Das Leben war unkompliziert und die Leute hatten genut Zeit, um bloß dazusitzen und nichts zu tun oder sich die Sterne anzuschauen oder den Bäumen zuzuschauen oder den Vögeln zuzuhören. Die Leute hatten Intervalle von tiefer Passivität. In diesen Momenten werden wir immer wieder gesund und ganz.

14.07.2005 um 02:39 Uhr

Tao 35

von: tao

Originalität ist nicht möglich, nur fiktive Originalität ist möglich.

Das Denken bleibt tot, es ist Erinnerung.

Soll dies dann heißen,

daß es keine Möglichkeit gibt, originell zu sein ?

Nein, das heißt es nicht.

Gedachtes kann nicht originell sein, kein Gedanke kann das sein,

es gibt keine Originalität im Denken.

Originalität im Sein ist möglich.

Wir können originell sein, aber wir können nicht originell denken.

Ein Bertrand Russell ist nicht originell, kann es nicht sein –

ein sehr tiefgründiger Denker, aber nicht originell.

Ein Lao-tse kann originell sein –

nicht in seinem Denken, in seinem Sein;

so, wie er ist, völlig unberührtes Neuland.

Keiner ist schon vor ihm dort gewesen.

Er ist absolut frisch,

neu geboren,

sich wandelnd von Moment zu Moment, lebendig,

niemals unlebendiger Starrheit gestattend, in ihm Fuß zu fassen.

Das Wesen kann originell sein, der Gedanke kann nicht originell sein.

Denker sind niemals originell,

nur Nicht-Denker sind es – um es mal so zu benennen.

Wenn wir zum Leersein gelangen, tief in uns,

werden wir originell sein.

Was auch immer aus dieser Leere entsteht,

ist immer neu.

Aber diese Unterscheidung zwischen Denken und Sein ist wichtig.

12.07.2005 um 15:19 Uhr

Tao 34

von: tao

Es ist unmöglich,

absolut unmöglich, einen originellen Gedanken zu haben.

Denn

Denken ist Erinnerung,

Denken ist die Vergangenheit,

Denken ist das, was wir schon kennengelernt haben,

es ist ausgeborgt,

und was auch immer das Denken tun kann,

kann nur eine Wiederholung sein;

neue Wortkombinationen,

neue Konzepte, neue Begriffe;

aber eigentlich ist alles entlehnt.

Denken kann niemals original sein.

Das ist ja gerade die Natur des Denkens – es ist ein Bio-Computer.

Bevor es uns etwas geben kann, müssen wir es erst füttern.

Und das, was wir ihm einprogrammieren,

das kommt dann wieder heraus.

Manchmal können wir irgendwelche Gedankenkombinationen haben,

die uns originell vorkommen, aber es nicht sind – zum Beispiel,

wir können uns vorstellen,

wie ein goldenes Pferd im Himmel fliegt.

Das sieht erst einmal originell aus. Ist es aber nicht.

Es gibt natürlich keine goldenen Pferde,

und kein Pferd fliegt,

aber wir haben ein Pferd gesehen,

wir haben fliegende Vögel gesehen,

wir haben Gold gesehen;

dies ist also nun eine neue Kombination.

Aber alles ist alt, aus der Vergangenheit, von dem, was uns bekannt ist.

12.07.2005 um 11:56 Uhr

Tao 33

von: tao

Methoden sind bloß Spiegel. Sie reflektieren unser eigenes Unbewußtes.

Das ist nicht viel. Sie geben uns niemals irgendetwas Neues,

sie spiegeln uns einfach wider. Aber wir kennen uns eben nicht selbst,

darum denken wir, wir hätten etwas Neues erreicht,

wir hätten durch diese Methoden irgendein neues Wissen gewonnen.

Als der russische Diktator Chruschtschow nach Paris kam,

besichtigte er eine Ausstellung mit modernen Gemälden.

Er war ein unkultivierter Mensch und in keiner Weise ästhetisch,

er hatte keinen Sinn für Schönheit. Er war genau genommen vulgär.

Aber er war eingeladen worden und mußte hingehen.

Großartige Gemälde wurden in dieser Ausstellung gezeigt.

Er sah sich ein Gemälde an und sagte:

Ich verstehe es nicht. Das schaut häßlich aus.

Der Mann, der ihn herumführte, ein großer Kunstkritiker, sagte:

Dies ist ein Picasso und es ist eines der schönsten Dinge,

das in diesem Jahrhundert geschaffen wurde, aber es braucht ein Vorverständnis.

Es ist nicht so gewöhnlich, daß es jeder verstehen könnte.

Sie müssen Ihr ästhetisches Gefühl, Ihre Sensitivität schon steigern,

nur dann werden Sie sehen können, was es darstellt.

Sie gingen weiter. Chruschtschow fühlte sich unwohl.

Er hätte sich niemals vorstellen können, daß so etwas passieren könnte.

Tatsächlich hätte auch in Rußland so etwas niemals geschehen können.

Kein Kritiker, kein Künstler wäre so mutig gewesen,

ihm zu sagen, daß ihm das Verständnis fehlen würde.

Dann stand er vor dem nächsten Gemälde,

betrachtete es minutenlang intensiv,

und sagte dann: Ich denke, dies ist auch ein Picasso.

Der Kritiker sagte: Es tut mir leid, mein Herr, dies ist bloß ein Spiegel.

Sie betrachten sich gerade selbst in ihm.

Er war ein häßlicher Mann – für ihn mag es wie ein Picasso ausgesehen haben –

ein Gemälde von Picasso, eine Verzerrung, eine Karikatur.