Tao Te King 71 (2)
Die erste Schicht unserer Persönlichkeit ist die oberflächlichste – die Schicht der Formalitäten, der gesellschaftlichen Umgangsformen. Sie ist nötig; an ihr ist nichts verkehrt. Wir begegnen einem Menschen auf der Straße, wir kennen die Person, wenn wir dann nichts sagen, und der oder die andere sagt auch nichts, keine soziale Formalität wird erfüllt, wird es uns beiden peinlich sein. Es muß etwas getan werden. Nicht daß wir es wirklich meinen, aber es ist ein soziales Gleitmittel; die erste Schicht ist also die Schmierölschicht. Sie hilft, daß alles glatt läuft. Es ist die Schicht von: Guten Morgen; Wie geht es Ihnen ? Großartig ! Fein, fein ! Sehr schön ! Schönes Wetter haben wir heute! Gut, bis zum nächsten mal, wir bleiben in Verbindung, Auf Wiedersehen – diese Schicht. Das ist gut ! Nichts ist falsch an ihr. Wenn wir sie verwenden, ist es schön. Aber wenn wir von ihr verwendet werden, und wir sind in ihr eingefroren, und wir haben jeden Kontakt mit unserem innersten Wesen verloren, wir gehen niemals darüber hinaus, dann sind wir festgefahren, dann sind wir krank im Kopf. Es ist schön, zu jemandem "Guten Morgen" zu sagen, aber ein Mensch, der niemals mehr als das zu sagen hat, ist sehr, sehr krank. Er hat keinen Kontakt zum Leben. Tatsächlich sind diese Formalitäten für diesen Menschen kein Schmiermittel, im Gegenteil, sie sind eine Art von Rückzug geworden, eine Vermeidungstaktik. Wir sehen jemanden, wir sagen "Guten Morgen", um ihn zu vermeiden, so daß wir auf unserem Weg weitergehen können, und er kann seinen Weg fortsetzen; wir können ihm so entkommen. Diese soziale Formalität ist bei Millionen von Leuten eingefroren worden; sie leben auf dieser Schicht, sie gehen niemals darüber hinaus: Etikette, Benehmen, Worte, Geschnatter – immer an der Oberfläche. Sie reden, nicht um zu kommunizieren, sie reden, um Kommunikation zu vermeiden.Sie reden, um die peinliche Situation zu vermeiden, in der wir dem anderen begegnen. Das sind verschlossene Menschen. Wenn ihr Leben unglücklich ist, dann ist das kein Wunder. Wenn sie in der Hölle leben, ist es offensichtlich, daß sie in der Hölle leben müssen. Tatsächlich sind es tote Leute. Der Gründer der Gestalttherapie, Fritz Perls, pflegte diese Schicht die Hühnermist-Schicht zu nennen; tot, trocken. Viele Leute leben in der Hühnerscheiße. Ihr ganzes Leben ist bloß eine nutzlose Formalität. Sie kommen nirgendwohin, sie stecken schon an der Türe fest, sie haben die Kammer des Lebens noch nicht einmal betreten. Das Leben hat viele Zimmer, aber sie stehen bloß an der Türe, auf der Treppe. Stufen sind gut, wenn wir sie überschreiten, sie sind gefährlich, wenn wir uns an sie hängen. Ein gesunder Mensch benutzt also die Formalitäten-Schicht; dann ist sie ein Gleitmittel, sie ist schön. Ein ungesunder Mensch macht sie zu seinem ganzen Leben; er lächelt – und meint es nicht, er lacht – er meint es nicht so. Wenn jemand tot ist – wird er traurig, weint – sogar Tränen fließen ihm das Gesicht herunter; alles falsch ! Er meint es nicht so. Er meint niemals irgendetwas wirklich. Er ist bloß ständig wie in einer Show, ständig stellt er sich zur Schau. Sein ganzes Leben ist bloß eine Ausstellung. Er kann es nicht genießen, denn er kann nicht nach innen gehen.
