Goldene Blüte 3/10 (2)
Ein Blinder mit einer Laterne. Das ist es, was mit der Menschheit im allgemeinen passiert ist. Die Leute haben die Bibel, den Koran, die Gita – dies sind Laternen, möglicherweise schön und hell, aber unsere Augen sind blind. Und die Gita ist fünftausend Jahre alt – das Licht ging schon vor langer, langer Zeit aus. Als Krishna starb, ging das Licht aus. Dies ist genauso der Fall mit der Bibel und dem Koran und all den anderen heiligen Schriften der Welt. Wenn der Meister stirbt, geht das Licht aus. Aber die Leute tragen weiterhin die Schriften mit sich herum, glauben den Schriften, hoffen, daß ihr Leben voll Licht bleiben wird, weil sie eine Botschaft von einem großen Meister mit sich herumtragen. Diese Botschaft ist nichts weiter mehr als Worte; sie ist eine unnötige Belastung. Wenn all die Schriften der Welt verschwinden würden, wäre der Mensch vielleicht vorsichtiger werden, möglicherweise würde er achtsamer werden, vielleicht würde er sogar anfangen, eigenständig nach der Quelle des Lichts zu suchen. Denn dann würde es nichts mehr geben, auf was er sich stützen könnte, er würde es lernen müssen, auf seinen eigenen Füßen zu stehen.
Lung-t'an wurde einmal von Te-shan besucht, der, indem er nach immer weiterer Erhellung suchte, solange blieb, bis es dunkel wurde. Lung-t'an sagte schließlich: "Die Nacht schreitet voran. Warum ziehst du dich jetzt nicht zurück ?" Te-shan verabschiedete sich, hob die Bambusmatte und ging hinaus. Als er sah, wie pechschwarz es draußen war, kehrte er um und sagte: "Es ist sehr dunkel draußen". Lung-t'an entzündete darauf eine Laterne und bot sie Te-shan an. Gerade als Te-shan dabei war, sie zu nehmen, blies Lung-t'an sie plötzlich aus. In diesem Moment erwachte Te-shan plötzlich, woraufhin er sich verbeigte. Lung-t'an sagte: "Was für eine Wahrheit hast du gesehen ?" Te-shan sagte: "Nach dem, was heute passiert ist, werde ich niemals an den Äußerungen all der alten Meister unter dem Himmel zweifeln."
Am nächsten Tag stellte sich Lung-t'an vor die Schüler und sagte: "In dieser Gruppe gibt es einen Mann, dessen Eckzähne wie Schwerter sind, dessen Mund einer blutigen Platte ähnelt und der sich nicht einmal umdrehen würde, wenn man ihm mit einem Stock einen Schlag versetzen würde. Eines Tages wird er meinen Weg auf der Spitze eines einzelnen Berggipfels etablieren." Te-shan nahm daraufhin seine Sutra-Kommentare heraus und hob vor der Meditationshalle eine Fackel hoch und sagte: "Endlos tiefe Analyse ist wie ein einziges Haar in die Leere des Raumes zu platzieren; weltliche Macht ist wie einen Tropfen Wasser in einen riesigen Schlund zu werfen." Indem er dies sagte, nahm er seine Kommentare und verbrannte sie.
