Taoistische Reflektionen

11.08.2005 um 02:21 Uhr

Goldene Blüte 3/10 (2)

von: tao

Ein Blinder mit einer Laterne. Das ist es, was mit der Menschheit im allgemeinen passiert ist. Die Leute haben die Bibel, den Koran, die Gita – dies sind Laternen, möglicherweise schön und hell, aber unsere Augen sind blind. Und die Gita ist fünftausend Jahre alt – das Licht ging schon vor langer, langer Zeit aus. Als Krishna starb, ging das Licht aus. Dies ist genauso der Fall mit der Bibel und dem Koran und all den anderen heiligen Schriften der Welt. Wenn der Meister stirbt, geht das Licht aus. Aber die Leute tragen weiterhin die Schriften mit sich herum, glauben den Schriften, hoffen, daß ihr Leben voll Licht bleiben wird, weil sie eine Botschaft von einem großen Meister mit sich herumtragen. Diese Botschaft ist nichts weiter mehr als Worte; sie ist eine unnötige Belastung. Wenn all die Schriften der Welt verschwinden würden, wäre der Mensch vielleicht vorsichtiger werden, möglicherweise würde er achtsamer werden, vielleicht würde er sogar anfangen, eigenständig nach der Quelle des Lichts zu suchen. Denn dann würde es nichts mehr geben, auf was er sich stützen könnte, er würde es lernen müssen, auf seinen eigenen Füßen zu stehen.

Lung-t'an wurde einmal von Te-shan besucht, der, indem er nach immer weiterer Erhellung suchte, solange blieb, bis es dunkel wurde. Lung-t'an sagte schließlich: "Die Nacht schreitet voran. Warum ziehst du dich jetzt nicht zurück ?" Te-shan verabschiedete sich, hob die Bambusmatte und ging hinaus. Als er sah, wie pechschwarz es draußen war, kehrte er um und sagte: "Es ist sehr dunkel draußen". Lung-t'an entzündete darauf eine Laterne und bot sie Te-shan an. Gerade als Te-shan dabei war, sie zu nehmen, blies Lung-t'an sie plötzlich aus. In diesem Moment erwachte Te-shan plötzlich, woraufhin er sich verbeigte. Lung-t'an sagte: "Was für eine Wahrheit hast du gesehen ?" Te-shan sagte: "Nach dem, was heute passiert ist, werde ich niemals an den Äußerungen all der alten Meister unter dem Himmel zweifeln."

Am nächsten Tag stellte sich Lung-t'an vor die Schüler und sagte: "In dieser Gruppe gibt es einen Mann, dessen Eckzähne wie Schwerter sind, dessen Mund einer blutigen Platte ähnelt und der sich nicht einmal umdrehen würde, wenn man ihm mit einem Stock einen Schlag versetzen würde. Eines Tages wird er meinen Weg auf der Spitze eines einzelnen Berggipfels etablieren." Te-shan nahm daraufhin seine Sutra-Kommentare heraus und hob vor der Meditationshalle eine Fackel hoch und sagte: "Endlos tiefe Analyse ist wie ein einziges Haar in die Leere des Raumes zu platzieren; weltliche Macht ist wie einen Tropfen Wasser in einen riesigen Schlund zu werfen." Indem er dies sagte, nahm er seine Kommentare und verbrannte sie.

09.08.2005 um 13:01 Uhr

Goldene Blüte 3/10 (1)

von: tao

Meister Lü sprach weiter: "Das Licht ist etwas äußerst Bewegliches. Wenn man das Gedachte auf den Mittelpunkt zwischen den beiden Augen fixiert, strömt das Licht ganz von selbst hinein. Es ist nicht notwendig, die Aufmerksamkeit speziell auf den zentralen Palast zu richten. In diesen wenigen Worten ist das Wichtigste enthalten. Das Zentrum in der Mitte der Bedingungen ist ein sehr subtiler Ausdruck. Die Mitte ist allgegenwärtig; alles ist darin enthalten; es ist mit der Freisetzung des ganzen Prozesses der Schöpfung verbunden. Die Kontemplation zu fixieren ist unerläßlich; sie sichert das ein schnelles Herbeiführen von Erleuchtung. Man darf nur nicht wie versteinert sitzen bleiben, wenn weltliche Gedanken hochkommen. Aber man muß prüfen, wo der Gedanke ist, wo er begann und wo er ausklingt. Nichts ist gewonnen, wenn man die Reflektion weiter vorantreibt. Man muß damit zufrieden sein, zu sehen, wo der Gedanke entstand, und darf nicht noch über Ursprungspunkt hinaussuchen; denn das Herz zu finden (das Bewußtsein zu finden, mit dem Bewußtsein hinter das Bewußtsein zu kommen), das kann nicht gemacht werden. Zusammen wollen wir die Zustände des Herzens zur Ruhe bringen, das ist wahre Kontemplation. Was dem widerspricht, ist falsche Kontemplation. Das führt zu keinem Ziel. Wenn der Flug der Gedanken immer weitere Kreise zieht, sollte man haltmachen und mit Kontemplation beginnen. Also erst die Kontemplation und dann wieder mit dem Festmachen, der Fixierung, beginnen. Das ist die Doppelmethode für die Beschleunigung von Erleuchtung. Das bedeutet das Zirkulieren des Lichts. Die Zirkulation ist Fixierung. Das Licht ist Kontemplation. Fixierung ohne Kontemplation ist Kreisen ohne Licht. Kontemplation ohne Fixierung ist Licht ohne Kreisen ! Nehmt das zur Kenntnis !"

Ein Blinder besuchte seine Freunde. Es war dunkel, als er wieder ging, und sie gaben ihm eine Laterne.

"Vielen Dank, aber ich brauche sie nicht. Hell oder dunkel, für mich ist es dasselbe."

"Ja, aber nimm sie trotzdem mit, so daß die Leute nicht in dich hineinlaufen."

Fort ging er und bald stieß jemand mit ihm zusammen und brüllte: "Warum schaust du nicht, wohin du gehst ?"

"Wieso, siehst du meine Laterne nicht ?"

"Tut mir leid, Kumpel," sagte der andere, "deine Kerze ist ausgegangen."

Die Schriften in den Händen von Leuten, die nicht wissen, was Meditation ist, sind genau wie eine Laterne in den Händen eines Blinden – völlig nutzlos- Und der blinde Mensch kann nicht wissen, ob die Laterne immer noch brennt oder nicht. Er wird also einfach eine unnütze Last mit sich herumtragen. Eigentlich überhaupt nicht hilfreich -–im Gegenteil, es kann ein Hindernis sein. Wenn der blinde Mensch sich ohne die Laterne bewegt hätte, wäre er umsichtiger gewesen, vorsichtiger und mehr auf der Hut. Wegen der Laterne in seiner Hand, muß er wohl so gegangen sein, als wenn er Augen hätte und muß alle Vorsicht beiseite gelassen haben.

08.08.2005 um 15:09 Uhr

Goldene Blüte III/10

von: tao

Meister Lü sagte: Nichts ist möglich ohne Kontemplation. Die Wahrnehmung bringt einen zum Ziel.

Was durch Reflektion umgekehrt werden muß, ist das selbstbewußte Herz, welches sich selbst auf jenen Punkt auszurichten hat, wo der formende Geist noch nicht manifest ist. In unserem 1,83 m großen Körper müssen wir nach der Form streben, die schon existierte, bevor Himmel und Erde errichtet wurden. Wenn die Leute heutzutage sitzen und nur ein oder zwei Stunden lang meditieren, dann schauen sie nur auf ihre eigenen Egos, und nennen dies Reflektion, wie kann da irgendetwas dabei herauskommen ?

Man sollte sich auf die eigene Nasenspitze schauen. Aber das bedeutet nicht, daß man die eigenen Gedanken an die Nasenspitze heften sollte und es heißt auch nicht, daß, während die Augen auf die Nasenspitze schauen, die Gedanken auf die gelbe Mittel konzentriert sein sollten. Wohin immer das Auge schaut, dorthin ist auch das Herz ausgerichtet. Wie kann es zur selben Zeit nach oben und nach unten ausgerichtet sein ? All dies bedeutet, den Finger, mit dem man auf den Mond deutet, mit dem Mond selbst zu verwechseln.

Was ist dann wirklich damit gemeint ? Der Ausdruck "Nasenspitze" ist klug gewählt. Die Nase muß den Augen als eine Führungslinie dienen. Wenn man sich nicht von der Nase führen läßt, öffnet man entweder die Augen zu weit und schaut zu weit nach außen, so daß die Nase nicht mehr zu sehen ist, oder die Lider werden zu sehr geschlossen, so daß sich die Augen schließen, und wieder ist die Nase nicht mehr zu sehen. Aber wenn die Augen zu weit geöffnet werden, macht man den Fehler, sienach außen zu richten, wodurch man leicht abgelenkt wird. Wenn sie zu sehr geschlossen sind, macht man den Fehler, sie sich nach innen wenden zu lassen, wodurch man leicht in Träumereien versinkt. Nur wenn die Augenlider genau zur Hälfte geschlossen werden, ist die Nasenspitze genau richtig zu sehen. Deswegen nimmt man dies als eine Richtlinie. Die Hauptsache ist, die Augenlider auf die richtige Weise zu senken, und dann das Licht von selbst einströmen zu lassen; ohne Anstrengung, mit dem Wunsch, das Licht möge konzentriert hereinströmen. Das auf die Nasenspitze schauen dient nur als Beginn der inneren Konzentration, so daß die Augen damit in die richtige Sehrichtung gebracht werden, und dann in dieser Ausrichtlinie gehalten werden. Danach kann man es sein lassen. So hängt ein Maurer sein Lotblei an einer Senkschnur auf. Sobald er es aufgehängt hat und damit das Lot bestimmt hat, richtet er seine Arbeit danach aus, ohne sich ständig darüber Gedanken zu machen und stets das Senklot anzustarren.

Man schaut mit beiden Augen auf die Spitze der Nase, sitzt aufrecht und in bequemer Position, und hält das Herz im Zentrum in der Mitte der Bedingungen. Das bedeutet nicht notwendigerweise die Mitte des Kopfes. Es geht nur darum, das eigene Denken auf den Punkt zu fixieren, der genau zwischen den beiden Augen liegt. Dann ist alles gut.

08.08.2005 um 02:06 Uhr

Südliches Blütenland 2/4 (5)

von: tao

Einmal sagte ein Mann zu Nasrudin: Ich bin sehr arm.

Ein Überleben ist jetzt nicht mehr möglich, sollten wir Selbstmord begehen ?

Ich habe sechs Kinder und eine Frau,

meine verwitwete Schwester, meinen alten Vater und meine Mutter.

Und es wird immer noch schwieriger.

Kannst du mir einen Rat geben ?

Nasrudin sagte: Du kannst zwei Dinge tun und beide würden hilfreich sein.

Das eine: Fang an, Brot zu backen,

denn die Leute müssen leben und sie müssen essen,

du wirst also immer im Geschäft sein.

Der Mann fragte: Und das andere ?

Nasrudin sagte: Fang an, Leichentücher herzustellen,

denn wenn die Leute leben, werden sie auch sterben.

Und das ist auch ein gutes Geschäft.

Diese beiden Geschäftstätigkeiten sind gut – Brot und Leichentücher.

Nach einem Monat kam der Mann zurück.

Er sah sogar noch verzweifelter aus, war sehr traurig,

und er sagte: Nichts scheint zu funktionieren.

Ich habe alles, was ich hatte, in das Geschäft gesteckt,

wie du es vorgeschlagen hast, aber alles scheint gegen mich zu sein.

Nasrudin sagte: Wie kann das sein ?

Die Leute müssen doch Brot essen, solange sie am Leben sind,

und wenn sie sterben, müssen ihre Anverwandten doch Leichentücher erwerben.

Der Mann sagte: Aber du verstehst es nicht.

In diesem Dorf ist keiner lebendig und keiner stirbt irgendwann.

Sie schleppen sich einfach so dahin.

Die Leute schleppen sich einfach so dahin.

Wir brauchen uns gar nicht die Gesichter der anderen anzuschauen,

wir brauchen bloß in den Spiegel zu schauen

und wir werden herausfinden, was sich dahinschleppen bedeutet –

weder tot noch lebendig.

Das Leben ist so schön, der Tod ist auch schön –

sich dahinzuschleppen ist häßlich.

07.08.2005 um 02:40 Uhr

Tao Te King 1 (5)

von: tao

Lao-tse sagt: "Es ist ohne einen Namen". Solange wie wir keinen Namen zuordnen, ist es der Ursprung aller Existenz. Lao-tse hat zwei Namen für die Existenz gegeben – Himmel und Erde.

Innerhalb des Wissens und der Erfahrung des Menschen gibt es zwei sehr tiefsitzende Empfindungen – die eine ist das Glücklichsein, die andere der Schmerz. Die Erfahrung von Existenz ist, wenn wir die Namen beiseite lassen, entweder die Erfahrung des Glücks oder die Erfahrung des Leids. Glück und Leid wiederum sind auch keine zwei verschiedenen Dinge, wenn wir alle Namen beiseite lassen. Dann ist Vergnügen ein Teil des Schmerzes und Schmerz ein Teil des Vergnügens. Aber wir geben alles und jedem einen Namen. Wenn ich in mir Freude fühle und wenn ich dem keinen Namen gebe – daß dies Freude ist – dann hat dieses Gefühl der Freude seinen eigenen Schmerz. Dies ist ein bißchen schwierig zu verstehen. Jedes Freudegefühl hat sein eigenes Leid. Liebe hat ihren eigenen Schmerz und Glücklichsein hat sein ihm eigenes Leid. Vergnügen enthält ihm zugehörige Dornen, wenn wir ihm keinen Namen geben. Sobald wie wir das Gefühl benennen, trennen wir die Freude von ihrem Leid. Dann tendieren wir dazu, den Schmerz im Vergnügen zu vergessen im Glauben, er sei kein Teil des Vergnügens. Ähnlich wird auch die Freude, die im Schmerz erlebt wird, an den Rand gedrängt und vergessen; denn wir halten sie nicht für einen Teil des Schmerzes. Nirgendwo in unserem Vokabular ist Vergnügen im Schmerz enthalten oder umgekehrt.

In der tatsächlichen Erfahrung ist es schwierig, zwischen Liebe und Haß zu differenzieren. Was die Worte betrifft, gibt es jedoch einen deutlichen Unterschied. Welche Entfernung kann größer sein als die Distanz zwischen Liebe und Haß ? Diejenigen, die Vorträge über die Liebe halten, sagen natürlich, daß Liebe ist, wo kein Haß ist, und Haß ist, wo keine Liebe ist. Aber die lebendige Erfahrung zeigt, daß Liebe sich in Haß verändert und Haß in Liebe. Tatsächlich kennen wir keine Liebe, die nicht ihren Haßanteil beinhaltet. Wen auch immer wir lieben, den hassen wir auch. Aber die Schwierigkeit liegt in den Worten.

In der Sprache der Wörter ist Liebe nur Liebe; der Haß wird weggelassen. Wenn wir tief in das Erleben hineinsehen, werden wir feststellen, daß wir den, welchen wir lieben, auch hassen. Aber dies wird nur durch die Erfahrung klar und nicht in den Worten – und wen auch immer wir hassen, denn können wir nur hassen, weil wir ihn lieben. Ansonsten ist es nicht möglich zu hassen. Wir haben eine Art von Freundschaft sogar mit unseren Feinden; -- da besteht eine Art von Anhänglichkeit. Und auch mit einem Freund gibt es eine Art von Abneigung, eine Art von Feindseligkeit.

06.08.2005 um 02:45 Uhr

Südliches Blütenland 2/4 (4)

von: tao

Mulla Nasrudin erzählte seinen Schülern gerade eine Geschichte,

und plötzlich fing es an zu regnen –

es muß so ein Sommertag wie heute gewesen sein.

So kam es, daß ein Passant, bloß um nicht naß zu werden,

sich in dem Schuppen unterstellte,

wo Nasrudin gerade zu seinen Schülern sprach.

Er wartete also bloß darauf, daß der Regen aufhörte,

aber er mußte wohl oder über auch zuhören.

Nasrudin erzählte lange Geschichten.

Viele Male fand konnte der Mann kaum der Versuchung widerstehen,

ihm ins Wort zu fallen, denn er sagte solch absurde Dinge.

Aber er besann sich immer noch rechtzeitig und sagte zu sich:

Es geht mich ja nichts an.

Ich bin nur hier wegen des Regens,

sobald wie er aufhört, werde ich gehen. Ich brauche mich nicht einmischen.

Aber dann kam ein Punkt, da konnte der Mann sich nicht mehr beherrschen,

er konnte einfach nicht mehr an sich halten.

Er fiel ihm ins Wort und sagte: Genug ist genug.

Entschuldige, es geht mich ja eigentlich nichts an,

aber jetzt hast du es wirklich übertrieben !

Aber zuerst muß ich von der Geschichte berichten

und dem Punkt, an dem der Mann

nicht mehr an sich halten konnte....

Nasrudin sagte: Einst in meinen jungen Tagen

war ich auf Reisen in den Urwäldern Afrikas, dem dunklen Kontinent.

Plötzlich eines Tages sprang ein Löwe aus dem Dickicht

bloß fünfzehn Meter weit weg von mir.

Ich war ohne irgendeine Waffe, schutzlos, alleine im Wald.

Der Löwe starrte mich an und begann auf mich zuzugehen.

Die Schüler wurden ganz aufgeregt.

Nasrudin schwieg einen Moment lang und sah in ihre Gesichter.

Ein Schüler sagte: Laß uns nicht warten, was passierte dann ?

Nasrudin sagte: Der Löwe kam immer näher

bis er nur noch fünf Meter weit weg war.

Ein anderer Schüler sagte:

Halte uns nicht länger hin. Sag uns, was dann passiert ist.

Nasrudin sagte: Es ist so einfach, so logisch,

das könnt ihr euch doch denken.

Der Löwe sprang, tötete mich und fraß mich auf.

An diesem Punkt war es dem Fremden zu viel geworden !

Er sagte: Du willst uns also sagen, daß der Löwe dich tötete und auffraß,

und du sitzt hier und bist lebendig ?

Nasrudin schaute dem Mann direkt ins Gesicht und sagte:

Ha ha, das nennst du lebendig sein ?

Schau dir die Gesichter der Leute an

und du wirst verstehen, was er meinte.

Nennst du das lebendig sein ? So tödlich gelangweilt, wie sie sich dahinschleppen ?

05.08.2005 um 13:03 Uhr

Tao 50

von: tao

Alleinsein ist äußerst schön, denn es ist tiefgründig frei. Es ist absolutes Freisein, wie kann es Traurigkeit erzeugen ?

Aber unsere Interpretation ist falsch. Solange wir diese Interpretation nicht fallen lassen können, haben wir noch nicht den Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein gesehen.

Alleinsein, fehlinterpretiert, schaut aus wie Einsamkeit. Einsamkeit bedeutet, uns fehlt der andere. Und wer ist der andere ? -- irgendeine Ausflucht, die uns hilft, unser Bewußtsein zu betäuben, irgendein Rauschmittel: Es mag eine Frau sein, ein Mann, ein Buch, irgendetwas – alles, was uns hilft, uns selbst zu vergessen, alles, was uns unser Denken an uns selbst wegnimmt, was uns von unserer Bewußtheit entlastet.

Wenn wir Alleinsein sagen, meinen wir eigentlich Einsamkeit. Einsamkeit ist ein negativer Zustand: Uns fehlt der andere und schon fangen wir an, nach dem anderen zu suchen und wieder Ausschau zu halten. Alleinsein ist ungeheuer schön. Alleinsein bedeutet einen Moment, wenn der andere nicht mehr gebraucht wird, wir sind uns selbst genug -–so genug, daß wir unser Alleinsein mit der ganzen Existenz teilen können. So unerschöpflich ist unser Alleinsein, daß wir es in die ganze Existenz hineingießen können und es wird immer noch da sein. Wir sind reich, wenn wir alleine sind, wir sind arm, wenn wir uns einsam fühlen.

Der einsame Mensch ist ein Bettler; sein Herz ist eine Bettelschale. Der Mensch, der allein ist, ist ein Herrscher...Lao-tse ist alleine.

Doch wenn uns Alleinsein zustößt, ist unsere Interpretation verkehrt. Unsere Interpretation stammt von unseren vergangenen Erfahrungen, kommt von unserem Denken in der Vergangenheit. Sie ist aus unserer Erinnerung. Unser Denken gibt uns eine falsche Idee. Wenn wir das Denken fallenlassen, wenn wir in unser Alleinsein hineingehen, es beobachten und es auskosten, wenn wir in alle seine Aspekte hineinschauen, wenn wir es von all den möglichen Türen betreten, dann ist es der großartigste Tempel, den es gibt. Und es ist in diesem Alleinsein, daß wir uns selbst finden werden – und uns selbst zu finden heißt Tao zu finden.

Tao ist alleine, und haben wir erst einmal hineingesehen, ohne daß sich das Denken einmischt, dann werden wir überhaupt nicht mehr abgelenkt und zerstreut werden wollen. Dann würden wir nicht mehr davor fliehen wollen, denn es ist Leben, es ist ewiges Leben. Warum sollte man davor weglaufen wollen ? Und das heißt nicht, daß man in diesem Alleinsein nicht mehr imstande wäre, sich auf andere beziehen zu können. Tatsächlich sind wir dann erst zum ersten Mal in der Lage, Beziehungen aufnehmen und unterhalten zu können.

04.08.2005 um 23:59 Uhr

Tao Te King 1 (4)

von: tao

"(in der Annahme, daß es) keinen Namen hat, ist es der Urheber von Himmel und Erde; das Benannte ist die Mutter aller Dinge."

Die Existenz hat keinen spezifischen Namen. Es ist namenlos. Die Vergegenständlichung findet statt, so bald ein Name gegeben wird. Jedes Objekt ist ein Teil der grenzenlosen Existenz, solange wie es unbenannt ist. Sobald ist benannt wird, vereinzelt es sich und trennt sich von der Existenz. Der Name ist die Grenzlinie der Isolation. Ein Ding zu benennen heißt es vom Rest zu trennen. Solange wie kein Name gegeben worden ist, ist alles eins. Sobald ein Name vergeben worden ist, brechen die Dinge auseinander und vereinzeln sich. Lao-tse sagt: "Namenlos ist der Schöpfer von Himmel und Erde. Er ist die Ur-Quelle, der Urspung. Der Name oder das Benannte ist die Mutter aller Objekte." Zuerst und zuvorderst ist zu bedenken, daß die Dinge genauso gewesen wären, wie sie sind, auf der Oberfläche dieser Erde, auch wenn der Mensch nicht auf ihr existierte. Es würde keinen Unterschied gegeben haben zwischen der Rose und ihrem Dorn – tatsächlich ist ja auch keiner. Die Rose ist genau so eng mit dem Dorn verbunden wie unser Herz es mit unseren Augen ist. Nicht einmal zwischen der Erde und dem Himmel gibt es einem Abstand. Es wäre schwierig, wenn man benennen wollte, wo die Erde endet und wo der Himmel beginnt. Sie gehen so ineinander über, sind so verbunden: Sie sind die zwei Extremitäten derselben Sache. Es wäre schwierig, wollte man sagen, wo der Ozeab beginnt oder wo das Festland, -- wenn der Mensch nicht existierte. Das Land zieht sich unterhalb des Ozeans hin und der Ozean unterhalb des Landes. Darum finden wir Wassern, wenn wir einen Brunnen bohren. Wenn wir im Ozean in die Tiefe gehen, werden wir Land finden. Im Ozean ist mehr Wasser und weniger Land. Auf dem Festland gibt es mehr Erde und weniger Wasser. Die Erde kann nicht ohne Wasser sein und das Wasser kann nicht ohne Erde sein. Wenn wir den Menschen mal beiseite stellen, ist alles sonst in der Welt miteinander verbunden und eins. Es gibt keinen Unterschied zwischen ihnen. Die Dinge haben sich getrennt und sich von einander isoliert nur durch die Ankunft des Menschen. Es ist der Mensch, der sie als getrennte Wesenheiten sieht. Wenn wir uns gegenseitig anschauen, sehen wir unsere Hände, unsere Augen, unsere Ohren, unsere Füße, getrennt; aber in uns, in unserem Wesen, gbt es keine Differenzierung. Dort sind unsere Augen, unsere Hände, unsere Ohren, alle sind verbunden – sie sind die Ausdehnungen ein und derselben Sache. Die Energie, die in unserer Hand gegenwärtig ist, ist nicht verschieden und nicht getrennt von der Energie, die den Augen das Sehen ermöglicht. Die Hand sieht durch die Augen und die Augen berühren durch die Hand. In uns, in unserem eigentlichen Wesen, gibt es keinerlei Abstand zwischen den beiden. Es ist nur, wenn wir von außen sehen, wenn wir einen Namen geben, daß die Unterschiede beginnen und die Dinge sich voneinander entfernen. Wir sagen "das Auge" und das Auge trennt sich sofort vom Ohr. Wir sagen "die Hand", und die Hand verabschiedet sich von den Beinen. Sobald wir einen Namen geben, ziehen wir eine Grenzlinie und die Dinge trennen und vereinzeln sich.

03.08.2005 um 02:23 Uhr

Südliches Blütenland II/4.3

von: tao

Leute, die Mantren rezitieren, können mit dem Rauchen aufhören,

weil sie einen Ersatz gefunden haben.

Wir können Om, Om, Om chanten,

und dies wird eine Art von Rauchen.

Unsere Lippen haben Arbeit, unser Mund bewegt sich,

unsere Ruhelosigkeit wird freigesetzt.

So kann Japa, die Mantrameditation, eine Form von Rauchen werden,

eine bessere Version, mit weniger Gesundheitsschädigung.

Aber prinzipiell ist es das gleiche –

unser Denken kann nicht in Ruhe gelassen werden.

Unser Denken muß etwas tun,

nicht nur während wir wach sind, sondern sogar wenn wir schlafen.

Wenn wir eines Tages einmal unserer Freundin oder unserem Freund beim Schlafen zuschauen,

zwei oder drei Stunden bloß still dasitzen und das Gesicht beobachten,

dann werden wir den Affen sehen und nicht den Menschen.

Sogar im Schlaf geht viel vor sich. Der Schlafende ist beschäftigt.

Dieser Schlaf kann nicht tief sein, er kann nicht wirklich entspannend sein,

denn die Arbeit geht weiter.

Der Tag wird fortgesetzt, es gibt keine Unterbrechung;

das Denken behält sein Funktionieren in der gleichen Art und Weise bei.

Da ist ständiges inneres Geschnatter, ein innerer Monolog,

und es ist kein Wunder, daß uns langweilig wird.

Wir langweilen uns selbst. Jeder schaut gelangweilt aus.

02.08.2005 um 01:56 Uhr

Tao 49

von: tao

Alleinsein ist ultimativ. Es gibt keinen Weg, irgendetwas anderes als allein zu sein. Man kann es vergessen, man kann sich in so viele Dinge vertiefen und verlieren, aber wieder und wieder bringt sich die Wahrheit zur Geltung. Daher wird man sich nach jeder profunden Erfahrung alleine fühlen. Nach einem großartigen Liebeserlebnis wird man sich alleine fühlen, nach einer tiefen Meditation wird man sich alleine fühlen.

Darum machen alle großartigen Erlebnisse die Leute traurig. Im Schatten und in der Folge einer tiefgehenden Erfahrung macht sich immer Traurigkeit breit. Wegen diesem Phänomen sind Millionen von Leute gar nicht scharf auf tiefgreifende Erlebnisse; sie vermeiden sie sogar. Sie wollen sich gar nicht tief auf Liebe einlassen, Sex genügt. Weil Sex oberflächlich ist, wird es sie nicht allein zurücklassen. Es wird Spaß sein, eine Unterhaltung; einen Moment lang werden sie es genießen und dann werden sie alles wieder vergessen. Es wird sie nicht zu ihrer eigenen Mitte bringen. Aber Liebe bringt uns zu unserem Zentrum: Liebe ist so tiefgehend, daß sie uns alleine läßt.

Das erscheint sehr paradox, denn normalerweise denken die Leute, daß Liebe uns auf das Zusammensein aufmerksam machen wird. Das ist völliger Quatsch. Wenn die Liebe tief geht, wird sie uns auf unser Alleinsein aufmerksam machen, nicht auf das Zusammensein. Immer wenn irgendetwas tief geht, was passiert ? -- wir verlassen die Peripherie unseres Wesens und fallen in unsere Mitte, und das Zentrum ist ganz alleine. Nur da sind wir; oder nicht einmal wir, sondern nur ein Bewußtsein ohne ein Ego darin, ohne eine Identität dabei, ohne eine Definition darüber, ein Abgrund an Bewußtsein.

Nachdem wir großartige Musik gehört haben oder nachdem wir in die Bedeutung großartiger Dichtkunst eingedrungen sind oder nachdem wir die Schönheit eines Sonnenuntergangs gesehen haben, geschieht es immer, daß wir uns in der Folge davon traurig fühlen werden. Angesichts dessen haben sich Millionen dafür entschieden, keine Schönheit zu sehen, nicht zu lieben, nicht zu meditieren, keine Andacht aufkommen zu lassen, all das zu vermeiden, was tiefgeht. Aber sogar wenn wir die Wahrheit vermeiden, stößt die Wahrheit manchmal auf uns. Ohne daß wir es merken, nimmt sie Besitz von uns.

Wir können uns für den Moment ablenken, aber keine Zerstreung wird helfen. Hilfreich ist es, das Alleinsein zu akzeptieren, denn es ist letztendlich. Es ist kein Unfall, es ist die Art und Weise, wie die Dinge nun mal sind. Es ist Tao. Wenn wir es erst einmal akzeptiert haben, verändert sich die Qualität. Alleinsein wird keine Traurigkeit mehr hervorrufen. Unsere Vorstellung ist die, daß wir nicht alleine sein sollten, das erzeugt Traurigkeit; unsere Idee, daß es traurig ist, wenn wir alleine sind, erschafft das Problem.

01.08.2005 um 02:19 Uhr

Tao 48

von: tao

In Japan existieren zwei Schulen des Zen:

Die eine glaubt an plötzliche Erleuchtung,

die andere glaubt an graduelle Erleuchtung,

als wenn dies die Eigenschaften von Erleuchtung seien,

als wenn sie zur Erleuchtung gehören würden.

Sie gehören nicht zur Erleuchtung.

Erleuchtung ist immer da; es liegt an uns, ob wir sie wählen.

Wenn unsere Ausrichtung total ist, geht nicht einmal ein einziger Moment verloren.

Aber wenn unsere Einstellung nicht total ist,

bedeutet dies, daß wir selbst nicht wollen, daß es gleich jetzt geschieht,

wir wollen es verschieben, wir wollen es morgen, an einem anderen Tag.

Dann spielen wir weiterhin Spielchen.

Wenn wir wirklich aufrichtig sind, gibt es keinen Zeitaufschub,

es kann in genau diesem Moment passieren.

Auch nicht ein einziger Moment braucht verloren zu gehen,

denn es ist ja schon der Fall. Man muß bloß nach innen schauen.

Aber wenn wir es eben jetzt nicht wollen,

dann können wir Jahrtausende lang warten.