Taoistische Reflektionen

10.09.2005 um 12:22 Uhr

Tao Te King 5 (1)

von: tao

"Darf nicht der Raum zwischen Himmel und Erde

mit einem Blasebalg verglichen werden ?

Er ist entleert, und doch verliert er nicht seine Kraft;

er wird wieder bewegt, und sendet umso mehr Luft aus.

Viel Gerede führt zu schneller Erschöpfung, das sehen wir;

hüte dein inneres Wesen und halte es frei."

Das Leben ist auf vielen in sich widersprüchlichen Grundlagen konstruiert. Das Leben ist nicht das, als was es erscheint. Hinter den offensichtlichen Elementen sind Elemente, die nicht sichtbar sind und die absolut konträr sind. Aber wir denken niemals an das, was jeweils entgegengesetzt ist. Wenn wir die Geburt betrachten, ergibt sich für uns dabei kein Hinweis auf den Tod. Wenn irgendjemand vom Tod redet, wenn gerade eine Geburt stattgefunden hat, brandmarken wir ihn als geisteskrank. Aber der Tod ist immer hinter der Geburt verborgen und wer weiß, sieht den Tod sofort bei der Geburt. Das ist genauso, wie wir niemals, wenn jemand im Sterben liegt, an seine Geburt denken; aber nach jedem Tod beginnt ein Geburtszyklus. Wenn wir ein schöndes Gesicht sehen, kommt es uns niemals in den Sinn, daß es eines Tages häßlich werden könnte. Wenn jemand jung ist, hören wir das Voranschreiten des Alters hinter der Schönheit und der jugendlichen Kraft. Wenn jemand erfolgreich bei etwas ist, kommt es uns nie in den Sinn, daß das Scheitern ganz in der Nähe ist. Wenn jemand auf das höchste Podest gestellt wird, erinnert uns dies nie daran, daß er eines Tages wieder zu Boden fallen wird. So denken wir einfach überhaupt nicht. Die Existenz verbirgt den Gegensatz in sich. Deswegen ist der weise, welcher fähig ist, in jedem Moment auch das Entgegengesetzte zu sehen. Wer den Tod im Leben sieht, das Licht in der Dunkelheit, das Versagen im Erfolg, die Häßlichkeit in der Schönheit, den Haß hinter der Liebe und den Skandal hinter dem Lobpreis, nur der ist weise. Lao-tse gibt u ns hier die tiefgründigsten Neuigkeiten über diese Gegensätze. Was ist die allertiefste Grundlage des Gegensatzes ? Ein Schmied benutzte früher einen Blasebalg, heute wird er vielleicht noch am Kamin oder beim Grillen benutzt. Lao-tse hat den Blasebalg als Beispiel benutzt. Er sagt: "Wenn der Blasebalg luftleer wird, denke nicht, er sei nun kraftlos geworden." Die Wahrheit ist, daß die Stärke des Blasebalgs nur in seinem Leersein liegt. Der gefüllte Blasebalg hat keine Stärke. Der Schmied entleert den Blasebalg, um ihn mit Stärke zu füllen. Es ist die Macht der Leere innerhalb des Blasebalgs, das die Luft einsaugt. Ein Blasebalg, der schon voll ist, hat keine Kraft mehr übrig, um Luft einzusaugen. Er ist schon so voll, daß nichts mehr in ihn hineingeht. Er ist am Endpunkt des Vollseins angekommen. Nun ist er machtlos, aber wenn er wieder leer ist, ist er kraftvoll und hat die Stärke, Luft einzusaugen.

09.09.2005 um 03:06 Uhr

Tao 61

von: tao

Die Leute sind schlau, denn das Denken ist listig,

und die größte Verschlagenheit des Denkens besteht darin,

daß es die Verantwortlichkeit immer etwas anderem zuschiebt.

Wenn Bewußtwerdung graduell vor sich geht, was kann man dann schon tun !

Man kann nichts machen. Es geht Schritt für Schritt, es wird lange Zeit brauchen.

Wenn Bewußtwerdung plötzlich passiert, warum ist es für uns noch nicht passiert ?

Uns stellt sich die Frage: Warum ist es uns dann nicht passiert, wenn so etwas plötzlich kommt ?

Nein, das kann nicht plötzlich sein.

Aber wenn es plötzlich geht und es nicht nötig ist, dafür etwas zu tun,

damit es geschieht, was kann dann getan werden ?

Ich werde warten – wann immer es geschieht, passiert es.

Wir wollen einfach davonlaufen

vor der Verantwortung für unsere eigene Entscheidung.

Sartre hat etwas gesagt, das wirklich schön ist – er sagte:

"Der Mensch ist frei, sich zu entscheiden, aber der Mensch hat nicht die Freiheit, sich nicht zu entscheiden."

Wir können uns so oder so entscheiden, aber machen wir uns nichts vor –

wir haben nicht die Freiheit, uns nicht zu entscheiden,

denn sogar wenn wir denken, wir würden uns nicht entscheiden,

haben wir uns für das Gegenteil entschieden.

Wenn wir meinen, noch nicht bereit zu sein, uns zu entscheiden,

vielleicht nur zu siebzig oder achtzig Prozent bereit dafür zu sein,

aber zu zwanzig Prozent seien wir noch nicht dafür bereit,

also eben noch nicht total bereit sind,

dann entscheiden wir uns doch,

und entscheiden uns nun für den kleineren Teil unseres Denkens,

für die zwanzig Prozent, die sagen: "Mach es nicht." Wir wählen jetzt also

die zwanzig Prozent und nicht die achtzig Prozent.

08.09.2005 um 02:21 Uhr

Tao Te King 4 (1)

von: tao

"Wir sollten seine scharfen Spitzen abstumpfen und seine Komplikationen entwirren. Wir sollten seinen Glanz abmildern und seinen Aufruhr versenken. Und doch dunkel wie tiefes Wasser scheint es zu verbleiben."

Religion ist der Zustand eines leeren Bewußtseins; wie der Zustand eines leerens Gefäßes.

Aber wie kann man ein leeres Gefäß werden ? Wenn man sich wünscht, leer zu sen, wie kann man es sein ? Wenn man sich annulieren möchte, was ist die Methode ?

Nichts ist törichter, als der Versuch, perfekt zu sein. Aber die Wissenschaft der Perfektion ist lernbar. Wir haben Texte, die dieses Prozeß Schritt für Schritt erklären. Wir haben Schulen und Universitäten, wo wir uns in jegliche Richtung vervollkommnen können. Aber wo ist die Schrift, die Leere lehrt ? Was sind die Rezepte, die Leersein lehren ? Man muß einen speziellen Prozeß durchlaufen, um etwas zu sen. Also hat der Mensch viele Methoden entwickelt, um Perfektion zu erreichen. Er hat Wege angelegt, um sein Ego zu stärken. Er hat seine Gedanken und Konzepte in diese Richtung organisiert und klassifiziert. Aber für Leersein ? Was kann man tun, um leer zu werden?

Lao-tse hat darüber ein paar Dinge zu sagen. Er sagt: "Stumpfe die scharfen Ecken ab." Es gibt viele scharfe Ecken in der Persönlichkeit eines Individuums. Wo wir uns einander durchbohren und peinigen, da ist in uns eine scharfe Spitze. Aber es ist immer die scharfe Spitze des anderen, auf die wir aufmerksam werden, wenn sie uns sticht. Wenn wir einander stechen, sind wir uns dessen in uns selbst nicht bewußt. Wenn uns der andere mit einem scharfen Messer schneidet, werden wir uns seiner Schärfe bewußt sein, nicht der andere. Wenn jemand mich schneidet, nur dann werde ich aufmerksam werden – aber auch dann nur wegen der Schärfe des anderen.

Dies verursacht eine Menge an Konfusion in der Welt. All das Streiten in der Welt läßt sich auf die Tatsache zurückführen, daß wir empfindlich für die scharfen Spitzen der anderen sind und nicht für unsere eigenen. Haben wir jemals die scharfen Spitzen in uns selbst gespürt ? Das ist der Grund, warum wir unser Leben lang damit beschäftigt sind, die Schärfen von anderen abzuwehren.

Also ist es wichtig, sich bewußt zu machen, daß wir uns der scharfen Ecken und Kanten in uns selbst nicht bewußt sind. Wir sind uns der Tatsache nicht bewußt, daß diese scharfen Ecken andere schmerzen. Wir merken nur den Schmerz, der uns durch die scharfe Ecke eines anderen zugefügt wird, denn der peinigt uns.

06.09.2005 um 20:22 Uhr

Tao Te King 71 (4)

von: tao

Die zweite Schicht ist die der Rollen und Spiele.

Die erste Schicht hat keinen Kontakt zum Leben,

die zweite Schicht kann manchmal Ahnungen haben.

In der zweiten Schicht sind:

Ich bin der Ehemann, du bist die Ehefrau; oder: Ich bin die Ehefrau, du bist der Ehemann;

ich bin der Vater, du bist das Kind;

ich bin der Präsident der Vereinigten Staaten, die Königin von England,

oder ich bin der Vorsitzende Mao Tse-tung, ich bin Adolf Hitler, Mussolini,

all die Politiker der Welt – sie leben auf der zweiten Ebene,

der Schicht des Rollenspiels.

Jeder denkt immerzu, daß er der großartigste Mensch auf der Welt ist.

Jeder träumt das gleiche –

Supermann oder Superfrau zu sein,

der größte Dichter, der großartigste Philosoph,

der beste dies, die schönste das ...

Die Schicht des Ego – die zweite Schicht.

Wir spielen immerzu Rollen.

Wir müssen ständig unsere Rolle ändern.

Wir sitzen in unserem Hotelzimmer und das Zimmermädchen tritt ein;

wir müssen unsere Rolle ändern in die Rolle des Dienstherren, des Auftraggebers.

Wir sehen Untergebene an, als wenn sie keine menschliche Wesen wären.

Der Boss ! -- wir sind der Boss, und der andere ist ein Niemand, als ob er nicht vorhanden wäre.

Und dann kommt unser Boss herein – plötzlich ändert sich die Rolle.

Nun sind wir ein Nobody, wir wedeln mit dem Schwanz,

der Chef ist gekommen und wir stehen auf ...

06.09.2005 um 14:55 Uhr

Tao Te King 71 (3)

von: tao

Formalität ist keine Beziehung.

Sie kann helfen, sie kann hindern.

Ein gesunder Mensch verwendet sie, um tiefer zu gehen.

Ein ungesunder Mensch bleibt darin stecken.

Wir können diese Leute überall sehen,

lächelnd, in Lion Clubs, in Rotary Clubs.

Hühnermistleute.

Immer gut gekleidet, gepflegt,

sie sehen völlig in Ordnung aus – und absolut verkehrt.

Ganz krank.

Äußerst ungesund.

Aber bloß so tun, als ob.

Das wird bei ihnen ein festes Muster.

Wenn sie zurück kommen aus dem Rotary Club oder dem Lions Club,

reden sie mit ihren Kindern – aber auf genau dem gleichen Level.

Sie haben Sex mit ihren Partnern – aber genau auf der gleichen Ebene.

Ihr ganzes Leben ist eine lange Reihe von Manierismen, von Gekünstelheit und Geziertheit.

Bücher über Etikette sind ihre Bibel, ihre Gita und ihr Koran,

und sie denken, wenn sie all das erfüllen,

was auch immer die Gesellschaft von ihnen erwartet,

dann haben sie es erreicht.

Wenn wir ständig darauf acht geben, daß wir uns darin nicht verfangen,

können wir diese Schicht durchbrechen.

Ständige Aufmerksamkeit; wenn wir auf diesem Level feststecken, hilft nur Bewußtwerdung !

Diese Bewußtheit wird helfen, den Block zu schmelzen und dann verdunsten zu lassen;

und die Energie wird freigesetzt, mit der wir in die zweite Schicht hineinkommen können.

05.09.2005 um 14:14 Uhr

Tao Te King 15 (2)

von: tao

Die Entdeckungen der Wissenschaft sind heute neu und morgen veraltet; aber die Wahrheiten der Religion sind weder neu noch werden sie alt, denn das, was niemals neu war, kann niemals alt sein. Religion ist eine persönliche Suche nach der Wahrheit, die immer ist. Deswegen reden, ob das nun Lao-tse, Dschuang Dsi oder Liä Dsi sind, sie alle reden von alten Meistern, die diese Wahrheit auch schon vor ihnen erlangt haben. Dies ist bemerkenswert. Wenn ein Wissenschaftler über seine Entdeckung redet, wird er sagen, daß keiner vor ihm diese Tatsache entdeckt hatte. Wenn jemand anderes sie schon vorher entdeckt hätte, wäre seine Suche umsonst gewesen. Wenn jemand anderes vor Newton das Gesetz der Schwerkraft entdeckt hätte, wäre Newtons Entdeckung bedeutungslos gewesen. Dies ist in der Wissenschaft unvermeidlich. Deswegen muß jeder Wissenschaftlicher die Originalität seiner Entdeckung beweisen. In der Religion ist es genau andersherum. Hier wird ein Denker, wenn er versucht, seine Originalität zu beweisen, als irrig betrachtet werden, denn die Wahrheiten der Religion sind nicht entlehnt und sie sind nicht abgestanden. Es sind weder tote noch falsche Wahrheiten. Wenn immer eine Person sie entdeckt, sind sie neu und frisch. Dies bedeutet aber trotzdem nicht, daß sie vorher nicht schon bekannt waren. Tausende haben sie vorher erkannt. Die Wahrheit ist immer die gleiche. Die Wahrheiten der Wissenschaft sind heute wahr und morgen unwahr. Deswegen können sie neu sein. Wir können es so verstehen: Nur Unwahrheiten können neu sein; Wahrheit kann nicht neu sein. Wir können neue Unwahrheiten entdecken, die anders wie die anderen sind, denn Unwahrheiten können ganz uns selbst gehören. Jeder Mensch kann seine eigenen Unwahrheiten haben, aber kein Mensch kann seine eigene Wahrheit haben. Es gibt nur eine Wahrheit. Und immer wenn ein Mensch sein Herz öffnet, wird er diese Wahrheit entdecken. In der Wissenschaft scheint der Mensch den Zugang zur Wirklichkeit (der wissenschaftlichen Wahrheit) zu eröffnen, aber in der Religion öffnet der Mensch sein Herz der Wirklichkeit (der religiösen Wahrheit). Das, was in den Tiefen des Herzens verborgen liegt, ist eins. Deswegen sagt Krishna: "Lange vor mir haben die Rishis (Seher) das gleiche gesagt." Mahavir sagt auch: "Die Tirthankaras vor mir haben es erkennt." Christus sagt es und Mohammed sagt es auch, daß die Propheten vor ihnen es auch gewußt haben. Keiner von ihnen erklärt sich selbst zum Pionier, zum erstmaligen Entdecker. Auch Lao-tse sagt: "Die geschickten Meister (des Tao) in alter Zeit erfaßten seine Mysterien mit einer subtilen und exquisiten Durchdringung." Aber auch er erwähnt nicht ihre Namen. Das ist wiederum bemerkenswert. Lao-tse glaubt, daß die Geschichtsschreibung nicht imstande gewesen ist, sich derer zu erinnern, die in die tiefen Mysterien des Tao eingedrungen sind, denn die Geschichte nimmt nur von den Leuten Kenntnis, die sie verstehen kann.

04.09.2005 um 00:58 Uhr

Quellender Urgrund 1/9 (3)

von: tao

Natürlich kann Taoismus nicht logisch erklärt werden. Das logische Denken wird in Verlegenheit sein.Es bedarf tiefen Verstehens, nicht auf Logik gegründet, sondern basierend auf Intuition, nicht auf dem Intellekt aufbauend, sondern aufgrund von Intuition. Es braucht ein unlogisches, abenteuerliches Denken: Ein Denken, das all die Stufen, die auf dem Weg des Willens eine Rolle spielen, überspringen kann, ein Denken, das bereit ist, in das Unbekannte hineinzugehen, ein Denken, das mutig genug ist, den Sprung zu wagen.

Auf dem ersten Weg, dem aktiven Weg des Willens, gehen wir Schritt für Schritt, und streben nach oben. Auf dem zweiten Weg, dem passiven Weg der Entspannung, tun wir einfach den Sprung in den Abgrund. Es ist ein bodenloser Abgrund, es ist Leere, es ist absolutes Nichtssein. Wir verschwinden.

Dies sind die beiden Wege, und jeder kann in seinem eigenen innersten Wesenskern sich entscheiden, was ihm oder ihr entspricht und anziehend wirkt. Es ist schwierig, aber es ist wichtig, zu dieser Entscheidung zu kommen, ansonsten können wir weiterhin Dinge tun, die sich für uns als sinnlos erweisen werden. Wenn wir den Sprung tun können, dann besteht keine Notwendigkeit, daß wir uns in Yoga üben.Wenn wir den Sprung nicht tun können, dann hat es keinen Sinn, bloß dazusitzen und zu warten.

Auf dem ersten Weg besteht die größte Gefahr in dem Ego, denn wir werden viel tun müssen, und wenn wir zu egoistisch sind, werden wir ein Macher werden, und dann wird das Ego unsere Barriere werden. Unser Tun hat nur einen Sinn, wenn wir dabei und damit nicht das Ego stärken. Auf dem zweiten Weg ist Lethargie das Problem. Wenn es gar nichts zu tun gibt, kann man lethargisch werden, man kann stumpf werden und absterben. Das ist die Gefahr – ganz natürlich: Wir sitzen still da, tun nichts, und nach und nach fallen wir in Stumpfheit, in eine Art von Intelligenzlosigkeit; wir verlieren die Schärfe, wir verlieren die Lebendigkeit, wir werden idiotisch. Das ist möglich, daher ist es wichtig, darauf sehr achtzugeben.

Auf dem ersten Weg, muß man aufpassen, daß das Ego nicht groß wird. Auf dem zweiten Weg muß man zusehen, daß Lethargie sich nicht breitmacht.Wenn diese zwei Fallgruben vermieden werden, dann können wir entweder von der Bejahung oder von der Verneinung her zurWachheit kommen. Die Leute sind auf beiden Wegen weit gekommen. Es stellt sich also nicht die Frage, ob man damit etwas erreichen kann, die Frage ist, welcher Weg für uns leichter zu begehen ist, welcher Weg mehr mit unser inneren Natur übereinstimmt. Das würde dann unsere Entscheidung darstellen.

Liä Dsi ist ein Stellvertreter für den Weg des Nichtsseins, dem Pfad des via negativa, dem mystischen Weg.

03.09.2005 um 02:19 Uhr

Quellender Urgrund 1/9 (2)

von: tao

Zwei Wege gehen in verschiedene Dimensionen; sie erreichen das gleiche Ziel, aber sie führen in verschiedene Richtungen. Viel hängt davon ab, diese zwei Pfade so klar wie möglich zu verstehen, denn wir werden uns eines Tages zwischen ihnen entscheiden müssen.

Der positive Weg ist eine positive Herangehensweise, eine Suche, ein Forschen. Der negative Weg ist ein Warten, kein Suchen. Der negative Weg besteht bloß darin, die Türe offen zu halten, nicht loszugehen und zu suchen; nicht nachzufragen, bloß empfänglich sein, empfängnisbereit. Der erste Weg ist yang, der zweite ist yin. Der erste ist der männlichorientierte Weg, der zweite ist der weiblichorientierte Weg. Man braucht bloß in einem Loslassen zu verweilen auf diesem zweiten Weg: Kein Wille, bloß Hingabe. Man braucht bloß Tao so sein lassen, wie es ist, kein erreichen wollen, man läßt sich von Tao erreichen. Einfach still sein, einfach leer sein. Raum geben, so daß wir zugänglich sind, wenn Tao geschieht, immerzu bereit bleiben.

Auf dem Weg des Willens gibt es viel zu tun; auf dem Pfad der Hingabe gibt es nichts zu tun, ganz genau nichts zu tun, nur nichts ist zu tun. Diese Wege können auch anders benannt werden. Der erste Weg kann der Weg des Asketen genannt werden. Das Wort "asketisch" kommt von einer griechischen Wurzel "askesis", was Übung bedeutet. Viele Methoden, viele Übungen, Yoga, Methodologie, Techniken, alles ist möglich. Der zweite Weg kann der Weg des Mystikers genannt werden: Keine Übung, keine Methoden, keine Technologie.

Auf dem erstenWeg ist Zeit ein Muß. Wir können nicht sofort bewußt sein – Methoden brauchen Zeit, Übungen brauchen Zeit, Vorbereitung benötigt Zeit, und wir werden viele Leben lang warten müssen. Die Bewußtwerdung wird graduell sein, sie kann nicht plötzlich sein. Auf dem negativen Weg kann es absolut plötzlich sein, es kann in jedem Moment geschehen. Zeit ist nicht nötig, denn es ist kein Üben vonnöten. Wir brauchen nirgendwohin gehen, wir brauchen bloß still dasitzen, wir brauchen bloß loslassen, zulassen lassen. Man braucht nicht zu warten.

Der Weg des Mystikers ist mysteriös – er kann nicht erklärt werden. Der Weg des Asketen ist 

Erklärbar: er ist sehr wissenschaftlich, sehr logisch. Schritt für Schritt kann er erklärt werden; er kann analysiert werden, in kleine, leicht durchzuführende Schritte aufgeteilt werden. Diese Stufen können so klein gemacht werden, daß sie jeder nehmen kann, selbst ein kleines Kind kann das schon; hier sind jede Art von Abstufungen möglich. Aber der Weg des Mystikers ist sehr mysteriös, daher wird er der mystische Pfad genannt. Keine Abstufungen sind möglich, keine kleinen Schritte – bloß ein Quantensprung, ein Sprung in das Unbekannte, plötzlich, wie ein Blitz.

02.09.2005 um 01:37 Uhr

Tao Te King 1 (6)

von: tao

Worte sind hart und fest, sie können den Gegensatz nicht enthalten. Die Existenz ist flüssig. Sie hat die Eigenschaft, das Entgegengesetzte in sich zu beinhalten.

Der Tod ist in unserer Geburt nicht enthalten, aber in der Existenz ist der Tod mit der Geburt verbunden; er ist in der Geburt enthalten. In unserer Krankheit ist kein Platz für Gesundheit, aber gemäß der Existenz kann nur ein gesunder Mensch erkranken. Wenn wir nicht gesund sind, können wir nicht krank werden. Ein toter Mensch ist niemals krank. Es ist notwendig, daß ein Mensch am Leben ist, wenn er krank werden soll. Es ist überdies noch notwendig, daß er gesund sein sollte. Es ist nötig, gesund zu sein, um krank zu werden. Und wenn wir uns dann der Tatsache bewußt werden, daß wir krank sind, dann nur deswegen, weil wir gesund sind; wie sonst würden wir wissen, daß wir krank sind ? Was ist damit gemeint ? Wo Existenz ist, da fallen alle gegensätzliche Unterschiede. Dann gibt es die Expansion von nur Einem. In dem Moment, in dem wir etwas einen Namen geben, zerbricht es entzwei, in zwei, und sofort ist eine Dichotomie geschaffen. Auf der einen Seite benennen wir und auf der anderen Seite beginnt die Existenz aufzubrechen in Stückchen und Teilaspekte. Das Benennen ist der Prozeß des Entzweibrechens. Alle Namen aufzugeben ist der Weg, das Absolute erkennen, die Ganzheit kennenzulernen. Aber wir können nicht ohne Namengebung bleiben. Wir fühlen uns sehr unwohl, wenn wir keinen Namen zuordnen können. Wir sehen etwas und sofort geben wir ihm einen Namen. Wir hören etwas – sofort benennen wir es. Wir sehen eine Blume und das Denken gibt ihr sofort einen Namen: Es ist eine Rose, sie ist schön oder so oder anders; wir haben sie schon vorher gekannt oder wir haben sie vorher noch nicht gekannt; sie ist uns vertraut oder fremd. Sofort ist die Blume an sich, als Blume, außen vor, an den Rand gedrängt und ein Wortgewebe wird erzeugt. Dann, wenn wir die Existenz durch die Maschen der Worte sehen, erscheint sie verzerrt und gebrochen.

Lao-tse sagt: "Namenlos ist der Schöpfer der Existenz des Ursprungs von aller Existenz; und "Der Name" ist die Mutter von allen Objekten." Deswegen können wir Parmatman oder Gott oder Tao keinen Namen geben, denn sobald wie wir es benennen, wird es zum Objekt. Was immer wir benennen, wird ein Objekt. Wenn wir Atman, der Seele, einen Namen geben, wird es ein Objekt und wenn wir uns keinen Namen ausdenken, nicht einmal für einen Stein, wird es zur Seele. Wenn wir keinen Namen zuordnen, wenn unser Denken keinen Namen erzeugt und wenn wir ohne Worte, ohne Namen, sogar einen Stein ansehen, wird Tao sich uns enthüllen in diesem bloßen Stein. Sogar wenn wir einem Herzen, das vor Liebe pulsiert, einen Namen geben – "mein Sohn, meine Mutter, meine Frau" – dann wird dieses schlagende Herz ein totes Stück Stein.

01.09.2005 um 02:06 Uhr

Tao Te King 15 (1)

von: tao

"Die kundigen Meister (des Tao) in alten Zeiten erfaßten mit einem subtilen und vorzüglichen Scharfsinn seine Mysterien, die so tief waren, daß sie sich dem menschlichen Wissen entzogen. Da sie so jenseits des menschlichen Wissens waren, will ich den Versuch unternehmen, zu beschreiben, was und wie sie anscheinend waren.

Vorsichtig, als ob sie einen zugefrorenen Strom überqueren würden.

Unentschlossen, wie einer, der überall um sich herum Gefahr befürchtet.

Ernst und gemessen, wie einer, der als ein Gast auftritt.

Sich selbst in den Schatten stellend, wie Eis, das zu schmelzen beginnt.

Unprätentiös und schlicht, wie Holz, an dem nicht herumgeschnitzt worden ist.

Leer wie ein Tal.

Und trübe wie schlammiges Wasser."

Dies ist ein eigenartiges Kapitel. Es ist ein ungewöhnliches Kapitel, denn es steht ganz und gar im Gegensatz zu unserem Konzept eines Heiligen. Lao-tse betrachtet einen Heiligen nicht so, wie wir das tun. Lao-tses Heiliger ist ein integrierteres Individuum und er ist ganzheitlicher. Derjenige, den wir für einen Heiligen halten, ist ein unvollkommenes Individuum. Es wäre besser, wenn wir ihn lieber einen guten Menschen als einen Heiligen  nennen würden. Wir können einen guten Menschen und einen bösen Menschen verstehen. Wer Gutes tut, ist ein guter Mensch; wer Böses tut, ist ein böser Mensch. Aber Lao-tse beschreibt einen Heiligen als eine integrierte Person. Er stellt nicht das Gegenteil eines bösen Menschen dar, und er ist nicht nur ein guter Mensch. Er ist beides und jenseits von beidem. Er ist zur selben Zeit beides, gut und böse, und daher ist er fähig, jenseits von beidem zu sein.

Wenn wir versuchen wollen, dieses Kapitel zu verstehen, werden wir einiges zuvor verstanden haben müssen. Dann werden wir imstandesein, zum Herzen dieses Kapitels vorzudringen.

Lao-tse erzählt uns ein bedeutsames Faktum: "Die geschickten Meister (des Tao) in alter Zeit begriffen mit einer feinsinnigen und außergewöhnlichen Vorgehensweise seine Mysterien, die so tiefsinnig waren, daß sie sich dem Wissen des Menschen entzogen."

Die Wissenschaft entdeckt ständig neue Wahrheiten. Deswegen gibt es originelle Denker in der Welt der Wissenschaft, die neue Dinge entdecken. In der Welt der Religion ist Wahrheit weder alt noch neu. Sie ist ewig. Dieselbe Wahrheit wird immer wieder entdeckt. Für ein Individuum kann sie neu sein, denn er weiß von ihr zum ersten Mal, aber sie ist nicht neu. Die Wahrheit ist immer da.