Tao Te King 5 (1)
"Darf nicht der Raum zwischen Himmel und Erde
mit einem Blasebalg verglichen werden ?
Er ist entleert, und doch verliert er nicht seine Kraft;
er wird wieder bewegt, und sendet umso mehr Luft aus.
Viel Gerede führt zu schneller Erschöpfung, das sehen wir;
hüte dein inneres Wesen und halte es frei."
Das Leben ist auf vielen in sich widersprüchlichen Grundlagen konstruiert. Das Leben ist nicht das, als was es erscheint. Hinter den offensichtlichen Elementen sind Elemente, die nicht sichtbar sind und die absolut konträr sind. Aber wir denken niemals an das, was jeweils entgegengesetzt ist. Wenn wir die Geburt betrachten, ergibt sich für uns dabei kein Hinweis auf den Tod. Wenn irgendjemand vom Tod redet, wenn gerade eine Geburt stattgefunden hat, brandmarken wir ihn als geisteskrank. Aber der Tod ist immer hinter der Geburt verborgen und wer weiß, sieht den Tod sofort bei der Geburt. Das ist genauso, wie wir niemals, wenn jemand im Sterben liegt, an seine Geburt denken; aber nach jedem Tod beginnt ein Geburtszyklus. Wenn wir ein schöndes Gesicht sehen, kommt es uns niemals in den Sinn, daß es eines Tages häßlich werden könnte. Wenn jemand jung ist, hören wir das Voranschreiten des Alters hinter der Schönheit und der jugendlichen Kraft. Wenn jemand erfolgreich bei etwas ist, kommt es uns nie in den Sinn, daß das Scheitern ganz in der Nähe ist. Wenn jemand auf das höchste Podest gestellt wird, erinnert uns dies nie daran, daß er eines Tages wieder zu Boden fallen wird. So denken wir einfach überhaupt nicht. Die Existenz verbirgt den Gegensatz in sich. Deswegen ist der weise, welcher fähig ist, in jedem Moment auch das Entgegengesetzte zu sehen. Wer den Tod im Leben sieht, das Licht in der Dunkelheit, das Versagen im Erfolg, die Häßlichkeit in der Schönheit, den Haß hinter der Liebe und den Skandal hinter dem Lobpreis, nur der ist weise. Lao-tse gibt u ns hier die tiefgründigsten Neuigkeiten über diese Gegensätze. Was ist die allertiefste Grundlage des Gegensatzes ? Ein Schmied benutzte früher einen Blasebalg, heute wird er vielleicht noch am Kamin oder beim Grillen benutzt. Lao-tse hat den Blasebalg als Beispiel benutzt. Er sagt: "Wenn der Blasebalg luftleer wird, denke nicht, er sei nun kraftlos geworden." Die Wahrheit ist, daß die Stärke des Blasebalgs nur in seinem Leersein liegt. Der gefüllte Blasebalg hat keine Stärke. Der Schmied entleert den Blasebalg, um ihn mit Stärke zu füllen. Es ist die Macht der Leere innerhalb des Blasebalgs, das die Luft einsaugt. Ein Blasebalg, der schon voll ist, hat keine Kraft mehr übrig, um Luft einzusaugen. Er ist schon so voll, daß nichts mehr in ihn hineingeht. Er ist am Endpunkt des Vollseins angekommen. Nun ist er machtlos, aber wenn er wieder leer ist, ist er kraftvoll und hat die Stärke, Luft einzusaugen.
