Taoistische Reflektionen

31.10.2005 um 12:18 Uhr

Tao Te King 4 (7)

von: tao

Da ist die Geschichte von einem kleinen Jungen, der eines Tages jubilierend und frohlockend von der Schule heimkehrte. Er hatte einen Preis gewonnen. Er hatte eine Frage korrekt beantwortet. Als seine Mutter fragte, was die Frage gewesen sei und was seine Antwort gewesen wäre, sagte er: "Die Frage war: Wieviele Beine hat die Kuh?, und ich antwortete: Drei." Die Mutter war schockiert: "Die Kuh hat vier Beine, du dummer Junge !", rief sie aus. "Das habe ich jetzt auch herausgefunden", sagte der Junge. "Aber die anderen Jungen sagte zwei, und ich sagte drei, also war ich näher an der Wahrheit. Deswegen bekam ich den Preis." Dies ist die Bedeutung von annäherungsweise, von approximativ.

Wenn jemand sehr nah an die Perfektion des Wohlstands gekommen ist, dann hat Amerika diese sprichwörtlichen drei Beine zustandegebracht. Und nun ist es schon fast am vierten Bein dran. Aber das vierte Bein kann es nicht sen, denn innerhalb der menschlichen Situation ist dies nicht möglich. Das menschliche Sein an sich ist unvollkommen, deswegen kann, was immer er tut, nichts anderes als unvollkommen sein. Wenn ich nicht perfekt bin, wie kann das, was ich tue, perfekt sein ? Es kann nur annäherungsweise der Perfektion näherkommen, wenn es mit etwas anderem verglichen wird. Was also den Wohlstand betrifft, so ist Amerikas Gefäß fast dreiviertel voll.

Aber das Gefühl der Hilflosigkeit und des Unglücklichseins, das in Amerika um sich greift, ist so nirgendwo sonst zu finden. All die Denker in Amerika sind nun dabei, einen einfachen Aspekt des Lebens zu studieren – das Gefühl des Leerseins, der Bedeutungslosigkeit. Alles ist sinnlos und leer, nichts ist voll – und sie sind am Punkt des saturierten Wohlstand, der Sättigung des Reichtums !

Was ist los ?

Der Mensch kann nicht vollkommen sein. Unvollkommen zu sein ist seine Bestimmung. Allein schon die Art und Weise seines Wesens ist so beschaffen, daß er immer unvollkommen bleiben wird, egal wo er ist. Ein unvollkommenes Denken bemüht sich immer um Perfektion. Auch dies ist die Bestimmung des Menschen. Es liegt Agonie in der Unvollkommenheit. Da ist das Gefühl der Wertlosigkeit und der Minderwertigkeit und auch von Elend, Erbärmlichkeit, Erniedrigung und Demütigung. Das Streben nach Vollkommenheit entsteht also aus dieser Unvollkommenheit des Seins. Und was auch immer aus Unvollkommenheit heraus entsteht, kann niemals perfekt sein. Das Resultat wird immer ein Nebenprodukt haben: Unvollkommenheit.

"Ich" bin es, der unvollkommen ist und der versucht, vollkommen zu sein.

30.10.2005 um 22:01 Uhr

Tao Te King 4 (6)

von: tao

Die Eltern sagen es zu ihren Kindern, der Prediger ermahnt seine Zuhörer,die Lehrer sagen es ihren Schülern und der Guru seinen Schülern – "Wollt ihr das Leben einfach so dahinlaufen lassen ? Ihr wurdet unvollkommen geboren, wollt ihr auch unvollkommen sterben ? Wollt ihr nicht perfekt sein ? Ihr werdet euer Leben vergebens gelebt haben, wenn ihr nicht die Fülle erreicht habt. Ihr müßt etwas erreichen. Seid nicht leer." Und hier ist Lao-tse, der sagt: Wer Religion erlangen möchte, muß sich vor allem Vollsein hüten. Er darf weder vollkommen werden noch unvollkommen bleiben. Er muß leer werden. Es wird leichter sein, wenn wir es folgendermaßen verstehen: Normalerweise sind wir unvollkommen, wo immer wir sind. Wir sind niemals leer, wie sind niemals voll. Unser Wesen ist unvollkommen, unvollständig. Wir sind immer so dazwischen – wir sind weder leer noch vollkommen. Und das gilt für uns alle und nicht nur für einige wenige. Wer immer und was immer in der Existenz ist, alle sind dazwischen. Auf der einen Seite ist die Leere und auf der anderen Seite ist die Vollkommenheit und wir sind dazwischen. Und die Anordnung unseres Arrangements ist der Fortschritt von diesem Mittelpunkt hin zur Perfektion. Lao-tse sagt: "Wir müssen von diesem Mittelpunkt aus uns zur Leere hinentwickeln." All unsere Anstrengungen sind also von dieser Unvollkommenheit auf die Perfektion hin ausgerichtet. Das Leid und Wehe unserer Leben ist nur dies, daß es nirgendwo Erfüllung gibt: Unsere Liebe ist unvollkommen, unser Wissen ist unvollkommen – nichts ist perfekt – und wir sehnen uns in jeder Ausrichtung nach Erfüllung ! Liebe sollte so erfüllend sein, daß wir nicht nach mehr verlangen. Wir verlangen nach dem Gefühl der Erfüllung. Aber je mehr wir versuchen, uns zu erfüllen, desto mehr werden wir uns des inneren Leerseins bewußt. Es gibt keine Erfüllung. Deswegen erlebt das Zeitalter, das rastlos begierig und scharf auf Perfektion ist, im selben Ausmaß die Leere. Der Westen ist zum ersten Mal umfassend gebildet. Der Westen hat zum ersten Mal in der Weltgeschichte sich beträchtlich in Sachen Bildung und Ausbildung weiterentwickelt. Aber seltsamerweise ist der Westen gleichzeitig von dem Gefühl des Leerseins durchdrungen. Amerika hat wie keine andere Nation die Gipfel des Wohlstands berührt – es ist fast schon am Punkt der Perfektion. Aber das ist natürlich nur annäherungsweise vollkommen, denn es kann keine volle Vollkommenheit geben. Wenn wir auf unsere Armut in der Vergangenheit zurückblicken, bekommen wir auch das Gefühl, wir haben großartige Fortschritte in der Entwicklung von Wohlstand gemacht. Dabei ist es wichtig, den Sinn von Annäherung zu verstehen. Perfekt können wir nicht sein, egal wo wir sind, aber wenn wir einen Volksstamm im Dschungel nehmen – die Adivasis in Bastar beispielsweise – und den mit New York vergleichen, dann hat New York sicherlich fast schon den Punkt der Perfektion erreicht.

29.10.2005 um 02:59 Uhr

Tao Te King 4 (5)

von: tao

Durch das geschickte Rationalisieren werden aber keine Selbsterfahrungen erlebt, denn die Kunst des Argumentierens ist nur dafür nützlich, das Ego-Selbst zu verbergen. Die Rationalisierung wird uns nicht helfen, was nötig ist, ist Selbst-Einsicht. Die prüfende Selbstbetrachtung bedeutet die Fähigkeit, sich selbst an die Stelle des Anderen zu versetzen. Jeder von uns hat das Gefühl, daß der Ärger des Anderen nicht gerechtfertigt ist. Es ist schwierig, einen Menschen zu finden, der nicht das Gefühl hat, daß er das Opfer von Ungerechtigkeit ist. Vielmals am Tag haben wir das Gefühl, daß wir drangsaliert, hereingelegt, verfolgt, kurz, zum Opfer gemacht werden ohne daß wir irgendetwas gemacht hätten, ohne ein Fehlverhalten unsererseits. Unsere Erfahrung ist, daß wir von Ungerechtigkeiten geplagt werden. Aber wenn wir am anderen unseren Ärger auslassen, wenn dann endlich unser Zorn über den anderen verraucht ist, haben wir jemals das Gefühl gehabt, daß der andere ungerecht behandelt worden ist, daß dem anderen ein Unrecht zugefügt worden ist. So wie der andere sich keiner Unehrlichkeit und Ungerechtigkeit von seiner Seite her bewußt ist, so sind wir es auch nicht. Dies ist Einsicht, dies ist keine Logik. Dies ist eine Erfahrung. Die Natur des Menschen ist überall die gleiche. Jeder denkt fast genauso, wie wir denken; jedermanns Erlebnisse sind fast so wie die unsrigen. Deswegen ist es doch nicht schwiereig, sich selbst in die Position des anderen zu versetzen und hineinzudenken. Wer darin erfolgreich ist, sich an die Stelle des anderen zu versetzen oder den anderen an den eigenen Platz zu stellen, der entwickelt seine Einsicht. Dann ist er auch imstande, die scharfen Ecken und Kanten in sich zu sehen.

Buddha erlangte höchstes Wissen. Und doch jeden Morgen, wenn Buddha betete, bat er um Vergebung von der ganzen Welt. Eines Tages fragte ihn jemand: "Du hast doch das höchste Wissen erreicht, nun wird doch niemand mehr von dir verletzt, keiner kann mehr von dir verletzt werden, warum bittest du dann um Vergebung ?" Buddha sagte: "Ich erinnere mich an meine Tage der Unwissenheit, als ich mich für gewöhnlich sogar dann verletzt fühlte, wenn mich gerade mal keiner beleidigte. Deswegen selbst obwohl ich willentlich keinem anderen Schaden zufüge, müssen sich doch viele wegen mir gekränkt fühlen, also weiß ich, daß dieser weite Ozean der unwissenden Menschheit, der überall um mich herum ist, sich wegen mir beleidigt fühlen muß, selbst wenn ich ihnen diese Verletzung gar nicht zufüge. Sie sind verletzt, ob ich nun die Ursache bin oder nicht. Daher bitte ich um Vergebung." "Aber du hast doch die Verletzung nicht verursacht ?" fragte der Mann wieder. Buddha erwiderte: "Aber ich bin der Grund. Wenn ich nicht wäre, gäbe es wegen mir keine Kränkung. Mein Sein genügt, um die Beleidigung auszulösen. Deswegen bitte ich um Vergebung. Diese Vergebung ist nicht für eine begangene Sünde, sondern für eine Sünde, die stattgefunden hat – sogar obwohl ich gar keinen aktiven Anteil daran hatte."

28.10.2005 um 15:06 Uhr

Tao Te King 4 (4)

von: tao

Wir sind Experten darin, uns selbst zu entschuldigen. Für unsere Selbstentschuldigung gibt es keine Grenze. Wie lange wäre es wohl menschenmöglich, bei einer Person zu bleiben, die genau so ist wie wir ? Es wäre schwierig, auch nur einen einzigen Tag auszuhalten, aber wir leben mit uns selbst schon seit vielen Geburten zusammen ! Es muß doch eine gewisse Logik geben, die uns davor bewahrt, uns selbst kennenzulernen. Wir können uns nicht einmal vorstellen, wer oder was wir sind ! Wir haben nicht das kleinste bißchen Bewußtsein dafür, das uns zeigen könne, was wir sind !

Um dies zu verstehen, müssen wir zuerst das Wissen von den Spitzen haben, von den Dolchen, die aus uns hervorspringen. Wo immer wir gehen, wir sind daran gebunden, den einen oder den anderen zu verletzen. Wenn wir es schaffen, ohne einen solchen Vorfall durchzukommen, dann haben wir nicht das Gefühl, wirklich etwas geschafft zu haben. Wir haben das Gefühl, wir gingen vorbei und niemand hat Notiz von uns genommen ! Wir können nur die Aufmerksamkeit eines anderen auf uns ziehen, wenn wir jemandem eine Beleidigung, eine Kränkung oder eine Verletzung zufügen.

Es gibt vielerlei Wunden, die wir anderen zufügen können, doch darüber später. Auf wie vielen Wegen können wir verletzen und wie gut können wir es wegerklären !

Einige Freunde hatten sich eines Morgens in Nasruddins Wohnzimmer zusammengefunden. Er rief einen seiner Schüler, händigte ihm ein irdenes Gefäß aus und sagte zu ihm: "Nimm dies zum Brunnen und fülle es. Und paß bloß auf, daß du es nicht zerbrichst ! Das ist ein irdener Topf. Nun komm noch näher." Als der Jugendliche sich ihm näherte, gab er ihm zwei Ohrfeigen. Der arme Junge war benommen und der Rest der Versammlung war äußerst durcheinander. Ein alter Mann sagte dann:" Mulla, du schlägst den Jungen, der keinen Fehler begangen hat. Dies können wir nicht verstehen. Das Gefäß war noch nicht zerbrochen und du hast den Jungen bestraft ?" Nasruddin sagte: "Ich gehöre nicht zu den törichten Menschen, die erst darauf warten, daß es passiert und dann die Bestrafung in angemessener Weise erteilen. Was hat dies dann noch für einen Nutzen ? Wenn der Topf schon zerbrochen ist, was hat das Schlagen dann noch für einen Sinn ?"

Wir würden Nasrudin nicht so ohne weiteres eine Antwort geben können. Seine Worte sind sinnvoll. Wenn wir schon schlagen, müßten wir schon vorher schlagen, dann hätte es irgendeine Bedeutung. Danach würde es keinen Sinn haben. Der Mensch ist solch ein Experte – er kann schon die Bestrafung aushandeln, bevor der Irrtum begangen wird. Dies ist die Botschaft von Nasruddins Geschichte. Wir sind Experten in Sachen Rationalisierung.

27.10.2005 um 02:14 Uhr

Quellender Ursprung 1/9 (5)

von: tao

Einsam zu sein impliziert eine Entwicklung oder eine Beibehaltung einer Erfahrung, während allein zu sein eine radikale, totale Veränderung von einhundertundachtzig Grad bedeutet, eine Verwandlung, eine metanoia. Einsam zu sein ist ein Weg, der zurück zu den anderen führt: Immer wenn wir uns einsam fühlen, suchen wir damit schon in der einen oder anderen Weise nach dem anderen. Einsam sein ist ein Rückweg zu den anderen. Allein zu sein ist ein Weg, der zurück zu sich selbst führt.

Dies gilt es zu bedenken: Darum ist auf dem negativen Pfad Meditation signifikanter als Gebet. Meditation ist eine Hilfe, Gebet ist ein Hindernis. Auf dem Pfad der Affirmation ist Gebet eine Hilfe, über Meditation wird überhaupt nicht geredet. Darum ist im Christentum, im Islam, im Judentum und im Hinduismus Meditation nicht entwickelt worden. Meditation ist aufs äußerste von den Buddhisten und von den Taoisten entwickelt worden – das ist ihr geheimer Schlüssel.

Wir können all die Religionen in zwei Gruppen unterteilen: Hinduismus, Islam, Judentum, Christenheit – alle sind auf dem Pfad des via affirmativa. Buddhismus und Tao – sie sind grundsätzlich negativ, auf dem Pfad des via negativa. Hinduismus und Islam sind im Sufismus erblüht. Sufismus stellt den Gipfel des Affirmativen dar. Und Buddhismus und Taoismus trafen sich und Zen wurde geboren: das ist das Optimum auf dem Pfad der Meditation.

Das Zusammentreffen von Islam und Hinduismus geschah in Indien. Der Islam kam nach Indien, traf auf den Hinduismus, und ein schönes Kind wurde geboren. Das Zusammentreffen von Taoismus und Buddhismus geschah in China. Der Buddhismus ging nach China, traf den Taoismus und ein schönes Kind, Zen, wurde geboren. Sufismus und Zen sind die höchsten Crescendos zweier verschiedener Pfade. Sufismus ist nichts als reines Gebet, zikr, das sich an Gott erinnern, und Zen ist nichts als Meditation.

Das Wort "Zen" kommt von der Sanskritwurzel dhyana. Zuerst wurde das Wort dhyana zu jhana, weil Buddha in Pali zu reden pflegte – dhyana ist in Pali jhana. Dann wurde aus jhana in China ch´an. Dann wurde es zu Zen, als es Japan erreichte. Aber es ist und bleibt dhyana, es ist das essentielle dhyana: bloß allein sein, absolut allein, nicht einmal ein Gedanke daran, in Gesellschaft zu sein, mit jemandem zusammen zu sein. In diesem Alleinsein verschwindet alles. Man ist bloß geräumig, man ist bloß ein Raum, ein Energiefeld, pur, rein, transparent. In dieser Reinheit kommt man an, Tao kommt herein. Wenn wir bereit sind, so leer zu sein, tritt Tao ein. Der Sufi sucht Gott. Der Zen-Schüler wartet, Satori kommt, das Aufblitzen von Tao.

26.10.2005 um 14:14 Uhr

Quellender Urgund 1/9 (4)

von: tao

Auf dem mystischen Pfad muß man allein sein – dort besteht keine Möglichkeit "zusammen zu sein". Es ist eine tiefe Untätigkeit, die so weit geht, daß allein schon der Gedanke an Tätigwerden fallengelassen werden muß und dem Aktionismus entsagt werden muß. Kein Verlangen, keine Aktion; man hat bloß zu sein. Einsamkeit muß erfahren werden.

Auf dem Weg der Affirmation ist Gott immer mit uns, wir sind niemals alleine. Wir können immer mit Gott reden, immer zu Gott beten, wir können immer hoffen, daß er bei uns ist. Er ist um uns herum, er hält unsere Hand. Und er ist ganz wichtig auf dem Pfad der Bejahung. Seine Hand liegt schon fast in unseren Händen. Das ist nicht bloß Imagination, es ist nicht bloß Halluzination; es ist so. Wenn wir alles getan haben, was wir tun können, steht er uns plötzlich zur Verfügung. Mehr können wir nicht tun: Wir haben uns in nichts zurückgehalten,wir haben alles getan, was wir tun können, wir haben uns total ins Zeug gelegt, an die Arbeit gemacht, wir sind an unser Optimum gekommen und haben es in unser Werk, unsere Aufgabe, investiert – von diesem Moment an übernimmt er. Aber man muß das optimal Mögliche tun, weniger als das wird nichts helfen. Man muß kochen, einhundert Grad, nur dann plötzlich – das Verdunsten, die Verdampfung.

Auf dem Pfad der Askese ist Gott mit uns; wir sind niemals alleine, wir können immer beten. Aber auf dem negativen Pfad ist kein Gebet möglich, Beten ist nicht erlaubt – Beten ist ein Hindernis. Auch dies gilt es zu bedenken: Die eine Sache mag auf dem einen Pfad eine Hilfe sein und mag auf einem anderen Pfad ein Hindernis sein. Das Gebet ist ein Hindernis. Wenn wir denjenigen fragen, der dem negativen Pfade folgt, wird er sagen: Beten bedeutet, daß wir immer noch nicht fähig sind, alleine zu sein; wir sind immer noch dem anderen, dem Du, verhaftet. Wir haben vielleicht unsere Bindung an die Frau, an den Mann, an die Kinder, an den Freund, an die Gesellschaft, losgelassen, aber nun haben wir einen Gott projiziert und nun haben wir mit ihm ein Zusammensein, wir pflegen mit ihm Gesellschaft; aber wir können nicht alleine sein. Beten bedeutet, wir haben immer noch Angst davor, allein zu sein, also erschaffen wir eine Brücke zum anderen, wir suchen den anderen. Gebet bedeutet einfach, daß immer wenn wir allein sind, wir nicht wirklich allein sind, sondern uns einsam fühlen: Uns fehlt der andere, wir vermissen das Du. Auf dem Pfad des Negativen ist Alleinsein einfach die großartigste Herrlichkeit, die es gibt. Wenn wir den Mystiker fragen, wird er sagen: Einsam zu sein ist bloß eine Pause, eine Unterbrechung. Allein zu sein ist ein ultimativer Zustand. Einsam zu sein oder gemeinsam zu sein ist nebensächlich. Allein sein ist wesentlich.

25.10.2005 um 02:45 Uhr

Tao 76

von: tao

Jetzt bleibt keine Zeit mehr für Geheimhaltung. Deswegen ist es zum ersten Mal angebracht, alle Geheimnistuerei aufzugeben und alle Heimlichkeit zu verwerfen. Die Menschheit ist an solch einem gefährlichen Scheideweg, daß es gut möglich ist, daß die Menschheit innerhalb eines Jahrhunderts vielleicht überhaupt nicht mehr existiert. In der Vergangenheit gab es genug Zeit; das Spiel der Geheimhaltung konnte gespielt werden, aber nun kann das nicht mehr funktionieren. All die Geheimnisse sollten jedem einzelnen zugänglich gemacht werden; je mehr man bereit dafür wird, desto mehr Geheimhaltungen sollten aufgegeben werden. Wenn die ganze Menschheit auf dem Spiel steht, sollte die Wahrheit ans Tageslicht gebracht werden, wie gefährlich dies auch immer sein mag, so nackt und bloß wie möglich. Wenn dem Menschen nicht beigebracht werden kann, wie er frei sein kann und doch geistig gesund, dann gibt es für die Menschheit keine Zukunft. Um dem Menschen zu lehren, wie er frei und geistig gesund sein kann, wird man alle möglichen verrückten Spiele ersinnen müssen. Durch solche verrückten Techniken wird die angesammelte Verrücktheit kathartisch ausgeleitet werden, ausagiert und hinausgeworfen werden müssen.

"Dies ist ein Tempel des totalen Ruins"

Nur durch den Tod gibt es Auferstehung. Bevor man nicht bereit ist, zu sterben, ist man nicht bereit, wiedergeboren zu werden.

"In ihm sind die Trunkenen, von vor der Ewigkeit bis zum Tag des Gerichts. Gegangen von sich selbst.":

Das setzt die Bereitschaft voraus, sein Ego und sein Selbst loszulassen, seine Urteile, seinen Intellekt, bereit, den Kopf zu verlieren, nur dann kann man verstehen, was da vor sich geht.

Nur wenn man ganz und gar stirbt, wird man als ein neues Wesen geboren, als ein neuer Mensch, als eine neue Energie. Unbelastet von der Vergangenheit, abgeschnitten von der Vergangenheit, wird man so frisch wie Tautropfen am Morgen, und nur dann erkennt man, was Tao ist. Nur in dieser unberührten Frische weiß man, was Tao ist, nur in dieser Unschuld, dieser ursprünglichen Unschuld, kommt man in Kontakt mit der Realität.

Ein Mensch, der sich ständig Urteile bildet, alles beurteilt, ist in Gefahr, denn aus all den Beurteilungen wird ein subtiles Ego erzeugt. Jedes Urteil ist ein Vorurteil und stellt ein subtiles Ego dar. Es ist nicht nötig, ein Urteil zu fällen. Was auch immer geschieht, es ist besser, dies zu akzeptieren. Was auch immer die Leute um uns herum tun, sie müssen da durchgehen. Besser, still zu sein, und ohne Urteil zu bleiben.

24.10.2005 um 02:27 Uhr

Tao 75

von: tao

Gefährlich wird es nur, wenn Repression im Spiel ist, mit Freiheit gibt es keine Gefahr. Ja, Kindern kann keine totale Freiheit gegeben werden – nicht daß absolute Freiheit gefährlich ist, nein, Freiheit ist niemals gefährlich – aber Kinder sind unaufmerksam: Die volle Freiheit könnte für sie lebensbedrohend werden. Daher eine lange Leine für Kinder. Doch in dem Moment in dem man sieht, daß jemand reif wird, dann ist dieses Tau sofort zu kappen, muß weggeworfen werden, dann hat er die totale Freiheit. Aber um eine Person zur vollen Freiheit zu befähigen, muß ihm Freiheit gegeben werden, wie soll er sie sonst ausüben können ? Um einen Menschen wirklich in die Lage zu versetzen, er selbst zu sein, muß man ihm viele Dinge erlauben, aber was ihm auch immer gestattet wird, muß ihm äußerst wissentlich zugestanden werden. Die wirkliche Gefahr kommt von der Unterdrückung, niemals aus der Freiheit. Wenn wir etwas unterdrücken, wird es irgendwann explodieren. Und das wird der Zeitpunkt unseres Wahnsinns sein oder unseres Selbstmords oder wir werden einen Mord begehen oder sonst irgendetwas. Die Menschheit hat der Technik der Repression so sehr vertraut, daß deswegen die ganze Erde schon fast zum Irrenhaus geworden ist. Dieser Wahnsinn, der sich angesammelt hat, hat sich im menschlichen Denken akkumuliert, festgesetzt und angehäuft, und muß freigesetzt werden. Diese Verrückheit muß langsam und methodisch losgelassen werden. Manchmal sind schon früher in sehr kleinem Ausmaß Anstrengungen hierfür unternommen worden – es hat einige Sufi-Schulen gegeben, aber in einem sehr kleinen Rahmen. Zwanzig, fünfundzwanzig Personen arbeiteten in einer geschlossenen Welt ... niemand wußte, was sich dort abspielte.

An dem Tor eines Sufi Hauses in Isfahan, im Iran, sind diese Worte von Khuajah Esmat Bokharai eingeprägt:

"Dies ist keine Kaaba für Idioten zum Umrunden,

und auch keine Moschee für die Unhöflichen, um darin herumzuschreien.

Dies ist ein Tempel des totalen Ruins.

Da drinnen sind die Trunkenen, von vor der Ewigkeit bis zum Tag des Gerichts,

von sich selbst gegangen, von selbst vergangen."

Aber diese Schule von Khuajah Esmat Bokharai war eine kleine Schule. Was in ihr vor sich ging, wußte niemand von draußen. Großartige Dinge spielten sich dort ab, großartige Spiele wurden gespielt, aber es war eine sehr geheime Schule. Solch geheime Schulen haben immer existiert. Jesus wurde in solch einer kleinen Schule, genannt die Essener, trainiert. In Zen Klöstern, in taoistischen Klöstern in China, hat es immer kleine Gruppen gegeben, die zusammen miteinander in größter Abgeschiedenheit und unter totaler Geheimhaltung arbeiteten.

23.10.2005 um 01:35 Uhr

Ko Hsuan 3 (4)

von: tao

Der Mann funktioniert durch den Intellekt; die Frau funktioniert durch Intuition. Der Mann geht mit Vernunft an alles heran; die Frau springt einfach zur Schlußfolgerung, ohne dabei irgendeinen argumentativen Prozeß durchlaufen zu haben. Der Mann kann da einfach nur staunen ! Er kann nicht einmal irgendeinen Anhaltspunkt dafür finden. Er hat vielleicht schon sein ganzes Leben mit der Frau gelebt, trotzdem bleibt die Frau immer noch ein Mysterium. Und dasselbe gilt für die Frau: Der Mann bleibt für sie mysteriös. Er kann einfache Dinge nicht verstehen, die sie klar sehen kann: zum Beispiel, daß Rauchen Krebs hervorrufen kann. "Warum rauchst du denn immer noch ? Und wenn du weiterhin Alkohol trinkst, wird dich das noch eher umbringen. Warum vergiftest du dich also immerzu ?"

Mulla Nasruddins Frau sagte ihm das auch immer ... Als er eines Nachts Whisky trank, sagte sie zu ihm:" Ich habe dir schon tausendmal gesagt, hör auf mit diesem ganzen Unsinn ! Das ist eine schleichende Vergiftung ! Das ist langsamer Selbstmord !"

Nasrudin schaute sie an und sagte: "Bitte keine Übertreibungen ! Du hast mir das noch keine tausendmal gesagt - vielleicht dutzendmal, also übertreib nicht so. Und außerdem habe ich es überhaupt nicht eilig, also genügt mir eine schleichende Vergiftung ! Ich habe es gar nicht eilig, was das Sterben betrifft."

Der Mann und dir Frau streiten und argumentieren ständig über alles und jedes; nie sind sie sich in irgendetwas einig. Sie können nicht übereinstimmen: Allein schon wegen ihrer jeweiligen Natur ist eine Übereinkunft nicht möglich. Immer ist da eine Spannung. Daher sind Homosexuelle so froh. Wenn man sieht, wie zwei Homosexuelle Hand in Hand einen Morgenspaziergang machen, kann man die Freude sehen ! Diese Freude sieht man nie zwischen einem Mann und einer Frau – unmöglich. Die homosexuelle Beziehung ist einfach; aber weil sie so simpel ist, weil es in ihr keine Spannung gibt, weil kein Konflikt darin liegt, gibt es auch kein Wachstum. Da ist kein Schmerz in ihr, daher stagniert sie. In ihr gibt es keine Überraschungen mehr.

Die Frau bleibt immer noch unentdeckt und unerforscht vom Mann und umgekehrt. Wir können einen Mann oder eine Frau nicht erschöpfend und hinreichend erforschen. Wenn wir zu dem entgegengesetzten Pol gehören, ist es eine endlose Entdeckung; wir werden niemals zu einem Endergebnis kommen.

Die Existenz ist nicht logisch, und das ist gut, ansonsten würde es nur Tod gegeben haben und kein Leben. Wenn Gott aristotelisch wäre, würde es überhaupt kein Leben gegeben haben. Überall würde nur Frieden geherrscht haben – aber niemand da, der das weiß, niemand da, um es zu erleben. Es ist gut, daß Gott Hegelianer ist, daß er Polaritäten geschaffen hat.

22.10.2005 um 02:45 Uhr

Tao Te King 10 (6)

von: tao

Wenn eine Person in sich selbst zu desintegriert wird, wird er verrückt. Wir kriegen es irgendwie hin, uns noch unterhalb der Gefahrenzone zu halten. Die Waagschalen schwanken unsicher hin und her zwischen geistiger Gesundheit und Geisteskrankheit. Wir sind in einen tiefen Kampf mit uns selbst verstrickt. Da ist innerlich ein ständiger Konflikt, eine Opposition, eine Gegnerschaft. Wir führen einen Krieg mit allem in uns selbst.

Im Westen, speziell in Amerika, hatte vor 35 Jahren eine Bewegung begonnen. Diese Bewegung ist ein Versuch, die Sensitivität der Leute zu erhöhen. Man stellte fest, daß der Mensch fast ganz seine Sensitivität verloren hat. Wir berühren und fassen an, aber unsere Berührung ist tot; wir sehen, aber unser Blick ist blind; wir hören, aber es ist bloß ein Geräusch, das durch die Ohren hindurchzieht. Nichts erreicht das Herz. Wir reden über Liebe, wir machen Liebe, aber unsere Liebe ist leblos. Das Herz, das liebt, scheint leidenschaftslos zu sein. Unsere Liebe ist künstlich. Wir tun alles mögliche, aber all unsere Handlungen sind leer, träge, mechanisch, ohne jegliche Sensitivität. Die Sensibilität muß wieder zurückgebracht werden.

Die Psychologen sagen, wenn wir es nicht schaffen, die Sensibilität des Menschen wiederherzustellen, dann wird es schwierig sein, ihn vor dem Aussterben zu bewahren. Bis jetzt werden nur einige wenige Leute geisteskrank, aber bald werden weitaus mehr Menschen ihre geistige Gesundheit verlieren. Die Sensitivität muß wiederhergestellt werden. Aber wie ?

Wenn wir überhaupt irgendwelche Kindheitserinnerungen haben, werden wir uns daran erinnern, daß einst eine aufgeblühte Blume uns in unerklärlicher Weise faszinierte. Ihre Schönheit rief in uns eine tiefe Reaktion hervor. Selbst jetzt erblühen noch Blumen, aber ihre Schönheit hat für uns jede Bedeutung verloren. Genausogut bräuchten sie gar nicht mehr da sein. Die Sonne geht jetzt auf, so wie sie es immer tat, aber das erfüllt uns nicht mehr so überschwenglich. Der Mond taucht auch jede Nacht am Himmel auf, aber das berührt uns nur selten. Was ist geschehen ? Lao-tse sagt: "Die Umarmung ist auseinandergebrochen."

Der Intellekt und die Sinne befinden sich auf verschiedenen Ebenen. Die Sensibilität entsteht in den Sinnen. Der Intellekt erlebt es. Wenn diese beiden getrennt sind, geht die Sensitivität verloren. Dann werden die Sinne matt und abgestumpft, und der Intellekt bleibt uninformiert zurück. Dann vertrocknet die Poesie, die Musik, die Essenz des Lebens, all das trocknet aus.

Kinder scheinen hier noch im Himmel zu leben, auf genau dieser Erde, wo wir leben. Das ist so, weil ihre animalische Seele und ihre intellektuelle Seele immer noch eins sind.

21.10.2005 um 13:55 Uhr

Tao Te King 10 (5)

von: tao

In dem Moment, in dem Intellekt und Verlangen getrennt voneinander erscheinen, spalten sich in uns auch andere Dinge entzwei. Dann werden wir unser ganzes Leben lang gequält von dem Konflikt zwischen diesen beiden Teilen in uns. Unser ganzes Leben wird ein innerer Kampf. Wünsche äußern sich ständig selbständig und der Intellekt besteht fortwährend auf seinen eigenen Bedingungen. Dann teilt ganz allmählich alles in uns sich in zwei Teile.

Die Psychologen sagen, daß wir dann damit beginnen, den Teil unseres Körpers unterhalb des Nabels als den geringeren Teil von uns anzusehen, nicht nur, weil er in der niedrigeren Position gelegen ist, sondern auch, weil wir ihn für minderwertig halten. Wir stellen eine Identität mit der oberen Körperhälfte her und trennen alle Verbindungen mit der unteren Hälfte. Wir haben das Gefühl, als ob der untere Teil des Körpers nicht zu uns gehören würde und daß wir nur die obere Körperhälfte wären, der untere Teil wird dann schrittweise mit Verlangen identifiziert. Schließlich wird der Intellekt dann im Kopf zentriert. Aus diesem Grund erkennen wir uns nur an unseren Gesichtern.

Den Rest des Körper verbergen wird. Nicht nur vor dem Regen oder der Hitze ode dem Schnee, sondern weil wir uns nicht mit irgendeinem anderen Teil von uns selbst identifizieren wollen außer mit dem Kopf, wo der Intellekt angesiedelt worden ist. Es ist eine interessante Tatsache, daß, würde man von uns verlangen, unseren Körper ohne den Kopf zu identifizieren, wir es nicht fertigbringen würden, unseren Körper wiederzuerkennen. Unser Wiedererkennen ist nur mit unserem Intellekt verbunden. Den Rest des Körpers haben wir beiseite gestellt, weil er unseren Wünschen zum Opfer gefallen ist. Dies hat zu weitreichenden Auswirkungen geführt, aber darüber später.

In diesem ersten Vers sagt Lao-tse: "Wenn die intellektuelle Seele und die tierische Seele in einer Umarmung zusammen gehalten werden, können sie vor der Trennung bewahrt werden." Wenn meine Intelligenz und meine lSinne miteinander verbunden sind, kann sich in mir keine Dualität, kein Aufruhr aufgrund von Widersprüchen, bilden. Aber wenn diese beiden nicht miteinander verschmolzen werden, wenn der Intellekt und die Sinne voneinander getrennt werden und ich alle Brücken dazwischen zerstöre, dann kann das "Ich" nichts mehr gegen die Desintegration tun, die sich in mir ereignen wird. Dies ist der Zustand der Schizophrenie, von dem der Psychologe spricht, ein Zustand, der in jedem einzelnen von uns bis zu einem gewissen Ausmaß existiert.

20.10.2005 um 14:52 Uhr

Tao Te King 43 (2)

von: tao

Wu Wei bedeutet: Aktion ohne Aktion. Es bedeutet: Aktion wie Nicht-Aktion. Es bedeutet: Aktiv sein und nicht aktiv sein, beides zusammen. Das ist der geheime Schlüssel. Der Derwisch in der Sufigeschichte (siehe Tao Te King 43 (1)) hatte es übertrieben; er konnte sich nicht in der Mitte halten. Er übertrieb es, und Übertreiben ist immer ein Ungeschehen machen. Das Leben ist eine Balance, und er konnte es nicht zu einem Gleichgewicht bringen. In seiner Gier etwas zu erreichen, in seinem Ehrgeiz, sein Ziel zu erlangen, ging er ins Extrem und wurde zu aktiv. Und immer wenn wir zu aktiv sind, immer wenn wir nur aktiv sind, dann fallen uns vielleicht die Dinge der Welt zu, aber Dinge der anderen Welt können nicht geschehen – denn wir sind zu aufgeregt, zu fiebrig, wir sind noch nicht der richtige Empfänger. Das richtige Gefäß ist jemand, der ausgeglichen ist: Ausgeglichen zwischen Aktivität und Untätigkeit, balancierend zwischen Aktivität und Passivität, ausgeglichen in all den Dualitäten. Der Derwisch war ein zu guter Mensch: Das Gutsein wurde zum Ungleichgewicht. Er ging der ganzen Welt aus dem Weg, er begab sich ins Extrem, er entsagte der Welt, und dann wartete er auf das Ergebnis, ständig hegte er seine Erwartungen. Das schöne Blätterdach der Bäume war keine Barriere – sein eigenes Blätterdach der Erwartungen war die Barriere, das Hindernis. Ja, die Gebete konnten Gott nicht erreichen – aber nicht wegen den Eichenbäumen. Die Eichen waren absolut unschuldig. Die Gebete konnten Gott nicht erreichen, weil er von seinen Erwartungen abgeschirmt war. Seine Gebete waren schön, aber tief innen nagte der häßliche Wurm der Erwartungen an ihm. Ständig dachte er an Gott, aber gleich hinter diesem Gedenken folgte ein Schatten der Gier und des Verlangens und der Ambitionen. Das zerstörte alles. Sogar die Eichen profitierten von seinen Gebeten und wurden gesegnet, aber er selbst konnte nicht von seinen eigenen Gebeten gesegnet werden. Die Eichen wurden schöner, erhielten eine neue Jugendlichkeit und neues Leben, als wenn sie von der Ewigkeit berührt worden wären. Selbst in den dunklen Ecken ihres Wesens begann ein Licht zu brennen, aber der Derwisch blieb leer. Er konnte nicht gefüllt werden, weil er niemals sich selbst vergessen konnte. Gott zu erinnern ist gut, aber bevor wir uns selbst nicht vergessen können, ist dieses Erinnern nicht total. Wie können wir beide zusammen existieren, Gott und wir ? Das ist nicht möglich. Und dann plötzlich, als er ging, gaben diese achtzehn Jahre des ständigen Gedenkens, die konstante Wiederholung des Mantras, dem Eichenhain ein neues magnetisches Feld. Nun wurde der Eichenhain ein Strudel kosmischer Energie, ein Wirbelsturm des Bewußtseins; nun war der Eichenhain bereit, zu geben, zurückzugeben – denn das Leben ist Geben und Nehmen, Nehmen und Geben.

19.10.2005 um 01:29 Uhr

Südliches Blütenland 27/20 (3)

von: tao

Alle Meditation ist Warten.

Alle Andacht ist unendliche Geduld.

Die ganze Religion besteht darin, dem Denken nicht zu gestatten,

noch mehr Probleme für uns zu erzeugen.

Soviele Dinge, einfache Dinge,

die sogar Tiere genießen, an denen sich sogar Bäume erfreuen,

kann der Mensch nicht genießen –

denn sie werden sofort zu Problemen

und wie können wir an einem Problem Freude haben ?

Wir verlieben uns, und sofort sagt das Denken:

Was ist Liebe ? Ist das Liebe oder Sex ?

Ìst dies wahr oder falsch ? Wohin führt das alles ?

Kann Liebe ewig sein oder ist sie bloß momentan ?

Das Denken möchte zuerst alles entscheiden,

dann erst will es auch nur einen Schritt tun.

Und mit dem Denken kommt man niemals auch nur zu einer Entscheidung,

es bleibt unentschlossen, Unentschiedenheit ist seine eigentliche Natur.

Es sagt: Spring nicht ins kalte Wasser.

Und wenn das Denken uns diese Dinge sagt,

scheint es unheimlich clever zu sein, scheint es sehr intelligent zu sein,

denn es sieht so aus, als ob wir in die Irre gehen würden.

Also springen wir eben nicht, bewegen uns keinen Schritt und bleiben statisch.

Aber das Leben ist Bewegung und das Leben ist Vertrauen.

18.10.2005 um 14:39 Uhr

Südliches Blütenland 27/20 (2)

von: tao

Ein kleiner Gebirgsfluß fließt durch die Berge.

Einige Karren sind durch ihn hindurchgezogen worden, und der Strom ist schlammig.

Wenn wir jetzt in den Fluß hineinspringen würden, um ihn zu säubern,

würden wir ihn nur noch schlammiger machen.

Es ist besser, am Ufer zu warten.

Es ist besser, den Fluß wieder ruhig werden zu lassen,

ihn ganz von selbst wieder zur Ruhe kommen zu lassen,

so daß die toten Blätter abfließen und der schlammige Lehm sich wieder setzt,

und der Strom wieder kristallklar wird.

Unsere Hilfe ist nicht von nöten.

Wir würden alles nur noch mehr aufwühlen.

Wenn wir also das Gefühl haben, daß es ein Problem gibt,

ist es viel besser, statt daß wir unsere Nase da hineinstecken,

einfach sich an die Seite zu setzen.

Besser, dem Denken nicht zu gestatten, sich da einzumischen, besser, dem Denken zu sagen, es soll abwarten.

Und für das Denken ist Warten sehr schwierig –

es ist die inkarnierte Ungeduld.

Wenn wir dem Denken sagen, es soll warten, geschieht Meditation.

Wenn wir das Denken zum Warten überreden können, werden wir in Andacht sein.

Denn Warten bedeutet nicht zu denken.

Es bedeutet, bloß am Ufer zu sitzen,

und gar nichts mit dem Fluß zu schaffen zu haben.

Was können wir tun ?

Was auch immer wir tun, wird ihn noch mehr aufwühlen und eintrüben;

allein dadurch, daß wir in den Fluß hineingehen, würden wir mehr Probleme erzeugen.

Also ? Warten !

17.10.2005 um 15:14 Uhr

Ko Hsuan 3 (3)

von: tao

Es kann keine Elektrizität geben ohne die zwei Pole, den positiven und den negativen. Elektrizität ist nicht logisch, sie ist äußerst unlogisch – sie ist dialektisch. Es kann keine Menschheit geben ohne die männliche Energie und die weibliche Energie. Stellen wir uns doch bloß einmal eine Menschheit vor, die nur aus Männern oder nur aus Frauen besteht: Sie würde sterben, sie würde nicht lebensfähig sein – sie würde keinerlei Lebensenergie haben. Energie wird durch die Reibung mit dem Gegensatz erzeugt.

Hegels Formulierung ist: Die These braucht die Antithese. Bevor es nicht eine These gibt, der eine Antithese entgegen gesetzt wird, gibt es keine Dynamik; das Leben stagniert. Materie ist nur möglich, wenn es Bewußtsein gibt, und umgekehrt. Der Himmel und die Erde, Gott und Existenz,der Tag und die Nacht, Sommer und Winter, Geburt und Tod, dies sind Polaritäten, einander entgegengesetzt. Aber der Gegensatz ist nur anscheinend; tief innen sind sie Ergänzungen.

Was Hegel erst vor zweihundert Jahren entdeckte, hatten Taoisten schon vor fünftausend Jahren entdeckt. Sie waren die Pioniere der Dialektik; sie waren die ersten Dialektiker der Welt. Sie steuerten zur Existenz eine der wichtigsten Einsichten bei, die überall nachzuvollziehen ist.

Das Leben kann nicht einmal einen einzigen Moment lang existieren ohne seinen Gegensatz, denn es ist abhängig vom Gegensatz. Der Gegensatz ist nur oberflächlich, unter der Oberfläche ergänzen sie sich. Das müssen sie auch – sie hängen voneinander ab. Der Mann ist kein Mann ohne eine Frau, die Frau ist keine Frau ohne einen Mann; sie sind voneinander abhängig.

Darum fehlt etwas in einer homosexuellen oder in einer lesbischen Beziehung – es gibt keine Dialektik. Die homosexuelle Beziehung ist weit logischer, und weil sie logisch ist, ist sie simpel; weil sie logisch ist, ist sie mit weniger Komplexität behaftet, steckt weniger Konflikt in ihr. Es ist nicht zufällig so, daß die Homosexuellen "gay" genannt werden, also fröhlich, lustige Leute – sie sind heiter ! Sie sind glücklicher als heterosexuelle Menschen, denn es gibt keinen Konflikt. Ein Mann kann einen anderen Mann leichter verstehen, als er jemals eine Frau verstehen kann. Eine Frau kann eine andere Frau leichter verstehen, als sie jemals imstande sein wird, einen Mann zu verstehen, denn der Mann ist eine total andere Existenz. Ihre Wege unterscheiden sich: sie funktionieren von verschiedenen Zentren aus. Gegenseitig erscheinen sie sich absurd.

16.10.2005 um 02:39 Uhr

Ko Hsuan 1 (2)

von: tao

Da ist Tao wunderschön. Wir können Tao nicht anbeten, denn Tao gibt uns nicht den Gedanken an eine Person. Es ist einfach ein Prinzip, keine Person. Wir können kein Prinzip verehren – wir können nicht zum Tao beten. Es würde lächerlich aussehen, es wäre völlig absurd, ein Prinzip anzubeten. Wir beten nicht die Gravitation an, wir können nicht zur Relativitätstheorie beten.

Tao bedeutet einfach das ultimative Prinzip, das die ganze Existenz zusammenhält. Die Existenz ist kein Chaos, soviel ist sicher; sie ist ein Kosmos. Da ist eine immense Ordnung in ihr, Ordnung ist ein Aspekt von Existenz, und der Name dieser Ordnung ist Tao. Tao bedeutet einfach die Harmonie der Ganzheit. Dem Tao sind keine Tempel erbaut worden; keine Statuen, keine Gebete, keine Priester, keine Rituale – das ist seine Schönheit. Daher ist es keine Doktrin, und auch keine Religion. Es ist eine reine Einsicht. Wir können es Dharma nennen; das ist Buddhas Wort für Tao. Das Wort im Deutschen, das Tao näher oder am nächsten kommt, ist "Natur".

Diese tiefgründige Einsicht ist auch eine der kleinsten Abhandlungen, die je geschrieben wurden. Sie ist so komprimiert – so als ob Millionen von Rosen in einem Tropfen Parfüm kondensiert worden wären. Das ist die altertümliche Art, Wahrheit auszudrücken: Denn Bücher gab es noch nicht, die Leute mußten es sich merken können.

Es wird gesagt, daß dies die erste mystische Abhandlung ist, die jemals als ein Buch aufgeschrieben wurde. Es ist gar nicht viel für ein Buch, nicht mehr als eineinhalb Seiten, aber es existierte tausende von Jahren, bevor es aufgeschrieben wurde. Es existierte durch private und persönliche Kommunikation. Das ist schon immer die signifikanteste Art und Weise gewesen, Wahrheit zu übermitteln. Es aufzuschreiben, macht es schwieriger, denn dann weiß man nie, wer es lesen wird; es verliert jeglichen persönlichen Kontakt und jede individuelle Note.

In Ägypten, in Indien, in China, in all den uralten Zivilisationen, wurde tausende von Jahren lang die mystische Botschaft von einer Person zur anderen Person weitergetragen, vom Meister zum Schüler. Und der Meister sagte diese Dinge nur, wenn der Schüler bereit dafür war, oder er sagte nur soviel, wie der Schüler verkraften konnte. Ansonsten können Worte auch Durchfall erzeugen; ganz gewiß haben sie diesen Effekt – unser Jahrhundert leidet sehr stark darunter. All die Mystiker weigerten sich jahrtausendelang, ihre Einsichten aufzuschreiben.

15.10.2005 um 01:49 Uhr

Ko Husan 1 (1)

von: tao

"Der ehrwürdige Meister sagte:

Das höchste Tao ist formlos,

und doch bringt es Himmel und Erde hervor und nährt sie.

Das höchste Tao hat keine Wünsche, und doch durch seine Macht

rotieren die Sonne und der Mond in ihren Kreisläufen.

Das höchste Tao ist namenlos,

und doch unterstützt es immer alle Dinge.

Ich kenne seinen Namen nicht

aber um es zu titulieren, nenne ich es Tao."

Der Klassiker der Reinheit ist eines der profundesten Einsichten in die Natur. Es ist eine Einsicht, keine Doktrin, keine Philosophie, keine Religion, denn es ist überhaupt nicht intellektuell; es ist existentiell. Der Mensch, der darin spricht, spricht nicht als ein Denkender, er spricht auch nicht als er selbst; er ist bloß eine leere Passage für die Existenz selbst, damit sie etwas durch ihn sagen kann.

Auf diese Weise haben die großen Mystiker immer gelebt und gesprochen. Dies sind nicht ihre eigenen Worte – sie sind nicht mehr, sie sind schon lange vorher verschwunden; es ist die Ganzheit, das sich durch sie ergießt. Ihre Ausdrucksweisen mögen verschieden sein, aber die Quelle ist dieselbe. Die Worte von Zarathustra, Buddha, Lao-tse, Dschuang Dsi, Liä Dsi, sind nicht gewöhnliche Worte; sie kommen nicht aus ihrem Gedächtnis, sie kommen aus ihrer Erfahrung. Sie haben das Göttliche berührt, und in dem Moment, in dem wir das Göttliche berühren, verdunsten wir, wir können nicht mehr existieren. Wir müssen sterben, damit Tao sein kann.

Dies ist eine taoistische Einsicht. Tao ist ein anderer Name für Gott, weitaus schöner als Gott, denn Gott, das Wort "Gott" ist zu sehr von den Priestern ausgebeutet worden. Sie haben im Namen Gottes schon so lange ausgebeutet, daß sogar das Wort schon kontaminiert worden ist – es ist widerwärtig geworden. Jeder Mensch mit Intelligenz muß es vermeiden, denn es erinnert ihn an all den Unsinn, der sich durch die Zeiten auf der Erde im Namen Gottes abgespielt hat, im Namen der Religion. Mehr Unheil ist im Namen Gottes geschehen als in irgendeines anderen Namen.

14.10.2005 um 15:22 Uhr

Tao 74

von: tao

Man sagt, daß der beste Lehrer in den Schulen, in den Hochschulen, auf den Universitäten, derjenige ist, der sich verständlich machen kann, der den Schülern und Studenten helfen kann, ihn auf solch eine Art und Weise zu verstehen, daß auch der mittelmäßigste Schüler oder Student in der Lage ist, ihn zu verstehen. Wenn nur die Einserschüler und erstklassigen Studenten ihn verstehen, ist er kein guter Lehrer. Der Drittklassige sollte ihn verstehen können, dann ist er ein guter Lehrer. Aber um sich auch für den Drittklassigen verständlich zu machen, muß er so tief fallen. Er muß die Sprache der Masse sprechen, er muß sprechen wie der Mob. Und die Masse besteht aus mittelmäßigen Leuten.

Das ist so aufgrund von Jahrhunderten der Konditionierung, andernfalls würde es nicht so gewesen sein; es ist eine Kalamität, die der Mensch gemacht hat. Soviele Leute bräuchten nicht so mittelmäßig und so verdummt zu sein. Sie werden nicht so geboren, sie werden fabriziert. Die Individualität muß in den Schatten gestellt werden, sie muß komplett ausgelöscht werden, denn Individuen scheinen den Machthabern gefährlich zu sein, denn Individuen werden nachdenken, und sie werden nur dann Ja sagen, wenn sie damit übereinstimmen, andernfalls werden sie Nein sagen.

Es geschah im zweiten Weltkrieg. Viele Leute wurden in der Armee benötigt, also wurden alle möglichen Leute rekrutiert. Von jedem wurde verlangt, sich für das Land zu opfern, für das Vaterland ein Opfer zu bringen, und all dieser Unsinn. Ein Philosophieprofessor wurde auch rekrutiert.

Am ersten Tag ruft der Unteroffizier alle neu einberufenen Männer zu ihrer ersten Ausbildung und beginnt zu brüllen: "Kompanie, Achtung ! Kompanie, Halt ! Kompanie, Achtung ! Kompanie, kehrt um ! Kompanie, halt ! Kompanie, rechts um !"

Der Professor geht aus der Formation hinaus und schickt sich an, wegzugehen.

"Hey, du !", brüllt der Spieß. "Wohin gehst du denn ?"

"In die Kneipe," sagte der Professor, "ich werde erst wieder zurückkommen, wenn Sie sich endlich darüber klar geworden sind, was Sie eigentlich wollen."

Natürlich, ein Mensch, der nachdenkt, wird diesen ganzen Unsinn erkennen. Was soll das überhaupt ? Warum sollte man all diese Sachen machen ? Aber dahinter steckt schon eine bestimmte Logik: Auf diese Weise wird unsere Intelligenz abgetötet, auf diese Weise werden wir langsam zu einem Roboter gemacht, werden wir in eine Maschine verwandelt.

13.10.2005 um 01:09 Uhr

Tao 73

von: tao

Intelligenz ist grundsätzlich rebellisch; sie ist radikal, sie ist revolutionär. Intelligent zu sein ist das allergefährlichste für all jene, die an der Macht sind. Daher muß jedes Kind gelähmt und verkrüppelt werden; keinem Kind kann gestattet werden, sein Leben gemäß seines Lichts zu leben. Jedes Kind wird intelligent geboren, aber fünfundzwanzig Jahre des Konditionierens von der Grundschule bis zur Universität macht aus einem intelligenten Kind eine stupide Person – soviel Konditionierung, daß die Intelligenz verschwindet. Es bekommt soviel Angst davor, Nein zu irgendetwas zu sagen, es fürchtet sich so sehr, eingeschüchtert durch die Masse, daß es einfach folgt wie ein Schaf; es ist kein Mensch mehr. Der einzige Weg, wie man dies bewerkstelligen kann, ist, ihm beizubringen, wie man sich selbst unterdrückt. Zuerst muß es seine Intelligenz unterdrücken, dann muß es alles unterdrücken, was für den Status Quo eine Gefahr sein kann. Zum Beispiel redet jede Gesellschaft über den Frieden, aber lebt für den Krieg. Daher muß Sex unterdrückt werden, denn sexuell unterdrückte Leute können sehr leicht in Soldaten verändert werden; dabei gibt es kein Problem. Die sexuell unterdrückte Person ist immer zum Kampf bereit, steht immer am Rand der Gewalttätigkeit. Sein Sex wird zur Gewalt, er verliert alle Zartheit, alle liebenden Qualitäten, und der Instinkt für Liebe wird pervertiert; es wird zum Instinkt für Haß. Bis jetzt sind alle Gesellschaften grundsätzlich kriegführende Gesellschaften gewesen, immer dabei, sich auf Krieg vorzubereiten; sie können keine sexuelle Freiheit erlauben. Wenn eine Gesellschaft sexuell frei ist und einer Person erlaubt ist, seine Sexualität total zu leben, dann wird ihre Gewalttätigkeit verschwinden. Dann wird dieser Mensch nicht mehr bereit sein, solch äußerst stupide Dinge zu tun, wie Leute zu töten aus überhaupt keinem Grund; es wird unmöglich für ihn sein, sich dies auch nur vorzustellen. Er wird fragen: "Warum? Warum sollte ich töten ? Es scheint keinen Grund dafür zu geben. Bloß weil ein paar Machtbesessene die ganze Welt dominieren wollen, müssen wir ihre Opfer sein und müssen wir die ganze Welt in ein Chaos verwandeln ?" Die sexuell freie Person wird liebevoll und zartfühlend sein; Krieg wird unmöglich werden. Bevor Sex nicht frei ist, kann Krieg nicht von der Erde verschwinden. Alle psychologische Forschung zeigt eine Sache sehr schlüssig: Waffen sind nichts als phallische Symbole. Daher sind Gesellschaften, die sich auf Krieg vorbereiten, zwangsläufig repressiv. Die Intelligenz muß verkrüppelt werden, der Sex muß unterdrückt werden. Alles, was uns in die Lage versetzen könnte, ein Individuum zu sein, muß entfernt werden. Wir müssen dazu gezwungen werden, ein Christ zu sein oder ein Hindu oder ein Mohammedaner oder ein Jaina oder ein Buddhist aus dem einfachen Grund, daß wir, wenn wir ein Teil einer Masse sind, unsere Individualität verlieren, daß wir dann gemäß des kollektiven Denkens zu funktionieren beginnen – und das kollektive Bewußtsein bedeutet das niedrigste Bewußtsein. Das kollektive Denken funktioniert mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner.

12.10.2005 um 01:21 Uhr

Ko Hsuan 5 (5)

von: tao

Jesus ist nicht mächtig, Jesus ist völlig machtlos. Als Jesus gekreuzigt wurde, warteten seine Schüler darauf: "Jetzt ist die Zeit gekommen, daß er seine Macht zeigen wird". Die Feinde warteten, die Freunde warteten, beide warteten auf dasselbe: "Jetzt wird er also seine wundersame Kraft zeigen, nun wird er beweisen, daß er der eingeborene Sohn Gottes ist." Er bewies gar nichts, er starb einfach. Er starb wie irgendein Sterblicher – er starb wie die zwei Diebe, die mit ihm gekreuzigt wurden. Er war genau in der Mitte, an jeder Seite von ihm war ein Dieb. Die Feinde waren frustriert, die Freunde waren sogar noch frustrierter. Was was passiert ? Wo war seine Macht geblieben ? Und er redete doch immer darüber, daß er der Sohn Gottes sei... Aber der Sohn Gottes zu sein bedeutet einfach, völlig machtlos zu sein. Wie mißverstehen wir doch laufend Leute wie Jesus, Lao-tse, Ko Hsuan ! Unser Mißverstehen ist fast unbegrenzt. Er lieferte sich Gott aus. Ja, einen Moment lang war er sich all der Erwartungen bewußt geworden. Fast einhunderttausend Leute hatten sich versammelt, um dabei zu sein und zuzuschauen; davon nur sehr wenig Freunde. Er muß die erwartungsvollen Augen der Leute gesehen haben – sie warteten auf Wunder. Große Dinge würden sich ereignen – etwas, was nur einmal in tausenden von Jahren geschieht. Einen Moment lang mag er beeindruckt gewesen sein, hypnotisiert von soviel Aufmerksamkeit, von soviel Erwartungen. Die ganze Atmosphäre muß aufgeladen gewesen sein von nur einem einzigen Verlangen: Seine Macht zu sehen. Und er fragte Gott: "Hast Du mich verlassen ?" Aber dann verstand er augenblicklich – er war intelligenter Mensch, von großer Intelligenz. Unmittelbar verstand er, was auch immer er gesagt hatte, ist falsch. Wie kann Gott ihn verlassen ? Allein schon der Gedanke, daß Gott ihn verlassen kann, ist negativ, ist häßlich; es ist kein Vertrauen. Wenn Gott Wunder zeigt, dann ist es sehr leicht, Vertrauen zu haben. Wenn er seine Macht beweist, dann ist Vertrauen sehr leicht; jeder wird dann vertrauen können. Dann ist keine Intelligenz mehr nötig, um Vertrauen zu haben, dann ist kein spezielles Verstehen mehr für Vertrauen notwendig; jeder Narr würde vertraut haben. Aber nichts geschah und der letzte Moment war gekommen. Jesus verstand sofort, worum es ging – dies ist die Zeit, etwas zu verstehen. Er gab sich hin. Er sagte: Dein Königreich komme, Dein Wille geschehe. Hör nicht auf mich, mach einfach weiter mit dem, was auch immer Du tun willst. Wer bin ich, Dir Vorschläge zu machen ? Ich bin nicht mehr, ich bin in Deinen Händen. Das war wirkliche Machtlosigkeit. Dies ist Tao. Ko Hsuan würde es verstanden haben; die Juden konnten es nicht verstehen. Und die ganze Versammlung bestand aus Juden, Freunde oder Feinde. Und sie hatten immer an das Erreichen geglaubt, an Macht, an Ehrgeiz – all ihre Propheten hatten Wunder getan. Wenn sie auf Jesus wütend waren, dann aus dem Grund, daß er den Erwartungen nicht entsprochen hatte: Er hatte nicht bewiesen, daß er selbst wirklich ein Prophet war, denn die alten Propheten hatten soviele Wunder getan.