Taoistische Reflektionen

11.10.2005 um 03:18 Uhr

Ko Hsuan 5 (4)

von: tao

Das Ego lebt dadurch, daß es etwas erreicht.

Und Tao sagt, das Ego muß aufgelöst werden, es kann uns nicht erlaubt werden, ehrgeizig zu sein – ehrgeizig sein heißt, gegen Tao zu gehen. Tao lehrt Ehrgeizlosigkeit. Wir sollen genau so wir selbst sein, wie wir es sind. Wir sind schon perfekt; wir haben niemals unsere Vollkommenheit auch nur für einen einzigen Moment verlassen. Wir sind schon im Tao; es ist bloß so, daß wir zu träumen begonnen haben, daß wir es verloren haben, daß wir weit weg gegangen sind.

Das ist genau wie wenn wir in unserem Schlaf in unserem Zimmer bleiben, in unserem Bett, aber von weit entfernten Orten träumen können. Wir können den Mond besuchen und den Mars, wir können zu den Sternen reisen, aber am Morgen werden wir feststellen, wir haben unser Bett nicht verlassen, nicht einmal einen einzigen Moment lang.

Wenn man bewußt wird, wird man auf die ganze Lächerlichkeit von all den Errungenschaften und Fehlschlägen aufmerksam. Es ist die Idee der Vollendung, die das Scheitern bringt, die Frustration nach sich zieht. Wenn wir Erfolg haben, bringt uns das mehr Ego ein. Ego ist Unglücklichsein, denn je mehr Ego wir haben, desto mehr denken wir, daß wir getrennt sind von der Ganzheit, daß wir jemand Spezielles geworden sind, einzigartig, überlegen, höherstehend, heiliger, daß wir nicht mehr zu der gewöhnlichen Welt gehören, daß wir ein Heiliger sind, eine Ausnahmeerscheinung. Wenn wir versagen, dann entsteht Frustration; das bringt Schmerz, das bringt Beklemmung. Was auch immer geschieht, Erfolg oder Mißerfolg, wir werden leiden. Ego bringt Leiden; ob es Erfolg hat oder versagt, macht keinen Unterschied. Daher ist bei der taoistischen Herangehensweise diese Idee der Errungenschaft total falsch – das ist wichtig.

Der Übersetzer schreibt:

"Wenn der Mensch die Kraft erreicht..."

Auch das Wort "Kraft" oder "Macht" ist nicht richtig, denn Tao glaubt weder an die Kraft noch an die Macht. Es glaubt tatsächlich an äußerste Machtlosigkeit, denn wenn wir mächtig sind, kämpfen wir damit gegen die Ganzheit. Adolf Hitler ist machtvoll, Alexander der Große ist mächtig, Iwan der Schreckliche ist kraftvoll; Dschingis Khan, Tamerlan, das sind alles mächtige Leute, aber sie kämpfen gegen die Natur und gegen die Spontaneität.

10.10.2005 um 02:16 Uhr

Tao 72

von: tao

Nur eines ist originell.

Was bedeutet das Wort "originell" ?

Es bedeutet: Das, was von der Quelle herkommt.

Es bedeutet nicht neu, es bedeutet nicht neuartig,

es bedeutet das, was vom Ursprung kommt, vom eigentlichen Anfang;

das, was vom allerersten Urbeginn herkommt,

was zur eigentlichen Basis der Existenz gehört –

das ist originell.

Gedanken können nicht originell sein, nur wir,

denn wir gehören zu der eigentlichen Quelle.

Wir waren da am Beginn,

und wir werden da sein am Ende,

denn wir sind Existenz.

Denken ist eine gelernte Sache.

Wir können es lernen, wir können es verlernen.

Es ist erworben.

Wir können es an jedem Tag aufgeben, an dem wir es loslassen wollen.

Aber unsere Natur, was Lao-tse Tao nennt,

unsere originale Natur,

ist nicht erworben,

sie ist immer da gewesen,

sie ist die Quelle.

Kein Gedanke kann originell sein,

aber Nicht-Denken kann originell sein.

09.10.2005 um 01:56 Uhr

Quellender Urgrund 2/12 (7)

von: tao

Es gibt zwei Typen von Leuten: Der eine Typ beginnt gleich zu denken, er hat verstanden, wenn er erst einmal etwas intellektuell verstanden hat. Er macht sich selbst zum Narren. Früher oder später werden Situationen erweisen, daß das Verstehen bloß hautdünn war. Kratz ein wenig dran und die Wirklichkeit schimmert durch. Dann ist da der zweite Typ von Person, der sich nicht von diesem kleinen Einblick täuschen läßt. Es ist ein kleines Fensterchen, signifikant, aber in sich nicht genug. Es muß erst tiefgehend in unser Sein übersetzt werden, aber Übersetzung bedeutet, daß wir all die Dinge beobachten müssen, die gegen diese Ahnung stehen. Und betrachten ohne zu urteilen, zuschauen ohne mit ihnen in Konflikt zu kommen. Einfach beobachten und sehen, was was ist. Wenn wir erst einmal erkannt haben, wer wer ist und was was ist in unserem Inneren, dann werden die Dinge sich zu verändern beginnen; und diese Veränderung wird eine Überraschung für uns sein, denn wir haben ja für diese Veränderung direkt gar nichts getan. Das kommt als eine Nebenwirkung, als eine Konsequenz von Verstehen. Es muß also eine sehr signifikante Unterscheidung getroffen zu werden: Die Unterscheidung zwischen Wissen und Kennenlernen. Wissen gibt sich nur den Anschein, zu wissen, es weiß nicht. Kennenlernen mag gar nicht nach Wissen ausschauen, aber es weiß. Wissen ist geliehen, Kennenlernen ist etwas eigenes. Wissen ist verbal, Kennenlernen geht nur durch Leben. Wissen ist Information, die von hier und von dort zusammengesammelt wird. Kennenlernen ist existentiell: Wir haben es erlebt, es ist durch unsere ureigene Erfahrung zu uns gekommen; es ist ein Erleben. Wenn Kennenlernen geschieht, wird ein Mensch befreit, er hat sich emanzipiert. Durch Wissen wird der Mensch noch mehr zum Gefangenen. Wissen bindet; Kennenlernen macht frei. Und das Paradox ist, daß der gebildete Mensch des Wissens den Anspruch erhebt, daß er weiß, und der Mensch, der kennengelernt hat, weiß nicht einmal, daß er weiß. Der Mensch des Kennenlernens ist unschuldig. Es gibt eine sehr berühmte mystische Abhandlung im Westen – die einzige, die es im Westen gibt. Niemand weiß, wer es schrieb, niemand weiß, von wem es kam, aber es muß aus einer gewaltigen Erfahrung gekommen sein. Der Name des Traktates ist "Die Wolke des Nichtwissens". Das ist von einem Mensch des Kennenlernens, aber er nennt es "Die Wolke des Nichtwissens". Er sagt: "Als ich zur Erkenntnis kam, vergaß ich alles Wissen; alles Wissen verschwand." Wenn wir erkennen, besteht keine Notwendigkeit für Wissen. Wenn wir nicht erkennen, klammern wir uns ans Wissen, denn nur durch dieses Wissen können wir so tun, als ob wir erkennen würden. Wenn wir erkennen, können wir das Wissen vergessen. Wenn wir nicht erkennen, wir können wir es uns leisten, es zu vergessen ?

08.10.2005 um 00:59 Uhr

Tao 71

von: tao

Es geschah einmal in einer Polizeiwache:

Ein Sufi-Mystiker trat ein, er war nackt, und eine Menschenmenge folgte ihm.

Zu dem Polizeioffizier sagte er: Ich bin beraubt worden. Alles, was ich hatte, ist gestohlen worden,

und wie Sie sehen können, stehe ich nackt vor Ihnen;

mein Mantel, meine Kleider, mein Bett, meine Decke, mein Kissen, mein Polster,

mein Schirm – alles ist gestohlen worden; aber er war sehr ruhig und gelassen.

Der Polizist schrieb die ganze Liste auf – sie war sehr lang.

Und dann plötzlich erschien da noch ein Mann, der der Menge gefolgt war,

und er warf eine alte Decke vor die Füße des Polizisten, und sagte: Das ist alles,

eine zerschlissene alte Decke, die ich diesem alten Mann gestohlen habe,

und er tut so, als ob es seine ganze Welt wäre ! Der Sufi nahm die Decke, bedeckte damit seinen Körper,

und schickte sich an, die Polizeistation zu verlassen – da hielt ihn der Polizist auf.

Er sagte: Zuerst werden Sie mir erklären müssen,

warum Sie mir solch eine lange Liste angegeben haben, das war doch falsch ! Der Mann sagte: Nein,

denn dies ist alles, was ich habe. Wenn es regnet, benutze ich sie als einen Regenschirm.

Manchmal verwende ich sie als ein Bett. Und dies ist meine einzige Kleidung. In der Kälte ist dies mein Mantel.

Tagsüber verwende ich sie als ein Polster. In der Nacht manchmal als Kopfkissen.

Dies sind die Funktionen meiner Decke, aber dies ist die ganze Welt, die ich habe, und die Liste ist nicht falsch.

Dies ist eine tiefe Botschaft.

Der Sufi sagt damit, wenn wir eines erreichen, gelangen wir zum Ganzen.

Es ist eine Parabel.

Dann deckt diese eine Decke alles ab. Sie wird unser Schirm, sie wird unser Bett, sie wird unsere Kleidung,

sie dient uns in millionenfacher Art und Weise.

Bloß das eine zu kennen, das hinter uns verborgen ist, heißt alles zu kennen.

Dieses zu erkennen, dieses zu sein, bedeutet alles zu sein.

Und wenn wir dies verfehlen, sind wir um die ganze Welt beraubt worden. Wir haben nichts, wir stehen nackt da.

07.10.2005 um 02:01 Uhr

Ko Hsuan 3 (2)

von: tao

Religiöse Schriften haben in der Welt tausende von Jahren lang als Enzyklopädien funktioniert: Alles, was bekannt war, was entdeckt wurde, worüber theoretisiert wurde, wurde in ihnen gesammelt.

Die Veden in Indien werden samhitas genannt; samhita bedeutet eine Kompilation, eine Kollektion. Ihre Funktion war exakt die der Enzyklopädia Britannica. Alle möglichen Sachen wurden in ihnen zusammengetragen: Die Literatur jener Tage, die Wissenschaft jener Zeit, die Astronomie jener Epoche, die Geografie, die Geschichte, die Kunst; alles, was kennenzulernen möglich war, wurde zusammengestellt. So wie der Mensch Fortschritte machte, ist alles immer spezialisierter geworden.

Wissenschaft bedeutet die Suche nach Wahrheit in der objektiven Welt; Religion bedeutet die Suche nach Wahrheit in der subjektiven Welt. Genau so wie es eine Welt außerhalb von uns gibt, so gibt es auch innerhalb von uns eine Welt. Und natürlich ist die innere Welt weitaus signifikanter, denn sie ist unser Inneres, sie ist unser eigentliches Wesen, sie ist unsere Subjektivität. Aber was die innere Welt betrifft, sind wir immer noch sehr unwissenschaftlich – wir leben immer noch mit und durch Glaubensvorstellungen. Was die äußere Welt betrifft, sind wir schon ein klein wenig reifer geworden; da sind wir bereit, jeden Glauben aufzugeben. Wenn ein bestimmtes Faktum entdeckt worden ist, das unseren älteren Theorien widerspricht, dann geben wir die älteren Theorien auf zugunsten der neuen Entdeckung. Aber das gleiche ist nicht zutreffend, was das Innere betrifft; an das Innere haben wir eine sehr tiefgehende Verhaftung.

Tao ist so gesehen eine wissenschaftliche Herangehensweise – wir können es die Wissenschaft des Subjektiven nennen, die Wissenschaft des Seins. Dies ist eines der signifikantesten Dinge, das es zu bedenken gilt, wenn wir uns mit den Sutras von Ko Hsuan beschäftigen.

Weiterhin ist zu bedenken, daß Tao die erste Enthüllung darstellt, die erste Erkenntnis der Tatsache, daß die Existenz polar ist. Keine andere Religion ist sich so klar über diese ungeheuer bedeutsame Tatsache gewesen. "Die Existenz ist polar" bedeutet, daß die Existenz nicht logisch ist, sie ist dialektisch, sie ist nicht aristotelisch, sie ist "hegelianisch".

Logik ist einfach, Logik ist linear; Dialektik ist ein wenig komplexer. Sie ist nicht einfach, denn Dialektik ist nur möglich, wenn das Entgegengesetzte auch dabei beinhaltet wird. Wenn der Gegensatz nicht mit von der Partie ist, kann es keine Dialektik geben.

06.10.2005 um 23:01 Uhr

Tao Te King 1 (10)

von: tao

Wenn ich jemanden gestern mit meiner Liebe gebunden habe, verwandle ich sie (oder ihn) in ein Objekt. Wenn diese Person nun das leiseste Anzeichen von Bewußtsein oder Individualität zeigt, wird es Probleme geben, muß Spannung entstehen. Deswegen sind all unsere Beziehungen Bindungen von Streit, Hader und Uneinigkeiten. Wir erwarten von Individuen, was wir von Objekten erwarten. Aber trotz unserer gewaltigen Anstrengungen kann sich kein Individuum in ein Objekt verwandeln. Und obwohl daraus sogar eine gewisse Menge an Langeweile resultiert, bleibt doch ein Teil des Bewußtseins für immer wach in uns und dieser Teil revoltiert ständig. Dann wird das ganze Leben damit verbracht, das Bewußtsein zu zügeln, indem man danach strebt, es mit Materie zu überhäufen und zu belasten.

Wenn ich die Individualität einer Person unterdrücke und sie zu einem Objekt mache oder wenn jemand meine Individualität an die Kandare nimmt und mich in ein Objekt verwandelt, findet eine andere Tragödie statt. Wenn eine Person sich wirklich in ein Objekt verwandelt, dann ist der eigentliche Sinn, solch eine Person zu lieben, verlorengegangen. Es macht keinen Sinn, einen Stuhl zu lieben ! Die Freude der Liebe hat nur mit Bewußtsein zu tun. Das ist nun das Dilemma des Menschen. Er wünscht sich, von einem Individuum Treue und Konstanz zu empfangen, genau wie er sie von einem Stuhl bekommt: aber er sehnt sich nicht nach Liebe von Objekten, denn das hat keinen Sinn. Solch eine unmögliche Möglichkeit wütet in unserem Denken. Wir erwarten von Individuen, was nur ein lebloses Objekt geben kann. Das ist unmöglich. Wenn die Person ein Individuum bleibt, ist Liebe nicht möglich. Wenn die Person sich in ein lebloses Objekt verwandelt, geht unser Spaß an der Liebe verloren. Beide Zustände bringen Frustration mit sich und bieten nichts als Sorgen.

Und doch steben wir immer danach, jeden anderen in passive Objekte zu verwandeln. Das, was wir Familie oder Gesellschaft nennen, ist viel weniger eine Gruppe von Individuen und mehr eine Kollektion von Objekten. Wenn wir tief in unserem eigenen Zustand forschen, werden wir genau das vorfinden, wovon Lao-tse spricht. Tatsächlich, wo ein Name ist, da verschwindet das Individuum, das Bewußtsein geht verloren und nur das Objekt bleibt. Sogar wenn ich jemandem gegenüber behaupte, daß ich dein Geliebter bin, werde ich ein Objekt. Ich gebe einem lebenden und pulsierenden Geschehen einen Namen, das immer noch am Wachsen war, das sich noch ausdehnte und das bis jetzt noch neu war. Ich gab dem einen Namen – nun zog ich eine umzäunende Linie. Jetzt werde ich es davon abhalten, seinen eigenen Kurs beizubehalten, denn jetzt ich habe ich ihm einen Namen zugeordnet.

05.10.2005 um 01:47 Uhr

Tao 70

von: tao

Die Heiligen schauen so traurig aus, keine Freude. Sie reden über Glückseligkeit, aber sie zeigt sich nicht auf ihren Gesichtern. Sie sehen äußerst unglücklich aus. Sie sehen äußerst tot aus – denn sie haben Angst vor der Außenwelt, und wer Angst hat vor dem, was außen ist, wird Angst haben vor der Liebe, denn Liebe ist ein nach außen gehender Prozeß. Liebe bedeutet den anderen, Liebe bedeutet sich in Beziehung setzen, Liebe bedeutet Kommunizieren mit dem anderen. Liebe bedeutet die Beziehung zwischen Ich und Du. Wer den anderen verneint, der ist gegen Liebe. Und wenn wir gegen Liebe sind, wird uns das Tanzen fehlen. Ohne Liebe gibt es keinen Tanz im Leben und kein Lied. Ohne Liebe gibt es keine Poesie. Das Leben wird stumpf und zieht sich hin. Ohne Liebe können wir leben, aber nur am Minimum. Es wird fast wie Vegetieren sein. Und das passiert mit der Spiritualität, wenn man sich die Klöster und die Ashrams anschaut. Leute, die tanzen, singen, sich an den Händen halten, sich umarmen, lieben, fröhlich sind; dies ist nicht das Konzept eines Klosters oder eines Ashrams. Ein Ashram muß absolut freudlos sein; er hat mehr wie ein Friedhof zu sein als wie ein Garten. Aber in dem Moment, in dem wir mit der Liebe Schluß machen, stoppt all das in uns, was fließt und stagniert. Wir können nicht feiern ohne Liebe. Wie können wir ohne Liebe feiern ? Und was werden wir feiern und womit ? Mulla Nasrudin sagte einmal: "Ich habe einhundert Jahre gelebt. Ich habe meinen hundertsten Geburtstag gefeiert, und ich bin niemals in meinem Leben einer Frau nachgelaufen, und niemals habe ich mich betrunken. Ich habe niemals Karten gespielt und mich auf Glücksspiele eingelassen. Ich rauche nicht. Ich esse einfache vegetarische Kost." Da fragte man ihn zu recht: "Aber wie hast du dann deinen hundertsten Geburtstag gefeiert ? Wie kannst du feiern ? Mit was ? Und wofür ? Bloß einhundert Jahre zu leben ist noch keine Feier wert." Wir haben nicht gelebt, wenn wir nicht geliebt haben. Der Osten ist gegen Liebe. Darum ist östliche Spiritualität traurig, abgestumpft und tot. Der östliche Heilige ist saft- und kraftlos. Er hat Angst vor jedem Fließen, jeder Vibration, jedem Pulsieren, jedem Strömen seiner Energie. Er kontrolliert sich ständig und unterdrückt sich selbst. Er hockt auf sich selbst und hält Wacht. Er ist gegen sich selbst und gegen die Welt. Er wartet einfach darauf, daß er stirbt und begeht einen langsamen Selbstmord. Der westliche Mensch hat geliebt – das ist Lachen und da ist Tanzen und da ist Singen – aber der westliche Mensch hat jede Vorstellung davon verloren, wer er ist. Er hat jeden Sinn für Bewußtsein verloren, er ist nicht achtsam. Er ist immer mechanischer geworden, weil der das Innere verneint. Gelächter ist also da, aber das Lachen kann nicht tief gehen, weil da keine Tiefe ist. Die Tiefe wird nicht akzeptiert. Der Westen lebt also in einem seichten Gelächter und der Osten lebt in einer tiefen Traurigkeit. Dies ist die Misere und die Agonie, die dem Menschen passiert ist.

04.10.2005 um 14:53 Uhr

Tao Te King 1 (9)

von: tao

In dem Moment, in dem wir etwas über Wahrheit sagen, ist es nicht mehr wahr:

das Sagen als solches falsifiziert, darüber reden verfälscht.

Wir können es nicht lehren. Wir können es höchstens andeuten,

und diese Andeutung kann nur unser eigentliches Wesen sein, unser ganzes Leben;

es kann nicht mit Worten angedeutet werden.

Lao-tse war gegen Worte; er war gegen Sprache. Man sagt, daß er jeden Tag einen Morgenspaziergang zu machen pflegte, und ein Nachbar begleitete ihn gewöhnlich. Wohl wissend, daß er nichr reden wollte, daß er ein Mensch des absoluten Schweigens war, blieb der Nachbar immer still. Sogar ein "Hallo" war nicht erlaubt, sogar über dasWetter zu sprechen war nicht gestattet. "Was für ein schöner Morgen" zu sagen wäre zuviel Geschwätz gewesen. Lao-tse ging lang spazieren, kilometerweit, und der Nachbar ging neben ihm her. Das ging jahrelang so, aber einmal geschah es, daß ein Gast bei dem Nachbarn wohnte und der wollte auch mitkommen, also brachte ihn der Nachbar mit. Er kannte Lao-tse nicht und auch nicht seine Gepflogenheiten, also begann er sich unwohl zu fühlen, denn sein Gastgeber sagte nichts und dieser Lao-tse redete auch kein Wort. Er konnte nicht verstehen, warum sie so schweigsam waren – dieses Schweigen wurde beklemmend für ihn. Wenn man nicht weiß, wie man still sein kann, wird es belastend. Es ist nicht so, daß wir kommunizieren, indem wir Dinge sagen. Nein, indem wir Dinge sagen, entlasten wir uns selbst. Tatsächlich ist Kommunikation durch Worte nicht möglich; genau das Gegenteil ist möglich – wir können Kommunikation vermeiden. Durch das Reden können wir einen Schleier von Worten um uns herum erzeugen, so daß unsere wirkliche Situation von anderen nicht erkannt werden kann. Wir kleiden uns selbst in Worte. Der Mann begann sich nackt zu fühlen, unbehaglich und unwohl; es war ihm peinlich. Also sagte er einfach, als die Sonne gerade aufging: Schaut mal da. Was für eine schöne Sonne ! Was für eine schöne Sonne wird da geboren, steigt da am Himmel empor. Was für ein schöner Morgen. Das ist alles, was er sagte. Aber niemand antwortete, denn der Nachbar, sein Gastgeber, wußte, daß Lao-tse dies nicht schätzen würde. Und natürlich sagte Lao-tse auch nichts, er gab keine Antwort. Als sie zurückkamen, sagte Lao-tse zu dem Nachbarn: Von morgen an bring diesen Mann nicht mehr mit. Er ist eine Plaudertasche. Und er hatte nur soviel gesagt: "Was für eine schöne Sonne", oder "Was für ein schöner Morgen". Soviel während eines zwei- oder dreistündigen Spaziergangs. Aber Lao-tse sagte: Bring diese Plaudertasche nicht noch einmal mit. Er redet zuviel. Und redet unnütz. Denn ich habe auch Augen, ich kann sehen, daß die Sonne geboren wird und daß es schön ist. Warum muß man das sagen ?

03.10.2005 um 02:01 Uhr

Tao 69

von: tao

Die Zeit ist gekommen, daß wir diese Aufteilung zwischen dem Äußeren und dem Inneren, die Trennung zwischen dem Niedrigeren und dem Höheren und die Einteilung in linkshändig und rechtshändig fallen lassen könnten. Wir könnten die Trennung zwischen Mann und Frau und zwischen Ost und West aufgeben. Wir könnten einen ganzheitlichen Menschen erschaffen, der zu jeweils beidem fähig ist. Darum wird Taoismus überall mißverstanden. Der östliche religiöse Mensch lehnt Taoismus ab, weil der denkt, daß Taoismus Materialismus lehrt, und der westliche rationale Denker lehnt Taoismus ab, weil er denkt, der Taoismus lehrt spirituellen Humbug. Jeder hat etwas auszusetzen und das ist natürlich und verständlich. Taoismus lehrt den ganzen Menschen – von der niedrigsten Leitersprosse bis zur höchsten Stufe, vom Sex zum Samadhi, vom Körper zur Seele, von der Materie zu Gott. Taoistisches Vertrauen ist total. Bis jetzt hat der Mensch nicht vertraut. Nicht einmal im Osten hat der Mensch vertraut. Im Osten hat der Mensch die Welt bezweifelt; daher wird im Osten die Welt illusorisch genannt, Maya. Im Westen hat der Mensch Gott und die Seele bezweifelt; sie werden für bloße Halluzinationen und Pathologien gehalten. Dem wirklich westlichen Denken erscheint Jesus wie ein Neurotiker, psychisch krank, er braucht psychiatrische Behandlung. Dem Osten erscheint der Westen animalisch. "Iß, trink, und sei glücklich" – das scheint das Verstehen des Ostens über den Westen zu sein, daß dies die einzige westliche Philosophie sei: Seid wie die Tiere, grob und roh. Der Westen hat die innere Welt bezweifelt, der Osten hat die äußere Welt angezweifelt. Beide haben im Zweifel gelebt und ihr Vertrauen ist halbherzig gewesen. Taoistisches Vertrauen ist total. Es vertraut dem Äußeren, es vertraut dem Inneren – denn äußeres und inneres gehen beide zusammen. Sie können nicht getrennt werden. Es gibt keinen Gott ohne diese Welt; es gibt keine Welt ohne Gott. Gott ist der innerste Kern dieser Welt. Der Saft, der in den Bäumen fließt, ist Gott, das Blut, das in unseren Körpern zirkuliert, ist Gott, das Bewußtsein, das in uns residiert, ist Gott. Gott und die Welt sind miteinander vermischt wie ein Tänzer und sein Tanz; sie können nicht getrennt werden, sie sind untrennbar. Es wäre Unsinn, die Welt eine Illusion zu nennen. Die Welt ist so real wie das Bewußtsein. Genausowenig ist die innere Welt eine Neurose, Wahnsinn oder Halluzination. Sie ist die eigentliche Grundlage der Realität. Taoismus lehrt den ganzheitlichen Menschen. Weder Materialist noch Spiritualist. Eine holistische Herangehensweise – und der ganzheitliche Mensch kann nur heilig sein. Der Spiritualist kann den Taoismus epikuräisch nennen, und er hat nicht absolut unrecht, denn zur Hälfte ist er epikuräisch. Der Taoismus lehrt auch den Körper und die Freuden des Körpers und die Heiterkeit des Körpers. Und das ist etwas aufheiterndes im Körper, und in dem Moment, in dem wir das weglassen, werden wir ernst und traurig.

02.10.2005 um 02:09 Uhr

Südliches Blütenland 2/4 (8)

von: tao

Dies ist eines der allergeheimsten Gesetze –

das Endergebnis ist immer das selbe.

Wir mögen nicht in der Lage sein, das zu begreifen,

aber wenn ein Bettler oder ein Herrscher stirbt, ihr Endresultat ist dasselbe.

Der Bettler lebte auf den Straßen,

der Herrscher lebte in den Palästen,

aber die Gesamtsumme ist dieselbe.

Ein reicher Mensch, ein armer Mensch, ein erfolgreicher Mensch und ein Versager,

unter dem Schlußstrich ist es dasselbe.

Wenn wir auf das Gesamtergebnis des Lebens schauen können,

dann werden wir zu der Erkenntnis kommen, was Dschuang Dsi meint,

mit den "Drei am Morgen".

Was läuft ab ?

Das Leben ist nicht unparteiisch, das Leben ist nicht parteiisch,

das Leben ist absolut indifferent gegenüber unseren Arrangements –

es kümmert sich nicht um die Anordnungen, die wir treffen.

Das Leben ist ein Geschenk.

Wenn wir die Zusammenstellung verändern, wird das Endergebnis dadurch nicht geändert.

Ein reicher Mann hat besseres Essen vorgefunden, aber der Hunger ist weg.

Er kann nicht wirklich die Intensität des Hungrigseins fühlen.

Die Proportion ist immer die gleiche.

Er hat sich ein schönes Bett beschafft, aber mit dem Bett kommt die Schlaflosigkeit.

Er hat bessere Schlafbedingungen geschaffen,

er sollte in Tiefschlaf fallen, in sushupti,

was die Hindus unbewußtes Samadhi nennen,

aber das passiert nicht.

Er kann nicht einschlafen. Er hat das Arrangement verändert.

Ein Bettler schläft einfach draußen, irgendwo auf der Straße.

Der Verkehr fährt an ihm vorbei und der Bettler schläft. Er hat kein Bett.

Der Platz, auf dem er schläft, ist uneben, hart und ungemütlich,

aber er schläft.

Der Bettler kann kein gutes Essen bekommen,

das ist unmöglich, weil er es sich erbetteln muß.

Aber er hat guten Appetit.

Das Endresultat ist das gleiche. Das Gesamtergebnis ist sieben.

01.10.2005 um 02:46 Uhr

Tao 68

von: tao

Um halt zu machen, ist es notwendig, zu rennen. Das ist die Voraussetzung. Aber wir rennen ja schon. Wir sind genug gerannt. Es liegt schon eine lange Geschichte früherer Geburten hinter uns, wo wir schon gerannt sind. Wir stellen das Resultat dieses Gerennes dar. Nun ist es nicht mehr nötig, zu rennen; nun ist es notwendig, anzuhalten.

Aber unser Denken findet viele Wege, uns selbst zu täuschen.

Ein Sittenlehrer belehrte kleine Kinder: "Wenn wir von Sünden befreit werden wollen, müssen wir bereuen; wir müssen beten. Wir sollten unsere Sünde vor Gott bekennen und schwören, es niemals wieder zu tun." Nachdem die Unterrichtsstunde vorbei war, fragte er die Kinder: "Was müssen wir tun, um uns selbst von der Sünde zu befreien ?"

Ein kleines Kind antwortete: "Wir müssen eine Sünde begehen."

Wir müssen eine Sünde begehen, um die Sünde loszuwerden. Aber zu sündigen ist nicht genug, es fehlt noch ein weiterer Schritt. Das Rennen ist notwendig, um stehen zu bleiben, aber das hält uns nicht vom Rennen ab – der Wettlauf geht weiter ! Was wir Leben nennen, ist auch ein Wettrennen. Es wäre also nur eine Vertröstung, wenn wir uns einreden wollten, wir würden nur rennen, weil wir stehen bleiben wollen. Wir können unser Anhalten immer in die Zukunft verschieben, aber eigentlich sind wir schon genug gerannt. Es ist schon zu spät.

Es ist möglich, daß unser Denken immer noch nicht zufrieden gestellt ist. Das ist es niemals. Das, was zufrieden ist, ist nicht das Denken. Das Denken wird immer weiter rennen, jetzt von hier nach dort, von einem Ziel zu einem anderen. Aber wernn dieses Rennen eine lange Agonie darstellt, ein langes Leiden ist ...

Und das ist es ! Es kann gar nicht anders als schmerzlich zu sein.

Aber die Logik des Denkens ist, daß der Schmerz, das Leiden, nur deswegen da sind, weil wir nicht schnell genug rennen. Wenn wir unsere Geschwindigkeit erhöhen, könnten wir das Ziel erreichen. Oder vielleicht schmerzt es uns, daß andere schneller gerannt sind und angekommen sind, und wir haben es nicht erreicht. Oder daß unsere Geschwindigkeit schon ganz gut ist, aber die Richtung ist falsch. Oder wir denken: Die Geschwindigkeit stimmt, der Weg ist korrekt, aber vielleicht ist das Objekt unseres Ziels nicht das richtige. Also ändern wir das Ziel. Anstelle von Reichtum entscheiden wir uns für Religion; wir wechseln von der profanen Welt zur spirituellen. Dann haben wir das Gefühl, wir sollten nun imstande sein, unser Rennen zu Ende zu führen.

Nein, es wird nicht enden. Allein schon das Rennen ist falsch. Weder ist der Weg falsch, noch der Läufer, noch die Laufgeschwindigkeit, noch das Ziel. Das Rennen an sich ist verkehrt.