Ko Hsuan 5 (4)
Das Ego lebt dadurch, daß es etwas erreicht.
Und Tao sagt, das Ego muß aufgelöst werden, es kann uns nicht erlaubt werden, ehrgeizig zu sein – ehrgeizig sein heißt, gegen Tao zu gehen. Tao lehrt Ehrgeizlosigkeit. Wir sollen genau so wir selbst sein, wie wir es sind. Wir sind schon perfekt; wir haben niemals unsere Vollkommenheit auch nur für einen einzigen Moment verlassen. Wir sind schon im Tao; es ist bloß so, daß wir zu träumen begonnen haben, daß wir es verloren haben, daß wir weit weg gegangen sind.
Das ist genau wie wenn wir in unserem Schlaf in unserem Zimmer bleiben, in unserem Bett, aber von weit entfernten Orten träumen können. Wir können den Mond besuchen und den Mars, wir können zu den Sternen reisen, aber am Morgen werden wir feststellen, wir haben unser Bett nicht verlassen, nicht einmal einen einzigen Moment lang.
Wenn man bewußt wird, wird man auf die ganze Lächerlichkeit von all den Errungenschaften und Fehlschlägen aufmerksam. Es ist die Idee der Vollendung, die das Scheitern bringt, die Frustration nach sich zieht. Wenn wir Erfolg haben, bringt uns das mehr Ego ein. Ego ist Unglücklichsein, denn je mehr Ego wir haben, desto mehr denken wir, daß wir getrennt sind von der Ganzheit, daß wir jemand Spezielles geworden sind, einzigartig, überlegen, höherstehend, heiliger, daß wir nicht mehr zu der gewöhnlichen Welt gehören, daß wir ein Heiliger sind, eine Ausnahmeerscheinung. Wenn wir versagen, dann entsteht Frustration; das bringt Schmerz, das bringt Beklemmung. Was auch immer geschieht, Erfolg oder Mißerfolg, wir werden leiden. Ego bringt Leiden; ob es Erfolg hat oder versagt, macht keinen Unterschied. Daher ist bei der taoistischen Herangehensweise diese Idee der Errungenschaft total falsch – das ist wichtig.
Der Übersetzer schreibt:
"Wenn der Mensch die Kraft erreicht..."
Auch das Wort "Kraft" oder "Macht" ist nicht richtig, denn Tao glaubt weder an die Kraft noch an die Macht. Es glaubt tatsächlich an äußerste Machtlosigkeit, denn wenn wir mächtig sind, kämpfen wir damit gegen die Ganzheit. Adolf Hitler ist machtvoll, Alexander der Große ist mächtig, Iwan der Schreckliche ist kraftvoll; Dschingis Khan, Tamerlan, das sind alles mächtige Leute, aber sie kämpfen gegen die Natur und gegen die Spontaneität.
