Taoistische Reflektionen

31.10.2005 um 12:18 Uhr

Tao Te King 4 (7)

von: tao

Da ist die Geschichte von einem kleinen Jungen, der eines Tages jubilierend und frohlockend von der Schule heimkehrte. Er hatte einen Preis gewonnen. Er hatte eine Frage korrekt beantwortet. Als seine Mutter fragte, was die Frage gewesen sei und was seine Antwort gewesen wäre, sagte er: "Die Frage war: Wieviele Beine hat die Kuh?, und ich antwortete: Drei." Die Mutter war schockiert: "Die Kuh hat vier Beine, du dummer Junge !", rief sie aus. "Das habe ich jetzt auch herausgefunden", sagte der Junge. "Aber die anderen Jungen sagte zwei, und ich sagte drei, also war ich näher an der Wahrheit. Deswegen bekam ich den Preis." Dies ist die Bedeutung von annäherungsweise, von approximativ.

Wenn jemand sehr nah an die Perfektion des Wohlstands gekommen ist, dann hat Amerika diese sprichwörtlichen drei Beine zustandegebracht. Und nun ist es schon fast am vierten Bein dran. Aber das vierte Bein kann es nicht sen, denn innerhalb der menschlichen Situation ist dies nicht möglich. Das menschliche Sein an sich ist unvollkommen, deswegen kann, was immer er tut, nichts anderes als unvollkommen sein. Wenn ich nicht perfekt bin, wie kann das, was ich tue, perfekt sein ? Es kann nur annäherungsweise der Perfektion näherkommen, wenn es mit etwas anderem verglichen wird. Was also den Wohlstand betrifft, so ist Amerikas Gefäß fast dreiviertel voll.

Aber das Gefühl der Hilflosigkeit und des Unglücklichseins, das in Amerika um sich greift, ist so nirgendwo sonst zu finden. All die Denker in Amerika sind nun dabei, einen einfachen Aspekt des Lebens zu studieren – das Gefühl des Leerseins, der Bedeutungslosigkeit. Alles ist sinnlos und leer, nichts ist voll – und sie sind am Punkt des saturierten Wohlstand, der Sättigung des Reichtums !

Was ist los ?

Der Mensch kann nicht vollkommen sein. Unvollkommen zu sein ist seine Bestimmung. Allein schon die Art und Weise seines Wesens ist so beschaffen, daß er immer unvollkommen bleiben wird, egal wo er ist. Ein unvollkommenes Denken bemüht sich immer um Perfektion. Auch dies ist die Bestimmung des Menschen. Es liegt Agonie in der Unvollkommenheit. Da ist das Gefühl der Wertlosigkeit und der Minderwertigkeit und auch von Elend, Erbärmlichkeit, Erniedrigung und Demütigung. Das Streben nach Vollkommenheit entsteht also aus dieser Unvollkommenheit des Seins. Und was auch immer aus Unvollkommenheit heraus entsteht, kann niemals perfekt sein. Das Resultat wird immer ein Nebenprodukt haben: Unvollkommenheit.

"Ich" bin es, der unvollkommen ist und der versucht, vollkommen zu sein.