Tao Te King 4 (8)
All meine Anstrengungen werden unvollkommen sein. All meine Resultate werden mangelhaft sein, denn die Anstrengung genau so wie das Ergebnis, beides, kam aus mir. Meine Handlungen können nicht größer sein als ich selbst. Meine Errungenschaft kann nicht über mich hinausgehen. Alles wird innerhalb der Grenzen meines Wesens sein. Unsere Aktionen kommen aus dem Inneren unseres Wesens heraus. Wir können nicht besser sein als wir es sind, obwohl wir immer dabei sind, den Versuch zu unternehmen, besser zu sein, als wir es sind. Nur dies läßt Melancholie aufkommen. Die Anstrengung ist groß, aber das Resultat ist gleich Null. Die gleiche Unvollkommenheit zeichnet sich im Ergebnis ab. Wir gehen im Kreis und begegnen unserem eigenen Selbst ! Wenn der Sucher unvollkommen ist, wird, was immer er erreicht, unvollkommen sein. Wir können nichts mehr als uns selbst erreichen.
Das ist die Sachlage. Wir sind in der Mitte – unvollkommen, unvollständig. Das unvollständige Denken strebt danach, perfekt zu sein. Aus der Unvollkommenheit wird die Sehnsucht geboren – das Verlangen, perfekt zu sein. In der Vollkommenheit gibt es kein Verlangen nach Perfektion. Das wäre sinnlos. Es liegt an der Unvollkommenheit, daß die Sehnsucht nach Perfektion entsteht. Das Verlangen geht immer nach dem Entgegengesetzten. Wenn wir arm sind, streben wir nach Reichtümern. Wenn wir krank sind, verlangen wir nach Gesundheit. Wir sind unvollkommen, also streben wir danach, perfekt zu sein. Die Sehnsüchte sind alle logisch und plausibel. Es ist natürlich, daß das Verlangen nach Vollkommenheit in einem unvollkommenen Denken entstehen muß. Es kann keine Entwicklung in diese Richtung geben, denn der Unvollkommene kann durch keinerlei Anstrengung zum Vollkommenen werden, durch keine Übung, kein Sadhana und keinerlei körperliche Anstrengung. Alle Sadhanas, alle Übungen entwickeln sich aus dem Unvollkommenen heraus und werden immer den Stempel der Unvollkommenheit tragen. Wenn ein unvollkommener Mensch Vollkommenheit erlangt, dann war er niemals unvollkommen, andernfalls hätte Unvollkommenheit keinen Sinn. Dies ist der Stand der Dinge. Alle Anstrengungen des Menschen, all seine Unternehmungen – egal in welche Richtung – zielen alle darauf ab, Perfektion zu erreichen. Aber Lao-tse sagt: "Sei leer !" Er sagt: "Sei auf der Hut vor jeglichem Gedanken daran, perfekt zu sein, denn das ist die Falle; nur dies ist die Pest, die den Menschen zerstört." Deswegen – erkenne dich selbst, verstehe, daß du nicht der Verführung erliegen darfst, perfekt zu sein. Sei leer, sei eine Leere, und das Wunder ist: So bald, wie wir leer werden, werden wir erfüllt, wir sind vollkommen ! Die Leere ist das vollkommenste Potenzial auf dieser Erde.
