Taoistische Reflektionen

30.11.2005 um 20:30 Uhr

Tao Te King 5 (9)

von: tao

Wenn nun ein Atom, das keine vollkommene Leere darstellt, soviel Energie entstehen lassen kann, wieviel Energie kann dann die perfekte Leere beinhalten ?

Die Rishis haben immer gesagt, durch die Leere kam das Universum ins Sein. Und so ist diese ungeheuer weite Ausdehnung möglich, soviele Monde und Sterne – Millionen und Abermillionen davon ! Unsere Überlegungen gehen in genau die entgegengesetzte Richtung. Wir glauben, was immer geboren wird, wird da geboren, wo es ursprünglich ist. Wir denken, die Dinge können nur aus einem angefüllten Seinszustand herauskommen. Was kann denn schon aus Leere herauskommen ? Wir denken so, weil wir keine Vorstellung von einer entgegengesetzten Arithmetik haben. Lao-tse ist in dieser Welt der großartigste Verkünder von dieser gegensätzlichen Mathematik. Er sagt, die immerwährende Energie liegt in dem Zustand von totaler Leere eingebettet. Warum legt Lao-tse soviel Wert darauf, dies zu verkünden ?

Lao-tse meint damit, wenn wir der Besitzer dieser ungeteilten Energie werden möchten, werden wir Leere werden müssen – wie der Blasebalg, der vollständig luftentleert ist – wo ein komplettes Vakuum vorherrscht. Die höchste Existenz manifestiert sich nur dann. In eben dieser Leere bekommen wir den ersten Vorgeschmack von der immerwährenden Energie.

Wir sind so beschaffen, daß wir uns emsig an- und auffüllen, genau wie ein verrückter Schmied seinen Blasebalg mit irgendwelchem Zeug vollstopfen könnte. Dann wird der Blasebalg nutzlos. Wir sind solch geisteskranke Schmiede, und füllen den Blasebalg der Existenz mit allen möglichen Dingen. Wir füllen sein Leersein mit Sachen, die wertlos und nutzlos sind, wie Wohlstand, Status, Prestige, mit Freunden, mit Ehefrauen und Ehemännern und Söhnen und Töchtern. Die Leere wird randvoll aufgefüllt. Und dann werden wir wie ein Ramschladen. Wir sind so voll, daß eine leichte Bewegung genügt, und schon stoßen wir uns an etwas. Wir schaffen es nur gerade so, in diesen Bedingungen zurecht zu kommen und zu leben.

Wir haben keine ungeteilte Energie in uns. Mahavir sagt: "Wer leer wird, wird der Herr der immerwährenden Energie." Wie können wir uns leer machen, wie können wir Leere werden – Lao-tse erklärt es und erläutert es weiter. Bis jetzt sagt er nur soviel, daß es notwendig ist, daß wir die Herrlichkeit des Leerseins verstehen sollten, daß wir die Torheit des sich Vollstopfens verstehen sollten. All die wirklichen und tiefgehenden Methoden, die in dieser Welt entwickelt worden sind – sei es Yoga, Meditation, Tantra, Andacht, Gruppenprozeß – all diese Methoden sind Methoden, den Menschen leer werden zu lassen.