Taoistische Reflektionen

11.12.2005 um 03:27 Uhr

Tao Te King 15 (5)

von: tao

Menschen mit Wissen haben bestimmte Antworten, sind sich absolut sicher –

das ist Teil ihrer Stupidität.

Tatsächlich können sich nur Dummköpfe sicher sein.

Das Leben ist solch ein ungeheuer großes Mysterium, unergründlich, unerkennbar,

wenn wir weise sind, können wir uns nicht sicher sein.

Weisheit ist vorsichtig. Weisheit zögert. Weisheit ist sich niemals sicher.

Das ist der Grund, warum Weisheit niemals auf eine Theorie begrenzt werden kann.

Alle Theorien sind weniger als das Leben, alle Theorien sind eng,

und das Leben kann nicht in sie hineinkommen, denn das Leben ist so weit,

so ungeheuer weit und unbegrenzt.

Ein weiser Mensch weiß nur eines: Daß er nicht weiß.

Ein Mensch mit Wissen weiß tausend Sachen

und weiß, daß er weiß –

und darin liegt die Torheit des Menschen mit Wissen.

Er häuft immer weiter Fakten an, und nichts hat er selbst erlebt;

in seinem Gedächtnis sammelt er laufend

Theorien, Worte, Philosophien – nichts davon berührt sein eigenes Wesen.

Er wird zu einem riesigen Wissensreservoir;

er wird ein Brockhaus, eine Enzyklopädie – aber eine tote Sache.

Je mehr sein Gedächtnis mit Wissen aufgefüllt wird,

desto weniger lebt er in seinem Wesen, weniger und weniger.

Je mehr und mehr er sich in seinen Kopf begibt,

zu einem Teil wird, zu einem Fragment,

desto weniger und weniger ist er mit dem ganz weiten Sein verbunden,

und mit dem Universum und mit der Existenz.

Er wird in gewisser Weise nicht-existentiell, denn er ist nicht mehr

ein Teil dieser Existenz, nicht mehr lebendig, strahlend und vibrierend.

10.12.2005 um 11:51 Uhr

Südliches Blütenland 2/4 (12)

von: tao

Wegen der Atombomben und der Wasserstoffbomben

ist nun ein großer Krieg fast unmöglich geworden.

Darum gibt es so viele kleine Kriege überall auf der Welt:

In Israel, Jugoslawien, Sudan, Burma, Irak, Afghanistan, Kurdistan,

viele kleine Kriege, aber das Gesamtergebnis wird das gleiche sein.

In fünftausend Jahren hat der Mensch fünfzehntausend Kriege gekämpft,

drei Kriege pro Jahr.

Es gibt einen Typus, der muß kämpfen.

Wir können diesen Typus ändern, aber die Veränderung wird oberflächlich sein.

Wenn diesem Krieger nicht erlaubt wird, in einem Krieg zu kämpfen,

wird er auf andere Weisen kämpfen.

Er wird einen Wahlkampf führen oder er wird vielleicht ein Sportler –

er macht dann Kampfsport oder kämpft vielleicht in Fußball oder Eishockey.

Aber er wird kämpfen, er wird im Wettbewerb sein,

er braucht jemanden, den er herausfordern kann und an dem er sich messen kann.

Irgendwo und irgendwie muß ein Kampf abgehalten werden, um ihn zufrieden zu stellen.

Das ist der Grund, warum, sowie sich die Zivilisation entwickelt,

die Leute mit immer mehr Sport und Spiel versorgt werden müssen.

Wenn dem Kriegertypus keine Wettkampfspiele gegeben werden, was wird er dann tun ?

Wir müssen nur losziehen und uns ein Fußballspiel oder ein Hockeyspiel oder ein Handballspiel anschauen,

wenn es in vollem Gange ist – die Leute drehen durch, sind außer sich,

als wenn etwas sehr Ernsthaftes vor sich gehen würde, als wenn ein wirklicher Krieg stattfinden würde !

Die Spieler nehmen alles tierisch ernst und die Fans um sie herum rasten aus und schnappen über.

Kämpfe brechen aus, Hooligans liefern sich regelrechte Straßenschlachten.

Das Spielfeld ist immer gefährliches Terrain,

denn der Typ, der sich dort versammelt, ist der Kriegertyp.

Jeden Moment kann irgendetwas aus dem Ruder laufen.

09.12.2005 um 03:06 Uhr

Südliches Blütenland 2/4 (11)

von: tao

Es gibt immer einen Geschäftsmanntypus

der genießt Geld, Wohlstand, Akkumulation.

Er wird das tun – es macht keinen Unterschied, wie er es tut.

Wenn Geld verfügbar ist, wird er Geld sammeln;

wenn Geld nicht verfügbar ist, damm wird er Briefmarken sammeln.

Aber er wird es tun, er wird sammeln.

Wenn keine Briefmarken erhältlich sind,

wird er Nachfolger um sich scharen – aber er wird sammeln !

Er muß etwas mit Zahlen tun.

Er wird zehntausend, zwanzigtausend Jünger haben,

eine Million Anhänger.

Das ist genau dasselbe, als wenn er sagen würde,

daß er eine Million Euros gemacht hat !

Wenn wir zu unseren Sadhus, Gurus und Führern gehen –

je größer die Anzahl der Anhänger, desto großartiger sind sie.

Also sind die Nachfolger nichts anderes als Bankguthaben.

Wenn niemand uns nachfolgt, dann sind wir niemand –

dann sind wir ein armseliger Guru, ein kleiner Therapeut.

Wenn viele Leute uns nachfolgen, dann sind wir ein reicher Guru, ein wohlhabender Therapeut.

Was auch immer passiert, der Geschäftsmann wird anhäufen und sammeln.

Er wird zählen. Das Material ist unwesentlich.

Und dann gibt es einen Krieger, der wird kämpfen – jede Entschuldigung ist gut genug.

Er wird kämpfen, das Kämpfen liegt ihm im Blut, der Kampf steckt ihm in den Knochen.

Wgen diesem Typus kann die Welt nicht in Frieden leben.

Es ist unmöglich.

Einmal alle zehn Jahre muß es einen großen Krieg geben.

Und wenn wir große Kriege vermeiden wollen, dann muß es viele kleine Kriege geben,

aber das Endergebnis wird das gleiche bleiben.

08.12.2005 um 14:10 Uhr

Ko Hsuan 3 (6)

von: tao

Unnatürlich zu sein bedeutet häßlich zu sein; natürlich zu sein heißt schön zu sein. Frauen sollten den Männern gleich sein, aber die Idee der Ähnlichkeit sollte fallengelassen werden. Tatsächlich sollten sie so unähnlich wie möglich werden; sie sollten ihre Einzigartigkeit intakt halten. Sie sollten immer weiblicher werden, dann vertieft sich das Mysterium. Und das ist der Weg der Existenz, der Weg des Tao. Nur ein moderner Psychologe, Carl Gustav Jung, hatte eine gewisse Einsicht in diese taoistische Herangehensweise. Er war der einzige im Westen, der sich über den Taoismus Gedanken gemacht und ihn tiefgehend studiert hatte; er führte den Taoismus in seine Psychologie ein, und er modernisierte den Taoismus. Wenn wir den Taoismus verstehen wollen, wird es gut sein, Carl Gustav Jung zu verstehen und sein Verständnis des Taoismus; er hatte sich in die richtige Richtung bewegt. Aber nach seinem Tod stoppte diese Arbeit. Er hatte nur ein paar Schritte gemacht – denn Taoismus ist ein weites Meer – er hatte sich auf der richtigen Spur bewegt, aber die Arbeit ging nicht mehr weiter. Sie muß vertieft werden. Viel mehr Leute müßten sich an die Arbeit machen, um die taoistische Einsicht an die Neuzeit anzupassen, denn die Sprache ist alt und manchmal wird die alte Sprache eine Barriere, denken wir nur an die Worte "Heiliger" und "Sünder". Wenn wir zum Beispiel die Texte von Ko Hsuan lesen, werden sich viele Frauen ein wenig verletzt fühlen. Aber Ko Hsuan meinte das nicht so, es bedeutet keine Beleidigung; er verwendet einfach eine alte Art und Weise des Ausdrucks. Was konnte er schon tun ? Das war in jener alten Zeit der Weg. Da gibt es keine Bewertung – er sagt damit nicht, daß das Männliche höher und das Weibliche niedriger ist – das sollte ständig erinnert werden, ansonsten wird man sich sofort verschließen. Speziell Frauen werden sich diesen Texten verschließen; sie werden sie nicht verstehen können. Und diejenigen Frauen, die sich unglücklicherweise der Befreiungsbewegung der Frauen angeschlossen haben, werden augenblicklich zu und verschlossen sein; sie werden die Schönheit dieser Texte nicht verstehen können. Besonders sie sollten ständig daran denken, daß nicht die biologische Männlichkeit und Weiblichkeit gemeint ist, sondern die psychologische. Ein Mann ist nicht notwendigerweise maskulin, eine Frau ist nicht notwendigerweise feminin. Eine Frau kann maskulin sein, zum Beispiel Johanna von Orleans oder in Indien Laxmibhai. Diese Frauen waren Kriegerinnen, große Soldatinnen; sie waren überhaupt nicht feminin. Biologisch gesehen waren sie natürlich feminin, ihre Körper waren die Körper von Frauen, aber ihre eigentlichen Seelen waren die von Männern. Sie müssen als männlich gezählt werden. Und es hat Männer gegeben – Poeten, Tänzer, Musiker, Sänger, Maler – die sehr weiblich waren. So weich, so rund, war ihr Wesen, daß sie psychologisch gesehen Frauen waren. Sie mögen fähig gewesen sein, sich fortzupflanzen und Kinder zu zeugen, sie mögen fähig gewesen sein, Väter und Ehemänner zu werden, aber tief innen waren sie nicht maskulin; ihre Psychologie kann nur feminin genannt werden. Das passiert – tatsächlich geschieht es öfter, als wir uns das jemals vorstellen würden.

07.12.2005 um 19:48 Uhr

Ko Hsuan 3 (5)

von: tao

Der Taoismus redet über Yin und Yang: Das ist seine fundamentalste Herangehensweise zum Verstehen der Existenz. Und da geht es tief hinein.

Es besteht eine große Anziehungskraft zwischen Mann und Frau aus dem einfachen Grund, daß sie füreinander mysteriös sind. Das gleiche erzeugt Konflikt und das gleiche erzeugt Attraktion. Je weiter weg sie sind, je größer die Distanz zwischen ihnen ist, desto größer ist die Anziehungskraft zwischen ihnen.

In modernen Gesellschaften, in fortschrittlichen Ländern besonders, verschwindet diese Anziehungskraft immer mehr, aus dem einfachen Grund, daß Männer und Frauen einander so nahe kommen, daß sie sich immer ähnlicher werden. Sie ziehen sich gleich an, beide rauchen sie wie ein Schlot, beide saufen sie, beide verhalten sie sich auf dieselbe Weise, beide benutzen sie dieselbe Sprache. Die Befreiungsbewegung hat viel zu diesem Unsinn beigetragen. Die Befreiungsbewegung der Frauen bringt den Frauen überall auf der Welt bei, genau wie Männer zu sein – stark, grob, aggressiv. Sie können aggressiv sein und sie können ungehobelt sein, aber sie werden etwas ungeheuer Wertvolles verlieren: sie werden ihr Weiblichsein verlieren. Und in dem Moment, in dem sie genau wie Männer werden, werden sie keine Mysterien mehr sein. Da geschieht etwas Neuartiges in der Welt; das ist niemals zuvor passiert. Die klugen Weisen des Altertums machten es den alten Gesellschaften immer klar: Macht Männer und Frauen so unterschiedlich wie möglich. Die Natur macht sie unterschiedlich, aber die Kultur sollte ihnen auch helfen, unterschiedlich zu sein. Das bedeutet nicht, daß sie nicht gleichwertig sind; sie sind gleich, aber sie sind verschieden, sie sind einzigartig. Gleichheit muß nicht Ähnlichkeit bedeuten; Gleichwertigkeit sollte nicht als Ähnlichkeit mißverstanden werden. Ähnlichkeit ist nicht Gleichheit. Und wenn Frauen anfangen, wie Männer zu werden, werden sie niemals gleich wie die Männer sein, werden sie nie den Männern gleichwertig sein. Die Befreiungsbewegung für Frauen ist dabei, der Sache der Frauen in der Welt einen sehr großen Schaden zuzufügen, und dies wird der Schaden sein: Sie werden Abziehbilder der Männer werden, sie werden eine Art Sekundärexistenz haben. Sie werden keine wirklichen Männer sein, weil sie von Natur aus nicht so aggressiv sein können. Sie können so tun als ob, sie können Aggression kultivieren, sie können ungehobelt sein, aber das wird bloß eine Fassade sein, tief innen werden sie weich bleiben. Und dies wird eine Spaltung in ihrem Wesen hervorrufen, das wird eine Schizophrenie in ihrem Wesen erzeugen. Sie werden an einer dualen Persönlichkeit leiden und sie werden ihr Geheimnisvoll-Sein verlieren. Sie werden mit Männern argumentieren mit derselben Logik. Aber sie werden wie Männer sein und sie werden häßlich werden.

06.12.2005 um 23:59 Uhr

Tao 87

von: tao

Wo das Denken mit der Welt vereinigt ist, wird das "Ich" geboren; und wo das Denken mit Tao vereinigt wird, dort steht das "Bin-Sein". Da gibt es zwei Verbindungen. Die Verbindung zwischen dem Denken und der Welt erzeugt das Ego; wo das Denken sich Tao verbindet, bleibt Bin-Sein.

Ein Heiliger nach Lao-tse ist einer, der die erste Verbindung zerbrochen hat. Seine Verbindungen mit der Welt sind gebrochen. Aber seine zweite Verbindung muß erst noch etabliert werden. Er ist immer noch nicht eins mit Tao. Die subtilste Form des Ego bleibt immer noch. Ego und Bin-Sein sind beide Geschehnisse des Denkens. Es wird leicht übersehen (siehe Kommentar zu Tao 86), daß es das Denken ist, das der Heilige oder der Sünder ist. Jenseits des Denkens gibt es weder den Heiligen noch den Sünder. Das Höhere ist innerhalb des Denkens und genauso das Niedrigere. Jenseits des Denkens gibt es weder Hoch noch Niedrig.

Gut ist eine Einstellung des Denkens. Und genauso Schlecht. Jenseits des Denkens gibt es weder gut noch schlecht; alle Gegensätze sind nicht mehr. Wo die Gegensätze nicht mehr sind, ist das Denken nicht mehr. Der Heilige ist auch ein Teil des Spiels der Gegensätze. Der Heilige und der Sünder sind zwei Seiten der Dualität. Wenn dies verstanden wird, kann der Sprung gemacht werden. Der erste Sprung ist vom Ego aus und der zweite ist vom Bin-Sein aus.

Buddha redet von anatma (Nicht-Atman). Buddha verwendet dieses Wort anstelle von Bin-Sein. Er sagt: "Zuerst sollte das Ego gehen, dann das Selbst. Nur dann kannst du in die letztendliche Wahrheit eingehen."

Was unser Denken nun beschäftigt, ist, ob solch ein Mensch, für den das Denken immer noch existiert, als ein Heiliger angesehen werden kann. Wie können wir sagen, daß er die absolute Wahrheit erreicht hat ? Alle Dinge sind relativ, soweit es die Sprache angeht. Wenn wir sagen, daß ein Heiliger die letztendliche Wahrheit erreicht hat, bedeutet das, daß er der Wahrheit viel näher ist, als wir es sind. Zwischen uns und der Realität gibt es eine Steinmauer; zwischen dem Heiligen und der Wirklichkeit gibt es eine transparente Wand, die nicht gesehen werden kann. Die Wahrheit ist nun so klar für ihn, als wenn die Wand nicht da wäre, und doch bleibt immer noch die Wand. Aber können diese Wand nicht einmal mehr sehen.

Wohlgemerkt, wer nicht selbst ein Heiliger ist, wird die Wand nicht sehen können. Also sagen wir: Nun gibt es keine Wand mehr zwischen dem Heiligen und Tao. Aber der Heilige, der die Wand erreicht hat, weiß von ihrer Existenz, denn er kann sie fühlen. Sie hindert ihn daran, Tao zu erreichen. Die Wand des Bin-Seins ist so subtil, daß nur der Heilige sie spüren kann.

05.12.2005 um 23:59 Uhr

Tao 86

von: tao

Ein Heiliger zu sein heißt auch, in einer gewissen Entfernung von Tao zu sein. Ein Sünder ist sehr weit weg von Tao; der Heilige ist Tao näher. Aber dieses Nahesein ist auch eine Distanz; es ist nicht Einssein. Der Heilige ist dem Tao nahe, sehr nahe, aber wie nahe auch immer, die Entfernung bleibt. Das letzte Ziel, so Lao-tse, ist, daß sogar diese Distanz nicht sein sollte. Dieses Nahesein sollte auch enden. Dann wird Einssein erreicht.

Normalerweise denken wir, wenn die Distanz überwunden ist, resultiert daraus Einssein. Dies ist nicht so. Tatsächlich, die Wahrheit ist, je näher wir einer Person kommen, desto stärker fühlen wir die Distanz. Einen Sünder verdrießt es nicht, daß er weit weg von Tao ist, denn die Entfernung ist so groß, daß er sich dessen nicht einmal bewußt ist. Er fragt: "Wo soll denn dieses Tao sein ?" Die Distanz ist so groß, daß er nirgendwo Tao sieht. Die Schwierigkeit eines Heiligen ist jedoch größer. Er streckt sein Hand aus und fühlt die Berührung von Tao; mit jedem Atemzug erlebt er Tao; er geht und stößt auf Tao. Da ist soviel Nähe zwischen ihm und Tao. Dieses Gefühl von soviel Nahesein und doch nicht eins sein mit Tao ruft die Empfindung von Entfremdung und Trennung hervor, von der der Heilige spricht. Dann wird diese Nähe, dieses Gefühl, so nahe und doch so weit weg zu sein, unerträglich. Ein dünner Vorhang trennt ihn von dem, was er liebt, und die Pein ist qualvoll.

Der Sünder ist so weit weg von Tao, daß die Frage nach Getrenntsein einfach gar nicht da ist. Wenn da eine Mauer dazwischen steht, können wir die andere Seite nicht sehen. Wir können uns keine Dinge wünschen, die wir nicht sehen können, noch viel wenig können wir darauf hoffen oder es uns gar ersehnen.

Das Ego ist die Steinmauer zwischen dem Menschen und Tao. Auch das Bin-Sein ist eine Mauer, aber die ist transparent, aus Glas gemacht. Der Heilige kann alles sehen, als wenn da nichts dazwischen wäre, aber sobald er weitergeht, hält ihn die Mauer auf. Dann ist der Schmerz unerträglich; die Trennung auszuhalten wird zu schwer für ihn. Nur Heilige kennen die Qualen des Getrenntseins.

Der Heilige ist also auch weg vom Tao; eine transparente Wand trennt ihn. Wenn auch diese Wand wegschmilzt, gibt es keine Nahesein mehr und keine Distanz; es gibt nur Einssein. An jenem Tag geht der Heilige verloren und nur Tao bleibt.

Ist dieses Bin-Sein ein Zustand des Denkens oder ein spiritueller Zustand ? Es ist der höchste Zustand des Denkens; das Ego ist der anfängliche Zustand. Das Ego ist der grobe Zustand des Denkens und das Bin-Sein ist der subtilere Zustand. Oder anders gesagt: Das Denken ist in der Mitte: Auf der einen Seite ist Tao und auf der anderen Seite ist die Welt.

04.12.2005 um 13:27 Uhr

Tao Te King 5 (11)

von: tao

Madame Curie, die erste Frau, die den Nobelpreis gewann, wurde gefragt, was sie getan hätte, um den Preis zu bekommen. Sie erwiderte: "Solange ich danach strebte, irgendetwas zu tun, erreichte ich nichts. Der Nobelpreis, den ich empfing, ist nicht für etwas, das ich tat. Etwas entstand aus dem Schweigen in mir." Es ist eine erstaunliche Tatsache, daß sie die mathematische Lösung, wofür sie den Preis bekam, sie war in der Nacht aufgestanden und hatte sie auf einem Stück Papier notiert. Jahrelang hatte sie an diesem Problem gearbeitet und blieb erfolglos. Sie war völlig erschöpft. Sie hatte sich schon entschlossen, das Experiment ganz aufzugeben. In genau dieser Nacht wachte sie auf, stand auf, kritzelte etwas auf ein Stück Papier und ging wieder schlafen. Am Morgen fiel es ihr wieder ein, daß sie in der Nacht aufgestanden war und etwas aufgeschrieben hatte. Als sie das Papier sah, war sie erstaunt, als sie feststellte, daß damit ihr Problem gelöst war ! Sie konnte sich nicht dazu bringen, daß sie sagte, daß sie es war, die es gelöst hatte. Dies war von dem inneren Leersein gekommen. Einstein hat immer wieder in seinen Ansprachen und Vorträgen gesagt, was immer er erkannt hat, blieb solange unerkannt, solange er versuchte, es in Erfahrung zu bringen: "Als ich alle Anstrengung aufgab, entstand irgendwo aus dem inneren Raum, ich weiß nicht wie, dieses Wissen und manifestierte sich von selbst." Der Mensch, der einen Nobelpreis gewann für seine Entdeckung der Verkettung von Atomen, sagt, diese Erkenntnis erschien ihm nachts in einem Traum. Er konnte es selbst nicht glauben, aber so war es eben. Die großartigsten und besten Geschehnisse, die in dieser Welt stattgefunden haben, sind alle in der Leere geschehen – ob es nun Buddha geschehen ist oder Dschuang Dsi, ob es Lao-tse passiert ist oder Einstein. Nijinski pflegte zu sagen: "Solange wie ich tanze mit dem Bewußtsein, daß "ich" tanze, ist mein Tanz gewöhnlich, aber wenn die Leere in mir von mir Besitz ergreift, wird mein Tanz außergewöhnlich." Eines Tages, als er nachhause zurückkehrte, sagte seine Frau zu ihm: "Dein Tanz heute war so außergewöhnlich, daß mein Herz weinte bei dem Gedanken, daß du der einzige Unglückliche warst, der es nicht sehen konnte." Nijinski sagte: "Du irrst dich. Ich sah es auch." Wie kann ich das glauben ?" fragte ihn seine Frau. Er erwiderte: "Solange wie ich es bin, der tanzt, kann ich mich selbst nicht sehen, aber wenn die Leere in mir das Tanzen übernimmt, stehe ich daneben und beobachte wie ein Zuschauer." Nijinski war der einzige Tänzer, auf den die Gravitation keinen Einfluß hatte – so sagt man. Viele Male während des Tanzes sprang er in die Luft und dann kam er immer herunter so langsam wie eine Feder aus dem Flügel eines Vogels. Niemals kam er mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden auf, sondern er kam herunter wie ein Blatt, das von einem Baum fällt. Es war ein Wunder, eine Darbietung, die die Zuschauer erstaunt zurückließ. Es schien ein unmögliches Kunststück zu sein – unglaublich ! Die Leute fragten ihn, wie er das bewerkstelligen würde, denn die Erdanziehungskraft muß sich doch auf den menschlichen Körper auswirken. Egal wem der Körper gehört, die Erde zieht ihn nach unten. Nijinski sagte dann immer: "Solange wie "ich bin", wirkt sich die Gravitation aus, aber wenn die Leere übernimmt, bin ich mir nichts mehr bewußt. Dann falle ich auf den Boden zurück, als wenn ich schwerelos wäre."

03.12.2005 um 21:59 Uhr

Tao Te King 5 (10)

von: tao

Der Mensch wird mit völlig bedeutungslosen Dingen vollgestopft.

Mulla Nasruddin war mit dem König seines Landes befreundet. Der Mulla wurde zu den Weisesten seines Königreichs gezählt. Eines Tages fragte ihn der König: "Mulla, wird dein Bewußtsein leer, wenn du betest ?" "Sicherlich Herr", erwiderte der Mulla, "mein Denken ist auf absolut null, wenn ich bete." Der König glaubte ihm nicht. Er sagte Nasruddin: "Komm direkt zu mir von der Moschee nach den Gebeten, diesen Freitag. Ich werde Vertrauen haben in deine Wahrheitsliebe. Sag mir dann die Wahrheit. Wenn du die Wahrheit sagst, wirst du nicht mehr auf einem Esel reiten müssen. Ich werde dir das beste Pferd in meinem Königreich geben." Nasruddin sagte: "Kann ich einen Blick auf das Pferd werfen ?" Ihm wurde das Pferd gezeigt. Beim Anblick des schönen Tieres geriet er in größte Versuchung. "Du hast mich in ein Dilemma gebracht", sagte er dem König. "Ich werde mir dir am Freitag präsentieren."

Nasruddin kam zum König nach seinen Freitagsgebeten. Der König hatte das Pferd am Tor angebunden. Er fragte Nasruddin: "Sag mir ehrlich – tauchte kein Gedanke in deinem Bewußtsein auf während deiner Gebete ?" "Mein Denken war komplett leer", sagte Nasruddin. "Nur ganz am Ende gab es eine kleine Störung." "Was war das Problem ?", fragte der König. "Ich war mir sicher, du würdest mir das Pferd geben", sagte Nasruddin, "aber ich überlegte so vor mich hin, ob du mir die Peitsche geben würdest ? Diese Peitsche machte mich rasend, ich war ganz verrückt nach ihr. Ich versuchte mein Äußerstes, nur an Allah zu denken, aber ich konnte an nichts anderes denken als an die Peitsche. Dieser eine Gedanke nahm Besitz von mir – ich werde eine Peitsche brauchen, um das Pferd nach Hause zu reiten. Wirst du sie mir geben ?"

Das muß man sich vorstellen, eine kleines Ding wie eine Peitsche und Gott ist abserviert. Eine Peitsche ist ein bedeutungsloser Gegenstand, aber der bloße Gedanke daran kann Gott von innen entfernen. Das ist so, als wenn man ein Staubkorn ins Auge bekommt und die ganze Welt wird ein weißer leerer Raum. Ein bedeutungsloses Staubkorn verbirgt die höchsten Berge vor unserer Sicht. Ein kleiner Gedanke zerstört das Leersein im Inneren und die winzigsten und unbedeutendsten Dinge genügen, um das innere Vakuum zu füllen.

Wir alle sind innerlich vollgestopft und das ist der Grund für unsere Armut und unsere Misere. Wer innerlich leer wird, wird ein Herrscher. Es gibt nur einen Weg, ein König zu werden – sei leer wie die Himmel über uns; laß das Innere mit Raum gefüllt sein. Je größer der innere Raum, desto machtvoller ist die Energie, die erzeugt wird.

All die großartigen und bedeutenden Ereignisse in der Welt geschehen im Schweigen, im und durch das Leersein.

02.12.2005 um 23:59 Uhr

Tao 85

von: tao

Es besteht keine Notwendigkeit für irgendeine Erleuchtung.

Dieses Wort kommt bei Lao-tse nicht vor,

es ist kein Teil seines Vokabulars.

Er ist sehr einfach. Er sagt: Sei bloß gewöhnlich.

Warum dieses Streben, außergewöhnlich zu sein, jemand zu sein ?

Und wenn wir nicht in der Welt jemanden darstellen können,

dann wollen wir wenigstens erleuchtet werden. Aber warum ?

Warum können wir nicht zufrieden sein mit uns selbst, wie wir sind ?

Warum genügt uns das nicht ?

Mit sich selbst zufrieden zu sein, so wie man ist, ist Erleuchtung.

Das ist nichts Spezielles, so wie Yogis es haben anklingen lassen:

Die aufsteigende Kundalini, das sich zeigende Licht, innere Erfahrungen,

Engel und Gott und dies und das.

Das ist alles Unsinn, wenn wir es verstehen.

Erleuchtung ist nichts derartiges.

All diese Dinge – Kundalini und das Licht und Gott

und Engel und Himmel und Hölle – sind Teile, die der Zauberer aus seinem Zylinder zieht.

Wir wollen sie – und er zaubert sie sofort her, er liefert sie uns.

Wir erzeugen die Nachfrage

und der Magier liefert uns diese Dinge.

Wir wollen etwas Spezielles, er gibt sie uns.

Er beutet uns aus. Er lebt von unseren absurden Wünschen.

Lao-tse ist absolut einfach. Er hat keinen Zylinder.

Er sagt: Warum nicht einfach sein ? Was ist verkehrt daran ?

Was ist falsch an dem, was du bist ? Warum diese Anstrengungen ?

Und wer wird denn diese Anstrengung unternehmen ? Du wirst die Anstrengung machen.

Deine Anstrengung kann nicht über dich hinausgehen.

01.12.2005 um 21:42 Uhr

Tao 84

von: tao

Osho hatte einen Freund, der hatte eine kleine Katze, eine sehr schöne Katze und dieser Freund fragte Osho, welchen Namen er der Katze geben solle. Osho nannte die Katze "Ego", dann das Ego ist sehr verschlagen und eine Katze ist natürlich listig. Was List und Tücke angeht, geht nichts über eine Katze. Also nannte er seine Katze "Ego".

Aber nach und nach bekam er es satt. Er war ein einsamer Mann, ein Single, ohne Frau, keine Kinder und er wollte immer alleine sein, aber die Katze stellte eine ständige Störung dar. Es kam vor, daß er gerade schlief und die Katze sprang ihm auf die Brust, sie kam herein und hatte Blutspuren an ihren Pfoten, denn sie war ständig auf der Jagd nach Mäusen, und sie ruinierte seine ganze Couch-Garnitur oder seine Kleider. Sie wurde also zum Problem für ihn, und für einen Junggesellen, der sich niemals um irgendjemanden gekümmert hatte, war sie zu sehr wie eine Frau. Er fragte Osho, was zu tun sei. Diese Ego war eine Störung geworden. Also sagte Osho zu ihm: Ego ist immer ein Unruhestifter. Geh hin und wirf sie hinaus.

Er sagte: Aber sie kennt alle Wege in der Stadt. Sie wird zurückkommen. Osho sagte ihm: Dann geh in den Wald. Also ging er in den Wald, so daß die Katze nicht den Weg nach Hause finden konnte. Er ging immer tiefer in den Wald hinein – und dann verirrte sich ! Da gab es nur noch eins zu tun: Er ließ die Katze laufen, folgte ihr, und kam so zurück nach Hause. Das war der einzige Weg, es gab ja sonst niemanden, den er fragen konnte. Die Katze fand zurück, so direkt wie ein abgeschossener Pfeil, ohne auch nur einen einzigen Moment lang zu zögern, welchen Weg sie einschlagen sollte.

Also sagte Osho zu ihm: Deine Katze hat in perfekter Weise die Eigenschaft des Ego. So leicht kannst du es nicht hinauswerfen. Wo immer du hingehst, um es hinauszuschmeißen, wenn du nach Hause kommst, ist es schon da. Oder manchmal verirrst du dich vielleicht selbst und dann wirst du ihm folgen müssen, denn nur es kennt den Weg.

Das Ego ist sehr weise – weise in seiner Schlauheit.

Lao-tse gibt dem Ego keinen Anhaltspunkt,

keinen festen Boden, auf dem es stehen könnte, also redet er nicht über Erleuchtung.

Wenn wir also Lao-tse treffen, sollten wir ihn nicht fragen: Glaubst du

an plötzliche Erleuchtung oder an graduelle Erleuchtung ?

Er würde uns keine Antwort geben. Er würde über uns lachen: Was für eine Torheit !