Tao Te King 15 (5)
Menschen mit Wissen haben bestimmte Antworten, sind sich absolut sicher –
das ist Teil ihrer Stupidität.
Tatsächlich können sich nur Dummköpfe sicher sein.
Das Leben ist solch ein ungeheuer großes Mysterium, unergründlich, unerkennbar,
wenn wir weise sind, können wir uns nicht sicher sein.
Weisheit ist vorsichtig. Weisheit zögert. Weisheit ist sich niemals sicher.
Das ist der Grund, warum Weisheit niemals auf eine Theorie begrenzt werden kann.
Alle Theorien sind weniger als das Leben, alle Theorien sind eng,
und das Leben kann nicht in sie hineinkommen, denn das Leben ist so weit,
so ungeheuer weit und unbegrenzt.
Ein weiser Mensch weiß nur eines: Daß er nicht weiß.
Ein Mensch mit Wissen weiß tausend Sachen
und weiß, daß er weiß –
und darin liegt die Torheit des Menschen mit Wissen.
Er häuft immer weiter Fakten an, und nichts hat er selbst erlebt;
in seinem Gedächtnis sammelt er laufend
Theorien, Worte, Philosophien – nichts davon berührt sein eigenes Wesen.
Er wird zu einem riesigen Wissensreservoir;
er wird ein Brockhaus, eine Enzyklopädie – aber eine tote Sache.
Je mehr sein Gedächtnis mit Wissen aufgefüllt wird,
desto weniger lebt er in seinem Wesen, weniger und weniger.
Je mehr und mehr er sich in seinen Kopf begibt,
zu einem Teil wird, zu einem Fragment,
desto weniger und weniger ist er mit dem ganz weiten Sein verbunden,
und mit dem Universum und mit der Existenz.
Er wird in gewisser Weise nicht-existentiell, denn er ist nicht mehr
ein Teil dieser Existenz, nicht mehr lebendig, strahlend und vibrierend.
