Tao Te King 4 (11)
Wir sind in solch einem Zustand, wo wir das Gefühl haben, die ganze Welt würde uns belästigen. Wir haben das Gefühl, wir seien unschuldig und der Rest der Welt ist voll von Bosheit – daß da eine große Verschwörung gegen uns im Gange ist; daß wir allein sind, allein gegen die ganze weite Welt ! Das ist unser Standpunkt. Und mit einem solchen Gesichtspunkt können wir niemals die Spitzen und Dornen sehen, die in uns selbst sind. Also werden wir uns immer verteidigen und wer immer versucht, sich selbst zu retten, wird sich niemals kennenlernen. Folglich kann er niemals selbst sicher sein, denn wie kann er sich selbst bewahren, wenn er sich selbst nicht kennt ?
Das erste ist also – Selbstbeobachtung. Wie viele Verletzungen fügen wir uns während des Tags zu – in dem, was wir sagen, wie wir sitzen, wie wir gehen, mit unserer Körpersprache, mit unserem Lächeln und mit unseren Augen oder unseren Lippen ! Wir achten auf die Wunden, die wir uns zufügen – manchmal sogar ohne jeden Grund. Dann werden wir zu der Erkenntnis kommen, daß das unsere Natur ist.
Mulla Nasruddin ging eine Straße entlang. Ein Mann rutschte auf einer Bananenschale aus und fiel hin. Nasruddin brach laut in Lachen aus. Wie er gerade noch lachte, trat er mit seinem Fuß auf ein anderes Stück der Bananenschale und auch er fiel hin. Wie er sich wieder vom Boden aufrappelte, faltete er seine Hände und sagte: "Ich danke dir, oh Herr ! Hätte ich nicht schon vorher gelacht, ich würde niemals überhaupt gelacht haben !" Nun war der andere Mann an der Reihe, er begann zu lachen.
Wenn wir über andere lachen, denken wir uns nichts dabei; wenn wir andere beschimpfen oder Anstoß an ihnen nehmen, denken wir nicht darüber nach, was wir da tun. Es ist möglich, daß wir im Nu uns selbst in der gleichen Situation vorfinden. Nasruddin spricht aus der wahren Tiefe des menschlichen Wesens. Er sagt: "Es ist nur gut, daß ich schon gelacht hatte, denn später wurde der Spieß umgedreht !" Nasruddin ist ein Symbol für die Ironie der ganzen Menschheit. Er ist sozusagen die Essenz, der eigentliche Extrakt aller menschlichen Psychologie.
Wir werden jede unserer Bewegungen zu inspizieren haben, ob sich da nicht eine scharfe Kante in ihr verbirgt. Durchbohren wir damit jemand anderen und haben wir vielleicht ganz zufällig unser Vergnügen daran ? Wir dominieren vielleicht jemand anderen, bringen unser Besitzrecht an jemand anderem zum Ausdruck, erteilen anderen Anordnungen – und machen uns ein Vergnügen daraus !
Eines Tages hatte Nasruddin Ärger mit seinem Sohn. Der Sohn machte eine Menge Krach. Er befiehlt ihm: "Setz dich hin, du Schlingel !" Aber der ist schließlich Nasruddins Sohn ! Er sagt: "Ich will nicht !" "Dann bleib stehen !", brüllte Nasruddin. "Ob du nun sitzt oder stehst, du wirst mir schon gehorchen müssen", sagt er zu seinem Sohn !
