Ko Hsuan 3 (10)
Der gewöhnliche Mensch ist getrübt; der Buddha ist rein. Der Mensch, der verschlafen ist, ist schlammig und umwölkt; er ist umringt von viel Rauch von seiner eigenen Kreation. Der Mensch, der aus allen Träumen und Sehnsüchten erwacht ist, hat eine Klarheit; er hat keinen Rauch um sich herum, keine Wolken. Er ist wie ein sonniger Tag: Die Sonne ist da ohne irgendwelche Wolken. "Tao manifestiert beides..."
Das ist zu bedenken: Tao ist beides. Das sollte niemals vergessen werden. Die Person, die schläft, ist genauso göttlich wie die erwachte, genauso tao wie der Erwachte. Es gibt keinen intrinsischen Unterschied; der Unterschied besteht nur in der Manifestation. Der eine ist voll von Träumen und Verlangen, daher ist er getrübt; und der andere hat Schluß gemacht mit den Träumen, ist der Träume müde geworden, ist zur Erkenntnis gekommen, daß es Träume sind, und allein schon durch dieses Erkennen sind diese Träume ganz von selbst abgefallen. Nun sind seine Augen klar; er kann sehen, durch und durch.
"Tao manifestiert...als Bewegung und Stillsein, beides."
Es ist also gar nicht nötig, darauf zu bestehen, daß du still sein solltest; sogar in Bewegung können wir Tao erleben. Und wir können Tao im Stillsein erfahren. Es gibt zwei Möglichkeiten. Buddha saß jahrelang schweigend da und dann erlebte er Tao. Er nennt es Nirwana; das ist sein Name für Tao. Und Jalaluddin Rumi tanzte jahrelang, und dann passierte es eines Tages, während er tanzte: Durch den Tanz kam er zu Tao. Er nennt es Gott; das ist sein Name für Tao. Man kann ihm näherkommen durch Stille oder durch Bewegung. Wegen dieser Tatsache können beide Meditationsspielarten benutzt werden. Die Leute tanzen, die Leute singen, und sie meditieren. Die Leute sitzen schweigend da – Zazen, Vipassana – und sie meditieren. Und man kann vom einen zum anderen gehen, denn beides sind unsere Möglichkeiten: Wir können es im Tanz finden und wir können es im Schweigen, in der Stille finden. Tatsächlich wird unsere Erfahrung weitaus reicher sein, wenn wir es auf beiden Wegen finden können. Wenn wir fähig sind, es im Tanzen zu entdecken und auch imstande sind, es zu finden, während wir schweigend sitzen und nichts tun, wird unsere Erfahrung viel reicher sein als die Erfahrung des Gautama Buddha und des Jalaluddin Rumi, von beiden – natürlich, denn wir werden den Tempel des Tao von zwei entgegengesetzten Extremen her betreten, von zwei verschiedenen Pfaden her. Wir werden flexibler sein und wir werden die Schönheiten von beiden Wegen kennen gelernt haben – denn auf dem einen Weg stoßen wir vielleicht auf ein paar Dinge und auf dem anderen Weg lernen wir vielleicht ein paar andere Dinge kennen. Beide Pfade sind voll verschiedener Wunder.
