Taoistische Reflektionen

11.01.2006 um 13:41 Uhr

Ko Hsuan 3 (10)

von: tao

Der gewöhnliche Mensch ist getrübt; der Buddha ist rein. Der Mensch, der verschlafen ist, ist schlammig und umwölkt; er ist umringt von viel Rauch von seiner eigenen Kreation. Der Mensch, der aus allen Träumen und Sehnsüchten erwacht ist, hat eine Klarheit; er hat keinen Rauch um sich herum, keine Wolken. Er ist wie ein sonniger Tag: Die Sonne ist da ohne irgendwelche Wolken. "Tao manifestiert beides..."

Das ist zu bedenken: Tao ist beides. Das sollte niemals vergessen werden. Die Person, die schläft, ist genauso göttlich wie die erwachte, genauso tao wie der Erwachte. Es gibt keinen intrinsischen Unterschied; der Unterschied besteht nur in der Manifestation. Der eine ist voll von Träumen und Verlangen, daher ist er getrübt; und der andere hat Schluß gemacht mit den Träumen, ist der Träume müde geworden, ist zur Erkenntnis gekommen, daß es Träume sind, und allein schon durch dieses Erkennen sind diese Träume ganz von selbst abgefallen. Nun sind seine Augen klar; er kann sehen, durch und durch.

"Tao manifestiert...als Bewegung und Stillsein, beides."

Es ist also gar nicht nötig, darauf zu bestehen, daß du still sein solltest; sogar in Bewegung können wir Tao erleben. Und wir können Tao im Stillsein erfahren. Es gibt zwei Möglichkeiten. Buddha saß jahrelang schweigend da und dann erlebte er Tao. Er nennt es Nirwana; das ist sein Name für Tao. Und Jalaluddin Rumi tanzte jahrelang, und dann passierte es eines Tages, während er tanzte: Durch den Tanz kam er zu Tao. Er nennt es Gott; das ist sein Name für Tao. Man kann ihm näherkommen durch Stille oder durch Bewegung. Wegen dieser Tatsache können beide Meditationsspielarten benutzt werden. Die Leute tanzen, die Leute singen, und sie meditieren. Die Leute sitzen schweigend da – Zazen, Vipassana – und sie meditieren. Und man kann vom einen zum anderen gehen, denn beides sind unsere Möglichkeiten: Wir können es im Tanz finden und wir können es im Schweigen, in der Stille finden. Tatsächlich wird unsere Erfahrung weitaus reicher sein, wenn wir es auf beiden Wegen finden können. Wenn wir fähig sind, es im Tanzen zu entdecken und auch imstande sind, es zu finden, während wir schweigend sitzen und nichts tun, wird unsere Erfahrung viel reicher sein als die Erfahrung des Gautama Buddha und des Jalaluddin Rumi, von beiden – natürlich, denn wir werden den Tempel des Tao von zwei entgegengesetzten Extremen her betreten, von zwei verschiedenen Pfaden her. Wir werden flexibler sein und wir werden die Schönheiten von beiden Wegen kennen gelernt haben – denn auf dem einen Weg stoßen wir vielleicht auf ein paar Dinge und auf dem anderen Weg lernen wir vielleicht ein paar andere Dinge kennen. Beide Pfade sind voll verschiedener Wunder.

10.01.2006 um 00:00 Uhr

Tao 100

von: tao

Unwissenheit ist der Zustand, der vor dem Wissen existiert,

Unschuld ist der Zustand, der nach dem Wissen existiert.

Unwissenheit ist Vorwissen, Unschuld Nachwissen.

Sie erscheinen ähnlich – in gewisser Weise sind sie es,

und doch total verschieden.

Ein Kind ist unwissend.

Wenn wir ein Kind unschuldig nennen, mißverstehen wir schon die ganze Angelegenheit.

Unwissenheit schaut aus wie Unschuld

denn das Kind weiß nichts

es schaut unschuldig aus, aber es wird wissen,

es wird die bittere Frucht des Wissens kosten, es muß.

Es ist genau wie Adam im Garten des Paradieses – es wird hinausgeworfen werden müssen.

Es wird da hindurchgehen müssen, es wird korrumpiert werden, es wird in die Irre gehen.

Seine Unschuld ist nicht machtvoll, sie ist impotent.

Es kann es nicht vermeiden, wissend zu sein,

das Wissen wird eindringen,die Schlange wird es verführen, die Welt wird es korrumpieren,

es wird sich auf die Wege des Wissens begeben, auf den Wegen des Denkens gehen.

Es ist bereit wie ein Samenkorn, im Wissen aufzugehen.

Die Unschuld ist nicht da, es ist unwissend.

Aber dann, ein Weiser wie Lao-tse

der die Welt kennengelernt hat und zurückgekommen ist,

der korrumpiert worden war,

der auf den Wegen des Wissens in die Irre gegangen war,

der die bittere Frucht kostete und nun reif geworden ist,

das Wissen fallengelassen hat, wieder kindgleich geworden ist,

der ist unschuldig.

Nur ein Weiser ist unschuldig.

09.01.2006 um 22:28 Uhr

Ko Hsuan 1 (5)

von: tao

Es ist verständlich, daß Ko Hsuan zehntausendmal darüber nachsann, ob er etwas aufschreiben sollte oder nicht. Aber schließlich entschied er sich für das Schreiben und er machte es richtig. Man sollte niemals Angst vor der Dunkelheit haben. Licht, wie schwach auch immer, ist weitaus mächtiger als Dunkelheit, wie groß und wie alt sie auch immer sein sollte. Tatsächlich hat Dunkelheit keine Macht, das Licht hat die Macht. Die Worte, die Ko Hsuan aufschrieb, sind machtvolle Worte. Und die Art und Weise, in der die Mystiker die Wahrheit sprechen, geht schon fast über den Horizont der Gelehrten; sie können diese Schönheit nicht wirklich zerstören. Tatsächlich können sie diese Wahrheit nicht einmal anrühren; es ist für sie unmöglich aus dem einfachen Grund, daß die Mystiker in einer paradoxen Sprache reden, sie sprechen nicht logisch. Daher sind sie jenseits der Reichweite der Gelehrten. Die Gelehrten können nur die Widersprüche darin sehen, denn der Gelehrte funktioniert durch Logik und all die mystischen Ausdrucksweisen sind paradox – unlogisch oder supralogisch oder eben taologisch. Und besonders die taoistischen Sprüche sind superb, was das betrifft – niemand ist imstande gewesen, ihre Paradoxe zu transzendieren. Selbst in Ko Hsuans kleiner Abhandlung werden wir in fast jedem Satz, bei jeder Äußerung, auf Paradoxe stoßen. Auch das muß man erst verstehen. Warum sprechen Mystiker in Paradoxen ? Um für die Gelehrten unzugänglich zu bleiben. Das Paradox kann nur von einem meditativen Menschen verstanden werden; es kann niemals von einem Menschen verstanden werden, der in seinem Kopf lebt, im Denken existiert. Bevor wir nicht etwas vom Nicht-Denken gekostet haben, können wir kein Paradox verstehen. Das ist ein Schutz, das ist eine eingebaute Sicherung: Sprich paradox, sprich, als wenn du fast verrückt wärst. Einmal kam ein Journalist, um George Gurdjieff einen Besuch abzustatten. Der trank gerade seinen Morgentee. Er wich Journalisten immer aus, weil sie die dümmsten Leute sind, die da herumlaufen, und seine Art, ihnen aus dem Weg zu gehen, war einzigartig. Er fragte die Schülerin, die ihm gerade Tee eingoß, als der Journalist neben ihm saß: "Welcher Tag ist heute ?" Und die Frau sagte: "Heute ist Samstag." Und Gurdjieff wurde so wütend, daß er in Rage geriet und die Tasse auf den Boden warf. Die Tasse zersprang in tausend Stücke. Der Journalist bekam es mit der Angst zu tun... denn es war Samstag. Und Gurdjieff sagte: "Du erzählst mir immer so einen Unsinn ! Erst gestern sagtest du mir, es sei Freitag und nun ist heute schon Samstag ? Wie kann das sein ? Wie kann Samstag nach Freitag kommen ?" Der Journalist dachte, dieser Mann sei verrückt. Er ging einfach weg, ohne auch nur sich zu verabschieden, und Gurdjieff schüttete sich aus vor Lachen. Die Frau war schockiert. Sie war noch neu; sie wußte nicht, daß dies seine Art war, wie er den falschen Leuten aus dem Weg ging. Sie sagte: "Aber warum bist du so wütend geworden ?" Er sagte: "Das wirst du verstehen, wenn du hier noch ein bißchen länger bleibst. Dieser Mann wird nun nie wieder zurückkommen; für sein ganzes Leben habe ich ihn abgehalten. Und er wird nun losgehen und Gerüchte über mich unter seinen Berufskollegen verbreiten, so daß nicht nur er hinausgeworfen worden ist, noch viel mehr Leute, die mir vielleicht Probleme bereitet hätten, werden niemals hierher kommen." Er wurde für einen Verrückten gehalten, für völlig wahnsinnig.

08.01.2006 um 12:50 Uhr

Ko Hsuan 3/9

von: tao

Ein Straßenhändler bemühte sich, sein Produkt zu verkaufen. Den ganzen Tag lang rief er aus: "Probieren Sie eine Flasche von meinem Elixier – die Lotion für ein langes Leben !" Da war noch ein Junge, der ihm half, die Flaschen zu verteilen und das Geld einzukassieren. Der Verkäufer rief immerzu: "Schaut ! Die Lotion für ein langes Leben ! Ein Wunder, meine Herren ! Ein wirkliches Wunder ! Jeden Morgen trinke ich eine Flasche, und schaut mich an – sehe ich nicht jung aus ? Ich bin über siebenhundert Jahre alt !" Die Leute waren erstaunt und skeptisch. Schließlich rief einer der Kunden den Jungen zur Seite und fragte ihn: " Ist dein Boss wirklich über siebenhundert Jahre alt ?" "Das kann ich nicht garantieren," antwortete der Junge. Nun drehte sich jeder dem Jungen zu, um seine Antwort zu hören. "Warum kannst du das nicht garantieren ?", fragte der Kunde. "Weil ich mit ihm nur dreihundert Jahre lang gearbeitet habe," antwortete der Junge.

Alle anderen Religionen sind viel mehr mit solchen Stupiditäten beschäftigt – Wunder und Mirakel. Nicht der Taoismus. Der Taoismus ist sehr geradeaus, daher hat der Taoismus eine großartige Zukunft. Wenn alle anderen Religionen schon von der Bildfläche verschwunden sein werden, wird der Taoismus immer noch seine Rolle spielen, aus dem einfachen Grund, daß er zu dem wissenschaftlichen Klima passen wird, das tagtäglich sich weiter auf der Erde aufbaut. Er wird nicht nur in dieses wissenschaftliche Klima hineinpassen, er wird ihm helfen und es nähren. Er wird der Wissenschaft neue Visionen bringen, denn er fordert nicht dazu auf, an irgendetwas zu glauben, er macht einfach Mut zum Verstehen. Taoistische Sutras sollen nicht geglaubt werden. Sie sollen verstanden werden, und wenn wir versuchen, sie zu verstehen, ist es überaus hilfreich, dafür all unsere Vorurteile über und als Männer und Frauen beiseite zu lassen.

"Der ehrwürdige Meister sagte:

Tao manifestiert sich sowohl als das Reine wie auch als das Trübe,

als Bewegung wie auch als Stillsein."

"Trüb" ist nicht verletzend gemeint; es bedeutet einfach schlammig, nicht klar, vag, unbestimmt, verworren. Beides sind Manifestationen von Tao.

"Tao manifestiert sich als das Reine..."

Und das Wort "rein" bedeutet gar nichts moralisches, tugendhaftes, et cetera; es hat nichts mit Moral zu tun. "Rein" bedeutet einfach klar, transparent; und "trüb" bedeutet undurchsichtig, nicht klar, schmutzig. Dies sind beides Manifestationen von Tao.

07.01.2006 um 16:02 Uhr

Tao 99

von: tao

Die Verehrer eines Heiligen haben das Gefühl, der Heilige ist Gott geworden, denn sie können nur eine solide Mauer sehen und nicht eine transparente Wand. Das ist natürlich. Aber der Heilige spürt diese Wand, die ihm in jedem Moment den Weg versperrt. Er weiß, er ist noch nicht komplett leer geworden; es gibt ihn immer noch. Lao-tse spricht von seiner eigenen Erfahrung als ein Heiliger, wenn er sagt: „Bevor nicht das Bin-Sein wegschmilzt wie Schnee in der Sonne, kannst du nicht die höchste Wahrheit erlangen." Wenn wir nach unserer Erfahrung gehen, sagen wir, daß der Heilige das Gottsein erreicht hat. Das ist alles relativ. Auch wir werden feststellen, wenn wir danach suchen, daß es neben dem Ego noch eine andere Wand gibt, die es zu überqueren gilt. Das Bin-Sein ist auch ein Hindernis; auch dies sollte weichen. Bevor nicht das Nichts-Sein den Heiligen ersetzt, an die Stelle des Heiligen tritt, ist diese Wand immer noch intakt. Es gibt zwei Wege, das Leben zu verstehen, es zu manifestieren und es auszudrücken. Der eine ist der positive Weg; der andere ist der negative Weg. Immer wenn wir etwas sagen müssen, können wir es auf zweierlei Weise sagen. Wenn ein Raum dunkel ist, können wir sagen, der Raum ist dunkel, oder, daß kein Licht in diesem Raum ist. Wir können sagen, daß ein Mensch lebendig ist, oder, daß er noch nicht tot ist. Es gibt also zwei Aspekte des Ausdrucks; positiv und negativ. Es hängt ganz von dem Individuum ab, welchen Aspekt es für seine Verwendung wählt. Lao-tse und Buddha bevorzugten den negativen Aspekt. Was immer sie sagten, sie sagten es negativ. Das hatte seine Gründe, viele Gründe. Der wichtigste Grund war, daß Buddha herausfand, daß was immer gesagt wurde, überall von dem positiven Aspekt her gesagt wurde, und viele, die daran glaubten, in die Irre geführt worden waren. Zum Beispiel sagt ein Mensch: „Ich bin Gott." Nun gibt es zwei Alternativen. Die eine ist, daß dieser Mensch die Wahrheit sagt und die andere ist, daß er vielleicht lügt; er mag ein scheinheiliger Heuchler sein. Beides ist möglich. Neunundneunzig von hundert solcher Leute, die verkünden „Ich bin Gott", sind Lügner. Das menschliche Ego hat Vergnügen daran, diese Deklaration abzugeben. Die Wege des Ego sind sehr subtil – und was könnte dem Ego mehr gefallen als das Gefühl „Ich bin Gott" ? So bekam Buddha, genau wie Lao-tse, das Gefühl, daß eine derartige Proklamation sehr schädlich ist. Es ist nicht so, daß dieses Statement notwendigerweise falsch sein muß. Als der Sufi-Mystiker Mansur sagte: „Ich bin Gott" (ana'l haq), sagte er die Wahrheit. Von seiner Seite her, war es kein Fehler. Wenn Mansur sagt: „Ich bin Gott", sagt er damit, daß es nur Gott gibt; ich bin nicht, mich gibt es nicht. Wenn der Rishi der Upanishad sagt: „aham brahmasmi", meint er damit auch: „Wo bin ich ? Ich bin nirgends. Nur Gott ist." Dies kann korrekt sein, wenn es die Wahrheit ist, aber sogar ein Verrückter kann verkünden: „Ich bin Gott !". Niemand kann ihn davon abhalten, dies zu tun. Die Gefahr liegt in der Tatsache, daß solche Leute auch andere beeindrucken und beeinflussen und als Folge davon in die Irre führen können. Daher war Lao-tse gegen alle Deklarationen.

06.01.2006 um 13:51 Uhr

Tao 93/4

von: tao

Baul Panchuchand singt:

"Wenn du gottergeben sein willst,

lebe bindungslos..."

Sehr schön.

Aber Vorsicht:

Bindungslos zu sein heißt nicht der Welt zu entsagen.

Wenn wir der Welt entsagen, sind wir an die Welt gebunden;

warum sonst sollten wir ihr entsagen ?

Was für einen Sinn hat es, der Welt zu entsagen, wenn wir nicht verhaftet an sie sind ?

Nur die Bindung verzichtet und entsagt.

Wenn wir wirklich ungebunden sind,

stellt sich für uns die Frage, ob wir auf etwas verzichten sollten, gar nicht.

"Wenn du Gott hingegeben sein willst,

lebe ungebunden,

heimatlos, anstelle einer Heimstatt

und deines Lebens mit einem Mädchen."

Lebe in dem Haus, sei ein Haushälter:

mit deiner Frau, deinen Kindern –

aber bleibe ungebunden;

denn wenn du Frau und Kinder und das Haus verläßt,

und dich in den Wald oder anderswohin in die Ferne flüchtest,

zeigst du damit einfach, daß du all diesen Dingen zu sehr verhaftet warst –

warum sonst sollte dich das so umtreiben ?

Und wenn du so gebunden warst

wie kann diese Bindung verschwinden dadurch, daß du dich einfach aus dem Staub machst ?

Sie mag sogar noch stärker werden,

denn immer wenn die Dinge nicht mehr da sind, fühlen wir unser Bedürfnis danach mehr.

05.01.2006 um 19:53 Uhr

Ko Hsuan 3/8

von: tao

Der Osten ist zu lasch geworden, daher ist dort Tod und Hunger. Und der Westen ist zu angespannt geworden, daher ist dort Wahnsinn und Neurose. Der Westen ist dabei, unter seinem Gewicht zusammenzubrechen. Der Osten ist so faul und lausig geworden, aus seiner lockeren Liederlichkeit heraus.

Ein gewisse Spannung ist nötig, aber es gibt einen Grad an Spannung, einen Spannungszustand, der auch ein Zustand des Gleichgewichts ist. Und das ist die ganze Kunst des Tao. Der sich im Gleichgewicht befindende Puls des mystischen Lebens, das Geheimnis...

Die Worte in Ko Hsuans Sutra dürfen nicht biologisch oder physiologisch verstanden werden. Jeder Mann und jede Frau tragen auch ihren Gegensatz in sich. Wenn wir bewußt ein Mann sind, dann ist da unbewußt auch eine Frau in uns; wenn wir eine Frau sind, dann existiert in uns unbewußt ein Mann. Unser Bewußtes und unser Unbewußtes sind polare Gegensätze und es besteht eine Spannung zwischen den beiden. Diese Spannung darf weder zu locker noch zu fest werden. Dies ist die ganze Kunst der Religion, oder die ganze Wissenschaft der Religion.

Taoismus glaubt nicht an Wunder; Taoismus setzt auf wissenschaftliche Methoden, um das Leben zu transformieren.

Lao-tse, Dschuang Dsi und Liä Dsi gingen eines Tages zusammen einen Waldweg entlang, als sie auf einen schnell fließenden Fluß stießen, der ihnen ihren Weg versperrte. Sofort setzte sich Liä Dsi nieder an das Ufer des Flusses und meditierte über das ewige Tao. Zehn Minuten später stand er auf und machte sich daran, auf dem Wasser zur anderen Seite zu gehen.

Als nächster saß Dschuang Dsi zwanzig Minuten lang im Lotussitz, daraufhin stand er auf und ging auch quer über den Fluß.

Lao-tse schaute all dem verwundert zu, zuckte dann mit den Schultern, setzte sich ans Flußufer wie die anderen und meditierte über eine Stunde lang. Schließlich, in völligem Vertrauen in das Tao, schloß er seine Augen, tat einen Schritt in den Fluß hinein und fiel ins Wasser.

Auf dem anderen Ufer lachte Dschuang Dsi, wandte sich an Liä Dsi und sagte: "Sollen wir ihm sagen, wo die Felsen sind ?"

Taoismus glaubt nicht an irgendeinen Unsinn. Taoismus ist sehr pragmatisch, praktisch und steht mit beiden Füßen auf der Erde.

04.01.2006 um 20:52 Uhr

Tao 93/3

von: tao

Buddha starb.

Mahakashyap, einer von seinen großartigsten Schülern, gab kein einziges Wort von sich;

als wenn nichts passiert wäre.

Er blieb unter seinem Baum sitzen.

Die Leute waren am Rennen, hin und her,

es gab viel Aufregung und Durcheinander – Buddha hat gesagt, er würde heute Abschied nehmen !

Aber dieser Mahakashyap bewegte sich niemals von seinem Baum weg.

Viele Leute sagten: Mahakashyap, was tust du da ?

Dies ist der letzte Tag !

Buddha verläßt seinen Körper !

Es wird berichtet, daß er lachte und dann sagte:

Aber wer hat dir gesagt, daß er jemals einen Körper hatte ?

Ich kenne ihn.

Er ist niemals im Körper gewesen.

Was soll also all dieses Aufhebens ?

Laß ihn den Körper verlassen ! Er ist niemals in ihm gewesen.

Es wird gesagt, daß Mahakashyap seinen Schülern sagte,

daß Buddha niemals geboren worden war und niemals starb,

er ging niemals auf dieser Erde,

er äußerte niemals ein einziges Wort;

und jeden Tag am Morgen hielt Mahakashyap seine Andacht zu Füßen des Buddha.

Schwierig zu verstehen,

denn wir können Haß verstehen, der destruktiv wird,

wir können Liebe verstehen, die zur Bindung wird,

wir können nicht totale Liebe verstehen, die beides ist,

die das Unwesentliche zerstört,

und das Essentielle erzeugt.

03.01.2006 um 23:59 Uhr

Tao 98

von: tao

Wenn unser Sex nicht spontan ist, wird unser ganzes Leben robotergleich werden. Es muß in Freiheit sein.

Und doch ist im Leben eine große Disziplin vonnöten, denn wir müssen in einer Welt mit so vielen Leuten leben. Wir müssen in Disziplin leben, ansonsten würde das Leben ein Chaos werden. Das Leben würde unmöglich werden, wenn wir nicht in einer Disziplin leben könnten. Aber wenn wir nur in Disziplin leben und die Spontaneität vergessen und zur Disziplin werden und nicht mehr fähig sind, aus ihr herauszukommen, dann geht das Leben wieder verloren. Dann sind wir zu einer Maschine geworden. Dies sind nun die beiden Alternativen, die dem Menschen bis jetzt offen gestanden haben: Entweder bekomme ein Chaos – was nicht gut ist – oder werde eine Maschine – was auch nicht gut ist.

Wünschenswert wäre es, wenn wir achtsam, bewußt, wach, diszipliniert sind, und doch fähig zur Spontaneität. Wenn wir arbeiten, sollten wir diszipliniert sein. Aber Arbeit ist nicht alles. Wenn wir spielen, sollten wir alle Disziplin vergessen.

Denen, die Yoga folgten, ist folgendes passiert: Sie können nicht spielerisch sein, sie können gar nichts genießen, sie können nicht am Feiern teilnehmen – weil sie nicht entspannen können. Und Tantra alleine erzeugt Chaos. Tantra allein macht uns sehr, sehr selbstsüchtig. Wir kümmern uns um niemanden. Wir vergessen, daß wir Teil eines großen Ganzen sind, daß wir zu einer Gesellschaft gehören, daß wir zur Existenz gehören und daß wir dieser Existenz verpflichtet sind; ohne sie werden wir nirgends sein. Wir haben einige Forderungen von seiten der Existenz zu erfüllen, von der Seite der Existenz her. Wenn wir äußerst chaotisch werden, dann können wir nicht existieren. Dann kann niemand existieren. Also bedarf es eines großen Verstehens, zwischen Chaos und Mechanisierung. Genau in der Mitte gibt es einen Punkt, wo Taoisten gern sein würden, exakt in der Mitte; fähig dazu, zu beiden Extremen zu gehen, wenn es nötig ist, und immer fähig dazu, sich von dort wieder wegzubegeben. Taoismus lehrt diese Fluidität, dieses Flüssigsein. Taoismus lehrt keine fixierten Lebensmuster, keine geschlossenen Systeme. Taoismus lehrt Lebenssynthesen, wachsende Muster, wachsende Systeme, und immer fähig dazu, den anderen zu verstehen, das Entgegengesetzte mit zu umfassen. Dann ist das Leben schön. Und man kann die Wahrheit nur erkennen, wenn man fähig dazu geworden ist, die Gegensätze in sich ergänzende Komplementaritäten zu transformieren. Nur dann ist das eigene Leben symmetrisch. Dann ist da ein Gleichgewicht – positiv und negativ sind beide in gleicher Weise ausbalanciert. In diesem Balanceakt ist Transzendenz. In dieser Balance erkennt man das Darüber hinaus, man eröffnet sich dem Jenseits. Die Goldene Blume erblüht.

02.01.2006 um 23:59 Uhr

Ko Hsuan 1 (4)

von: tao

Es ist verständlich, daß Ko Hsuan über diese Angelegenheit – ob er etwas aufschreiben sollte oder nicht – zehntausendmal nachdachte und meditierte, denn wenn man den Leuten etwas sagt, werden sie, wenn es dumme Leute sind, es notwendigerweise sehr bald wieder vergessen. Wenn es mittelmäßige Leute sind, werden sie sich nicht darum kümmern, auch nur zuzuhören; es würde sie nicht interessieren. Aber ist das erst einmal aufgeschrieben, dann werden sie es lesen, sie werden es studieren; dann wird es zu einem Teil ihrer Schulen, Seminare und Universitäten werden, und stupide Gelehrte werden darüber brüten und sie werden großartige gelehrte Abhandlungen darüber schreiben. Leute, die nichts wissen, werden jahrhundertelang darüber reden, und die Wahrheit wird in all diesem Lärm, den die Gelehrten machen, verloren gehen – sie werden argumentieren, dafür und dagegen. Man sagt, daß einst ein Schüler des Teufels zu ihm gerannt kam und sagte: "Was tust du da, wie du hier unter diesem Baum sitzt ? Hast du nicht gehört ? -- Ein Mensch hat die Wahrheit gefunden ! Wir müssen etwas tun, und zwar dringend, denn wenn dieser Mensch die Wahrheit gefunden hat, ist unsere ganze Existenz in Gefahr, unsere eigentliche Profession ist gefährdet. Er kann unsere tiefsten Wurzeln abschneiden !" Der alte Teufel lachte. Er sagte: "Beruhige dich bitte. Du bist neu, darum läßt du dich davon so beunruhigen. Mach dir keine Sorgen. Ich habe schon meine Leute, sie haben schon ihre Arbeit begonnen." Der Schüler frage: "Aber ich habe keinen einzigen unserer Leute dort gesehen." Der Teufel sagte: "Ich arbeite auf viele Weisen. Wissenschaftler sind da, Gelehrte sind da, Philosophen sind da, Theologen sind da. Keine Sorge, sie werden soviel Lärm dafür und dagegen machen, sie werden soviel Argumentation erzeugen, daß die stille kleine Stimme der Wahrheit von ihnen zum Schweigen gebracht werden wird. Wir brauchen uns da keine Sorgen machen. Diese Gelehrten und Wissenschaftler und diese Professoren sind meine Leute: Ich arbeite durch sie – sie stehen in meinem Dienst, sie sind meine Geheimagenten. Sei unbesorgt. Du hast vielleicht nicht meine wohlbekannten Schüler dort gesehen, denn ich kann nicht direkt hingehen, ich muß in Verkleidung gehen. Und ich bin dort schon angekommen und meine Leute haben mit ihrer Arbeit begonnen – sie haben diese Person schon umzingelt. Er kann keinerlei Schaden mehr anrichten. Und bald wird er tot sein – er ist alt – und dann werden meine Leute seine Apostel sein, seine Priester, und sie werden die ganze Angelegenheit managen." Priester stehen im Dienst des Teufels, nicht im Dienste Gottes. Die sogenannten großen Gelehrten, die immer weiter machen mit haarspalterischen und logisch sezierenden Argumenten, stehen im Dienst des Teufels, nicht im Dienste Gottes. Schreibt man erst einmal etwas auf, gibt man damit diesen Leuten ihre Chance; sie werden sich auf diese Gelegenheit stürzen, sie werden die Gelegenheit sich nicht entgehen lassen. Sie werden die ganze Sache aufmischen, sie werden darum herum eine großartige Konfusion erschaffen. Das ist ihre Sachkenntnis.

01.01.2006 um 23:59 Uhr

Tao Te King 1 (11)

von: tao

Morgen, wenn ich wieder einmal voll Wut bin, werde ich zu mir sagen: "Ich bin ein liebender Mensch, ich sollte nicht wütend sein." Ich werde also meine Wut unterdrücken. Wenn nun Wut innerlich hochkommt und sie wird unterdrückt, dann wird die Liebe falsch und hohl sein, die unter diesen Bedingungen zum Ausdruck kommt.

Wer als Liebender nicht fähig dazu ist, wütend zu sein, wird auch unfähig zur Liebe. Wenn mir meine Geliebte so wenig vertraut ist, daß ich wütend auf sie sein kann, dann kann ich ihr niemals so nahe sein, um sie lieben zu können. Aber ich habe ihr doch meine Liebe gestanden, was soll ich dann mit der Wut anfangen, die in mir brennt ? Ich werde mich im Vortäuschen üben müssen. Entweder sollte ich meinen Ärger hinunterschlucken oder ihn verbergen und Liebe vortäuschen. Aber diese Liebe wird falsch sein; der Ärger in mir ist der wahre Zustand, der in mir herrscht. Das wirkliche Gefühl wird im Inneren unterdrückt und das falsche Gefühl wird an der Oberfläche hinzugefügt werden. Dann werde ich ein falsches, unwahres Objekt sein und ich werde kein Individuum mehr sein. Aber diese unterdrückte Wut wird ihre Rache nehmen. Sie wird Tag für Tag von innen her Druck ausüben. Sie wird mit allen Mitteln versuchen, herauszukommen. Natürlich wird sich dann Haß aufbauen gegenüber derjenigen, die ich geliebt habe. Dann werde ich mit allen Mitteln versuchen, mich vor derjenigen zu flüchten, ihr auszuweichen und mich von ihr fernzuhalten, die ich einst geliebt habe !

Lao-tse sagt: "Der Mensch hat sich geirrt, indem er Namen gab." Als ich meine Liebe jemandem eingestand, verstand ich da wirklich, was es heißt, ein Liebender zu sein, die Bedeutung und die Implikationen ? Ich gab einem momentanen Gefühl einen permanenten Namen. Hätte ich wirklich in mich hineingeschaut, würde ich vielleicht nicht dieses Statement von mir gegeben haben. Ich hätte vielleicht geschwiegen. Es war ein Fehler, daß ich gesprochen habe.

Der amerikanische Präsident Coolidge pflegte sehr wenig zu sprechen. Es hat niemals einen Politiker gegeben, der so mit den Worten sparte. Ein Jahr, bevor er starb, fragte ihn ein Freund nach dem Grund, warum er so wenig sprach. Coolidge sagte: "Ich habe niemals wegen dem zu leiden gehabt, was ich nicht sagte, aber das, was ich jemals sagte, bereute ich mein ganzes Leben lang. Die Erfahrung hat mich gelehrt, so wenig wie möglich zu sprechen. Hätte ich es früher schon gelernt, hätte ich überhaupt nichts gesagt !" Vielleicht denken wir jetzt, Coolidge hat vielleicht jemanden beleidigt und dafür zu leiden gehabt. Das ist nun einmal das offensichtliche Ergebnis, das herauskommt, wenn man jemanden beschimpft. Aber wenn wir zu jemandem sagen: "Ich liebe dich", auch dann haben wir die Konsequenzen zu erleiden, die sich daraus ergeben !