Taoistische Reflektionen

08.02.2006 um 23:59 Uhr

Goldene Blüte 8/33-35 (3)

von: tao

Das Leben, das wir leben, ist nicht einmal ein Leben, das kann es nicht sein. Wie kann es Leben sein, wenn da kein Licht in uns ist ? Wenn kann es Leben sein, wenn da keine Liebe in uns ist ? Wie kann es Leben sein, wenn wir mechanisch funktionieren ? Nur mit Bewußtheit kommt das Leben zu uns – nicht mit der Geburt, sondern mittels Bewußtsein. Nur mit einem meditativen Bewußtsein fangen wir an, das Leben zu leben. Andere machen sich etwas vor; wirklich leben tun sie nicht. Sie tun vielleicht tausend Sachen. Immerzu machen sie etwas; bis ganz zuletzt sind sie immer am Tun und Machen; Reichtum anhäufen, zu Macht kommen, sich diesen Ehrgeiz und jene Sehnsucht erfüllen. Sie machen immer weiter, aber trotzdem ist das Endergebnis, die Endsumme ihrer Leben Null.

Nachdem er den sechzig Jahre alten Rodeo-Champion in Austin, Texas, interviewt hatte, bemerkte der Zeitungsmann aus New York: "Du bist wirklich ein außergewöhnlicher Mann, daß du in deinem Alter noch ein Rodeo-Champion bist."

"Quatsch", sagte der Cowboy, "ich bin ein nicht annähernd so außergewöhnlicher Mann wie es mein Papa ist. Der steht immer noch auf dem Fußballplatz und kickt für ein Fußballteam und er ist sechsundachtzig."

"Beeindruckend !" schnappt der Journalist nach Luft, "ich würde gerne deinen Vater treffen."

"Das geht jetzt gerade nicht. Er ist in El Paso und setzt sich für Opa ein. Opa wird morgen heiraten. Er ist einhundertvierzehn."

"Deine Familie ist einfach unglaublich," sagte der Zeitungsmann. "Hier bist du, ein Rodeo-Champion mit sechzig. Dein Vater ist ein Fußballspieler mit sechsundachtzig. Und dein Opa möchte heiraten mit einhundertvierzehn."

"Verdammt, Mister, das hast du falsch verstanden", sagte der Texaner. "Opa möchte gar nicht heiraten. Er muß."

So geht das Leben immer weiter bis ganz zum Ende. Das ist nicht wirkliches Leben. Wir sind bloß ein Opfer – ein Opfer unserer unbewußten Instinkte, ein Opfer der Biologie, ein Opfer der Physiologie, ein Opfer der Natur. Das ist die Bindung. Von all diesem Unbewußten frei zu sein ist die Befreiung. Frei zu sein von der Knechtschaft an unsere Körperchemie, frei zu sein von der Anbindung an das Programm, das die Natur in unsere Körperzellen einprogrammiert hat, frei zu sein von allem, was unbewußt in uns ist, eigenständig zu sein, ein bewußtes Licht zu sein – das ist der Beginn des wirklichen Lebens. Unser Alter zählt nur von dem Moment an, wo wir damit beginnen, bewußt zu leben, ganz wach und meditativ.

07.02.2006 um 14:11 Uhr

Tao 106

von: tao

Sinnlich sein bedeutet, für die Mysterien des Lebens zugänglich zu sein. Je sinnlicher werden und je mehr wir alle Verurteilungen fallen lassen, desto mehr wird unser Körper bloß ein Tor. Wenn all unsere Sinne offene Türen sind, ohne Behinderungen, dann werden wir die Musik, wenn wir Musik hören, und wenn wir Licht sehen, werden wir das Licht, und wenn wir etwas berühren, werden wir zu dem, was wir berührt haben.

Göttlichkeit kommt immer als ein Liebender. Göttlichkeit ist die unmittelbare und die letztendliche Geliebte. Und wenn wir Göttlichkeit auf irgendeine andere Weise kennen, dann ist dieser Gott unsere Schöpfung, wir haben ihn uns ausgedacht, es ist nicht die wahre Transzendenz.

Und weil Religionen entstanden um unwahre Götter herum, sind sie nicht imstande gewesen, der Menschheit zu helfen, liebevoller zu werden. Im Gegenteil, sie haben die ganze Welt mit Haß erfüllt, und mit Gewalt. Die wahre Religion kann sich Gott nur vorstellen als die Geliebte.

Selbst wenn wir schon auf der richtigen Spur sind, wird uns unsere Vergangenheit zurückziehen: Die Priester, die Eltern, die Konditionierungen in unserem Denken, sie alle werden uns ein- und zurückholen. Nur wenn wir uns davor hüten und all dies loslassen, können wir unserer Sensitivität vertrauen, sie dadurch wachsen lassen zu einem orgasmischen Offensein. Dies ist das Tor zu Tao. Wenn wir dem vertrauen, können wir Hals über Kopf mit ihm gehen.

Einst hielt ein Mann eine Rede in einem Rotary Club über das Thema Journalismus und Journalisten. Es ist eines der Grundsätze der Rotarier, daß sie nicht fluchen oder Schimpfworte benutzen dürfen. Aber der Redner, der selbst kein Rotarier war, wußte dies nicht, und seinen Vortrag hielt er in einer Umgangssprache, die er in dieser speziellen Aula vor dieser speziellen Zuhörerschaft nicht hätte verwenden sollen.

Am Ende des Meetings näherte sich ein ortsansässiger Geistlicher aus der Zuhörerschaft dem Sprecher und putzte ihn herunter dafür, daß er sich derart vulgär ausgedrückt hatte. Der Sprecher entschuldigte sich in aller Form dafür und der Geistliche ließ sich noch weiter darüber aus, wie scharf die Rotarier, ganz zu schweigen von der Kirche, anstößige Worte und vulgäre Ausdrucksweise mißbilligen würden.. Dann entfernte er sich wieder.

Er ging zehn Meter den Korridor hinunter, drehte sich dann um und ging dann wieder auf den Redner zu.

"Ganz unter uns", sagte er, "außerhalb des Protokolls und unter vier Augen, wann immer Sie einen Journalisten einen Hundesohn nennen wollen, ist das für mich persönlich in Ordnung."

Offiziell bedeutet "gut" einfach gut. Im Klartext bedeutet "gut" aber meist: "Nerv mich nicht mit deinem Unsinn".

06.02.2006 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 3/8 (3)

von: tao

Nach und nach erzeugen wir eine falsche, eine Pseudo-Realität unserer eigenen Erfindung – fabriziert im Denken, hergestellt nach unserem Wunsch – und dann beginnen wir damit, darin zu leben. Der Taoismus sagt, um in der Wirklichkeit zu sein, muß ein Mensch aus seinem Denken herauskommen, ein Mensch muß ein Nicht-Denken werden. Um in der Realität zu sein, muß ein Mensch sich aus der Vergangenheit entwurzeln, er muß die Vergangenheit vergessen. Um das zu erinnern, was ist, müssen die Augen komplett entwölkt von der Vergangenheit sein – nur dann können wir in die Wirklichkeit sehen. Augen, die bewölkt von der Vergangenheit sind, sind Augen, die blind sind. Wir sind nicht wirklich blind, wir sind bloß umwölkt von der Vergangenheit. Wir können nicht unmittelbar sehen, weil soviele Schleier unsere Augen bedecken. Diese Schleier sind von der Vergangenheit geschaffen worden. Ein Mann hat uns gestern beleidigt und heute treffen wir ihn zufällig auf der Straße. Die Vergangenheit steigt auf. Ein Schleier fällt über unsere Augen. Dies ist derselbe Mann, der uns beleidigt hat. Wir müssen uns rächen. Wir müssen es ihm in gleicher Münze zurückzahlen – wie du mir, so ich dir. Schon beginnen wir wütend zu werden, wir steigern uns in Zorn hinein. Jetzt sind wir dabei, diesen Menschen zu verpassen. Es ist möglich, daß dieser Mensch nicht mehr derselbe Mensch ist, der er war; tatsächlich kann er nicht mehr derselbe Mensch sein. Es tut ihm vielleicht schon leid, er hat vielleicht die ganze Nacht lang darüber gegrübelt, vielleicht hat er sich entschlossen, uns aufzusuchen und sich bei uns zu entschuldigen, mag sein, es reut ihn und er kommt gerade auf uns zu, um sich zu entschuldigen. Aber das können wir nicht sehen. Unsere Augen sind umwölkt von Ärger und unser Zorn färbt die Realität. Sogar wenn dieser Mann den Versuch unternimmt, sich zu entschuldigen, werden wir denken, daß er bestimmt nur versucht, uns zu täuschen, oder daß er Angst vor unserer Vergeltung bekommen hat, oder daß er ein hinterlistiger Mensch ist – gib acht,er versucht doch nur, uns auszutricksen, uns etwas vorzumachen. Jetzt versucht er mal wieder auf gut Freund zu machen, aber eines Tages wird er uns wieder Probleme machen. All diese Gedanken werden uns durch den Kopf schießen und wir werden nicht sehen können, was er ist, wir werden die Realität verpassen. Und wenn der dann all diese Wolken auf unserem Gesicht sieht, dann ist es höchstwahrscheinlich, daß er, obwohl er gekommen war, um sich zu entschuldigen, er sich vielleicht jetzt doch nicht entschuldigen wird. Wenn er sieht, daß wir so wütend sind und daß wir ihn nicht verstehen werden, dann wird er es vielleicht sich doch wieder anders überlegen. Wir beeinflussen uns gegenseitig. Und dann, wenn er sich wieder anders entschieden hat, sind unsere Überlegungen dadurch bestätigt worden, sie sind sogar noch verstärkt worden. Auf diese Weise spielen sich unsere Interaktionen ab.

05.02.2006 um 21:15 Uhr

Quellender Urgrund 1/6 (1)

von: tao

Tao ist nicht rational. Es ist aber auch nicht anti-rational. Es ist überrational, es ist suprarational. Das Leben ist mehr als Vernunft. Das Leben ist mehr als vom Denken verstanden werden kann. Das Leben hat uns mehr zu geben als wir lernen können. Es ist größer als unsere Lernfähigkeit. Es ist größer als wir jemals kennen lernen können, aber es kann gefühlt werden. Tao ist intuitiv. Tao ist total, ganzheitlich. Wenn wir uns dem Leben durch den Kopf nähern, und nur über den Kopf, ist es eine Teil-Annäherung, das Mißverständnis ist vorprogrammiert. Ein Mensch, der versucht, es herauszufinden, muß zwangsläufig in eine gewaltige Falle geraten und wird so leicht nicht wieder da herauskommen. Fangen wir erst einmal an, das Leben zu intellektualisieren, sind wir schon dabei, vom Wege abzukommen. Das Leben muß gelebt werden. Das Leben muß existentiell gelebt werden und nicht intellektuell. Der Intellekt ist keine Brücke, sondern eine Barriere. Wenn wir das verstanden haben, dann ist diese Parabel von großer Bedeutung. Deswegen ist es gut, sehr langsam in sie hineinzugehen mit dem Versuch, jeden einzelnen Satz, jedes Wort tatsächlich zu verstehen. Das konfuzianische Vorgehen ist eine mentales Herangehen. Die taoistische Herangehensweise ist eine Annäherung des Nicht-Denkens. Konfuzius denkt über das Leben nach. Lao-tse, Dschuang Dsi und Liä Dsi denken nicht über das Leben nach, denn sie sagen: Man kann immer weiter nachdenken und über alles grübeln, und man wird immer rundherum gehen und wird niemals zum Zentrum gelangen. Über und herum ist nicht der Weg. Geh direkt, sei unmittelbar. Sehe das Leben, nimm es wahr, und denke nicht darüber nach. Die Speisekarte ist nicht das Essen. Wir können immerzu die Speisekarte studieren – das wird nicht helfen. Wir werden essen müssen, wir werden hinunterschlucken müssen, wir werden verdauen müssen, wir werden mit unserem Essen existentiell verbunden sein müssen, wir werden es in unser Wesen absorbieren müssen, wir werden es zu einem Teil unseres Seins machen müssen. Bloß die Speisekarte zu studieren oder das Kochbuch wird nichts bringen. Der Gelehrte studiert immer weiter die Speisekarte: Je hungriger er wird, desto mehr studiert er die Speisekarte; und natürlich bleibt der Gelehrte im Leben einer der hungrigsten Menschen. Er hat niemals gelebt, er hat niemals geliebt, er hat niemals irgendein Risiko auf sich genommen, er hat sich nie von der Stelle bewegt, niemals getanzt, niemals gefeiert; er ist bloß da gesessen und hat darüber nachgedacht. Der Gelehrte hat beschlossen, daß er zuerst intellektuell verstehen muß, dann erst wird er sich in Bewegung setzen. Das ist nun keine Art und Weise, sich zu bewegen. Zuerst müssen wir uns bewegen und dann kommt das Verstehen. Wie können wir über Tao nachdenken ? Was werden wir dabei denken ? Es ist eine innere Erfahrung, es ist etwas vom inneren Raum, es ist ein Kontakt im Innern, niemand kann es beobachten.

04.02.2006 um 23:02 Uhr

Tao Te King 16 (1)

von: tao

"Erreiche das Äußerste in Passivität,

Halte fest zur Basis der Ruhe.

Die zahllosen Dinge nehmen Form an und wachsen in die Aktivität,

Aber ich schaue ihnen zu, wie sie wieder zurückfallen in ihre Ruheposition,

Wie Vegetation, die üppig wächst,

Aber wiederkehrt zurück zu der Wurzel in der Erde, von der sie entspringt.

Rückkehr zur Wurzel ist Ruhe;

Es wird genannt Zurückgehen zur eigenen Bestimmung.

Zurückgehen zur eigenen Bestimmung heißt das Ewige Gesetz finden,

Das ewige Gesetz zu erkennen ist Erleuchtung.

Und das Ewige Gesetz nicht zu kennen

heißt Desaster heraufzubeschwören."

Tod ist Bestimmung.

Das muß so sein, denn er ist der Ursprung –

wir kommen vom Tod und wir gehen zum Tod.

Das Leben ist bloß ein Moment zwischen zwei Nichts,

bloß ein Flug eines Vogels zwischen zwei Zuständen des Nicht-Seins.

Wenn Tod Bestimmung ist, wie er es ist,

dann wird das ganze Leben eine Vorbereitung, ein Training dafür –

eine Disziplin darin, wie man richtig stirbt

und wie man total und völlig stirbt.

Das ganze Leben besteht darin, zu lernen, wie man stirbt.

Aber irgendwie hat eine falsche Vorstellung vom Tod

sich in die Menschheit eingeschlichen,

die Vorstellung, daß der Tod der Feind ist.

Dies ist die Grundlage aller falschen Vorstellungen, und dies ist die Basis,

von der aus die Menschheit in die Irre geht, weg vom ewigen Gesetz, vom Tao.

03.02.2006 um 21:41 Uhr

Quellender Urgrund 1/6

von: tao

"Als der Waldmensch Lin Lei fast schon hundert Jahre alt war, zog er sich seinen Pelzmantel mitten im Frühling an und zog los, um die Ähren aufzusammeln, die die Schnitter bei der Ernte fallengelassen hatten. Er sang, während er sich seinen Weg durch die Felder bahnte. Konfuzius, der auf einer Reise nach Wei war, sah ihn aus der Entfernung. Indem er sich an seine Schüler wandte, sagte er: "Dieser alte Mann sollte es wert sein, daß man mit ihm redet. Jemand sollte hingehen und herausfinden, was er zu sagen hat." Dsi Gung bat darum, gehen zu dürfen. Er holte Lin Lei am Ende der Ackerfurche ein und seufzte, während er ihm ins Gesicht sah: "Fühlst du denn nicht mal ein bißchen Reue ? Und doch hebst du die Ähren auf und singst, während du so umhergehst."

Lin Lei hielt weder inne im Gehen noch unterbrach er sich in seinem Lied. Dsi Gung drang weiter auf ihn ein, bis er aufblickte und antwortete: "Was sollte mir denn leid tun ?"

"Als ein Kind lerntest du niemals, wie man sich benehmen soll; als ein Mann hast du niemals danach gestrebt, den an dich gestellten Erwartungen gerecht zu werden, keine Frau und kein Sohn in deinem Alter, und die Zeit deines Todes ist nahe. Meister, was für ein Glück hast du gehabt, daß du singen solltest, während du umhergehst, um die Ähren aufzusammeln ?"

""Die Gründe für mein Glücklichsein teile ich mit allen Menschen," sagte Lin Lei lächelnd, "aber stattdessen machen sie sich Sorgen darüber. Es ist deswegen, weil ich mir keine Mühe gab, es zu lernen, mich zu benehmen, als ich jung war, und als Heranwachsender niemals danach strebte, meinen Pflichten nachzukommen, daß imstande gewesen bin, so lange zu leben. Es ist deswegen, weil ich keine Frau und keine Söhne habe in meinem hohen Alter und die Zeit meines Todes nahe ist, daß ich so glücklich sein kann."

Dsi Gung sprach: "Es ist menschlich, ein langes Leben zu wollen und den Tod zu hassen – warum solltest du glücklich sein, daß du sterben wirst ?"

Lin Lei sprach: "Tod ist eine Wiederkehr zu dem, von wo wir ausgingen, als wir geboren wurden. Wie weiß ich also, daß, wenn ich hier sterbe, ich nicht irgendwo anders geboren werden werde ? Wie weiß ich, daß Leben und Tod nicht genau so gut sind ? Wie weiß ich, daß es nicht eine Verblendung ist, sich angstvoll nach Leben zu sehnen ? Wie weiß ich, daß der Tod jetzt nicht besser wäre als mein vergangenes Leben ?" Dsi Gung hörte ihm zu, aber verstand nicht, was er meinte. Er kehrte um und erzählte es Konfuzius. "Ich wußte, er würde es wert sein, daß man mit ihm redet", sagte Konfuzius, "und so war es, aber er ist ein Mann, der es zwar gefunden hat, aber doch nicht alles davon herausgefunden hat.""

02.02.2006 um 23:53 Uhr

Tao 105

von: tao

Das Nein muß zuerst kommen, nur dann kann das Ja kommen. Um wirklich ein Theist zu sein, muß man zuerst durch den Prozeß des Atheismus gehen. Um wirklich an Gott glauben zu können, muß man zuerst durch die dunkle Nacht des Zweifels gehen – nur dann die Morgendämmerung. Es gibt keine andere Alternative.

Es ist also gut, wenn das Nein entsteht. Wir sind dann zum ersten Mal in unserem Leben wahr, lassen es geschehen, und das Ja wird genau so folgen, wie der Tag der Nacht folgt.

Aber uns ist dieser Schaden zugefügt worden – und das im Namen großartiger Dinge: Gott, Gebet, Vaterland, Liebe, Religion, Kirche, Jesus, Buddha, Krishna. Im Namen dieser großartigen Sachen ist uns viel Unheil angetan worden, wir sind manipuliert worden. Und was ist das Ergebnis ? Wir sind zu einem Plastik-Phänomen geworden, wir haben nicht diese Aufrichtigkeit, die einen Menschen wirklich religiös machen kann.

Ein Mensch, der nicht Nein zu Gott gesagt hat, wird niemals imstande sein, Ja zu sagen, oder wenn er es sagt, wird sein Ja zwecklos sein.

Die sogenannte Religion ist das, was Gregory Bateson "double bind" nennt: Es wird einem aufgetragen, zwei Dinge zu tun, die sich gegenseitig ausschließen: Ehrlich zu sein und zu glauben. Wie können wir aufrichtig sein, wenn uns gesagt wird, wir müssen glauben. Glauben bedeutet, unaufrichtig zu sein. Zu glauben heißt, an etwas zu glauben, das wir nicht wissen, bei dem unser ganzes Herz sagt: "Nein, ich weiß das nicht. Wie kann ich es glauben ?" Glaube ist Unehrlichkeit, und uns ist immer gesagt worden, ehrlich zu sein und zu glauben – dies erzeugt ein Double-Bind, ein paradoxes Gebundensein, in uns.

Unsere Religion, die sogenannte Religion, basiert auf Unaufrichtigkeit. Wie kann das religiös sein ? -- schon der Anfang ist vergiftet, schon die Quelle ist schlecht geworden. Keinem Kind sollte Religion gelehrt werden. Jedem Kind sollte Nachforschen, Zweifeln, Logik und vernünftiges Denken beigebracht werden.

Und warum haben wir solche Angst vor Logik, Zweifel, Vernunft und Verstand ? Denn wenn ein Kind wirklich tief in den Zweifel hineingeht, wird es von selbst die Zwecklosigkeit dieser Vorgehensweise feststellen. Und aus dieser Feststellung heraus entsteht Vertrauen, und dann hat dieses Vertrauen Schönheit und Größe.

Wenn ein Kind bis ganz zu Ende argumentiert, wird es an den Punkt kommen, wo es sehen können wird, daß nun das vernünftige Denken an sein Ende gekommen ist, die Existenz aber immer weiter geht. Die Existenz ist etwas jenseits vernünftiger Argumentation. Aber lassen wir doch jedes Kind es selbst fühlen, aus dem Bauch heraus !

Eine Religion muß, um wahr zu sein, eine Religion aus dem Bauch heraus sein, nicht aus dem Glauben.

01.02.2006 um 23:59 Uhr

Tao Te King 4 (12)

von: tao

Der Kessel, der voll ist, wird geleert, indem man ihn umdreht, und der Kessel, der nur einen Tropfen hat, wird auch dadurch leer gemacht, indem man ihn umdreht. Was die Leersein der beiden Kessel angeht, wird es keine Hierarchie geben. Keiner ist groß oder klein. Beide sind dann – bloß leer.

Aber wenn wir ein Auge auf die Perfektion geworfen haben, dann ist keine Gleichheit möglich, sie ist absolut unmöglich. Und dann werden die Reisewege alle unterschiedlich sein. Man kann auch nicht sagen, wann sie enden werden. Man braucht Zeit dafür und die Religion, die Zeit erfordert, um erreicht zu werden, wird durch Zeit auch schwächer. Es ist bloß natürlich, daß solch eine Religion nicht bedingungslos bleibt, denn diese Religion hat ein Zeitlimit.

Richtig verstanden, wird solch eine Religion ein Zeitprodukt, denn sie wird zeitgemäß entstehen. Dann kann solch eine Religion nicht über die Zeit hinaus gehen, denn das, was durch die Zeit geboren wird, stirbt auch in der Zeit. Das, was seinen einen Pol in der Zeit hat, kann seinen anderen Gegenpol nicht außerhalb der Zeit haben. Leere jedoch kann sofort sein, in genau diesem Moment – jetzt. Es ist falsch, sofort zu sagen. Tatsächlich geschieht Leersein außerhalb von Zeit, wohingegen Vollsein sich innerhalb der Zeit ereignet. In dem Moment, in dem wir leer sind, sind wir außerhalb der Zeit und es braucht keine Zeit, um leer zu werden.

Wenn also irgendjemand zu Lao-tse ginge und sagte: "Ich bin ein sündiger Mensch, ich habe viele Sünden begangen, wie lange wird es dauern, bis ich Befreiung erlange ?", dann würde Lao-tse sagen: "Du kannst hier und jetzt befreit sein." Lao-tse kann dies sagen, denn er weiß, daß wir nicht irgendetwas sein müssen. Wir haben vielmehr sogar das aufzugeben, was wir sind !

Deswegen hat Lao-tse nicht über die Frage nachgedacht, wieviele Jahre und wieviele Leben es dauern wird. Er sagt: "Hier und jetzt." Deswegen ist das Nirvana, über das Lao-tse gesprochen hat, "Plötzliche Erleuchtung". Es kann in eben dieser Minute stattfinden. Es ist also nicht nötig, auch nur eine Minute zu verlieren, aber wenn wir es gar nicht wollen, ist das eine andere Sache. Es gibt keine andere Behinderung außer uns selbst.

Lao-tse sagt: "Es gibt kein anderes Hindernis. Wenn du selbst es nicht wünschst, dann ist es eine andere Angelegenheit. Es gibt keine andere Hinderung. Alles andere sind Ausflüchte." Für das Denken wird es schwierig zu verstehen sein, daß die Verzögerung der Befreiung unsere eigene Ausflucht ist und daß nicht Nirvana zu erreichen auch unsere eigene Findigkeit ist. Keine Sünde hält uns ab. Nur wir selbst sind es, die es gar nicht wollen und daher nach Erklärungen suchen, um es uns wegzudiskutieren und aus der Welt zu reden.