Taoistische Reflektionen

31.03.2006 um 19:55 Uhr

Ko Hsuan 3 (15)

von: tao

Shankara, Berkeley und alle anderen Vertreter dieser Art von Philosophie glauben nicht an ihre eigenen Philosophien, aber trotzdem können sie nicht widerlegt werden. Auf vielerlei Art und Weise hat man es versucht, aber nichts kann sie widerlegen. Berkeley pflegte beispielsweise zu sagen, wenn wir aus dem Zimmer hinausgehen, verschwindet unser Mobiliar in dem Raum, unsere Bücher in dem Zimmer, alles verschwindet, denn da ist niemand mehr, der die Idee projiziert. Offensichtlich, wenn wir den Projektor herausnehmen, wird der Film von der Wand verschwinden, es werden keine Bilder mehr auf der Leinwand sein. Wie kann man das nun beweisen ? Man kann sagen: "Ich kann doch noch durch das Schlüsselloch schauen." Er wird sagen: "Also bist du durch das Schlüsselloch hindurch zurückgekommen. Sie werden wieder verschwinden, denn die Vorstellung ist durch das Schlüsselloch hindurch projiziert worden." Ein Mann arbeitete jahrelang daran, irgendeinen Weg herauszufinden, um ihn zu widerlegen, und immer wieder traf er sich zu diesem Zweck mit Berkeley. Eines Tages kam er mit der Idee: "Nun denke ich, daß du dies nicht leugnen kannst. Wenn du in einem Wagen sitzt, dann siehst du nicht die Räder des Wagens, aber der Wagen bewegt sich doch – die Räder sind also da. Du projizierst sie doch nicht, denn du siehst sie ja nicht, aber der Wagen bewegt sich doch. Die Bewegung des Wagens beweist, daß die Räder da sind." Berkeley sagte: "Du weißt es eben nicht. Das wird dann Gottes Idee sein. Die Welt ist nicht nur mein Gedanke, letztendlich ist sie Gottes Vorstellung, es ist der Traum Gottes. Tatsächlich träumt er uns auch – den Fahrer und den Mitfahrer und den Wagen und die Räder." Es ist unmöglich, solche Philosophien zu widerlegen. Sie sind absurd, aber sie können nicht verneint werden. Buddhas Worte dagegen, die er zu sagen pflegte, sind sehr klar, rational, intelligent, vom Denken erfaßbar. Er sagt nur Dinge, die von jedem intelligenten Menschen verstanden werden können. Das ist der Grund, warum Buddha heutzutage so bedeutend geworden ist – denn seine Herangehensweise scheint so intellektuell zu sein.

"Das Maskuline ist rein..."

Das bedeutet, die niedrigste Form ist der Intellekt, die Intellektualität, und die höchste Form ist die Intelligenz.

"das Feminine ist undurchsichtig."

"Undurchsichtig, getrübt, verworren" bedeutet hier auf der niedrigsten Stufe den Instinkt und auf der höchsten Stufe die Intuition. Die Mystiker, speziell die Sufis, reden in einer ganz anderen Art und Weise. Ihre Worte sind nicht so klar, ihre Worte sind vage. Ihre Worte sind nicht leicht verständlich; man muß erst herausbringen, was ihre exakte Bedeutung ist. Und das ist der Zustand des weiblichen Denkens. Und das ist nicht biologisch gemeint, um gleich diesbezüglichen Kommentaren vorzugreifen, obwohl natürlich die Frau auch biologisch mehr durch den Instinkt funktioniert als durch den Intellekt.

30.03.2006 um 23:59 Uhr

Tao Te King 5 (12)

von: tao

Innen, da ist die Leere. Immer wenn eine großartige Tanzvorstellung stattgefunden hat, ist sie aus dieser Leere heraus entstanden, immer wenn ein großartiges Gedicht erschaffen worden ist, ist es aus diesem Leersein entstanden, immer wenn eine großartige Einsicht erreicht worden ist, dann durch genau diese Leere. Wissenschaft ist von hier geboren worden, so auch Religion und Kunst, aber wir, die wir mit dem Ego gefüllt sind, können dem nirgendwo nahekommen, aus welcher Richtung auch immer, denn wir sind niemals leer. Wir können nie in den offenen Himmel fliegen, denn wir sind so niedergedrückt durch die Steine in uns, die uns am Boden gebunden halten. Lao-tse sagt: "Die Leere ist die vollkommene, unteilbare Energie."

Lao-tse pflegte eine Geschichte zu erzählen. Er sagte immer wieder: "Ich hörte den Namen eines großen Sängers, der jahrelang nicht gesungen hatte. Ich machte mich auf die Suche nach ihm, denn ich war neugierig, wie eine Person berühmt sein konnte, wenn sie seit Jahren kein einziges Lied gesungen hatte. Als ich endlich gefunden hatte, stellte ich fest, er hatte kein Instrument und auch nicht die Mittel zum Singen. Er saß gerade unter einem Baum. Ich fragte ihn: "Mir war gesagt worden, du seist ein ganz großer Sänger, aber ich finde hier nichts, was auf Musik hindeuten könnte." "Darauf erwiderte er: "Die Hilfsmittel waren nötig, solange ich die Musik erzeugen mußte. Nun wird die Musik von selbst erschaffen. Solange die Lieder nicht von selbst kamen, mußte ich sie zu singen. Nun strömen die Lieder von selbst heraus.""

"Aber ich kann sie nicht hören", sagte Lao-tse zu ihm. Der Sänger erwiderte: "Bleib ein wenig hier. Du wirst schon einige Zeit bei mir bleiben müssen und nach und nach wirst du zu hören beginnen." Also blieb Lao-tse bei ihm. Bald begann er die Musik zu hören. Dann ging er zurück. Als seine Schüler ihn fragten: "Hörtest du die Musik ? Wie war es ?", antwortete er: "Es war die Musik der Leere. Da gab es keine Worte – da war die Stille des Leerseins. Heute kann ich euch sagen, daß die Musik, die Worte hat, keine Musik ist, das ist bloß Lärm. Musik ist, wo die Stille der Leere ist."

Es ist uns nicht möglich, uns solche Musik vorzustellen. Wenn wir einem Musikinstrument zuhören und dann denken, daß Musik erzeugt wird, wenn aus diesem Musikinstrument eine Melodie entsteht, liegen wir falsch. Es ist die Lücke, die sich nach jeder Note auftut, die die Musik bildet – die Lücke, der leere Raum zwischen zwei Noten. Wer auf die Töne hört, hört nicht auf die Musik. Er hört nur die Noten. Wer auf den leeren Raum zwischen zwei Noten hört, nur der hört auf die Musik. Je großartiger die musikalische Darbietung, desto mehr hängt dies von den Lücken zwischen den Tönen ab.

29.03.2006 um 23:59 Uhr

Tao 124

von: tao

Ein diszipliniertes Denken braucht keine Kontrolle,

ein diszipliniertes Denken ist absolut frei.

Ein undiszipliniertes Denken benötigt Kontrolle,

denn ein undiszipliniertes Denken

spürt, daß ohne Kontrolle Gefahr besteht.

Ein undiszipliniertes Denken kann sich selbst nicht trauen, daher die Kontrolle.

Zum Beispiel: Wenn wir uns nicht unter Kontrolle haben, könnten wir jemanden umbringen –

in unserer Wut, in unserer Rage können wir zum Mörder werden.

Wir brauchen Kontrolle, denn wir haben Angst vor uns selbst.

Ein Mensch, der versteht,

ein Mensch, der sich selbst und andere versteht, empfindet immer Mitgefühl.

Sogar wenn jemand ein Feind ist, ein Mensch, der versteht,

hat Mitgefühl mit ihm, denn ein Mensch, der versteht,

kann auch den Standpunkt des anderen verstehen.

Er weiß, warum der andere so fühlt, wie er fühlt,

er weiß, warum der andere wütend ist, denn er kennt sein eigenes Selbst,

und indem er das kennt, hat er auch alle anderen kennengelernt.

Er hat Mitgefühl, er versteht, und er folgt seinem Verstehen.

Das kann jetzt mißverstanden werden –

tatsächlich braucht Verstehen nicht befolgt werden.

Dieses Wort "befolgen" gibt die Idee, daß man etwas tun muß:

Erst verstehen wir etwas, dann müssen wir auch etwas tun – es nämlich befolgen.

Nein – wenn wir etwas verstehen, dann regelt sich alles von selbst.

Wir brauchen es nicht zu befolgen. Es beginnt sich zu ereignen.

Daher ist es fundamental, den Unterschied zwischen Kontrolle und Disziplin zu verstehen.

Kontrolle ist Falschgeld, von der Gesellschaft erfunden

als ein Ersatz für Disziplin.

28.03.2006 um 15:35 Uhr

Tao 93 (8)

von: tao

Ist man erst einmal ein Buddha geworden

kennt man die Buddhaschaft der ganzen Existenz.

Dann begegnen wir niemals mehr irgendetwas, das nicht Teil der Buddhaschaft, der Erleuchtung ist.

Wir schauen auf einen Stein

und wir sehen einen Buddha dort verborgen.

Im größten Sünder

sehen wir die Erfüllung der größten Heiligkeit.

Im größten Bösen

sehen wir das Gute sprießen.

Sind wir erst einmal achtsam, wach, erleuchtet,

ändert sich die Qualität der ganzen Existenz für uns.

"Der Meister muß sich auf ewig verbeugen

zu Füßen des Schülers..."

Normalerweise verneigt sich der Schüler zu Füßen des Meisters –

aber das ist in der sichtbaren Welt

die mit den Augen gesehen werden kann;

in der unsichtbaren

verbeugt sich der Meister zu Füßen des Schülers.

Als Jesus seine Schüler verließ,

in der letzten Nacht,

als er gefangen genommen wurde –

und am nächsten Tag wurde er ermordet –

neigte er sich und berührte die Füße all seiner Apostel;

sogar die Füße von Judas wusch und küßte er.

Und sie alle waren erstaunt: Dies war noch nie vorgekommen,

was tut er denn da ?

Er verneigte sich vor den zukünftigen Buddhas.

27.03.2006 um 23:20 Uhr

Tao 123

von: tao

Auf dem negativen Pfad darf nichts erlaubt sein. Zu allem muß Nein gesagt werden: Nein zu Methoden, Nein zu Gurus, Nein zu Schriften; Nein zu allem. Nein ist die Methode. Alle Methoden zu verneinen ist die Methode des Weges, der via negativa genannt wird. Kein Guru ist nötig – aber sogar um das zu sagen, ist ein Guru nötig. Beispielsweise hatte Krishnamurti dies kontinuierlich über fünfzig Jahre lang gesagt. Tatsächlich hat niemand so hart daran gearbeitet, wie er es getan hat. Selbst in seinem hohen Alter raste er von einer Stadt in die andere, reiste von einem Land in das andere, um die ganze Welt, um den Leuten zu erzählen, daß ein Guru nicht nötig ist. Warum kümmerte er sich überhaupt darum ? Wenn die Leute so dumm sind, daß selbst das ihnen gesagt werden muß, was ist dann erst mit anderen Dingen ? Sogar um sie darauf aufmerksam zu machen, daß ein Guru nicht nötig ist, sogar dafür ist ein Guru nötig. Um ihnen zu erzählen, daß Methoden nicht nötig sind, daß Techniken nicht nötig sind, ist jemand nötig, der ihnen das erzählt. Die Leute sind so unbewußt. Sie müssen angeleitet werden. Sogar auf dem negativen Weg werden sie nicht selbständig vorangehen. Krishnamurtis Anhänger glauben nicht an irgendwelche Techniken, sie glauben nicht, daß irgendjemand ein Guru für jemanden anderen sein kann und sie glauben nicht an irgendwelche Meditationsmethoden. Schön und gut. Doch hätten sie dies entdecken können, ohne daß Krishnamurti ihnen dies erzählt hätte ? Es wäre wohl schwierig für sie gewesen, darauf von selbst zu kommen. Was hat ihr Glauben dann für einen Sinn ? Sogar um darauf zu kommen, war jemand nötig, ein Guru war nötig. Was ist ein Guru ? Wir sind unbewußt, also ist jemand nötig, um uns aufmerksam zu machen – das ist alles, was einen Guru ausmacht. Wir schlafen so fest, daß wir den Weckalarm brauchen, das ist alles. Wenn wir von selbst aufwachen können, gut -–aber das ist wohl so gut wie noch nie passiert. Krishnamurti war die reinste Äußerung des negativen Weges – so rein wie Lao-tse, so rein wie Ashtavakra. Ein sehr klare Position, aber so klare Statements werden sehr schwierig, denn wir können sie nicht verstehen; sie sind so weit weg. Wir können sie nur mißverstehen. So ist auch Krishnamurti mißverstanden worden. Er war der am meisten mißverstandene Mensch. Niemand verstand ihn, nicht einmal diejenigen, die sagten, daß sie ihm nachfolgen. Auch sie können ihn nicht verstehen, denn er sagte: "Keine Nachfolge ist erlaubt. Ihr sollt keine Nachahmer werden." Und sie wurden zu Imitatoren. Er sagte: "Ihr könnt nicht von mir lernen." Und sie haben von ihm gelernt. Deshalb schlug er sich auch manchmal selbst an den Kopf... Immer wieder stellten die Leute dieselbe Frage. Er sagte eine Stunde lang ständig, daß es keine Methode gibt, und dann steht ein Herr auf, ein sehr alter Herr, der ihm vielleicht schon vierzig Jahre lang zugehört hatte und so alt war wie Krishnamurti selbst, und der ständig genickt hatte: "Du hast recht, das ist richtig", der steht dann auf und fragt: "Wie kann man das erreichen ?" Wie ? Natürlich wurde er dann sehr heftig. Eine Stunde lang hatte er ihnen gesagt, daß es keine Methode gibt, und nun fragen sie wieder nach dem Wie. "Wie" bedeutet, daß man nach der Methode fragt; "Wie" bedeutet Methode.

26.03.2006 um 15:05 Uhr

Tao 122

von: tao

Lao-tse war gegen alle Deklarationen. Er sagte: "Ein Mensch des Tao beansprucht nichts für sich." Aber nichts zu sagen, ist auch eine Proklamation. Was immer ein Mensch tut, eine Demonstration ist notwendigerweise damit verbunden. Wenn nun Leute glauben, daß derjenige, welcher für sich selbst keinen Anspruch erhebt, ein Heiliger ist, dann wird es ganz leicht für eine Person, die sich wünscht, ein Heiliger genannt zu werden. Er darf eben bloß keine Ansprüche erheben, nichts für sich reklamieren.

Buddha und Lao-tse machten Gebrauch von der negativen Ausdrucksweise. Aber bald wurde es offenbar, sowohl in Indien wie auch in China, daß die Wege des Ego sehr eigenartig und mysteriös sind. Das Ego hat auch damit keine Schwierigkeiten. Wenn jemand daherkommt und sagt: "Der So-und-So sagt, er ist Gott", dann kann man ihm erwidern: "Dann ist er kein Heiliger, denn ein Heiliger erhebt für sich selbst keine solchen Behauptungen. Schau mich doch an. Ich erhebe keinen solchen Anspruch." Das ist dann auch eine Proklamation, sogar wenn sie negativ ist.

Meher Baba sagte, er sei der Avatar. Dies ist eine positive Deklaration. Krishnamurti sagte, er sei nicht Gott. Dies ist eine negative Deklaration. Beides sind in gleicher Weise Deklarationen. Es ist schwierig, sich davon fernzuhalten. Wie kann man dem entgehen ? Ob wir etwas tun oder ob wir etwas nicht tun, jede unsere Handlungen ist eine Äußerung. Wie können wir unseren Statements entkommen ? Wenn wir still sind, auch dann geben wir damit eine Erklärung ab.

Ein Freund nahm Bernard Shaw mit ins Theater, damit er sich eine Vorstellung ansehe. Shaw wollte nicht gehen, aber der Freund bestand darauf, also ging er mit. Er schlief während der ganzen Vorstellung. Der Freund war sehr aufgebracht. Mit großen Schwierigkeiten hatte er ihn überredet, mitzukommen und nun schlief er fest. Als das Stück zu Ende war, sagte Shaw: "Es war eine nette Vorstellung." Der Freund erwiderte: "Du hast doch gar kein Recht, irgendein Statement über die Vorstellung abzugeben. Du hast doch die ganze Zeit geschlafen."

Shaw sagte: "Mein Schlaf ist meine Beurteilung. Ich sage, die Vorstellung war gut, denn ich habe gut geschlafen."

Buddha und Lao-tse machten eine sehr signifikante Anstrengung, aber sie war nicht erfolgreich, denn der Mensch kann Mittel der Täuschung für jegliche Richtung erzeugen. Diejenigen, die für sich selbst beanspruchten, Gott zu sein, führen die Leute in die Irre, aber, nach Buddha, taten seine Bikkhus das gleiche, trotzdem er keine Proklamationen machte. Täuschung ist aus jeder Richtung möglich; es gibt keinen Weg, das zu vermeiden.

25.03.2006 um 15:37 Uhr

Ko Hsuan 3 (14)

von: tao

Niemand ist in der Lage gewesen, schlüssig zu beweisen, daß die Welt existiert; es gibt keinen Weg, dies zu beweisen. Es könnte alles illusorisch sein.

Wenn ihr zum Beispiel dies gerade lest, wie könnt ihr beweisen, daß ihr nicht träumt ? Wir träumen doch so oft.

In der westlichen Philosophie war Berkeley der Mann, der diese Philosophie repräsentierte. Er sagte, die ganze Welt ist unsere Idee, sie ist bloß eine Vorstellung. Sie existiert in unserem Denken; sie existiert nicht wirklich. Sie ist genau wie ein Traumphänomen. Sie ist aus demselben Stoff gemacht, aus dem die Träume gemacht sind.

Berkeley ging einst mit seinem Freund Dr. Johnson am Morgen spazieren. Als Berkeley ihm sagte, daß diese ganze Welt bloß ein Gedanke ist, daß sie nicht wirklich existiert, regte sich Johnson so darüber auf – er war so aufgebracht, weil er es anders nicht beweisen konnte – daß er einfach einen großen Stein aufhob und ihn auf Berkeleys Fuß warf. Berkeley schrie auf vor Schmerzen, er brüllte und sein Fuß begann heftig zu bluten. Und Johnson sagte: "Na, was sagst du jetzt ?" Und Berkeley lachte und sagte: "Dies ist alles bloß eine Vorstellung ! Mein Geschrei, dein Steinewerfen, sogar du, Dr. Johnson, alles ist bloß meine Idee. Ich bin dein Gedanke, du bist mein Gedanke. Wir sind alle Vorstellungen. Dein Stein kann nicht beweisen, daß es Wirklichkeit ist, denn manchmal habe ich auch schon in meinem Traum geschrien. Manchmal sind auch schon in meinem Traum Steine auf mich geworfen worden, und auch in meinem Traum habe ich schon geblutet. Also was ? Was ist der Unterschied ?" Es ist unmöglich, solch eine Philosophie zu entkräften. Shankara in Indien repräsentiert diese Art von Philosophie und Berkeley repräsentiert sie im Westen; sie beide bleiben bis jetzt unwiderlegt. Niemand glaubt ihnen. Sie selbst glaubten wahrscheinlich nicht daran, ansonsten würden sie aufgehört haben zu essen, Sex zu haben und zu schlafen, denn wenn das alles Träumerei ist, warum sich dann noch darum kümmern ? Berkeley hatte weiterhin Sex und zeugte Kinder. Was für ein Unsinn ! Er aß auch nach wie vor und wenn er mal krank wurde, dann nahm er seine Medizin. Das ist ja wohl nun das Ersetzen der einen Idee mit einer anderen Idee ! Sie glaubten wohl niemals selbst an ihre Philosophie. Shankara sagte, daß die Welt illusorisch ist und doch sagte er: Entsagt ihr. Wenn sie illusorisch ist, warum dann ihr entsagen ? Was kann man dann überhaupt aufgeben ? Wenn es zuallererst nicht existiert, wie können wir dann darauf verzichten ? Kann man etwas entsagen, das gar nicht existiert ? Und wenn es die Welt nicht gibt, wenn das, was wir sehen, nicht existiert, wo ist dann der, der dies alles sieht ? Ohne das Gesehene wird der, der sieht, selbst illusorisch. Wenn es es nichts gibt, dem man entsagen könnte, wird der, der entsagt, selbst illusorisch.

24.03.2006 um 23:59 Uhr

Ko Hsuan 5 (10)

von: tao

Buddha beeindruckte China aus dem einfachen Grund, daß er auch, wie der Taoismus, sagt, daß wir natürlich sein sollten, daß unsere Meditation anstrengungslos sein sollte, daß sie nicht von außen her auferlegt sein sollte, daß sie von unserem innersten Kern her aufsteigen sollte. Sie sollte keine Plastikblume sein, sie sollte eine wirkliche Rose sein.

"Wenn der Mensch die Macht erlangt, das zu transzendieren,

was sich verändert, und in Reinheit und Stillsein bleibt,

sind Himmel und Erde in ihm vereinigt."

Das ist das Zusammentreffen von Ost und West, die Begegnung von Materialismus und Spiritualismus. Das ist Oshos Idee von Sorbas dem Buddha: Himmel und Erde sind vereinigt in ihm.

Taoismus ist nicht jenseitig wie der Jainismus, er ist auch nicht diesseitig wie die Jarvakas. Er glaubt an die Einheit der Existenz; er zerteilt die Existenz in keiner Weise.

Seine ganze Vision ist die der totalen Einheit, einer organischen Einheit.

Himmel und Erde sind eins, in uns begegnen sie sich schon. Unser Körper ist Teil der Erde, unsere Seele ist Teil des Himmels. Das Zusammentreffen ereignet sich schon – wir merken es nur nicht. Wenn wir entspannen, wird es uns bewußt werden, und diese Begegnung ist sehr, sehr schön. Die Erde alleine ist tot. Das ist der Grund, warum eine materialistische Philosophie des Lebens früher oder später zu der Feststellung gelangt, daß das Leben sinnlos ist.

Genau das hat sich im Westen ereignet. Alle großen Denker des zwanzigsten Jahrhunderts im Westen waren nur von einem Problem besessen: Der Sinn des Lebens. Und sie alle stimmten wenigstens in einem Punkt überein: Das Leben ist sinnlos. In Dostojewskis berühmtem Roman "Die Brüder Karamasow" sagt einer der Brüder zu Gott: "Wo bist du ? Ich möchte mit dir zusammentreffen – nicht daß ich daran interessiert wäre, dich zu sehen, nicht daß ich dich kennenlernen wollte, ich möchte dir einfach die Eintrittskarte zurückgeben, die du mir gabst für den Eintritt in diese Welt. Bitte nimm sie zurück ! Diese ganze Welt ist absolut sinnlos." Der französische Philosoph Marcel schrieb in einem seiner Bücher: Selbstmord scheint das wichtigste metaphysische Problem zu sein. Wenn das Leben sinnlos ist, dann scheint natürlich Selbstmord das wichtigste metaphysische Problem zu sein. Warum weiterleben ? In der Vergangenheit pflegten die Leute zu denken, daß es nur Feiglinge sind, die Selbstmord begehen; nun scheint sich das Pendel zum anderen Extrem bewegt zu haben.

23.03.2006 um 16:58 Uhr

Tao 121

von: tao

Unwissenheit bedeutet einfach, es fehlt uns fundierte Bildung. Ein wenig Nachhilfe, und unsere Unwissenheit kann zu Wissen werden. Bloß ein wenig Konditionierung, Schulausbildung, und unsere Unwissenheit kann in Wissen verwandelt werden. Es gibt keinen Unterschied zwischen Unwissenheit und Wissen; sie sind austauschbar.

Aber Unschuld ist ein total anderes Phänomen. Sie hat nichts mit Wissen zu tun und auch nichts mit Unwissenheit. Es ist ein Zustand totaler Freiheit – von Unwissenheit und auch von Wissen. Es ist ein Zustand der Verwunderung. Es ist ein sehr positiver Zustand ungeheurer Ehrfurcht. Wenn wir erfüllt sind von Staunen und Scheu; wenn unser Herz im Einklang mit jedem schönen Moment zu schlagen beginnt, der vorüberzieht – mit den Rosen, mit dem Löwenzahn, mit dem Lotus, mit den Sternen, mit der Sonne, mit dem Mond, mit Leuten, mit Flüssen und Bergen; wenn wir das Mysterium des Lebens erleben und fühlen können, wenn wir so sensitiv sind, so verletzlich, so offen, daß das Wundersame uns bis in den innersten Kern unseres Wesens durchdringen kann, dann sind wir unschuldig.

Der Wissende kann nicht unschuldig sein. Es ist wegen seiner fixen Idee, daß er es schon weiß, daß sein Staunen stirbt. All seine Antworten sind übernommen. Alles, was er weiß, weiß er nicht wirklich, sondern er schleppt alle möglichen Antworten, vorgefertigte Antworten, mit sich herum. Wegen diesen schon feststehenden Antworten überrascht ihn nichts mehr, überhaupt nichts. Er kann inmitten dieser schönen Existenz umhergehen, ohne irgendeine Freude zu fühlen, irgendeine Überraschung, irgendein Erstaunen, irgendein Erschauern, irgendeine Erregung, irgendeine Ekstase. Er ist fast taub. Er kann die Musik der Vögel nicht hören, die am Morgen singen, er kann die Musik des Windes nicht hören, der durch die Bäume streicht. Er kann das Leben der Bäume und des Grases nicht sehen. Er kann die Schönheit eines Vogels nicht sehen, wie er am stillen unendlichen Himmel dahinfliegt. Er geht umher, ohne jemals die Herrlichkeit der Sterne zu erfahren. Er bleibt blind. Er kennt keine Poesie. Sein Herangehen an das Leben ist komplett durch sein erworbenes Wissen blockiert, durch seine angelesenen Antworten. Er hat für alles schon eine Antwort fertig. Bevor eine Frage entsteht, ist die Antwort schon da; schon vor der Frage ist die Antwort schon bereit. Der wissende Mensch hört niemals auf die Frage. Er versucht nie wirklich tiefgehend auf die Frage einzugehen. Er hört die Frage und ein Prozeß von vielen Antworten wird in ihm ausgelöst und er beginnt mit dem Antworten. Aber der Mensch der Unschuld hat keine Antworten. Er hört still auf das Leben. Er hört, er sieht, er schmeckt, er riecht, er berührt. Er ist sehr lebendig.

22.03.2006 um 14:50 Uhr

Quellender Urgrund 8/15 (3)

von: tao

Wenn die Leute das Gefühl haben, daß das Leben sinnlos ist, ist dies ein Nebenprodukt ihres wissenschaftlichen Strebens. Die Wissenschaft versuchte, das Leben verständlicher zu machen – sie hat das Leben klarer gemacht, aber aller Sinn ist verloren gegangen.

Diejenigen Leute, die nicht viel Wissen über das Leben hatten, waren weit glücklicher. Das Leben hatte damals noch mehr Sinn. Sie hatten die Blüte noch nicht seziert, sie freuten sich noch an ihr. Sie machten sich keine Gedanken über ihre Zusammensetzung, die Chemikalien, sie kümmerten sich nicht darum, was eigentlich ihre Schönheit ausmacht – sie freuten sich daran, sie ließen sich darauf ein, sie saugten es sein, sie ließen sich davon einnehmen. Sie waren im Gleichklang mit der Schönheit, mit dem Leben, mit der Existenz, und das ergab Sinn.

Nun hat die Wissenschaft die Dinge viel erklärlicher gemacht, sie hat fast alles erklärt, und durch die Erklärungen ist die ganze Schönheit zerstört. Wir halten nun eine Erklärung in unseren Händen, aber wo ist das Mysterium des Lebens ? Wenn wir zu einem Biologen gehen und ihn fragen, was Liebe ist, wird er es uns erklären. Sie ist nichts anderes als eine hormonelle Angelegenheit. Einige Chemikalien fließen durch unsere Venen, in unseren Arterien, in unserem Blut, gewisse Hormone werden von unseren Drüsen freigesetzt – das ist es, was die Liebe ausmacht. Wenn wir nun einer Mutter sagen, daß die Liebe, die sie für ihr Kind empfindet, nur hormonell bedingt ist, wenn wir einer Frau sagen, die sich in einen Mann verliebt hat und bereit dazu ist, ihr ganzes Leben wegen ihm zu ändern, bereit ist, für ihn alles andere aufzugeben, die glücklich sein würde, nur noch für diesen Mann zu leben, wenn wir ihr nun sagen, daß das bloß hormonell bedingt ist....

Und wir würden ja damit nichts Falsches sagen, wir haben ja völlig recht, wir sagen nichts als die Wahrheit – aber etwas fehlt doch dann in unserer Wahrheit. Unsere Wahrheit ist tot. Unsere Wahrheit bezieht sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Das ist so, als wenn jemand uns fragen würde, was eine Lotusblüte sei, und wir würden sagen, eine Lotusblüte ist nichts als Schlamm. Was ist der Lotus ? Nichts als der Schlamm – denn er kommt aus dem Schlamm. Was ist Liebe ? Hormonell bedingt – denn sie kommt aus den Hormonen.

Das ist der Grund, warum Freud alle Liebe auf Sexualität reduzierte – und dann auch das Gefühl der Andacht, und dann auch Gott. Alles wird sexuell. In dem Moment, in dem Andacht, Liebe und Gott, alles, sexuell wird, fehlt etwas.

Die Herangehensweise des Taoismus ist genau entgegengesetzt. Der Taoismus sagt, statt die Sache durch Teile zu erklären, statt das Ganze mit einem Teil davon zu erklären, versuchen wir, das Teil mit dem Ganzen zu erklären.

21.03.2006 um 12:43 Uhr

Tao 120

von: tao

Immer wieder reden Leute, spirituelle Leute, über ihre Spiritualität,

und im selben Atemzug reden sie über den Materialismus der anderen.

In Indien ist es ein Klischee, daß der Westen materialistisch ist

und der Osten ist spirituell. Das ist Unsinn.

Das ist bloß ein sehr bigottes, schizophrenes Denken,

aber es entsteht aus der Teilung zwischen dem Körper und der Seele.

Dann wird alles aufgeteilt werden,

dann wird unser ganzes Leben immer eine Aufteilung beinhalten.

Sogar der Körper ist in zwei Hälften aufgeteilt:

Der obere Körper ist etwas höheres,

und der untere Körper unterhalb des Nabels ist wirklich niedriger –

niedriger als eine Bewertung.

Der Körper und die Seele sind geteilt, dann wird auch noch der Körper aufgeteilt:

Der niedrigere Teil ist irgendwie schmutzig, der höhere Teil ist heilig, geheiligt.

Wo hat denn unser Körper tatsächlich irgendeine Aufteilung ?

Können wir eine Stelle markieren, von wo ab der Körper niedriger wird ?

Das Blut zirkuliert durch den ganzen Körper, dasselbe Blut.

Der ganze Körper ist ein Netzwerk. Wie können wir ihn aufteilen ?

Und den Leuten, die ihn aufteilen, sollte man sagen: Schneide dir doch deinen Unterkörper ab

und lebe nur mit dem höheren, dem Oberkörper. Dann werden wir schon sehen.

Augenblicklich würden sie sterben.

Und das geschieht auch mit den spirituellen Leuten, es sind tote Leute.

Sogar Materialisten sind lebendiger als spirituelle Leute,

denn Materialisten tragen in sich das Gefühl, daß sie eines Tages

auch versuchen werden, spirituell zu werden. Sie verdammen es nicht.

Vielmehr im Gegenteil,

sie spüren in sich selbst eine Verurteilung, eine Schuld.

20.03.2006 um 14:36 Uhr

Ko Hsuan 3 (13)

von: tao

Buddhas Worte sind sehr klar; seine Worte sind ganz und gar nicht verworren. Man kann keine klareren Statements finden als die von Buddha; seine Äußerungen sind nicht mystisch, seine Aussagen nicht esoterisch. Tatsächlich pflegte er seinen Schülern zu sagen: "Bitte stellt mir keinerlei metaphysischen Fragen, denn die sind unnötig, sie würden nicht hilfreich sein. Fragt authentische und wirkliche Fragen, Fragen, die eure Probleme im Leben widerspiegeln, so daß ich euch helfen kann, sie zu lösen." Folgende Geschichte pflegte er immer wieder zu erzählen: Ein Mann wurde einmal von einem Pfeil getroffen... Er war ein Philosoph, ein großer Metaphysiker. Die Leute rannten zu ihm hin; sie wollten den Pfeil herausnehmen, aber er sagte: "Wartet ! Sagt mir zuerst, ob der Pfeil wirklich oder illusorisch ist." Das ist nun, speziell in Indien, eine der wichtigsten metaphysischen Fragen gewesen: Ist die Welt real oder illusorisch, Wirklichkeit oder Maya, existiert sie oder scheint sie nur zu existieren, hat es nur den Anschein, als ob es sie gäbe ? Der Metaphysiker fragte also aus seiner alten Gewohnheit heraus: "Wenn der Pfeil unwirklich ist, warum sich darum kümmern ? Wenn es nur den Anschein hat, als ob er da wäre, welchen Sinn hat es dann, ihn herauszuziehen ? Er existiert doch gar nicht. Er ist wie eine Schlange, die nicht existiert. Sie ist in Wirklichkeit nur ein Seil, aber in der Dunkelheit haben wir sie irrtümlich für eine Schlange gehalten. Es ist also gar nicht nötig, sie zu töten. Wie kann man eine Schlange umbringen, die überhaupt nicht existiert ?" Er verwirrte die Leute so sehr mit all seiner metaphysischen Argumentation, daß sie gar nicht mehr wußten, was sie jetzt tun sollten. Es war ja wirklich schwer zu beweisen.... Es ist tatsächlich schwer zu beweisen. Die Leute, arme Leute, Dorfbewohner, liefen zusammen und schauten einander an. "Was sollten wir mit diesem Mann anfangen ?" Buddha kam gerade vorbei; er hörte die ganze Geschichte. Er ging zu dem Philosophen und sagte: "Diese Fragen können später beantwortet werden, wir können sie in aller Ruhe später diskutieren. Laßt uns zuerst den Pfeil herausziehen, denn dieser Pfeil kann dich töten, und wenn du am Leben bleibst, dann können wir all dies auch später noch erörtern. Und wie auch immer du dich dann später entscheiden wirst, ob der Pfeil nun wirklich oder unwirklich ist, liegt ganz bei dir. Aber in eben diesem Moment benötigst du keine philosophische Diskussion, du brauchst einen Arzt, der den Pfeil entfernen kann, der das Gift herausbringen kann, der dir zum Schutz eine wirksame Medizin geben kann. Im Moment wird dir keine Metaphysik helfen. In Ordnung, wenn der Pfeil unwirklich ist, dann laß ihn irreal sein ! Aber das können wir dann noch später diskutieren." Buddha sagte dann immer, die Situation des Menschen, jedes Menschen, ist genau so. Wir leiden, also geht es nur darum, wie wir den Pfeil herausziehen können, der unser Leiden verursacht. Das ist keine metaphysische Frage.

19.03.2006 um 14:25 Uhr

Tao Te King 9 (5)

von: tao

Taoismus bedeutet, den richtigen Dreh herauszubekommen.

Taoismus ist ein Knowhow, ein Gewußt-wie, es ist keine Wissenschaft

sonst könnte es gelehrt werden, es könnte sehr leicht erklärt werden,

es könnte theoretisiert werden, es würde uns keine Umstände mehr machen.

Sogar das größte Problem in der Wissenschaft kann gelöst werden,

wenn nicht heute, dann morgen, aber es kann gelöst werden

durch den Intellekt, durch intellektuelle Anstrengung.

Und eines Tages, wenn es gelöst worden sein wird,

ist es nicht nur für denjenigen gelöst, der dieses Problem gelöst hat,

es ist für alle gelöst worden.

Einstein löste das Mysterium der Relativität.

Nun besteht für niemanden mehr die Notwendigkeit, dies zu lösen,

es ist für alle gelöst worden.

Wir müssen es bloß verstehen, das ist alles.

Wir brauchen nicht mehr in die ungeheure Anstrengung gehen, es selbst zu lösen. Es ist gelöst.

Die Wissenschaft ist ein öffentliches Phänomen:

Wenn ein Mensch etwas löst, dann ist es für jedermann gelöst;

wenn ein Mensch etwas erfindet, ist es für alle erfunden worden.

Das ist ein Massenphänomen.

Aber im Taoismus, selbst wenn sich Tausende von Lao-tse ereignet haben sollten,

ist nichts gelöst.

Wir müssen es wieder und wieder selbst eigenständig kennenlernen,

es ist keine Wissenschaft.

Die Wissenschaft kann Schriften und Theorien in die Welt setzen,

aber der Taoismus kann keine vergleichbaren Schriften und Theorien erzeugen.

Er ist eine gelebte Erfahrung. Wir können ihn nicht auf eine Theorie reduzieren,

er ist zu subtil dafür, zu delikat, zu empfindlich für eine solche Vorgehensweise.

18.03.2006 um 16:42 Uhr

Südliches Blütenland 27/20 (5)

von: tao

Das menschliche Bewußtsein ist das entwickeltste Phänomen,

aber wir verpassen das.

Sogar weniger entwickelte Bewußtseinszustände haben mehr Spaß.

Ein Vogel ist ein Vogel, ein sehr viel weniger entwickeltes Wesen als wir;

ein Baum ist fast überhaupt nicht entwickelt,

aber der Vogel genießt mehr, der Baum blüht mehr.

Überall um uns herum spielt sich mehr Erfüllung ab.

Warum gehen wir daran vorbei ?

Unser Denken ist eine Last geworden.

Wir haben es nicht benutzt,

vielmehr im Gegenteil, wir werden von ihm benutzt.

Wenn wir dem Denken nicht gestatten, sich in unser Leben einzumischen,

dann wird es ins Fließen kommen, wir strömen dann nur so dahin.

Dann sind wir ungehindert, dann sind wir transparent,

dann ist jeder Moment eine Wonne

denn wir machen uns nicht mehr verrückt, wir machen uns darüber keine Sorgen mehr.

Einem Mann war von seinem Psychoanalytiker geraten worden, in die Berge zu gehen.

Er hatte sich immer wieder beschwert

über dies und über das, und immer stellte er alles in Frage.

Niemals fühlte er sich wohl mit irgendetwas, niemals fühlte er sich wie zu Hause.

Nun bekam er den dringenden Ratschlag, Urlaub zu machen und auszuspannen.

Am nächsten Tag kam ein Telegramm für den Psychoanalytiker an.

Darin telegrafierte der Mann:

Ich fühle mich hier sehr glücklich. Warum ?

Wir können nicht einmal Glücklichsein akzeptieren, ohne nach dem Warum zu fragen.

Für das Denken ist es unmöglich, irgendetwas zu akzeptieren –

das "Warum" ist augenblicklich da.

17.03.2006 um 13:22 Uhr

Tao Te King 10 (9)

von: tao

Wieder wie Kinder zu werden heißt, so sensitiv zu sein, daß jede Erfahrung den inneren Kern erreicht. Kinder besitzen eine Unteilbarkeit (advaita), aber dies entsteht aus Unwissenheit. Der Weise gewinnt diese Unteilbarkeit wieder, aber dieses Mal ist sie aus Weisheit heraus entstanden. Kinder haben eine Unschuld, aber es ist eine unwissende Unschuld. Diese gleiche Unschuld muß von dem Weisen wiedererlangt werden. Aber dann ist es eine Unschuld, die aus Weisheit und voller Wachheit resultiert. Ein wacher Zustand von Unschuldigsein muß etabliert werden. Die Unteilbarkeit des Kindes dauert nicht an, denn sie ist nicht seine Errungenschaft. Seine Umgebung und die daraus resultierenden Situationen bringen einen Konflikt in ihm hervor und zerbrechen seine Unschuld, sie brechen seine Ungeteiltheit auf. Es ist jedoch für den Menschen nicht notwendigerweise so, daß er mit dieser inneren Dualität sterben muß. Ungeteiltheit kann während seiner Lebenszeit wieder eingerichtet werden. Wenn dies geschieht, ist das so etablierte Ungeteiltsein reicher und stärker als das Ungeteiltsein der Kindheit. Die Lebenserfahrungen bereichern es mit größerer Würde. Was können wir tun, so daß wir in uns zu einer inneren Einheit gelangen, die nicht mehr teilbar ist. Wie können wir in uns eins sein ? Auf Lao-tses Lehrpfad gibt es sehr leichte Methoden, um diesen Einklang in uns selbst zu entwickeln.

Lao-tse glaubte, was immer wir tun – ob wir sitzen oder stehen, essen oder schlafen – wir sollten absolut vertieft in unser Tun, komplett eins damit sein. Wenn wir auf der Straße gehen, dann werden wir zum Gehen an sich. Es sollte keinerlei Unterschied geben zwischen uns und unserem Tun. "Ich bin das Gehen !" Nicht einmal die Methode des Zeugeseins kann zur Ungeteiltheit führen. An einem gewissen Punkt muß sogar der Zeuge aufgegeben werden.

Krishnamurti sprach über Bewußtheit, aber sogar dies führt nicht zum Ungeteiltsein; Bewußtheit muß später doch aufgegeben werden. Lao-tse sagt: "Weder Bewußtheit noch Zeuge sein, sondern Einssein, komplettes Absorbiertsein. Werde die Handlung an sich." Wenn wir gehen, werden wir das Gehen als solches; der, der geht, sollte nicht der Gehende bleiben. In ähnlicher Weise werden wir, wenn wir essen, zum Essensvollzug an sich; wenn wir schauen, werden wir das Schauen als solches. Was immer wir tun, wir tun es mit solcher Totalität aus ganzem Herzen, so daß wir komplett eins mit dem Tun werden. Es sollte keine Differenz geben zwischen dem Tun und dem, der es tut. Wenn die Distanz zwischen dem Tun und dem Handelnden zu schrumpfen beginnt, ist es möglich, endlich wieder Brücken zu schlagen zwischen dem Tier und dem Intellekt, zwischen den Sinnen und der Klugheit, zwischen dem Körper und der Seele.

16.03.2006 um 23:10 Uhr

Ko Hsuan 1 (8)

von: tao

In seinem Vorwort zu seiner kleinen Abhandlung über Reinheit schreibt Ko Hsuan ein paar Dinge, die in Erinnerung bleiben sollten. Als erstes schreibt er: "Als ich zur Vereinigung mit Tao gelangte, meditierte ich über diese Einsicht zehntausend Male, bevor ich sie niederschrieb." Er schreibt also, daß er zur Einheit mit Tao gelangte. Er ist also nicht bloß ein Schüler, er ist ein Mensch des Tao. Er ist in die Harmonie mit Tao gekommen. Er schreibt also keine Aufzeichnungen nieder, die er von jemand anderem gehört hat, er hat es selbst erfahren. Er hat die letztendliche Einheit mit Tao erreicht: Er ist eins geworden mit der Natur.

Ko Hsuan schreibt im Vorwort: "Es ist nur für die Sucher nach dem Darüber-hinaus; die Weltmenschen können es nicht verstehen." Er macht es im Vorwort klar: Wenn wir weltlich orientierte Menschen sind, ist es besser, wir kümmern uns gar nicht darum. Das ist nicht für uns gedacht, wir sollten nicht unsere Zeit daran verschwenden, es würde ohne jeden Nutzen für uns sein. Es könnte uns sogar verwirren, es könnte uns sogar von unseren weltlichen Angelegenheiten ablenken. Es ist besser, wir lassen uns nicht auf Sachen ein, an denen wir nicht wirklich interessiert sind. Es ist besser, nicht zufällig zu sein. Es gibt viele Leute, die zufällig sind, bloß so nebenbei. Sie treffen jemanden und ihr Interesse ist entfacht. Das ist kein Weg, auf dem man wachsen kann. Solche Leute sind wie Treibholz: Sie bewegen sich immerzu mit jeder Welle, jeder Modeströmung, sie bloß davon abhängig, wohin gerade der Wind weht, sie haben keinen Sinn für irgendeine bestimmte Ausrichtung. Ko Hsuan sagt: "Es ist nur für die Sucher des Jenseits." Er macht es klar: Wenn wir ein Sucher des Jenseits davon sind, wenn wir bereit sind, etwas zu riskieren... denn die Suche nach dem Darüber hinaus ist riskant. Es ist das größte Abenteuer, ungeheuer ekstatisch, aber überhaupt nicht leicht; es ist auch mühsam. Es hat seine Ekstase, es hat auch seine Agonien – es hat sein eigenes Kreuz. Natürlich, dadurch kommt die Wiederauferstehung, aber es kann nicht geschehen, bevor wir nicht gekreuzigt sind. Also macht Ko Hsuan es klar, daß es nur für die Sucher ist. Man muß sich ganz sicher über sich selbst sein, ob man ein Sucher ist oder nicht. Sind wir wirklich an Wahrheit interessiert ? -- denn jedes Kind wird von Anfang an abgelenkt und umgelenkt. Kein Kind scheint an Gott interessiert zu sein, aber die Eltern zwingen jedem Kind immerzu die Vorstellung von Gott, die Gottesidee, auf. Wenn wir zufällig in einer Familie von Atheisten geboren worden sein sollten, dann wird uns die Idee des Atheismus übergestülpt. Wenn wir in einem kommunistischen Land geboren werden, dann wird uns natürlich der Kommunismus aufgebürdet. Wenn nicht die Bibel, dann "das Kapital". Wenn nicht die heilige Dreieinigkeit, dann die unheilige Trinität von Marx, Engels und Lenin, aber irgendetwas wird uns zwangsläufig indoktriniert.

15.03.2006 um 16:01 Uhr

Tao Te King 16 (3)

von: tao

Wie können wir uns wohl fühlen

wenn der Feind schon in jedem Moment auf uns wartet ?

Er wird sich auf uns stürzen und uns zerstören.

Wie können wir nicht verspannt sein, wenn der Tod schon an der nächsten Ecke wartet

und der Schatten des Todes immer auf uns fällt ?

Es kann jeden Moment passieren.

Wie können wir ausruhen, wenn der Tod da ist ? Wie können wir entspannen ?

Der Feind würde uns kein Entspanntsein gestatten.

Daher die Spannung, die Beklemmung, die Angst der Menschheit.

Je mehr wir mit dem Tod kämpfen,

desto angstbesessener werden wir,

werden wir zwangsläufig. Es ist eine natürliche Konsequenz.

Wenn wir mit dem Tod kämpfen,

wissen wir, daß wir besiegt werden.

Wie können wir glücklich sein mit einem Leben, daß in einer Niederlage enden wird ?

Wir wissen doch, welche Anstrengung auch immer wir unternehmen werden,

nichts wird gegen den Tod erfolgreich sein.

Tief innen sind wir uns nur über eines sicher, und das ist der Tod.

Im Leben ist alles andere unsicher, nur der Tod ist gewiß.

Da ist nur eine Gewißheit,

wir haben ganz bestimmt einen Feind.

Mit dieser Gewißheit kämpfen wir und hoffen auf Ungewißheiten

wie können wir da ruhig und erholt sein ?

Wie können wir entspannt, gesammelt und still sein ?

Unmöglich.

Ein Mensch, der denkt, daß der Tod der Feind ist,

kann sich niemals wohl und zu Hause fühlen. Das ist unmöglich.

14.03.2006 um 13:15 Uhr

Tao Te King 15 (7)

von: tao

Ein Mensch, der weise ist, ist kein Lehrer –

er kann ein Meister sein, aber kein Lehrer.

Was ist der Unterschied zwischen den beiden ?

Ein Lehrer möchte lehren: Ein Meister ist niemals darauf aus, zu lehren.

Ein Lehrer ist aggressiv und aktiv:

Ein Meister ist nicht aggressiv und nicht aktiv.

Ein Lehrer wird losziehen und uns nachlaufen und uns zwingen

sein Wissen auf unseren Schultern zu tragen.

Ein Meister wartet.

Wir müssen es schon von ihm erhaschen, wir müssen teilnehmen an ihm.

Er wird uns nicht folgen, er wird uns nicht zwingen,

er wird nicht einmal an unsere Türen klopfen – er wird einfach warten.

Wir können Teil haben an seinem Sein, wir können seine innere Leere betreten,

seinen inneren Wesenspalast, sein inneres Königreich,

aber das liegt an uns. Wir werden die ganze Arbeit tun müssen.

Der Meister ist nur eine Präsenz.

Wenn wir davon angezogen werden, werden wir in die Gegenwart fallen.

Ein Lehrer ruft, ein Lehrer bemüht sich und probiert herum,

ein Lehrer macht all die Anstrengungen, so daß wir verstehen können.

Ein Meister ist einfach da –

offen natürlich, nicht verschlossen, absolut offen für uns, so daß wir hereinkommen können,

aber er macht nicht die kleinste Andeutung.

Denn diese Anspielung könnte aggressiv sein,

es könnte uns nötigen, gegen unseren eigenen Willen hereinzukommen.

Dann würde dies schlecht sein, denn wir wären dann auf einen verkehrten Weg gestellt worden sein.

Ein Meister ist eine stille Präsenz.

Wir können von ihm lernen, aber er wird nicht uns nicht belehren.

13.03.2006 um 15:34 Uhr

Tao Te King 4 (13)

von: tao

Gemäß Lao-tse spielt Zeit keine Rolle – wir können also schon in diesem Moment leer sein, wir können schon jetzt und hier unsere Fäuste öffnen ! Lao-tse sagt auch, daß Erfüllung niemals friedvoll sein kann. Ein halb gefülltes Gefäß macht immer eine Menge Lärm. Ein Gefäß, das dreiviertelvoll ist, macht auch Geräusche. Lao-tse sagt: "Egal wie voll das Gefäß ist, es gibt einen Ton von sich." Nur ein leeres Gefäß ist still – Warum ? Man könnte einwenden, daß ein Gefäß so voll sein kann, daß es kein Geräusch mehr von sich gibt. Aber Lao-tse sagt "Nein". Er sagt, wenn ein Gefäß voll ist, dann ist es eines sicher, daß zwei Dinge vorhanden sind. Das eine ist das Gefäß und das andere sein Inhalt. Und wo Dualität ist, ist vollkommene Ruhe des Gemüts unmöglich. Also ist die Person, die scharf auf Perfektion ist, voll der Dualität, und daher geht der Konflikt weiter. Nur der Mensch, der sich in der Leere niedergelassen hat, ist außerhalb jeglichen Konflikts, denn dann gibt es keinen anderen. Das Gefäß ist leer, wie kann es da irgendein Geräusch geben ? Es gibt nichts, was gegen das Gefäß klopfen könnte. Im Einzelnen, im Ungeteilten (advaita) ist Ruhe und Frieden möglich, denn da ist kein "anderer", der den Konflikt hervorrufen könnte. Wo zwei sind, da ist notwendigerweise Reibung und die, das ist interessant festzustellen, die hat ihre eigene Ideologie. Wenn wir uns mit etwas erfüllen, dann ist eines sicher, wir selbst können es nicht sein. Mit was auch immer wir uns vollstopfen, es wird verschieden und getrennt von uns sein, sei es nun Reichtum, Wissen oder sogar Gott. Und können wir jemals in Frieden mit dem "anderen" sein, können wir so jemals zufrieden sein ? Nun kann das Gefäß sich nicht mit sich selbst vollfüllen. Das muß dann schon Wasser oder Milch oder Gift oder Nektar sein – Dinge, die anders sind, als es selbst. Wenn das Gefäß es wünscht, mit sich selbst angefüllt zu sein, wird es leer sein müssen – das ist der einzige Weg. Ansonsten wird es mit irgendetwas gefüllt werden. Was für einen Namen wir dem dann immer geben, macht keinen Unterschied, obwohl wir zu der Annahme tendieren, es gäbe einen. Ein bekannter Priester traf sich mit Lincoln. Er begann über erhabene Dinge zu reden, wie Himmel und Hölle und Gott. "Könnte es sein, daß dies bloße Namen sind ?" fragte Lincoln. "Sicherlich nicht", erwiderte der Mann. Lincoln sagte: "Darf ich Ihnen eine Frage stellen ? Wieviele Beine hat eine Kuh ?" "Was für eine Frage stellen Sie da einem gebildeten Menschen wie mir, der nur von Himmel und Hölle redet ? Nun, wenn Sie darauf bestehen, sie hat vier Beine," sagte der Priester. "Angenommen, wir schließen den Schwanz als ein Glied mit ein, wieviele Beine würde die Kuh dann haben ?" fragte Lincoln wieder. "Fünf", sagte der Priester. "Das ist Ihr Fehler", sagte Lincoln. "Wenn Sie den Schwanz ein Bein nennen, wird er deswegen nicht zu einem Bein. Was Sie sagen, wird keinen Unterschied machen, denn der Schwanz ist ein Schwanz, weil er eine spezifische Funktion erfüllt. Also sind Beine nicht nur Beine bloß dem Namen nach, sie haben auch einen spezifischen Zweck, den der Schwanz nicht erfüllen kann. Welchen Namen sie ihm geben, macht keinen Unterschied." Wir leben in der Illusion der Namen.

12.03.2006 um 15:23 Uhr

quellender Urgrund 3/8 (5)

von: tao

Der Mensch hat vergessen, sich zu verneigen, sich herabzubeugen. Im Osten ist die Verneigung immer schon eine sehr signifikante Geste gewesen. Der Schüler geht zum Meister, verneigt sich, liegt flach auf dem Boden. Das ist eine Geste der Hingabe. Er sagt damit: "Ich bin nicht mehr." Er sagt: "Ich werde nicht mehr als ich selbst existieren. Ich werde nun ein Vehikel sein. Ich werde passiv sein. Du gießt ein und ich werde ein fruchtbarer Schoß sein, du schenkst mir ein und ich werde ein Gefäß sein. Ich werde nicht kämpfen. Ich gebe mich hin." In dieser Hingabe geschieht etwas von ungeheurem Wert. Mit dem Meister beginnt man das ABC der Hingabe zu lernen – dann eines Tages, wenn man gelernt hat, was Hingabe ist, dann versucht man es mit Tao. Der Meister ist bloß ein Kindergarten, bloß ein Anfang, der Beginn der Hingabe. Wenn man die Freude gelernt hat, die damit verbunden ist, die Schönheit, die es hat, den Segen, der darin liegt, dann will man weiter gehen in tiefere Gewässer. Man hat gelernt, nahe am Ufer zu schwimmen, nun würde man gerne bis zum weitesten Punkt gehen. Dann ist Tao zugänglich. Aber wenn wir als ich existieren, wenn wir als ein Selbst existieren, dann ist es unmöglich. Dann existieren wir als ein Ego. Dieses Ego ist das, was in dieser Parabel mit dem Gedächtnis gemeint ist. Diese taoistischen Parabeln sind sehr subtil. "In mittlerem Alter verlor Hua Dsu aus Yang-li in Sung sein Gedächtnis."

Das ist eine Art und Weise, zu sagen, daß er meditativ wurde. Das ist ein taoistischer Ausdruck – er verlor sein Gedächtnis. Das bedeutet: Er wurde ein Nicht-Individuum. Das heißt: Er wurde ein Nicht-Ego. Das bedeutet sinngemäß: Er kam los aus dem Griff des Denkens, er ließ das Gewicht der Vergangenheit fallen. Das ist nicht etwas Verdammenswertes, es ist eine große Anerkennung. Wenn in taoistischen Kreisen jemand sagt: "Er hat seine Erinnerung verloren", lobt er damit denjenigen Menschen. Taoisten haben ihre eigene Art und Weise, etwas zu sagen, ganz spezielle Ausdrucksweisen, um etwas auszudrücken. Aber die Bedeutung ihrer Andeutungen ist tiefgründig. "In der Mitte seiner Jahre verlor Hua Dsu aus Yang-li in Sung seine Erinnerung."

Er wurde ein Nicht-Denken, er vergaß alles über seine Vergangenheit, er vergaß alles, was geschehen war – es war, als wenn all der Staub auf dem Spiegel weggefallen wäre. Er kam dazu, in der Gegenwart zu existieren – das ist es, was das bedeutet. Er war nicht mehr in der Vergangenheit, er existierte nicht mehr durch die Vergangenheit, er hatte begonnen, in der unmittelbaren Gegenwart zu funktionieren. Er lebte nun von Moment zu Moment – ohne irgendein Wissen oder irgendeine Information anzusammeln, anzuhäufen oder zu horten. Was auch immer die Totalität in den Moment brachte, war alles. Wenn er sich hungrig fühlte, suchte er nach Essen, aber er hatte keine Idee über irgendein Essen, das er vorher gegessen hatte. Und in dem Moment, in dem sein Appetit gestillt war, vergaß er wieder alles darüber. Er trug den Gedanken darüber nicht in seinem Denken, er hatte keine Fantasie über das Essen, weder zuvor noch danach. Der Moment war alles, das Jetzt und das Hier waren alles, es gab kein Dann und es gab kein Dort.