Taoistische Reflektionen

11.03.2006 um 13:17 Uhr

Tao 119

von: tao

Was auch immer wir tun, wir werden es tun.

Wie kann das über uns hinausgehen ? Wie kann es transzendental sein ?

Durch unsere eigenen Anstrengungen, wie können wir so transzendieren ?

Das ist nicht möglich; wir versuchen damit, das Unmögliche zu tun.

Wir können für tausende von Leben immer weiter danach in die Höhe hüpfen, aber nichts wird erreicht werden.

Besser: Wir akzeptieren uns selbst. Das ist nämlich die einzige Realität, die es gibt,

das ist die einzige Möglichkeit, die es gibt.

Akzeptieren wir uns, wie wir sind, dann ist plötzlich alles transformiert.

Akzeptanz ist das Wort für Lao-tse, nicht Erleuchtung.

Totales Akzeptieren, was auch immer der Fall ist – nichts sonst ist möglich.

So sind die Dinge eben.

So sind wir nun einmal in diesem ungeheuer weiten Universum zum Ereignis geworden.

Dieses unermeßliche Universum wollte uns genau so, wie wir sind – das könnten wir nun endlich akzeptieren.

Es gibt für uns nur zwei Alternativen: Entweder wir lehnen uns ab oder wir akzeptieren uns.

Wenn wir uns ablehnen, dann stehen uns wiederum zwei Möglichkeiten offen:

Wir lehnen uns auf eine weltliche Art und Weise ab oder wir lehnen uns auf eine jenseitige Art und Weise ab.

Wenn wir uns auf profane Art und Weise ablehnen heißt das, daß wir schöner sein wollten als wir sind,

wir würden gerne stärker sein als wir sind, wir würden gerne reicher sein als wir sind,

wir würden gerne ein größeres Haus haben als wir es haben.

Da ist Ablehnung im gesellschaftlichen Rahmen.

Wenn wir uns auf überirdische Art und Weise ablehnen, auf die religöse Art und Weise,

bedeutet das, daß wir gerne Satori, Samadhi, Erleuchtung, Nirvana erlangen würden;

wir würden gerne ein Buddha werden;

wir würden gerne Gott besitzen; wir würden gerne in unendlicher Glückseligkeit leben.

So lehnen wir uns auf die religöse Weise ab.

Es sind beides Ablehnungen und beide sind verkehrt.

Für Lao-tse ist beides in gleicher Weise absurd.

10.03.2006 um 22:59 Uhr

Südliches Blütenland 17/10 (1)

von: tao

Jedes Kind wird geistig gesund geboren,

aber jeder Mensch wird geistig krank – die ganze Menschheit ist neurotisch.

Neurose ist nicht nur für ein paar Leute ein Problem,

das menschliche Wesen als solches ist neurotisch.

Und diese Neurose wird durch solch einen subtilen Mechanismus geschaffen

daß wir uns dessen nicht einmal bewußt werden können.

Es ist etwas Unbewußtes geworden,

es beeinflußt uns immerzu, unser Verhalten, unsere Beziehungen,

unser ganzes Leben wird dadurch gefärbt.

Aber es ist so tief in unsere Wurzeln hineingegangen

daß wir gar nicht herausfinden können, woher

unser Unglück und Konflikt, unsere Beklemmung und Neurose entstanden sind.

Wenn wir uns selbst verdammen, erzeugen wir eine Teilung,

und diese Teilung wird unser Unglück und unsere Hölle sein.

Wenn wir uns selbst verurteilen, bedeutet das, wir verdammen die Natur,

und es gibt keinen Sieg gegen die Natur, es kann ihn nicht geben.

Wir sind bloß ein winziger Teil in einem ungeheuer weiten Ozean der Natur,

den können wir nicht bekämpfen.

Und alle sogenannten Religionen lehren uns, genau dagegen Krieg zu führen.

Sie verurteilen die Natur und sie heben die Kultur auf ihren Schild.

Sie verdammen die Natur und sie sagen:

Dann verhält man sich ja wie die Tiere, seid doch nicht wie Tiere !

Alle Eltern sagen das, benehmt euch nicht wie die Tiere.

Was ist verkehrt mit den Tieren ? Tiere sind schön !

Aber in unserem Denken sind Tiere etwas, was verurteilt werden muß,

etwas Schlechtes, etwas Übles, etwas, das unter unserer Würde ist.

Wir sind etwas Höheres, wir sind kein Tier, wir sind von Engeln geboren worden.

09.03.2006 um 14:00 Uhr

Tao Te King 10 (9)

von: tao

Immer wenn das Morgen kommt, kommt es nur in der Form von Heute. Wenn wir uns daran gewöhnt haben, unser Heute für das Morgen zu opfern, wird unser ganzes Leben auf diese Weise geopfert werden. Schlußendlich werden wir feststellen, daß nichts außer dem Tod eintrifft. Wir verlieren alle unsere Leben auf diese Art und Weise. Was wir Heute nennen, war gestern Morgen, aber Gestern versäumten wir zugunsten von Morgen. Und dann versäumen wir das Heute um des Morgens willen und so machen wir immer weiter und verschwenden all unsere Momente. Dann stellen wir eines Tages fest, daß wir nichts in unseren Händen halten außer der Asche unserer Hoffnungen. Der Ehrgeiz nimmt uns mit nach nirgendwo und obendrein verlieren wir das Leben dafür. Nicht mehr als ein einziger Moment wird uns jemals gegeben werden. Niemandem werden zur gleichen Zeit zwei Momente gegeben. Dieser Moment ist ein winziges Stück Zeit, das niemals statisch ist, sondern ein ständig laufender Prozeß, der in der Leere ausklingt. Kaum trifft er ein, schon ist er wieder verloren. "Wenn wir diesen flüchtigen Moment irgendeinem Zweck widmen", sagt Lao-tse, "berauben wir uns selbst des Lebens". Dieser Zweck kann alles sein. Ob es das niedrige Streben nach Reichtum ist oder die hohen Ziele der Religion, das macht keinen Unterschied. Ob wir nun danach streben, hier einen hohen Status zu erreichen oder dort auf dem Thron der Erleuchtung zu sitzen, es ist alles das gleiche. Die Sehnsucht des Morgens ist in sich ein Gift, denn sie zerstört das Leben des Körpers. Kann denn dieser Moment nicht für sich selbst gelebt werden ? Warum können wir ihn nicht als in sich selbst vollständig halten ? Und das bedeutet nicht, daß wir, wenn wir morgen einen Zug kriegen müssen, wir ihn schon heute kriegen sollten ! Es bedeutet auch nicht, daß wir heute noch nicht in den Zugfahrplan schauen können, wenn wir morgen abreisen wollen. Es bedeutet auch nicht, daß wenn unser Projekt innerhalb eines Jahres realisiert werden soll, wir nicht schon heute dafür Vorbereitungen treffen sollten. Fragen, die so ähnlich sind wie diese, entstehen im Denken der Leute: "Ich muß mich heute entscheiden, daß ich morgen früh aufstehen muß, damit ich noch den Zug erwische !" Wenn wir gerade eine Entscheidung treffen, gehört dieser Prozeß zum gegenwärtigen Moment, denn es ist in diesem Moment, daß wir eine Entscheidung treffen. Also laßt uns soviel Vergnügen daraus ziehen und soviel Interesse daran haben, wie es nur möglich ist. Zu einer Entscheidung zu kommen ist ein Vergnügen in sich selbst. Also genießen wir das Vergnügen unserer Entscheidung, daß wir morgen früh um fünf Uhr aufstehen werden. Dies ist unsere Entscheidung für den Moment, also lassen wir sie hier und jetzt vollständig sein. Und dann, morgen früh um fünf Uhr, genießen wir das Vergnügen, aufzustehen. Aber wir lassen den gegenwärtigen Moment nicht dadurch vergeudet werden, daß wir uns über die Tatsache Sorgen machen, daß wir morgen um fünf Uhr schon auf sein müssen. Und dann morgen, wenn wir um fünf Uhr aufstehen, werden wir uns darüber Sorgen machen, ob wir noch rechtzeitig den Zug erreichen werden. Und dann, wenn wir den Zug erwischen, werden wir natürlich wegen weiteren Befürchtungen besorgt sein. Und so entschlüpft uns jeder Moment und ist vorbei und wir sind ständig verwickelt und verstrickt in Zukunftsängsten. Dann können wir niemals eins sein mit der Existenz.

08.03.2006 um 14:37 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (6)

von: tao

Ein Dichter hat seine eigene Herangehensweise,

nicht durch Zergliederung, sondern mit Liebe;

nicht dadurch, daß er die Blüte vom Baum abreißt

sondern vielmehr dadurch, daß er mit der Blüte verschmilzt,

in tiefer Liebe zu ihr ist, in einer mystischen Partizipation.

Er nimmt teil an ihr, dann kommt er dazu, etwas kennenzulernen,

und das ist dann keine Erklärung.

Poesie kann keine Erläuterung sein,

aber sie hat einen Funken von Wahrheit.

Sie ist wahrer als irgendeine Wissenschaft.

Wir können es selbst beobachten: Wenn wir in jemanden verliebt sind,

schlagen unsere Herzen anders.

Unser Geliebter, unsere Geliebte, werden auf unser Herz hören.

Es schlägt anders.

Unser Geliebter wird unsere Hand nehmen, die Wärme ist anders.

Das Blut bewegt sich in einem anderen Tanz, es pulsiert anders.

Wenn der Arzt unsere Hand in seine Hand nimmt,

ist der Pulsschlag nicht derselbe.

Er kann das Herz schlagen hören, aber dieser Herzschlag ist anders.

Als das Herz für einen geliebten Menschen schlug,

hatte es sein eigenes Lied,

aber nur ein Liebender kann diesen Herzschlag kennen,

das pulsierende Blut, die Wärme des Lebens.

Der Doktor kann es nicht kennen.

Was hat sich geändert ?

Der Doktor ist der Beobachter geworden

und wir sind das Beobachtete – wir sind nicht mehr eins.

07.03.2006 um 18:29 Uhr

Ko Hsuan 3 (12)

von: tao

Ko Hsuan drückt es perfekt aus:

"Tao manifestiert sich ...

sowohl als Bewegung als auch als Stillsein.

Der Himmel ist rein, die Erde ist getrübt."

Offensichtlich. Himmel bedeutet absolute Klarheit. Der Himmel ist rein; in ihm ist nichts. Nichtsheit ist die reinste Sache. Die Erde ist voll mit vielen Dingen, daher ist sie verworren.

Ko Hsuan sagt uns damit, wir müssen beides sein, irdisch und unirdisch. Denn tatsächlich sind wir aus beidem gemacht: Etwas in uns wird von der Erde beigesteuert, vom trüben Element, und etwas in uns wird vom Himmel beigesteuert, vom Reinen, vom klaren Element. Wir sind eine Synthese von der Erde und dem Himmel.

Bis jetzt haben sich alle Religionen, außer dem Taoismus, für das eine oder das andere entschieden. Entweder sie haben sich festgelegt, sehr irdisch zu sein: Zum Beispiel der Judaismus ist sehr irdisch und der Buddhismus ist sehr unirdisch. Der Buddhismus hat sich für die Himmelskomponente unseres Wesens entschieden und das Judentum ist sich für die irdische Komponente unseres Wesens entschieden, aber beide sind halb. Sie sind nicht ganzheitlich; etwas fehlt in beiden. Tao ist ganzheitlich. Und im taoistischen Verstehen, in der Verwirklichung von Ko Hsuan, ist Tao die einzige Erfahrung, die heilig ist, weil sie heil, also ganz, ist.

"Der Himmel ist rein, die Erde ist trübe."

Das ist der Grund, warum Osho von Sorbas dem Buddha spricht. Nicht von Alexis Sorbas, dem Griechen, denn dann sind wir bloß getrübt, bloß Erde, bloß schlammig. Sorbas der Buddha – nicht Gautama der Buddha, denn Gautama der Buddha zu sein bedeutet, wir sind bloß Himmel, keine Erde, absolut jenseitig, zum anderen Ufer gehörend. Warum nicht beides sein ? Wenn es möglich ist, beides zu sein, warum dann irgendetwas auslassen ? Warum nicht all die Gelegenheiten nutzen, um zu wachsen und zu sein ?

"Der Himmel bewegt sich, die Erde ist still."

Das sind bloß Metaphern.

"Das Maskuline ist rein..."

"Maskulin" bedeutet auf der untersten Bedeutungsebene Intellektualität, auf der höchsten, Intelligenz. Es ist klar –der Intellekt ist klar. Zwei plus zwei ist vier; es ist so klar wie das. Und die höchste Form ist Intelligenz. Buddha bedeutet jemanden, der zu der höchsten Form von Intelligenz gelangt ist.

06.03.2006 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 19/13 (14)

von: tao

Jeder Baum hat sein Laub in einem ganz eigenen Grün.

Und ein Maler spürt die Farbe; die Farbe ist für ihn Vibration;

die ganze Welt ist nichts als Farbe.

Die Hindus sagen, daß die ganze Welt Klang ist.

Das kommt daher, weil die paar Leute, die die Upanishaden schrieben,

Dichter und Musiker waren; sie hatten ein Ohr für Klang.

Für sie wurde das ganze Universum zu einem Klang – Omkar, Anahata.

Ein Mensch, der sich niemals in Musik verliebt hat,

kann immerzu das Mantra AUM ausprobieren – nichts passiert.

Er kann es laufend innerlich wiederholen – nichts geschieht.

Er kann zu diesem Meister gehen und zu jenem,

und denkt niemals über seine eigene Kapazität nach.

Wenn man ein musikalisches Gehör hat, wenn man ein Herz hat,

das Musik verstehen kann – nicht nur verstehen, sondern fühlen –

dann kann ein Mantra hilfreich sein.

Denn dann kann man eins werden mit den inneren Tönen,

dann kann man mit diesen Klängen mitgehen

zu immer subtileren Schichten.

Dann kommt ein Moment,

wo alle Töne aufhören und nur der universelle Klang bleibt.

Das ist AUM.

Darum sagen die Hindus,

daß die ganze Welt aus Klang besteht.

Das ist nicht wirklich wahr, das ist keine absolute Wahrheit;

das ist die Wahrheit des Musikers.

Es gibt keine absoluten Wahrheiten,

jede Wahrheit ist individuell – es ist unsere Wahrheit.

05.03.2006 um 23:59 Uhr

Tao 118

von: tao

Laßt das Kind denken, soviel, wie es kann, bis zu seiner vollen Kapazität. Laßt es brennen mit Zweifeln, Logik, vernünftigem Denken, bis zum Maximum, und es wird die Beschränkungen des Intellekts sehen. Das passiert zwangsläufig. Und wenn die Begrenzungen des Intellekts gesehen worden sind, von uns selbst erfahren worden sind, beginnen wir uns in das Darüber hinaus zu bewegen; wir fangen damit an, über das Denken hinauszugehen.

Der Glaube gehört zum Denken. Dieses sogenannte Ja-Sagen gehört zum Denken. Der Taoismus lehrt eine andere Art von Ja, die keine Angst vor dem Nein hat, eine andere Art von Vertrauen, die keine Angst vor Skepsis hat; die im Gegenteil Skeptizismus als ein Sprungbrett benutzt, die Zweifel als einen Reinigungsprozeß verwendet.

Der Wahrheit muß man vertrauen – Vertrauen ist ein Akt des Glaubens; aber jegliche Äußerung der Wahrheit muß auch getestet werden – sie zu testen ist ein Akt des Zweifels. Glaube und Zweifel dienen beide der Wahrheit – dies lehrt der Taoismus. Glauben und Zweifeln sind die beiden Flügel des Vogels, der Vertrauen heißt; wenn wir einen Flügel abschneiden, kann der Vogel nicht fliegen. Ja und Nein sind zwei Flügel; wir können sie benutzen, und wir sollten sie in ihrer Totalität benutzen. Doch niemals sollten wir unaufrichtig sein, nicht einmal im Namen Gottes.

Aufrichtigkeit ist weit wertvoller als irgendein Dogma, als irgendeine Christenheit, irgendein Hinduismus oder Islam. Echtheit ist die Grundlage. Aber aufrichtig sein bedeutet, wir müssen all dem, was in uns ist, Ausdruck verleihen. Manchmal ist es ja und manchmal ist es nein, und wir haben beides zu akzeptieren.

Wenn wir durch den ganzen Prozeß von beidem, ja und nein, hindurchgehen, ohne uns irgendein Ja aufzuzwingen, wird uns eines Tages bewußt werden, daß sie keine Feinde sind – keine Gegensätze, sondern komplementare Ergänzungen. Der Mensch ist ein Fragezeichen... und das ist ein Segen – wir können froh darüber sein. Es ist ein Segen, denn nur der Mensch ist ein Fragezeichen; kein Hund ist es, kein Baum ist es. Der Rosenstrauch ist schön, aber nicht so schön wie der Mensch, und der Mond ist schön, aber nicht so schön wie der Mensch – denn sie sind alle unbewußt. Nur der Mensch ist bewußt auf einer Suche. Und wie können wir auf der Suche sein, wenn wir nicht ein Fragezeichen in unserem Wesen haben ? Gott sendet uns mit einem Fragezeichen in unserem Sein. Wir können froh darüber sein – es ist eine große Verantwortung, ein großartiges Erbe. Also stellen wir Fragen, fragen nach und zweifeln. Und wenn wir lange genug zweifeln, werden wir beim Vertrauen anlangen. Und diese Ankunft ist unglaublich, denn sind wir bei uns selbst angekommen, es ist unsere eigene Erfahrung. Es ist kein Glauben mehr, es ist Wissen.

04.03.2006 um 21:37 Uhr

Tao 117

von: tao

Es ist ein schöner Zustand, in den man hineinkommt, wenn zum ersten Mal die Frage auftaucht: Was ist das Beobachtete und wer ist der Beobachter ? Es entsteht ein schönes inneres Feld, wenn diese Frage relevant wird.

Bei jedem Schritt werden wir nun ansatzweise die Dualität von Beobachter und Beobachtetem verlieren. Der Beobachter und das Beobachtete sind im letztendlichen Sinn, in Wirklichkeit, eins. Sie sind nur zwei, weil wir bis jetzt noch nicht fähig gewesen sind, das Eine zu sehen.

Dazu heißt es im "Das Geheimnis der Goldenen Blüte": Tao ist eins; dann teilt es sich selbst in zwei, yin und yang, Dunkelheit und Licht, Leben und Tod. Aber die Wirklichkeit ist Eins. Sie sieht aus wie zwei; es schaut aus wie zwei, weil wir sie durch das Prisma des Denkens sehen. Sein Zweisein ist eine Kreation unseres Denkens, sie ist nicht vorhanden.

Das ist genau, wie wenn wir in einer Vollmondnacht den Mond anschauen und dann einen Druck auf unser Augenlid ausüben – und plötzlich sehen wir zwei Monde. Und wir wissen, es ist ein Mond. Aber wenn wir weiter auf das Auge drücken – und wir wissen ganz genau, es ist ein Mond – können wir nun zwei Monde sehen.

Das ist exakt das, was sich abspielt. Das Denken erzeugt Dualität, denn das Denken kann das Eine nicht begreifen. Es besteht für das Denken eine immanente Unmöglichkeit, sich das Eine vorzustellen. Versuchen wir zu verstehen, warum das Denken sich das Eine nicht denken kann.

Das Denken braucht Unterscheidungen; das Eine ist unterscheidungslos. Der ganze Zweck des Denkens ist es, Dinge abzugrenzen. Das ganze Ziel des Denkens ist Dinge zu spezifizieren – dies ist eine Frau und das ist ein Mann, dies ist ein Freund und das ist ein Feind, dies ist Essen und das ist bloß ein Stein, dies ist ein Stuhl und das ist ein Tisch, dies ist die Türe und dies ist die Wand. Das ist die Funktion des Denkens: Der ganze Zweck des Denkens ist es, Unterscheidungen zu machen. Das ist sehr zweckmäßig; es muß benutzt werden.

Aber schließlich und endlich, ultimativ gesehen, wird es die Barriere. Das, was an der Oberfläche eine Hilfe ist, wird im Zentrum ein Hindernis. Denken hat keine Wahrheit, sondern nur Nützlichkeit; genau wie ein neugeborenes Kind: Kein Kind bringt ein Etikett mit sich, eine Namensplakette oder sonst irgendetwas. Es kommt einfach. Wir fragen es nicht: "Wer bist du und was ist dein Name, und von woher kommst du denn ?" Das Kind würde uns einfach anschauen und würde denken, wie dumm wir sind: "Was für einen Unsinn die da reden !" Wir fangen damit an, ihm einen Namen, eine Identität zu geben. Und wir wissen, dieser Name ist falsch, wenn auch nützlich, aber falsch; unwahr, aber zweckmäßig. Es wird diesen Namen benötigen.

03.03.2006 um 22:12 Uhr

Tao Te King 19 (1)

von: tao

"Verbannt die Weisheit, werft weg das Wissen,

und die Leute werden hundertfach profitieren;

verbannt "Humanität", legt weg "Gerechtigkeit",

und die Leute werden wieder Liebe bekommen von ihrem Umfeld;

verbannt listige Gerissenheit, legt ab "Nützlichkeit",

und die Diebe und Räuber werden verschwinden."

Die größte Schwierigkeit, Lao-tse zu verstehen, liegt in unserem Denkniveau. Es ist sehr schwierig, ihn durch unsere Denkweise zu verstehen. Lao-tses Weg, die Dinge zu betrachten, ist konträr zu unserer Art und Weise, seine Logik ist absolut entgegengesetzt. Er sieht das Leben von einer ganz anderen Dimension her. Deswegen haben all die Fragen, die wir dazu haben, mehr mit uns selbst zu tun und sehr wenig mit Lao-tse.

Wenn wir Lao-tse verstehen wollen, werden unsere Denkweise beiseite stellen müssen. Wenn wir uns Lao-tse mit unserem Blickwinkel nähern, mit unseren Worten, mit unseren vorgefaßten Meinungen, wird es schwierig zu entscheiden sein, ob er recht hat oder nicht. Nur wenn wir unsere Sichtweisen und Konzepte beiseite lassen, werden wir ihn verstehen. Dann werden wir imstande sein, zu beurteilen, ob er recht hat oder falsch liegt, aber vorher nicht. Bloß zu begreifen ist ein Hindernis, denn unsere Denkart ist eine Sache und die von Lao-tse ist genau entgegengesetzt. Das ist so, wie wenn wir Dinge mit unserem Tastsinn bestimmen würden, wohingegen er seine Augen benutzt und sieht, oder wie wenn wir unsere Augen benutzen würden und er benutzt seine Ohren. Dann wird die Sprache ganz anders, die Ausdrucksweise unterscheidet sich.

Wenn Bewußtheit zunimmt, wird Unbewußtheit auch zunehmen. Was immer wir als Bewußtsein verstehen, ist das, was Mahavir, Krishna, Buddha oder andere Größen uns erklärt haben, und diese Erklärungen haben bei Lao-tse keine Gültigkeit. Wenn in uns also Fragen auftauchen, sind das nicht unsere Fragen, sondern es sind Fragen, die aus einem konzeptuellen Strom entstehen, der in uns ist. Das regt uns auf, aber was heißt das ?

Das bedeutet: Wenn Buddha höchstes Wissen erlangt, muß wegen ihm eine Person in komplette Unempfänglichkeit verfallen. Dies weitet sich zu einem Gewaltakt aus. Wir können uns nicht einmal vorstellen, daß eine Person wie Buddha, der die inkarnierte Gewaltlosigkeit war, so etwas verursachen könnte ! Es klingt eigenartig, daß, wenn sich das Bewußtsein der einen Person weiterentwickelt, das Bewußtsein einer anderen Person zur Unempfindlichkeit absinkt, ohne sein eigenes Verschulden.

02.03.2006 um 21:55 Uhr

Tao Te King 10 (9)

von: tao

Wenn ein Kind ißt, ist es nicht nur der Körper, der ißt; bis in die Seele hinein wird noch aus dem Akt des Essens Vergnügen abgeleitet. Wenn es tanzt, tanzt seine Seele noch mit dem Körper; wenn es rennt, rennt seine Seele mit ihm. Es ist, bis jetzt noch, vereint, in sich selbst integriert. Noch hat sich kein Knacks, keine Spaltung in ihm entwickelt. Es ist immer noch ein untrennbares Ganzes.

Wir können das Glück eines Kindes oder die Liebe eines Kindes nicht mehr erleben. Es sollte eigentlich anders herum sein: Unsere größere Fähigkeit, verstärkt durch unsere Lebenserfahrungen, sollte uns dazu qualifizieren. Aber dies ist nicht so, denn der Prozeß der Erfahrung ist in uns unterbrochen worden. Wenn wir uns die Hände schütteln, dann ist es nur eine Hand, die eine andere Hand berührt. Wenn unsere Hand erschlafft, bleibt der Intellekt davon unbeeinflußt.

Einer der drei Gurus von Mahatma Gandhi war eine Person mit dem Namen Handiaro. Von ihm wird gesagt, daß wenn irgendjemand seine Hand berührte, er das Gefühl bekam, die Hand eines Toten zu berühren. Seine Freunde haben berichtet, daß wenn irgendjemand Handiaros Hand mit geschlossenen Augen berühren sollte, es schwierig für ihn war, zu sagen, ob er ein Stück Holz oder eine lebende Hand berührt hätte. Seine Hände waren bar aller Sensitivität. Vielleicht ist dies eine Übertreibung, aber es zeigt, worum es geht. Wenn die Hand lebendig ist, wenn sie sehr sensitiv ist, dann ist jedes Haar auf der Hand, jeder Pore auf der Haut, erfüllt mit einem Strom von Elektrizität. Nur dann kann der Intellekt das Erleben, die Erfahrung, die Glückseligkeit der Berührung in sich aufnehmen. Wenn die Hand leblos ist, erreicht keine Botschaft den Intellekt, denn der Intellekt hat kein eigenständiges Medium, keinen direkten Weg. Die Sinne sind die Tore der Intelligenz und der Körper ist das Medium der Seele. Der Körper ist die Ausdehnung der Seele hinein in die Welt der Materie. Wenn wir Feinde unserer Körper werden, trennen wir all unsere Verbindungen zur Welt. Unsere Verbindung zur Existenz bricht auch ab, in demselben Maß wie es unsere Verbindung zum Körper tut. Wir leben, aber da ist immer eine Distanz zwischen uns und der Existenz. Wir können hingehen, wo immer wir wollen, dieser Abstand bleibt immer. Wenn wir lieben, bleibt diese Distanz, wenn wir freundlich oder nett sind, bleibt dieser Abstand bestehen; was immer wir tun, diese Distanz bleibt und es ist sehr schwierig, sie zu durchkreuzen. Lao-tse sagt: "Dualität formt sich in uns wegen dieser Ungleichheit zwischen den Sinnen und der Intelligenz." Diese Verschiedenheit ist jedoch auch nützlich. Distanz sollte einmal gebildet und ein andermal gebrochen werden. Darum hat Jesus gesagt: "Nur diejenigen, die wie Kinder geworden sind, können das Königreich Gottes betreten."

01.03.2006 um 21:24 Uhr

Tao 116

von: tao

Nicht nur, daß ein Unterschied zwischen Disziplin und Kontrolle besteht,

es ist ein gewaltiger Unterschied:

Disziplin und Kontrolle sind polare Gegensätze.

Kontrolle kommt vom Ego her, Disziplin kommt vom Nicht-Ego;

Kontrolle heißt, sich selbst zu manipulieren,

Disziplin bedeutet, sich selbst zu verstehen;

Disziplin ist ein natürliches Phänomen, Kontrolle ist unnatürlich;

Disziplin ist spontan, Kontrolle ist eine Art von Unterdrückung.

Disziplin bedarf nur des Verstehens –

wir erkennen und wir handeln gemäß unseres Verständnisses.

Disziplin hat kein Ideal, dem sie folgt,

Disziplin hat kein Dogma, dem sie folgen muß,

Disziplin ist nicht perfektionistisch –

Disziplin leitet uns nach und nach hin zu einem Ganzsein.

Kontrolle ist perfektionistisch, sie hat ein Ideal, das erreicht werden soll;

wir haben eine Idee in unserem Denken darüber, wie wir sein sollten.

Kontrolle hat viele "ich sollte" und viele "ich sollte nicht",

Disziplin hat keine.

Disziplin ist ein natürliches Verstehen, ein Erblühen.

Allein schon das Wort "Disziplin" kommt von einer Wurzel

die "lernen" bedeutet.

Ein Schüler ist jemand, der bereit ist, zu lernen – und Disziplin

ist diejenige Fähigkeit zur Offenheit, die ihm zu lernen hilft.

Disziplin hat nichts mit Kontrolle zu tun.

Tatsächlich ist ein diszipliniertes Denken

niemals ein Denken, das in den Begriffen von Kontrolle denkt,

dafür besteht gar keine Notwendigkeit.