Taoistische Reflektionen

10.04.2006 um 13:53 Uhr

Ko Hsuan 3 (16)

von: tao

Warum sind all die Buddhas, über die man spricht, Männer gewesen ? Warum nicht Frauen ? Der einfache Grund dafür ist, daß die Herangehensweise des weiblichen Denkens total anders ist. Sie können keine Buddhas sein. Sie können Meeras, Magdalenas, Lallas und Rabias sein, aber sie können nicht Buddhas sein. Ihre Einstellung ist zwangsläufig anders. Meera wird nicht in einer intellektuellen Art und Weise reden; sie wird singen. Ihr Singen, ihr Tanzen hat ein total anderes Aroma. Sie wird nicht argumentieren – das Argument ist nicht der Weg des weiblichen Denkens; ihr Argument wird ihr Tanz sein, ihr ekstatischer Tanz. Wenn man ihren Tanz sehen kann, wen man ihr Tanzen fühlen kann ... nicht verstehen, denn Tänzer können nicht verstanden werden, sie können nur gespürt werden, sie können nur erlebt werden. Meeras Worte werden sehr instinktiv sein.

Zum Beispiel hat Freud all die weiblichen Mystiker, von denen er wußte, sehr scharf verurteilt. Er wußte nie von Meera, ansonsten würde er sie am meisten verurteilt haben. Er wußte von der heiligen Theresa; er hat sie verurteilt, weil sie davon redet, daß sie mit Christus verheiratet ist. Das ist schon genug für Freud, seine ganze Sexualtheorie hereinzubringen. Das reicht schon – mehr braucht er nicht. Verheiratet ? Das bedeutet, diese Frau leidet an irgendeiner sexuellen Perversion. Sie muß ihre Sexualität unterdrückt haben, und weil sie keine sexuelle Beziehung mit einem wirklichen Mann haben kann, setzt sie nun ihre Hoffnung auf einen unwirklichen Mann im Himmel – jemand genannt Christus, der Sohn Gottes. Nun versucht sie also sich eine Liebesaffäre mit Christus zu erschaffen.

Es ist wirklich ein Unglück, daß Freud niemals etwas von Meera wußte. Hätte er von ihr erfahren, er selbst hätte einen Freudentanz aufgeführt ! Denn Meera verwendet solche Allegorien: "Mein Herr, mein Geliebter, wann wirst du endlich kommen ? Ich habe das Bett schon vorbereitet ! Ich habe das Bett mit Rosen präpariert und ich warte ! Und die Nacht geht vorbei und du bist noch nicht gekommen. Und ich schluchze und weine nach dir ! Wann wirst du kommen und Liebe mit mir machen ?"

Nun spricht sie nicht einmal auf eine indirekte Art und Weise, sie redet ganz direkt. Freud würde die ganze Sache wörtlich genommen haben; das ist seine Technik. Er kann beweisen, daß all diese Mystikerinnen pervers sind. Tatsächlich ist er selbst pervertiert, denn er kann überhaupt nicht das weiblichen Denken verstehen.

Das ist einer der Gründe, warum Jung ihn verlassen mußte, aus dem einfachen Grund, weil sein ganzes Verstehen einfach intellektuell war; da gab es nichts Intuitives darin. Und Jung hatte ein weiblicheres Denken, eine tiefergehende Kapazität, sich einzufühlen.

09.04.2006 um 16:24 Uhr

Tao 128

von: tao

Das Wort "Scheiße" ist schmutzig, da es von Leuten benutzt wird, die arbeiten, die das gewöhnliche Leben leben. Es kommt nicht aus den Elfenbeintürmen einer Universität. Aber es ist authentischer und sagt viel mehr aus als wenn wir stattdessen beispielsweise "Rationalisierung" oder "Kompensation" verwenden würden. Die Worte, die von Professoren geprägt wurden, sind immer anämisch, blutleer. Es sind tote Worte – klinisch, aber sie besagen nicht viel; anstatt etwas auszusagen, verbergen sie mehr. Man kann sagen, allein schon das Wort "Rationalisierung" ist eine Rationalisierung: es wird benutzt um das Wort "Scheiße" zu vermeiden.

Mulla Nasruddin unterhielt sich mit einem Mann und sagte: "Meine Frau hat ein ganz schlimmes Gedächtnis."

Und der Mann fragte: "Meinst du, daß sie alles vergißt ?"

Mulla Nasuddin sagte: "Nein, sie erinnert sich an alles !"

Schriften haben nichts spezielles an sich, seien es nun die Bibel, der Koran oder die Gita. Man kann sie lesen, wie man einen Roman liest, sie sind uralte, schöne Geschichten. Antike Kriminalromane, sonst nichts, in der Bibel kann man schöne Geschichten finden – voll an Spannung. Alles wird da geboten: Liebe, Leben, Mord, alles ist da. Es ist ganz sensationell. Schriften sind so heilig wie die Bäume und die Felsen und die Sterne – oder genauso säkular, genauso weltlich.

Wenn wir zu einem christlichen Priester gehen, dann zitiert er die Schrift, seine Betonung liegt auf der Schrift. Er ist ganz buchstabengetreu, er muß es sein – er selbst ist sekundär, die Schrift ist primär. Er ist ein Zeuge für die Schrift. Mit Taoisten ist das genau umgekehrt: Die Schrift ist bloß ein Zeuge für ihn. Was er auch immer zu sagen hat, nur das hat er zu sagen. Wenn er das Gefühl hat, daß eine Schrift ein Zeugnis dafür sein kann, dann benutzt er sie. Und er kann immerfort mit der Schrift spielen, manchmal auf die eine Weise, manchmal auf die andere Weise. Er versucht nicht die Schrift zu beweisen – daß die Schrift immer recht hat – er benutzt sie einfach als Illustration. Sie ist zweitrangig, man kann sie vergessen; nichts geht damit verloren. Ein Taoist hat sich nicht an seine Schriften anzupassen, sie haben sich an ihn anzupassen. Und dies sollte immer so sein: Das Tote sollte existieren für das Lebendige und sich an das anpassen, was lebt. Warum sollten sich die Lebenden an die Toten anpassen ? Die Vergangenheit hat sich an die Gegenwart anzupassen, nicht andersherum. Schriften sind alle bloß Geschichten und eigentlich ist das die Grundeinstellung: Das ganze Leben ist eine Fiktion, es ist maya, es ist ein Traum. Jesus und Buddha und Krishna und ich und du, wir sind Teile eines großen Traums – Gott träumt. Wir brauchen all dies nicht zu ernst zu nehmen. Die Gelehrten nehmen es zu ernst.

08.04.2006 um 16:15 Uhr

Tao Te King 1 (13)

von: tao

Die Existenz nimmt keine Rücksicht auf irgendjemands Besitz. Sogar zur Zeit der Geburt leiden wir nur an einer Illusion, daß wir geboren werden. Die Existenz akzeptiert keine Besitzerschaft von anderen; Objekte tun dies auch nicht. Es ist die Zuschreibung von Namen, mit der das Eigentumsrecht beginnt; dadurch werden auch Objekte gebildet. Die Objekte sind das eine Endergebnis und Eigentum das andere. Wo immer Besitz ist, da muß ein Objekt sein. Da macht es keinen Unterschied, ob dieses Objekt materiell oder individuell ist. Besitzerschaft beginnt so bald wie man sagt "Das gehört mir". Dann verliert dieses spezielle Ding seine Existenz und wird zu einem Objekt. Wir leben umringt von Objekten, und der Erzeuger von allen Objekten, sagt Lao-tse, ist der Prozeß der Benennung. Es gibt eine ganz süße Geschichte über Lao-tse, die oft erzählt wird: Lao-tse ging eines Morgens mit einem Freund spazieren. Er war ein alter Freund von Lao-tse und kannte sehr wohl seine Liebe zum Schweigen. An diesem speziellen Morgen hatte es sich ergeben, daß er noch einen Gast mitgebracht hatte. Nun begann dieser Freund nach einer Weile sich unbehaglich zu fühlen, denn weder Lao-tse noch sein Gastgeber sprachen ein einziges Wort. Endlich konnte er nicht mehr an sich halten. Er sagte: ""Schaut, der Morgen ist so schön !" Weder Lao-tse noch sein Freund schenkten ihm irgendeine Beachtung. Er wurde umso unruhiger. Es wäre besser gewesen, wenn er gar nichts gesprochen hätte ! Dann kehrten sie alle um und gingen wieder nach Hause. Bevor sie sich wieder verabschiedeten, flüsterte Lao-tse seinem Freund zu: "Bring deinen Freund nicht wieder mit. Er ist sehr redselig." Selbst der Freund war bestürzt über diese Bemerkung, denn schließlich hatte der arme Mann nur einen einzigen kleinen Satz gesprochen im Verlauf von einundeinhalb Stunden ! Am Abend kam der Freund wieder zurück zu Lao-tse und sagte: "Vergib mir, daß ich dich das frage, aber ich war völlig durcheinander durch deine Aufforderung von heute morgen. Mein Gast machte eine einzige Bemerkung – daß es ein schöner Morgen sei – und du sagtest, er spräche zu viel ?" Lao-tse erwiderte: "Gib allem ein Attribut, eine Eigenschaft, und die Dinge sind zerstört. Der Morgen war sehr, sehr schön – solange wie dein Freund noch nicht gesprochen hatte !" Es wird schwierig sein, dies zu verstehen. Lao-tse sagt: "Der Morgen war sehr schön, solange dein Begleiter noch nichts gesagt hatte. Bis dahin war die Schönheit des Morgens ungeheuer und endlos. Es gab kein Ende dafür. Sie dehnte sich immer weiter aus in den weiten Weltraum hinein, aber so bald wie dein Freund kommentierte: "Der Morgen ist schön", zog sie sich zusammen und wurde klein. Die Worte deines Freundes zogen eine Grenzlinie um die ganze Aussicht herum. Er war zu weit gegangen und hatte alles zerstört. Und wenn der Morgen so schön war, war es eine unschöne Geste, dies zu kommentieren. Inmitten einer solch herrlichen Schönheit zu sprechen ist eine Beleidigung, eine Verhinderung. Ich sage dir, dein Freund wußte nichts von Schönheit, er versuchte nur Konversation zu machen. Wer von Schönheit weiß, verstummt selbst mitten in einer Konversation allein wegen ihrer beeindruckenden Wunderbarkeit. Wenn Schönheit von allen Seiten her um uns ist, ist die Wirkung überwältigend, die Ohren werden still, sogar das Herz scheint kaum noch zu schlagen: Alles wird still und bewegungslos. Wir wurden still, aber dein Freund brach das Schweigen, denn er wußte nichts von Schönheit, er wußte nicht einmal etwas darüber, wie man einen Morgen erlebt. Er suchte bloß nach einer Ausflucht, um reden zu können."

07.04.2006 um 23:17 Uhr

Tao Te King 4 (14)

von: tao

Es ist die hartnäckige Anstrengung unseres Denkens, jemanden zu dominieren. Warum ? Es ist so, weil wir, wenn wir das tun, das Gefühl haben, wir sind auch wer. Wir sind uns unseres Wesens kaum bewußt, es sei denn, wir unterdrücken jemanden. Je größer die Zahl der Leute ist, die ich im Griff habe, ein desto größerer Typ werde ich. Wir haben keinen anderen Maßstab, die Größe einer Person zu messen. Wieviele werden darunter leiden, wenn er den Druck verstärkt ? So groß ist dann der Mensch ! Wir sind damit beschäftigt, soviele Menschen in unseren Griff zu bekommen, wie wir nur können. Und es ist nicht so, daß nur der Feind uns in den Würgegriff nimmt; diejenigen, die wir Freunde nennen, auch sie haben schon ihre Daumen an unseren Hälsen. Und der Griff des Gegners mag manchmal nachlassen und sich lockern – nicht so der der Freunde ! All jene, die mit uns verwandt sind, auch die, sind immer dabei, uns zu testen und zu überprüfen, ob sie uns noch im Griff haben. In dem Moment, in dem sie spüren, daß ihr Griff lockerer wird, sind sie schon von Angst erfüllt, ihre Kontrolle über uns zu verlieren ! All das sind unsere Dornen. Dies sind unsere Gewalttätigkeiten. Lao-tse sagt: "Entschärft eure scharfen Ecken." Wenn wir in Richtung Leere vorankommen wollen, werden wir diese Kanten zerstören müssen, wir werden sie aufgeben und beiseite lassen müssen. Aber wer kann dies tun ? Nur diejenige Person, die willens ist, in Unsicherheit zu leben. Wir halten uns einen bewaffneten Wächter an unserer Türe, denn wir wollen Schutz und Sicherheit. Dieser Bodyguard steht dafür, wie wir auf subtile Weise überall um unsere Individualität herum Verteidigungsmechanismen aufstellen. Das kann dazu führen, daß jemand immer liebevoll ist, wenn er seine Freunde trifft und immer lächelt, wenn er sie grüßt. Aber niemals wird man ihn seine Frau oder seinen Sohn oder seine Angestellten anlächeln sehen. Wenn seine Untergebenen um ihn herum sind, ist er ein völlig anderer Mensch – dann benimmt er sich, als wenn niemand im Raum wäre. Würde man ihn fragen, was der Grund dafür sei, dann würde er vielleicht antworten: "Ich muß auf der Hut sein. Wenn ich einem Untergebenen zulächle, dann kommt der auf die Idee, mich um eine Gehaltserhöhung zu bitten. Wenn ich meine Frau anlächle, dann nutzt sie das gleich aus, um von mir noch ein weiteres sündhaft teures Kleid zu fordern, und wenn ich meinen Sohn anlächle, hat der sofort seine Finger in meiner Brieftasche ! Also trage ich diese Maske der Strenge, diese rauhe Schale, zu meinem Schutz mit mir herum. Das ist ein Sachzwang und obwohl es schwierig ist, dies aufrechtzuerhalten, hält es mir so den Sohn auf Distanz und auch die Untergebenen haben Angst vor mir." "Aber was wirst du durch diese Verteidigungsmaßnahme gewinnen oder verlieren ?", könnte man ihn fragen. "Hast du darüber schon mal nachgedacht ? Wenn du heute stirbst, werden die Angestellten dein Büro nicht mehr betreten. Deine Frau wird nicht mehr von dir Kleider fordern und dein Sohn wird dir nicht mehr auf der Tasche liegen. Sie werden gehen und deinen Körper aus dem Haus entfernen lassen. So lange wie du am Leben bist, besteht Unsicherheit. In dem Moment, in dem du tot bist, wirst du sicher sein. Es gibt in dieser Welt nichts sichereres als einen Leichnam. Sogar der Tod kann einem toten Menschen nichts mehr antun; keine Krankheit kann ihm noch Probleme machen. Da kann man nichts mehr machen – es ist jenseits all dessen, was man tun kann."

06.04.2006 um 23:59 Uhr

Tao Te King 71 (5)

von: tao

Kontinuierlich vierundzwanzig Stunden am Tag

in jeder Beziehung haben wir eine andere Rolle zu spielen.

Nichts ist falsch daran, ein schönes Drama –

wenn wir nicht darin stecken bleiben.

Es muß gespielt werden, das Leben ist ein großes Drama.

Im Osten haben sie es das Leela des Göttlichen genannt,

das Spiel Gottes.

Es ist ein Spiel;

man muß viele Rollen spielen

aber man braucht sich nicht auf irgendeine Rolle zu fixieren.

Und, man sollte immer frei von allen Rollen bleiben;

Rollen sollten wie Kleider sein – wir können jederzeit aus ihnen herausschlüpfen.

Wenn diese Fähigkeit beibehalten wird, dann stecken wir noch nicht fest,

dann können wir eine Rolle spielen – nichts ist verkehrt daran.

Soweit wie das geht, ist es schön,

aber wenn es unser Leben wird

und wir nichts darüber hinaus kennen,

dann ist es gefährlich.

Dann spielen wir laufend tausendundein Spiel im Leben und wir kommen niemals in Kontakt zum Leben.

Fritz Perls nennt das die Schicht des bullshit, des Kuhfladens.

Eine sehr große Schicht.

Viele Leute sind darin gefangen; bis zum Hals sind sie voll mit Kuhscheiße.

Sie tragen die ganze Last der Welt, als wenn die ganze Welt von ihnen abhängen würde.

Wenn sie nicht wären, was würde dann mit der Welt passieren ?

Das Chaos würde ausbrechen.

Alles würde zerstört werden, wenn es sie nicht gäbe – sie sind es, die die Ordnung aufrecht erhalten.

Diese Leute sind sehr krank.

05.04.2006 um 19:38 Uhr

Tao 127

von: tao

Es hängt von der natürlichen Neigung jeder Person ab, wie er seine Ansichten darlegt. Lao-tse und Buddha haben einen Hang zum Negativen: Nicht dies, nicht das. Wenn sie etwas zu sagen haben, werden sie sagen: "Sag nur das, was nicht ist." Wenn sie es tun könnten, würden sie vorziehen, durch ihr Schweigen zu sprechen.

Es hängt also von jeder Person ab. Meera konnte nicht still bleiben und Mansur auch nicht, und doch waren sie jeder unterschiedlich in ihrer eigenen Art und Weise. Chaitanya konnte nicht still bleiben. Er mußte singen und tanzen, und es der Welt verkünden. Seine Deklaration war nicht gemacht, sie ereignete sich.

Die eine Person kann still sitzen. Als bei Buddha die Erkenntnis dämmerte, war er acht Tage lang still. Es gibt eine nette Geschichte, die darüber erzählt wird. Es wird gesagt, als die Devas sahen, daß Buddha still geworden war, gingen sie zu ihm und warfen sich zu seinen Füßen nieder und flehten ihn an, nicht in das Schweigen zu gehen, denn, so sagten sie, in einhundert Äonen erreicht nur ein einziges Individuum diesen höchsten Zustand. Seit zahllosen Geburten hat es welche gegeben, die schon die Ankunft eines Buddha erwarteten. Wenn er nun in das Schweigen gehen sollte, wer würde dann deren Durst stillen ?

Sogar dann noch stand Buddha nicht der Sinn danach zu sprechen, denn er sagte. "Ich weiß nicht, was ich sagen sollte. Was immer ich sage, wird zwangsläufig falsch sein. Worte sind falsch, Schweigen ist wahr. Diejenigen, die Schweigen verstehen können, werden es verstehen." Aber wenn die Leute nur durch Stille verstehen könnten.... Der Himmel schweigt, die Sonne, der Mond, die Sterne, die Flüsse und Berge, die Bäume und die Blumen sind alle still. Überall um uns herum ist der Bereich des Schweigens. Aber wer versteht schon durch die Stille ? Buddhas Schweigen würde also auch unbemerkt bleiben.

Die Devas sagten: "Bitte sprich. Egal, auch wenn Worte nichts vermitteln, wenn Leute nicht verstehen. Wenn einer von Hundert deine Botschaft begreift, ist das genug."

Buddha sagte: "Es gibt Leute, die werden meine Worte korrekt verstehen, aber die werden mich verstehen, sogar wenn ich nicht spreche. Es gibt andere, die werden meine Worte falsch interpretieren, es gibt keinen Grund für mich, für die zu sprechen. Laßt mich still bleiben."

Aber die Devas hatten auch ein Argument vorzubringen. "Du hast recht", sagten sie, "aber es gibt in dieser Welt auch noch eine dritte Kategorie von Leuten. Das sind diejenigen, die sich zwischen den ersten beiden Typen befinden. Wenn du nicht sprichst, werden die niemals verstehen. Wenn du sprichst, werden sie verstehen. Sie stehen am Rand. Ein kleiner Schubs und sie werden bereit sein, zu springen. Bitte sprich um dieser Leute willen."

04.04.2006 um 23:59 Uhr

Goldene Blüte 3/10 (7)

von: tao

Mit der Idee des Ich ist es genau so, wie wenn man eine Fackel in die Hand nimmt und beginnt, die Fackel in der Hand zu drehen, sie kreisen und rotieren zu lassen. Dann wird man einen feurigen Kreis sehen, den es nicht gibt. Aber die Fackel bewegt sich so schnell, daß sie einen illusionären Feuerkreis erzeugt, das erschafft die Illusion eines Kreises aus Feuer. Er ist nicht da. Die Gedanken bewegen sich so schnell, daß sie die Idee des Ich erzeugen. Lü-tse sagt, man muß sich vom selbstbewußten Herzen zum unselbstbewußten Herzen bewegen: Man muß sich vom Ego zur Egolosigkeit bewegen, man muß sich vom Selbst zum Nicht-Selbst bewegen. Das Selbst ist der manifestierte Teil – winzig, sehr klein, vergröbert. Das Nicht-Selbst ist der unmanifestierte Teil – unbegrenzt, ewig. Das Selbst ist ein temporäres Phänomen, eines Tages geboren, wird es eines Tages sterben müssen. Das Nicht-Selbst, das Buddha anatta nennt, das Unselbst, ist Teil der Ewigkeit – niemals geboren und es wird niemals sterben – es bleibt für immer.

"Innerhalb unseres 1,83m großen Körpers müssen wir nach der Form streben

die schon existierte, bevor Himmel und Erde errichtet wurden."

Und innerhalb unseres 1,83 m großen Körpers haben wir diese ursprüngliche Qualität immer noch lebendig, sie vibriert immer noch – diese originale Eigenschaft, die da war, bevor Himmel und Erde gemacht wurden. Die Zenleute nennen es "das ursprüngliche Gesicht": Als noch nichts geboren worden war – nicht einmal die Erde, nicht einmal der Himmel – alles war unmanifestiert; als alles noch Schweigen war, kein Ton war schon geboren; als keine Form da war und alles war formlos, alles war in Keimform. Wir haben diese ursprüngliche Stille in uns. Die Hindus nennen sie anahat nad. Die Zenbuddhisten haben auch einen speziellen Ausdruck dafür: "Den Ton einer klatschenden Hand". Das ist in uns, es ist unsere Realität. Dies zu kosten heißt unsterblich zu werden, es zu schmecken bedeutet, golden zu sein. Dann ist der Staub in das Göttliche transformiert. Das Ziel aller Alchemie ist das niedrigere Metall in Gold zu transformieren.

"Wenn heutzutage die Leute sitzen und nur ein oder zwei Stunden meditieren,

wobei sie nur auf ihre Egos schauen und dies Reflektion nennen,

wie kann irgendetwas dabei herauskommen ?"

Man kann in Meditation sitzen und nur auf das eigene Ego schauen. Das ist es, was die Leute Kontemplation nennen: Sie schauen in ihre Gedanken, sie verändern nicht die Gestalt, die Perspektive ihrer Aufmerksamkeit. Alles, was ihnen passiert, ist: Gewöhnlich sind sie mit so vielen Dingen beschäftigt, daß sie nicht in ihre Gedanken schauen können.

03.04.2006 um 23:59 Uhr

Tao Te King 9 (6)

von: tao

Theorie ist sehr roh und grob; Erfahrung ist sehr subtil.

Jeder Seiltänzer kann eine Theorie aus seinem Auf-dem-Seil-Gehen machen

aber bloß durch das Verstehen der Theorie -- wir können die Theorie perfekt verstehen

wir können geprüft werden und wir können die volle Punktzahl bekommen –

denkt ihr, daß ihr dann imstande sein werdet, auf diesem Seil zu gehen

bloß weil ihr den theoretischen Hintergrund dafür verstanden habt ?

Nein, das würde nichts helfen. Es ist keine Wissenschaft.

Es ist nicht einmal eine Kunst –

denn Kunst kann nachgemacht werden und das Know-How kann niemals imitiert werden.

Man muß den richtigen Dreh heraushaben.

Kunst ist etwas, das wir außerhalb von uns betreiben:

Wir malen ein Bild, wir machen ein Gedicht, wir tanzen,

wir tun etwas, was sichtbar ist, was nachgemacht werden kann.

Sogar Picasso kann imitiert werden.

Aber Taoismus kann niemals imitiert werden,

es ist nichts außerhalb von uns, es ist etwas in uns.

Wir können einen Picasso nachmachen, einen Michelangelo,

aber wie können wir einen Lao-tse imitieren ?

Wir spüren, da ist etwas, aber es entzieht sich uns.

Wir wissen, er weiß etwas

aber wir können es nicht festmachen, wir können es nicht herauskriegen.

Es ist der gewisse Kniff, der richtige Dreh.

Was ist dann ein Dreh ?

Dieses Gewußt-Wie kommt, wenn wir viele Dinge tun durch Versuch und Irrtum –

fallen und wieder aufstehen, in die Irre gehen und wieder zurückkommen,

tausende von Experimenten in Sachen Leben,

und dann plötzlich eines Tages haben wir den richtigen Dreh heraus.

02.04.2006 um 23:59 Uhr

Tao 126

von: tao

Unser Marktplatz ist ein Marktplatz, und unser Tempel ist auch Teil davon. Unsere diesseitigen Wünsche sind weltliche Sehnsüchte, aber unsere jenseitigen Wünsche sind auch Sehnsüchte und weltlich. Tatsächlich kann es gar keine überirdischen Wünsche geben.

Verlangen als solches ist weltlich. Sehnsucht bedeutet diese Welt.

Es gibt eine Anekdote aus dem Leben eines Sufis:

Ein großer Mystiker, der still für sich lebte, wurde eines Tages plötzlich von einem Boten Gottes geweckt.

Der Bote sagte: Deine Gebete sind angenommen worden. Nun ist das Höchste Wesen, der Schöpfer, sehr glücklich mit dir. Du kannst dir etwas wünschen, und was auch immer dein Begehr, es wird erfüllt werden. Bitte nur und es wird augenblicklich erfüllt werden.

Der Mystiker war ein wenig durcheinander und sagte dann: Du kamst ein wenig spät. Als ich noch Dinge brauchte, als ich viele Wünsche hatte, bist du nie gekommen. Nun habe ich kein Verlangen, ich habe mich akzeptiert, ich fühle mich total wohl mit mir, ich bin daheim mit mir. Nun kümmert es mich nicht eimal, ob Gott existiert oder nicht, ich bete nicht zu ihm. Ich bete, weil es sich gut anfühlt. Ich habe überhaupt aufgehört, über ihn nachzudenken. Mein Gebet ist nicht mehr an irgendjemanden gerichtet; ich bete einfach, so wie ich atme. Das ist so schön, daß es irrelevant ist, ob es Gott gibt oder nicht. Du kamst ein wenig spät, ich habe nun keinen Wunsch mehr.

Aber der Engel sagte: Dies wird Gott gegenüber beleidigend sein. Wenn er sagt, du kannst dir etwas wünschen, dann hast du dir etwas zu wünschen.

Der Mann war ratlos, er zuckte mit den Schultern und sagte: Aber was soll ich denn erbitten ? Kannst du mir etwas vorschlagen ? Ich habe alles akzeptiert und ich bin völlig erfüllt. Du kannst höchstens losziehen und Gott sagen, daß ich dankbar bin. Richte ihm meinen Dank aus, weil alles so ist, wie es sein sollte. Nichts fehlt, alles ist perfekt. Ich bin glücklich und selig, und ich weiß nicht, was im nächsten Moment sein wird. Dieser Moment ist alles, ich bin erfüllt. Geh nur und richte ihm meinen Dank aus.

Aber der Engel war stur. Er sagte: Nein, du wirst ihn um etwas bitten müssen – bloß aus Höflichkeit. Sei doch etwas einsichtig.

Da sagte der Mann: Wenn du darauf bestehst, dann bitte Gott, mich so wunschlos zu erhalten, wie ich bin.

Gib mir nur das eine – Wunschlosigkeit.

01.04.2006 um 23:59 Uhr

Tao 125

von: tao

Wir denken, daß der Nabel und der Scheitelpunkt (Sahasrar) weit entfernt voneinander sind: Der eine im Bauch, der andere im Kopf. Wenn wir eine gerade Linie ziehen würden, wäre es eine beträchtliche Distanz zwischen den beiden Punkten. Aber wenn wir über den feinstofflichen Körper reden und nicht über den grobstofflichen Körper, dann wird im subtilen Körper statt einer Linie ein Kreis geformt. Dort sind sich der Kopf und der Nabel ganz nahe. Der subtile Körper ist der Energiekörper. Er ist nicht aus Materie gemacht, sondern aus Energie. Hier liegen diese beiden Extremitäten nahe beieinander. Lao-tse sagt: "Geh zurück zur ersten äußersten Grenze." Yoga sagt: "Gehe zur letzten äußersten Grenze." Es gibt zweierlei Leute. Deswegen sind diese beiden Methoden nützlich. Es gibt einige Leute, die es sehr schwierig finden, zurück ganz nach unten zu gehen, speziell diejenigen, die ein männliches Denken haben. Lao-tse ist mit dem weiblichen Denken beschäftigt. Der Mann möchte immer nach vorne gehen und niemals umkehren. Aber dies bedeutet nicht, daß es für das männlichen Denken keinen Weg gibt, die Wahrheit zu erreichen. Es gibt einen Weg, aber Lao-tse befürwortet diesen Weg nicht. Er ist ein Vertreter der weiblichen Herangehensweise. Er sagt: "Verfolge deine Schritte zurück, komm zurück." Wenn es eigentlich darum geht, zu springen, warum dann die Mühe auf sich nehmen, nach vorne zu gehen ? Außerdem bedarf es keiner Anstrengung, zurückzugehen, wohingegen große Anstrengung nötig ist, um weiter nach vorne zu gehen. Um weiter nach vorne zu kommen, müssen wir Energie einsetzen, wohingegen alles, was wir zu tun haben, um zurückzugehen, ist, damit aufzuhören, von unserer Energie Gebrauch zu machen. Diejenigen, die ungekünstelt und einfach sind trotz ihrer Disziplin, für die ist der Weg des Yoga. Es ist erstaunlich, die großartige Tradition des Yoga zu betrachten, die in Indien erschaffen wurde. Sehr viele Methoden der Disziplin sind entwickelt worden, aber bei all dem ist kein einziger Gedanke an das weibliche Denken verschwendet worden, Diese Tradition ist also nur halb entwickelt. Es ist wegen diesem Übergewicht des maskulinen Denkens, daß alle Inkarnationen Gottes männlich gewesen sind. All die Tirthankaras der Jainas sind männlich gewesen, genauso wie Buddha, Krishna und Rama. Es gibt nirgendwo die Erwähnung einer einzigen weiblichen Inkarnation oder eines weiblichen Tirthankara. Tatsächlich glaubt man, und dieser Glaube wird sich in jedem fest verwurzeln, wenn er konsequent dem männlichen Denken folgt, daß Verwirklichung nicht in einem weiblichen Körper erreicht werden kann. Die Frau muß deswegen, so glaubt man(n), als ein Mann wiedergeboren werden, damit für sie die Befreiung möglich werden kann. Ein Tirthankara der Jainas, Mallinath, war eine Frau: Mallibai. Aber die Jainas können nicht glauben, daß eine Frau Erleuchtung erlangen kann, also veränderten sie ihren Namen in Mallinath. Der eine fundamentale Streitpunkt zwischen der Svetambara-Sekte und der Digambara-Sekte der Jainas ist der, daß die ersteren behaupten, daß sie Mallibai war, wohingegen die letzteren darauf bestehen, es war Mallinath. Dies ist ein eigenartiger Disput, wo es nur um das Geschlecht einer Person geht. Es ist fast sicher, daß sie eine Frau war, aber die traditionelle Denkrichtung konnte nicht akzeptieren, daß eine Frau die Befreiung (moksha) erreichen konnte, denn das indische Konzept ist immer vom männlichen Denken beeinflußt gewesen.