Tao 136
Der Taoismus ist nicht abhängig davon, daß man an ihn glaubt. Wir können nicht an ihn glauben. Der Taoismus kennt kein Glaubenssystem. Im Taoismus gibt es kein "Du sollst glauben". Das machen andere Religionen. Taoismus ist das Aufgeben aller Glaubenssysteme. Dann entsteht eine total neue Art von Vertrauen – das Vertrauen in das Leben. Glaube bedeutet das Glauben an Konzepte. Konzepte sind über das Leben. Vertrauen hat nichts mit Konzepten zu tun. Vertrauen ist unmittelbar, direkt, mitten im Leben, nicht über das Leben. Der Glaube ist weit weg vom Leben. Je stärker der Glauben, desto größer die Barriere. Taoismus ist weder ein Glaube noch ein Unglaube, sondern das Loslassen aller Gläubigkeit und aller Ungläubigkeit. Wenn wir alles Glauben und alles Anzweifeln fallen lassen und wenn wir unmittelbar sind, im Kontakt mit dem Leben, entsteht ein Vertrauen, ein großes "Ja" entsteht in unserem Wesen. Dieses "Ja" transformiert, verwandelt völlig.
Taoismus ist also kein Glaubenssystem. Wenn wir uns dem Taoismus durch die Türe des Glaubens nähern, werden wir in einer Philosophie landen, in einer Religion, in einer Kirche, in einem Dogma, aber wir werden niemals beim Leben ankommen. Das Leben ist einfach. Es ist keine Doktrin, die von jemandem gepredigt wird. Das Leben ist einfach da, überall um uns herum, innen und außen. Einmal, wenn wir nicht durch Worte, Konzepte und Verbalisierungen hindurchschauen, enthüllt es sich uns; alles wird so kristallklar, so transparent. In dieser Transparenz sind wir nicht getrennt davon – wie kann man da noch daran glauben oder nicht daran glauben ? Wir sind es. Das ist der Weg des Taoismus: Tao zu werden.
Haben wir erst einmal aufgehört, uns in unser eigenes Leben einzumischen, haben wir damit auch Schluß gemacht, uns in das Leben anderer einzumischen. Wenn wir uns immer weiter in unser eigenes Leben einmischen, mischen wir uns auch zwangsläufig in das Leben anderer ein. Das ist bloß eine Widerspiegelung, das ist bloß ein Schatten. Wenn wir uns nicht mehr in unser eigenes Leben einmischen, dann verschwindet plötzlich alles Einmischen, denn das ist absurd. Das Leben geht doch schon dahin, wohin es gehen muß, warum sich da noch einmischen ? Der Fluß fließt doch schon zum Meer, warum sich einmischen ? Warum ihn dirigieren ? Wenn wir damit beginnen, den Fluß zu begradigen, töten wir ihn – er wird zum Kanal. Dann ist er kein Fluß mehr, dann ist das Leben verschwunden, dann ist er ein Gefangener. Dann können wir ihn überall dahin zwingen, wo wir ihn haben wollen, aber da wird kein Lied und kein Tanz mehr sein; es wird ein Leichenzug sein. Der Fluß war lebendig, der Kanal ist tot. Der Kanal ist bloß noch dem Namen nach ein Fluß. Er ist kein Fluß mehr, denn ein Fluß zu sein bedeutet frei zu sein, zu fließen, zu suchen, der eigenen inneren wesenhaften Natur zu folgen.
