Taoistische Reflektionen

11.05.2006 um 16:19 Uhr

Tao Te King 18 (1)

von: tao

"Beim Niedergang des großen Tao,

entstanden die Grundsätze von Humanität und Gerechtigkeit.

Als Wissen und Klugheit auftauchten,

folgte große Heuchelei in ihrem Gefolge.

Als die sechs Beziehungen nicht mehr in Frieden lebten,

gab es (die Propaganda für) "liebende Eltern" und "treue Söhne".

Wenn ein Land in Chaos und Mißherrschaft fiel,

gab es das Rühmen von "loyalen Ministern"!"

Dieses Kapitel befaßt sich mit dem schwierigsten Aspekt des Lebens. Lao-tse ist gegen alles, was wir als großartige ethische Doktrin ansehen. Denn sein grundlegender Lehrsatz ist, daß sich in jedem Moment des Lebens ständig ein tiefgründiges Gleichgewicht ausbalanciert. Wenn wir uns auf das Gutsein konzentrieren, nimmt das Schlechtsein zu. Wenn wir Moral betonen, entwickelt sich Unmoral im gleichen Verhältnis. Wenn wir uns wünschen, daß Leute gut sein sollten, werden wir nur darin erfolgreich sen, mehr schlechte Leute zu erzeugen. Wenn wir versuchen, das Leben zu verstehen, werden wir zu einer Schlußfolgerung kommen: Das Leben ist unmöglich ohne ein Gleichgewicht. Und diese Balance ist überall, in allen Richtungen.

Seit einiger Zeit haben Wissenschaftler ein einzigartiges Konzept entwickelt. Diese Konzeption kann uns Angst machen, aber nicht Lao-tse. Vor einhundertdreißig Jahren war ein französischer Wissenschaftler der erste, der mit der Messung von menschlicher Intelligenz experimentierte. Seit damals sind viele Techniken entwickelt worden. Wir können nun den Intelligenzquotienten jedes Individuums (I.Q.) messen.

Dies hat zu vielen neuartigen Experimenten geführt und fantastische Resultate gezeitigt. Es ist nun eine bewiesene Tatsache, daß wenn von einhundert Personen eine ein Genie ist, dann ist eine andere zwangsläufig ein Idiot. Wenn bei zehn von hundert ein scharfer Verstand festgestellt wird, dann befinden sich notwendigerweise auch Schwachköpfe unter diesen hundert Personen. Wenn diese hundert in 50 zu 50 aufgeteilt werden, dann werden wir in jeder Abteilung eine gleiche Anzahl von einander entgegenwirkenden Eigenschaften vorfinden. Wenn wir zehn Leute mit höchster Genialität produzieren wollen, dann werden wir auch zehn Leute erschaffen müssen, die geistig zurückgeblieben sind.

10.05.2006 um 22:08 Uhr

Tao 141

von: tao

Sri Aurobindo wurde von einem Philosophen gefragt: "Glaubst du an Gott ?", und er sagte: "Nein". Der Philosoph war einen Moment lang geschockt. Er war von weit her gekommen im Glauben, daß dieser Mann zur Gotteserkenntnis gekommen sei, und dieser Mann sagt: "Ich glaube nicht an Gott." Einen Moment lang konnte er nicht mehr den Mut aufbringen, sonst noch etwas zu fragen. Er war sprachlos, schockiert wie er war.

Dann sagte er endlich: "Aber ich dachte, daß du Gott gesehen hättest."

Sri Aurobindo lachte und sagte: "Ja, ich habe gesehen, darum sage ich, daß ich nicht glaube. Glauben entsteht aus Unwissenheit heraus. Ich weiß ! Ich glaube nicht."

Wir sind hier, um zu verstehen, nicht, um zu glauben. Taoismus ist eine Hilfe für das Verstehen. Der Glaube ist ein Trick des Denkens: Ohne etwas kennengelernt zu haben, gibt er uns das Gefühl, daß wir es verstanden haben. Der Mensch ist ein Fragezeichen – und das ist ein Segen. Wir sollten dies feiern, Freudentänze abhalten und es genießen, denn ohne dieses Fragezeichen könnte es kein Vertrauen und keinen Zweifel geben – nichts als tödliche Gewißheit. Darin leben die Tiere: in einer toten Bestimmtheit. Und das ist der Grund, warum unsere Priester und unsere Politiker uns in tödlicher Sicherheit leben lassen wollen.

Das Leben ist zögerlich. Das Leben ist ungewiß. Das Leben ist unsicher. Darum ist es das Leben: weil es in Bewegung ist.

Von Sokrates wird berichtet, er habe gesagt: "Ich würde kein zufriedenes Schwein werden wollen. Lieber als ein zufriedenes Schwein zu sein, würde ich gerne ein unzufriedener Sokrates bleiben wollen."

Eine Äußerung von ungeheurem Wert. Das Schwein ist zufrieden, absolut sicher. Leute, die stur und ihrer selbst absolut sicher sind, müssen zwangsläufig dumm sein. Ein Mensch, der lebendig ist, läßt sich auf Unsicherheiten ein, begibt sich in das Unbekannte hinein. Er kann nicht in einer toten Gewißheit leben. Gewißheit bedeutet einfach, wir haben nie gezweifelt. Es gibt eine andere Art des Wissens, die aus dem Zweifeln herauskommt, die als Wachstumsprozeß entsteht. Und wenn diese Art des Verstehens kommt, sind wir auch wieder nicht sicher. Aber nun hat die Unbestimmtheit eine ganz andere Ausprägung. Wenn man Buddha nach Gott gefragt hätte, würde er nichts gesagt haben. Da ist er weit über einen Sri Aurobindo hinaus. Er hätte absolut sein Schweigen beibehalten, er hätte nicht ja oder nein gesagt. Warum ? -- weil er sagt: "Das Letztendliche ist so ungeheuer weit, daß es falsch wäre, ja zu sagen, aber nein zu sagen, wäre auch verkehrt, denn unsere Worte sind so klein, sie können das Äußerste nicht enthalten. Das Ultimative kann nur durch Schweigen vermittelt werden."

09.05.2006 um 20:56 Uhr

Quellender Urgrund 2/12 (8)

von: tao

Nur die größten Wissenden sind imstande gewesen, das Wissen zu vergessen. Das ist der Gipfel. Wenn wir das im Sinn behalten, werden wir keine gebildeten Menschen werden. Besser ist es, erkennende Menschen zu werden, Wolken des Nichtwissens zu werden, was das gleiche in anderen Worten ist. Erkennen ist fast wie Nichtwissen, denn im Erkennen gibt es keinen Wissenden, das Ego existiert nicht. Im Wissen gibt es eine Teilung: Die Aufteilung in das Gewußte und den, der es weiß, die Aufteilung in das Subjekt und das Objekt. Beim Erkennen gibt es keine Teilung. Erkennen ist nicht entzweiend, es ist vereinend; es vereinigt.

Wissenschaft ist eine Art des Wissens, Taoismus ist eine Art des Erkennens oder des Nichtwissens, daher kreuzen sich ihre Wege nirgendwo und sie werden sich niemals in die Quere kommen. Wo die Wissenschaft endet, beginnt der Taoismus. Wo die Schlauheit aufhört, fängt die Unschuld an. Wo der Wissende verschwindet, stellt sich das Erkennen ein.

In diesem Zusammenhang kann die biblische Geschichte der Vertreibung des Adam uns weiterhelfen: Gott sagte zu Adam: "Du kannst all die Früchte dieses Gartens genießen, aber es gibt zwei Bäume – der eine wird Baum des Lebens genannt, der andere heißt Baum des Wissens – bitte iß niemals von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse." Er erwähnt zwei Bäume: den Baum des Lebens und den Baum des Wissens. Er sagt nichts über den Baum des Lebens, er sagt einfach: "Iß nicht vom Baum des Wissens." Aber Adam war zu neugierig, daher konnte die Schlange ihn über Eva überreden – ansonsten hätte die Schlange keinen Erfolg gehabt, hätte nicht überzeugen können. Tief innen muß Adam neugierig darauf gewesen sein, wie es jedes Kind ist – und Adam war das erste Kind und Gott war der erste Vater. Adam wurde überredet, vom Baum des Wissens zu essen. Er aß, und er wurde ein Wissender. Augenblicklich spürte er Scham, sofort fühlte er sich nackt. Bis dahin war er unschuldig gewesen; diese Unschuld war ursprünglich, absolut und bedingungslos. Er war sich seiner Nacktheit nicht bewußt gewesen. Eigentlich war er sich dessen bewußt geworden, daß er war, daß es ihn gab. Das Ego kam herein: Durch die Frucht des Baum des Wissens wird das Ego erzeugt. Er wurde aufmerksam, er begann sich zu beurteilen, ob er schön war oder nicht, ob es gut war, nackt zu sein, oder nicht, er wurde sich seines Körpers bewußt. Zum ersten Mal wurde er selbst-bewußt; bis dahin war er sich seiner selbst nicht bewußt gewesen. Nicht daß er nicht bewußt war, er war bewußt, aber es war kein Selbst dabei; das Bewußtsein war rein, unbehindert. Das Bewußtsein war bloß ein reines Licht, aber plötzlich stand das Ego wie ein Pfeiler inmitten des Bewußtseins – ein dunkler Pfeiler, eine Säule der Dunkelheit. Und die Geschichte besagt, daß er ausgestoßen wurde.

08.05.2006 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 2/21 (1)

von: tao

Tao bedeutet Transzendenz – Transzendenz von aller Dualität, Transzendenz aller Polarität, Transzendenz aller Gegensätze. Tao ist die ultimative Synthese – die Synthese von Mann und Frau, von positiv und negativ, Leben und Tod, Tag und Nacht, Sommer und Winter.

Aber wie wird diese Synthese möglich ? Wie kann man in diese letztendliche Synthese hineinwachsen ?

Das Prinzip des Yin, das Prinzip der Weiblichkeit, ist wie eine Leiter – eine Leiter zwischen Hölle und Himmel. Wir können auf ihr zur Hölle gehen und wir können auf ihr zum Himmel gehen; die Richtung wird unterschiedlich sein, aber die Leiter wird die gleiche sein. Diese Leiter ist das Prinzip des Yin, das Prinzip der Feminität. Nichts geschieht ohne die Frau. Die Energie der Frau ist die Leiter zum Niedrigsten und zum Höchsten, zum dunkelsten Tal und zum hellsten Gipfel. Dies ist eines der fundamentalsten Prinzipien des Taoismus. Wenn wir es im Detail verstanden haben, wenn es erst einmal in unserem Herzen verwurzelt sein wird, werden die Dinge sehr einfach werden.

Es mag dafür gut sein, das Symbol von Adam und Eva herzunehmen: Die Welt beginnt nicht mit Adam, sie fängt mit Eva an. Es geschieht durch Eva, daß die Schlange Adam zum Ungehorsam überredet. Die Schlange konnte Adam nicht direkt überreden – das ist so, als wenn es keinen direkten Weg zum Mann geben würde. Wenn man den Mann erreichen möchte, muß man dies über die Frau anstellen. Die Frau funktioniert als ein Medium für das Böse. Dann wieder, wenn Christus geboren wird, wird er von der Jungfrau Maria geboren. Das Christuskind wird von jungfräulicher Weiblichkeit geboren, aus dem jungfräulichen Yin heraus. Das Höchste kommt durch die Frau in die Existenz. Das Niedrigste und das Höchste sind beide durch die Frau geschehen. Adam bedeutet Erde, Lehm – genauer, rote Erde. Gott machte Adam aus roter Erde. Adam ist das Prinzip von Staub zu Staub. Der Mann ist das äußere Prinzip, das Prinzip der Extraversion; der Mann ist der physische Körper. Wenn wir diese Symbole verstehen, dann ist der Mann der physische Körper und Gott erschuf Eva aus dem physischen Körper des Mannes. Sie war etwas Höheres. Zuerst mußte der Mann geschaffen werden, dann erst die Frau. Sie war etwas subtiler, etwas verfeinerter, etwas aus einer größeren Synthese. Eva wurde aus einer Rippe geschaffen, Eva konnte nicht direkt aus der Erde erzeugt werden. Wir können zum Beispiel keinen Dreck essen, aber wir können Äpfel essen – Äpfel sind auf einer höheren Ebene. Sie kommen aus dem Dreck, der Baum wächst aus dem Dreck heraus, der Apfel ist also nichts anderes als transformierte Erde. Wir können den Apfel essen und wir können ihn verdauen, aber wenn wir versuchen, die Erde zu essen, werden wir sterben. Der Apfel ist von der Erde, aber er ist eine höherwertige Synthese – besser und bekömmlicher.

07.05.2006 um 16:21 Uhr

Tao 140

von: tao

Jahrhunderte von falscher Erziehung

haben unser Denken über Erleuchtung komplett verwirrt.

Allein schon das Wort scheint überirdisch und von einer anderen Welt zu sein;

dieses Wort scheint etwas zu sein, was nach dem Tod geschieht

oder für diejenigen, die schon tot sind.

Das ist absolut falsch.

Wenn wir glücklich sein wollen,

gibt es keinen anderen Weg als Erleuchtung.

Wenn wir gewöhnlich sein wollen,

niemand ist jemals ohne Erleuchtung gewöhnlich gewesen.

Wenn wir lieben und geliebt werden wollen,

ist das unmöglich ohne Erleuchtung.

Es ist also nötig, das taoistische Konzept der Erleuchtung zu verstehen.

Es bedeutet bloß gewöhnlich zu sein, gesund, bewußt, ganzheitlich und total zu sein.

Jedes Denken ist auf der Suche nach irgendeinem Außergewöhnlichsein.

Das ist genau das, was das Ego ist –

immer der Versuch, jemand spezielles zu sein,

immer Angst davor, niemand zu sein, immer in Furcht davor, leer zu sein,

immer der Versuch, die innere Leere durch alles und jedes zu füllen.

Jedes menschliche Wesen ist also auf der Suche nach Außergewöhnlichkeit –

und das erzeugt Unglück. Es ist nicht möglich.

"Niemand zu sein" ist unsere eigentliche Natur,

Nicht-Sein ist der eigentliche Stoff, aus dem wir gemacht sind.

Wie sehr wir uns auch immer bemühen, es wird uns niemals gelingen,

sogar Alexanders scheitern. Wir können nicht jemand sein.

06.05.2006 um 23:59 Uhr

Tao Te King 63 (1)

von: tao

Lao-tse sagt:

"Vollbringe das Nichtstun.

Nimm teil an der Nichtteilnahme.

Schmecke das Geschmacklose.

Ob es groß ist oder klein, viel oder wenig,

vergelte Haß mit Tugend.

Gib dich mit dem Schwierigen ab, während es noch leicht ist;

beschäftige dich mit dem Großen, solange es noch klein ist.

Die schwierigen Probleme der Welt

müssen angegangen werden, solange sie noch leicht sind;

die großen Probleme der Welt

müssen behandelt werden, während sie noch klein sind.

Deswegen der Weise

indem er sich niemals mit großen Problemen abgeben muß

vollendet er Größe.

Wer leichthin ein Versprechen macht

wird es oft schwer finden, sein Wort zu halten.

Wer viele Dinge zu leicht nimmt

wird vielen Schwierigkeiten begegnen.

Daher betrachtet sogar der Weise Dinge als schwierig,

und aus diesem Grund trifft er niemals auf Schwierigkeiten."

Das Leben ist kein Problem.

Es ist vielmehr ein Mysterium, das gelebt werden muß

kein Problem, das gelöst werden muß.

Aber es wird ein Problem,

und es wird deswegen zum Problem,

weil wir ständig irgendetwas verzögern,

weil wir Dinge auf morgen verschieben.

05.05.2006 um 23:59 Uhr

Tao 139

von: tao

Furcht ist eine Negativität, eine Abwesenheit. Wenn wir es versäumen, dies ganz, ganz tief zu verstehen, werden wir niemals imstande sein, die Natur der Furcht zu erkennen. Sie ist wie Dunkelheit. Dunkelheit existiert nicht, sie scheint nur da zu sein. Tatsächlich ist sie bloß eine Abwesenheit von Licht. Licht existiert; entfernt man das Licht – ist da Dunkelheit. Dunkelheit existiert nicht, wir können Dunkelheit nicht entfernen. Da können wir tun, was wir nur wollen, wir können Dunkelheit nicht beseitigen. Wir können sie nicht hereinbringen, wir können sie nicht hinauswerfen. Wenn wir etwas mit Dunkelheit anfangen wollen, werden wir etwas mit Licht tun müssen, denn man kann sich nur auf etwas, was eine Existenz hat, beziehen. Mach das Licht aus, die Dunkelheit ist da; mach das Licht an, die Dunkelheit ist nicht da –- aber wir tun etwas mit dem Licht. Wir können nichts mit der Dunkelheit machen. Furcht ist Dunkelheit. Sie ist die Abwesenheit von Liebe. Wir können da gar nichts machen, und je mehr wir tun, desto furchterfüllter werden wir werden, denn desto mehr wir dann feststellen, daß es unmöglich ist. Das Problem wird immer komplizierter werden. Wenn wir mit der Dunkelheit kämpfen, werden wir besiegt werden. Man kann alles versuchen, um die Dunkelheit zu eliminieren: Wir werden uns nur erschöpfen. Und schließlich wird unser Denken die Schlußfolgerung ziehen: Dunkelheit ist so machtvoll, darum habe ich versagt. Genau da geht die Logik fehl. Es ist absolut logisch, dann zu dem Ergebnis zu kommen daß Dunkelheit sehr, sehr mächtig ist. Und ich stehe machtlos vor ihr. Aber die Wirklichkeit ist genau das Gegenteil. Wir sind nicht machtlos, die Dunkelheit ist machtlos. Tatsächlich ist Dunkelheit gar nicht vorhanden – darum konnten wir sie nicht besiegen. Wie können wir etwas überwinden, was nicht ist ? Wenn wir mit der Furcht kämpfen, werden wir immer mehr Angst bekommen; und eine neue Furcht wird sich bei uns einfinden: Die Furcht vor der Furcht, was sehr gefährlich ist. Zuerst einmal ist Furcht eine Abwesenheit und dann ist zum zweiten die Furcht vor der Furcht die Furcht vor der Abwesenheit der Abwesenheit. Dann sind wir dem Wahnsinn nahe. Wir haben einen falschen Weg eingeschlagen. Furcht ist nichts als die Abwesenheit von Liebe. Wenn wir etwas mit der Liebe tun, vergessen wir die Furcht. Wenn wir gut lieben, verschwindet die Furcht. Wenn wir tief lieben, ist keine Furcht mehr auffindbar. Immer wenn wir in jemanden verliebt gewesen sind, auch nur für einen einzigen Moment, war da noch irgendeine Furcht ? Die ist niemals zu finden gewesen, in irgendeiner Beziehung – wenn auch nur einen einzigen Moment lang zwei Personen in tiefer Liebe zueinander sind und ein Begegnen sich ereignet, sie auf einander eingestimmt sind, in diesem Moment ist niemals Furcht mehr zu finden gewesen. Genau wie wenn das Licht an ist und Dunkelheit nicht mehr zu finden ist. Das ist der geheime Schlüssel: Liebe mehr.

04.05.2006 um 22:53 Uhr

Tao 138

von: tao

Materialisten spüren tief innen eine Schuld,

daß sie nicht in die Kirche gehen, sondern ins Bordell,

daß sie nicht in sich gehen,

sondern daß sie auf eine Party gehen, auf der gesungen und getanzt wird.

Sie wissen, daß sie etwas falsch machen,

sie fühlen sich gedemütigt.

Also besteht für sie immer eine Möglichkeit, weil sich das Ego verletzt fühlt.

Aber die spirituelle Person ist eine egoistische Person –

tatsächlich ist das Gotteskonzept

von den größten Egoisten in der Welt erschaffen worden –

für sich, um andere zu verdammen und sich selbst preisen zu können.

Tao ist total,

aber der Gott der sogenannten spirituellen Leute ist nicht total.

Ihr Gott ist bloß eine Abstraktion, ein Gedanke,

ein reiner Gedanke, mit keinem Leben darin.

Lao-tse ist in diesem Sinn nicht spirituell,

und er würde keinerlei Spiritualität in seiner Nähe erlauben.

Er ist einfach für das Ganze; er ist einfach für keine Teilung.

Er ist nicht für Spiritualität,

er ist für ein Leben der Ganzheit –

er ist für Heiligkeit statt für Spiritualität.

Mit "heilig" ist dabei immer das "heile", das Ganze, gemeint,

die Gesamtheit, in der wir ein integriertes Leben leben werden –

ein organisch integriertes Leben

von Körper, Seele, Welt, Gott, Markt und Meditation,

ein integriertes Leben, wo keine Teilung existiert,

eine fließende Energie, die nicht aufgeteilt und gestückelt ist.

03.05.2006 um 22:47 Uhr

quellender Urgrund 3/9

von: tao

"Herr Pang aus Dsin hatte einen Sohn, der als ein Kind noch ganz clever war, aber dann an einer Abnormalität litt, als er heranwuchs. Wenn er jemanden singen hörte, dachte er, es wäre Weinen; sah er Weiß, dachte er, es wäre Schwarz; wohlriechende Gerüche hielt er für widerlich; süße Geschmacksrichtungen waren für ihn bitter; verkehrte Handlungen hielt er für richtig. Was immer ihm in den Sinn kam – Himmel und Erde, die vier Himmelsrichtungen, Wasser und Feuer, Hitze und Kälte – er verkehrte es alles ins Gegenteil.

Ein gewisser Herr Yang sagte seinem Vater: "Die Herren in Lu haben viele Künste und Fertigkeiten, vielleicht können die ihn kurieren. Warum nicht bei ihnen Erkundigungen einziehen ?"

Der Vater machte sich auf den Weg nach Lu, aber als er durch Dschen kam, traf er Lao-tse und nahm die Gelegenheit wahr, ihm von den Symptomen seines Sohnes zu erzählen.

"Woher weißt du, daß dein Sohn abnormal ist ?" fragte Lao-tse. "Heutzutage täuscht sich jeder in der Welt darüber, was richtig und was falsch ist, und ist verwirrt über Nutzen und Schaden. Weil viele Leute diese Krankheit teilen, nimmt keiner mehr wahr, daß es eine Krankheit ist. Außerdem reicht die Abnormalität eines Menschen nicht aus, um seine Familie umzudrehen; die einer Familie kann nicht die ganze Nachbarschaft umdrehen; die einer Nachbarschaft kann nicht den Staat umdrehen, die eines Staates kann nicht die Welt umdrehen. Wenn die ganze Welt abnormal wäre, wie könnte Abnormalität sie umdrehen ? Nimm an, jeder in der Welt würde so denken wie dein Sohn, dann bist im Gegenteil du es, der abnormal wäre. Freude und Leid, Musik und Schönheit, Gerüche und Geschmäcker, richtig und falsch – wer kann das alles in Ordnung bringen ? Ich bin mir nicht einmal sicher, daß diese meine Worte nicht abnormal sind, ganz zu schweigen von dem, was die Herren in Lu so von sich geben, die die abnormalsten von allen sind. Wer sind die denn, daß sie die Abnormalität anderer Leute kurieren könnten ? Du solltest besser direkt nach Hause gehen anstatt dein Geld nutzlos zu verschwenden."

Taoismus ist eine einzigartige Vision. Er ist eine Sichtweise, ein darshana, er ist keine Philosophie. Er ist eine Klarheit, eine Transparenz, aber keine Ideologie. Er schlägt kein Gedankensystem vor – er behauptet überhaupt nichts. Weder macht er irgendeine Vorgabe noch setzt er irgendetwas voraus. Er ist kein Gedankensystem. Er ist bloß ein Weg, direkt in die Realität hineinzuschauen, in das, was ist.

Er projiziert nichts aus dem Denken, er erlaubt dem Denken nicht, sich einzumischen, Vergleiche zu ziehen und zu interpretieren – das ist wu-wei, die Nichteinmischung in die Realität.

02.05.2006 um 13:37 Uhr

Tao 137

von: tao

Als Adam aus dem Paradies verstoßen wurde, war er einfach unwissend.

Als Jesus wieder hineinging

war er nicht der gleiche Adam.

Ein unschuldiger Weiser,

wohl wissend, was die Welt bedeutet,

und dadurch, daß er genau weiß, was die Welt ausmacht,

versteht er sie gut –

er ist darüber hinausgegangen.

Meditation ist ein Verlernen,

Verlernen ist Meditation.

Das sind nicht zwei Sachen, die in Beziehung zueinander gesetzt werden können,

sie sind ein Ding, ein Prozeß.

Es gibt keine Beziehung zwischen ihnen,

denn Meditation ist ein "Entlernen", ein Umlernen.

Was tun wir denn tatsächlich, wenn wir meditieren ?

Wir vergessen einfach das Denken;

nach und nach lassen wir das Denken Schicht für Schicht fallen.

Wir sind wie eine Zwiebel,

wir schälen uns selbst immer weiter:

Eine Schicht – die oberflächlichste - wird abgeworfen,

eine andere Schicht kommt hoch, wir verwerfen auch die, wir geben auch die auf,

eine weitere Schicht kommt nach – und das geht immer weiter.

Aber eines Tages

wird die letzte Schicht abgeschält

und dann bleibt nur noch Nichtsheit in unseren Händen.

Die ganze Zwiebel ist verschwunden.

Wir schauen uns um und wir können uns selbst nicht mehr finden.

Das ist der Punkt, wo Meditation erreicht wird.

Nun ist es keine Meditation mehr, es ist Samadhi geworden.

01.05.2006 um 22:01 Uhr

Tao Te King 78 (1)

von: tao

Lao-tse sagt:

"Es gibt nichts Schwächeres als Wasser

aber keiner ist ihm überlegen in der Überwindung des Harten,

dafür gibt es keinen Ersatz.

Daß Schwachsein Stärke überwindet

und Sanftheit rigiden Starrsinn bezwingt,

nicht einer, der das nicht weiß,

nicht einer, der das in die Praxis umsetzen kann.

Deswegen sagt der Weise:

Wer in sich die Verleumdung der Welt aufnimmt

ist der Bewahrer des Staates.

Wer die Sünden der Welt selbst aushält

ist der König der Welt.

Gerade Worte erscheinen krumm."

Es wird gesagt,

daß Gott Adam erschuf

aber Adam war tot.

Dann blies Gott Atem in ihn ein

und er wurde lebendig.

Die gleiche Geschichte wird erzählt

in vielen Schöpfungsmythen überall auf der Welt:

Christliche, hinduistische, jüdische und viele andere.

Die Geschichte scheint sehr signifikant zu sein.

Der Sinn ist,

wenn wir atmen,

atmen nicht wir, Gott atmet in uns.