Tao 158
Besser, man lebt ein einfaches, gewöhnliches Leben; besser, man erlaubt Gott zu tun, was auch immer er möchte. Wenn er will, dass wir so sind, gut. Wenn er möchte, dass wir anders sind, gut. Laß sein Königreich kommen, lass seinen Willen geschehen – das ist die taoistische Einstellung. Dann gibt es keine Einmischung mehr. Wenn es kein Ideal mehr gibt, ist da auch keine Störung. Und genießen wir erst einmal die Freiheit, die kommt, wenn wir keinerlei Ideale mehr haben, wie können wir uns da noch in irgendjemandes Leben einmischen?
Wir mischen uns in die Leben unserer Kinder ein, wir mischen uns in das Leben unserer Frau ein, unseres Mannes, unseres Bruders, unseres Freundes, unserer Geliebten, Wir können uns nur einmischen, weil wir denken, dass wir ihnen mit unserer Einmischung helfen. Wir verkrüppeln sie damit. Unsere Einmischung ist wie das, was die Zen-Leute sagen – sie haben den richtigen Ausdruck dafür – sie sagen: Einer Schlange Schuhe anziehen. Wir helfen, wir unternehmen vielleicht große Anstrengungen, tun großartige Dinge – ziehen einer Schlange Schuhe an – und wir denken: „Wie will die Schlange denn ohne Schuhe gehen? Es mag Schwierigkeiten geben und die Straßen sind holprig und da sind auch Dornen. Das Leben ist voll von Dornen, also helfen wir der Schlange – ziehen wir der Schlange Schuhe an.“ Wir werden die Schlange töten. Alle Anstrengung, Leute zu verbessern, ist genau dies, aber es ist eine natürliche Folgeerscheinung: Wenn wir versuchen, uns selbst zu verbessern, werden wir auch versuchen, andere zu verbessern. Unsere eigene Krankheit macht auch nicht vor den anderen halt. Hören wir erst einmal damit auf, uns selbst zu verbessern, akzeptieren wir erst einmal uns selbst so, wie wir sind, bedingungslos, ohne Groll, ohne Beanstandungen; fangen wir erst einmal damit an, uns selbst so zu lieben, wie wir sind, verschwinden alle störenden Einmischungen.
Wenn man nun akzeptiert, was jetzt ist, kann man dann von Beruf ein Psychotherapeut sein? Man wird ein Therapeut sein, aber in einem total anderen Sinn – nicht im freudianischen Sinn, man wird im wirklichen Sinn ein Therapeut sein. Und was ist die wirkliche Bedeutung des „Therapeuten“? Er wird Freiheit zulassen; er wird einfach eine Präsenz sein, ein Licht, eine Freude. Er wird den Klienten nicht verändern, und trotzdem wird der Klient verändert werden.


