Taoistische Reflektionen

10.06.2006 um 22:41 Uhr

Tao 158

von: tao

Besser, man lebt ein einfaches, gewöhnliches Leben; besser, man erlaubt Gott zu tun, was auch immer er möchte. Wenn er will, dass wir so sind, gut. Wenn er möchte, dass wir anders sind, gut. Laß sein Königreich kommen, lass seinen Willen geschehen – das ist die taoistische Einstellung. Dann gibt es keine Einmischung mehr. Wenn es kein Ideal mehr gibt, ist da auch keine Störung. Und genießen wir erst einmal die Freiheit, die kommt, wenn wir keinerlei Ideale mehr haben, wie können wir uns da noch in irgendjemandes Leben einmischen?

Wir mischen uns in die Leben unserer Kinder ein, wir mischen uns in das Leben unserer Frau ein, unseres Mannes, unseres Bruders, unseres Freundes, unserer Geliebten, Wir können uns nur einmischen, weil wir denken, dass wir ihnen mit unserer Einmischung helfen. Wir verkrüppeln sie damit. Unsere Einmischung ist wie das, was die Zen-Leute sagen – sie haben den richtigen Ausdruck dafür – sie sagen: Einer Schlange Schuhe anziehen. Wir helfen, wir unternehmen vielleicht große Anstrengungen, tun großartige Dinge – ziehen einer Schlange Schuhe an – und wir denken: „Wie will die Schlange denn ohne Schuhe gehen? Es mag Schwierigkeiten geben und die Straßen sind holprig und da sind auch Dornen. Das Leben ist voll von Dornen, also helfen wir der Schlange – ziehen wir der Schlange Schuhe an.“ Wir werden die Schlange töten. Alle Anstrengung, Leute zu verbessern, ist genau dies, aber es ist eine natürliche Folgeerscheinung: Wenn wir versuchen, uns selbst zu verbessern, werden wir auch versuchen, andere zu verbessern. Unsere eigene Krankheit macht auch nicht vor den anderen halt. Hören wir erst einmal damit auf, uns selbst zu verbessern, akzeptieren wir erst einmal uns selbst so, wie wir sind, bedingungslos, ohne Groll, ohne Beanstandungen; fangen wir erst einmal damit an, uns selbst so zu lieben, wie wir sind, verschwinden alle störenden Einmischungen.

Wenn man nun akzeptiert, was jetzt ist, kann man dann von Beruf ein Psychotherapeut sein? Man wird ein Therapeut sein, aber in einem total anderen Sinn – nicht im freudianischen Sinn, man wird im wirklichen Sinn ein Therapeut sein. Und was ist die wirkliche Bedeutung des „Therapeuten“? Er wird Freiheit zulassen; er wird einfach eine Präsenz sein, ein Licht, eine Freude. Er wird den Klienten nicht verändern, und trotzdem wird der Klient verändert werden.

09.06.2006 um 13:34 Uhr

Tao 157

von: tao

Unsere Fragen sind wie eine Person, die in einem Delirium ist, deren Fieber sehr hoch gegangen ist. Es erreicht 39 Grad, 40 Grad, 41 Grad … und sie ist in einem Delirium. Dann sagt sie: Alles bewegt sich, der Tisch fliegt in den Himmel. Und sie fragt: Wohin geht denn dieser Tisch? Was soll man ihr sagen? Was auch immer wir sagen, wird falsch sein, denn der Tisch geht ja überhaupt nirgendwo hin, aber wir können diesen Menschen nicht davon überzeugen, dass der Tisch nirgendwo hinfliegt, dass er bloß im Zimmer steht, sich überhaupt nicht bewegt. Das wird ihn nicht überzeugen, denn wir können niemanden gegen seine eigene Erfahrung überzeugen. Wie können wir jemandem gegen seine eigenen Erlebnisse überzeugen? Überzeugung ist möglich, wenn seine eigene Erfahrung es unterstützt, sonst nicht. Er sieht doch, dass der Tisch gerade fliegt, dass er gerade versucht, aus dem Fenster zu herauszukommen, dass der Tisch Flügel hat – und nicht nur der Tisch, das Sofa, auf dem er gerade liegt, das beginnt auch schon Sprünge zu machen und macht sich bereit, macht sich fertig, um abzuheben…. Wie können wir einen Menschen überzeugen, der in einem Delirium ist? Wenn wir versuchen, ihn zu überzeugen, sind wir auch verrückt. Nur ein verrückter Doktor wird versuchen, ihn zu überzeugen. Nein, der Arzt wird sagen: Mach dir keine Sorgen, der Tisch wird zurückkommen. Wir werden ihn zurückbringen, keine Sorgen. Wir werden etwas tun. Der Arzt wird versuchen, seine Temperatur herunterzubringen, und wenn die Körpertemperatur herunterkommt, wird auch der Tisch ganz von selbst herunterkommen. Wenn die Temperatur normal wird, steht der Tisch auch wieder an seinem Platz. Er ist schon immer da gestanden, er hat sich keinen einzigen Zentimeter bewegt. Das ist die Situation. Wir sind in einem Delirium und dieses Delirium ist sehr subtil. Kein Temperaturmeßgerät kann es messen, denn es ist eine innere, keine physische Temperatur. Innerlich sind wir in einem Delirium. Dann sind da Fragen und Fragen und Fragen – wie Fliegen schwirren sie laufend herum. Wir fragen, um sie loszuwerden. Das ist eine Katharsis, dies ist Teil einer Meditation. Nach und nach werden wir an einen Punkt kommen, an dem wir verstehen werden, dass alle Fragen zwecklos sind, tatsächlich ist alles Fragen nutzlos. Wenn diese Realisation in uns entsteht, werden wir eine totale Veränderung unserer Einstellung erleben.

08.06.2006 um 18:34 Uhr

Südliches Blütenland 13/10

von: tao

„Herzog Huan von Tsi, der erste seines Herrscherhauses,

saß unter seinem Baldachin auf dem Thron und las in seiner Philosophie.

Und Flach, der Wagner und Stellmacher, war draußen im Hof und machte ein Rad.

Flach legte Hammer und Meißel beiseite, stieg die Treppenstufen hoch,

und sagte dann zu Herzog Huan:

„Darf ich Sie fragen, mein Herr, was dies ist, das sie da lesen?“

Der Fürst sagte: „Das ist von Experten, den Autoritäten.“

Und Flach fragte: „Noch am Leben oder schon tot?“

Der Herzog sagte: „Schon lange Zeit tot.“

„Dann“, sagte der Wagner, „lesen Sie nur den Schmutz, den sie zurückgelassen haben.“

Der Herzog erwiderte: „Was weißt Du denn darüber? Du bist nur ein Stellmacher.

Du solltest mir besser eine gute Erklärung dafür geben, denn sonst mußt Du sterben.“

Der Radmacher sagte:

„Lassen Sie uns die Angelegenheit von meinem Blickwinkel aus betrachten.

Wenn ich Räder mache,

und mir Zeit lasse und locker vorgehe, dann fallen sie auseinander,

und wenn ich zu grob bin, dann passen sie nicht und klemmen.

Aber wenn ich weder zu behutsam noch zu gewalttätig vorgehe

dann werden sie richtig und passen dann auch.

Dann ist mein Werk genau so, wie ich es beabsichtigt hatte.

Das kann man nicht in Worte fassen, man muss einfach kennen lernen, wie es ist.

Ich kann nicht einmal meinem eigenen Sohn exakt sagen, wie es getan wird,

und mein eigener Sohn kann es nicht von mir lernen.

Hier bin ich also, siebzig Jahre alt, und mache immer noch Räder!

Die Männer des Altertums nahmen alles, was sie wirklich wussten, mit sich ins Grab.

Und so, mein Herr, ist das, was Sie da lesen,

nur der Dreck, den sie hinter sich gelassen haben.“"

07.06.2006 um 21:22 Uhr

Tao Te King 16/6

von: tao

Die Leute würden gerne in Frieden leben,

sie würden sich gerne in der Welt wie zu Hause fühlen,

sie würden gerne still sein können, sie brauchen Entspannung,

aber in ihren Augen ist die Furcht vor dem Tod.

Vielleicht versuchen sie bloß, entspannt zu werden,

um besser gegen den Tod ankämpfen zu können;

vielleicht versuchen sie nur Ruhe zu finden

so dass sie stärker werden können, wenn es gegen den Tod geht.

Aber wenn der Tod da ist, wie können wir dann

entspannt sein, still, in Frieden, daheim?

Wenn der Tod der Feind ist,

dann wird grundsätzlich das ganze Leben zu unserem Feind.

Dann fällt auf jeden Moment, überall, der Schatten;

dann ertönt in jedem Moment, von überall her, das Echo des Todes.

Das ganze Leben wird feindselig, und wir beginnen zu kämpfen.

Das ganze Konzept des westlichen Denkens ist:

Der Kampf um das Überleben.

Man sagt: „das Überleben der Stärksten, der Angepaßtesten“, „das Leben ist ein Kampf“.

Warum ist es ein Kampf?

Es ist ein Kampf, weil der Tod für den Gegenspieler gehalten wird.

Wenn wir erst einmal verstehen,

dass der Tod nicht der Gegensatz zum Leben ist, sondern ein Teil davon,

ein wesentlicher Teil des Lebens,

der niemals von ihm getrennt werden kann –

wenn wir erst einmal den Tod als einen Freund akzeptieren,

geschieht plötzlich eine Transformation.

Wir sind wie verwandelt, unsere Sichtweise hat nun eine neue Qualität angenommen.

Nun gibt es keinen Kampf mehr, keinen Krieg,

wir kämpfen nicht mehr gegen jedermann,

nun können wir entspannen, nun können wir endlich zu Hause sein.

06.06.2006 um 19:27 Uhr

Tao Te King 11/3

von: tao

Das Nicht-Sein ist nicht gegen das Sein.

Sie sind zwei Polaritäten des gleichen Phänomens

das alles Verstehen überschreitet.

Manchmal drückt es sich als Sein aus und manchmal als Nicht-Sein

aber es ist dasselbe, das in beidem seinen Ausdruck findet.

Es ist gut, dies so tief wie möglich zu verstehen

denn unser ganzer Übungsweg, unsere ganze Anstrengung

die auf letztendliches Verstehen gerichtet ist, wird davon abhängen.

Bevor wir nicht dazu bereit sind, ein Nicht-Sein zu werden

werden wir niemals ein wirkliches authentisches Wesen sein. Das sieht aus wie ein Paradox.

Jesus sagt zu seinen Schülern:

Bevor ihr euch nicht selbst verliert, werdet ihr euch nicht gewinnen.

Wenn ihr an euch selbst hängt, werdet ihr zerstört werden,

wenn wir nicht klammern, werden wir gerettet werden.

Er sagt damit: Nur wenn wir in das Nicht-Sein hineingehen

wird das Sein gerettet sein.

Von woher sind wir gekommen?

Haben wir jemals über dieses sehr grundsätzliche Problem nachgedacht –

von woher sind wir gekommen? Nichts.

Wohin gehen wir, wohin bewegen wir uns? Nichtsheit.

Vom Nichtssein zum Nichtssein …

Und genau zwischen den beiden Nichtsheiten entsteht das Sein,

der Fluss des Seins fließt zwischen den beiden Ufern des Nichts-Seins.

Sein ist schön, aber Nicht-Sein ist auch schön;

das Leben ist gut, aber der Tod ist auch gut –

denn das Leben kann nicht existieren ohne den Tod.

Gewöhnlich denken wir, dass der Tod gegen das Leben ist, das er zerstört.

Nein, da liegen wir falsch. Ohne Tod kann das Leben nicht existieren,

keinen einzigen Moment lang. Er unterstützt es. Er ist die eigentliche Basis.

Wir können leben, weil wir sterben können.

05.06.2006 um 21:57 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (7)

von: tao

„Fische werden im Wasser geboren,

der Mensch wird in Tao geboren.

Wenn Fische, wassergeboren,

den dunklen Schatten in der Tiefe

von Teich und Tümpel suchen,

sind all ihre Bedürfnisse

zufrieden gestellt.

Wenn der Mensch, in Tao geboren,

hineinsinkt in den tiefen Schatten

des Nicht-Tuns

um Aggression und Sorgen zu vergessen,

fehlt ihm nichts mehr,

sein Leben ist gesichert.“

Bedürfnisse können erfüllt werden, aber mit Wünschen geht das nicht.

Der Wunsch ist ein Bedürfnis, das verrückt geworden ist.

Bedürfnisse sind simpel, sie kommen von der Natur;

Wünsche sind sehr komplex, sie kommen nicht von der Natur.

Sie sind vom Denken erschaffen worden.

Bedürfnisse sind aus dem Moment für den Moment,

sie werden aus dem Leben selbst heraus erzeugt.

Wünsche sind nicht für den Moment gedacht,

sie sind immer für die Zukunft.

Sie sind nicht vom Leben an sich gemacht worden,

sie werden durch das Denken projiziert.

Wünsche sind Projektionen, es sind keine wirklichen Bedürfnisse.

Dies ist eine fundamentale Erkenntnis,

und je besser wir das verstehen, umso besser.

04.06.2006 um 12:53 Uhr

Tao 156

von: tao

Wenn wir spontan lieben können: Tatsächlich sagt der Taoismus, dass Tantra eine falsche Einstellung hat, denn da hat man sich vorzubereiten. Vorbereitung bedeutet, dass wir uns für die Zukunft präparieren. Der Taoismus kennt nur eine Zeit – und das ist jetzt; und nur einen Ort – und das ist hier. Jetzt ist die einzige Zeit und Hier ist der einzige Platz. Hier ist Himmel und jetzt ist Nirvana. Also warum sich vorbereiten?

Wenn in manchen Momenten Liebe fließt, die Liebe Besitz von uns ergreift, dann warum nicht mitgehen? Besser ist es, nicht den Fluss zu beschleunigen. Besser ist es, nicht zu versuchen, ihn in irgendeine Form zu pressen. Besser ist es, es nicht auf irgendein Ritual zu fixieren. Besser ist es, einfach mit dem Fluss zu gehen. In tiefem Vertrauen, in tiefer Dankbarkeit, mit ihm fließen. Besser ist es, nicht zu versuchen, beim Sex irgendetwas zu beweisen – wie es so häufig besonders von Männern versucht wird. Besser ist es, das zu lassen, denn wenn wir damit anfangen, etwas zu beweisen, ist unser Denken uns schon in die Quere gekommen. Besser ist es, beim Sex alles zu vergessen, wer jetzt der Mann ist und wer die Frau, so dass sich die Abgegrenztheiten vermischen und vermengen. Wenn wir ein Mann oder eine Frau bleiben, werden wir es verfehlen – denn dann kommt wieder ein Dualismus herein: Du bist der Mann und sie ist die Frau. Niemand weiß, warum zwei Personen wirklich Liebe machen. Viele Male geschieht es, dass der Mann die Frau wird und die Frau zum Mann wird. Wen kümmert es, wer wer ist? Und wenn wir darüber nachdenken, dann ist das Denken da und das Denken ist die Barriere; es erlaubt uns nicht, dass sich der Einklang total ereignet. Also sagt der Taoismus einfach: Geh spontan vor, ohne ein Ritual, ohne eine Vorstellung, die wir umsetzen müssen, um uns zu beweisen. Und niemals benutze Sexualität für irgendetwas. Tantra verwendet sie als einen Schritt hin zum Samadhi. Der Taoismus sagt: Benutze niemals irgendetwas als ein Mittel zum Zweck. Alles ist sich selbst genug, ist sein eigenes Ziel. In dem Moment, in dem wir anfangen, daran zu denken, irgendwohin zu gehen, etwas zu erreichen, irgendein Resultat dadurch zu erzielen, sind wir nicht total, unser Denken ist geteilt, wir sind schon in der Zukunft. Es gibt keine Mittel und keine Zwecke. Alles ist einfach an sich schön und ist sein eigener Selbstzweck.

03.06.2006 um 20:11 Uhr

Tao 155

von: tao

Wunschlosigkeit oder die Fähigkeit, alles zu akzeptieren,

beides bedeuten sie das gleiche…

Der Wunsch bedeutet die Zurückweisung von etwas –

wir würden gerne etwas anderes sein;

Wunschlosigkeit bedeutet Akzeptanz –

wir sind glücklich damit, wie die Dinge nun mal sind.

Tatsächlich sind die Dinge irrelevant, wir sind glücklich.

Wir sind glücklich, das ist der springende Punkt.

Lao-tse sagt: Sei zufrieden, so wie du bist, nichts sonst ist nötig –

und dann plötzlich geschieht alles.

In tiefgehender Akzeptanz verschwindet das Ego.

Das Ego existiert durch Zurückweisung:

Immer wenn wir etwas ablehnen, existiert das Ego.

Immer wenn wir „Nein“ sagen, wird das Ego dadurch gestärkt,

aber immer wenn wir „Ja“ sagen, ein totales „Ja“ zur Existenz,

ist das die größte Meditation, auf die wir uns einlassen können.

Auf alle anderen Meditationen können wir uns einlassen

aber wir werden auch wieder damit aufhören müssen.

Dies ist die einzige Meditation, in die wir hineingehen

und nicht wieder herauskommen können,

denn lassen wir uns erst einmal darauf ein,

sind wir nicht mehr.

Niemand kann da wieder herauskommen.

Dann kommt ein Punkt,

an dem das Denken aufhört, Fragen zu stellen.

Alle Fragen sind nutzlos, zwecklos, absurd.

Sie können nicht beantwortet werden.

02.06.2006 um 22:20 Uhr

Tao 154

von: tao

Nicht begradigt zu sein und dirigiert zu werden, nicht gezerrt und geschoben zu werden, nicht manipuliert zu werden, das ist die eigentliche Qualität, die einen Fluss einen Fluss sein lässt. Wenn wir erst einmal verstanden haben, dass wir wachsen, wenn wir uns nicht in unser eigenes Leben einmischen, wenn wir verstehen, dass wir wachsen, wenn sich niemand in unser Leben einmischt, wir können wir uns dann noch in das Leben von irgendjemandem einmischen? Aber wenn wir uns in unser eigenes Leben einmischen, wenn wir irgendeine Idealvorstellung davon haben, wie es sein sollte, zieht dieses Ideal eine Einmischung nach sich. Das „sollte“ ist die Beeinträchtigung. Wenn wir irgendein Ideal haben: Wir müssen so sein wie Jesus oder wie Buddha oder wie Lao-tse, wir müssen ein perfekter Mann oder eine vollkommene Frau sein, wir müssen dies und das sein, dann werden wir eine Störung verursachen. Wir haben einen Plan, wir haben eine Ausrichtung, wir haben eine festgelegte Zukunft. Unsere Zukunft ist schon tot, wir haben unsere Zukunft in unsere Vergangenheit konvertiert. Sie ist kein neues Phänomen mehr: Wir haben sie zu einer toten Sache gemacht. Wir werden den Leichnam mitschleppen, wir werden uns in alles einmischen, denn immer, wenn wir das Gefühl haben, dass wir in die Irre gehen, müssen wir eingreifen, und mit „in die Irre gehen“ meinen wir dann, dass wir uns von unserem Ideal entfernen. Niemand ist jemals in die Irre gegangen, niemand kann vom Weg abweichen. Es ist nicht möglich, einen Fehler zu begehen. Es ist unmöglich, fehlzugehen, denn wo immer wir gehen, ist Tao, und was auch immer wir tun, es kulminiert in Göttlichkeit. Alle Handlungen werden auf natürliche Weise in das Letztendliche transformiert – gut und schlecht, alles. Sünder und Heiliger, alle kommen zu Gott. Tao ist nicht etwas, das wir umgehen können, aber wenn wir irgendein Ideal haben, dann können wir es verzögern. Wir können es nicht vermeiden: Früher oder später wird Tao von uns Besitz ergreifen, aber wir können es aufschieben. Wir können es unendlich lange aufschieben – das ist unsere Freiheit. Ein Ideal zu haben bedeutet, wir sind gegen Tao. Gurdjieff pflegte zu sagen, dass alle Religionen gegen Gott sind, und das hat etwas; er hat eine große Einsicht: Alle Religionen sind gegen Gott, denn alle Religionen haben uns Ideologien und Ideale gegeben. Kein Ideal ist nötig, keine Ideologie ist vonnöten.

01.06.2006 um 23:48 Uhr

Tao 153

von: tao

Erleuchtung, allein schon die Idee der Erleuchtung, ist der größte Witz, den es gibt. Es ist ein Witz, denn es ist der Versuch, etwas zu bekommen, was schon da ist. Es ist der Versuch, irgendwo hinzukommen, wo wir schon sind. Es ist der Versuch, etwas loszuwerden, was überhaupt nicht da ist. Es ist eine Anstrengung, die lächerlich ist. Wir sind von Anfang an erleuchtet. Erleuchtung ist unsere Natur. Erleuchtung ist nicht etwas, das erreicht werden muß; es ist kein Ziel, es ist unsere Quelle. Es ist unsere eigentliche Energie. Aber fangen wir erst einmal an, über Erleuchtung als ein Ziel nachzudenken, dann werden wir ernst werden. Wir werden große Probleme kriegen – und das absolut unnötig – und alles haben wir selbst heraufbeschworen. Und wir werden auch niemals Erfolg haben, denn Erleuchtung für ein Ziel zu halten heißt schon die ganze Sache verfehlt zu haben. Sie ist nicht da, um gesucht zu werden, sie ist in dem Sucher selbst. Der Sucher kann sie nicht suchen! Wenn der Sucher versucht, sie zu suchen, wird er sie niemals finden. Das ist, als wenn jemand versucht, seine Brille zu finden, und die Brille sitzt auf seiner Nase; er versucht also, die Brille mit Hilfe der Brille zu finden, und merkt es nicht. Das ist lächerlich! Wir schicken uns selbst also auf einen todernsten Trip. Wir machen es zu einem Ziel und dabei ist es unsere Quelle. Wir machen es zu unserem ehrgeizigen Projekt und es ist längst schon der Fall! Von allem Anfang an ist niemand unerleuchtet. Was ist denn dann mit den Leuten passiert? Warum suchen sie denn? Warum suchen sie immerzu? Warum machen sie daraus ein Ziel? Im Leben muß alles andere gefunden werden – außer der Erleuchtung. Wenn wir Geld wollen, muß das ein Ziel sein; sonst werden wir es nicht finden. Wir werden hart dafür arbeiten müssen, wir werden unsere ganze Energie in das ehrgeizige Streben legen müssen; nur dann werden wir finden. Und auch dann ist dies nicht absolut sicher – vielleicht finden wir, vielleicht finden wir aber auch nicht. Wenn wir Macht wollen, werden wir sie suchen müssen, auf jede mögliche Weise werden wir sie anstreben müssen, legal, illegal, richtig, falsch. Im Leben muß alles gefunden werden, denn Geld bringen wir nicht mit ins Leben, und Macht bringen wir auch nicht mit, und Paläste bringen wir auch nicht mit. Wir kommen nackt, mit leeren Händen, und wir gehen nackt und mit leeren Händen. Kein Ding dieser Welt bringen wir mit in sie hinein, und all diese Dinge sind nötig; und wir rasen herum und versuchen, dies und das zu erwerben.