Taoistische Reflektionen

11.07.2006 um 03:00 Uhr

Tao 171

von: tao

Fragen bedeutet für uns, unser Denken nach außen zu bringen.

Dies wird uns helfen, uns abzuregen.

Der Taoismus stellt tatsächlich keine Antwort auf unsere Fragen dar,

er bemüht sich nicht einmal darum,

er zielt darauf ab, die Fragen zu eliminieren.

Taoismus ist keine Lehre,

er zerstört nur unsere Fragen.

Sind all unsere Fragen erst einmal erledigt,

dann sind wir völlig still, zufrieden und absolut daheim.

Kein Problem existiert – wir leben das Leben von Moment zu Moment, wir freuen uns,

wir genießen alles, von Moment zu Moment, und es gibt kein Problem.

Taoismus ist keine Metaphysik, ist gegen Metaphysik

aber sie muss sich mit Metaphysik auseinandersetzen.

Taoismus ist Therapie, geht therapeutisch vor:

Wir haben einen Dorn in unserem Fuß, er gibt uns einen anderen Dorn

um damit den ersten Dorn aus unserem Fuß zu entfernen.

Der erste Dorn und der zweite Dorn ähneln sich,

es existiert kein qualitativer Unterschied,

aber wenn der erste draußen ist, mit Hilfe des zweiten,

dann werfen wir beide weg.

Wenn wir unsere Fragen nach außen bringen, dann nicht,

um taoistische Antworten an die Stelle zu setzen,

die durch die Fragen offen gehalten worden sind. Nein.

So wie wir unsere Fragen wegwerfen, verwerfen wir auch die taoistischen Antworten

ansonsten würden uns diese Antworten Probleme machen.

Taoistische Antworten sind nur therapeutisch gemeint, keinesfalls dogmatisch.

Sie sind wie Dornen, sie können verwendet werden, um andere Dornen zu entfernen

aber dann müssen beide weggeworfen werden.

10.07.2006 um 04:00 Uhr

Tao Te King 3 (2)

von: tao

“Der berufene Mensch des Tao versucht die Leute ohne Wissen zu halten und ohne Verlangen; und da, wo diejenigen sind, die Wissen haben, sie davon abzuhalten, sich zu erdreisten, (dementsprechend) zu handeln. Wenn dann diese aktivistische Enthaltsamkeit etabliert ist, ist die gute Ordnung universal.“

Diejenigen, die Bescheid wissen, versuchen immer, die Leute von leerem Wissen zu befreien.

Gewöhnlich denken wir, dass Unwissenheit und fehlende Bildung schlecht ist und Wissen an sich gut und vorteilhaft ist. Lao-tse denkt jedoch nicht so, und auch nicht die Rishis der Upanishaden oder irgendein Mensch auf dieser Erde, der höchstes Wissen erlangt hat.

Es gibt einen Vers in den Upanishaden, der lautet: „Die Unwissenden werden in der Dunkelheit irregeführt, aber die Weisen wandern in tieferer Dunkelheit umher.“ Bloß zu wissen ist gefährlicher als überhaupt nicht zu wissen. Der unwissende Mensch ist bescheiden, denn er weiß nichts. Derjenige, der nichts weiß, hat keine Basis, auf der er sein Ego aufbauen könnte. Er unterliegt auch nicht der Verblendung, dass er etwas weiß. So hat er nicht den Vorteil, sein Ego zu stärken. Es ist notwendig, zu verstehen, dass nichts das Ego so sehr stärkt, wie Wissen – weder Reichtum noch Ansehen. Allein schon der Gedanke „Ich weiß es“ erfüllt einen Menschen mit einem Ego, wie es nichts sonst tut. Deswegen ist es schwierig, einen egoistischeren Menschen zu finden, als einen Schriftgelehrten.

Deswegen ist es vielmals vorgekommen, dass jemand, der erfüllt ist von der Arroganz der Bildung und der Gelehrsamkeit, willens ist zu betteln, bereit ist, hungrig oder nackt umherzugehen, er erstrebt weder Thron noch Palast; wenn er verehrt wird, ist er willens, alles andere aufzugeben. Es ist leicht, auf Wohlstand zu verzichten, es ist leicht, auf Prestige zu verzichten, aber es ist sehr schwer, auf Wissen zu verzichten. Wir können sogar unsere Familie aufgeben, uns von denen trennen, die uns lieb und wert sind, aber von dem, was wir gelernt haben, was unser Wissen ausmacht, können wir uns nicht trennen, denn das ist für uns wie Luft, von der wir leben. Wenn unser Wissen uns weggenommen wird, dann werden wir leer, dann sind wir nackt und bloß. Das ist doch unser ganzer Schatz. Das ist unser Denken – eine Anhäufung von all dem, was wir wissen bzw. zu wissen glauben.

09.07.2006 um 15:27 Uhr

Quellender Urgrund 2/4 (1)

von: tao

„Wie schafft es der wahre Mensch des Tao

ungehindert durch Wände zu gehen

und im Feuer zu stehen, ohne verbrannt zu werden?“

Dies ist eine der grundlegendsten und geheimsten Lehren.

Gewöhnlich leben wir mittels Schläue, Cleverness und Strategie;

wir leben nicht wie kleine Kinder, unschuldig.

Wir planen, wir treffen Schutzmaßnahmen, alle nur möglichen Sicherheitsvorkehrungen –

aber was ist das Resultat? Was passiert schlussendlich?

All die Sicherheitsmaßnahmen werden durchbrochen,

alle Schlauheit erweist sich als Torheit –

letztendlich rafft der Tod uns hinweg.

Der Taoismus sagt, dass unsere Gerissenheit uns nichts helfen wird,

denn was ist dies anderes als ein Kampf gegen das Ganze?

Wem gegenüber sind wir so schlau –

gegenüber der Natur, gegenüber Gott, gegenüber Tao?

Wen denken wir, könnten wir hinters Licht führen –

den Ursprung, aus dem wir geboren sind

und die Quelle, zu der wir schließlich gehen werden?

Versucht da die Welle, den Ozean zu betrügen,

versucht damit das Blatt, den Baum zu hintergehen,

versucht so eine Wolke, dem Himmel etwas vorzumachen?

Wen versuchen wir damit unserer Meinung nach zu täuschen?

Mit wem treiben wir da unser Spiel?

Ist das erst einmal verstanden, wird ein Mensch unschuldig,

gibt seine Schlauheit auf, alle Strategien, und akzeptiert einfach.

Es gibt keinen anderen Weg, als die Natur so zu akzeptieren, wie sie ist

und mit ihr zu gehen, zu fließen.

08.07.2006 um 01:28 Uhr

Quellender Urgrund 1/9 (9)

von: tao

Wenn wir sterben können, als wenn nichts geschehen wäre, wenn wir von der Welt verschwinden und nicht einmal eine Spur bleibt zurück, dann…

Ein großer Taoist starb und Liä Dsi ging hin, um seinen Respekt zu erweisen, aber dort hatten sich Tausende von Leuten versammelt. Er war durcheinander, und ohne seine Ehrerbietung dem Verstorbenen zu erweisen, ging er wieder zurück. Ein paar Leute gingen ihm hinterher und sie sagten zu ihm: „Du warst doch gekommen, um deinen Respekt zu zollen – warum gehst du jetzt wieder nach Hause?“ Er sagte: „Dieser Mann kann kein Mensch des Tao gewesen sein. So viele Leute schluchzen und weinen, irgendwie muss er für ihr Leben unerlässlich geworden sein. Er muss sich als irgendwie nützlich erwiesen haben, warum sollten sonst diese Leute sich die Augen ausweinen, als wenn ihr Vater oder ihre Mutter gestorben wäre oder als wenn ihr Sohn gestorben wäre? Warum trauern diese Leute so sehr? Er muss wohl nicht äußerst nutzlos gewesen sein. Irgendeinen Nutzen muss er gehabt haben – das ist der Grund, warum ich umkehre. Er ist dem Meister nicht richtig gefolgt.“

Die taoistische Herangehensweise ist die, dass ein Wert, ein äußerster Wert, darin liegt, niemand zu sein, leer zu sein, von keinem Nutzen zu sein. Wenn wir für die Menschheit nutzlos sind, werden wir ungeheuer nützlich für Tao. Dann beginnt es durch uns zu fließen: Dann werden wir ein Vehikel – weil wir so leer sind, kann es uns durchfließen. Wir werden ein hohler Bambus, Gott kann sein Lied auf uns spielen. Wenn wir menschlichen Lippen erlauben, ein Lied durch uns zu singen, wird Tao verneint.

„“Im Leersein liegt kein Wert“ sagte der Mann.

„Warum schätzt du die Leere so hoch ein?“

Liä Dsi sagte:

„Wertschätzung ist nicht der Name dafür.““

Es ist so wertvoll, dass wir es nur unschätzbar nennen können. Wertschätzung ist nicht der geeignete Name dafür: Wert bedeutet Wertgegenstand, Wert bedeutet das, was in den Begriffen des menschlichen Gebrauchs definiert werden kann, das, was ein Mittel werden kann und was kein Ziel darstellt.

07.07.2006 um 12:43 Uhr

Tao Te King 22 (5)

von: tao

Das Leben ist paradox.

Man muss schon das logische Denken ein wenig beiseite lassen

und dann noch mal hinschauen.

Dann werden wir sehen, wie sich Gegensätze begegnen, ohne irgendeine Schwierigkeit.

Das Leben und der Tod treffen zusammen – im Leben sind sie nicht zwei, sie sind eines,

nur die Logik hat sie als zwei erscheinen lassen.

Daher hat die Logik eine Furcht in uns erzeugt, eine Furcht vor dem Tod.

Wenn wir den Tod fürchten, wie können wir dann leben?

Der Tod ist involviert im Leben,

wenn wir also den Tod fürchten, werden wir auch Angst vor dem Leben haben.

Dann wird unsere ganze Existenz zu einer Krankheit, einem Leiden, einer Übelkeit,

einer tiefen Beklemmung, nichts sonst.

Wenn wir lieben, ist Hass dabei impliziert.

Wenn wir Hass und Liebe trennen wollen

können wir sie auseinander schneiden, aber beide werden sterben –

so wie kein Gast lebendig wieder aus dem Palast des Prokrustes herauskam,

keiner überlebte es, für das Bett des Prokrustes zurechtgestutzt zu werden.

Wenn wir das Leben wollen – lebendig, strahlend, leuchtend –

dann sollten wir es nicht zerschneiden, dann wäre es besser, wenn wir es nicht sezieren würden, wenn wir mit dem Leben nicht wie ein Chirurg verfahren würden.

Das Leben ist eine Romanze,

also ist es besser, so poetisch paradox wie möglich zu sein;

und Logik ist bedeutungslos,

sinnlos, denn das Denken kann keinerlei Sinn erschaffen.

Das Denken ist nicht erfinderisch, kreativ. Es wäre besser, wir könnten das verstehen.

Das Denken kann höchstens etwas entdecken

aber das Denken kann gar nichts erschaffen oder kreativ erzeugen.

06.07.2006 um 13:11 Uhr

Tao 170

von: tao

Ein zweckorientiertes Denken wird sich in einer unendlichen Rückwärtsbewegung befinden:

Der eine Zweck wird einen anderen Zweck haben,

dann wird dieser Zweck wiederum von einer weiteren Absicht motiviert sein…

Das Leben hat keinen Zweck,

das ist der Grund, warum es so schön ist.

Die Hindus haben es leela genannt, eine Spielerei.

Es ist nicht einmal ein Spiel.

Das Wort „Spiel“ ist sehr sehr bedeutsam geworden;

hunderte von Büchern sind innerhalb von einigen Jahren publiziert worden mit „Spiel“ in ihrem Titel:

„Das Meisterspiel“, „Das ultimative Spiel“, „Die Spiele der Erwachsenen“,

„Spiele, die die Leute spielen“, und so weiter und so fort.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen Spiel und Spielerei.

Die Hindus haben das Leben Spielerei genannt, und nicht ein Spiel,

denn sogar ein Spiel hat irgendetwas zum Ziel, verfolgt irgendeine Absicht:

Ein Resultat muss erreicht werden, der Sieg soll errungen werden,

der Opponent muss bezwungen werden…

Dann wird eine Spielerei zu einem Spiel;

dann wird es schon ernst.

Erwachsene spielen Spiele, Kinder spielen einfach nur.

Bloß die Aktivität an sich ist sich selbst genug.

Sie ist ihr eigenes Ziel,

es gibt kein anderes Ziel, das damit verbunden wird.

Das Leben ist ein leela, es ist eine Spielerei,

und in dem Moment, in dem wir bereit sind, es zu spielen, sind wir erwacht.

Versuchen wir es, andersherum zu verstehen:

Wir sind schon das, was wir zu sein versuchen.

05.07.2006 um 14:32 Uhr

Quellender Urgrund 1/6 (2)

von: tao

Wir können Taoisten beobachten, aber über Tao können wir nichts in Erfahrung bringen, indem wir Taoisten zuschauen. Sogar wenn der Taoist selbst versucht, es intellektuell herauszufinden, wird er dazu nicht imstande sein. Tao muss gekostet werden – sogar dann ist es sehr schwierig, dies intellektuell zu erklären. Aber darüber nachzudenken, ohne sich darauf einzulassen, ist unmöglich. Das ist, als wenn jemand sagte: „Zuerst werde ich über Liebe Bescheid wissen müssen und dann werde ich lieben.“ Wie werden wir etwas über Liebe in Erfahrung bringen? Der einzige Weg, Liebe kennen zu lernen, ist, sich zu verlieben – es gibt keinen anderen Weg. Wir können in die Bücherei gehen, wir können viele Leute fragen, wir können Bücher zu Rate ziehen und Enzyklopädien, und wir werden tausenderlei Dinge über Liebe finden, aber nicht die Liebe. Wir mögen so vielleicht zu sehr zu einem Gelehrten werden, unser Denken mag voll gestopft mit Informationen sein, aber Information ist nicht Kennenlernen.

Wissen ist nicht Erfahrung. Es kann uns täuschen, aber es kann dem Leben nichts vormachen. Soweit wie es das Leben betrifft, werden wir eine Wüste bleiben – die Blüte des Lebens wird niemals in unserem Wesen erblühen. So ist das mit Tao. So ist das mit allem, was signifikant ist. So ist das mit allem, was organisch ist. So ist das mit allem, was lebendig ist. Dies ist der grundsätzliche Standpunkt des Taoismus.

Nun zu dieser Parabel:

„Als Lin Le fast einhundert war, zog er sich mitten im Frühling seinen Pelzmantel an und zog los, um die Getreidekörner aufzusammeln, die von den Schnittern fallengelassen worden waren. Singend bahnte er sich seinen Weg durch die Felder.“

Lin Le ist ein taoistischer Meister, aber wie taoistische Meister sind, sie leben ein ganz gewöhnliches Leben. Sie leben nicht auf irgendeine außergewöhnliche Weise, sie erheben nicht den Anspruch, dass sie spezielle Wesen sind, talentierte Genies, Weise, Heilige, Mahatmas; sie nehmen nichts für sich in Anspruch. Sie leben einfach ein ganz gewöhnliches Leben, denn sie sind natürliche Wesen; natürlich wie die Bäume, natürlich wie die Vögel, natürlich wie die Natur selbst. Sie sind in keiner Weise egoistisch.

04.07.2006 um 17:28 Uhr

Tao 169

von: tao

So wie Fragen aufgetaucht sind, können sie auch wieder verschwinden. Und wenn alle Fragen verschwinden, entsteht die Antwort. Und wohlgemerkt, es gibt nicht so viele Antworten, wie es Fragen gibt, es gibt nur eine Antwort auf alle Fragen. Es mag Millionen von Fragen geben, aber die Antwort ist die eine. Es gibt nur eine Antwort, und die ist: Selbsterkenntnis. Selbsterkenntnis hilft uns, bewusst zu werden. Da gibt es diese Sufi-Geschichte:

Ein paar Männer kamen gerade an einem Sufi-Kloster vorbei; bloß aus Neugier kamen sie, um zu sehen, was dort so ablief. Die Leute waren in einer Katharsis, sich flippten aus, brüllten, hüpften herum, drehten komplett durch. Die Reisenden dachten: Das ist ein verrücktes Kloster. Wir dachten immer, dass die Leute kommen, um hier Erleuchtung zu erlangen, aber diese Leute sind verrückt geworden. Und der Meister saß inmitten dieser Katharsis, inmitten dieses verrückten Chaos, das da überall um ihn herum war. Inmitten von all dem saß er still da. Die Reisenden dachten: Warum nur sitzt der Meister da so still? Jemand aus der Gruppe schlug vor, dass er vielleicht erschöpft wäre, er habe vielleicht diesen Wahnsinn übertrieben. Nach ein paar Monaten waren sie auf der Rückreise zu ihrer Stadt, nachdem ihre Arbeit getan war, und wieder kamen sie am Kloster vorbei. Wieder schauten sie hinein, um zu sehen, was mit diesen verrückten Leuten geschehen sei, aber nun saß jeder von ihnen still da, ohne dass auch nur ein einziges Wort gesprochen wurde. Als sie näher gekommen waren, hatten sie schon befürchtet, dass die Leute das Kloster verlassen hätten, denn da schien nun niemand mehr da zu sein. Als sie dann hereingekommen waren, war jeder noch da, aber sie saßen still da. Nach ein paar Monaten gingen sie wieder auf eine weitere Geschäftsreise und ihre Neugier führte sie wieder zu dem Kloster. Sie schauten hinein, da war niemand. Nur der Meister saß da. Also fragten sie ihn: Was hat das alles zu bedeuten? Der Meister sagte: Als ihr das erste Mal vorbeigekommen wart, saht ihr die Anfänger. Sie waren noch voll mit ihrem Wahnsinn und ich ermutigte sie, das herauszubringen. Das nächste Mal, als ihr vorbeikamt, hatten sie das hinter sich gebracht, sie waren zur Ruhe gekommen. Darum saßen sie so still da. Es gab nichts mehr zu tun. Nun, da ihr zum dritten Mal vorbeikommt, war es für sie nicht mehr nötig, auch nur noch hier zu sein. Nun können sie überall auf der Welt still sein, also habe ich sie zurück in die Welt geschickt und warte nun auf eine neue Gruppe. Wenn ihr das nächste Mal vorbeikommt, wird es wieder verrückt zugehen.

03.07.2006 um 21:50 Uhr

Tao Te King 2 (7)

von: tao

“Deswegen managt der Weise seine Angelegenheiten ohne Getue; und übermittelt seine Lehre ohne Worte.”

Die Existenz ist dual. Was immer wir tun, das Entgegengesetzte beginnt sich auch simultan zu ereignen. Lao-tse hat über die Existenz in den ersten beiden Versen dieses Kapitels geschrieben. Nun, im dritten Vers, sagt Lao-tse: „Deshalb erledigt der Weise seine Angelegenheiten, ohne etwas zu tun.“ Um dies zu verstehen, werden wir wohl ein wenig in die Tiefe gehen müssen. Wenn ein Weiser einem Menschen sagt, dass er ihn liebt, lässt er auch Hass aufkommen. Wenn er sagt, er arbeitet für das Wohl der Leute, wird auch viel Schaden folgen. Wenn er sagt: „Ich gebe euch die Wahrheit“, lässt er auch Unwahrheit entstehen. Lao-tse hat ganz am Anfang gesagt, dass in allem auch das Gegenteil steckt. Was immer wir tun, das Entgegengesetzte findet augenblicklich auch statt. Es gibt keinen Weg, dem Gegensatz zu entgehen. Wir tun das eine und lassen das andere entstehen. Wir versuchen den einen zu retten und wir schaden einem anderen. Wenn wir das eine bewahren, werden wir zur Ursache für die Zerstörung von etwas anderem. Diese Dualität ist die Quintessenz alles Lebens. Was immer wir also tun, das Entgegengesetzte geschieht auch zur selben Zeit. Ob wir es wissen oder ob wir es nicht wissen, ob wir diese Tatsache anerkennen oder nicht, aber es kann niemals sein – es ist unmöglich – dass wir das eine entstehen lassen und dass das andere nicht stattfindet. Deswegen sagt Lao-tse: „Deswegen wickelt der Weise seine Geschäfte ohne Aktionen ab.“ Wenn sie uns wohlgesonnen sind, dann gehen sie nicht aktiv vor, um uns zu helfen, denn wenn sie das täten, würden sie auch unser Unwohlsein fördern. Das ist schwierig, verwickelt und tiefgründig. Wir denken im Allgemeinen, wenn wir einem Menschen ein gutes Schicksal wünschen, müssen wir aktiv für seinen Wohlstand arbeiten. Wenn wir anderen dienen wollen, müssen wir tatsächlich uns in ihren Dienst stellen. Aber was Lao-tse in seinem Vers erklärt, ist, dass wenn wir einem Menschen dienen, dann werden wir den Mechanismus erzeugen, der ihn zu einem Sklaven macht. Wenn wir einen Menschen lieben, dann treffen wir damit Arrangements, um Hass auf ihn entstehen zu lassen, denn Hass wird in dem Moment geboren, in dem Liebe auftaucht.

02.07.2006 um 02:25 Uhr

Tao 168

von: tao

Es ist schwierig zu verstehen,

es mißzuverstehen ist leichter:

Wenn wir wirklich selbstbezogen sind

dann kommt viel bei unserem Leben heraus

was absolut uneigennützig ist.

Denn wenn ein Mensch in seinem eigenen Wesen gegründet ist

hat er soviel zu teilen, soviel zu geben,

da ist es nicht nötig, altruistisch zu sein.

Wenn wir zentriert sind, sind wir altruistisch

denn wir haben überfließende Liebe,

überbordendes Sein,

wir müssen einfach mit anderen teilen.

Wir sind genau wie eine Blüte, so erfüllt von Duft,

sie teilt es ständig mit jedem Windhauch.

Wir sind so erfüllt davon,

wir tragen soviel in uns

wir müssen abgeben, austeilen,

und dadurch, dass wir mit anderen teilen, wird es noch mehr –

aber wir geben weiter und bleiben in unserer Mitte.

Wenn wir also selbstbezogen werden, bedeutet dies nicht

dass wir nicht uneigennützig wären, nein,

genau das Gegenteil.

Wenn wir versuchen, selbstlos zu sein, bleiben wir tief innen selbstsüchtig.

Wenn wir total selbstbezogen werden

ereignet sich eine erstaunlich schöne Uneigennützigkeit in unserem Leben.

Aber das ist uns nicht einmal bewusst

denn wäre sie uns bewusst, wäre sie falsch.

01.07.2006 um 01:58 Uhr

Tao 167

von: tao

Das Problem ist, dass der Mensch kein Fluss ist, der Mensch ist sehr stark zugefroren. Es gibt kein Fließen im Sein des Menschen. Der Mensch ist wie Eis, nicht wie Wasser. Wenn der Mensch ein Fluss ist, ist es nicht nötig, ihn anzutreiben, er wird schlussendlich zum Ozean gelangen – er ist schon angekommen. In eben diesem Fließen ist er Teil des Ozeans geworden: Fließend zu sein heißt ozeanisch zu sein. Aber der Mensch ist nicht fließend, daher dieser innere Drang. Das Eis möchte schmelzen, daher die Anstrengung. Ist das Eis erst einmal geschmolzen, dann ist es nicht mehr nötig, irgendetwas anzuschieben, dann geschieht alles ganz von selbst. Der Mensch ist ein Fels geworden. Und der Grund, warum der Mensch ein nicht fließender Stein geworden ist, ist das Denken. Der Körper fließt perfekt, die Seele ebenso, aber zwischen den beiden, das Verbindungsglied – das Denken – ist zu Eis gefroren. Geht das Denken erst einmal tiefer in Meditation hinein, beginnt es zu schmelzen. Das ist es, was Meditation überhaupt ist: Eine Anstrengung, das Denken zu schmelzen. Der Fluss erreicht schlussendlich das Meer. Das ist wahr, aber zuerst muss man ein Fluss werden. Der Körper geht und es bleibt nur Existenz, das Unendliche. Auch das ist wahr. Aber zwischen dem Körper und der Seele da ist ein Denken, das sich an uns klammert, oder besser: wir hängen uns an das Denken. Der Körper vergeht, aber wir werden nicht das Unendliche, weil wir nicht nur von einem Körper umgeben sind – der ist unsere physische Begrenzung, aber es gibt in ihm noch eine psychologische Begrenzung. Durch den Tod des Körpers wird das Denken nicht sterben, es wird eine Wiedergeburt vornehmen. Es wird sich in einen anderen Mutterschoß begeben, denn es wird so viele Sehnsüchte weitertragen, die erfüllt werden müssen. Es wird wieder einen weiteren Mutterschoß suchen, einen anderen Körper, mit dem es sich diese Wünsche erfüllen kann. Das ist die eigentliche Grundlage für die Theorie der Reinkarnation. Das Denken wünscht sich etwas, und wenn Wünsche da sind, dann werden Gelegenheiten entstehen, Möglichkeiten, dass diese Wünsche erfüllt werden. Tao kooperiert mit uns. Wenn wir Wünsche wie ein Hund haben, werden wir ein Hund werden, wir werden den Körper eines Hundes haben. Unser Denken kreiert die Vorlage, und dann folgt der Körper. Der Körper ist eine Projektion des Denkens, nicht umgekehrt.