Tao 189
Religion ist seit Jahrhunderten mit einer lebensverneinenden Einstellung assoziiert worden, und offensichtlich kann keine lebensverneinende Attitüde kreativ sein; es wird an sich unmöglich für sie, schöpferisch zu sein. Kreativität braucht eine lebensbejahende Philosophie, Kreativität benötigt eine ungeheure Liebe für die Existenz, und die sogenannten Religionen haben den Leuten beigebracht, dem Leben zu entsagen, vor dem Leben zu fliehen; sie sind gegen das Leben gewesen. Deswegen kann kein kreativer Mensch an solchen Religionen interessiert sein. Wenn er daran Interesse gewinnt, wird er seine Kreativität verlieren; wenn er schöpferisch bleiben möchte, wird er seine Religiosität opfern müssen. Die Religionen haben ihm keine andere Wahl gelassen. Deswegen interessierten sich nur unkreative Leute für Religion. Damit sind nicht Gautama der Buddha, Lao-tse, Zarathustra, Dschuang Dsi, Liä Dsi, Jesus, Krishna, Kabir oder Nanak gemeint; diese wenigen Namen kann man getrost beiseite lassen. Die sind immens kreativ, sie sind Dichter der Existenz. Sie sind weit größere Dichter als unsere sogenannten Dichter – ihr ganzes Leben ist Poesie. Sie sind großartige Musiker. Sie mögen niemals auf irgendeinem Musikinstrument gespielt haben, aber ihr Herz ist voll mit Harmonie, Musik und Melodie. Ihr Herzschlag hat schon Rhythmus, ist Musik. Ihr Leben ist ein Tanz, es ist ein Lied, es ist eine Feier. Daher kann man diese wenigen Personen aussparen.
Aber die Religionen haben mit ihnen nichts zu tun. Christenheit, Hinduismus, Jainismus, Buddhismus und Islam, diese organisierten Religionen haben mit ihren eigenen Gründern nichts zu tun. Wenn man genau hinschaut, wenn man über diese Angelegenheit meditiert, wird man erstaunt sein. Dann wird man sehen, dass die Leute, die sich selbst Christen nennen, sich überhaupt nicht um Christus und seine Botschaft kümmern; tatsächlich sind sie gegen alles, wofür Christus lebte und sein Leben opferte. Die Leute, die sich selbst Hindus nennen, haben mit Krishna nichts zu tun; obwohl sie ihn verehren, macht diese Verehrung keinen Unterscheid in ihrem Leben. Sie haben die Kunst nicht gelernt, die Krishna repräsentiert; tatsächlich haben sie Krishna entsprechend ihrer eigenen Ideen interpretiert. Und das gleiche ist der Fall mit den Buddhisten, den Jainas und anderen Religionen: Sie haben sich alle gegen die ursprünglichen Begründer gestellt. Sie sind den Priestern zum Opfer gefallen.
