11.08.2006 um 23:59 Uhr
10.08.2006 um 22:46 Uhr
Tao Te King 2 (8)
So bald wie Dienst am anderen in die Tat umgesetzt wird, wird es Feindseligkeit. Was kann der Heilige dann tun? Ist er nicht zum Dienst motiviert?
Wenn er ein Weiser ist, dann sagt Lao-tse: „Er handhabt die Angelegenheit ohne Tun.“ Sogar wenn er liebt, betreibt er seine Liebe nicht aktiv. Seine Liebe wird sich nie aktiv zeigen. Abgesehen vom Tun, er wird ihr nicht einmal Ausdruck verleihen. Er tut nicht mal so viel, dass er sagt, er würde lieben, denn so bald diese Worte gesprochen sind, formt sich um diese Worte eine Linie des Hasses.
Wenn ich zu jemandem sage – „Ich liebe dich“, wird eines klar: Ich liebte ihn vorher nicht. Dann wird es eine Abmachung geben, unter welchen Bedingungen ich lieben werde und zu welcher Bedingung ich nicht lieben werde oder ob meine Liebe bedingungslos sein wird. Worte, die ausgedrückt werden, sind niemals bedingungslos. Wenn ich dann sage: „Ich liebe“, gebe ich zu, gestern liebte ich nicht. Dann wird zugestanden werden müssen, dass ich vielleicht morgen auch nicht lieben werde.
Um die kleine Insel der Liebe herum gibt es einen grenzenlosen Ozean der Nicht-Liebe. Meine Deklaration ist tatsächlich nichts als ein Versuch, einen Schritt weit neben diesem Ozean zu stehen. Ich entzünde eine kleine Lampe inmitten der Dunkelheit, die mich umgibt; und das Wunder ist, die Lampe macht die Dunkelheit noch dunkler, stärker und eindringlicher.
In diesem kostbaren Kapitel sagt Lao-Tse: „Die Liebe des Weisen ist keine aktive Liebe“, nicht einmal so aktiv, als dass er es sagen würde, dass er liebt. Seine Liebe ist untätig. Seine Liebe ist keine Ankündigung, sondern seine eigentliche Existenz. Liebe ist eigentlich seine Seele. Nein, mehr noch, er ist Liebe selbst. Deswegen passt es nicht für ihn, zu sagen, dass er liebt. Wo es Hass gibt, kann Liebe proklamiert werden, aber jemand, der die inkarnierte Liebe ist, wie wird der seine Liebe erklären? Er wird es niemals sagen. Er wird auch nicht die Anstrengung unternehmen oder die Vorbereitung treffen, Liebe in die Tat umzusetzen. Seine Liebe wird eine stille Manifestation sein. Es wird eine unangekündigte Präsenz sein. Eine Gegenwärtigkeit, eine Anwesenheit, unerklärt, schweigend und ohne Tun, passiv.
09.08.2006 um 23:59 Uhr
Tao 185
Wenn zum Beispiel jemand sagt: Du gehst in die Kirche, und das ist zwecklos, denn diese Kirchen sind von Menschen gemacht, und wie kann der Mensch ein Haus Gottes machen? Alles, was von Menschen hergestellt ist, wird höchstens menschlich sein, nicht mehr als das. Wenn du wirklich auf der Suche nach dem Tempel Gottes bist, dann musst du etwas finden, was ungeschaffen ist, nicht von Menschen gebaut.
Aber du bist in eine Kirche, in einen Tempel, gegangen, und du warst sehr zufrieden damit, du wurdest dadurch getröstet, du hattest eine feste Routine, und du dachtest, dass alles gut läuft, dann kommt dir plötzlich jemand in die Quere und er sagt: Diese Kirche ist von Menschen gemacht!
Und du hast vor deinen eigenen Kreationen gebetet!
Gott schuf den Menschen, der Mensch kann nicht Gott erschaffen!
Wenn du also wirklich nach dem Haus Gottes suchen willst, begib dich zu den viel weiteren Horizonten der Existenz.
Die ganze Existenz ist der Tempel, und bevor das Ganze nicht die Kirche wird, wirst du niemals zu ihrem innersten Schrein gelangen, du wirst niemand finden können, was das Zentrum von dem allem ist.
Also sind deine Kirchen Täuschungen, Spielzeuge, mit denen du spielst – natürlich verstört dich das.
Ein Mensch, der seit fünfzig Jahren in die Kirche gegangen ist, wird plötzlich misstrauisch – was wird er tun?
Er wird mit Wut reagieren. Er wird sich gegen den wenden, der in seinem Leben zu einer Störung geworden ist.
Diese Irritation war gut gemeint, aber darum geht es nicht.
Wenn er dem Störenfried näher kommen würde, würde der ihm helfen, den wirklichen Tempel zu sehen – aber das ist eine andere Sache.
Zuerst muss er davon überzeugt werden, dass seine Kirche falsch und pseudo ist.
Und das ist schmerzlich.
08.08.2006 um 12:03 Uhr
Tao Te King 1 (14)
Lao-tse lebte in Schweigen.
Er vermied es immer, über die Wahrheit zu reden, die er erlangt hatte
und er wies immer den Gedanken von sich
dass er dies für die zukünftigen Generationen aufschreiben sollte.
Im Alter von neunzig Jahren nahm er Abschied von seinen Schülern,
und mit seinem Abschiedsgruß sagte er zu ihnen:
Nun begebe ich mich auf die Reise ins Gebirge, Richtung Himalaja.
Ich gehe dorthin, um zum Sterben bereit zu werden.
Es ist gut, mit Leuten zu leben,
es ist gut, in der Welt zu sein, während man lebt,
aber wenn man dem Tode näher kommt
ist es gut, sich in das totale Alleinsein zu begeben,
so dass wir uns zur ursprünglichen Quelle hinbegeben
in unsere absolute Reinheit und Einsamkeit,
unkontaminiert von der Welt.
Die Schüler fühlten sich sehr, sehr traurig, aber was konnten sie tun?
Sie folgten ihm ein paar hundert Kilometer,
aber nach und nach überredete Lao-tse sie, wieder zurückzugehen.
Dann überquerte er alleine die Grenze,
und dort sperrte ihn der Grenzwächter ein
denn er war auch ein Schüler. Und er sagte:
Bevor du nicht ein Buch schreibst, werde ich dir nicht erlauben
die Grenze zu überqueren. Soviel musst du für die Menschheit tun.
Schreibe ein Buch. Das ist die Schuld, die du zu zahlen hast,
sonst werde ich dir den Grenzübergang nicht gestatten.
Lao-tse wurde also drei Tage lang von seinem eigenen Schüler gefangen gesetzt.
Das ist schön. Es ist sehr liebevoll. Er wurde dazu gezwungen.
07.08.2006 um 22:24 Uhr
Tao 184
Carl Gustav Jung tastete sich in die richtige Richtung vor, aber er war noch nicht angekommen. Es war nicht seine eigene Erfahrung, es war eine Philosophie. Er dachte über Individuation nach, er vertiefte sich immer tiefer in die Idee der Individuation. Aber es war nicht seine eigene Meditation, es war nicht seine eigene existentielle Erfahrung. „Das Geheimnis der Goldenen Blüte“ ist ein alchemistischer Prozess. Es sind die Worte von Menschen, die es kennen gelernt haben. Jung war kein Individuum im Sinne der Individuation; er war noch geteilt: Er hatte das bewusste Denken und das unbewußte Denken und das kollektive unbewußte Denken. Er war nicht eins, er selbst war eine Multiplizität. Er war eine Menge, wie es jeder ist. Er hatte all die Befürchtungen, all die Begierden, all die Ambitionen, die zu haben man von jedem normalen menschlichen Wesen erwarten kann. Er war kein Mensch des Tao, er war nicht erwacht. Er hatte nicht sein eigenes inneres Wesen kennen gelernt, das zeitlos ist. In dem Moment der inneren Erhellung verschwinden alle Unterschiede und Unterteilungen. Da ist nur reines Bewusstsein – weder bewusst noch unbewußt noch kollektiv unbewußt. Das gleiche passierte mit Sri Aurobindo in Indien. Er redete auch über das bewusste Denken und das überbewußte Denken, und so weiter und so fort. In dem Moment der Erhellung verschwindet das Denken. Das Denken bedeutet Teilung. Ob wir es in Bewusstsein und Unbewußtsein aufteilen oder ob wir es in Bewusstsein und Überbewußtsein aufteilen, macht keinen Unterschied: Denken bedeutet Aufteilung. Individualität bedeutet Ungeteiltsein. Das ist die Bedeutung des Wortes Individuum: Unteilbar. Das Denken muss eine Vielheit sein. Das Denken kann nicht eins sein – von seiner Natur aus muss es viele sein. Und wenn das Denken verschwindet, ist das Eine gefunden. Dann bist du nach Hause gekommen. Das ist Individuation. Aber trotzdem hatte sich Jung in die richtige Richtung vorgetastet – aber immer noch tappte er im Dunkeln. Er war noch nicht an der Türe angekommen, er hatte nur von der Türe geträumt. Es gibt Parallelen in der menschlichen Geschichte. Zum Beispiel war Demokrit, der griechische Denker, auf die Idee des Atoms gestoßen ohne irgendwelches Experimentieren. In seiner Zeit gab es keine Möglichkeit zu experimentieren; keine modernen ausgeklügelten Techniken standen zur Verfügung.
06.08.2006 um 23:19 Uhr
Tao 183
Tao ist ein sehr natürliches Phänomen. Taoismus ist der ultimative Luxus. Der Mensch lebt auf drei Ebenen. Wenn seine körperlichen Bedürfnisse erfüllt sind, erst dann werden die psychischen Bedürfnisse signifikant, sonst nicht. Ein hungriger Mensch wird nicht an der Musik von Beethoven, Mozart und Wagner interessiert sein. Er wird nicht an den Gemälden von Michelangelo, Vincent van Gogh und Picasso interessiert sein. Das ist natürlich. Seine vorrangigen grundlegenden Bedürfnisse sind noch nicht erfüllt. Sind seine körperlichen Bedürfnisse erst einmal erfüllt, verlagert sich sein Bewusstsein augenblicklich von der physischen Ebene zur psychischen. Das Bewusstsein bleibt der Ebene verhaftet, wo es am meisten gebraucht wird. Wir kennen das auch in unserem normalen Alltagsleben. Wenn unser Bein schmerzt, dann vergessen wir den ganzen Körper, unser Bewusstsein konzentriert sich auf das Bein. Wenn wir Kopfschmerzen haben, nur dann wird uns die Existenz des Kopfes bewusst, sonst merken wir seine Existenz gar nicht. Er funktioniert still in einem fort, unsere Aufmerksamkeit ist nicht vonnöten. Der Körper ist das Fundament, und der Osten leidet an physischen Nöten. Seine physischen Notwendigkeiten sind gewaltig, was auch immer also im Namen der Religion so vor sich geht, ist im Osten nicht wirklich Religion, es kann es nicht sein, es ist etwas anderes. Die Leute scharen sich um Satya Sai Baba herum, oder um Personen, die so sind wie er, nicht aufgrund von spirituellen Bedürfnissen, sondern aufgrund von physischen Bedürfnissen. Jemand ist krank und hätte gerne, dass ein Wunder geschieht, so dass er kuriert werden kann. Jemand ist blind, jemand hat keine Kinder, jemand hat keine Anstellung, und sie alle hoffen, dass ihre Bedürfnisse erfüllt werden, dadurch dass sie zu den Heiligen gehen, durch die Segenssprüche der Heiligen, oder durch das Beten in den Kirchen, in den Tempeln, in den Moscheen und in den Gurudwaras. Das ist vergebliches Hoffen, aber der arme Mann kann nichts machen. Er hängt immerzu an diesen Illusionen. Das ist ein Teufelskreis: Er klammert sich an diese Illusionen in der Hoffnung, dass seine Bedürfnisse erfüllt werden, und weil er sich an seine Illusionen hängt, unternimmt er keine wirkliche Anstrengung, um sich seine Bedürfnisse zu erfüllen. Diese Nöte werden immer größer und nehmen zu und er begibt sich immer weiter und immer mehr in das Illusorische hinein.

05.08.2006 um 13:24 Uhr
Tao 182
Wie kann es möglich sein, dass Liebe existiert und fließt,
bevor wir nicht innerlich eine Leere sind, ein Nichts-Sein,
so dass da keine Barriere ist, nichts zwischen uns und unserem Geliebten?
Wenn wir jemand sind, und unser Geliebter oder unsere Geliebte auch jemand ist,
dann begegnen sich nicht zwei Personen, sondern vier:
Zwei Niemands, die real sind und die im Hintergrund stehen,
und zwei Jemands, die falsche Egos haben
und sich die Hände schütteln, sich liebkosen und Liebesbezeugungen machen.
Es ist ein Drama, das man sich ansehen sollte. Lächerlich.
Immer wenn sich Liebende begegnen, ist da niemand,
und zwei Niemands können nicht zwei sein. Wie kann zweimal Niemand-Sein zwei sein?
Nichts-Seiende haben keine Demarkationslinie –
ein Nichts-Sein ist eine ungeheure Weite.
Zwei Nichts-Seiende werden eins, aber zwei Jemands bleiben zwei.
Das ist der Grund, warum Liebe zu solch einer hässlichen Angelegenheit wird –
die Liebe, die von uns Liebe genannt wird, aber nicht die taoistische Liebe.
Unsere Liebe ist eine hässliche Affäre, die hässlichste. Das muss so sein.
Sie hätte das schönste Phänomen in der Welt sein können
aber sie ist das hässlichste geworden.
Liebende liegen ständig im Kampf miteinander, sie zanken sich,
und machen sich gegenseitig unglücklich.
Wenn Sartre sagte: „Der Andere ist Hölle“,
sagte er damit etwas über unsere Liebe aus:
Immer wenn wir alleine sind, fühlen wir uns entspannt,
immer wenn wir mit dem Geliebten zusammen sind, entsteht eine Spannung.
Wir können nicht alleine leben, denn das tiefste „Niemand-Sein“
sehnt sich nach etwas: Es hat einen Durst, einen tiefen Hunger.

04.08.2006 um 22:38 Uhr
Südliches Blütenland 27/20 (7)
Welchen Unterschied macht es denn, wer die Welt erschaffen hat:
A, B, C oder D,
was für einen Unterschied macht das?
Und ob sie erschaffen wurde oder ob sie unerschaffen ist,
welchen Unterschied macht das?
Wie wird das uns beeinflussen
ob „A“ die Welt erschuf, oder ob „B“ die Welt geschaffen hat,
oder ob niemand die Welt erschuf?
Wir werden die gleichen bleiben, das Leben wird das gleiche bleiben.
Warum also eine unnötige und irrelevante Frage stellen
und darin hängen bleiben?
Die Flüsse fließen immer weiter und fragen niemals danach, wohin sie fließen.
Sie erreichen das Meer.
Wenn sie mit dem Fragen anfangen würden, kämen sie vielleicht nicht mehr an;
ihre Energie würde vielleicht unterwegs verloren gehen.
Sie würden vielleicht so besorgt darüber werden, wohin sie eigentlich fließen würden
- wo ist das Ziel, was ist der Zweck -
sie würden so besessen von diesem Problem werden, dass sie verrückt werden könnten.
Aber sie fließen weiter, ohne sich darüber Sorgen zu machen, wohin sie denn fließen,
und sie erreichen immer das Meer.
Wenn Flüsse dieses Wunder tun können,
warum können wir das nicht?
Das ist die ganze Philosophie von Dschuang Dsi,
seine ganze Lebensweise:
Wenn sich alles einfach so ereignet,
warum machen wir uns Sorgen? Warum lassen wir es nicht einfach geschehen?
Wenn Flüsse ankommen können, wird der Mensch auch ankommen.
03.08.2006 um 23:59 Uhr
Goldene Blüte 4/13-15
„Wie man das Herz korrekt benutzt während des Atmens, muss verstanden werden. Es ist ein Gebrauch, ohne in Gebrauch zu nehmen. Man sollte das Licht nur ganz sanft auf das Hören fallen lassen. Dieser Satz enthält eine geheime Bedeutung. Was bedeutet es, das Licht fallen zu lassen? Es ist die spontane Ausstrahlung des Augenlichts. Das Auge schaut nur nach innen und nicht nach außen. Helligkeit zu spüren, ohne nach außen zu blicken, bedeutet, nach innen zu schauen; das hat nichts mit einer tatsächlichen Innenschau zu tun. Was bedeutet Hören? Es ist das spontane Hören des Lichts des Ohrs. Das Ohr hört nur innerlich und hört nicht auf das, was außen ist. Helligkeit zu fühlen, ohne auf das zu hören, was außen ist, heißt, innerlich zu hören; das hat nichts damit zu tun, dass man tatsächlich auf das hört, was innen ist. Mit dieser Art von Hören hört man nur, dass da kein Laut ist; mit dieser Art von Sehen sieht man nur, dass da keine Form, kein Umriss ist. Wenn das Auge nicht nach außen schaut und das Ohr nicht nach außen horcht, verschließen sie sich von selbst und neigen dazu, nach innen zu sinken. Nur wenn man nach innen schaut und horcht, geht das Organ nicht nach außen und sinkt nicht nach innen. Auf diese Weise kommt man Trägheit und Lethargie bei. Das ist die Vereinigung des Samens und des Lichts der Sonne und des Monds.
Wenn man, als ein Resultat von Trägheit, schläfrig wird, sollte man aufstehen und umhergehen. Wenn das Denken klar geworden ist, sollte man sich wieder hinsetzen. Im Laufe der Zeit wird sich Erfolg einstellen, ohne dass man abstumpft und in einen Schlaf fällt.“
Die Funktion eines wirklichen Meisters ist nicht, uns zu sagen, dass es Tao gibt, sondern uns zu helfen, unsere Augen zu öffnen, unsere Fenster der Seele aufzumachen, so dass wir sehen können, so dass wir die Bedeutung des Wortes „Tao“ in unseren eigenen Knochen realisieren können, in unserem eigenen Blut, in unserem eigenen Mark und Bein. Meister Lü-tse kann nicht für uns durch seine Augen sehen und er kann nicht für uns mit seinen Beinen gehen und er kann nicht für uns mit seinen Flügeln fliegen. Wir werden unser Leben leben müssen und wir werden unseren Tod sterben müssen. Dies ist eines der fundamentalsten Dinge und wenn man nicht immer daran denkt, wird man beladen und belastet mit geborgtem Wissen, das überhaupt kein Wissen darstellt, sondern nur Falschgeld ist.
02.08.2006 um 22:30 Uhr
Quellender Urgrund 3/9 (3)
Der gewalttätige Mensch versucht die Realität gewaltsam zu verändern, die gewaltlose Person versucht die Wirklichkeit gewaltlos zu ändern, aber beide versuchen sich darin, die Realität zu verändern. Und etwas zu ändern heißt Gewalt anzuwenden. Die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind, sie ohne sich überhaupt etwas dabei zu denken anzunehmen – das ist das taoistische Verstehen.
Wenn wir unsere eigenen Gedanken haben, können wir nicht akzeptieren. Wir werden beurteilen, wir werden vergleichen; wir werden sagen, dies sollte nicht so sein, es darf nicht so sein; wir werden sagen, dies kann verbessert werden, dies kann geändert werden und besser gemacht werden.
Allein schon die Idee, dass die Welt besser gemacht werden kann, ist die eigentliche Wurzel aller Egotrips. Die Welt ist perfekt; es gibt keinen Weg, sie besser zu machen. Wenn wir versuchen, sie besser zu machen, werden wir sie schlechter machen. Die Dinge sind in vollkommenem Rhythmus – nichts ist schlecht, nichts ist gut. Das Gute und das Schlechte sind vom Menschen erschaffene Konzepte. Nichts ist richtig, nichts ist falsch – das sind unsere Konzeptionen. Die Wirklichkeit ist einfach neutral, weder gut noch schlecht, weder schön noch hässlich. Sie ist einfach. Dieses „Istsein“ ist Tao.
Wenn wir uns nun dieser Parabel zuwenden und ganz langsam in sie hineingehen, sie Schritt für Schritt auskosten, kann sie zu einer Offenbarung werden.
„Herr Pang aus Tsin hatte einen Sohn, der als Kind noch gescheit gewesen war …“
Jedes Kind wird klug geboren. Kein Kind wird jemals idiotisch geboren. Um ein Idiot zu werden, muss man schon erst erzogen werden. Um Leute zur Idiotie zu bekehren, dafür sind Schulen, Hochschulen und Universitäten nötig. Das ist eine große Errungenschaft. Idiotie ist nicht natürlich; sie muss gelernt werden, sie muss verdient werden. Große Anstrengung muss gemacht werden, bevor wir stupide werden können. Ein Lao-tse oder ein Dschuang Dsi oder ein Liä Dsi sind Leute, die irgendwie der Gesellschaft entkamen, die es irgendwie schafften, dass die Gesellschaft sie nicht zu dummen Leuten machen konnte. Sie wirken irgendwie besonders, weil die ganze Gesellschaft dumm geworden ist – sonst würden sie die Norm sein.
01.08.2006 um 23:59 Uhr
Südliches Blütenland 17/1 (1)
„Die Herbstfluten waren gekommen.
Tausende von reißenden Wildbächen
ergossen sich furios in den gelben Fluss.
Er stieg an und überflutete seine Ufer, bis man, wenn man hinüberschaute,
nicht mehr sagen konnte, ob ein Ochse oder ein Pferd auf der anderen Seite des Flusses steht.
Da lachte der Flussgott und freute sich, denn er dachte
dass all die Schönheit in der Welt ihm zu Gebote stehe.
Also schwang er sich stromabwärts, bis er zum Ozean kam.
Dort schaute er in die Ferne über die Wellen
bis hin zum leeren Horizont im Osten, und er machte ein langes Gesicht.
Wie er da zum weiten Horizont hinstarrte, kam er wieder zu Sinnen
und murmelte zum Ozeangott:
Nun, das Sprichwort ist richtig.
Der, welcher einhundert Ideen hat,
denkt, er weiß mehr als sonst irgendjemand.
Ich bin so jemand.
Erst jetzt sehe ich, was Ausdehnung wirklich bedeutet!
Der Ozeangott erwiderte:
Kannst du über das Meer reden
mit einem Frosch in einem Brunnen?
Kannst du über Eis reden
mit Libellen?
Kannst du über den Weg des Lebens reden
mit einem Doktor der Philosophie?!“
Das Leben ist Erfahrung, und nicht Theorie.
Es benötigt keine Erklärung.
Es ist da in all seiner Herrlichkeit.
