Taoistische Reflektionen

30.09.2006 um 22:57 Uhr

Tao 202

von: tao

Werner Erhard, der Gründer von EST, sagt:

„Probleme, die du versucht hast zu ändern oder dich mit ihnen abzufinden,

klären sich und kommen wieder in Ordnung im Prozess des Lebens selbst.“

Erhard hat damit absolut Recht, aber wir können ihn missverstehen

denn was er auch immer damit sagt

ist so tiefgründig wie irgendetwas, was Lao-tse sagen kann.

Wir können ihn missverstehen. Versuchen wir, es zu verstehen.

Tiefgründigkeiten sind gefährlich,

und wenn sie von ignoranten Leuten gehört werden, können sie sehr, sehr gefährlich werden.

Verbunden mit unserer Dummheit kann eine Tiefgründigkeit ein sehr tiefer Absturz werden.

 „Probleme, die wir versucht haben, zu verändern oder hinzunehmen

schaffen sich im Prozess des Lebens selbst wieder aus der Welt.“

Das ist wahr, es ist eine Feststellung von Tatsachen, es geschieht auf diese Weise.

Aber dann entsteht das Problem, ob Meditation sich damit verträgt oder nicht.

Meditation ist auch Teil des Lebens – wir können sie tun, so wie wir viele andere Dinge tun.

Warum Meditation zu etwas machen, das nicht Teil des Lebens ist?

Meditation ist Teil des Lebens, auch da müssen wir hindurchgehen.

Wir kommen zur Meditation, weil etwas in uns sie benötigt,

warum sonst sollten wir dorthin kommen?

Die ganze Welt kommt nicht zur Meditation, nur ein paar Leute interessieren sich dafür.

Da muss schon etwas in uns sein, ein tiefes Verlangen danach…

Sex alleine ist nicht Leben, nur Essen ist auch nicht Leben.

Meditation ist genauso ein Teil des Lebens wie alles andere auch

und es ist ein Teil des Lebens, den es zu absolvieren gilt.

Was nun Erhard sagt, ist absolut wahr, eine Feststellung von Tatsachen:

Nichts sonst ist nötig, man braucht nur zu leben und alles löst sich von selbst.

Aber Meditation ist auch Teil des Lebens, Yoga ist auch Teil des Lebens,

man muss auch da durch. Wir können davor nicht weglaufen.

Wenn wir versuchen, uns dem zu entziehen, wird der Teil,

den wir damit nicht erfüllt haben, immer über uns hängen bleiben

und wir werden spüren, dass etwas unvollständig geblieben ist.

29.09.2006 um 15:48 Uhr

Tao 201

von: tao

Wenn wir darüber nachdenken, wie es zu etwas gekommen ist,

und was mit ihm geschehen wird, dann ist der Sinn für das Wunder schon verloren gegangen.

Sich diese Fähigkeit, zu staunen, zu erhalten

ohne dem Denken zu erlauben, sich einzumischen,

das ist es, worum es bei Meditation geht.

Jesus sagt wieder und wieder:
Nur diejenigen, die wie Kinder sind,

werden imstande sein, in das Königreich meines Gottes einzutreten.

Was meint er damit? Was meint er mit „wie Kinder“?

Er meint diese Fähigkeit, sich zu wundern.

Kinder haben noch diese Fähigkeit des Staunens.

Sie bleiben darin, sie gehen nicht weg davon;

sie gehen vom einen Staunen zur nächsten Verwunderung,

aber sie bleiben in diesem Zustand des Erstaunens.

            Unser Denken verzerrt sofort dieses Staunen.

Einen einzigen Bruchteil eines Moments waren wir in einem Zustand der Verwunderung

aber im nächsten Moment schon hat sich das Denken eingeschaltet,

wir haben zu denken angefangen:

Wie ist es dazu gekommen? Wie wird es weiter gehen?

Nun gibt es keine staunende Verwunderung mehr.

Fragen töten den Sinn für das Wunder

denn Fragen sind schon auf dem Weg zu Antworten.

Eine Frage ist ein Pfeil, das Ziel ist die Antwort,

und wenn wir die Antwort erhalten können, wird das der Tod des Staunens sein.

Wenn wir Fragen stellen, haben wir uns schon in Bewegung gesetzt,

in die Richtung zur Antwort,

und wenn wir die Antwort bekommen, ist das Wundern verloren gegangen.

Das ist der Grund, warum je mehr die Menschheit

in Bezug auf wissenschaftliche Antworten trainiert und diszipliniert wird,

desto mehr geht die Fähigkeit zu staunen und sich zu wundern verloren.

28.09.2006 um 02:44 Uhr

Tao Te King 15 (9)

von: tao

Ein Mensch des Tao ist ein weiser Mensch, aber sein Verstehen ist so profund

dass wir es nicht verstehen koennen. Wir koennen es nur leben.

Ein Mensch des Tao versteht, aber er versteht in grosser Tiefgruendigkeit,

wo sich Gegensaetze begegnen, wo Leben und Tod zu Synonymen werden,

wo Existenz und Nicht-Existenz keinen Gegensatz mehr bedeuten,

wo alle Fluesse in den Ozean einmuenden -

in dieser Tiefe existiert ein Mensch des Tao.

Es ist schwierig, ihn zu verstehen

denn dieses Verstaendnis wird oberflaechlich sein

und alles Verstehen wird mehr oder weniger ein Missverstehen sein.

Einen Menschen des Tao sollten wir besser nicht zu verstehen suchen.

Wie koennen wir ihn verstehen?

Wie koennen wir ein unendliches Phaenomen verstehen?

Wir koennen es leben, wir koennen uns in es hinein aufloesen,

wir koennen ihm erlauben, sich in uns hinein aufzuloesen, das ist alles, was moeglich ist.

Es ist wie Liebe:

Wir koennen Liebe nicht verstehen, mysterioes sind ihre Wege.

Wir koennen sie nicht verstehen, wir koennen sie nicht festnageln.

Tausende von Definitionen existieren

aber Liebe ist noch nicht definiert worden und sie wird niemals definiert sein.

Wann immer wir sie definieren, haben wir augenblicklich das Gefuehl, dass noch etwas fehlt.

Dieses Etwas wird immer noch fehlen,

denn dieses Etwas ist die Tiefe.

Eine Definition kann keine Tiefe in sich tragen, sie kann nur an der Oberflaeche sein.

Ein weiser Mensch lebt in der Tiefe, ein weiser Mensch lebt am Zentrum;

Ein Mensch mit Wissen lebt in den Aussenbezirken.

Es gibt nur einen Weg, einen weisen Menschen zu erreichen -

wir werden zu unserem eigenen Zentrum kommen muessen.

Von Mitte zu Mitte ist die Kommunion mit einem weisen Menschen;

von Kopf zu Kopf, von Denken zu Denken,

ist die Kommunikation mit einem Lehrer, dem informierten und gebildeten Menschen.

27.09.2006 um 13:54 Uhr

Südliches Blütenland 1 (2)

von: tao

Wir können nicht tief gehen, wir können nichts in uns eindringen lassen.

Auf diese Weise wird Wahrheit verfehlt.

Und dann fragen Leute laufend:

Wo ist das Göttliche, wo ist die Wahrheit?

Es geht nicht darum, das Göttliche oder die Wahrheit zu finden.

Es ist immer hier gewesen,

es ist niemals irgendwo anders gewesen, das kann es nicht sein.

Es ist da, wo wir sind, aber wir sind nicht da.

in unserem Denken sind wir irgendwo anders.

Unsere Augen sind voll mit Träumen,

unser Herz ist voll von Sehnsüchten.

Wir begeben uns in die Zukunft,

und was ist die Zukunft anderes als Illusion?

Oder, wir gehen in die Vergangenheit,

und die Vergangenheit ist schon tot.

Die Vergangenheit ist nicht mehr und die Zukunft hat erst noch zu sein.

Zwischen diesen beiden ist der gegenwärtige Moment.

Dieser Moment ist sehr kurz,

er ist nanowinzig, wir können ihn nicht aufteilen, er ist unteilbar.

Dieser Moment vergeht mit dem Zwinkern eines Auges.

Wenn ein Wunsch hochkommt, haben wir ihn schon verpasst;

wenn ein Traum da ist, sind wir schon dabei, ihn zu verfehlen.

Der ganze Taoismus besteht darin, uns nicht irgendwohin zu führen,

sondern uns in das Hier und Jetzt zurückzubringen,

uns zur Gesamtheit zurück zu bringen,

zurück dahin, wo wir immer schon gewesen sind.

Aber der Kopf ist weg gegangen, sehr weit weg.

Dieser Kopf muss zurückgebracht werden.

Also braucht man Tao nicht irgendwo zu suchen –

weil wir irgendwo suchen, darum finden wir auch nichts.

26.09.2006 um 13:51 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (11)

von: tao

Uns wird gesagt: Macht euch auf den Weg! Klopft an die Himmelstür! Kommt zu Gott!

Aber steht nicht einfach so herum!

So verurteilen sie immer unsere Bedürfnisse

und sie unterstützen immer unsere Sehnsüchte.

Das ist der Grund, warum die Welt so hässlich geworden ist –

jeder ist voll mit Wünschen und niemandes Bedürfnisse sind befriedigt.

Das, was erfüllt werden kann, wird vernachlässigt

und das, was nicht erfüllt werden kann, wird vorangetrieben.

Das ist die Misere des Menschen.

Dschuang Dsi ist für die Bedürfnisse.

Erfülle sie und kümmere dich nicht um deine Sehnsüchte.

Lass einfach schon den Gedanken daran fallen, denn es gibt keine Zukunft,

nur die Gegenwart existiert.

Und wie schön das ist!

Wenn wir uns hungrig fühlen, essen wir – es gibt keine Zukunft.

Und wenn wir dann so ins Essen vertieft sind

wird es paradiesisch sein.

Das ist es, was Jesus sagt: Denkt nicht an das Morgen.

Sehet die Lilien auf dem Felde,

sie sparen nichts,

sie denken sich nichts, sie machen sich keine Sorgen um die Zukunft.

Sie blühen hier und jetzt.

Schaut euch die blühenden Lilien an –

das Morgen wird sich um sich selbst kümmern.

Wir brauchen bloß hier und jetzt sein.

Dieser Moment ist genug, wir brauchen nicht nach Mehr fragen.

Dies ist der wirkliche Weise – jemand, der im Moment lebt,

für den dieser Moment genug ist. Er ist erfüllt.

Es gibt keinen Himmel für ihn, er ist der Himmel selbst.

Es gibt keinen Gott für ihn, er ist selbst göttlich geworden.

Beschäftigt

25.09.2006 um 14:36 Uhr

Tao 200

von: tao

Wenn wir versuchen, den Sinn zu finden,

dann wird eine ständige Besessenheit mit der Sinnsuche

zu einer Geisteskrankheit.

Was ist der Sinn einer Rosenblüte? Sie hat keine Bedeutung.

Sie erblüht ohne irgendeinen Sinn,

sie bedarf keiner Bedeutung, um sich selbst zu rechtfertigen

denn sie in ist ihrem Dasein gerechtfertigt.

Wir brauchen sie bloß sein zu lassen, und können mit ihr sein.

Dann können wir die Rose in uns eindringen lassen,

wir können die Rose ihren Duft um uns und in uns ausbreiten lassen

und plötzlich rührt sich etwas in unserem Wesen –

etwas ist hochgekommen. Die Rose hat irgendetwas mit uns gemacht.

Wir mögen nicht fähig sein, zu wissen, was die Rose getan hat

aber wir werden uns glücklicher fühlen, irgendwie selig;

wir werden spüren, dass es da einen Kontakt mit dem Unbekannten gegeben hat;

wir werden fühlen, dass uns eine Gelegenheit gegeben worden ist

in das Unbekannte hineinzuschauen;

wir werden das Gefühl haben, dass die Rose ein Fenster geworden ist,

und ein ungeheuer weiter Himmel hat sich eröffnet – es hat sich ein Spalt geöffnet

in der Wand unseres Denkens, und ein Lichtstrahl ist durchgedrungen.

Da brauchen wir uns nicht mehr um den Sinn zu kümmern.

Besser ist es, zugänglich zu sein, einen Kontakt entstehen zu lassen.

Das ist dann keine Kommunikation, es ist eine Kommunion.

Die Existenz kommuniziert uns nicht eine bestimmte Botschaft, die entziffert

oder dekodiert werden könnte. Nein, sie gibt sich selbst in jedem Kontakt.

Sie ist größer als irgendeine Bedeutung, die ihr gegeben werden könnte –

und wir sind auch größer. Wenn der Kontakt zustande kommt,

werden wir spüren, dass sich die Grenzen aufgelöst haben –

für einen Moment lang waren wir nicht mehr da,

einen Moment lang waren wir besessen von der Rose oder von irgendetwas anderem,

und nicht nur davon, sondern durch sie oder etwas anderes, von der Ganzheit.

Traurig

24.09.2006 um 14:01 Uhr

Tao Te King 6 (2)

von: tao

Es gibt eine Geschichte, die einer von Lao-tses größten Schülern, Liä Dsi, berichtet….

Liä Dsi berichtet eine Geschichte, die in seiner Stadt einmal passiert ist:

Der reichste Mann der Stadt überquerte den Fluss

und der Fluss hatte Hochwasser. Plötzlich kam ein großer Sturm auf

und genau in der Mitte des Stroms kenterte das Boot.

Der Bootsmann entkam irgendwie, aber er konnte den reichen Mann nicht retten

also ertrank er. Eine große Suchaktion wurde eingeleitet.

Ein Fischer fand den Körper – die Leiche – aber er verlangte

einen fantastischen Preis dafür und wollte sich nicht mit weniger zufrieden geben.

Die Familie war nicht bereit, soviel bloß für einen toten Körper zu geben

also gingen sie zu einem Rechtsanwalt, einem Rechtsbeistand, einem logisch denkenden Menschen, um ihn zu fragen, was man tun könnte. Könnte man gerichtlich gegen ihn vorgehen? Der Rechtsanwalt sagte: Macht euch keine Sorgen.

Gebt mir erst mein Honorar und dann werde ich euch den Weg zeigen.

Der Anwalt kassierte also sein Honorar und sagte dann: Gebt nicht nach.

Er kann den toten Körper an niemand anderen verkaufen; er wird also nachgeben müssen

denn niemand wird diesen Körper kaufen – bleibt also einfach unnachgiebig.

Zwei, drei Tage gingen vorüber – die Familie folgte dem Ratschlag.

Der Fischer begann, sich Sorgen zu machen, denn nun stank der Leichnam schon,

und er bekam das Gefühl, dass es besser wäre, nun nachzugeben

und zu akzeptieren, was auch immer sie ihm geben würden, denn es war zum Problem geworden, und er merkte auch, dass niemand sonst die Leiche kaufen würde.

Wie kann man da noch um den Preis feilschen?

Aber bevor er irgendetwas entschied, ging er auch zu dem Rechtsberater, demselben Mann.

Der sagte: Gib mir zuerst das Honorar und ich werde dir den Ratschlag geben.

Er nahm sein Honorar ein und sagte: Gib nicht nach!

Die Familie kann den Körper von niemand anderem kaufen – sie werden nachgeben müssen.

Logik ist eine Hure, eine Prostituierte, Logik ist käuflich.

Fröhlich

23.09.2006 um 14:32 Uhr

Tao 199

von: tao

Es ist möglich, dass meine Füße eine lange Zeit brauchen werden, bis sie erkennen

dass mein Kopf schon das Dach berührt hat. Und ich bin ein Körper.

Das Ganze ist ein Körper.

In Buddha, in Christus, in Zarathustra,

hat etwas schon das Crescendo berührt,

aber in uns hängt es noch weit zurück.

Wir haben noch nicht einmal die Neuigkeit gehört;

wir wissen gar nicht, was passiert ist.

Aber nach und nach, ganz allmählich,

werden ein paar aus dem Gefängnis des Schlafs entfliehen. Und dann wissen sie.

Eines Tages wird die ganze Existenz erleuchtet werden,

denn jedes erwachte Wesen

gibt ständig seine Verwirklichung, seine Einzigartigkeit,

seinen Duft und sein Erblühen an die Gesamtheit.

Wenn sich ein erwachtes Wesen auflöst

gibt es seinen Duft an die Ganzheit der Existenz.

Wegen ihm sind wir ein klein wenig wacher.

Jeder Buddha hat etwas uns hinzugegeben.

Wir merken es nicht, aber jeder Buddha

hat seine Reichtümer ständig auf uns ausgegossen.

Auf tausenderlei Weisen

hat die Existenz die Geschwindigkeit schon erhöht,

denn jeder Buddha gibt seine eigene Errungenschaft an sie weiter.

Wir sind total anders wegen Jesus, Zarathustra, Buddha.

Daher die Einstellung der tiefen Dankbarkeit

von religiösen Menschen ihren Meistern gegenüber,

denn ohne einen Buddha wären sie so nicht möglich gewesen.

Ohne vorhergehende Buddhas wäre selbst Buddha nicht möglich gewesen.

Es ist eine großartige Kette, die Verkettung der Existenz –

und alles ist mit allem anderen verlinkt und verbunden.

Verrückt

22.09.2006 um 22:34 Uhr

Ko Hsuan 7 (1)

von: tao

“Der ehrenwerte Meister sagte:

Wenn man klipp und klar nachgedacht hat über diese drei Dinge: Sex, Wut und Gier, nimmt man nur noch eine Leere wahr, aber wenn man die Leere betrachtet, stellt man fest, dass die Leere auch leer ist und ist zu einem Nichts-Sein geworden. Ist nun die Leere in das Nichts-Sein verschwunden, stellt man fest, dass das Nichts-Sein des Nichts auch nichts ist, und wenn das niedrigste Nichts-Sein erreicht ist, ist dort ganz gewiss eine tiefe und unveränderliche Stille zu finden.

In dieser tief greifenden Stille, wie können da noch Begierden aufkommen? Wenn keine Wünsche mehr erzeugt werden, dann ist da essentielles und  beständiges Still-Sein.

Wahrheit ist im Grunde genommen unveränderlich.

Alle Dinge im Himmel und auf der Erde sind in ihrer Essenz gleich bleibend und beständig.“

Der Osten hat den Meister ungeheuer respektiert. Der Westen ist sich des Phänomens des Meisters absolut unbewußt. Er kennt die Lehrer, weiß alles über die Lehrer, aber nichts über die Meister. Leute schreiben sogar über Jesus als einen großen Lehrer – westliche Gelehrte schreiben über Buddha als einen großen Lehrer – sie kennen den Unterschied nicht. Der Unterschied ist gewaltig; der Unterschied ist so immens, dass er unüberbrückbar ist. Der Meister ist eine total andere Welt. Der Lehrer ist Teil der gewöhnlichen, alltäglichen Existenz. Er weiß mehr als wir wissen: Der Unterschied liegt in der Quantität, nicht in der Qualität. Mit bloß ein bisschen mehr Aufwand und Anstrengung können wir mehr wissen. Der Lehrer ist bloß ein bisschen uns voraus, was das Lernen, das Wissen, die Information, die Bildung betrifft, aber sein Wesen ist das gleiche wie unser Wesen. Der Meister mag nicht mehr wissen als wir, er weiß vielleicht nicht einmal so viel, wie wir wissen, aber er ist mehr – er hat mehr Sein. Der Unterschied liegt in der Qualität: Er existiert auf einer anderen Ebene. Er ist in eine total andere Dimension eingetreten, die uns noch völlig unbewußt ist. Er weiß nur das eine, das ist sein eigenes inneres Sein. Und dieses Kennen kann nicht Wissen genannt werden, aus dem einfachen Grund, weil Wissen dreier Dinge bedarf: Den Wissenden, das Gewusste, und zwischen den beiden existiert das Wissen. Die Beziehung zwischen dem Wissenden und dem Gewussten: Das ist Wissen. Aber wenn wir uns selbst erkennen, dann ist der Wissende das Gewusste, der Wissende ist das Wissen; es gibt überhaupt keine Unterscheidung mehr. Da ist kein Subjekt und kein Objekt. Da ist nur Einheit, keine Teilung.

21.09.2006 um 23:59 Uhr

Tao 198

von: tao

Das Negative ist der Schatten des Positiven. Das Positive ist die Figur, das Negative ist der Schatten. Wenn wir rennen, wird  unser Schatten hinter uns her rennen. Wenn wir anhalten, wird der Schatten auch stoppen. Aber wenn wir uns zu sehr auf den Schatten einlassen, werden wir stecken bleiben. Wenn wir versuchen, dass der Schatten zuerst loslaeuft, und wir ihm dann erst folgen wollen, ist dies unmoeglich. Dann werden wir uns sehr ohnmaechtig fuehlen. Wir werden fuer uns selbst eine ganz verrueckte Situation schaffen.

Wenn wir uns die zehn Gebote anschauen...sie sind alle in gewisser Weise negativ. Wenn wir uns in Patanjalis Yoga Sutras vertiefen, werden wir kein einziges negatives Gebot finden. Alles ist positiv. Mit dem Positiven gibt es Wachstum. Das Judentum ist ueberhaupt nicht gewachsen. Es steckt fest. Tatsaechlich hat es nach und zu Moses nichts mehr hinzugefuegt. Es ist genau da, wo Moses es zurueckgelassen hat.

Der Hinduismus ist gewaltig gewachsen. Er waechst noch weiter. Er ist kein toter Stein. Und was ist der Grund dafuer, was ist sein Geheimnis? Das Geheimnis ist: Er geht ueber das Positive. Wenn wir beim Negativen stecken bleiben, dann bewegen wir uns schon ganz von Anfang an in eine verkehrte Richtung, die uns nicht viel Bewegung gestatten wird. Wir steuern so direkt in Schwierigkeiten.

Das Judentum hat keinerlei subtile Religion entwickelt. Die Juden sind die irreligioesesten Leute auf der Erde geblieben, am meisten materialistisch, geldorientiert und prestigeorientiert. Sie haben ueberhaupt nichts Tiefgehendes entwickelt in Meditation oder Gebet; fuer sie ist Religion bloss eine Formalitaet. Religion ist nichts Gewaltiges; sie ist nicht etwas, das uns erschuettert, uns entwurzelt, uns Fluegel gibt; sie ist nicht etwas, das uns zerstoert und wieder aufbaut; sie ist nicht etwas, was von uns Besitz ergreifen kann; sie ist nicht etwas, das uns lenkt und leitet, sie ist etwas, das wir managen und verwalten.

Die Juden mochten Jesus nicht, weil er von Religion zu besessen war. Die Juden mochten Jesus nicht, weil er zu jenseitig war. Die Juden haben noch nie Leute gemocht, die in juedischen Familien geboren wurden und sich zu sehr von Religion in Besitz nehmen liessen. Sie haben sie immer verneint und sie abgelehnt. Sie verweigern sich jedem Messias und lehnen ihn ab, denn ein Messias ist eine Person, die fast zu einer Leidenschaft geworden ist. Religion ist seine Liebe, sie ist keine Formalitaet. Er kann sein Leben dafuer aufs Spiel setzen. Wenn eine Kreuzigung dadurch auf ihn zukommt, ist er bereit, ans Kreuz zu gehen.

20.09.2006 um 11:08 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (10)

von: tao

Wir sind gar nicht da, um unsere gewöhnlichen Bedürfnisse des Tages zu erfüllen,

denn wir würden gerne hungrig bleiben, wenn wir nur den Horizont erreichen.

Wir würden gerne unsere Bedürfnisse hintanstellen

so dass die ganze Energie in die Sehnsucht geht.

Aber am Ende stellen wir fest, dass das Verlangen nicht erfüllt ist,

am Ende sind wir bloß ruiniert.

Und die Zeit, die verloren ist, kann nicht wiedergewonnen werden;

wir können nicht zurückgehen.

Es gibt eine Geschichte, die über einen alten weisen Mann erzählt wird,

sein Name war Menzius. Er war ein Nachfolger von Konfuzius

und er starb, als er sehr, sehr alt war.

Jemand fragte ihn: Wenn dir wieder ein Leben gegeben würde,

wie würdest du es beginnen?

Menzius sagte: Ich würde mehr Aufmerksamkeit meinen Bedürfnissen schenken

und weniger Aufmerksamkeit meinen Wünschen.

Und diese Erkenntnis wird irgendwann auch zu uns kommen.

Aber sie kommt immer sehr spät

und dann ist das Leben nicht mehr in unseren Händen.

Wenn uns nur dann wieder das Leben gegeben würde…

Bedürfnisse sind schön; Wünsche sinad hässlich.

Bedürfnisse sind körperlich; Wünsche sind psychisch.

Aber schauen wir unsere so genannten Heiligen und Weisen an:

Sie verdammen immer unsere Bedürfnisse

und helfen uns immer dabei, unsere Wünsche zu projizieren.

Sie sagen: Was tust du da?

Bloß essen? Schlafen?

Dein Leben vergeuden?

Versuche, in den Himmel zu kommen! Der Himmel ist die ultimative Sehnsucht.

Das Paradies wartet auf uns, und wir verschwenden unser Leben

mit ordinären Dingen – bloßes Vegetieren.

Steh auf und renne, denn es bleibt nicht mehr viel Zeit übrig!

19.09.2006 um 18:26 Uhr

Tao Te King 9 (7)

von: tao

Den Dreh heraushaben ist die Essenz vieler Fehler und Irrtümer,

von Versuch und Irrtum.

Etwas wächst in uns, und lernen wir es erst einmal kennen

dann können wir es vergessen, wir haben es immer,

wir brauchen uns nicht daran zu erinnern.

Wenn wir noch daran denken müssen, haben wir immer noch nicht den Bogen heraus,

es ist noch etwas im Denken.

Wenn es ein Kniff ist, geht es ins Blut, in die Knochen hinein,

ins tiefste Mark, ist eingefleischt, in unserem eigentlichen Wesen,

und dann können wir es vergessen.

Ein Lao-tse muss nicht daran denken, wie er zu gehen hat,

wie er sein muss.

Es ist keine Disziplin. Haben wir es erst einmal erkannt, dann wissen wir es.

Wir können darüber vergessen und es einfach aus dem Denken löschen,

aber wir werden es trotzdem befolgen

und wir werden ihm folgen, ohne darüber nachzudenken.

Dieses Know-how ist weder Wissenschaft noch Kunst, es ist eine gelebte Erfahrung.

Und dies ist die größte Kunst oder die großartigste Wissenschaft –

es ist die Wissenschaft des Lebens oder die Kunst des Lebens.

Wir müssen nun einmal vorangehen im Leben – zuschauen, wie wir fallen;

wir müssen uns selbst beobachten – und observieren, wie wir in die Irre gehen.

Und das Denken wird darauf bestehen, dass es bis zum äußersten Extrem geht,

immer wenn wir also ein Ungleichgewicht spüren,

sollten wir es augenblicklich ausbalancieren, indem wir uns zum Entgegengesetzten begeben.

Das Denken ist entweder ein Rechter – es bewegt sich nach rechts –

dann geht es aber niemals nach links;

oder, das Denken ist ein Linker –

dann geht es nach links und bewegt sich aber niemals nach rechts.

Und dann gibt es noch ein sehr eigenartiges Phänomen:

Manchmal wird das Denken ein „Mittlerer“, es bleibt in der Mitte,

aber genauso fanatisch, was die Mitte betrifft, wie die anderen mit ihrem Rechts und Links.

18.09.2006 um 13:13 Uhr

Südliches Blütenland 26/10 (1)

von: tao

„Der Zweck einer Fischfalle, einer Reuse,

ist es, Fische zu fangen,

und wenn die Fische gefangen sind

ist das Fischnetz vergessen.

Der Zweck von Worten

ist es, Ideen zu übermitteln.

Wenn die Ideen begriffen sind

sind die Worte vergessen.

Wo kann ich einen Menschen finden

der die Worte vergessen hat?

Er ist derjenige

mit dem ich gerne sprechen würde.“

Es ist schwierig, Worte zu vergessen.

Sie klammern sich an das Denken.

Es ist schwierig, das Netz wegzuwerfen

denn in ihm werden nicht nur die Fische gefangen,

der Fischer verfängt sich auch darin.

Dies ist eines der größten Probleme.

Mit Worten zu arbeiten heißt mit dem Feuer zu spielen

denn die Worte werden so wichtig

dass der Sinn bedeutungslos wird;

das Symbol wird so schwerwiegend, dass der Inhalt komplett verloren geht;

die Oberfläche hypnotisiert uns und wir vergessen das Zentrum.

Dies hat sich überall auf der Welt ereignet.

Christus ist der Inhalt, Christenheit ist bloß ein Wort;

Buddha ist der Inhalt, dhammapada ist bloß ein Wort;

Krishna ist der Inhalt, die Gita ist nichts als eine Falle.

Aber man erinnert sich an die Gita und Krishna ist vergessen –

oder, wenn man sich an ihn erinnert, dann nur wegen der Gita.

Wenn wir über Christus sprechen, ist es wegen der Kirchen,

der Theologie, der Bibel, der Worte.

17.09.2006 um 13:43 Uhr

Tao 197

von: tao

Ein einziger erwachter Mensch hilft der Welt auf ihren eigentlichen Gipfel,

dass sie wieder aus vollem Halse singt,

dass sie wieder nach ihrer besten Möglichkeit tanzt,

dass sie ihr ganzes Potential

zu einer Manifestation, in einen Feierzustand bringt.

Wenn sich also ein Mensch des Tao auflöst

- da es keine andere Weise gibt, es in der Sprache zu sagen -

wenn sich also ein erwachter Mensch auflöst

wird seine Einzigartigkeit das Einzigartigsein der Ganzheit.

Dann ist das Ganze dadurch bereichert.

Dann wird die Gesamtheit niemals wieder dieselbe sein. Sie wird es niemals wieder sein.

Das ist die Bedeutung dessen, dass die Christen

sich dafür entschieden, dass Jesu Geburt ein teilender Faktor in der Geschichte sei.

Der ganze Kalender der Christen, und der Nicht-Christen,

basiert auf Jesu Geburtstag. Das ist sehr symbolisch.

Es bedeutet, dass die Geschichte nun nie wieder dieselbe sein wird

weil Jesus geboren wurde und weil Jesus gekreuzigt wurde,

und weil Jesus den Tod überwunden hat, auferweckt worden ist.

Nun ist die ganze Welt total anders –

ob wir es wissen oder ob wir es nicht wissen.

Wenn wir vor Jesus geboren worden wären

wären wir in einer total anderen Welt geboren worden.

Jesus hat der Welt seine Qualität gegeben. Das ist ein historischer Moment.

Lao-tse, Dschuang Dsi, Liä Dsi, Buddha, sind alles historische Momente.

Durch sie gelangt das Universum höher und höher,

das Universum ist dabei, zu einem Crescendo zu kommen.

Durch sie ist das Universum schon dabei, es zu erreichen;

durch uns muss es es erst noch erreichen.

Das Universum ist ein ungeheuer komplexes Phänomen:

Es ist möglich, dass, obwohl mein Kopf bereits das Dach berührt hat,

meine Füße sich dessen noch überhaupt nicht bewusst sind.

16.09.2006 um 23:59 Uhr

Tao 196

von: tao

Ein Mensch, der aus Furcht heraus lebt, erzeugt alle Arten von Situationen, die ihn dazu veranlassen, immer mehr Furcht zu empfinden. Unsere Furcht erschafft sich ihre eigenen Situationen, genau wie unsere Liebe Situationen erzeugt: Wenn wir lieben, werden wir so viele Gelegenheiten finden, liebevoll zu sein, wenn wir Angst haben, werden wir so viele Gelegenheiten finden, Angst zu empfinden. Liebe wird der Geschmack eines neuen Bewusstseins sein.

Weil Furcht der Beigeschmack des alten Bewusstseins war, erzeugte es Kriege. In dreitausend Jahren hat der Mensch fünftausend Kriege gekämpft – als wenn wir außer dem gar nichts sonst getan hätten – ein ständiges Kämpfen, an dem einen oder anderen Ort. Dies ist ein ganz verrückter Seinszustand, die Vergangenheit der Menschheit ist geisteskrank.

Ein Taoist wird mit dieser geisteskranken Vergangenheit keine Kontinuität mehr bilden. Er wird an die Liebe glauben, nicht an den Krieg. Er wird an das Leben glauben, nicht an den Tod. Er wird kreativ sein, nicht destruktiv. Seine Wissenschaft, seine Kunst – alles wird der Kreativität dienen. Er wird keine Bomben erschaffen. Er wird nicht politisch sein, denn Politik entsteht aus Hass heraus. Politik wurzelt in Furcht, Hass und Destruktivität. Der Taoist wird nicht politisch sein, der Taoist wird nicht national sein. Der Taoist wird global sein. Er wird keinerlei politische Ambition haben, weil es dumm ist, politisch ehrgeizig zu sein. Der Taoist wird sehr intelligent sein. Die ersten Zeichen einer neuen Intelligenz sind schon am Horizont aufgegangen. Wer Augen hat, kann es sehen: Die Kinder rebellieren schon.

Es ist ein großer Moment der Freude, wenn junge Leute überall auf der Welt gegen alle Arten von Orthodoxien rebellieren – ob es eine Orthodoxie der Kirche oder des Staates ist, spielt keine Rolle. Taoisten sind nicht bereit, zu gehorchen – nicht dass sie fest entschlossen sind, ungehorsam zu sein, sie sind auch nicht darauf fixiert, ungehorsam zu sein. Sie werden meditieren, und wenn ihnen nach Gehorsam ist, werden sie gehorchen, wenn ihnen aber nach Ungehorsam ist, werden sie nicht gehorchen. Sie haben keine fixe Ideologie. „Richtig oder falsch, es ist mein Land“ – solche stupiden Statements können sie nicht treffen. Manchmal ist es falsch, manchmal ist es richtig. Wenn es richtig ist, wird der Taoist es unterstützen, wenn es aber verkehrt ist, spielt es keine Rolle, ob es das eigene Land ist oder nicht. Es mag die eigene Familie sein – der eigene Vater, die Mutter – aber wenn es falsch ist, ist es falsch.

Der Taoist wird nicht aus Vorurteilen heraus leben, sondern aus spontaner Verantwortlichkeit. Der Taoist wird kein Sklave mehr sein, er wird frei sein.

15.09.2006 um 23:59 Uhr

Tao 195

von: tao

Der einzige Weg zu leben ist, gefährlich zu leben, denn es geschieht nur in Momenten von höchster Gefahr, dass man niedrigere Seinsebenen transzendiert. Das ist ein Geheimnis, das zu verstehen sich lohnt: Wenn man im Bett stirbt, nach einer Krankheit, die sich lang hingezogen hat, wobei man ständig an den Tod gedacht und sich darüber Sorgen gemacht hat, dann kann das Gesicht im Tod nicht ruhig und still sein; die Beunruhigung, die Anspannung, das Hängen am Leben, wird noch da sein. Aber wenn man plötzlich stirbt, wenn der Tod wie eine Überraschung kommt, dann stoppt das Denken plötzlich und das Gesicht ist ganz friedlich. Jeder, der schon einmal in einen Unfall verwickelt war, hat wohl die Erfahrung gemacht, dass in dem Moment, in dem sich der Unfall tatsächlich ereignet, das Denken verschwindet, denn das Denken kann darüber nicht nachdenken. Das Denken stoppt, denn das Denken kann sich nur in dem Teufelskreis des Bekannten bewegen, und das Unbekannte ist so plötzlich eingetreten, dass das Denken absolut unfähig ist, sich darüber klar zu werden, was sich gerade abspielt. In einem tiefen Schock hält das Denken an; für einen Moment lang ist da ein Schimmer des Nicht-Denkens. Wenn der Tod mit solch einer Unmittelbarkeit kommt, gibt er dem Denken keine Zeit mehr, darüber nachzudenken. Solch ein Tod ist ein schöner Tod. Bloß zu leben bedeutet nichts; die Länge des Lebens hat keine Bedeutung. Der Sinn kommt von der Intensität. Es ist keine Frage der Quantität, sondern der Intensität. Wie lange wir leben, macht keinen Unterschied. Wie wir leben, wie tief, wie total, wie intensiv, wie leidenschaftlich – alles hängt davon ab. Das größte Gebirge in der Welt, der Himalaja gehört zu Indien, aber seit über einhundert Jahren sind die Leute ständig aus der ganzen Welt gekommen, um die unberührten Gipfel des Himalaja zu erklimmen. Aber kein Inder hat sich darum gekümmert. Indien ist seit Jahrhunderten ein feiges Land gewesen. Die Inder glauben an Sicherheit und Komfort – warum etwas riskieren? Viele sind beim Versuch, den Everest, zu besteigen, gestorben. Und als Edmund Hillary kam, wurde er gefragt: “Seid ihr Leute verrückt? Was kümmert euch das? Was habt ihr denn nur davon? Selbst wenn ihr den Gipfel des Everest erreicht, da  ist nichts! Warum nur haben so viele Leute von überall aus der ganzen Welt versucht, diesen Berg zu besteigen?“ Hillary sagte: „Bloß weil er da ist. Das ist eine große Herausforderung. So wie er da steht, unbezwungen, ist er eine Herausforderung für den menschlichen Geist. Er muss bezwungen werden – es geht nicht darum, dass man dabei irgendetwas gewinnt. Bloß eine Herausforderung für den Geist des Menschen…“ Die Inder können dies nicht verstehen. Das ist der Grund, warum sie seit zweitausend Jahren in Sklaverei gelebt haben. Sie werden nicht die Berge besteigen, sie werden nicht im Ozean schwimmen, sie werden nicht am Himmel schweben. Sie werden sich sehr mathematisch, sehr kalkuliert, bewegen.

14.09.2006 um 21:17 Uhr

Tao Te King 45 (5)

von: tao

Diese Anekdote ereignete sich im Leben eines Sufi-Mystikers:

Der Mann war nicht sehr bekannt. Er lebte ein Leben eines absoluten Fremdlings in der Welt.

Tatsächlich war er als „der Fremde“ bekannt, weil niemand seinen Namen kannte

und er niemals irgendjemandem gesagt hatte, von woher er kam, wer er war.

Er zog von der einen Stadt in die andere und den Leuten wurde klar, dass er „der Fremde“ war

ohne Identität um sich herum, ein ursprüngliches Gesicht ohne Maske.

            Er kam zum Sterben in eine kleine Stadt, wo Jalaludin Rumi zu leben pflegte:

Er kam dorthin zum Sterben wegen Jalaludin Rumi.

Als er starb, musste eine Formalität vollzogen werden:

Bevor ein Mensch begraben wurde, musste ihm ein feierliches Bad gegeben werden,

also wurde der professionelle Bader gerufen. Er reinigte den Körper des Heiligen

und als er zu den Genitalien des Heiligen kam, wurde der tote Körper plötzlich wie lebendig,

erfasste die Hand des Bademeisters und hielt sie mit eiserner Faust.

Natürlich bekam der Dienstleister Angst, Todesangst –

ein toter Körper hatte seine Hand ergriffen.

Er begann zu weinen und zu schreien und die Leute liefen zusammen.

Man unternahm jede mögliche Anstrengung, aber der Griff des toten Mannes war so stark

dass es unmöglich war, den Bader aus seinem Griff wieder freizubekommen.

Dann fiel jemandem etwas ein und er sagte:

Es ist besser, Jalaludin Rumi zu rufen, vielleicht weiß er etwas.

Die ganze Stadt versammelte sich und Jalaludin Rumi kam.

Er flüsterte in das Ohr des toten Mannes:

Er ist bloß ein Dienstleister, er kennt deinen Seinszustand nicht,

er weiß nicht, wer du bist. Vergib ihm seinen Übergriff.

Augenblicklich öffnete sich die Faust.

Die Sufis haben über diese Geschichte schon seit Hunderten von Jahren geredet.

Was geschah in diesem Moment? Es spielt keine Rolle, ob es wahr ist oder nicht –

die Geschichte ist schön und transportiert die Botschaft

dass ein erwachter Mensch lebendig ist, sogar wenn er tot ist. Das ist der Sinn.

Ein Mensch, der nicht achtsam und bewusst ist, ist tot, sogar während er lebendig ist –

dieser tote Körper war nicht tot und unser lebender Körper ist nicht lebendig.

13.09.2006 um 23:59 Uhr

Tao 194

von: tao

Unterscheidungen müssen erzeugt werden. Es sind Ego-Unterscheidungen: Jemand ist reich, jemand ist arm – dann kann das Ego existieren. Jemand ist heilig und jemand ist nicht heilig – wieder kann das Ego existieren. Das Ego kann nur durch die Unterscheidungen in Minderwertigkeit und Höherwertigkeit existieren. „Diese Welt ist minderwertig.“

Ein Mann, der ein gewöhnliches Leben lebt, seine Frau und seine Kinder liebt, zur Arbeit geht, ist ein gewöhnliches menschliches Wesen und wird von den Priestern, von den sogenannten Mahatmas, verurteilt. Sie beuten eben diesen gewöhnlichen Menschen aus, sie leben von ihm, sie sind Blutsauger – aber sie sind heilig, sie sind spirituell. Ihre Hände sind niemals schmutzig, denn sie arbeiten nicht, sie begeben sich nicht in das Leben hinein. Sie bleiben weit weg davon: Sie sind „heilig“. Und der Mensch, der lebt, ist „unheilig“.

Wenn wir genau hinschauen, werden wir feststellen, dass allein schon das Wort „heilig“ auf Ego-Unterscheidungen basiert. Was ist geheiligt und was ist nicht geheiligt? Wenn Gott überall ist, dann ist alles geheiligt. Wenn Gott im Felsen ist und im Baum und im Mann und in der Frau, dann ist alles geheiligt. Gott ist überall, in allem; Gott ist die einzige Realität – wie kann dann irgendetwas ungöttlich sein? Sogar der Teufel muss göttlich sein. Und das ist die Schönheit des Wortes „Teufel“: Es kommt von dem Sanskritwort „deva“, was Gott und göttlich bedeutet. Der Teufel muss göttlich sein, sonst kann er nicht sein.

Der Taoismus möchte also alle Unterscheidungen auflösen, denn durch Unterscheidungen existiert das Ego. Er sagt also nicht, dass etwas geheiligt ist und dass etwas anderes ordinär ist. Für ihn ist das Ordinäre extraordinär, das Gewöhnliche außergewöhnlich, das Weltliche geheiligt, das tagtägliche Leben ist heiliges Leben – daher benutzt er das Wort „esoterisch“ als ein Scherzwort. Das verletzt viele Leute, dass sich der Taoismus darüber lächerlich macht, denn es gibt viele Leute, die denken: Wenn Religion so offensichtlich ist, wo werden wir dann unseren Egotrip finden? Wenn alles von Anfang an offen daliegt, dann hat ihr Ego keine Herausforderung. Das Ego fühlt sich nur durch das Schwierige herausgefordert. Wenn wir einhundert Personen finden, die an religiöser Suche interessiert sind, dann werden neunundneunzig davon dies nur sein, weil Gott etwas fast Unmögliches ist. Das gibt ihnen den Kitzel, das lässt sie sich gut fühlen – dass sie dabei sind, das Unmögliche zu erreichen. Andere arbeiten nur für das Mögliche und sie arbeiten an dem Unmöglichen. Sie fühlen sich sehr gut; ihr Ego wird gestärkt.

12.09.2006 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 17/10 (4)

von: tao

Niemand lehrt uns, unsere Natur zu akzeptieren.

Es wäre besser, wir würden sie verehren, wir wären dem Göttlichen dankbar dafür,

wir empfänden Dankbarkeit gegenüber dem Ganzen!

Was auch immer uns gegeben worden ist, hat einen Sinn,

es ist signifikant. Wir können es nicht abstellen und verändern.

Wenn wir es versuchen, werden wir Probleme kriegen.

Und wir haben Probleme –

jeder auf dieser Erde ist in Schwierigkeiten.

Warum verdammt der Mensch sich selbst?

Warum kann er nicht die Natur akzeptieren?

Weil durch die Verurteilung das Ego erschaffen wird.

Es gibt keinen anderen Weg, das Ego zu erzeugen.

Um das Ego zu kreieren, müssen wir kämpfen;

um das Ego zu erschaffen, müssen wir etwas als schlecht verurteilen,

und etwas anderem als gut beifällig applaudieren;

um das Ego zu erzeugen, müssen wir zuerst einen Gott und einen Teufel erschaffen.

Und dann müssen wir mit dem Teufel kämpfen

und versuchen, den Gott zu erreichen.

Für das Ego ist ein Konflikt nötig.

Wenn es keinen Konflikt gibt, kann es auch keinerlei Ego geben.

Wenn wir uns vorstellen… wenn es da in uns keinen Kampf geben würde,

wenn wir uns total akzeptieren würden

- wir wären glücklich wie wir sind, tief zufrieden, zutiefst befriedigt,

auch nicht ein einziger Misston einer Reklamation, dankbar –

wie kann da das Ego existieren?

Wie können wir sagen: „Ich bin“?

Je mehr wir kämpfen, desto mehr „Ich“ wird erzeugt.

Das ist der Grund, warum wir bei unseren sogenannten Heiligen

mehr neurotische Menschen finden werden als sonst irgendwo.

Und es lässt sich konstatieren: Wo immer es viele Heilige gibt, gibt es viel mehr Verrückte.

11.09.2006 um 23:59 Uhr

Tao 193

von: tao

Wenn wir zum Himmel schauen,

und er ist nicht bewölkt, dann sehen wir eine positive Leerheit.

Wenn wir den Himmel als eine Abwesenheit von Wolken betrachten

dann sehen wir ihn von einem negativen Standpunkt aus.

Wenn wir ihn uns ansehen als die Gegenwart von Raum, einem blauen Leersein,

und aus dieser blauen Leere heraus ist alles entstanden,

dann kann das nicht negativ sein,

es ist die positivste Sache in der Welt,

die eigentliche Basis des Seins. Nicht-Sein ist die eigentliche Grundlage des Seins.

Alles ist aus ihm herausgekommen

und alles begibt sich nach und nach wieder dorthin zurück.

Wir werden aus ihm heraus geboren und wir werden in es hinein sterben.

Wie können wir da jemanden wirklich kennen?

Wissen wird zu einer Definition werden und wir sind undefinierbar.

Nein, wir kennen einander nicht. Wir kennen uns selbst nicht.

Wir wissen es nicht.

Wie können wir Leere erkennen? Wir können es sein, aber wir können es nicht kennen.

Wissen bedeutet, wir sind getrennt davon; Erkennen benötigt Distanz.

Wir können wir uns selbst kennen? Wenn wir es wissen,

dann sind wir in zwei geteilt, den Wissenden und den Gewussten.

Und natürlich können wir niemals das Gewusste sein, nur der Wissende,

was wir also auch immer wissen, können wir niemals sein, als der Wissende, der wir sind.

Der Erkennende ist unreduzierbar, nicht mehr zu vermindern, er kann nicht gewusst werden.

Wie können wir uns selbst vor uns selbst hinstellen?

Das können wir nicht, das ist unmöglich. Und wenn wir es können,

dann ist es etwas anderes, was vor uns steht, nicht wir –

wir sind immer dahinter. Der Erkennende. Immer der, der es kennen lernt.

Immer der, der erkennt, niemals der, der erkannt wird.

Wir kennen uns selbst nicht… und dies ist Selbsterkenntnis.

Es erscheint widersprüchlich, paradox, aber so ist es eben.