Taoistische Reflektionen

12.10.2006 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (12)

von: tao

Der Arzt behandelt uns wie ein Objekt.

Er schaut uns an, als wenn er ein Ding betrachtet –

das macht den Unterschied.

Ein Liebender schaut uns nicht wie ein Objekt an –

er wird eins mit uns, er vermischt sich und verschmilzt.

Er kommt zur Erkenntnis des tieferen Kerns unseres Wesens,

aber er hat keine Erklärung.

Er fühlt es, aber Fühlen ist anders.

Er kann nicht darüber nachdenken.

Alles, was gedacht werden kann, ist nicht lebendig.

Gedanken beschäftigen sich mit dem Tod, das Denken handelt immer von toten Objekten;

das ist der Grund, warum es in der Wissenschaft keinen Platz für Gefühl und Gespür gibt.

Das Fühlen gibt der Existenz eine andere Dimension,

die Dimension des Lebendigen.

Diese schöne Geschichte im südlichen Blütenland über die drei Freunde hat uns viele Dinge zu sagen, wenn wir uns Schritt für Schritt in sie hineinbegeben,

und wenn wir zu einer Schlussfolgerung kommen,

dann haben wir das Verständnis verfehlt.

Wenn wir zum Lachen kommen, dann haben wir verstanden.

„Da waren drei Freunde, die diskutierten das Leben.“

Dschuang Dsi ist sehr telegrafisch.

Wie immer, bei denjenigen, die verstehen,

sie werden kein einziges Wort unnötig äußern.

Sie leben mit dem Wesentlichen.

„Da waren drei Freunde, die das Leben erörterten.“

Nur Freunde können das Leben diskutieren.

Immer wenn eine Diskussion antagonistisch wird,

immer wenn eine Diskussion zu einer Debatte wird,

ist der Dialog zerbrochen. Das Leben kann auf diese Weise nicht erörtert werden.

Nur Freunde können sich unterhalten,

denn dann ist diese Diskussion kein Streitgespräch, sie ist ein Dialog.

11.10.2006 um 00:00 Uhr

Tao Te King 56 (1)

von: tao

Lao-tse sagt:

„Wer es weiß, spricht nicht;

Wer spricht, weiß es nicht.

Fülle seine Öffnungen aus,

verschließe seine Türen,

mach seine Ecken stumpf,

löse seine Verwicklungen,

schwäche sein Licht ab,

versenke seinen Tumult,

- dies ist die mystische Einheit.

Dann können ihn Liebe und Hass nicht berühren.

Gewinn und Verlust können ihn nicht erreichen.

Ehre und Schande können ihn nicht beeinflussen.

Deswegen ist er immer der Geehrte

der Welt.“

Sprache ist menschlich;

offensichtlich muss sie sehr limitiert sein.

Sie ist gut für objektive Dinge,

sie ist komplett nutzlos

für das Innere, die Innerlichkeit.

Sprache kann etwas sagen, aber sie kann nicht alles sagen.

Wenn wir am Mittagstisch sitzen,

ist Sprache nützlich dafür, dass man sagt: Bitte reiche mir das Salz.

Sie ist zweckmäßig.

Sie hat Nutzen, aber sie kann nicht die Wahrheit sagen,

denn Wahrheit ist keine Nützlichkeit,

und Wahrheit ist nicht etwas Objektives.

Sie existiert nicht außerhalb von uns,

sie geschieht irgendwo

im tiefsten Kern unseres Wesens.

10.10.2006 um 11:49 Uhr

Südliches Blütenland: Die Flucht vor dem Schatten (3)

von: tao

Wie können wir glückselig sein, wenn soviel Ärger in uns steckt?

Wir sind voll von soviel Sexualität; zuerst muss der Sex raus.

Wie können wir wie Götter sein, die eben diesen Moment feiern?

Wir sind voll mit soviel Gier, Leidenschaft, Wut;

zuerst muss das alles weg.

Dann werden wir wie Götter sein.

Auf diese Weise wird das Ideal erschaffen

und wegen dieses Ideals sind wir verdammt.

Wenn wir uns selbst mit dem Ideal vergleichen,

werden wir niemals perfekt sein, das ist unmöglich.

Wenn wir „wenn“ sagen, dann ist Seligkeit unmöglich

denn dieses „wenn“ ist die größte Verunmöglichung.

Wenn wir sagen:

„Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, dann werde ich glückselig sein“.

dann werden diese Konditionen niemals erfüllt werden.

Und, zweitens, sogar wenn diese Bedingungen erfüllt würden,

hätten wir inzwischen all das verloren

was es uns möglich macht, zu feiern und zu genießen.

Und darüber hinaus, wenn diese Konditionen erfüllt sind

– wenn jemals, denn sie können nicht erfüllt werden –

wird unser Denken weitere Ideale erzeugen.

Auf diese Weise haben wir Leben für Leben das Leben verpasst:

Wir erzeugen ein Ideal und dann wollen wir dieses Ideal sein;

dann fühlen wir uns zur Minderwertigkeit verurteilt.

Wegen den Träumen unseres Denkens wird unsere Realität abgeurteilt;

Träume haben uns schon immer verstört.

Der Taoismus erzählt uns genau das Gegenteil: Seid wie Götter in eben diesem Moment.

Lasst den Ärger da sein, lasst den Sex da sein, lasst die Gier da sein –

feiert das Leben.

09.10.2006 um 02:05 Uhr

Quellender Urgrund 2/12 (9)

von: tao

Gott hätte Adam eigentlich gar nicht aus dem Garten Eden vertreiben müssen. Adam hatte sich selbst ausgeschlossen dadurch, dass er die Frucht vom Baum der Erkenntnis aß. Wissen ist Ausgestoßen-Sein. In dem Moment, in dem wir uns unseres Egos bewusst werden, sind wir ausgeschlossen von der Schönheit, von dem Segen, vom dem Genuss, von der Freude, die das Leben uns zu bieten hat.

Was ist nun mit dem anderen Baum passiert, dem Baum des Lebens? Über ihn wird nichts gesagt. Hätte Adam zuerst von dem Baum des Lebens gegessen und dann vom Baum der Erkenntnis, hätte es gar keine Vertreibung gegeben. Dieses Wissen war Schwindel; es war nicht durch seine eigene Erfahrung gekommen, es war unverdient, es war verfrüht – daher der Ausschluss. Die Erkenntnis war aus zweiter Hand, es war nicht seine eigene. Wenn Erkennen durch Erfahrung kommt, befreit es, macht es uns fröhlicher, lässt es uns noch mehr erfreut über die Existenz sein. Wenn Adam zuerst die Frucht vom  Baum des Lebens gegessen hätte und dann die Frucht vom Baum der Erkenntnis, hätte es keine Vertreibung gegeben. Er kehrte den Prozess um: er aß vom Baum der Erkenntnis. Und essen wir erst einmal vom Baum des Wissens, beginnen wir das Leben zu verlieren. Wir können dann nicht mehr vom Baum des Lebens essen, also haben wir uns das Ausgestoßen-Sein selbst auferlegt.

Das Wissen kann somit auf zweierlei Weise kommen. Wir können es von anderen haben, von Büchern, von Leuten, von der Gesellschaft, und wir können es als unser Wissen ausgeben, aber dann sind wir ausgestoßen. Und dieser Ausschluss ist selbstgemacht; niemand vertreibt uns. Unsere ganz falsche Herangehensweise an das Wissen wird zu einer Barriere. Aber Wissen kann auch durch einen anderen Weg erlangt werden, der geht durch Erfahrung, durch das Leben. Wenn wir zuerst vom Baum des Lebens essen, dann kommt ganz leise das Erkennen. Ohne auch nur irgendeine Einflüsterung entsteht es in unserer Seele…denn wenn wir in das Erleben hineingehen, wird das Ego nicht erzeugt. Je mehr wir das Leben erfahren, desto weniger Selbst haben wir. Wird das Leben erst einmal in seiner Totalität erkannt, halten wir uns selbst nicht mehr für getrennt von der Existenz: Wir sind in die Einheit hineingefallen, wir sind eins geworden, wir sind eins mit dem Ganzen geworden, wir sind Teil der organischen Einheit der Existenz. Und dann ist da Wissen, eine total andere Art von Wissen, die befreit. Es ist also besser, die Frucht vom Baum des Lebens zu essen.

Die richtige Richtung ist das Kennenlernen, nicht das Wissen.

08.10.2006 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 17/11 (2)

von: tao

Wenn wir uns hässlich fühlen, versuchen wir, schön zu sein.

Wenn wir schön sind, dann bedarf es keiner Anstrengung.

Wenn wir also hässliche Frauen beobachten,

werden wir die Natur des Politikers kennenlernen.

Eine hässliche Frau versucht immer, die Hässlichkeit zu verbergen,

sie versucht immer, schön zu sein. Das Gesicht, das angemalte Antlitz,

die Kleider, die Ornamente, die Verzierungen, der Schmuck, alles gehört zur Hässlichkeit.

Das Häßlichsein muss irgendwie überwunden werden

und wir müssen den Gegensatz erschaffen, um dies zu verstecken,

um dem zu entfliehen.

Eine wirklich schöne Frau wird sich keine Sorgen machen,

sie wird sich ihrer Schönheit nicht einmal bewusst sein.

Und nur eine unbewußte Schönheit ist schön.

Wenn wir uns dessen bewusst geworden sind, ist die Hässlichkeit schon eingetreten.

Wenn wir uns minderwertig fühlen,

wenn wir uns mit anderen vergleichen

und sehen, dass sie uns überlegen sind, was werden wir dann tun?

Das Ego fühlt sich verletzt – wir sind minderwertig.

Das können wir einfach nicht akzeptieren,

also müssen wir uns selbst und andere betrügen.

Wie täuschen wir vor? Es gibt zwei Wege.

Der eine ist, verrückt zu werden.

Dann können wir verkünden, dass wir Alexander, Hitler, Nixon sind.

Dann geht es ganz leicht

denn dann kümmert es uns nicht, was andere sagen.

In den Irrenanstalten auf der ganzen Welt

sind alle zu finden,

all die großen Charaktere der Geschichte, sie leben immer noch!

Der andere Weg ist, in die Politik zu gehen.

Entweder werden wir verrückt oder wir werden Politiker.

07.10.2006 um 00:18 Uhr

Tao Te King 64 (2)

von: tao

Eine chinesische Allegorie erzählt von einem Mönch, der auf der Suche nach Buddha war. Er reiste Jahr für Jahr und dann kam er schließlich in dem Land an, wo Buddha lebte. Bloß ein Fluss musste noch überquert werden, und dann würde er von Angesicht zu Angesicht mit Buddha sein. Er war ekstatisch. Er erkundigte sich, ob er eine Fähre bekommen könnte oder ein Boot, um zum anderen Ufer zu kommen, denn der Fluss war sehr breit. Aber die Leute am Ufer informierten ihn: Niemand wird imstande sein, dich dorthin zu bringen, denn es gibt da ein Gerücht, dass, wer auch immer zum anderen Ufer geht, niemals zurück kommt. Also kann es niemand wagen, dich dorthin zu bringen. Du wirst schon schwimmen müssen. Natürlich hatte er Angst, denn der Fluss war sehr groß, aber da er einfach keinen anderen Weg fand, begann der Mönch zu schwimmen. Als er schon in der Mitte des Flusses war, sah er einen Leichnam im Wasser treiben, der ihm immer näher kam. Er bekam Angst; er wollte dem Leichnam ausweichen. Er versuchte immer wieder, um den Leichnam einen Bogen zu machen, aber er schaffte es nicht, der Leichnam erwies sich als sehr trickreich; wie er sich auch immer bemühte, was er auch probierte, der Leichnam kam ihm einfach immer näher und näher. Als er nun keinen Weg mehr fand, dem Leichnam zu entkommen – und dann noch darüber hinaus Neugier von ihm Besitz ergriffen hatte, denn der Leichnam schien der tote Körper eines buddhistischen Mönchs zu sein: die ockergelbe Robe, der glattrasierte Kopf – fasste er sich ein Herz und ließ es endlich zu, dass der Leichnam zu ihm her trieb; tatsächlich eher im Gegenteil, er schwamm sogar selbst zum Leichnam hin. Er schaute auf das Gesicht, und begann wie verrückt zu lachen, denn es war sein eigener Leichnam; er konnte seinen Augen nicht glauben, aber es war so. Er schaute immer wieder hin, aber es war sein eigener toter Körper. Und dann trieb der Leichnam vorbei den Fluss hinunter, und er sah, wie all seine Vergangenheit mit ihm vorbeizog: Alles, was er gelernt hatte, alles, was er besessen hatte, alles, was er gewesen war, das Ego, das Zentrum seines Denkens, das Selbst – alles trieb weg zusammen mit dem Leichnam. Er war total leer. Nun war es nicht mehr nötig, zum anderen Ufer zu gehen, das Bedürfnis, zum anderen Ufer zu kommen, war weg, denn war erst einmal seine Vergangenheit vom Fluss mitgenommen worden, war er selbst ein Buddha. Er begann zu lachen, denn er hatte nach dem Buddha im Außen gesucht, und der Buddha war innen. Er kam lachend zurück zum gleichen Ufer, das er erst vor wenigen Minuten verlassen hatte, aber niemand erkannte ihn mehr dort. Er sagte den Leuten sogar: Ich bin derselbe Mann!, aber sie lachten. Er war nicht der selbe Mensch. In Wirklichkeit war er nicht. Und das war der Grund für die Legende, dass niemand zurückkommt – wer auch immer zu dem anderen Ufer geht. Jeder war zurückgekommen, aber sie waren nicht mehr dieselben, das Alte war tot, und das absolut Neue war an seinen Platz getreten.

Je tiefer diese Allegorie in unserem Wesen verankert ist, desto besser. Denn dies wird unsere Zukunft sein. Wenn wir wirklich immer weiter in Richtung Buddhaland reisen, um das Letztendliche zu werden, um das Äußerste kennen zu lernen, werden wir eines Tages zu dem weiten Fluss kommen, wo alles, was wir getan haben, alles, was wir tun können, alles, was wir besessen haben, alles, was wir besitzen können, alles, was wir gewesen sind, alles, was wir sein können: Alles wird von dem großem Fluss mitgenommen– es treibt mit der Strömung langsam Richtung Ozean; und wir bleiben total allein zurück, ohne einen Besitz, ohne einen Körper, ohne zu denken. In diesem Alleinsein erblüht die Blume des Tao. Wir sind zum Buddhaland gekommen. Wir sind zur Erkenntnis des Tao gekommen.

06.10.2006 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 23/5 (2)

von: tao

Uns ist beigebracht worden, uns selbst zu manipulieren,

zu kontrollieren, alles im Griff zu haben und kein natürliches Fließen zu sein.

Weil uns beigebracht worden ist, nicht spontan zu sein,

sind wir rigide geworden, gefroren und tot.

Das Leben kennt keine Planung. Es ist sich selbst genug.

Planen etwa die Bäume, wie sie wachsen sollten,

wie sie reifen sollten, wie sie zur Blüte kommen können?

Sie wachsen einfach, ohne sich auch nur des Wachsens bewusst zu sein.

Da ist kein Selbst-Bewußtsein, da ist keine Trennung.

Immer wenn wir zu planen beginnen, haben wir uns selbst geteilt,

wir sind zwei geworden:

Der eine, der kontrolliert und der andere, der kontrolliert wird.

Ein Konflikt ist entstanden, nun werden wir niemals in Frieden sein.

Wir mögen Erfolg haben in unserer Kontrolle

aber da wird kein Frieden mehr sein;

uns mag es nicht gelingen, die Kontrolle zu behalten

auch dann werden wir keinen Frieden mehr haben.

Ob wir Erfolg haben oder ob wir versagen,

schlussendlich werden wir zu der Erkenntnis kommen, dass wir gescheitert sind.

Unser Versagen wird ein Scheitern sein,

unser Erfolg wird auch eine Niederlage sein.

Was auch immer wir tun, unser Leben wird miserabel sein.

Diese Teilung erzeugt Hässlichkeit, wir sind nicht eins,

und Schönheit gehört zum Einssein,

Schönheit gehört zu einem harmonischen Ganzsein.

Alle Kultur, alle Zivilisation, alle Gesellschaften, machen uns hässlich.

Alle Moral macht uns hässlich

denn sie basiert auf Teilung, auf Kontrolle.

Erblühen ist immer ein Luxus, es ist keine Notwendigkeit.

Kein Baum braucht Blüten als eine Notwendigkeit, die Wurzeln sind genug.

05.10.2006 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 1 (3)

von: tao

Darum verpassen wir Gott:

Wir suchen immer irgendwo, und er ist hier die ganze Zeit und wartet auf uns.

Es geschah einmal

dass Mulla Nasrudin total betrunken nach Hause getaumelt kam,

und viele Male an seine eigene Türe klopfte.

Es war schon eine halbe Stunde nach Mitternacht.

Die Frau gab ihm eine Antwort und er fragte sie;

Können Sie mir sagen, meine Dame, wo Mulla Nasrudin lebt?

Die Frau sagte: Dies ist zuviel. Du bist Mulla Nasrudin.

Er sagte: Das ist richtig. Das weiß ich.

Aber das beantwortet nicht meine Frage. Wo lebt er?

Dies ist die Situation.

Von Sehnsucht betrunken, taumeln wir dahin,

und klopfen an unserer eigenen Türe und fragen, wo unser Zuhause ist.

In Wirklichkeit fragen wir, wer wir sind.

Dies ist das Zuhause, und wir haben es niemals verlassen,

es ist unmöglich, es zu verlassen,

es ist nicht etwas außerhalb von uns, von dem wir weggehen und es verlassen könnten,

es ist unser Inneres, es ist unser eigentliches Wesen.

Zu fragen, wo Tao ist, ist töricht,

denn wir können Tao nicht verlieren.

Es ist unser Innen, unser innerstes Wesen, unser eigentlicher Kern.

Es ist unsere Existenz: Wir atmen in ihm, wir leben in ihm,

und es kann gar nicht anders sein.

Was passiert ist, ist, dass wir so betrunken wurden

dass wir unser eigenes Gesicht nicht mehr erkennen können.

Und bevor wir nicht zurückkommen und wieder nüchtern werden

werden wir immerzu suchen und fragen

und wir werden ständig scheitern.

Taoismus ist eine Methode, uns wieder zurückzubringen.

04.10.2006 um 00:00 Uhr

Tao Te King 76 (1)

von: tao

„Lao-tse sagt:

Wenn der Mensch geboren wird, ist er zart und schwach;

wenn er stirbt, ist er hart und steif.

Wenn Pflanzen und andere Wesen lebendig sind,

sind sie weich und biegsam;

wenn sie tot sind, sind sie brüchig und trocken.

Deswegen sind Hartsein und Steifsein

die Gesellen des Todes,

und Weichsein und Zartheit

sind die Gesellen des Lebens.

Deswegen: Wenn eine Armee stur und eigensinnig ist,

wird sie im Kampf verlieren.

Wenn ein Baum fest und hart ist, wird er gefällt werden.

Das Große und das Starke gehören nach unten.

Das Zarte und Weiche gehören an die Spitze.“

Das Leben ist ein Fluss, ein Fließen, ein Kontinuum,

ohne Anfang und ohne Ende.

Es geht nicht irgendwohin,

es ist immer hier.

Es ist nicht auf dem Weg von irgendwo zu irgendwo anders,

es kommt immer von hier nach hier.

Die einzige Zeit für das Leben ist jetzt,

und der einzige Platz ist hier.

Es gibt keinen Kampf, etwas zu erreichen,

es gibt nichts zu erreichen.

Es gibt keinen Kampf, etwas zu erobern,

es gibt nichts zu erobern.

Es gibt keine Anstrengung, etwas zu schützen,

denn da ist nichts, vor dem man geschützt werden müsste.

Nur das Leben existiert, alleine, absolut alleine.

03.10.2006 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland: Die Flucht vor dem Schatten (2)

von: tao

Wir haben irgendein Ideal, das wir erreichen wollen.

Dieses Ideal ist immer in der Zukunft –

das muss es sein, kein Ideal kann in der Gegenwart sein.

Und die Zukunft ist nirgendwo; sie ist noch nicht geboren worden.

Wegen des Ideals leben wir in der Zukunft

die nichts als ein Traum ist;

wegen des Ideals können wir nicht hier und jetzt leben;

wegen des Ideals verdammen wir uns selbst.

Alle Ideologien, alle Ideale, sind verächtlichmachend

denn dann wird im Denken ein Image geschaffen.

Und wenn wir uns immerzu mit diesem Bild vergleichen

werden wir immer das Gefühl haben, dass etwas fehlt,

etwas geht uns ab.

Nichts fehlt uns und nichts ermangelt uns.

Wir sind perfekt

soweit es überhaupt irgendeine Möglichkeit für Vollkommenheit gibt.

Versuchen wir, dies zu verstehen, denn nur dann werden wir imstande sein

Dschuang Dsis Parabel zu verstehen.

Sie ist eines der schönsten Gleichnisse

über das irgendjemand jemals gesprochen hat,

und sie geht sehr tief in den eigentlichen Mechanismus des menschlichen Denkens hinein.

Warum halten wir laufend Ideale in unserem Denken aufrecht?

Warum sind wir uns nicht genug, so wie wir sind?

In genau diesem Moment, warum sind wir nicht wie Götter?

Wer hält uns davon ab? Wer versperrt uns den Weg?

In eben diesem Moment, warum können wir uns nicht freuen und glückselig sein?

Wo ist der Block?

Die Blockierung kommt durch das Ideal….

Wie können wir da genießen?

Wir sind voll mit soviel Wut; zuerst muss der Ärger gehen.

02.10.2006 um 02:20 Uhr

Tao Te King 78 (4)

von: tao

Wenn ein Kind geboren wird, dann kann man nur beten.

Wir können nur in tiefer Andacht warten.

Wenn sich das Ganze in das Kind hineinbegibt

dann wird das Kind lebendig, sonst nicht.

Dieser erste Atemzug wird von der Gesamtheit getan.

Und wenn der erste Atemzug von dem Ganzen gemacht wird

dann kann alles andere, was vom Atmen abhängt

nicht unser Tun sein.

Wenn wir denken, wir würden atmen

dann haben wir einen ganz falschen Schritt unternommen.

Und wegen diesem Fehltritt

wird das Ego erzeugt werden.

Das Ego ist akkumulierte

Ignoranz.

Wir irrten uns. Wir haben gar nicht geatmet,

die Ganzheit hat in uns hineingeatmet,

aber wir haben es so aufgefasst

als wenn wir atmen würden.

Der erste Akt der Atmung

verbindet uns

mit dem Ganzen,

macht uns eins mit der Ganzheit,

und alles, was folgt

wird nicht unsere Aktivität sein;

alles, was sich nach diesem ersten Atemzug ereignen wird

bis wir sterben, bis zum letzten Atemzug,

wird die Aktivität der Gesamtheit sein.

Das Ganze wird in uns leben.

Wir können wohl denken, wir würden all diese Dinge tun –

aber dann leben wir in Unwissenheit.

01.10.2006 um 13:30 Uhr

Tao 203

von: tao

Besser, wir sind mutig und laufen nicht vor irgendetwas davon,

wo immer unser inneres Leben uns hinführt, dann gehen wir hin!

Wir kümmern uns besser nicht darum, wohin es uns führt.

Manchmal wird es uns auf Abwege führen, das ist möglich,

aber in die Irre zu gehen, ist auch Teil des Lebens.

Niemand kann immer richtig sein, und Leute, die immer versuchen, im Recht zu sein

sterben als fast absolute Versager.

Wir machen uns besser keine Sorgen darüber, dass wir fehlgehen könnten,

wenn das Leben uns ins Abseits führt, dann gehen wir eben! Besser, wir gehen glücklich!

Die Energie, die uns in die Irre führt, wird uns wieder zurückbringen.

Dieser Abstecher mag ein Teil des schließlichen Wachstums sein.

Erfahrungsgemäß findet man am Ende heraus,

dass alles zusammenpasst. Alles, was wir taten,

gut und schlecht, richtig und falsch, moralisch und unmoralisch,

was auch immer wir taten,

am Ende stellt man fest, das Leben ist wirklich wundervoll, alles passt.

Wenn wir zurückschauen, würden wir gar nichts mehr ändern wollen

denn wenn wir auch nur ein Teil ändern würden, dann würde das Ganze geändert werden.

Das ist es, was Akzeptanz bedeutet,

dies ist das, was die hinduistische Einstellung zum Glauben bedeutet,

oder  was die mohammedanische Einstellung über Kismet darstellt.

Diese Einstellung ist sehr einfach, es beinhaltet nur dies:

Was auch immer geschieht, nimm es als Teil deiner Bestimmung

und lass dich darauf ein. Halte dich nicht heraus und zurück.

Wenn wir uns irren müssen, dann irren wir eben – aber irren total.

Wenn wir schon fallen müssen, dann fallen wir eben –

aber wir fallen wie ein Betrunkener, komplett und der Länge nach.

Wir leisten keinen Widerstand, denn nur dann geht es daneben.

Wenn wir in Dunkelheit leben müssen, dann leben wir in Dunkelheit –

aber glücklich und tanzend. Warum unglücklich sein?

Traurig