Taoistische Reflektionen

30.11.2006 um 22:50 Uhr

Tao 224

von: tao

Ein Professor der Philosophie an der Universität von Paris erzählte eines Tages plötzlich seinen Studenten: Ich bin der großartigste Mensch in der Welt!

Sie konnten es nicht glauben!

Dieser gewöhnliche Professor – und noch dazu kein Physikprofessor, sondern ein Philosophieprofessor, niemand kommt zu ihm, um Philosophie zu studieren, selten kommen ein paar Verrückte, und niemand kümmert sich um seinen Fachbereich, der meist vernachlässigte an der Universität, und der ist der größte Mensch in der Welt?

Sie lachten.

Sie sagten: Wir haben immer schon gehört, dass Philosophen ein wenig exzentrisch sind, aber du beweist dies nun. Du bist der großartigste Mensch in der Welt? Was ist dann mit George W. Bush? Und Putin? Und dem Dalai Lama? Was ist mit diesen Leuten?

Er sagte: Wartet! Immer wenn ich etwas sage, dann beweise ich es, ich bin ein logisch denkender Mensch. Ich werde es beweisen. Ich habe einen Beweis, ich würde niemals solch ein Statement abgeben, bevor ich nicht einen Beweis dafür hätte.

Er brachte am nächsten Tag eine Karte von der ganzen Welt mit. Er befestigte sie an der Wand und sagte: „Kommt her, ich werde es nun beweisen.

Welches ist das großartigste Land in der Welt? Natürlich war das Frankreich, denn sie waren alle Franzosen.

Also ließ man die ganze Welt weg, nur Frankreich blieb übrig. Und dann sagte er: „Welche ist die großartigste Stadt in Frankreich? Natürlich war es Paris, sie alle waren Pariser.

Dann sagte er: „Und was ist der großartigste Ort in Paris? Natürlich war es die Universität, die Zitadelle der Weisheit.

Nun wurde es den Studenten ein wenig mulmig zumute, denn er war dabei, auf den Punkt zu kommen, und es würde schwierig sein, ihn nun zu widerlegen.

Und dann sagte er: Was ist der beste und großartigste Lehrstuhl in der Universität? Natürlich musste es Philosophie sein: Der älteste Lehrstuhl mit dem geheimsten Wissen.

„Und wer ist der Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie? Der ist der großartigste Mensch in der Welt.“

So funktionieren wir alle. Dies ist die Logik, dies ist der Beweis.

Besser, wir sind nicht so närrisch. Wir können Philosophen so töricht sein lassen, wir brauchen es nicht zu sein.

29.11.2006 um 00:00 Uhr

Tao 223

von: tao

Das ultimative Resultat des Lernens kann Wahnsinn sein und nichts sonst.

Es ist also nicht bloß ein Zufall

dass große Denker im Westen fast alle verrückt geworden sind

früher oder später, zumindest gelegentlich einmal.

Tatsächlich, wenn irgendein Denker im Westen nicht verrückt geworden ist

zeigt dies einfach

dass er kein sehr sehr tiefgehender Denker war, sonst nichts.

Nietzsche wurde wahnsinnig – er war wirklich ein Denker.

Bertrand Russell? Er drehte niemals durch,

er blieb an der Oberfläche, ein Popularisierer, aber nicht sehr tiefgründig.

Im Osten hat sich genau die total andere Variante ereignet.

Wir können uns nicht vorstellen, dass Lao-tse verrückt wird.

Das würde die unmöglichste Sache in der Welt sein: Lao-tse dreht durch.

Nietzsche schnappt über, weil Nietzsche ein Denker ist,

Lao-tse kann nicht verrückt werden, weil er ein Nicht-Denker ist;

er lässt das Denken sein, wie kann er da überschnappen?

Eines Tages ist die ganze Meute im Kopf weg und er sitzt alleine da,

niemand da, der auch nur stören könnte,

so sehr alleine, dass er nicht einmal einer ist,

denn wer ist noch da, der sagen könnte, dass du eins bist?

Wenn jemand da ist, der noch sagt, dass du eins bist,

ist der andere immer noch präsent.

Meditation ist Verlernen.

Schäle deine Zwiebel.

Es ist schwierig,

denn wir haben uns mit der Zwiebel identifiziert,

wir denken, wir sind diese Schichten, diese Schalen

es ist also schwierig, sie abzuschälen, es ist auch schmerzvoll,

denn es ist nicht so, wie wenn wir unsere Kleider ausziehen,

es ist mehr so, als wenn wir uns die Haut abziehen;

wir sind zu sehr verhaftet damit.

28.11.2006 um 00:59 Uhr

Tao 222

von: tao

Ein taoistischer Therapeut wird keine Anstrengung unternehmen, um den Patienten hinzukriegen. Er wird keine Anstrengung unternehmen, um ihn normal zu machen. Er wird keine Anstrengung unternehmen, um ihm zu helfen, an diese neurotische Gesellschaft angepasst zu werden. Er wird gar nicht versuchen, irgendetwas zu tun. Er wird einfach eine Präsenz sein, ein Katalysator. Er wird lieben. Er wird seine Energie mit dem Patienten teilen, er wird seine Energie auf den Patienten sich auswirken lassen. Und Liebe ist die wirkliche Therapie; alles andere ist sekundär. Tatsächlich gibt es so viele Psychiatriepatienten in der Welt, weil sie nicht geliebt worden sind, niemand hat sie geliebt – das ist der Grund, warum sie durchgedreht haben. Sie haben den Kontakt mit ihrem Zentrum verloren, denn es geschieht nur in der Liebe, dass man zentriert wird. Ihre Krankheit ist nicht das wirkliche Problem; das wirkliche Problem ist, dass sie tief innen niemals geliebt worden sind, dass sie niemals das Milieu der Liebe kennen gelernt haben. Ein taoistischer Therapeut wird einfach seine Liebe geben, sein Verstehen, seine Vision. Er wird seine Energie mitteilen und er wird sich in keiner Art und Weise einmischen.

Und die Heilung wird sich ereignen. Heilung wird geschehen, nicht durch irgendeine Anstrengung des Therapeuten, sondern durch seine Nicht-Anstrengung, durch seine Untätigkeit, durch seine gewaltige Passivität. Manchmal sind wir krank und wir rufen den Arzt, und der Doktor kommt; und plötzlich, wenn er bloß zur Türe hereinkommt, sind wir schon nicht mehr so krank, wie wir vorher waren. Er hat uns noch gar keine Medizin gegeben, bloß seine Gegenwart, seine Liebe, seine Betreuung. Er legt uns bloß seine Hand auf unseren Kopf, nimmt uns den Puls, und plötzlich fühlen wir schon, wie eine Veränderung geschieht. Und er hat noch gar nichts getan, keine Arznei ist verabreicht worden, er hat noch nicht einmal eine Diagnose gestellt. Sogar schon vor der Diagnose sind, wenn der Arzt ein liebender Mensch ist, schon fünfzig Prozent der Krankheit verschwunden. Und für die verbleibenden fünfzig Prozent muss er etwas tun, weil er auch nicht weiß, dass der Mensch niemanden heilen kann. Es ist immer Tao, was heilt. Der Mensch kann nur eine Passage werden für die heilende Energie – das ist der Grund, warum sich Heilung ereignet. Bloß drei, vier Personen – liebevolle Menschen – die um den Patienten herumsitzen, ihm die Hände halten, ein Lied singen, Mantras rezitieren, und plötzlich spürt der Patient einen gewaltigen Anstieg von Energie, eine Transformation, die sich ereignet. Was spielt sich da ab? Diese vier Personen, aus Liebe, sind Vehikel für Tao geworden.

27.11.2006 um 19:59 Uhr

Tao 221

von: tao

Diese Reaktion auf den Taoismus ist einfach und natürlich:

Die Leute werden antagonistisch, dieser Antagonismus ist nichts als eine Verteidigungsmaßnahme. Sie verteidigen sich damit.

Sie kreuzigten Jesus, aber sie konnten seine Lebensweise nicht stören.

Sie vergifteten Sokrates, aber sie konnten seinen Lebensweg nicht stören.

Die Richter hatten Sokrates ein Ultimatum gegeben;

der Gerichtshof spürte

dieser Mann hatte gar nichts Falsches getan;

mag sein, dass seine Ideen gefährlich waren,

rebellisch, aber er hatte sich in keinerlei ungerechtfertigten Art und Weise verhalten,

also gab ihm das Gericht eine letzte Alternative:

Wenn du dem Gericht versprichst, dass du niemals wieder die Leute das lehren wirst, was du Wahrheit nennst, dann kann dir vergeben werden.

Sokrates sagte: Es ist besser, dass ihr mich tötet.

Denn das ist meine ganze Profession –

über die Wahrheit zu reden,

meine ganze Angewohnheit,

die kann ich nicht aufgeben, es ist besser, ich sollte sterben.

Er war nicht bereit, seinen Lebensstil aufzugeben,

seine Denkweise;

er war bereit, seinen Körper aufzugeben – das ist nicht viel.

Nein, niemand kann die Lebensweise eines Menschen des Tao stören,

denn das ist keine äußere Sache.

Es sind nicht die Leute, die es nicht zulassen, dass er seinen eigenen Weg lebt.

Die können gar nichts tun – ein Mensch des Tao lebt seinen Weg weiter;

was auch immer die Leute tun, das macht keinen Unterschied.

Es ist etwas tief im Inneren des Menschen des Tao

wo niemand außer ihm selbst hineinkommen kann.

Tatsächlich ist es umgekehrt:

Der Mensch des Tao stört das Leben der Leute

und es ist natürlich, dass sie darauf reagieren

mit Antagonismus.

26.11.2006 um 01:31 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (13)

von: tao

Was ist der Unterschied

zwischen einer Debatte und einem Dialog?

In der Debatte sind wir nicht bereit, auf den anderen zu hören:

Sogar wenn wir zuhören, ist unser Zuhören falsch.

Wir hören nicht wirklich zu,

wir bereiten einfach nur unser Argument vor.

Während der andere noch spricht

sind wir schon dabei, uns für den Widerspruch bereit zu machen.

Während der andere redet, warten wir einfach auf

unsere Gelegenheit, zurück und dagegen zu argumentieren.

Wir haben schon in uns ein Vorurteil installiert,

wir haben eine Theorie.

Wir sind nicht auf der Suche, wir sind nicht unwissend,

wir sind nicht unschuldig, wir sind schon voll,

unser Boot ist nicht leer.

Wir tragen bestimmte Theorien mit uns herum

und wir versuchen, sie als wahr zu beweisen.

Ein Sucher nach Wahrheit trägt keine Theorien mit sich herum.

Er ist immer offen, verletzlich. Er kann zuhören.

Ein Hindu kann nicht zuhören, ein Mohammedaner kann nicht zuhören.

Wie kann ein Hindu zuhören?

Er kennt schon die Wahrheit, es ist nicht mehr nötig, zuzuhören.

Wir versuchen, ihn zum Zuhören zu bringen, aber er kann es nicht,

sein Denken ist so voll, dass nichts durchdringen kann.

Ein Christ kann nicht zuhören, er kennt schon die Wahrheit.

Er hat seine Türen für frische Luft verschlossen,

er hat seine Augen geschlossen für die neue aufgehende Sonne,

er ist angekommen, er hat es schon erreicht.

All diejenigen, die das Gefühl haben, dass sie angekommen sind, die können debattieren,

aber sie können sich in keinen Dialog begeben. Sie können nur mit anderen zusammenstoßen.

Dann entsteht Konflikt und sie stehen sich gegenseitig gegenüber, im Widerspruch.

Fröhlich

25.11.2006 um 23:12 Uhr

Tao Te King 11 (9)

von: tao

Die schwarzen Löcher sind der andere Teil der Existenz.

Sie sind Nicht-Existenz, und sie müssen so sein

denn die Existenz muss von der Nicht-Existenz ausbalanciert werden.

Lao-tse glaubt intensiv an die Nicht-Existenz.

Er ist der erste, der die Nützlichkeit der Nicht-Existenz

zu ihrer ultimativen Glorie bringt.

Natürlich wusste er nichts über schwarze Löcher,

sonst würde er über sie geredet haben.

Er war ein einfacher Mann, lebte in einem Dorf, lebte ein einfaches Leben

eines Bauern – roh, nicht sehr kultiviert und zivilisiert.

Er war gegen Zivilisation, er war für die Natur.

Er hat nur einfache Gleichnisse, das Rad.

Er sagt: Die Achse eines Rades, die Nabe des Rades ist leer,

aber das ganze Rad hängt davon ab.

Es wird die Nabe des Rades genannt – warum?

Weil sie genau wie die Nabe ist, die im Menschen existiert.

Die Japaner sagen, dass es einen Punkt gibt, ganz in der Nähe des Nabels

der Hara genannt wird. Das hara ist das schwarze Loch in unserem Körper.

Japan hat es entdeckt, indem es Lao-tses Idee folgte,

dass irgendwo im Körper der Tod ein Zuhause haben muss.

Der Tod kommt nicht von Außen, er ist kein Unfall

wie die Leute das denken. Die Leute sagen: Der Tod kommt.

Nein, der Tod kommt nicht, der Tod wächst in uns heran;

es ist nicht so, dass wir irgendwo auf dem Pfad des Lebens plötzlich dem Tod begegnen.

Wenn dies so wäre, dann könnten Methoden ausgeklügelt werden, den Tod zu umgehen,

ihn auszutricksen, nicht zu dem Punkt zu gehen, wo der Tod auf uns wartet,

ihn zu vermeiden oder jemand anderen an unserer Stelle zu schicken.

Solch eine Möglichkeit würde es geben, wenn der Tod

ein äußerliches Phänomen wäre, wenn er sich uns von außen her ereignen würde.

Aber der Tod wird in uns wie ein Samenkorn getragen.

Er kommt in die Existenz, wenn wir in die Existenz hineinkommen.

24.11.2006 um 01:35 Uhr

Tao 220

von: tao

All die Priester und Prediger haben die Menschheit korrumpiert,

sie haben ihr Denken vergiftet.

Wir können nicht zentriert sein

und wir versuchen, anderen zu helfen, anderen zu Diensten zu sein.

Die einzige Hilfe, die wir geben können,

die erste und grundlegendste Sache, ist, zentriert und verwurzelt zu sein

in uns selbst.

Ja, Verwirklichung ist eine selbstbezogene Suche.

Dies ist aber nur die halbe Wahrheit. Was ist mit der anderen Hälfte?

Weil Erleuchtung eine selbstbezogene Suche ist,

die selbstbezogenste,

unvergleichlich selbstbezogen – genau darum

können wir Wachheit nicht durch Suchen erreichen.

Die Suche wird uns zu einer schönen Person machen,

weise, mitfühlend, in vielerlei Art und Weise,

aber nicht erwacht.

Es existieren also drei Personentypen; eins,

die so genannte religiöse Person,

die moralische, die puritanische, der so genannte gute Mensch,

der laufend versucht, selbstlos zu sein und doch selbstsüchtig bleibt.

Zweitens, die Person

die weiß, es gibt keinen anderen Weg, zu sein,

selbstbezogen zu sein ist der einzige Weg, den es gibt,

die zentriert wird und die selbstlos wird,

die durch Selbstbezogenheit zur Selbstlosigkeit kommt,

als ein Nebenprodukt,

sie unternimmt keine Anstrengung, es zu erreichen.

Und die dritte Person

die weder selbstbezogen noch selbstlos ist.

Das ist der Mensch des Tao

der über die Dualität hinausgeht,

der sogar über das Selbst hinausgeht.

23.11.2006 um 02:13 Uhr

Tao Te King 11 (8)

von: tao

Der Stern bleibt Millionen von Jahren am Leben, dann stirbt er.

Dann verstreut er sich nach und nach, wird immer weniger fest, wird Dunst und Rauch:

Millionen Jahre lang bleibt er auf seinem Sterbebett

und dann eines Tages ist der Stern verschwunden.

Der Platz, wo der Stern einst war, wird nun ein schwarzes Loch sein.

Er ist nicht-existentiell geworden. Wenn wir nun ihm begegnen würden

diesem schwarzen Loch, würden wir einfach absorbiert werden.

Wenn das schwarze Loch einen ganzen Stern absorbiert,

ist das ein ungeheures Phänomen.

Unsere Sonne ist ein mittelmäßiger Stern.

Sie ist sechzigtausendmal größer als die Erde,

und sie wird eines Tages sterben. Die Wissenschaftler sagen, dass

es scheint, sie kann noch viele tausend Jahre am Leben bleiben,

aber sie ist schon alt, krank, muss hospitalisiert werden.

Es gibt aber kein Krankenhaus für Sterne, also wird sie sterben.

Tausende von Jahren wird es noch dauern, dann eines Tages wird sie nicht mehr sein.

Zuerst wird das Licht verschwinden, dann wird die Materie verschwinden,

und dann wird sie ein schwarzes Loch werden,

und der Raum, wo einst die Sonne war und jetzt nicht mehr ist,

wird ein ungeheurer Strudel des Nichts sein.

Wenn die Erde darin gefangen wird, ist es zu Ende mit ihr. In einem einzigen Moment

würden wir zermalmt sein – Nichts zu Nichts.

Und es gibt größere Sterne, unser Stern ist Mittelklasse.

Millionen von großen Sonnen existieren in der Existenz,

viele von ihnen sind schon gestorben.

In der Raumfahrt zum Mond zu fliegen ist nichts –

kommen wir erst einmal aus dem Sonnensystem heraus, dann wird es Probleme geben.

Denn dann kann unser Raumschiff auf irgendein Loch stoßen

und wir können es nicht im Voraus wissen.

Unser Schiff würde einfach absorbiert werden

und nichts würde jemals wieder von ihm gehört werden.

22.11.2006 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 18/12 (3)

von: tao

Man muss wieder wie ein kleines Kind werden, neugeboren,

ohne zu wissen, was richtig ist, ohne zu wissen, was falsch ist,

ohne irgendwelche Unterscheidungen zu kennen.

Stellen sich erst einmal Unterscheidungen ein,

wissen wir erst einmal, dies ist richtig, und das ist falsch,

sind wir schon krank, und wir sind weit weg von der Realität.

Ein Kind lebt natürlich – es ist total.

Es unternimmt keinerlei Anstrengung, denn eine Anstrengung zu machen

würde bedeuten, wir kämpfen mit uns selbst.

Ein Teil von uns ist dafür

und ein Teil von uns ist dagegen – daher die Anstrengung.

Wir können viel erreichen, das ist klar.

In dieser Welt, ganz besonders, können wir viel durch Anstrengung erreichen

denn Anstrengung ist Aggression,

Anstrengung ist Gewalt, Anstrengung ist Wettbewerb.

Aber in der anderen Welt kann nichts durch Anstrengung erreicht werden,

und diejenigen, die mit Anstrengung anfangen, müssen schließlich auch dies sein lassen.

Buddha arbeitete sechs Jahre lang,

ständig meditierend, sich konzentrierend – er wurde ein Asket.

Er tat alles, was von einem menschlichen Wesen getan werden kann,

kein einziger Stein blieb unumgedreht, alles wurde versucht –

er setzte sein ganzes Sein aufs Spiel.

Aber es war eine Anstrengung, das Ego war da, und er scheiterte.

Nichts versagt so sehr wie das Ego im Letztendlichen;

nichts ist so erfolgreich wie das Ego in dieser Welt.

In der Welt der Materie ist nichts so erfolgreich wie das Ego;

in der Welt des Bewusstseins versagt nichts so sehr wie das Ego.

Es ist genau umgekehrt – und das muss so sein

denn die Dimension ist genau die entgegengesetzte.

Buddha versagte absolut.

Nach sechs Jahren war er komplett frustriert.

21.11.2006 um 00:00 Uhr

Quellender Urgrund 2/4 (3)

von: tao

Vertrauen ist die einzige Brücke, ansonsten ist unser ganzes Leben vergeudet:

Wir kämpfen einen aussichtslosen Kampf

in dem die Niederlage zwangsläufig ist, das ist absolut sicher.

Es ist besser, es jetzt zu erkennen,

denn im Moment des Todes

stellt jeder fest, dass es eine Niederlage gewesen ist.

Aber dann kann nichts  mehr getan werden.

Wirkliche Intelligenz ist nicht Verschlagenheit, sie ist total anders.

Wirkliche Intelligenz bedeutet, in die Dinge hineinzuschauen….

Und immer wenn wir tief in die Dinge hineinsehen,

werden wir zu der Erkenntnis kommen, dass wir bloß eine Welle sind,

dass dieses Ganze der Ozean ist

und dass es nicht nötig ist, sich Sorgen zu machen.

Die Gesamtheit hat uns hervorgebracht, sie wird auch für uns sorgen.

Wir sind aus der Ganzheit herausgekommen, es gibt keinen Feind für uns.

Wir brauchen uns nicht zu sorgen, wir brauchen nicht zu planen.

Und wir nicht bekümmert sind, und keine Pläne schmieden,

beginnt zum ersten Mal das Leben.

Zum ersten Mal fühlen wir uns sorgenfrei,

und das Leben ereignet sich für uns.

Diese Intelligenz ist Taoismus.

Diese Intelligenz gibt uns mehr Vertrauen, und schließlich totales Vertrauen.

Diese Intelligenz führt zur ultimativen Natur, dem Akzeptieren –

was Buddha tathata nannte.

Buddha sagte: Was auch immer geschieht, das geschieht.

Nichts kann sonst geschehen, nichts sonst ist möglich.

Bitte nicht darum, dass es anders sein sollte,

lass dich gehen, lass dich los und lass das Ganze funktionieren.

Und wenn wir die Gesamtheit funktionieren lassen

und wir sind keine Barriere mehr, kein Widerstand,

dann können wir auch nicht mehr bezwungen werden.

20.11.2006 um 00:00 Uhr

Tao 219

von: tao

All die Worte sind Millionen Mal von Millionen von Leuten benutzt worden,

mit verschiedenen Begriffsinhalten, verschiedenen Bedeutungen;

und der Taoismus gibt ihnen davon verschiedene Sinndimensionen,

Ein Mensch des Tao ist ein Mensch, der sich seiner inneren Leere voll bewusst ist

und der nicht dagegen ankämpft; sie vielmehr genießt, denn es ist wonnevoll.

Durch den Genuss seines eigenen Leer-Seins

wird er für andere zugänglich;

andere können sich erfreuen, andere können kommen und an seinem Mysterium teilnehmen,

seine Türen sind offen und er lädt Freunde und Liebende ein.

Er ist bereit, zu teilen, bereit, zu geben;

aber wenn wir aus unserem Leersein heraus geben

haben wir niemals Angst davor, zu geben

denn wir können die Leere nicht erschöpfen.

Wir geben immer weiter, wir geben immerzu, wir geben am laufenden Band –

sie ist immer da, wir können sie nicht ausschöpfen.

Nur endliche Dinge können erschöpft werden,

das ist der Grund, warum sie Geiz erzeugen – wir haben Angst, zu geben.

Ein Mensch, der fühlt, dass er leer ist, warum sollte der Angst haben, zu geben?

Er kann sich selbst total geben,

und bevor das nicht möglich ist, ist Liebe nicht möglich.

Liebe ist ein heiliges Phänomen; Liebe ist nicht profan.

Jede Liebe, die diesen Namen wert ist, ist geheiligt.

Und wenn wir in die Liebe hineingehen,

betreten wir die Welt der Reinheit und Unschuld,

wenn wir lieben, betreten wir den Tempel des Göttlichen.

Freuen wir uns! Der Taoismus ist nicht für Traurigkeit und lange Gesichter.

Der Taoismus ist nicht dazu da, um uns unglücklicher zu machen –

wir sind schon unglücklich genug.

Taoismus ist nicht dazu da, uns mehr Trauer zu geben –

Taoismus ist dafür da, uns zu der Glückseligkeit zu erwecken, die unser Geburtsrecht ist,

die ganz natürlich für uns zugänglich ist.

19.11.2006 um 01:27 Uhr

Goldene Blüte 3/1-6 (3)

von: tao

Es besteht ein großer Unterschied zwischen Neugier und Nachforschung. Neugier ist kindisch, bloß ein kleiner Juckreiz im Kopf; wir wollen uns kratzen und dann sind wir zufrieden. Philosophie ist dieses Jucken; Taoismus ist eine Sache auf Leben und Tod. In der Philosophie werden wir niemals miteinbezogen, wir bleiben abseits. Wir spielen mit den Spielzeugen, aber es ist keine Frage auf Leben und Tod. Wir häufen Wissen an, aber wir praktizieren es nie, wir setzen es niemals in die Praxis um.

Es lebte einmal ein herausragender konfuzianischer Gelehrter. Er war ein Herr von fast achtzig Jahren und man sagte, ihm sei niemand ebenbürtig, was Lernen und Verstehen angehe.

Dann kam ein Gerücht auf, dass weit weg von hier eine neue Lehre aufgekommen sei, die sogar noch tiefgründiger sei als sein Wissen. Der alte Gentleman fand dies unerträglich und beschloss, dass diese Angelegenheit auf die eine oder andere Weise geregelt werden müsse.

Ungeachtet seines Alters machte er sich auf die lange Reise. Nach Monaten der Mühsal des Unterwegs-Seins kam er an seinem Bestimmungsort an, stellte sich vor und nannte den Zweck seines Besuchs.

Sein Gastgeber, der ein Meister der neuen Zen-Schule war, zitierte bloß: „Um böses Tun zu vermeiden, tue soviel Gutes wie möglich, dies ist die Lehre all der Buddhas.“

Als er dies hörte, brauste der konfuzianische Gentleman auf: „Ich bin hierher gekommen, trotz all der Gefahren und Risiken solch einer langen und harten Reise und ungeachtet meines fortgeschrittenen Alters, und du zitierst bloß einen kleinen Allerweltsspruch, den jedes dreijähriges Kind schon auswendig weiß! Willst du dich lustig machen über mich?“

Doch der Zen-Meister erwiderte: „Ich verspotte Sie nicht, mein Herr. Bitte bedenken Sie, dass, obwohl es wahr ist, dass jedes dreijährige Kind diesen Vers kennt, doch selbst ein Mensch mit achtzig dabei scheitert, dies zu leben, dieser Aussage gerecht zu werden!“

Taoismus ist keine Frage des Wissens, sondern des Ausübens, der Umsetzung in die Praxis. Taoismus ist Leben, und bevor wir ihn nicht leben, werden wir gar nichts darüber wissen, was er ist. Und um Taoismus zu leben, muss man alles Philosophieren aufgeben und man muss mit dem Experimentieren beginnen: Man muss ein Laboratorium werden. Das Laboratorium des Wissenschaftlers ist im Außen; das Laboratorium des Taoisten ist sein eigenes Wesen – sein eigener Körper, seine eigene Seele, sein eigenes Denken.

18.11.2006 um 01:36 Uhr

Tao Te King 43 (6)

von: tao

Der Bettler in der Sufi-Geschichte vom 22.09.2005 begab sich in das Unbekannte;

er ging in das Unvertraute und das Fremde;

er konnte nicht einmal erkennen, was das für ein Ton war –

es geschah alles für ihn.

Wegen solcher Phänomene

sind teerthas, heilige Plätze und Tempel,

sehr wichtig geworden,

denn manchmal kann uns etwas geschehen

wenn wir nicht der Tuende sind.

Genau dieser Fleck, dieser Platz, ist so aufgeladen mit dem Magnetismus von jemand anderem, dass wir davon gefangen werden, wir werden zur Empfangsstation,

etwas beginnt sich uns zu ereignen.

Und die Schönheit kennen zu lernen von etwas, das sich ohne unser Zutun ereignet

ist die größte Sache in der Welt.

Diese Gefühl des Segens zu kennen,

zu wissen, dass das Gefühl der Gnade uns erfüllt,

wir tun gar nichts und alles geschieht von selbst ….

Nun, dazu passt dieser Vers von Lao-tse:

„Die weichste Substanz der Welt

Geht durch das Härteste hindurch.“

Was ist die weichste Substanz in der Welt? Es gibt zwei davon:

In der Außenwelt ist die weichste Substanz das Wasser;

in der Innenwelt ist die weichste Substanz die Liebe.

Und Wasser und Liebe ähneln sich beide in vielerlei Weise.

Sie sollten verstanden werden.

Wasser sucht ausgehöhlte Stellen, Liebe sucht auch offene und hohle Plätze.

Wenn wir ein Egoist sind, kann die Liebe uns nicht erreichen

denn wir sind dann ein Gipfel, eine Spitze des Egos.

Wir sind so voll von uns selbst, dass die Liebe uns nicht erreichen kann –

die Liebe braucht uns als eine Leere, einen Raum ohne Hindernisse.

Das Wasser sucht auch solche innerlich leeren, nach außen hin offenen Plätze auf.

17.11.2006 um 01:58 Uhr

Tao 218

von: tao

Es ist eines der größten Probleme. Jedes menschliche Wesen muss sich dem stellen, denn die ganze Gesellschaft ist bis jetzt auf Selbstverdammung gegründet. All die Religionen, all die Gesellschaften, all die Kulturen erzeugen eine ungeheure Schuld in uns, dass wir nicht das sind, was wir sein sollten. Sie geben uns perfektionistische Ideale, die unmöglich zu erfüllen sind. Sie treiben uns einfach in den Wahnsinn. Perfektionismus ist der Hauptgrund für alle Neurosen. Niemand kann perfekt sein – niemand braucht vollkommen zu sein; das Leben ist schön, weil alles unvollkommen ist. Perfektion ist Tod; Unvollkommenheit ist Leben. Es ist wegen der Unvollkommenheit, dass Wachstum möglich ist. Wenn wir perfekt sind, dann gibt es kein Wachsen mehr, keine Bewegung. Dann kann uns nichts mehr passieren; alles ist schon geschehen. Wir werden ganz und gar tot sein. Daher ist Tao das unvollkommenste Phänomen, denn Tao ist der meist entwickelnde und entfaltende Faktor in der Existenz, und Evolution und Perfektion sind gegeneinander ausgerichtet. Es ist deswegen, dass all die Religionen gegen die Idee der Evolution gewesen sind. Die Christenheit verdammte Darwin und seine Philosophie so sehr, wie es nur möglich war. Der Grund war der: Die Christenheit glaubte an einen vollkommenen Gott, und ein perfekter Gott kann nur eine perfekte Welt erschaffen. Wie kann Unvollkommenheit von einem vollkommenen Schöpfer kommen? Dann gibt es aber keine Möglichkeit mehr für Evolution. Wenn die Möglichkeit der Evolution akzeptiert wird, dann ist die Welt, die Schöpfung unvollkommen und das wird schlussendlich zu der logischen Schlussfolgerung führen, dass der Schöpfer unvollkommen ist. Keine Religion hat es gewagt, zu verkünden, dass Gott unvollkommen ist, aber Gott ist unvollkommen, denn Unvollkommenheit bedeutet Evolution, Unvollkommenheit bedeutet Leben, Unvollkommenheit bedeutet Fließen, Wachsen. Und Gott ist unendlich unvollkommen; er wird niemals vollkommen werden. In dem Moment, in dem er perfekt wird, wird die ganze Existenz in Nicht-Existenz hinein verschwinden. Aber wegen dieser Idee von einem vollkommenen Gott haben wir alle seit Jahrhunderten versucht, perfekt zu sein, und daraus resultieren zwei Ergebnisse. Das eine ist: Wenn wir einfach sind, unschuldig, werden wir wirklich versuchen, perfekt zu sein und wir werden neurotisch werden. Und wir können niemals vollkommen sein, daher werden wir eine berghohe Bürde an Schuld mit uns tragen. Das wird uns erdrücken, es wird all unsere Freude im Leben zerstören, es wird uns vergiften. Es wird uns kein Feiern erlauben, kein Singen und kein Tanzen. Das ist selbstmörderisch. Oder: Wenn wir nicht unschuldig sind und einfach, wenn wir listig und clever sind, dann werden wir ein Heuchler werden. Wir werden über Vollkommenheit reden; das wird bloß eine Fassade sein, eine Maske, und hinter der Maske verborgen werden wir weiterhin immer das sein, was auch immer wir sind.

16.11.2006 um 14:36 Uhr

Tao 217

von: tao

Jesus kam einst am frühen Morgen zu einem See. Ein Fischer hat gerade sein Netz ausgeworfen, die Sonne ist gerade noch am Horizont. Ein schöner Morgen: Die Vögel singen und der See ist still und das Schweigen und die Frische des Morgens…

Und Jesus legt seine Hand auf die Schulter des Fischers. Der Fischer schaut sich um. Einen Moment lang spricht keiner ein Wort, weder Jesus noch der Fischer. Jesus schaut ihm einfach in die Augen: Der Mann verliebt sich. Etwas hat sich auf ihn übertragen.

Jesus sagt: „Wie lange wirst du noch dein Leben mit Fischfang verschwenden? Komm mit mir mit! Ich werde dir zeigen, wie man Gott fängt.“

Dieser Mann muss ungeheuren Mut gehabt haben. Er warf sein Netz in den See. Er zog das Netz nicht einmal mehr heraus. Er folgte Jesus, ohne eine einzige Frage zu stellen, ohne zu fragen: „Wer bist du und wohin führst du mich?“

Die Psychologen werden sagen, dass er hypnotisiert war. Wenn es Hypnose ist, dann ist sie nur für die ganz Glücklichen möglich. Es ist nicht Hypnose. Tatsächlich war er nicht hypnotisiert, denn das Wort „Hypnose“ kommt von einer Wurzel, die Schlaf bedeutet. Er war aufgeweckt worden – vorher hatte er geschlafen. Sein ganzes Leben lang hatte er bloß Fische gefangen; das war sein Schlaf. Nun regte dieser Mensch ein neues Verlangen in ihm an, eine neue Sehnsucht; ein neuer Stern war in seinem Herzen aufgegangen. Er würde gerne mit diesem Menschen mitgehen. Und ohne eine Frage folgte er ihm.

Als sie schon außerhalb der Stadt gingen, kam ein Mann angerannt. Er sagte zu dem Fischer: „Wohin gehst du denn? Bist du verrückt geworden? Dieser Mensch ist doch wahnsinnig! Komm nach Hause! Und außerdem ist dein kranker Vater gerade gestorben, also müssen wir Vorbereitungen treffen für seine Sterbesakramente und Beerdigungsrituale.“

Zum ersten Mal sprach der Fischer zu Jesus. Er sagte: „Kann mir erlaubt werden, bloß für drei Tage nach Hause zu gehen, um meine Pflichten als ein Sohn meinem toten Vater gegenüber zu erfüllen?“

Jesus sagte: „Mach dir keine Sorgen. Es gibt so viele tote Leute in der Stadt – sie werden sich darum kümmern. Die Toten werden die Toten begraben. Du komm mit mir mit. Wenn du mit mir kommst, dann gibt es kein Zurückgehen mehr. Wenn du mich gewählt hast, dann gibt es keine Rückkehr mehr. Komm mit mir!“

Und der Mann folgte ihm. Die Person, die gekommen war, um ihn zu informieren, stand verwundert da: „Was läuft da ab? Sein Vater ist tot und dieser Mann folgt einem Verrückten!“

Wütend

15.11.2006 um 02:34 Uhr

Tao Te King 67 (3)

von: tao

Was das Substrat von allem ist,

nannten die Hindus „das Vierte“, turiya.

In diesem Vierten wird Liebe Samadhi, Nirwana, Erleuchtung.

Zuerst, wenn Liebe – die gleiche Energie – sich durch den Körper ausdrückt,

wird sie Sex.

Wenn alles gut geht

und der Sex natürlich und fließend ist

ist es eine schöne Erfahrung

denn wir können einen Schimmer vom Zweiten dadurch haben.

Wenn Sex wirklich sehr tief geht,

so dass wir uns selbst völlig darin vergessen,

können wir sogar eine Ahnung von dem Dritten dadurch bekommen.

Und wenn Sex eine total orgiastische Erfahrung wird,

gibt es seltene Momente, wo wir sogar einen Abglanz vom Vierten erhaschen können,

dem turiya, dem Darüber hinaus, durch Sex.

Aber wenn der Sex misslingt,

dann geschehen viele Perversionen im Denken.

Diese Perversionen werden im Hass ausgedrückt.

Hass ist ein Versagen des Sex, ein Scheitern der Liebesenergie.

Gewalttätigkeit, Geldgier,

die ständig im Konflikt liegenden Einstellungen des Egos:

Krieg, Politik – dies sind alles sexuelle Perversionen.

Ein Mensch, dessen Sex nicht pervertiert ist, kann kein Politiker werden.

Das ist unmöglich.

Alle Politiker als solche

benötigen intensive Sexualtherapie,

ansonsten wird sich ihre ganze Energie

auf ein Ziel konzentrieren,

mehr und mehr Macht zu gewinnen.

Wenn Sex natürlich ist,

dann empfinden wir Energie, spüren wir Macht, wir suchen sie nicht.

Beschäftigt

14.11.2006 um 00:00 Uhr

Tao 216

von: tao

Es gibt nur Handlungen, die durch Verstehen gemacht werden
und Aktionen, die durch Nicht-Verstehen getan werden.
Es ist also manchmal möglich, dass eine Handlung
in diesem Moment falsch sein kann und im nächsten Moment richtig sein kann
weil sich die Situation geändert hat
und nun das Verstehen etwas anderes sagt.
Verstehen heißt, von Moment zu Moment zu leben,
mit einem sensiblen Reagieren auf das Leben.
Wir haben kein fixes Dogma, wie wir handeln sollen;
wir schauen uns um, wir fühlen, wir sehen,
und dann handeln wir aus diesem Fühlen, Sehen, Kennenlernen heraus –
die Aktion kommt.
Ein Mensch mit Kontrolle hat keine Vision für das Leben,
er hat keine Sensibilität für das Leben.
Wenn die Straße genau vor seinen Augen ist, ihm offen steht, konsultiert er eine Landkarte;
wenn die Türe genau vor ihm steht, fragt er andere:
Wo ist die Türe?
Er ist blind. Dann muss er sich kontrollieren
denn die Türe ändert sich jeden Moment.
Das Leben ist keine tote, statische Sache – das ist es nicht. Es ist dynamisch.
Dieselbe Regel also, die noch gestern gut war
wird heute nicht mehr gut sein und kann morgen auch nicht mehr gut sein.
Aber ein Mensch, der durch Kontrolle lebt, hat ein eine fixierte Ideologie,
er folgt seiner Landkarte.
Straßen werden jeden Tag laufend geändert,
das Leben bewegt sich laufend in neue Dimensionen,
aber er trägt in einem fort seine alte wertlose Ideologie mit sich herum.
Er schaut auf seine Idee, und dann folgt er ihr,
und dann ist er immer in der falschen Situation.
Darum haben wir das Gefühl, dass wir viele Freuden im Leben verpasst haben.
Wir müssen sie verfehlen, denn die einzige Freude, die das Leben geben kann
ist seine Antwort auf Verstehen.

13.11.2006 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 23/5 (4)

von: tao

Es ist eine Beherrschung, sehr subtil.

Jedes Kind wird mit überschäumender Energie geboren.

Dann müssen wir die Energiequelle beschneiden,

wir müssen das Kind da und dort zurechtstutzen

so dass es kontrollierbar wird.

Und die Basis aller Kontrolle ist es, das Kind in zwei zu teilen.

Dann brauchen wir uns nicht mehr darum zu kümmern,

es wird selbst die Kontrolle übernehmen.

Dann brauchen wir uns keine Sorgen mehr zu machen,

es selbst wird der Feind seines eigenen Selbst sein.

Also sagt man dem Kind: Dies ist falsch. Tu das nicht.

Plötzlich ist das Kind geteilt,

nun weiß es, was falsch ist,

nun weiß es, welcher Teil seines Wesens falsch ist,

und sein Kopf wird der Kontrolleur.

Durch Teilung

ist der Intellekt zum kontrollierenden Meister geworden.

Wenn wir ungeteilt sind, werden wir gar keinen Kopf haben.

Nicht dass der Kopf verschwinden wird

oder dass der Kopf abfallen wird,

aber wir werden nicht kopforientiert sein –

unser totales Wesen werden wir sein.

Eben jetzt sind wir nur der Kopf,

der Rest des Körpers ist bloß da, um den Kopf am Leben zu erhalten.

Der Kopf ist der Ausbeuter geworden, der Diktator.

Und dazu ist es durch den Konflikt gekommen,

durch die Erzeugung des Konflikts in uns.

Uns ist beigebracht worden, dass dies gut und das schlecht ist.

Der Intellekt lernt es

und dann wird uns der Intellekt ständig verdammen.

Und wenn wir uns selbst verurteilen

werden wir jeden anderen auch aburteilen – wir werden das Ganze verurteilen.

12.11.2006 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 18/12 (2)

von: tao

Dschuang Dsi ist eine der seltensten Blüten,

sogar seltener noch als ein Buddha oder ein Jesus.

Denn Buddha und Jesus betonen die Anstrengung

und Dschuang Dsi legt Wert auf Anstrengungslosigkeit.

Viel kann mit Anstrengung getan werden

aber mehr kann durch Anstrengungslosigkeit bewerkstelligt werden.

Viel kann mit Willenskraft erreicht werden

aber viel mehr kann durch Willenlosigkeit erlangt werden.

Und was wir auch immer durch den Willen erreichen

wird immer eine Bürde für uns bleiben;

es wird immer ein Konflikt sein, eine innere Spannung,

und wir können es in jedem Moment verlieren.

Es muss kontinuierlich aufrechterhalten werden –

und dieses Beibehalten raubt uns Energie,

dies aufrechtzuerhalten zersplittert uns schließlich.

Nur das, was durch Anstrengungslosigkeit erreicht wird

wird niemals eine Last für uns sein,

und nur das, was uns nicht belastet, kann ewig sein.

Nur das, was in keiner Weise unnatürlich ist

kann mit uns für immer und ewig bleiben.

Dschuang Dsi sagt, dass das Wirkliche, das Göttliche, das Existentielle,

dadurch erreicht werden kann, indem wir uns selbst komplett darin verlieren.

Sogar die Anstrengung, es zu erreichen, wird eine Barriere –

dann können wir uns nicht selbst verlieren.

Sogar die Anstrengung, sich selbst zu verlieren, wird ein Hindernis.

Wie können wir irgendeine Anstrengung unternehmen, um uns zu verlieren?

Alle Anstrengung wird aus dem Ego heraus geboren,

und durch Anstrengung wird das Ego gestärkt.

Das Ego ist die Krankheit.

Also muss alle Anstrengung völlig rausgelassen werden, nichts darf getan werden;

man muss sich selbst komplett im Existentiellen verlieren.

11.11.2006 um 02:52 Uhr

Tao Te King 2 (10)

von: tao

„So ist es, dass die Existenz und die Nicht-Existenz dem Einen die Idee vom Anderen in die Welt bringen; dass Schwierigkeit und Leichtigkeit dem Einen die Idee vom Anderen hervorbringen; das Länge und Kürze dem Einen die Figur vom Anderen herausbilden; dass die Idee von Höhe und Niedrigkeit aus dem Kontrast des Einen zu dem Anderen entsteht; dass die musikalischen Noten und Töne harmonisch werden durch die Beziehung des Einen mit dem Anderen; und dass Davor- und Dahinter-Sein die Idee von dem Einen, das dem Anderen folgt, geben.“
Das, was opponiert, das, was konträr ist, ist auch alliiert. Der Feind ist auch der Freund, der Angehörige.
Lao-tse sieht die Opposition nicht als das Feindliche; er betrachtet das weit Entfernte nicht als weit weg; und er versteht das Gegenteilige nicht als gegensätzlich. Lao-tse behauptet: „Alle entfernten Dinge werden durch ihre Entfernung zur näheren Umgebung gemessen. Alle Nachbarschaften sind die Verkleinerungsformen der entfernten Dinge.“ Wenn wir eine weiße Linie ziehen wollen, brauchen wir einen schwarzen Hintergrund. Deswegen ist, wer sagt: Weiß ist der Gegensatz von Schwarz, im Irrtum. Wir müssen Gebrauch von Schwarz machen, um das Weiß in all seiner Unterschiedlichkeit herauszubringen. Wer sagt, der Morgen zerstört die Nacht, irrt sich. Die Wahrheit ist, der Morgen wird aus der Nacht heraus geboren. Dinge, die wir als kontrastierend und gegensätzlich sehen, sieht Lao-tse als verbunden und vereinigt. Es ist eine komplette Gestalt; seine Art  und Weise, Dinge zu sehen, ist absolut konträr zu der unseren.
Wo wir eine Spannung zwischen den Dingen sehen, sieht Lao-tse eine Anziehungskraft; wo wir klar sehen, dass jemand versucht, uns zu zerstören, sagt Lao-tse, es ist unmöglich für uns, ohne diese Leute zu existieren. Er illustriert seine Punkte mit vielen Beispielen.
Er sagt: “Wenn nicht zwei da sind, dann ist auch kein Platz für einen.” Dies ist ein arithmetisches Beispiel. Die Mathematiker geben zu, dass wir, wenn wir die Zahl Eins bewahren wollen, auch all die nachfolgenden Zahlen behalten müssen. Wenn wir alle Zahlen von Zwei aufwärts eliminieren wollen, wird für 1 keine Bedeutung mehr übrig bleiben. Was immer in 1 liegt, verdankt es alles der 2. Hätten wir nur die Ziffer 1, was würde sie bedeuten? Nichts. Sie wäre sinnlos. Ihre Bedeutung ergibt sich aus ihrer Expansion in die 2, 3, 4…..9. Wenn wir alle Ziffern nach 1 entfernen, wird 1 bedeutungslos.