Taoistische Reflektionen

10.11.2006 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 1 (4)

von: tao

Taoismus, Zen, Yoga, Sufismus, Chassidismus,

dies sind alles Methoden, um uns zurückzubringen,

uns wieder auszunüchtern, unsere Trunkenheit zu zerstören.

Warum sind wir so betrunken?

Was macht uns so betrunken?

Warum sind unsere Augen so schläfrig?

Warum sind wir nicht achtsam?

Was ist die Ursache von all dem?

Die Wurzelursache ist die, dass wir ersehnen und wünschen.

Versuchen wir, die Natur des Verlangens zu verstehen.

Die Sehnsucht ist alkoholisch,

das Wünschen ist die größtmögliche Droge.

Marihuana ist nichts dagegen, LSD ist nichts dagegen.

Das Verlangen ist das stärkstmögliche LSD –

das ultimative Rauschgift.

Was ist die Natur der Sehnsucht?

Wenn wir uns etwas wünschen, was geschieht da?

Wenn wir uns nach etwas sehnen, erzeugen wir damit eine Illusion im Denken;

wenn wir etwas wünschen, haben wir uns schon aus dem Hier wegbewegt.

Nun sind wir nicht mehr hier, wir haben uns aus dem Hier absentiert

denn das Denken erzeugt nun einen Traum.

Diese Abwesenheit ist unsere Betrunkenheit.

Besser wäre es, präsent zu sein!

In eben diesem Moment stehen die Türen zum Himmel offen.

Es ist nicht einmal nötig, zu klopfen

denn wir sind ja nicht außerhalb des Himmels, wir sind schon drinnen.

Wären wir wachsam und würden wir uns umschauen, ohne dass unsere Augen voll mit Wunschdenken sind, wir würden lachen, aus dem Bauch heraus lachen.

Wir würden lachen über diesen ganzen Witz, über das, was sich da abspielt.

Wir erzeugen einen Raum, ein energetisches Feld –

Und die Sehnsucht ist die Art und Weise, wie wir dieses Feld erschaffen.

09.11.2006 um 00:00 Uhr

Tao Te King 22 (6)

von: tao

Das Denken ist kein Schöpfer:

Es kann uns helfen, etwas zu finden, was schon da ist

aber es kann nicht etwas erschaffen, was niemals da gewesen ist.

Und das Denken hat die Logik kreiert –

Logik ist die falscheste Sache in der Existenz.

Du kannst ihr niemals irgendwo begegnen außer in Büchern.

Aber sie ist ein dominanter Faktor geworden

und sie hat keine Bedeutung

denn jedes Argument kann gegen sich selbst verwandt werden.

Da gibt es eine Anekdote über einen jüdischen Gelehrten:

In den Tagen von Adolf Hitler

schrieb ein jüdischer Gelehrter eine Abhandlung, eine Dissertation, eine Doktorarbeit,

für seinen Doktortitel in den Geisteswissenschaften.

Er arbeitete hart fünf, sechs, sieben Jahre lang,

dann wurde er für diesen Titel examiniert.

Der Prüfer fragte ihn: Können Sie beweisen, dass Sie als Jude

eine Abhandlung über die jüdische Tradition schreiben können

ohne irgendein Vorurteil? Wie können Sie, der Sie ein Jude sind,

eine wissenschaftliche Abhandlung über die jüdische Tradition schreiben, ohne befangen zu sein, als ein Zuschauer, ein Beobachter, unparteiisch?

Der Gelehrte sagte: Ja, das kann ich beweisen –

wenn Sie beweisen können, dass Sie, der Sie kein Jude sind,

eine Abhandlung, die über die jüdische Tradition geschrieben wurde, beurteilen können

ohne irgendein Vorurteil.

Dasselbe Argument kann ganz leicht umgekehrt werden

in sein Gegenteil,

ein wenig logischer Scharfsinn ist nötig, aber die Logik ist die gleiche.

Sie kann sehr leicht gegen sich selbst angewandt werden. Was soll man da tun?

Was auch immer wir über Gott zu beweisen versuchen, kann gegen Gott verwandt werden.

Alle Argumente können gegen sich selbst gekehrt werden.

Argumente sind bloß Spielereien.

08.11.2006 um 00:00 Uhr

Tao Te King 2 (9)

von: tao

Lao-tse sagt: „Sie sind niemandes Feind. Sie wissen, die Dinge geschehen von selbst.“ Um dies zu verstehen, wird es nützlich sein, Mahavir zu verstehen. Ein Vers von Mahavir kommt diesem Vers im zweiten Kapitel des Tao Te King sehr nahe. Und es ist ein unbezahlbarer Vers. Wo immer Mahavir den Begriff Dharma benutzt, er hat ihn niemals verwendet, um damit Religion zu implizieren. Mit Dharma meinte Mahavir die Natur der Dinge. Sein Vers geht darüber, was die Natur der Dinge bedeutet, was Dharma ist. Feuer brennt, das ist sein Dharma. Wasser fließt hin zur niedrigeren Ebene, das ist sein Dharma. Das Kind wächst zu einem Jugendlichen heran, das ist sein Dharma. Glücklichsein kommt und geht, das ist seine Natur. Nichts ist bleibend oder permanent in dieser Welt, das ist die Natur der Welt. Der Mensch wird geboren und er stirbt, das ist sein Schicksal, seine Natur. Mahavir sagt: „All dies ist die Qualität, der Charakter der Dinge.“ Wenn wir dies gut verstehen können, können wir in eben diesem Moment frei werden. Wir werden schikaniert und beunruhigt, weil wir unsere Natur bekämpfen. Wenn der Körper alt wird, kämpfen wir darum, die Jugend beizubehalten. Wenn der Köper erkrankt ist, bekämpfen wir die Krankheit. Aber dies ist die Natur des Körpers. Was immer geschieht in dieser Welt, sind natürliche Phänomene. Lao-tse sagt: „Alles, was geschieht, passiert von selbst, aber der Weise ist gegen nichts, was geschieht.“ Es gibt keinen Grund für eine Opposition. Indem ich mich widersetze, versuche ich nur zu beweisen, dass ich mich dem entgegenstellen kann. Nein, Lao-tse sagt: “Der Weise ersehnt nicht einmal Befreiung, denn alle Wünsche beweisen eine Gebundenheit.” Er wünscht niemals, dass eine spezielle Sache auf eine spezielle Weise passieren sollte, denn er würde auf diese Weise sich wünschen, selbst in Problemen zu landen. Diese Welt bewegt sich nicht gemäß den Wünschen von irgendjemand. Sie geht nach ihrem eigenen Gesetz. Manchmal wird unser Verlangen befriedigt, dann unterliegen wir einer Täuschung – genau wie wenn wir glaubten, der Ozean würde auf uns hören. Und wenn die Wellen nicht aufsteigen, obwohl wir es ihnen befehlen, dann fühlen wir uns miserabel, weil sie uns nicht gehorchen. Das Meer fließt weder nach unserem Willen, noch hört es damit auf, wenn wir es anordnen. Es ist eine Sache der Koinzidenz, dass die Wellen manchmal dann entstehen, wenn wir es uns wünschen und manchmal eben nicht. Manchmal gewinnen wir immerzu und wir haben das Gefühl, dass wir Gewinner sind. Manchmal verlieren wir und wir haben das Gefühl, dass wir Verlierer sind. Aber die Wahrheit ist bloß die, dass die Natur der Dinge so beschaffen ist, dass sie uns zeitweilig die Illusion gibt, dass wir gewinnen und hin und wieder die Illusion, dass wir verlieren.

Beschäftigt

07.11.2006 um 00:00 Uhr

Tao Te King 11 (7)

von: tao

Es ist viele Male passiert.

Einmal verschwand einfach ein Schiff, das siebenhundert Leute beförderte –

solch ein großes Schiff! Als es den letzten Hafen passierte, was alles noch in Ordnung,

aber es erreichte nie mehr den nächsten Hafen,

und die Distanz war nicht sehr weit, sie war sehr kurz.

Sogar wenn das Schiff gesunken wäre, mit siebenhundert Leuten an Bord

müsste jemand überlebt haben. Und wenn niemand überlebt hätte,

dann wäre das Wrack des Schiffs gefunden worden,

aber nichts ist jemals gefunden worden. Es verschwand einfach.

Es muss wohl auf ein dahintreibendes schwarzes Loch gestoßen sein.

Das geschieht tagtäglich,

aber wenn Dinge täglich geschehen, dann vergisst man darüber.

Plötzlich stirbt ein Mensch. Was ist passiert?

Er hat das schwarze Loch betreten.

Noch vor einer Minute war er in Ordnung,

atmete, redete, war lebendig, bewusst,

und nur eine Sekunde danach ist nichts mehr übrig,

bloß ein verfallender Körper. Was ist geschehen?

Etwas ist in die Nicht-Existenz gegangen. Der Tod ist das schwarze Loch.

Die Wissenschaftler sagen, dass auch Sterne geboren werden und sterben –

sie leben Millionen von Jahren, aber darum geht es nicht.

Sie werden geboren – von wo kommen sie her?

In diesem Moment werden viele Sterne geboren,

genauso wie viele Kinder in Entbindungsstationen geboren werden.

Vorher existierte keine Materie, es war ein ungeheuer weiter Raum, dann plötzlich

tritt ein Nebel ins Sein – Dunst entsteht aus dem Nichts.

Der Dampf beginnt sich zu sammeln, er kondensiert,

fängt an, immer feststofflicher zu werden. Das dauert Millionen von Jahre,

genauso wie es neun Monate dauert, dass ein Kind geboren wird.

Es braucht Millionen von Jahre

bis Nichts-Sein kondensiert und zu einem Stern wird.

06.11.2006 um 00:00 Uhr

Tao 215

von: tao

Wenn wir in einem Traum leben

und jemand weckt uns plötzlich auf,

dann werden wir wütend.

Und wenn der Traum schön war, nett, süß, wird das Erwachen wehtun und wir leiden daran.

Das ist der Grund, warum sie Jesus kreuzigten.

Die Leute, die Jesus kreuzigten

waren keine schlechten Menschen – undenkbar – sie waren keine bösen Leute.

Sie waren gut, moralisch – sehr gute Leute;

Aber sie kreuzigten Jesus

denn er störte ihre ganze Denkweise.

Er war ein großer Zerstörer! Eine große destruktive Kraft!

Er zwang sie aus ihrem Schlaf heraus,

und sie wollten träumen, und ihre Träume waren süß.

Jesus musste gekreuzigt werden.

Sie vergifteten Sokrates.

Die Leute, die Sokrates vergifteten

waren gute Leute,

sie waren keine bösen Mächte, sondern Moralisten,

Richter jener Tage, Politiker, Sozialarbeiter –

sie waren alle dabei, als es darum ging, einen einfachen Menschen wie Sokrates zu vergiften,

der nichts getan hatte, außer mit Menschen zu reden.

Aber dieses Reden war sehr gefährlich, sehr explosiv,

denn er hatte viele Leute dazu veranlasst, aus ihren Träumen herauszukommen,

er hatte viele Leute aus ihren Vertröstungen gerettet,

er hatte viele Leute aus ihren toten Glaubensvorstellungen herausschockiert –

es war notwendig;

wenn den Leuten geholfen werden soll

muss man ihre Träume zerbrechen und

ihre Glaubensvorstellungen erschüttern.

Natürlich reagieren sie dann.

Man sollte sich nicht schlecht dabei fühlen.

Sonstige

05.11.2006 um 00:00 Uhr

Tao 214

von: tao

Präferenz ist das größte Problem.
Wenn wir bevorzugen, gehen wir fehl.
Wenn wir die Glückseligkeit
dem Blödsinn vorziehen
ist unser Konzept der Glückseligkeit
schon Blödsinn.
Wenn wir nichts einen Vorzug geben,
wenn wir achtsam bleiben und ohne besondere Vorliebe,
in einer tiefen wahllosen Bewusstheit,
dann wird sogar selbst Müll glückselig.
Mist und Wonne sind nicht zweierlei.
Wenn wir bevorzugen – dann ist alles Schund.
Wenn wir nichts bevorzugen – dann wird alles wonnevoll.
Diese Welt und Nirwana sind nicht zweierlei.
Diese Welt existiert wegen unserer Vorauswahl.
Wenn diese Auswahl verschwindet, verschwindet die Welt.
Plötzlich ist da Erwachen und sonst nichts.
Es ist genau vor unseren Augen.
Mit unseren Vorlieben werden wir fehlgehen,
denn unsere Präferenz bedeutet, das Denken hat sich eingeschaltet.
Auswahl ist Denken.
Wenn wir sagen: Ich wähle dies und ich wähle nicht das,
haben wir die Welt schon in zwei geteilt;
die Dualität ist eingetreten.
Nun ist das Non-Duale verloren gegangen,
das Eine ist verloren,
die Einheit ist nicht mehr da.
Wenn wir nicht wählen
verschwindet die Dualität
denn die ist da wegen unserer Auswahl;
wir unterstützen sie durch unsere Entscheidungen, darum existiert sie.

04.11.2006 um 00:00 Uhr

Tao 213

von: tao

Nicht dass es keine andere Welt gäbe,

nicht dass die irdische Existenz die einzige Existenz ist,

nein, aber das andere hängt von diesem ab,

die andere Welt hängt von dieser Welt ab.

Und der Himmel hängt von dieser Erde ab.

Wenn wir höher gehen wollen

müssen wir hier in dieser Erde tiefer verwurzelt sein.

Wir brauchen Wurzeln in diesem Leben

dann werden in dem anderen Leben Blumen kommen.

Das andere Leben ist nicht gegen dieses Leben;

tatsächlich ist das andere Leben bloß das Erblühen dieses Lebens.

Gott ist nicht gegen die Welt, er ist nicht außerhalb davon;

er ist in ihr, verborgen in ihr.

Wir brauchen nicht gegen diese Welt zu sein, um ihn zu suchen –

wenn wir gegen die Welt gehen, werden wir ihn niemals finden.

Er ist verborgen hier und jetzt,

wir haben ihn hier zu suchen, wir müssen tief in diese Existenz hineingehen –

das ist der einzige Weg, ihn zu finden.

Dieses ganze Leben, diese ganze Existenz ist nichts als ein Tempel,

und er versteckt sich in ihm. Besser, wenn wir nicht davor die Flucht ergreifen.

Taoismus ist nicht gegen dieses Leben; tatsächlich ist er gegen gar nichts.

Taoismus ist für alles,

denn wenn es existiert, muss es einen Zweck dafür geben.

Gott kann nicht Dinge ohne irgendeine Zielsetzung erschaffen – er ist nicht verrückt.

Die Existenz ist sehr absichtsvoll, sinnvoll;

wenn dieses Leben existiert,

bedeutet dies, das andere Leben kann nicht ohne es existieren. Es ist die Basis.

Aber wir tragen unsere Vorstellung in uns.

Uns ist irgendetwas über Erleuchtung beigebracht worden, über Entsagung,

da können wir Taoismus nicht verstehen, was er sagt und damit meint.

Auch Taoismus muss unsere Sprache benutzen und die Wörter sind alle kontaminiert.

03.11.2006 um 12:11 Uhr

Tao 212

von: tao

Ein kristallisiertes Wesen ist religiös

und der Duft, der dieses kristallisierte Wesen umgibt,

ist Religion.   Es ist undefinierbar.

Das gleiche gilt für Kontrolle und Disziplin.

Besser, sich vor Kontrolle zu hüten und niemals zu versuchen, sich zu kontrollieren.

Wer wird denn in Wirklichkeit kontrollieren?

Wenn wir verstehen, besteht keine Notwendigkeit für Kontrolle;

wenn wir nicht verstehen, wer wird dann kontrollieren?

Dies ist die Crux des ganzen Problems.

Wenn wir verstehen, wieso ist es dann nötig, zu kontrollieren?

Wir verstehen, was auch immer wir also tun, ist richtig.

Nicht dass wir es tun müssen,

wir tun es einfach, denn wie können wir das Falsche tun?

Wenn wir hungrig sind, dann fangen wir nicht an, Steine zu essen –

wir verstehen, dass Steine nicht gegessen werden können, Schluss!

Es ist nicht nötig, uns ein Gebot zu geben:

„Du sollst niemals Steine essen, wenn du hungrig bist.“

Das würde töricht sein, einfach blöd, es zu sagen.

Wenn wir durstig sind, trinken wir Wasser.

Wieso ist es nötig, irgendein „Du sollst“ oder „Du sollst nicht“ daraus zu machen?

Das Leben ist einfach, wenn wir verstehen.

Es gibt dafür keine Regulierungen oder Regeln, das ist nicht nötig,

denn unser eigenes Verstehen ist die Regel aller Regeln.

Es gibt nur eine einzige goldene Regel und das ist Verstehen;

alle anderen Regeln sind nutzlos, sie können weggeworfen werden.

Wenn wir verstehen, dann können wir alle Kontrollen wegschmeißen, wir können frei sein,

denn was auch immer wir tun, werden wir durch unser Verstehen tun.

Die taoistische Definition für das, was richtig ist, kann wohl so lauten:

Das, was aufgrund von Verstehen getan wird.

Richtig und falsch sind keine objektiven Werte;

es gibt nicht so etwas wie eine richtige Handlung und eine falsche Handlung.

02.11.2006 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 26/7 (3)

von: tao

Es gibt eine Tradition, die besagt

dass Gott Licht ist, er ist nicht Dunkelheit.

Es gibt keine Dunkelheit in Gott

für die Leute, die glauben, Gott ist Licht.

Es gibt eine andere Tradition, die besagt

dass Gott Dunkelheit ist – aber für sie ist da kein Licht.

Beide haben Unrecht,

denn beide sind logisch, sie verneinen das Entgegengesetzte.

Und das Leben ist so ungeheuer weit, es trägt den Gegensatz in sich.

Er wird nicht verneint, er wird miteinbezogen.

Jemand sagte einmal zu Walt Whitman,

einem der größten Dichter, der je geboren wurde:

Whitman, du widersprichst dir laufend selbst.

Den einen Tag sagst du das eine,

den nächsten Tag sagst du genau das Gegenteil.

Walt Whitman lachte und sagte:

Ich bin ungeheuer weit. Ich beinhalte alle Widersprüchlichkeiten.

Nur kleine Geister sind konsistent,

und je enger das Denken, desto folgerichtiger.

Wenn das Denken ganz weit ist, ist alles miteinbezogen:

Das Licht ist da, die Dunkelheit ist da,

Gott ist da und der Teufel auch, in seiner totalen Glorie.

Wenn wir diesen mysteriösen Prozess des Lebens verstehen

der sich durch die Gegensätze bewegt, der dialektisch ist;

wo das Entgegengesetzte hilfreich ist,

Balance gibt, ausgleichend wirkt, Spannkraft gibt und den Hintergrund ausmacht,

nur dann können wir Dschuang Dsi verstehen.

Denn die ganze taoistische Vision

basiert auf der „Komplementarität“ der Gegensätze.

Sie verwenden dafür zwei Worte: Yin und Yang.

Sie sind Gegensätze: Männlich und Weiblich.

01.11.2006 um 00:00 Uhr

Tao 211

von: tao

Es gibt drei Stufen einer Religion. Genau wie es Kindheit gibt, Jugend und Alter im Leben eines Mannes oder einer Frau, so gibt es drei Stufen im Leben einer Religion. Wenn eine Religion geboren wird – die Kindheit einer Religion, wenn ein Meister lebendig ist, frisch, und die Energie von der Quelle fließt und die Duft in der Luft liegt, wenn Buddha am Leben ist oder Lao-tse noch lebt oder Jesus noch lebendig ist – dann hat Religion ihren ersten, unschuldigen, unkorrumpierten Zustand: Die Kindheit. Sie ist so frisch wie die Tautropfen am Morgen, frisch wie die Rosenblüte, frisch wie die Sterne, unschuldig; sie kennt keine Disziplin, sie kennt nur Spontaneität. Dann beginnen sich um den Meister herum Leute zu sammeln. Das geschieht zwangsläufig – ein Magnet ist da, die Leute laufen zusammen. Die zweite Stufe kommt: die Stufe der organischen Religion. Die erste Stufe ist individuell, rebellisch, spontan; da geht es nicht um irgendeine Anstrengung, irgendeine Disziplin, irgendeine Schrift; Gott ist noch nackt, die Wahrheit ist so, wie sie ist – keine Vertuschung, keine Verkleidungen. Dann strömen die Leute herbei. Die zweite Stufe ist nicht so rebellisch für diese Leute, und wegen dieser Leute entsteht nach und nach Disziplin. Der Meister redet weiterhin über Spontaneität, aber die Nachfolger können Spontaneität nicht verstehen; sie übersetzen sie in Begrifflichkeiten, wie man sich selbst diszipliniert. Der Meister sagt: „Bloß sein“, sie fragen: „Wie kann man so sein?“ Ihre Frage nach dem Wie bringt nach und nach die Disziplin herein; sie erzeugen die Disziplin. Anders gesagt: Der Meister bringt die Spontaneität, die Schüler die Disziplin. Wenn sich Schüler um einen Meister gesammelt haben, beginnen sie das zu übersetzen, was er sagt, was er meint. Sie beginnen mit der Interpretation, und natürlich interpretieren sie gemäß ihres Denkens – anders ist das nicht möglich. Wenn wir überhaupt interpretieren, werden wir mißinterpretieren. Der wirkliche Schüler ist einer, der nicht interpretiert, der nicht übersetzt, der passiv zuhört, der nicht nach dem Wie fragt, der es nicht eilig hat, zu irgendeinem Resultat zu kommen, der nicht zielorientiert ist, der nicht gierig ist. Der gierige Schüler erschafft sofort eine Disziplin. Dies ist die zweite Stufe – immer noch lebendig; diese Stufe ist die organische Stufe der Religion. Der Meister ist noch da, der Schüler sind gekommen, es ist noch eine organische Einheit, aber – auf der ersten Stufe war da nur das Zentrum, nun gibt es ein Drumherum; und die Peripherie wird immer größer und weiter und entfernter werden, und je weiter entfernt von der Mitte sie ist, desto weniger wahr wird sie sein. Je weiter weg sich die Oberfläche vom Zentrum entfernt, desto weiter weg geht sie von der Wahrheit, von der Unschuld. Sie wird zu Wissen, sie wird Disziplin, Dogma, aber immer noch kommt ein wenig Licht durch all diese Filter. Dann, auf der dritten Stufe, wenn der Meister gegangen ist, wird Religion zu einer organisierten Religion. Sie ist nun nicht mehr organisch, denn das Zentrum ist verschwunden. Nun versucht die Peripherie ohne die Mitte zu existieren – sie wird eine Kirche, ein Glaubensbekenntnis, Theologie. Nun ist die Religion sehr alt; und eines Tages, irgendwann, stirbt die Religion, aber die Kirche macht weiter.