Taoistische Reflektionen

12.03.2007 um 00:51 Uhr

Südliches Blütenland 26/10 (4)

von: tao

Mit einem Menschen zu reden, der voll mit Worten ist

ist fast unmöglich.

Er kann nicht zuhören, denn für das Zuhören sollte man still sein,

für das Zuhören sollte man rezeptiv sein.

Die Worte lassen das nicht zu –

Worte sind aggressiv, sie sind niemals rezeptiv.

Du kannst reden, aber du kannst nicht zuhören,

und wenn du nicht zuhören kannst, ist dein Reden das Gerede eines Verrückten.

Du redest, und weißt nicht warum,

du redest, und weißt nicht was.

Du redest immer weiter, denn es gibt dir eine Art von Erleichterung.

Du fühlst dich gut, nachdem du einen guten Plausch gehabt hast.

Du fühlst dich gut, weil du erleichtert bist:

Dein Reden ist Teil deiner Spannungen.

Es kommt nicht von dir, es ist bloß eine Störung;

es ist kein Lied, es hat keine Schönheit an sich.

Das ist der Grund, warum du, immer wenn du redest, den anderen langweilst.

Aber warum hört er dann noch zu ?

Er hört gar nicht zu. Er wartet bloß darauf, dich langweilen zu können,

er wartet bloß auf den richtigen Moment

wenn er die Zügel in seine Hände nehmen kann.

Es geschah einmal

dass ein großer Politiker, ein führender Politiker, eine Ansprache hielt,

und er sprach und sprach und es wurde schon fast Mitternacht.

Nach und nach war die Zuhörerschaft gegangen

bis nur noch eine Person in der Halle übriggeblieben war.

Der Politiker dankte ihm und sagte:

Du scheinst der einzige zu sein, der die Wahrheit liebt,

der einzige authentische Anhänger. Ich fühle mich dankbar.

Wenn jeder andere mich schon verlassen hat, bist du immer noch hier.

Der Mann sagte: Mach dir nichts vor, ich bin der nächste Redner.

11.03.2007 um 02:00 Uhr

Südliches Blütenland 26/10 (3)

von: tao

Mohammed bestand wieder und wieder darauf,

fast an jedem Tag seines Lebens:

Ich bin bloß ein Bote, ein paigamber. Verehrt mich nicht.

Ich habe nur eine Botschaft vom Göttlichen überbracht.

Schaut nicht auf mich,

schaut auf das Göttliche, das euch die Botschaft gesandt hat.

Aber die Mohammedaner haben die Quelle vergessen.

Mohammed ist wichtig geworden, das Vehikel.

Dschuang Dsi sagt:

"Wo kann ich einen Menschen finden

der die Worte vergessen hat ?

Er ist derjenige

zu dem ich gerne sprechen würde."

Ein Mensch, der die Worte vergessen hat, ist es wert, mit ihm zu sprechen,

denn er hat die innerste Realität,

das Zentrum des Seins in sich.

Er hat die Botschaft.

Sein Schweigen ist gehaltvoll; dein Reden ist impotent.

Was tust du, wenn du redest ?

Du sagst doch gar nichts Spezielles.

Du hast keine Botschaft bekommen, da ist nichts, das abgeliefert werden sollte.

Deine Worte sind leer, sie beinhalten gar nichts,

sie befördern nichts. Sie sind bloß Symbole.

Und wenn du redest

dann schmeißt du damit bloß deinen Abfall heraus.

Das mag für dich eine gute Katharsis sein,

aber für den anderen kann das gefährlich sein.

Und wie kannst du mit einer Person reden, die schon voll von Worten ist ?

Unmöglich.

Die Worte lassen keinen Platz mehr.

Die Worte geben keine Türe, keine Öffnung.

Es sind zuviel Worte, du kannst nicht durchkommen.

FröhlichTraurig

10.03.2007 um 00:11 Uhr

Tao 246

von: tao

Es ist ein großartiges Muster, nichts ist getrennt.

Sogar Buddha zollt seinen Respekt den Buddhas der Vergangenheit.

Jemand fragte ihn: Warum ? Warum zollst du deinen Respekt ?

Du bist erleuchtet geworden; niemand ist höher als du.

Wem zollst du noch deinen Respekt ?

Buddha sagte: Wegen diesen bin ich, was ich bin.

Ohne sie würde die Möglichkeit nicht da gewesen sein.

Sie erschufen die Leiter, sie wurden die Sprossen,

und ich bin durch sie vorangekommen. Sie sind meine Vergangenheit.

Dieser Moment der Erleuchtung ist wegen der ganzen Vergangenheit gekommen.

Du bist die Vergangenheit – sei ihr dankbar;

du bist auch die Zukunft – sei hoffnungsvoll auf sie.

Du bist ein Verbindungsglied. In dir in eben diesem Moment

geht die ganze Existenz durch das Jetzt in die Zukunft.

Gurdjieff hat eine schöne Klassifikation des Menschen gegeben.

Immer wenn ihn jemand nach dem Menschen fragte

unterbrach er augenblicklich und sagte: Frag nicht nach dem Menschen.

Sag mir zuerst die Nummer. Mensch Nummer eins ? Mensch Nummer zwei ?

Mensch Nummer drei ? Mensch Nummer vier ? Oder Mensch Nummer fünf ?

Welchen Menschen meinst du, wenn du Mensch sagst ?

Er hatte sieben "Menschen". Und er hatte völlig recht.

Über den Menschen kann nichts gesagt werden, weil so etwas wie der Mensch nicht existiert.

Ein paar sind Mensch Nummer eins,

ein paar sind Mensch Nummer zwei, ein paar sind Mensch Nummer drei.

Diese ersten drei sind einfach zu verstehen

denn ihr alle gehört zu ihnen.

Der Mensch, der in seinem Körper lebt, ist Mensch Nummer eins,

du kannst ihn überall finden. Er lebt für den Körper;

er ißt nicht, um zu überleben, er überlebt, um zu essen.

Das ist die erste Nummer.

09.03.2007 um 03:20 Uhr

Tao 245

von: tao

Wenn du um dich herum die Hölle fühlst, dann spüre sie – es mag Teil deiner Bestimmung sein, Teil deines Wachstums. Natürlich weiß ich, wenn man durch die Hölle geht, dann ist das sehr schwierig. Das weiß ich. Wachstum ist schwierig. Wenn man durch ein Problem hindurchgeht, ein herzzerreißendes Problem, eine Krise, dann möchte man davonlaufen; man möchte sich dem nicht stellen; man möchte ein Feigling sein. Aber auf diese Weise wirst du etwas versäumen, was ein Teil des finalen Ganzen werden sollte, ein Teil der letztlichen Harmonie. Lebe total. Da gelten keinerlei Bedingungen. Der Taoismus sagt: Lebe bedingungslos. Wenn deine innere Stimme dir sagt: Meditiere, dann meditiere. Wenn deine innere Stimme dir sagt: Zieh los und trinke, dann betrinke dich und sei ein Trunkenbold, aber sei total, denn nur durch Totalität transzendiert man. Nur durch Totalität wird man transformiert, denn nur durch Totalität beginnt man zu verstehen, was man da eigentlich tut. Da gibt es Leute, die sagen, dass sie viel Wut in sich haben und sie würden gerne keine Wut mehr haben. Sie haben genug davon gehabt und sie haben viel deswegen gelitten, ihr ganzes Leben ist miserabel geworden. Und sie bereuen viel, immer wenn sie wütend werden, bereuen sie es sehr. Sie versuchen wieder und wieder, nicht wütend zu sein, sie beschließen, nicht mehr wütend zu sein, sie strengen ihre ganze Willenskraft dafür an, aber nach wenigen Stunden haben sie es vergessen. Wieder passiert etwas, eine Situation ereignet sich, und sie werden wütend.

Also was tun? Der Taoismus sagt ihnen: Bereut nicht, beginnt von da aus. Bereut nichts, wenigstens das könnt ihr tun. Sei wütend, sei total wütend und bereue es nicht und lass nicht zu, dass es dir leid tut. Du bist wütend gewesen, akzeptiere die Tatsache, dass du ein Mensch mit einer wütenden Natur bist. In Ordnung. Sei total zornig. Diese Reue erlaubt es dir gar nicht, total wütend zu sein, etwas wird schon zurückgehalten. Dieser Teil, der in dir bleibt und nicht ausgedrückt worden ist, wird giftig, ein krebsähnliches Gewächs. Es wird dein ganzes Leben dein ganzes Leben lang kolorieren. Sei wütend, und wenn du wütend bist, lass dieses Phänomen so ablaufen, dass du sagen kannst: Ich bin Wut, nicht „wütend“. Dann bleibt niemand übrig, der es betrachten kann – du bist Wut. Es wird ein Feuer werden, ein Höllenfeuer. Es wird ein großes Leiden sein, aber das muss so sein. Es mag sein, dass wenn du nur einmal in einem solchen Höllenfeuer wirklich sein kannst, du dabei und darüber so wach werden wirst, dass es nicht mehr nötig ist, sich gegen so etwas zu entscheiden, allein schon die Erfahrung hat alles entschieden – du gehst niemals wieder auch nur in die Nähe. Nicht dass du einen Eid ablegst, nicht dass du in die Kirche gehst und beichtest und bereust…All das ist nicht mehr nötig, du bist darüber hinaus.

08.03.2007 um 18:46 Uhr

Tao 244

von: tao

Verborgen in dir selbst
ist das Nicht-Selbst.
Verborgen hinter dir
ist Leere, Nichts-Sein,
was Buddha Shunyata genannt hat,
absolutes Nichts-Sein.
Du kannst Tao nicht durch Suche erreichen.
Alle Suche geht hier fehl,
denn bis der Sucher verloren geht
ist Erwachen nicht möglich,
und wie kann der Sucher verloren gehen, wenn es noch eine Suche gibt?
Wie kann der Sucher verloren gehen, wenn da ein Selbst ist?
Das ist nicht möglich.
Was geschieht also?
Wie kommt ein Mensch zum Erwachen?
Er sucht und sucht,
und dann kommt ein Moment
wenn er es realisiert
die totale Absurdität, danach zu suchen;
denn du kannst nach etwas suchen
was nicht schon in dir ist,
du kannst nach etwas suchen
was in der Zukunft liegt,
aber wie kannst du nach dem suchen
was schon der Fall ist?
Durch Suchen wirst du es verfehlen.
Wie kannst du nach dem Sucher selbst suchen?
Der Sucher kann nach allem suchen, außer nach sich selbst.
Der Versuch, nach sich selbst zu suchen, ist absurd.
Wie kann der Sucher sich selbst suchen?
Für die Suche ist eine Distanz nötig
zwischen dem Sucher und dem Gesuchten.

07.03.2007 um 03:13 Uhr

Südliches Blütenland: Die Flucht vor dem Schatten (5)

von: tao

Erst richten wir uns in den Schatten häuslich ein.

Und dann sagt das Denken: Zerstöre erst einmal diese Schatten

und dann wird sich die Herabkunft Gottes ereignen.

Das ist eine der offensichtlichsten Dummheiten der Menschheit,

die altertümlichste noch dazu. Und ihr folgt jedermann.

Es ist schwierig für dich zu denken

dass du in eben diesem Moment ein Gott bist,

aber ich frage dich – woran fehlt es? Was fehlt dir noch dazu?

Du  bist lebendig, atmest, bist bewusst – was brauchst du sonst noch?

In eben diesem Moment bist du wie Gott.

Sogar wenn du fühlst, dass es bloß  ein „als ob“ ist, kümmere dich nicht darum.

Sogar wenn du fühlst: „Ich nehme doch bloß an, dass ich wie Gott bin“,

dann setze es voraus, kümmere dich nicht darum.

Beginne mit dem „als wenn“, und bald wird die Realität folgen,

denn in der Wirklichkeit bist du es.

Und beginnst du erst einmal wie ein Gott zu existieren,

verschwindet alles Unglück, alle Konfusion, alle Dunkelheit.

Werde ein Licht,

und dieses Werden hat keine Bedingungen, die erfüllt werden müssen.

Nun zurück zu dieser schönen Parabel:

„Da war ein Mann

der war so verstört

durch die Ansicht seines eigenen Schattens

und so unangenehm berührt durch seine eigenen Fußspuren,

dass er beschloss, beides los zu werden.“

Bedenke, du bist dieser Mensch, dieser Mensch existiert in jedem.

Auf diese Weise hast du dich verhalten, dies ist auch deine Logik –

es ist die Flucht vor dem Schatten.

Dieser Mensch war sehr beunruhigt durch die Ansicht seines eigenen Schattens.

Warum? Was ist verkehrt an einem Schatten?

Weil du vielleicht gehört hast, Träumer haben das gesagt,

dass Götter keine Schatten haben. Wenn sie gehen, wird kein Schatten erzeugt.

Dieser Mensch war beunruhigt wegen dieser Götter.

06.03.2007 um 02:51 Uhr

Tao 243

von: tao

Man kann niemals ein Mensch des Tao werden durch Suchen. Suchen ist die einzige Barriere, die dich davon abhält, deine Größe zu realisieren. Allein schon die Idee des Suchens schickt dich weg von dir selbst. Suchen bedeutet irgendwo anders zu suchen. Suchen bedeutet, außen zu suchen. Suchen bedeutet, du suchst überall sonst, außer in deinem eigenen Wesen. Nicht-Suchen bedeutet, nicht irgendwo herumzuschauen, bloß in deinem Wesen zentriert zu sein, bloß da zu sein. Wenn du nicht suchst, bist du in deinem eigenen Wesen. In eben diesem Moment bist du ein Mensch des Tao.

Jeder ist ein Mensch des Tao – die guten und die schlechten auch. Die schlechten haben sich auf schlechten Wegen auf die Suche begeben und die guten haben sich auf guten Wegen auf die Suche begeben. Die schlechten sind Kriminelle geworden, unmoralisch, und die guten sind moralisch geworden, heilig – aber beide sind sie auf der Suche. Beide sind sie immer unterwegs. Da ist ein Ziel in ihrem Leben. Und sie rennen weg von sich selbst.

Jeder wird als Mensch des Tao geboren. Wenn du müde wirst und frustriert von deinem Suchen, dann gibst du alles Suchen auf, ob du jetzt gut oder schlecht sein willst. Dann schließt du einfach deine Augen und es ist da, das Tao ist da. Es ist immer da gewesen, es ist deine Natur.

Niemand wird geboren, der nicht im Tao ist. Nichts sonst geschieht jemals in dieser Existenz außer Tao – denn alles entsteht aus Tao. Wie kannst du kein Mensch des Tao sein? Du bist ein Mensch des Tao. Diese Größe wird keine reale Größe sein – tief innen weißt du, dass du nicht groß bist, tief innen weißt du, dass du es aufgebaut hast, tief innen weißt du, dass es bloß an der Oberfläche ist, eine Maske. Du gibst vor, ein Alexander der Große zu sein, ein Christus, ein Buddha, du täuschst dies und das vor.

Du kannst so tun als ob, du kannst die ganze Welt betrügen, aber wie kannst du dir selbst etwas vormachen? Du wirst immer wissen, wer du bist. Du magst so tun, als ob du tapfer wärst, aber tief innen bist du ein Feigling. Du hast deine Feigheit versteckt, indem du sie mit Tapferkeit übermalt hast. Du magst lächeln, aber dahinter versteckt sind die Tränen. Wie kannst du dich selbst betrügen?

Also denke daran, niemand ist jemals durch Suchen nach Hause gekommen. Suchen bedeutet, in die Irre zu gehen. Nur Nicht-Sucher kommen nach Hause. Aber um ein Nicht-Sucher zu werden, muss man zuerst ein Sucher werden. Suchen ist ein Teil, ein Mittel, um das Nicht-Suchen zu erreichen.

05.03.2007 um 01:31 Uhr

Quellender Urgrund 1/4 (2)

von: tao

Diese taoistischen Parabeln sind an sich schon schön, aber das ist nicht ihr Zweck… sie gehen darüber hinaus, sie sind transzendental. Wenn du das Gleichnis sezierst, wirst du nicht sehr viel davon haben, was das Verstehen betrifft.

Das ist wie der Nabel im Körper des Menschen. Wenn du zum Chirurgen gehst und ihn fragst, was der Zweck des Nabels im Körper ist, und wenn er den Körper seziert, wird er keinen Sinn und Zweck finden – der Nabel scheint fast nutzlos zu sein. Was ist der Zweck des Nabels? Er war zweckvoll, als das Kind im Bauch der Mutter war: Sein Zweck war, dass er das Kind mit der Mutter verband, er stellte die Beziehung zwischen dem Kind und der Mutter her. Aber nun ist das Kind nicht mehr im Bauch – die Mutter ist vielleicht schon gestorben, das Kind ist alt geworden – was ist nun der Zweck des Nabels? Er hat einen transzendentalen Zweck; der Zweck liegt nicht im Nabel selbst. Du wirst dich schon überall umschauen müssen, überall um dich herum, um den Hinweis zu finden – wo er hindeutet. Er zeigt an, dass der Mensch einmal ein Kind war, dass das Kind einmal im Bauch der Mutter war, dass das Kind mit der Mutter verbunden war. Er ist bloß ein Zeichen, das die Vergangenheit hinterlassen hat.

So wie der Nabel etwas über die Vergangenheit anzeigt, so zeigt eine Parabel etwas über die Zukunft. Sie zeigt, dass es eine Wachstumsmöglichkeit gibt, eine Möglichkeit, mit der Existenz verbunden zu sein. Eben jetzt ist das nur eine Möglichkeit, es ist nicht aktuell. Wenn du das Gleichnis bloß analysierst, wird es eine gewöhnliche Geschichte. Wenn du es nicht zerlegst, sondern bloß seinen Sinn trinkst, seine Poesie, seine Musik – dann vergiß die Geschichte und trage bloß seine Signifikanz mit dir herum – du wirst bald sehen, dass es auf eine Zukunft hindeutet, auf etwas, was sein kann, aber noch nicht ist. Es ist transzendental.

Im Westen gibt es, abgesehen von Jesu Gleichnissen, nichts wie Liä Dsi, Dschuang Dsi, Buddha … nichts existiert, was den Parabeln dieser Leute gleichkommt – nur Jesus. Und sogar die Gleichnisse von Jesus scheinen so zu sein, dass er sie aus dem Osten mit herübergebracht hat. Es gibt die Fabeln des Äsop, aber auch die sind ein Abklatsch von dem größten Fabelbuch des Ostens, dem Panchatantra. Die Parabel ist eine östliche Erfindung, und von immenser Bedeutung.

Also muss als erstes über Liä Dsi verstanden werden: Er ist kein Theoretiker, er wird dir keine Theorie geben; er wird dir einfach Gleichnisse geben.

Eine Theorie kann auseinandergenommen werden – ihr Sinn liegt in ihr, sie hat keine Transzendenz, die Bedeutung ist immanent. Eine Parabel kann nicht zerlegt werden; analysiere sie, und sie wird sterben. Der Sinn ist transzendental – er liegt nicht in ihr, er ist irgendwo anders – das muss er sein. Du musst ein Gleichnis leben, dann wirst du zu ihrer Bedeutung kommen.

04.03.2007 um 03:34 Uhr

Südliches Blütenland 20/2 (2)

von: tao

Es geschah einmal, vor langer Zeit, in irgendeinem unbekannten Land, dass ein Prinz plötzlich verrückt wurde. Der König war verzweifelt – der Prinz war der einzige Sohn, der einzige Erbe für das Königreich. Alle Magier wurden gerufen, die Wundermänner, die Medizinmänner wurden her beordert, jede Anstrengung wurde unternommen, aber umsonst. Niemand konnte dem jungen Prinzen helfen, er blieb wahnsinnig. An dem Tag, an dem er durchdrehte, riss er sich die Kleider vom Leib, wurde nackt und begann, unter einem großen Tisch zu leben. Er dachte, dass er ein Hahn geworden sei. Schließlich musste der König die Tatsache akzeptieren, dass der Prinz nicht zurückgebracht werden konnte. Er war permanent geisteskrank geworden; all die Experten hatten versagt. Aber eines Tages flackerte wieder Hoffnung auf. Ein Weiser – ein Sufi, ein Mystiker – klopfte an das Tor des Palastes und sagte: Gebt mir eine Gelegenheit, den Prinzen zu heilen. Aber der König war argwöhnisch, denn dieser Mann sah selbst durchgeknallt aus, ausgeflippter als der Prinz. Aber der Mystiker sagte: Nur ich kann ihn kurieren. Um einen Verrückten zu heilen ist ein größerer Verrückter nötig. Und deine Autoritäten, deine wundertätigen Männer, deine medizinischen Experten, alle haben sie versagt, weil sie nichts vom ABC des Wahnsinns wissen. Sie sind niemals den Pfad gegangen. Das schien logisch, und der König dachte: Schaden kann es doch nicht, warum soll man es nicht versuchen? Also wurde ihm die Gelegenheit gegeben. In dem Moment, als der König sagte: „In Ordnung, versuche es“, warf der Mystiker seine Kleider von sich, sprang unter den Tisch und krähte wie ein Hahn. Der Prinz schöpfte Verdacht und sagte: Wer bist du? Und was denkst du eigentlich, was du da tust? Der alte Mann sagte: Ich bin ein Hahn, erfahrener als du. Du bist nichts, du bist bloß ein Neuling, ein Lehrling höchstens. Der Prinz sagte: Dann ist es in Ordnung, wenn du auch ein Hahn bist, aber du siehst aus wie ein menschliches Wesen. Der alte Mann sagte: Urteile nicht nach dem Augenschein, schau auf meinen Geist, auf meine Seele. Ich bin ein Hahn wie du. Sie wurden Freunde. Sie versprachen einander, dass sie immer zusammen leben würden und dass diese ganze Welt gegen sie war. Ein paar Tage gingen vorbei. Eines Tages begann der alte Mann plötzlich, sich anzukleiden. Er zog sich sein Hemd an. Der Prinz sagte: Was tust du da, bist du verrückt geworden, ein Hahn, der versucht, menschliche Kleidung anzulegen? Der alte Mann sagte: Ich versuche doch bloß, diese Narren zu täuschen, diese menschlichen Wesen hinters Licht zu führen. Und bedenke, dass sich nichts geändert, sogar wenn ich angezogen bin. Mein Hahn-Sein bleibt, niemand kann es ändern. Denkst du, ich bin verändert, bloß weil ich wie ein menschliches Wesen angezogen bin? Der Prinz musste dem zustimmen. Nach ein paar Tagen überredete der alte Mann den Prinzen, sich anzuziehen, denn der Winter war im Anzug und es begann, kalt zu werden. Dann eines Tages bestellte er plötzlich Essen vom Palast. Der Prinz wurde hellwach und sagte: Du Schuft, was tust du da? Wirst du essen wie diese menschlichen Wesen, speisen wie sie? Wir sind Hähne, und wir müssen wie Hähne essen. Der alte Mann sagte: Nichts macht irgendeinen Unterschied aus, soweit wie es diesen Hahn betrifft. Du kannst alles essen und du kannst alles genießen. Du kannst leben wie ein menschliches Wesen und doch deinem Hahn-Sein treu bleiben. Nach und nach überredete der alte Mann den Prinzen, zurück zur Welt der Menschheit zu kommen. Er wurde absolut normal.

Dasselbe gilt für den Taoismus. Die Menschen des Tao können dir helfen, weil sie keine Experten sind, weil sie keine Außenseiter sind. Sie sind den gleichen Pfad wie du gegangen, die gleiche Geisteskrankheit, den gleichen Wahnsinn haben sie durchgemacht. Sie haben das gleiche durchlebt – die gleiche Misere, die Beklemmung, die gleichen Albträume. Und was auch immer sie tun ist nichts als dich zu überreden – dich davon zu überzeugen, aus deinem Wahnsinn herauszukommen. Sich für einen Hahn zu halten, ist verrückt; sich für einen Körper zu halten ist auch verrückt, sogar verrückter. Sich für einen Hahn zu halten ist Wahnsinn; sich selbst für ein menschliches Wesen zu halten ist ein größerer Wahnsinn, denn du gehörst zu keinerlei Form. Ob es die Form eines Hahns ist oder die eines menschlichen Wesens, ist irrelevant – du gehörst zur Formlosigkeit, du gehörst zur Totalität, zur Ganzheit.

03.03.2007 um 02:41 Uhr

Südliches Blütenland 17/1 (4)

von: tao

Du kannst eine Theorie über eine Rose haben, darüber, was eine Rose ist.

Du kannst sogar eine Fotografie einer Rose haben,

aber diese Fotografie ist bloß eine Fotografie,

sie beinhaltet nichts von dem lebenden Phänomen, das eine Rose ist.

Schau dir ein Kind an – es ist immer noch ohne ein Denken.

Es öffnet seine Augen und schaut bloß in die Welt.

Bring ihm eine Rose. Es kennt ihren Namen nicht,

es kann sie nicht einordnen, es kann sie nicht kategorisieren,

es kann nicht sagen, was es ist.

Trotzdem ist die Rose da – die Farben überfluten das Kind,

die Schönheit der Rose umringt es,

der Duft gelangt bis tief in sein Herz.

Es weiß nicht, was es ist

aber es geht durch einen lebendigen Moment.

Du sagst dem Kind: „Dies ist eine Rose“,

und die Erfahrung wird niemals wieder die gleiche sein,

niemals wieder wird das Kind erleben können

was das Mysterium der Rose war.

Nun, immer wenn eine Rose vor ihm steht, wird es sagen:

Das ist eine Rose.

Nun wird es das Wort mit sich herumtragen.

Du hast es arm gemacht – es war sehr reich.

Die ganze Rose war da, und es konnte sie nur leben;

es gab keinen anderen Weg, sie zu beschreiben, sie zu definieren.

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.

Du kannst nicht sagen, was sie ist, dieses oder jenes.

Das Kind war still, das Denken funktionierte noch nicht,

das Denken war nicht da, da war keine Barriere.

Das Herz der Rose schmolz im Herzen des Kindes,

das Herz des Kindes schmolz im Herzen der Rose.

Das Kind konnte nicht einmal sagen

wo es endete und wo die Rose anfing,

wo die Rose endete und wo es begann –

da waren keine Grenzen.

Sie wurden eins in diesem Moment des Erstaunens.

Einen einzigen Moment lang waren sie nicht zwei – Einssein geschah.

Aber du hast ihm gesagt: Das ist eine Rose.

Nun wird die Erfahrung niemals wieder da sein.

In dem Moment, in dem die Rose da ist, wird das Denken sofort sagen:

Das ist eine Rose.

Das Mysterium ist verloren, nun ist da eine Antwort,

nun weiß es das Kind. Was für eine Absurdität!

Nun wirst du sagen, das Kind wächst, was sein Wissen betrifft.

Aber genau das Gegenteil ist der Fall.

02.03.2007 um 03:39 Uhr

Tao Te King 9 (9)

von: tao

Wenn du von einem Seiltänzer Konsistenz verlangst, wird er vom Seil fallen und sterben.

Wenn du sagst: „Sei konsequent. Bleibe bei einer Situation, halte dich an eine Position.

Wenn du rechts bist, dann bleibe rechts;

wenn du linkst bist, dann bleibe links;

oder wenn du die Mitte als deine Position gewählt hast,

dann bleibe in der Mitte.

Aber was tust du? Du bewegst dich ständig hin und her“, dann

wirst du ihn töten, denn jede statische Position ist tödlich.

Statisch zu sein heißt zu sterben, und zwar nutzlos zu sterben;

statisch sein bedeutet das Leben zu verfehlen.

Nein, ein Seiltänzer kann nicht in der Mitte bleiben.

Um in der Mitte zu bleiben, kann er nicht in der Mitte bleiben –

um die Mitte zu halten, muss er sich ständig bewegen und ausbalancieren.

In jedem Moment verändert sich das Leben, wie kannst du da fixiert bleiben?

In jedem Moment ändert sich alles ständig. Nichts ist statisch.

Heraklit sagt: Du kannst in denselben Fluss nicht zweimal steigen.

In der Zeit, in der du zweimal in den Fluss gestiegen bist,

hat sich der Fluss schon verändert.

Und nicht nur der Fluss hat sich verändert, du hast dich verändert.

Wie kannst du zweimal in den Fluss steigen?

Weder bleibt der Fluss derselbe noch du.

Nichts bleibt dasselbe. Dasselbe sein ist Illusion. Dahinfließen ist Realität.

In solch einer veränderlichen Welt,

in solch einer lebendigen Welt, vibrierend mit Leben,

wenn du dich da an eine Position klammerst, bist du tot, du suchst den Selbstmord.

Das ist der Grund, warum all diejenigen, die etwas erreicht und eine Schlussfolgerung gezogen haben, tot sind. Wenn du den Schluss gezogen hast, dass du ein Christ bist, bist du tot.

Wenn du die Schlussfolgerung gezogen hast, dass du ein Moslem bist, bist du tot.

Denn manchmal hat es ein Christ nötig, sich dem Islam anzunähern, um ein Gleichgewicht zu gewinnen, und manchmal hat ein Moslem es nötig, ein Christ zu sein, um die Balance zu halten.

Gleichgewicht ist Leben.

Sonstige

01.03.2007 um 01:43 Uhr

Südliches Blütenland 24/8 (6)

von: tao

Du hältst dich vielleicht selbst weiterhin für einen schönen Menschen

aber niemand denkt in gleicher Weise über dich

denn jeder ist mit seiner eigenen Schönheit beschäftigt,

nicht mit deiner. Und wenn jeder dir zustimmt und sagt:

„Ja, du bist schön“,

dann warten er oder sie nur darauf, dass du

seine oder ihre Schönheit ebenfalls bestätigst.

Das ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Du erfüllst mein Ego, ich erfülle deines.

Ich weiß sehr wohl, dass du nicht schön bist,

du weißt sehr gut, dass ich nicht schön bin,

aber ich erfülle dein Ego, also erfüllst du meines.

Und jeder scheint solch ein Bedürfnis zu haben, sich einzigartig zu fühlen.

Das bedeutet, du bist noch nicht auf dein eigenes Wesen gestoßen

das einzigartig ist, ohne das dies irgendeines Beweises bedürfte.

Beweise sind nur für Lügen nötig – bedenke dies.

Das ist der Grund, warum du Tao nicht beweisen kannst –

denn Tao ist die ultimative Wahrheit.

Beweise sind nur für Lügen nötig, die Wahrheit bedarf keines Beweises;

sie ist – sie ist einfach.

Und der Taoismus sagt dir, dass du einzigartig und außergewöhnlich bist.

Versuche es nicht, so zu sein, das ist lächerlich,

du wirst einfach zu einer Witzfigur

und jeder lächelt, wenn du ihm den Rücken zukehrst.

Wenn du nicht von deiner Einzigartigkeit überzeugt bist,

wer wird dann davon überzeugt sein?

Diese Überzeugung ist jenseits eines Beweises.

Und wie kommt es dazu? Sie kommt durch Selbsterkenntnis.

Es gibt also zwei Wege.

Wissen – direkt, sich selbst direkt kennenlernen, unmittelbar –

dies ist der richtige Weg. Und der falsche Weg

ist, sich selbst durch andere kennenzulernen, durch das, was sie sagen.

Fröhlich