Taoistische Reflektionen

10.04.2007 um 02:12 Uhr

Südliches Blütenland 2/4 (16)

von: tao

Bei dieser Geschichte von den Drei am Morgen blieb das Endergebnis dasselbe,

aber Affen können nicht auf das Ganze sehen.

Es war am Morgen, also konnten sie nur den Morgen sehen.

Jeden Morgen war es die Routine

vier Portionen zu bekommen und sie erwarteten vier Portionen,

und nun sagt dieser Mann:

Drei Maß am Morgen.

Er reduziert das Futter auf drei Portionen. Das kann nicht toleriert werden.

Sie wurden wütend. Sie revoltierten.

Aber dieser Affentrainer muss ein weiser Mensch gewesen sein.

Wenn du dies nicht bist, ist es schwierig, ein Affentrainer zu sein.

Der Affenwärter sagte:

In Ordnung, dann regt euch nicht auf. Ich werde dem alten Muster folgen.

Ihr werdet vier Maßeinheiten am Morgen bekommen

und drei am Abend.

Die Affen waren glücklich.

Arme Affen.

Sie können glücklich oder unglücklich sein, ohne irgendeinen Grund für das eine oder das andere. Aber dieser Mann hatte eine größere Perspektive.

Er konnte es sehen, er konnte vier und drei zusammenzählen.

Es war immer noch dasselbe – sieben Portionen sollten ihnen gegeben werden.

Wie sie die bekamen und in welcher Zusammenstellung, spielte keine Rolle.

Die beiden Arrangements waren die gleichen,

die Anzahl der Kastanien änderte sich nicht,

aber im einen Fall waren die Affen unzufrieden

und im anderen Fall waren sie zufrieden gestellt.

So arbeitet dein Denken.

Du veränderst bloß laufend das Arrangement.

Mit der einen Zusammenstellung fühlst du dich zufrieden,

mit der anderen fühlst du dich unzufrieden.

Und das Endergebnis bleibt dasselbe, aber du schaust niemals auf das Ganze.

Das Denken kann die Totalität nicht sehen.

Nur Meditation kann das Resultat sehen.

Das Denken schaut auf die Fragmente,

es ist kurzsichtig, sehr kurzsichtig.

Das ist der Grund, warum du, immer wenn du Vergnügen empfindest,

dich sofort hineinstürzt, du schaust niemals auf den Abend.

Immer wenn da Vergnügen ist, ist Schmerz darin verborgen.

Das ist deine Erfahrung gewesen –

aber du bist dir dessen nicht bewusst gewesen.

Der Schmerz wird am Abend kommen

aber das Vergnügen ist hier am Morgen.

Du schaust niemals in das, was verborgen ist,

auf das, was unsichtbar ist, auf das, was latent ist.

Du schaust bloß auf die Oberfläche und du drehst durch.

09.04.2007 um 23:59 Uhr

Tao Te King 45 (8)

von: tao

Was auch immer du siehst, wird ein Missverständnis sein.

Was auch immer du verstehst, kann niemals ein Verstehen sein

bevor nicht deine Augen komplett klar sind, frei von allem Rauch, aller Ideologie,

allen fixen Ideen, Bildern, Theorien und Konzepten.

Es sei denn, du kommst zu einem freien Menschen mit einem spontanen Wesen

- achtsam natürlich, aber ohne Ideen, ohne Denken -

nur dann kannst du urteilen.

Es geschah, als Junaid durch einen Wald hindurchging,

dass er einen Mann nahe eines Sees sah.

Sein ganzes Erscheinungsbild war das eines Betrunkenen

und da war auch eine Frau bei dem Mann.

Natürlich begann sofort das Denken mit seiner Arbeit.

Warum war dieser Mann hier mit einer Frau?

Und dann goss er etwas aus einem surahi, einer Karaffe –

muss wohl Wein sein.

Frau und Wein zusammen und die Abgeschiedenheit eines Waldes?

Interpretation. Die Dinge wurden klar.

Er dachte, er hätte verstanden.

Dann gab es einen Sturm

und ein kleines Boot, das sich dieser Seite näherte, sank.

Junaid war nicht mutig genug, sich in das stürmische Wasser zu stürzen

aber der Trunkenbold sprang hinein, um die Menschen zu retten.

Er rettete sechs von den sieben Menschen und war dann völlig erschöpft.

Er sagte zu Junaid: Du bist ein großer Heiliger.

Warum stehst du hier herum?

Warum kannst du nicht etwas tun?

Nun fehlt nur noch ein Mensch, rette du ihn –

ansonsten bedenke, dass sein Blut über dich kommen wird.

Ich habe getan, was auch immer ich konnte.

Plötzlich wurde Junaid bewusst, dass er gedacht hatte

dass dieser Mann ein Trunkenbold war, ein Frauenheld, ein verdorbener Mensch, ein Sünder,

aber er hatte etwas getan, was heiligmäßiger war

als er es sich je vorgestellt hätte, und er konnte nicht genug Mut zusammenbringen.

Es war gefährlich, es war riskant;

er konnte nicht einmal genug Mut aufbringen, dem siebten Menschen zu helfen.

Der Betrunkene sprang wieder hinein

und brachte auch den siebten Menschen aus dem See heraus.

Dann begann er zu lachen und Junaid sagte:

Warum lachst du denn?

Er sagte: Komm nur näher her zu mir.

Er zog den Schleier weg von dem Gesicht der Frau –

sie war eine sehr, sehr alte Frau.

Junaid erfuhr nun, dass sie die Mutter dieses Mannes war

und in der Karaffe, in der surahi,

war nichts als reines Wasser.

Alles, was du tun kannst, ist, von außen her etwas zu beurteilen –

sofort beginnt dein Denken an zu spinnen.

08.04.2007 um 19:30 Uhr

Tao Te King 6 (3)

von: tao

Nagarjuna, ein grosser Antiphilosoph, ist immer noch ein Philosoph

denn er redet und er argumentiert

und er diskutiert in der gleichen Weise wie irgendein Philosoph.

Er diskutiert gegen Philosophie, er argumentiert gegen Philosophie,

aber das Argument ist das gleiche.

Und Logik ist eine Hure.

Lao-tse, Dschuang Dsi und Liae Dsi -

sie sind die drei Pfeiler der Welt des Taoismus.

Lao-tse redet laufend in Epigrammen und Maximen,

er arbeitet sie nicht einmal aus.

Aber Liae Dsi und Dschuang Dsi, da sie Schueler von Lao-tse sind,

kännen nicht argumentieren, also erzaehlen sie in einem fort Parabeln, Geschichten und Analogien. Dieses muss staendig mitbedacht werden:

Tao kann nicht erklaert werden, nur Analogien kännen gegeben werden - Hinweise.

Tao kann nicht diskutiert werden, es kann nur gezeigt werden,

also ist ein sehr einfuehlsames Herz nätig.

Es ist ueberhaupt keine Frage des Denkens.

Die Logik kann dafuer sein, sie kann dagegen sein. Sie gehärt niemandem.

Logik kann also fuer Philosophie sein

und Logik kann gegen Philosophie sein.

Lao-tse ist kein Antiphilosoph,

denn er ist ueberhaupt kein logischer Mensch.

Buddha ist antiphilosophisch: Er argumentiert dagegen.

Nagarjuna ist antiphilosophisch: Er argumentiert gegen sie.

Aber nicht Lao-tse. Er argumentiert ueberhaupt nicht, er stellt einfach fest.

Er ist nicht darauf aus, dich zu ueberzeugen - nein, nicht Lao-tse.

Jeder andere scheint auf irgendeine Weise zu versuchen, dich zu ueberzeugen

aber nicht Lao-tse. Er stellt einfach fest

und kuemmert sich nicht darum, ob du ueberzeugt bist oder nicht.

Aber seine Verfuehrung ist grossartig. Er verfuehrt. Er ueberredet.

Indem er nicht versucht, zu ueberzeugen, ueberzeugt er dich tief in deinem Herzen

und du kannst ihn nicht widerlegen, weil er kein Argument liefert.

Das ist die Schänheit und das ist seine Macht.

Er stellt einfach eine Tatsache fest: Er sucht nicht nach Bekehrten,

er ist nicht bereit, dich zu einem Nachfolger zu machen.

Nein. Sogar wenn du bereit dazu bist, wird er dich nicht akzeptieren.

Aber er verfuehrt.

Seine Verfuehrung ist sehr subtil und indirekt.

Seine Verfuehrung ist nicht aggressiv. Seine Verfuehrung ist feminin.

07.04.2007 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 18/12 (5)

von: tao

Ich liebe dieses Gedicht von Dschuang Dsi:

„Leicht ist richtig. Beginne richtig und du hast es leicht.

Mach mühelos weiter und du bist richtig.

Der rechte Weg, leichthin zu gehen, ist, den richtigen Weg zu vergessen

und zu vergessen, dass das Gehen leicht geht.“

Dschuang Dsi ist ganz besonders – in gewisser Weise der einzigartigste Mystiker in der ganzen Menschheitsgeschichte. Seine Einzigartigkeit ist, dass er in Absurditäten redet. All seine Gedichte und Geschichten sind einfach absurd. Und sein Grund, warum er Absurdität als seine Ausdrucksweise wählt, ist sehr signifikant: Das Denken muss zum Schweigen gebracht werden. Bei irgendetwas Rationalem kann es nicht zu denken aufhören; es geht immer weiter. Irgendetwas Logisches und das Denken findet dadurch Nahrung. Es ist nur das Absurde, das das Denken plötzlich schockiert – es ist außerhalb der Reichweite des Denkens.

Seine Geschichten, seine Gedichte und seine anderen Äußerungen sind so absurd, dass ihn die Leute entweder verließen, in der Meinung, dass er verrückt sei…diejenigen aber, die mutig genug waren, bei ihm zu bleiben, stellten fest, dass keine andere Meditation nötig war. Bloß durch das Hören auf seine absurden Äußerungen stellt das Denken sein Funktionieren ein. Und das ist der Sinn von Meditation.

Meditation gehört nicht zum Denken.

Die meisten westlichen Übersetzungen von Abhandlungen aus dem Osten über Meditation sind auf die gleichen Abwege geraten. Sie haben das Wort Meditation benutzt, als wenn es Konzentration sei. Und tatsächlich scheint im Deutschen das Wort Meditation ein Synonym, also gleichbedeutend, mit Konzentration zu sein.

Das Deutsche hat drei Worte – Konzentration, Kontemplation und Meditation. Keines dieser Worte kommt dem östlichen Wort dhyana auch nur nahe, das in China zu ch´an und in Japan zu Zen wurde. Die Wurzel ist das Sanskritwort dhyana, und es wird sehr gut sein, den Unterschied zu verstehen. In der Konzentration ist dein Denken fokussiert, verengt auf nur ein Objekt.

Eine berühmte Geschichte über einen der großen Meister im Bogenschießen wird von Arjuna erzählt. Er sagt, dass sein Lehrer, Dronacharya, die Schlußprüfung seiner Schüler durchführte. Er hatte einen toten Vogel weit weg auf einem Baum als ein Ziel angebracht.

Er fragte einen seiner Schüler, Duryodhana: „Was siehst du?“ Duryodhana sagte: „Alles! Die Bäume, die Sonne, wie sie hinter ihnen aufgeht, den Vogel, den du als ein Ziel aufgestellt hast. Ich sehe alles.“

Dronacharya fragte einen anderen Schüler; der sagte: „Ich sehe nur den Vogel.“ Er ist konzentrierter. Duryodhana hat sein Bewusstsein über den ganzen Platz ausgebreitet. Der zweite Schüler sagt, er sehe nur den Vogel. Aber der Meister ist nicht zufrieden gestellt.

Er fragt Arjuna: „Was siehst du?“ Arjuna sagt: „Nur das Auge des Vogels, von dem du gesagt hast, es werde das Ziel sein. Ich sehe nichts sonst.“ Seine Konzentration ist sogar noch enger geworden. Und für einen Bogenschützen ist diese Art von Konzentration notwendig. Aber Meditation ist kein Bogenschießen.

Kontemplation heißt, auf kein einzelnes Objekt konzentriert zu sein, aber über dasselbe Objekt von jedem möglichen Aspekt her nachzudenken. Wenn zum Beispiel jemand über Liebe kontempliert – was bedeutet das? Er bleibt begrenzt auf einen bestimmten Gedankengang, nicht auf ein bestimmtes Objekt, aber auf ein bestimmtes Subjekt.

Und „Meditation“, in all den Sprachen der Welt, außer der indischen, chinesischen und japanischen, vermittelt auch dieses Gefühl…

06.04.2007 um 01:27 Uhr

Quellender Urgrund 1/4 (3)

von: tao

Diese Parabeln sind also ungeheuer künstlerisch, aber sie nicht bloß Kunst: Großartige Religion ist in ihnen enthalten. Sie müssen zu deinem Herz werden, zu deinem Atmen; sie müssen dein innerer Rhythmus werden, wenn du sie wirklich verstehen willst.

Liä Dsi ist auch kein Theologe; er redet nicht über Gott. Er redet Gott, aber er redet nicht über Gott. Was er auch immer sagt, kommt von der Quelle, aber er redet nicht über die Quelle – das sollte ganz klar sein. Es gibt zwei Arten von Leuten: Die eine, die über Gott redet, das ist der Theologe; die andere, die Gott redet, das ist der Mystiker. Liä Dsi ist ein Mystiker. Der Mensch, der über Gott redet, hat Gott nicht kennen gelernt, warum sonst sollte er „darüber reden“? Das „darüber“ zeigt seine Ignoranz. Wenn ein Mensch Gott redet, hat er ihn erfahren. Dann ist Gott keine Theorie, die bewiesen oder widerlegt werden muss – nein; dann ist Gott sein eigentliches Leben, das gelebt werden muss.

Um einen Menschen wie Liä Dsi zu verstehen, wirst du ein authentisches Leben leben müssen. Nur dann, durch deine eigene Erfahrung, wirst du fühlen können, was er mit seinen Gleichnissen meint. Es ist nicht so, dass du die Theorien lernen kannst und informiert werden wirst; die Information wird nichts helfen. Bevor du es nicht erkennst, wird nichts helfen. Wenn also diese Parabeln einen Durst nach Wissen in dir erzeugen, ein großes Verlangen nach Erkennen, einen großen Hunger nach Kennenlernen, wenn diese Gleichnisses dich auf eine unbekannte Reise führen, auf eine Pilgerschaft – dann, nur dann, nur durch das Betreten des Pfades, wird du mit dem Weg vertraut werden. Liä Dsi, Dschuang Dsi und Lao-tse, die drei taoistischen Meister, reden nur über den Weg – „Tao“ bedeutet der Weg – sie reden überhaupt nicht über das Ziel. Sie sagen: Das Ziel wird sich um sich selbst kümmern; du braucht dir um das Ziel keine Sorgen zu machen. Wenn du den Weg kennst, kennst du das Ziel, denn das Ziel ist nicht am letzten Ende des Wegs, das Ziel ist überall auf dem ganzen Weg – in jedem Moment und bei jedem Schritt ist es da. Es ist nicht so, dass du, wenn der Weg endet, am Ziel ankommst; in jedem Moment, wo immer du bist, bist du am Ziel, wenn du auf dem Weg bist. Auf dem Weg zu sein heißt, am Ziel zu sein. Daher reden sie nicht über das Ziel, sie reden nicht über Gott, sie reden nicht über Moksha, Nirwana, Erleuchtung – nein, überhaupt nicht. Sehr einfach ist ihre Botschaft: Du musst den Weg finden. Die Dinge werden ein wenig komplizierter, weil sie sagen: Der Weg hat keine Landkarte, der Weg ist nicht kartographiert, der Weg ist nicht so beschaffen, dass du jemandem folgen kannst und ihn findest. Der Weg ist nicht wie eine Super-Autobahn: Der Weg ist mehr wie ein Vogel, der am Himmel fliegt – er hinterlässt keine Spuren. Der Vogel ist geflogen, aber keine Spuren bleiben zurück; niemand kann ihnen folgen. Also ist der Weg ein wegloser Weg. Es ist ein Weg, aber es ist ein wegloser Weg. Er ist nicht vorgefertigt, erhältlich; du kannst nicht bloß die Entscheidung treffen, auf ihm zu gehen, du wirst ihn schon finden müssen. Und du wirst ihn auf deine eigene Weise finden müssen; der Weg von niemandem sonst wird für dich funktionieren. Buddha ist gegangen, Lao-tse ist gegangen, Jesus ist gegangen, aber diese Wege werden dir nicht helfen, denn du bist nicht Jesus, und du bist nicht Lao-tse, und du bist nicht Liä Dsi. Du bist du, ein einzigartiges Individuum. Nur indem du gehst, nur indem du dein Leben lebst, wirst du den Weg finden. Dies ist etwas von großem Wert. Das ist der Grund, warum der Taoismus keine organisierte Religion ist – er kann es nicht sein. Er ist eine organische Religion, aber keine organisierte Religion. Du kannst ein Taoist sein, wenn du einfach dein Leben authentisch und spontan lebst; wenn du den Mut hast, alleine in das Unbekannte zu gehen, individuell, ohne dich an jemanden anzulehnen, ohne jemandem zu folgen, indem du einfach in die dunkle Nacht gehst, ohne zu wissen, ob du irgendwo ankommen wirst oder ob du verloren sein wirst. Wenn du den Mut hast, dieses Risiko besteht – es ist riskant und abenteuerlich.

05.04.2007 um 00:47 Uhr

Quellender Urgrund 4/8 (3)

von: tao

Der Mensch hat sich nicht sehr geändert. Charles Darwin sagt, dass sich der Mensch nur an der Oberfläche weiterentwickelt hat – tief innen ist der Mensch so ruhelos wie andere Affen. Der Mensch hat sich  nicht viel weiterentwickelt. Der wirkliche Mensch wird nur geboren, wenn dein innerer Affe komplett verschwindet, ganz und gar deaktiviert wird.

Solch großartige Mysterien werden dir dann enthüllt, dass du es nicht fassen kannst. Solch ein ungeheuer weiter Himmel beginnt sich in dir zu entfalten, dass du es nicht glauben kannst. Es ist unglaublich. Du beginnst zu expandieren. Dann ist das ganze Universum etwas in dir. Dann bist du nicht innerhalb des Universums, sondern das Universum ist in dir. Dann kreisen Sterne, Monde und Sonnen innerhalb deines Herzens.

Aber wenn dies ohne einen Meister geschieht, wirst du verrückt werden. Es ist das Denken, das dich zusammenhält. Was auch immer du bist – sogar wenn du ein Affe bist – es ist das Denken, das dich zusammenhält. Das Denken ist deine Krankheit und auch deine Normalität. Wegen des Denkens bist du an die Erde gebunden. Ohne das Denken würdest du an nichts mehr gebunden sein. Du würdest so losgelöst und so frei sein, du könntest dich auflösen. Wer würde dich noch halten? Was würde dann noch deine Definition sein? Ist das Denken weg, geht das Ego auch. Das Ego ist das Zentrum des Denkens, das eigentliche Herz des Affen. Ist das Denken weg, ist auch die Gier gegangen. Ist das Denken weg, ist auch Ehrgeiz Vergangenheit. Ist das Denken weg, gibt es auch keinen Wettbewerb mehr. Ist das Denken weg, sind Zukunft und Vergangenheit weg. Ist das Denken weg, sind Islam, Christentum und Hinduismus weg. Ist das Denken weg, sind indisch, deutsch und chinesisch weg – die Nationalitäten sind weg. Ist das Denken weg, bist du nicht mehr der Körper. Deine eigene Mutter ist nicht mehr deine Mutter, dein eigener Vater ist nicht mehr dein Vater, dein eigener Sohn ist nicht länger mehr dein Sohn. Jede Beziehung verschwindet, weil die Beziehung im Denken existiert.

Denk bloß an einen Moment, wo das Denken plötzlich weg ist – wo wirst du dann sein? Was wirst du dann sein? Du wirst jede Identität verlieren. Du wirst einfach schmelzen und verschwinden, verdunsten und verdampfen. Das wird zum Verrücktwerden sein…daher ist der Weg ohne den Meister sehr riskant. Und wenn der Schimmer des Jenseits dich zum ersten Mal überkommt, wird dich das erschüttern und du wirst nicht fähig sein, das Positive daran zu sehen – du wirst bloß das Negative daran sehen. Du wirst nur sehen, was es dir weggenommen hat, du wirst nicht sehen können, was es dir gibt. Natürlich bist du mit deiner Vergangenheit vertraut und die Vergangenheit entschwindet, ganz schnell. Du wirst einfach dich selbst sehen, wie du verschwindest.

Und für das Neue, das geboren wird, hast du noch keine Sprache; für das Neue, das geboren wird, hast du noch keinerlei Konzept. Das Neue, das gerade geboren wird, ist unsichtbar, kann nicht berührt werden, kann nicht gehört werden, kann nicht gerochen werden, kann nicht geschmeckt werden. Es ist jenseits der Sinne. Du hast niemals zuvor das Neue kennen gelernt, das sich ereignet, wie wirst du es also erkennen? Das Neue wird nicht erkannt werden und das Alte ist schon am Verschwinden, also wirst du das Gefühl haben, dass du verrückt wirst, auseinanderfällst und stirbst. Tod wird deine Erfahrung sein oder Wahnsinn wird deine Erfahrung sein. Du wirst denken, dass dies ein Fluch ist, der dir geschehen ist. Der Segen wird wie ein Fluch erscheinen, weil du ihn noch nicht als einen Segen sehen kannst, deine Augen sind nicht dafür trainiert. Du kannst nur den Fluch sehen, du kannst nur den negativen Teil dabei sehen. Dies ist das, was christliche Mystiker „die dunkle Nacht der Seele“ nennen – das Licht ist so blendend, es sieht fast wie Dunkelheit aus.

04.04.2007 um 14:03 Uhr

Tao 256

von: tao

Glauben hat Angst vor dem Zweifel – er fürchtet ihn, weil er ihn unterdrückt hat. Und was auch immer du unterdrückst, die Angst davor wird bleiben, denn es ist immer noch da, tief in dir, wartet darauf, Rache zu nehmen und immer wenn sich eine Gelegenheit ergibt, wird es in dir vehement explodieren. Der Glaube sitzt auf einem Erdbeben und jeden Tag wird der Zweifel stärker, denn tagtäglich hast du ihn zu unterdrücken. Früher oder später ist es mehr, als du unterdrücken kannst, dann ist es mehr als es dein Glauben ist. Dann wirft es deinen Glauben einfach beiseite.

Aber Vertrauen hat keine Angst vor dem Zweifel, denn Vertrauen ist nicht gegen den Zweifel. Vertrauen benutzt den Zweifel, Vertrauen weiß, wie man die Energie verwendet, die im Zweifel an sich enthalten ist. Das ist der Unterschied zwischen Glauben und Vertrauen. Glauben ist falsch; er erzeugt eine Art Pseudoreligion, er erzeugt Heuchler. Vertrauen hat eine erhabene Schönheit und eine Wahrheit an sich. Er wächst durch den Zweifel, er benutzt Zweifel als Dünger, er transformiert den Zweifel. Der Zweifel ist ein Freund, der Zweifel ist nicht der Feind.

Und bevor nicht dein Vertrauen durch viele Zweifel hindurchgegangen ist, wird es impotent bleiben. Von woher wird es seine Stärke sammeln, von woher wird es seine Integration bekommen? Wenn es keine Herausforderung gibt, muss es zwangsläufig schwach bleiben.

Der Zweifel ist eine Herausforderung. Wenn dein Vertrauen auf diese Herausforderung antworten kann, sich mit deinem Zweifel anfreunden kann, wird es dadurch wachsen. Und du wirst keine gespaltene Persönlichkeit mehr sein, tief in dir voller Zweifel und bloß an der Oberfläche gläubig, voll des Glaubens; du wirst eine Art von Einheit haben, du wirst ein Individuum sein, ungeteilt. Und diese Individualität ist das, was in den alten Religionen „Seele“ genannt wird.

Zur Seele kommt man durch Zweifel, nicht durch Glauben. Glauben ist bloß eine Maske: Du verbirgst dahinter dein eigentliches Gesicht. Vertrauen ist eine Transformation: Du bist dabei, wacher zu werden. Und weil du den Zweifel als eine Herausforderung verwendest, als eine nützliche Gelegenheit, gibt es dabei niemals irgendeine Repression. Ganz langsam verschwindet der Zweifel, weil seine Energie vom Vertrauen übernommen worden ist.

Der Zweifel ist eigentlich nichts als wachsendes Vertrauen; Zweifel ist Vertrauen, das unterwegs ist. Denke immer auf diese Weise über deine Zweifel: Zweifel ist potentielles Vertrauen, das aktiviert wird. Zweifel ist die Suche und Vertrauen ist die Erfüllung der Suche. Der Zweifel ist die Frage und das Vertrauen ist die Antwort. Die Antwort ist nicht gegen die Frage – es wird keine Möglichkeit für irgendeine Antwort geben, wenn es keine Frage gibt. Die Frage hat die Gelegenheit dafür geschaffen, dass sich die Antwort ereignen kann.

03.04.2007 um 01:38 Uhr

Südliches Blütenland 26/7 (8)

von: tao

Viel könnte in diesen Momenten getan werden, wenn du einfach nichts tust.

Du könntest in das Geschäft gehen, auf den Markt,

du könntest etwas Geld verdienen. Du könntest Zeit zu Geld machen.

Du könntest ein größeres Bankkonto bekommen

denn diese Momente werden nicht zurückkommen.

Und törichte Leute sagen, dass Zeit Geld ist.

Sie kennen nur eine Verwendung von Zeit:

Wie sie zu mehr Geld gemacht werden kann

und noch mehr Geld und noch  mehr Geld.

Am Ende stirbst du mit einem dicken Bankkonto

aber innerlich total arm,

denn das innere Reichsein entsteht

nur, wenn du das Nutzlose genießen kannst.

Was ist Meditation?

Leute fragen: Was ist ihr Nutzen?

Was werden wir davon haben? Was ist der Vorteil?

Meditation, und du fragst nach einem Gewinn?

Du kannst sie nicht verstehen, weil Meditation bloß nutzlos ist.

In dem Moment, wo du „nutzlos“ liest, fühlst du dich unbehaglich

denn das ganze Denken ist so zweckorientiert geworden,

so sachbezogen, so kommerziell, dass du nach Resultaten fragst.

Du kannst es dir nicht zugestehen, dass etwas ein Vergnügen an sich ist.

Nutzlos bedeutet, du genießt es, aber du hast keinen Vorteil davon,

du bist ganz vertieft darin und es gibt dir Wonne.

Aber wenn du in etwas vertieft bist,

kannst du dieses Glück nicht akkumulieren,

du kannst keinen Schatz daraus machen.

In der Welt haben zwei Menschentypen existiert.

Die Utilitaristen, zweckorientiert

- sie werden Wissenschaftler, Ingenieure, Ärzte -

und die andere Abteilung, die Ergänzung,

- Dichter, die Vagabunden, die Taoisten -

nutzlos, sie tun nicht irgendetwas Nützliches.

Aber sie halten die Balance, sie geben der Welt die Anmut.

Denk dir eine Welt voll mit Wissenschaftlern und ohne einen einzigen Poeten –

sie würde absolut hässlich sein, nicht wert, darin zu leben.

Denk dir eine Welt, wo jeder in den Geschäften ist, in den Ämtern und Büros,

ohne einen einzigen Vagabunden. Es würde die Hölle sein.

Der Vagabund gibt Schönheit.

02.04.2007 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 26/10 (5)

von: tao

Wenn du zuhörst,

dann hörst du nur zu, weil du der nächste Redner sein wirst.

Du kannst den anderen tolerieren – das ist ein Tauschgeschäft.

Wenn du andere langweilen willst, musst du ihnen erlauben, dich zu langweilen.

Wenn du sagst, dass eine gewisse Person ein Langweiler ist,

dann meinst du eigentlich, dass die Person dir keinerlei Gelegenheit geben wird

der nächste Redner zu sein, auch einmal an die Reihe zu kommen.

Sie macht immer weiter und du kannst keine Lücke finden

von wo aus du einsteigen kannst, um auch mit dem Langweilen anfangen zu können.

Diese Person wirkt auf dich wie ein Langweiler,

aber jedes Denken, das voll ist mit Worten, ist ein Langweiler.

Wann wirst du dies realisieren? Warum ist eine Person gelangweilt?

Weil da nur Worte sind, keine Fische sind in ihnen, nur Fallen und Netze.

Nutzlos, bedeutungslos, da ist kein Inhalt.

Es ist wie ein Rattern von irgendetwas, ein Lärm;

kein Sinn wird befördert.

Immer wenn eine Bedeutung vorhanden ist, ist es schön;

immer wenn es einen Sinn gibt, wächst du dadurch;

immer wenn eine Bedeutsamkeit existiert,

wenn du einem Menschen begegnest, der eine Bedeutung hat,

gibt dir das einen neuen Aufschwung an Energie.

Dann ist es keine Vergeudung, es ist ein Lernen, es ist ein Erlebnis.

Es ist selten und schwierig, einen Menschen zu finden, der still ist.

Wenn du einen Menschen finden kannst, der still ist

und ihn überredest, mit dir zu reden, wirst du viel gewinnen.

Denn wenn das Denken nicht mit Worten gefüllt ist,

spricht das Herz zum Herzen.

Wenn alles aus dem Schweigen kommt,

wenn ein Wort aus der Stille geboren wird,

ist es schön, ist es lebendig, teilt sich dir etwas mit.

Wenn ein Wort nur aus der Wortmasse herauskommt,

ist es verrückt, kann es dich verrückt machen.

Ein kleiner Junge wurde von seinem Lehrer gefragt:

Hat deine jüngere Schwester schon zu sprechen gelernt?

Der Junge sagte: Ja, sie hat das Sprechen schon gelernt –

und nun bringen wir ihr bei, wieder ruhig zu sein.

Das ist die Misere –

du musst Worte lernen, das ist Teil des Lebens,

und dann musst du lernen, wie man still ist

und wie man wortlos ist.

Universitäten, Eltern, Lehrer, sie lehren dir Worte,

und dann musst ein jemanden finden

der dir beibringen kann, wie man still bleiben kann.

Beschäftigt

01.04.2007 um 20:43 Uhr

Tao 255

von: tao

Heute möchte ich wieder einmal eine Anekdote erzählen:

Bodhidharma ging nach  China. Bodhidharma war der Mann

der Buddhas Leere in seinen Händen trug.

Er brachte den essentiellen Buddhismus nach China

um es zu ermöglichen, dass sich dort ein großartiges Phänomen ereignete.

Aufgrund von Bodhidharma trafen sich Lao-tses ganzheitlicher Standpunkt

- die lao-tsesche Lebensweise – und Buddhas Verwirklichung,

und eines der schönsten Dinge ward geboren,

so etwas existiert sonst nirgendwo auf der Welt –

und das ist Zen.

Zen ist ein Zusammentreffen, eine Kreuzung von Buddha und Lao-tse,

und Bodhidharma war die Hebamme.

Als er China erreichte, war ein sehr berühmter Mystiker,

sein Name war überall im Osten bekannt. Als er nach China kam

kam der Kaiser selbst, um ihn an der Grenze zu empfangen,

und der Kaiser stellte ihm ein paar Fragen. Er fragte:

Ich habe viele buddhistische Tempel erbauen lassen – tausende.

Welche punya, welche Tugend habe ich gewonnen?

Wenn er dasselbe irgendeinen anderen gewöhnlichen buddhistischen Mönch gefragt hätte

würde der erwidert haben: Herr, du hast unendliche Tugend gewonnen –

dir ist der Himmel absolut sicher, garantiert.

Aber er fragte die falsche Person. Bodhidharma sagte:

Tugend? Nichts! Im Gegenteil, du hast viel Sünde angesammelt.

Der Kaiser war schockiert, er konnte es nicht glauben.  Er sagte:

Warum? Warum sagst du das? Ich habe viele Tempel für Buddha erbaut.

Ich habe Buddhas Aussprüche veröffentlichen und verteilen lassen

an Millionen von Leuten. Jeden Tag speise ich tausende von buddhistischen Mönchen

und du sagst, ich habe Sünde aufgehäuft? Was meinst du damit?

Bodhidharma sagte: Allein schon die Idee, dass du Tugend angesammelt hast

ist eine Sünde, es ist sehr egoistisch. Dir ist die Hölle sicher, Kaiser.

Du wirst in die siebente Hölle fallen – die erste wird da nicht ausreichen.

Der Kaiser konnte es nicht fassen. Er spürte auch ein wenig Zorn.

Und er sagte: Ich muss dir noch eine Frage stellen.

Was ist in mir? Was ist es, was ich bin?

Bodhidharma sagte: Eine ungeheure Leere, eine Nichtsheit.

Nun war der Kaiser wirklich wütend. Zornig fragte er Bodhidharma:

Wer bist dann du? Wer steht denn dann vor mir?

Bodhidharma sagte: Das weiß ich nicht, mein Herr.

Da kann man nichts machen, dies ist die Natur der Dinge.

Das ist der Grund, warum ein Mensch mit Selbsterkenntnis niemals den Anspruch erheben wird, dass er es weiß. Denn wer wird dies behaupten? Er wird wie ein unwissender Mensch.

Er sagt, dass er nur weiß, dass er es nicht weiß.

Begib dich nach innen.

Eines Tages wirst du zu dieser Leere kommen, zur Nabe des Rades.

Die Nabe ist leer, aber sie hält in sich das ganze Rad zusammen;

die Nabe ist leer, aber ohne die Nabe wird das Rad verschwinden,

es wird in Stücke zerfallen.