Ko Hsuan 17 (2)
Wenn du es selbst weißt, brauchst du es nicht mehr zu hören. Dann wird Ko Hsuan nicht mehr sagen: „Der ehrenwerte Meister sagte", dann kann er einfach die Verse konstatieren. Dann wird es seine eigene Erfahrung sein. Er ist dem Gipfel sehr nahe und schließlich erreichte er den Gipfel, aber diese Aufzeichnungen wurden gemacht, bevor er selbst ein erleuchteter Meister wurde. Diese Notizen sind die eines Schülers, und dies ist bemerkenswert.
Immer wenn du kommentierst, bedenke immer, dass du dir nicht sicher sein kannst, ob es genau so gemeint war, wie du es verstanden hast.
In Italien ist im Bus neben dem Fahrer folgende Notiz zu lesen: „Rede nicht mit dem Fahrer."
In Deutschland heißt das so: „Es ist VERBOTEN, mit dem Fahrer zu reden."
In England: „Es ist nicht höflich, mit dem Fahrer zu reden."
In Schottland: „Was hast du davon, wenn du mit dem Fahrer redest?"
In dem Moment, in dem ein Mensch des Tao etwas sagt, kommt es aus seinem innersten Kern. Wenn du es hörst, wird es an deiner Oberfläche gehört. In der Zeit, in der es deinen innersten Kern erreicht - wenn es dort überhaupt ankommt, wenn du genug Glück hast, es in den eigentlichen Kern deines Wesens einsinken zu lassen - auch dann wird die Bedeutung nicht die gleiche bleiben. Das kann sie nicht sein; das liegt nicht in der Natur der Dinge. Sie würde sich verändert haben: Sie mag verzerrt worden sein, sie mag etwas verloren haben, dein Denken hat vielleicht ihr etwas hinzugefügt.
Die Wissenschaftler haben erst kürzlich entdeckt...Bis dahin dachte man, dass unser Denken und unsere Sinne nur dafür da sind, um es uns zu ermöglichen, mit der Existenz, die uns umgibt, verbunden zu sein. Aber die neuere Forschung geht dahin, dass die Sinne und das Denken doppelte Funktionen haben. Die eine Funktion ist, eine Brücke zur Existenz zu bilden, aber sogar noch weit wichtiger als das ist die zweite Funktion: All das nicht zuzulassen, was uns stören könnte. Sie funktionieren als Filter und Auslesefaktoren unseres Denkens, unserer Einstellungen, unseres Lebensstils, unserer Konditionierungen. Nur zwei Prozent Realität wird gestattet, hereinzukommen; achtundneunzig Prozent der Realität wird der Eintritt verwehrt, sie werden außen abgehalten, am Eingang aufgehalten, denn wenn allem, was erhältlich wäre, erlaubt würde, hereinzukommen, wirst du durchdrehen, du wirst nicht imstande sein, damit fertig zu werden.
Nur in absoluter Meditativität ist man dazu fähig, total entspannen zu können, alles hereinzulassen, verletzlich zu sein ohne irgendwelche Vorbedingungen, für die Existenz zugänglich zu sein, ohne dass dies mit Bedingungen verknüpft ist.
Es wäre besser, Ko Hsuans Statement zu ändern. Es wäre besser, es genau so zu formulieren, wie die buddhistischen Sutren beginnen. Sie wurden von Buddhas engstem Schüler, Ananda, geschrieben. Er lebte zweiundvierzig Jahre lang mit Buddha; nicht einmal einen einzigen Moment lang verließ er Buddha. Tagein, tagaus, jahrein, jahraus, war er bei Buddha wie ein Schatten. Sogar Schatten verlassen dich manchmal, aber er verließ Buddha überhaupt nicht. Er hörte alles, was Buddha sagte und als er gebeten wurde, dies nach Buddhas Tod zu berichten, sagte er: „Ich habe den Buddha sagen hören." Jedes Kapitel beginnt damit: „Ich habe gehört..." Darin liegt eine großartige Einsicht.
Ko Hsuan kann dies nicht tun: Er kann nicht sagen: „Der ehrenwerte Meister sagte", er kann nur sagen: „Ich habe gehört..." Der Übersetzer muss dies geändert haben, um es sicherer aussehen zu lassen, um es kategorischer zu gestalten, emphatischer, eindeutiger, mathematischer. Aber die erwachten Meister sind mysteriös; ihre Worte sind mysteriös, nicht mathematisch. Sie können tausend Bedeutungen haben und jeder hört sie gemäß seiner eigenen Kapazität.
