Taoistische Reflektionen

31.07.2007 um 02:27 Uhr

Tao Te King 41 (7)

von: tao

 

Es geschah einmal, dass ein Sufi-Meister

plötzlich einen seiner Schüler rief.

Viele Schüler saßen gerade in der Halle, aber er rief nur einen:

Komm zu mir.

Der stand gerade am Fenster, und es war Vollmondnacht.

All die Schüler sahen staunend zu. Warum hatte er diesen einen gerufen?

Dann zeigte der alte Mann

auf etwas außerhalb des Fensters und sagte

zu dem jungen Mann: Schau!

Und von diesem Tag an veränderte sich der junge Mann völlig.

Die anderen fragten: Was war geschehen?

Da war doch nichts, das wissen wir, nur die Vollmondnacht.

Der Vollmond war da, natürlich,

die Nacht war schön, natürlich,

aber was sich ereignet hatte, scheint ganz unverhältnismäßig gewesen zu sein.

Du bist komplett transformiert. Was war geschehen?

Der junge Mann sagte: Ich hörte den Meister

Und ich war so still, weil er mich rief,

ich war so ohne Gedanken, so friedevoll,

dass, als er auf den Mond deutete

sich etwas in mir öffnete, ein Fenster.

Ich hatte eine Wahrnehmung, die ich niemals gehabt hatte.

Ich schaute auf den Mond mit neuen Augen,

ich sah auf das Mondlicht mit einem neuen Sein.

Natürlich habe ich den Anblick

aus einem sehr weit entfernten Zustand meines Denkens gesehen

und ich werde hart arbeiten müssen, um dies zu erreichen, aber nun existiert es für mich.

Nun weiß ich, es ist eine Gewissheit. Nun gibt es keinen Zweifel mehr.

Aber ich werde trotzdem diesen Zustand erst erreichen müssen

denn ich habe durch die Augen des Meisters gesehen,

das waren nicht meine Augen;

er gab mir seine in diesem einzigartigen Moment, ich borgte sie mir.

Ich habe durch sein Wesen hindurchgeschaut.

Das war nicht mein Sein, das Fenster war nicht mein Fenster, es war sein Fenster,

und er gestattete mir, durch es hindurchzuschauen.

Aber nun weiß ich, dass eine andere Art von Existenz möglich ist.

sie ist nicht nur möglich, sie ist absolut sicher.

Es mag nun viele Leben für mich dauern, bis ich dieses Ziel erreiche,

aber das Ziel ist gewiss.

Kein Zweifel existiert nun noch in mir, nun können Zweifel mich nicht mehr stören -

nun ist meine Reise klar für mich.

30.07.2007 um 01:37 Uhr

Quellender Urgrund 3/9 (5)

von: tao

Mit subtilen Tricks wird die delikate Intelligenz zerstört, das empfindliche Leben des Kindes. Dann muss es in allem trainiert werden. Vom Toilettentraining bis zu Gott, es muss ihm alles antrainiert werden. Ihm wird keinerlei Spontaneität gestattet. Und Intelligenz gedeiht in Spontaneität, Intelligenz stirbt in Disziplin. Je disziplinierter das Kind ist, desto dümmer wird es sein; je intelligenter das Kind, desto rebellischer wird es sein. Rebellisch-Sein und Intelligenz sind synonym; Dummheit und Disziplin sind synonym. Wenn du Erfolg darin hast, dem Kind anzuweisen, dir zu gehorchen und es dazu zu bringen, mit deinen Ideen konform zu gehen, dann hast du Erfolg darin gehabt, seine Intelligenz zu töten.

Deine Schulen, deine Hochschulen, deine Universitäten, alle lehren Unsinn, weil sie alle gegen Sinn und gegen die Sinne sind. Nirgendwo wird Sensitivität gelehrt - nirgendwo. Tatsächlich muss Sensitivität zerstört werden. Es ist gefährlich, dem Kind zu gestatten, sensitiv und intelligent zu sein, denn wenn das Kind sensibel bleibt, dann wird die Gesellschaft nicht mehr in der Lage sein, das Kind dazu zu zwingen, sein Leben lang törichte Dinge zu tun. Zum Beispiel: Eine Person ist ihr ganzes Leben lang ständig nur ein Angestellter, sie stapelt bloß Aktenberge. Um so etwas zu tun, ist es nötig, dass du sehr unsensibel bist. Wenn du eine gewisse Sensitivität hast, wirst du aus diesem Unsinn ausbrechen wollen, du wirst auf die Felder, in den Wald gehen wollen. Du willst vielleicht ein Gärtner werden, du willst vielleicht ein Bauer werden oder ein Fischer, oder ein Zimmermann, oder ein Bildhauer, oder ein Dichter - aber du wirst kein Angestellter in einem Büro werden wollen. Wofür sollte man Büroangestellter sein wollen? Die Sonne scheint so hell und die Blumen sind erblüht und die Vögel singen und du tust bloß eine Bürotätigkeit! Das wird dann nicht möglich sein. Die Gesellschaft muss deine Intelligenz abtöten, und deine Sensibilität, so dass du in jeden Job gesteckt werden kannst. Wenn du abgestumpft bist, dann ist es leicht, dich in jede Richtung zu zwingen. Dann kann eine Person immer weiter irgendeinen Unsinnsjob tun. Und wenn du dein ganzes Leben lang unsinnige Sachen tust, verlierst du natürlich nach und nach alle Möglichkeiten, intelligent zu sein. Eine Person kann in die Armee gesandt werden. Wenn die Leute intelligent wären, wer würde dann zur Bundeswehr gehen? Wofür würden sie andere töten und getötet werden? Das Leben ist dafür da, dass man es lebt, nicht dafür, dass man getötet wird und nicht dafür, dass man tötet.

29.07.2007 um 01:52 Uhr

Tao Te King 70 (3)

von: tao

 

Gerade jetzt

kann dein Denken viele komplexe Dinge begreifen.

Du kannst Hegel verstehen:

Nicht sehr tiefsinnig, aber sehr kompliziert.

Du kannst Kant verstehen:

Nicht sehr tiefgehend, aber sehr verwirrend.

Du kannst Philosophen verstehen, Philosophien und Systeme,

denn

dafür brauchst du keine andere Bewusstheit als die, die du hast.

So wie du bist,

ist ein wenig Anstrengung nötig und du wirst Hegel verstehen können:

Bloß ein bisschen mehr Anstrengung deinerseits -

aber keine Transformation in deinem Wesen.

Sie sind dir bloß voraus,

du musst noch ein paar Kilometer mehr gehen.

Ihre Qualität ist nicht anders.

Aber um Lao-tse zu verstehen

musst du durch eine tiefgehende Veränderung gehen, eine totale Revolution.

Du musst wie die Kinder werden - unschuldig.

Dabei geht es nicht um ein sehr intelligentes Denken,

es geht dabei um ein sehr unschuldiges Denken.

Unschuld ist nötig, um das Leichte zu verstehen,

Intelligenz ist nötig, um das Komplizierte zu verstehen - intelligent bist du,

und das ist genau das, was deine ganze Dummheit beweist.

Du kannst keine unschuldigen Dinge verstehen,

du hast diese Kapazität komplett verloren,

diese spiegelgleiche Klarheit eines Kindes.

Es kann vielleicht nicht sagen, dass es versteht

weil ihm das Vokabular und die Logik fehlt;

aber schau ihm bloß in die Augen - alles spiegelt sich da wider,

rein.

28.07.2007 um 01:32 Uhr

Südliches Blütenland 27/20 (10)

von: tao

 
Dschuang Dsi  lag im Sterben und die Schüler dachten schon an das Begräbnis -
blind, absolut blind, sie hatten keine Augen für das, was sich da abspielte.
Ihre Augen waren verschlossen.
Aber warum geschieht das?
Denkst du, dass diese Schüler Dschuang Dsi kannten?
Wie hätten sie das können?
Wenn sie Dschuang Dsi in seiner höchsten Glorie verpassten,
wie können wir da glauben, dass sie ihn nicht verpassten
wenn er mit ihnen arbeitete, wenn er an ihnen arbeitete,
wenn er mit ihnen herumzog,
ein Loch im Garten grub, eine Saat einpflanzte,
mit ihnen sprach, bloß präsent bei ihnen war?
Wie können wir das Gefühl haben, dass sie wussten, wer dieser Dschuang Dsi war?
Wenn seine totale Herrlichkeit übersehen wurde,
ist es unmöglich, sich es nicht zu denken, dass sie ihn immer verpasst hatten.
Sie müssen ihn übersehen haben.
Wenn er redete, dann müssen sie sich gedacht haben:
Über was redet der da? Was meint er bloß?
Wenn eine erwachte Person spricht,
braucht der Sinn nicht von dir entdeckt werden -
er ist da.
Du musst einfach darauf hören.
Das muss nicht entdeckt werden,
er ist nicht verborgen,
er ist nichts, das interpretiert werden muss.
Er redet nicht in Theorien. Er gibt dir einfache Fakten.
Wenn deine Augen offen sind, wirst du sie sehen;
wenn deine Ohren hören können, wirst du sie hören.
Mehr ist nicht nötig.
Das ist der Grund, warum Jesus ständig gesagt hat:
Wenn du hören kannst, höre mich. Wenn du sehen kannst, sieh.
Mehr wird nicht erwartet - bloß offene Augen, offene Ohren.

27.07.2007 um 00:55 Uhr

Ko Hsuan 5 (11)

von: tao

Die Materialisten fühlen sich so sinnlos, dass die Idee langsam aufgekommen ist und an Stärke zunimmt, dass nur Feiglinge immer noch weiterleben; es sind die mutigen Leute, die versuchen, Selbstmord zu begehen: Warum weiterleben, wenn es keinen Sinn hat?

Aber dies ist so gekommen, weil nur die Erde akzeptiert war, nicht der Himmel, nicht das Jenseits. Die Erde ist sinnlos, ausgedörrt; ohne den Himmel gibt es keine Seele - du bist bloß ein Körper, ein Leichnam. Und welche Bedeutung kann ein Leichnam haben? Wenn die Seele den Körper verlässt, hat der Sinn den Körper verlassen. Und wenn du nicht an die Seele glaubst, dann wirst du zwangsläufig früher oder später das Gefühl haben, dass das Leben keinen Sinn hat. Der Westen fühlt gerade diese große Sinnlosigkeit.

Und der Osten glaubte nur an den Himmel, nur an die Seele, aber das ist eine Abstraktion. Der Körper ist konkret, die Seele ist nur eine Abstraktion; sie ist nicht greifbar. Und wenn du anfängst, hinter immateriellen Werten her zu rennen, hinter Unsichtbarem, dann verlierst du all das aus dem Auge, was greifbar ist. Das ist der Grund, warum der Osten arm ist, hungert, krank und beladen mit tausenden Problemen ist und keinen Ausweg zu haben scheint, sie zu lösen, aus dem einfachen Grund, dass sie sich seit Jahrhunderten niemals um die Erde gekümmert haben; ihre Augen waren auf den Himmel fixiert.

Eine uralte griechische Parabel geht so:

Ein sehr berühmter Astrologe schaute in der Nacht in den Himmel, beobachtete die Sterne, studierte die Gestirne. Er kam vom Weg ab, natürlich, denn er schaute nicht auf den Boden, wo er gerade ging, und er fiel in einen Brunnen. Dann wurde er darauf aufmerksam, aber dann war es zu spät. Er begann zu rufen: „Rettet mich!" Er war außerhalb des Dorfes.

Eine alte Frau, die in der Nähe lebte, schaffte es irgendwie, ihn zu retten. Als er wieder aus dem Brunnen herausgekommen war, sagte er zu der Frau: „Du kennst mich vielleicht nicht, du erkennst mich in dieser dunklen Nacht vielleicht nicht wieder, aber ich werde dir sagen, wer ich bin: Ich bin der Spezialastrologe des Königs! Es ist für die Leute sehr schwierig, sich mir auch nur zu nähern, aber du kannst zu mir kommen. Ich werde dir deine Zukunft erzählen."

Die alte Frau lachte. Sie sagte: „Du Narr! Du weißt nicht einmal, wo der Brunnen ist und wo die Straße ist, und du willst mir etwas über meine Zukunft erzählen!"

Das ist im Osten passiert: Der Osten ist in den Brunnen hineingefallen, hat das wirklich Konkrete aus den Augen verloren und ist zu metaphysisch geworden.

  

26.07.2007 um 03:18 Uhr

Tao 298

von: tao

Liebe ist Therapie, und es gibt keine andere Therapie in der Welt außer Liebe. Es ist immer Liebe, die heilt, denn Liebe macht dich heil. Liebe lässt dich in der Welt willkommen fühlen. Liebe macht dich zu einem Teil der Existenz; sie zerstört Entfremdung. Dann bist du hier kein Außenseiter mehr, sondern äußerst vonnöten. Liebe gibt dir das Gefühl, dass du gebraucht wirst, und gebraucht zu werden ist das größte Bedürfnis. Nichts sonst kann dieses große Verlangen erfüllen. Bevor du nicht das Gefühl hast, dass du etwas zur Existenz beisteuerst, bevor du nicht fühlst, dass ohne dich die Existenz ein bisschen weniger sein würde, dass man dich vermissen würde, dass du unersetzlich bist, wirst du dich nicht gesund und ganzheitlich fühlen. Und Andacht ist die höchste Form von Liebe. Wenn Liebe die Blüte ist, dann ist Andacht der Duft. Liebe ist sichtbar, Andacht ist unsichtbar. Liebe ist zwischen einer Person und einer anderen Person, Andacht ist zwischen einer unpersönlichen Präsenz und der unpersönlichen Existenz der Gesamtheit. Liebe ist begrenzt, Andacht ist unbegrenzt. Wenn du andächtig sein kannst, ist keine andere Therapie nötig. Therapien sind in der Welt nötig, weil die Andacht verschwunden ist. Der Mensch hatte nie Therapie nötig, als Andacht noch lebendig und im Fluss war, als Leute noch in großer Dankbarkeit tanzten, Lieder sangen zu Ehren Gottes, ekstatisch waren, bloß für ihr Dasein, bloß weil sie hier sind, als sie noch dankbar bloß für das Leben waren. Als Tränen aus ihren Augen flossen - Tränen der Liebe, der Freude -  und als in ihren Herzen Lieder waren, da war Therapie noch nicht vonnöten. Therapie ist eine moderne Notwendigkeit, ein armseliger Ersatz für Andacht. Psychoanalyse ist ein armseliger Ersatz für Religion, sehr armselig. Aber wenn du das Beste nicht bekommen kannst, dann findest du dich mit dem zweitbesten oder mit dem drittbesten ab, oder mit dem, was auch immer erhältlich ist. Weil Tempel verfallen sind, weil Kirchen politisch geworden sind, weil Religion durch die Priester kontaminiert worden ist, ist der Mensch alleine gelassen worden, ohne dass man sich um ihn kümmert, mit niemandem, der ihn unterstützt. Selbst der Boden, auf dem er jahrhundertelang stand, ist verschwunden. Er fällt in einen Abgrund, er fühlt sich entwurzelt. Psychoanalyse kommt als ein Ersatz: Sie gibt dir ein kleines bisschen Verwurzelung, sie gibt dir ein kleines bisschen Boden, an den du dich halten kannst, aber das ist nichts im Vergleich zur Andacht. Denn die Psychoanalyse ist selbst in einer Notlage, sie selbst ist so krank wie der Patient, es gibt nicht viel Unterschied zwischen dem Psychoanalytiker und dem Patienten. Wenn es irgendeinen Unterschied gibt, besteht dieser Unterschied im Wissen - und das macht überhaupt keinen Unterschied. Es ist kein Unterschied im Sein. Wenn es irgendeinen Unterschied gibt, ist er quantitativ, er ist nicht qualitativ, und Quantität macht nicht viel Unterschied aus. Der Psychoanalytiker und sein Patient sind beide im gleichen Boot.

  

25.07.2007 um 01:07 Uhr

Südliches Blütenland 23/2 (2)

von: tao

Verrückt 

Das „sollte" ist die Krankheit und ist es hereingekommen,

dann muss das Kind nun, bevor es sich bewegt, bewusst entscheiden, wie es sich bewegen soll, was es tun soll, und was es nicht tun darf.

Die Unterscheidung ist hereingekommen.

Nun ist das Kind kein Teil des Göttlichen mehr -

es ist aus dieser Gnade gefallen.

Dies ist die Bedeutung der biblischen Geschichte von Adams Sündenfall.

Bevor er vom Baum der Erkenntnis aß, war er natürlich,

er lebte im Garten Eden.

Dieser Garten Eden ist hier.

Die Bäume leben immer noch in ihm;

die Tiere sind immer noch ein Teil davon;

die Sonne, der Mond und die Sterne bewegen sich immer noch in ihm;

hier und jetzt ist der Garten Eden - aber du bist außerhalb von ihm.

Warum wurde Adam hinausgeworfen? Er aß die Frucht des Wissens.

Und im Alter von vier Jahren

werden jeder Adam und jede Eva wieder hinausgeworfen.

Das ist nicht etwas, was in der Vergangenheit passierte,

es geschieht jedes Mal, wenn ein Kind geboren wird -

wieder  kommt der Adam ins Sein,

wieder kommt die Eva ins Dasein.

Bis zum Alter von vier Jahren gibt es kein Wissen.

Im Alter von vier Jahren beginnt das Kind zu verstehen, was was ist.

Dann verfehlt es den Weg, dann ist es nicht mehr natürlich,

dann ist die Spontaneität verloren.

Nun wird es nach den Regeln leben.

Beginnst du erst einmal, gemäß den Regeln zu leben, wirst du leiden.

Du wirst leiden, weil du nicht spontan lieben kannst,

du kannst nicht genießen, du kannst nicht tanzen, du kannst nicht singen.

Beginnst du erst einmal regelgerecht zu leben

musst du dich in einem festgelegten Muster bewegen -

und das Leben ist niemals ein feststehendes Muster, es ist ein flüssiger Zustand.

24.07.2007 um 02:01 Uhr

Quellender Urgrund 1/7 (2)

von: tao

Philosophie hat niemals irgendjemandem geholfen, die Wahrheit zu realisieren. Dieser großartige Moment ist im Leben von Dsi Gung eingetreten. Er war der Hauptschüler von Konfuzius.

„Dsi Gung wurde des Studierens überdrüssig."

Zu schauen ist eine Sache, studieren ist diametral entgegengesetzt. Wenn man zu dir sagt: „Geh und schau dir die Rosenblüten im Garten an", und statt in den Garten zu gehen, gehst du in die Bibliothek und studierst über die Rosenblüten - das ist Studium. Über und darüber, rund herum bewegt es sich; es berührt niemals den wirklichen Punkt.

„Dsi Gung wurde des Studierens müde..."

Genug der Worte. Genug der Theorien und Dogmen. Genug der Lehrsätze. Und das ist ein großartiger Moment im Leben eines Forschers. Jeder muss durch Worte hindurchgehen, weil wir für Worte trainiert worden sind. Jeder muss durch Theorien hindurchgehen; uns sind seit unserer frühesten Kindheit Theorien gegeben worden. Wir sind aufgezogen worden in Übereinstimmung mit Vorurteilen, Lehrmeinungen, Kirchen und Schulen. Jemand ist ein Christ und jemand ist ein Mohammedaner und jemand ist ein Hindu, und wir sind erzogen und konditioniert worden. Also beginnt in dem Moment, in dem du zu fragen beginnst: „Was ist Wahrheit?", dein Denken damit, dich mit Worten zu beliefern; es kennt die Antworten. Diese Antworten sind alle falsch, diese Antworten sind alle geborgt, aber es gibt dir schöne Antworten. Sie befriedigen dich eine Zeitlang, und wenn deine Suche nicht intensiv ist, stellen sie dich vielleicht für immer zufrieden. Nur ein großer Forscher sieht den Punkt, dass Worte sinnlos sind.

Die Sprache ist nicht die Türe zur Realität, sondern das Schweigen. Das innere Gerede muss aufhören, nur dann wirst du Klarheit haben. Nur dann enthüllt sich dir die Realität an sich. Innerlich schnatterst du laufend vor dich hin, und dein Denken funktioniert ständig, konstant, wie besessen, manisch. Und das Denken ist verrückt: Es erzeugt laufend neue Worte, neue Kombinationen, neue Theorien; es spekuliert in einem fort. Es ist ein großer Erfinder, so weit wie es Theorien betrifft, und er erlaubt dir nicht einmal ein einziges Intervall, eine Lücke, damit du auf das schauen kannst, was da ist. Das innere Gerede muss weichen...dann ist da plötzlich keine Barriere mehr; es hat niemals eine gegeben.

Die Zen-Mönche sagen: Von Anfang an ist die Wahrheit unverhüllt, die Wahrheit liegt offen vor dir.

23.07.2007 um 02:07 Uhr

Tao 297

von: tao

 

  Dir ist bange, weil du nicht weißt, wie du leer sein kannst,

du weißt nur, wie du voll sein kannst, du weißt nicht, wie du leer sein kannst.

Du weißt nicht, wie man stirbt, wie du deiner Persönlichkeit ersterben kannst,

wie du im inneren Leersein bleiben kannst. Du weißt es nicht.

Wenn du nach innen kommst, und die Gedanken beginnen, sich von dir wegzubewegen

nimmt plötzlich Furcht von dir Besitz. Wohin gehst du da?

Du fühlst dich, als ob du verschwinden würdest, du fühlst dich, als wenn du sterben würdest,

eine Art von Nicht-Existenz ergreift dich.

Es ist, als wenn du an einem Abgrund stehst und nach unten schaust

und er ist bodenlos. Und du beginnst zu zittern

und Schweiß tropft aus jeder Pore deines Körpers.

Du begegnest dem Tod.

Wenn du von diesem Punkt entfliehst, wirst du niemals meditieren können,

daher ist ein Meister nötig. Wenn du anfänglich Angst bekommst

kann er dich überreden, keine Angst zu haben, er kann dir helfen:

Schau mich an. Ich bin da durchgegangen und doch bin ich noch.

Ich bin leer geworden und doch gibt es mich noch. Und ich bin mehr als du,

mehr als die ganze Existenz zusammengenommen.

Jemand ist nötig, auf den du schauen kannst,

in dessen Augen du das gleiche Leersein flüchtig zu sehen bekommen kannst

auf die du auch gerade in dir selbst stößt.

Und doch kannst du sehen, dass er ist, und er ist total und absolut.

Also hab keine Angst, sein Wesen gibt dir Mut,

seine Gegenwart gibt dir Mut.

Ein Meister tut eigentlich nichts.

Er ist ein Katalysator; bloß seine Präsenz ist genug.

Fällst du erst einmal in diese Leere hinein, wirst du zu lachen beginnen,

und du wirst sagen: Es gibt keinen Tod.

Ich hatte unnötig Angst, grundlose Angst.

Indem du durch den Tod hindurchgehst, wirst du todlos.

22.07.2007 um 00:55 Uhr

Tao Te King 22 (10)

von: tao

 

Es gibt kleine Pflanzen und gewöhnliches Gras -

wenn der Sturm kommt, gibt das Gras nach,

und der Sturm kann ihm keinerlei Schaden zufügen.

Er kann ihm höchstens eine gute Reinigung geben, das ist alles;

all der Schmutz, der sich auf ihm angesammelt hat, wird weggewaschen.

Der Sturm gibt ihm ein gutes Bad, und wenn der Sturm vorbei ist

tanzen die kleinen Pflanzen und das Gras wieder erhobenen Hauptes.

Das Gras hat fast keine Wurzeln,

es kann von einem kleinen Kind herausgerissen werden,

aber der Sturm wurde besiegt.

Was geschah?

Das Gras folgte Lao-tse

und der große Baum folgt Charles Darwin.

Der große Baum war sehr logisch,

er versuchte, Widerstand zu leisten, er versuchte, seine Stärke zu zeigen.

Wenn du versuchst, deine Stärke zu zeigen, wirst du besiegt werden.

Alle Hitler, alle Napoleons, alle Alexanders

sind große Bäume, starke Bäume. Sie werden alle besiegt werden.

Lao-tses sind genau wie kleine Pflanzen,

niemand kann sie besiegen, weil sie immer bereit sind, nachzugeben.

Wie kannst du eine Person besiegen, die nachgibt,

die sagt: „Ich bin schon besiegt",

die sagt: „Mein Herr, genieße deinen Sieg,

es ist nicht nötig, irgendwelche Probleme zu machen. Ich bin besiegt."?

Sogar ein Alexander wird spüren, dass er nichtig ist vor einem Lao-tse,

er kann gar nichts tun.

            Das geschah auch, das passierte genau so....

Doch davon erzähle ich später einmal,

wenn es heißt: Tao Te King 22 (11).

21.07.2007 um 14:03 Uhr

Südliches Blütenland 26/7 (11)

von: tao

  Schweigen ist nutzlos, Reden scheint nützlich zu sein.

Durch Reden kann etwas getan werden,

damit tust du viele Dinge in der Welt.

Also denkst du, dass du, wenn du religiös werden willst

auch etwas wirst tun müssen.

Aber Dschuang Dsi sagte: Religion beginnt

erst, wenn du die Zwecklosigkeit alles Tuns verstanden hast,

und dich zum polaren Gegensatz begeben hast

dem Nicht-Tun, der Untätigkeit,

dem Passiv-Werden, dem Nutzlos-Werden.

Damit sind wir beim Text über das Nutzlose angelangt:

„Hui Dsi sagte zu Dschuang Dsi:

All dein Lehren zentriert sich auf das, was keinen Nutzen hat."

Diese Lehre scheint nicht viel wert zu sein,

aber Dschuang Dsi und sein Meister

sprachen immer über das Nutzlose,

sie priesen sogar Menschen, die nutzlos waren.

Dschuang Dsi redet über einen Mann, einen Buckligen.

All die jungen Leute der Stadt

wurden zwangsweise für das Militär rekrutiert,

zum Eintritt in die Armee gezwungen, weil sie nützlich waren.

Nur ein Mann, ein Buckliger, der nutzlos war, wurde zurückgelassen.

Dschuang Dsi sagte: Sei wie der Bucklige, so nutzlos

dass du nicht im Krieg abgeschlachtet wirst.

Sie loben laufend das Nutzlose, weil sie sagen

dass der Nützliche immer in Schwierigkeiten sein wird.

Die Welt wird dich benutzen, jeder ist dazu bereit, dich auszunutzen,

dich zu manipulieren, dich zu kontrollieren.

Wenn du nutzlos bist, wird dich niemand anschauen,

die Leute werden dich vergessen, sie werden dich in Ruhe lassen,

du kannst schweigen, sie werden sich nicht um dich kümmern.

Sie werden einfach nicht einmal mehr merken, dass du da bist.

  

20.07.2007 um 13:38 Uhr

Tao 296

von: tao

Die Vergangenheit ist die Gegenwart, die schon an dir vorbeigezogen ist,

jenseits deiner Wahrnehmung,

und die Zukunft ist die Gegenwart, die noch nicht angekommen ist

diesseits der Grenzen deiner Wahrnehmung.

Denk bloß an ein kleines Beispiel.

Du wartest gerade auf jemanden unter einem großen Baum.

Du kannst auf die Straße sehen, aber der Ausblick ist begrenzt,

du kannst in die eine Fahrtrichtung zweihundert Meter weit sehen,

zweihundert Meter in die andere Richtung, und dann verschwindet die Straße.

Dann sitzt noch ein anderer Mensch im Baum, oben in der Baumspitze.

Er kann weiter sehen. Er kann eineinhalb Kilometer weit in die eine Richtung sehen,

und eineinhalb Kilometer in die andere Richtung.

Du wartest also auf einen Freund,

und der Freund taucht auf - nicht für dich,

aber für den Menschen, der in der Baumspitze sitzt.

In dem Moment, in dem der Freund auf der Straße zu sehen ist

ist er Gegenwart geworden für den Menschen in der Baumspitze,

aber für dich ist es immer noch Zukunft,

denn er ist noch nicht auf der Straße aufgetaucht.

Bevor er nicht in die Reichweite deiner Wahrnehmung kommt

wird er nicht gegenwärtig sein. Er ist noch Zukunft.

Also sind Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart relativ.

Es hängt von deiner Höhe ab und wo du bist.

Das ist der Grund, warum die Jainas darauf bestehen

dass Mahavir all die drei Zeitformen kennt -

wegen seiner Höhe.

Er kann vom einen Ende zum anderen Ende sehen, nichts ist vor ihm verborgen.

Was du auch immer also für Vergangenheit hältst, ist für ihn immer noch Gegenwart,

und was du auch immer für Zukunft hältst, ist für ihn schon Gegenwart.

Dann ist der Freund zu sehen - du redest mit ihm und er geht weiter.

Nach zweihundert Metern verschwindet er für dich, er ist Vergangenheit geworden,

aber für den Menschen in der Spitze des Baumes

ist er immer noch Teil der Gegenwart, eben jetzt.

Dann ist da keine Vergangenheit, keine Zukunft; nur die Gegenwart existiert.

19.07.2007 um 01:55 Uhr

Tao 295

von: tao

  Ich beschwere mich nicht über diese Kommentare, kein Groll,

ich weiß, es ist natürlich.

Und ich kann es nicht anders tun.

Wenn ich sehe, etwas ist falsch, muss ich schreiben, dass es falsch ist.

Wenn ist sehe, dass etwas völlig falsch ist,

muss ich schreiben, dass es falsch ist.

Dir zu helfen

ist nicht etwas, das ich für dich tue:

Ich kann mir nicht helfen, ich muss es tun.

Das muss verstanden werden.

Genau wie ein Licht nicht anders kann als Licht zu verbreiten,

eine Blume nicht anders kann als Duft zu verströmen,

was es auch immer kostet, und was auch immer das Resultat ist -

was ich sehe, werde ich schreiben müssen.

Das ist keine Frage meiner Entscheidung

ob ich schreibe oder nicht schreibe.

Das ist genau wie eine Blume

die sich öffnet und den Duft verströmt;

ob die Leute ihn mögen oder nicht, darum geht es nicht.

Wenn sie ihn mögen, wird ihnen bald geholfen sein;

wenn sie ihn nicht mögen, wird ihnen ein wenig später geholfen werden,

das ist alles.

18.07.2007 um 01:01 Uhr

Tao 294

von: tao

 

Wenn alles eins ist

gibt es nichts

zu ignorieren oder nicht zu ignorieren.

Wenn alles nicht eins ist, dann taucht die Frage auf, ob man etwas ignorieren oder nicht ignorieren soll; dann gibt es eine Wahl.

Aber wenn du das Gefühl hast, dass alles eins ist, dann gibt es keine Wahl.

Du wirst nichts ignorieren,

du wirst nichts nicht ignorieren,

du bist nicht mehr da,

was also auch immer geschieht, das geschieht.

Wenn du beginnst, den Leuten auf der Straße zu dienen - wunderbar.

Wenn es nicht geschieht, kann man nichts machen.

Versuche, dem zu folgen,

denn du denkst vielleicht, dass du, wenn du dahin kommst, Einssein zu realisieren

den Menschen dienen sollst.

Das mag so sein.

Das mag nicht so sein.

Denn wenn Einssein empfunden wird,

wer ist dann der Diener und wer der Bediente?

Wer ist dann der

der das Unglück fühlt, der Sympathie und Mitleid empfindet,

und wer sind die anderen?

Sie sind verschwunden.

Dann kann nichts darüber gesagt werden, was geschehen wird.

Etwas wird passieren.

Aber niemand kann es vorhersagen.

Doch wenn Einssein nicht gespürt worden ist,

dann tauchen solche Fragen auf, weil es bloß eine Idee im Kopf ist.

Du hast es dir bloß so gedacht.

Es ist eine logische Schlussfolgerung.

Es ist nicht existentiell.

17.07.2007 um 02:53 Uhr

Tao 293

von: tao

 

Jede Erfahrung ist etwas anderes als du.

Du bist der, der es erlebt, der Zeuge.

Das eine mal hast du Geld erlebt,

nun erlebst du Licht, aber es bleibt das gleiche - es ist ein Objekt;

doch nun möchtest du festhalten.

Wenn gesagt würde: Lass dein Geld los,

alle weltlichen Dinge, das würdest du verstanden haben,

aber wenn gesagt wird: Gib all diesen Unsinn auf, dieses Licht auch!

Und deine Kundalini, die steigt!

Und die Visionen!

Und den Lotus, der in dir erblüht! - lass all diesen Unsinn los;

dann fragst du dich, was das für ein spiritueller Ratschlag sein soll.

Sollte man dir nicht dabei helfen

dass noch mehr Lotusse in dir erblühen?

Aber sie werden Schichten bleiben, sie gehören zu den Schalen,

sie müssen abgeschält werden.

Und man sollte dir helfen, die ganze Zwiebel zu schälen.

Ein Mensch des Tao wird dir nicht dabei helfen, irgendwo vorher stehen zu bleiben, bevor das Nichtssein sich ereignet. Nichts ist das Ziel, sunyata:

Alle Schichten weg,

und Leere in der Hand.

Du bleibst alleine zurück, ohne ein Erleben.

Spiritualität ist keine Erfahrung.

Sie muss zurückfallen, zu dem Erlebenden selbst kommen.

Es ist keine Erfahrung;

alle Erlebnisse gehören zur Welt,

denn sie gehören zu den Schichten;

sie gehören nicht zu dir.

Meditation ist ein Prozess des Verlernens, des Entlernens.

Zwischen Verlernen und Meditation gibt es keine Beziehung,

sie sind nicht zwei, es ist eins, sie können keine Beziehung zueinander haben.

16.07.2007 um 03:18 Uhr

Tao 292

von: tao   Stichwörter: Tao

 

Wenn es etwas gibt, dass sogar durch Wissen nicht ausgerottet werden kann, dann wird es niemals eliminiert werden. Das, was nicht durch Verstehen zerstört werden kann, kann durch nichts anderes zerstört werden, denn es gibt in uns nichts, das höher ist als das Verstehen. Dann sagen wir: Wenn Verstehen nicht funktioniert, dann könnte es vielleicht die Aktion; aber wer wird die Handlung durchführen? Es ist der unwissende Mensch, der das Tun ausführen wird, und wenn es nicht vom Wissen ausgelöscht werden kann, wie kann es dann durch das Agieren des Unwissenden ausgerottet werden?

Aber wir haben das Gefühl, wir hätten verstanden, und doch findet keine Transformation statt.

Nun haben wir zu verstehen, dass Verstehen von zweierlei Art sein kann. Es gibt eines, das anscheinendes Verstehen ist. Wir haben einen Mechanismus für Verstehen - den Intellekt. Mit diesem Intellekt können wir alles logisch verstehen. Wenn irgendein logischer Gedanke dem Intellekt vorgelegt wird, versteht er den sehr gut. Aber intellektuelles Verstehen bringt keine Transformation, denn der Intellekt ist ein sehr kleiner Teil der Individualität. Die Individualität ist eine sehr große Sache. Wenn du etwas intellektuell verstehst, bedeutet das nicht, dass du deine Persönlichkeit, dein eigentliches Wesen, verstanden hast.

Bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts war sich der Westen nicht über die Tatsache klar, dass, was wir als den Intellekt kennen, 1/10 der Stärke des unbewußten Bewusstseins darstellt. Dir wird erklärt, dass Zorn schlecht ist. Du verstehst. Aber der Intellekt, der dies verstanden hat, ist niemals zornig gewesen! Der Zorn kommt von den neun Teilen des Unbewußten, das hinter dem bewussten Denken liegt.

Ich lebe zum Beispiel in einem Haus. Da ist ein Wächter an der Türe dieses Hauses. Nun verursacht dieser arme Mann keinen Schaden. Immer wenn es Probleme gibt, ist es der Besitzer im Inneren, der herauskommt und ihn  verursacht. Immer wenn ein Prediger vorbeikommt, greift er sich den Türhüter und erklärt ihm, dass Wut schlecht ist und dass er nicht streiten sollte. Der arme Mann gibt zu, dass er sich der Tatsache ganz bewusst ist, dass Zorn schlecht ist. Er sagt, er ist sich auch der Tatsache bewusst, immer wenn es einen Kampf gibt, kommt der Besitzer von innen und dann gibt es Chaos.

Nun ist sich dieser Prediger nicht der Tatsache bewusst, dass derjenige, dem er seine Predigt hält, niemals der Wut oder dem Rowdytum gefrönt hat und dass derjenige, der sein Rowdytum ausgelebt hat, keine Kommunikationsverbindung zum Wächter außen hat. Immer wenn der Meister mit einem Gewehr kommt, liegt ihm der Wachmann zu Füßen, denn er ist der Eigentümer! Wenn sich der Chef wieder zurückzieht, sitzt der Wachmann wieder auf seinem Stuhl, und denkt über die Tatsache nach, dass der Ärger keine gute Sache ist.

15.07.2007 um 19:23 Uhr

Quellender Urgrund 1/6 (3)

von: tao

Wenn du in Indien herausfinden willst, wo die mahatmas sind, dann kannst du sie leicht finden. Aber wenn du dem alten China einen Besuch abgestattet hättest und einen taoistischen Meister hättest kennenlernen wollen, würde niemand in der Lage gewesen sein, dir zu sagen, wo du einen finden würdest. Du hättest dich umschauen und in Bewegung setzen, im Land umherwandern müssen. Und irgendwann würdest du dann vielleicht auf einen gestoßen sein. Aber dafür gibt es keinen Weg, bevor du nicht etwas davon in deinem eigenen Wesen erlebt hast. Bevor du nicht den Geschmack davon hast, den Duft, wirst du nicht imstande sein, einen taoistischen Meister zu erkennen.

Lin Lei ist ein taoistischer Meister - sehr einfach, sehr alt, uralt; einhundert Jahre alt und er hebt die Ähren auf, die die Schnitter fallen gelassen haben. Nun ist das der bescheidenste Job, den einer finden kann, der armseligste und doch...

„...er sang, während er sich seinen Weg durch die Felder bahnte."

Der Taoist ist immer glücklich, denn er wartet nicht auf irgendeinen Grund dafür: Er wartet nicht auf irgendeine spezielle Situation, in der er dann glücklich sein wird. Glücklichsein ist wie Atmen, Glück ist wie der Herzschlag - Glücklichsein ist sein Wesen, es ist nicht etwas, dass ihm passiert. Glück ist nicht etwas, das sich ereignet oder nicht zustande kommt, Glücklichsein ist etwas, das immer da ist. Er ist voll des Glücks. Glücklichsein ist der Stoff, aus dem die Existenz gemacht ist; und ein Mensch des Tao ist in eine Harmonie mit der Existenz gefallen - natürlich ist er glücklich. Was auch immer er gerade tut, er tut es glücklich. Sein Glücklichsein geht seinem Tun voraus.

Manchmal bist du glücklich und manchmal bist du unglücklich - weil dein Glück bedingt ist. Wenn du Erfolg hast, bist du glücklich, wenn du scheiterst, bist du unglücklich; dein Glück hängt von irgendeiner äußeren Ursache ab. Du kannst nicht immer singen; sogar wenn du singst, wird dein Lied nicht immer gelungen sein. Manchmal wird es ein Genuss sein und manchmal bloß eine Wiederholung, stumpf und tot. Manchmal, wenn der Freund gekommen ist, wenn du eine Geliebte gefunden hast, bist du glücklich. Manchmal, wenn der Freund weg ist, die Geliebte dich verlassen hat, bist du unglücklich. Dein Glück und dein Unglück werden von außen her verursacht - es ist kein inneres Fließen, es ist nicht etwas, das du besitzt. Es wird dir von anderen gegeben und weggenommen, es wird dir von den Begleitumständen gegeben und weggenommen. Das ist nichts wert, denn du bleibst ein Sklave, du bist kein Meister.

14.07.2007 um 00:54 Uhr

Tao Te King 41 (6)

von: tao

  Für das erstklassige Denken ist der Weg überhaupt kein Weg,

er betritt den Tempel einfach ohne irgendeinen Pfad,

für irgendeine Brücke besteht keine Notwendigkeit.

Lao-tse sagt:

Wenn der höchste Typ Mensch das Tao hört

ereignet sich unmittelbare Wahrnehmung, unmittelbares Verstehen.

Bloß indem er den Menschen des Tao sieht,

bloß indem er sein Wort hört, oder bloß dadurch, dass er ihn atmen hört,

still, friedlich, an seiner Seite sitzend, versteht er.

Verstehen sie erst einmal

dann versuchen sie nicht, Wahrheit zu erreichen;

dann versuchen sie einfach, ihren Mechanismus zu verfeinern.

Sie haben die Wahrheit verstanden,

sie existiert, sie haben von ihr gehört.

Die Hindus nennen ihre Schriften shrutis.

Das Wort shruti bedeutet „das, was gehört worden ist".

All die Schriften sind „das, was gehört worden ist".

Wenn ein Mensch mit erstklassiger Intelligenz die Wahrheit hört,

versteht er sie.

13.07.2007 um 01:53 Uhr

Tao Te King 56 (8)

von: tao

  All diejenigen, die es erkannt haben, haben nicht gesprochen.

Du wirst es nicht glauben,

weil Buddha kontinuierlich vierzig Jahre gesprochen hat.

Jeden Tag sprach und sprach und sprach er vierzig Jahre lang.

Und trotzdem sagen diejenigen, die Buddha kennen gelernt haben, er sprach niemals ein einziges Wort.

Denn

alles, was gesprochen wird

ist bloß ein Hinweis.

Nichts ist darin ausgesprochen.

Es ist bloß ein Netz, ein Fischernetz,

so dass diejenigen, die in ihren Köpfen leben, gefangen werden können.

Sind sie erst einmal gefangen worden,

ist der Zweck der Sprache beendet.

Dann beginnen ihre Herzen zu pulsieren.

Dann ereignet sich eine Kommunion - keine Kommunikation, eine Kommunion -

zwischen dem Meister und dem Schüler,

dann beginnen ihre Herzen im gleichen Rhythmus zu schlagen.

Dann atmen sie im gleichen Rhythmus.

Dann ist es nicht mehr nötig, irgendetwas zu sagen.

Dann wird alles verstanden, ohne dass es gesagt wird.

Alles Reden ist dafür da, dich für das Schweigen vorzubereiten,

und nur im Schweigen kann die Wahrheit übergeben werden.

12.07.2007 um 22:33 Uhr

Tao Te King 64 (5)

von: tao

  Lao-tse hat etwas zu sagen

was nicht exakt so ist:

„Das, was still liegt, ist leicht zu halten";

aber er deutet damit in die richtige Richtung.

Wenn du dich selbst halten möchtest,

wenn du dich selbst kontrollieren möchtest,

wenn du ein Meister deines eigenen Wesens werden möchtest,

wenn du kein Sklave sein möchtest,

und dazu noch ein Sklave so vieler Meister:

Jeder manipuliert dich, manövriert dich,

kontrolliert dich, unterdrückt dich, beutet dich aus -

Feinde, Freunde,

diejenigen, die dir nahe sind, Kind und Kegel

und diejenigen, die Feinde sind - alle manövrieren dich,

versuchen, dich zu kontrollieren,

wenn du ein Meister von dir selbst sein willst -

 ist der einzige Weg, das Denken still werden zu lassen,

seinen Prozess zu verlangsamen,

seinen Wahnsinn herunterzufahren.

So wie das Denken vor sich geht, rast es wie verrückt.

Bremse diesen Prozess herunter.

Überrede es, schnell zu gehen, aber nicht zu rennen.

Dann überrede es, langsam zu gehen, und nicht schnell zu gehen.

Dann überrede es, überhaupt nicht zu gehen, sondern still zu stehen...

Überrede es nach und nach hin zu einem langsameren Denkprozess.

Sowie das Denken langsamer wird, wirst du imstande sein,

die Lücken zwischen zwei Gedanken zu sehen -

und in diesen Lücken wirst du dich selbst finden.

In diesen Intervallen ist der eine Gedanke vergangen,

der andere ist noch nicht gekommen;

die eine Wolke zieht vorbei, die andere Wolke ist noch nicht gekommen - sie kommt schon,

aber zwischen den beiden, im Intervall, dieser Raum,

da kannst du den blauen Himmel sehen.

Dieser blaue Himmel, das bist du.