Taoistische Reflektionen

11.07.2007 um 01:31 Uhr

Südliches Blütenland 20/2 (5)

von: tao

Der Taoismus kann dir nicht dabei helfen, jemand zu werden.

Er ist nicht dein Feind.

Er kann dir nur helfen, niemand zu sein.

Er kann dich nur in den Abgrund stoßen...

bodenlos.

Du wirst niemals irgendwo ankommen; du wirst dich einfach auflösen.

Du wirst fallen und fallen und fallen und dich auflösen,

und in dem Moment, in dem du dich auflöst

fühlt die ganze Existenz sich ekstatisch.

Die ganze Existenz feiert dieses Geschehen.

Buddha erreichte dies angeblich.

Wegen der Sprache schreibe ich „erreichte",

ansonsten ist das Wort hässlich, da gibt es keine Errungenschaft -

aber so kannst du es verstehen.

Buddha kam also angeblich zu diesem Leersein, diesem Nichtssein.

Zwei Wochen lang, vierzehn Tage saß er ununterbrochen schweigend da,

bewegungslos, ohne etwas zu sagen, ohne irgendetwas zu tun.

Es wird gesagt, dass die Gottheiten im Himmel beunruhigt wurden -

selten kommt es vor, dass jemand ein solch totales Leersein wird.

Die ganze Existenz fühlte eine Feier, also kamen die Gottheiten.

Sie verbeugten sich vor Buddha  und sagten:

Du musst etwas sagen,

du musst sagen, was du erreicht hast.

Von Buddha wird berichtet, er habe gelacht und gesagt:

Ich habe gar nichts erreicht;

ich hatte vielmehr, wegen dieses Denkens,

das immer etwas erreichen möchte,

alles verfehlt.

Ich habe gar nichts erreicht, das ist keine Errungenschaft;

vielmehr im Gegenteil, der Streber ist verschwunden.

10.07.2007 um 01:55 Uhr

Tao Te King 5 (13)

von: tao

Es ist von Schubert gesagt worden, dass es immer, wenn er die Violine spielte, lange Intervalle dazwischen gab. Einmal, als er eine Vorstellung gab, saß zufällig ein Musiklehrer in der vordersten Reihe. Schubert begann zu spielen, dann stoppte allmählich seine Hand und die Saiten seiner Violine wurden still. Ein Moment, zwei Momente, drei! Der Musiklehrer dachte, vielleicht hat er vergessen, was er spielen soll. „Spiel das, was du noch weißt", riet er ihm, „lass das aus, was du nicht mehr weißt". Die Gelehrten jeglicher Kunst, die sich mit all den Regeln auskennen, sind immer bereit, ihre Ratschläge zu geben. Sie wissen alles, was in den Regeln steht. Das, was jenseits aller Regeln ist, übersteigt auch ihren Horizont. Schubert schrieb in seiner Autobiografie: „Zum ersten Mal wurde mir das Niveau meiner Zuhörer klar. Was ich spielte, war nur die Passage, durch die die Musik floss, als ich stoppte. Aber der freundliche Kapellmeister sagte zu ihm: „Wenn du deine Noten vergessen hast, dann spiel etwas anderes". Schubert warf seine Violine auf den Boden und ging nach Hause. Er hob niemals wieder sein Instrument auf. Die Leute bedrängten ihn. „Vor wem soll ich denn spielen?", fragte er. „Diese Leute verstehen nichts von Musik. Sie halten den Lärm der Noten für Musik. Der ist nur da, um euch aufzuwecken, so dass ihr nicht einschlafen könnt. Dann, wenn ihr wach seid, sollte das Instrument anhalten, so dass ihr in das Schweigen schlüpfen könnt." Buddha pflegte zu sagen: „Was ich sagen konnte, habe ich euch gesagt, aber das ist nicht das Wirkliche. Das, was ich nicht sagen konnte, habe ich nicht gesagt, das ist die reale Sache. Deswegen werden die, die mich bloß gehört haben, nicht verstehen. Diejenigen, die mein „Nicht-Reden" gehört haben, nur die werden mich verstehen." Das zu hören, was ungesagt bleibt - kann dies möglich sein? Sicherlich ist es möglich. Tatsächlich ist das Reden nur zweckdienlich, wenn zwischen den beiden Ufern des Sagens der Fluss des Nicht-Sagens fließt. Töne sind nur brauchbar, wenn zwischen ihren beiden Ufern der Fluss der Musik fließt. Die Noten, die Worte, formen nur die Ufer, aber diejenigen, die die Ufer für den Fluss halten, verstehen niemals den Fluss. Sie kommen niemals zum Fluss. Lao-tse sagt: „Zwischen Himmel und Erde ist der leere Raum wie ein Blasebalg. Nur dies ist die unteilbare Energie." Egal, wie viel du von dieser Energie konsumierst, um soviel mehr regeneriert sie sich wieder. Je mehr du die Leere verwendest, desto mehr Leben wird geboren. Aber wir wissen nicht, wie wir die Leere benutzen können. Wir wissen auch nicht, wie man leer sein kann. Lao-tse zeigt uns, wie man Leere sein kann und wie man Gebrauch von dieser Leere machen kann.

09.07.2007 um 02:58 Uhr

Tao 291

von: tao

Verrückt 

Das Leben kann auf zweierlei Weise gelebt werden.

Wenn du unbewußt lebst, dann stirbst du einfach;

wenn du bewusst lebst

kommst du zu mehr und mehr Leben.

Der Tod wird kommen, aber er kommt niemals zu einem reifen Menschen,

er kommt nur zu einem Menschen, der gealtert ist und alt geworden ist.

Ein reifer Mensch stirbt niemals,

denn er wird sogar durch den Tod lernen.

Sogar der Tod wird eine Erfahrung sein

die intensiv gelebt, beobachtet und zugelassen werden kann.

Ein reifer Mensch stirbt nie.

Tatsächlich, vor einem reifen Menschen,

am Felsen der Reife,

kämpft der Tod und zerschellt an ihm,

er begeht Selbstmord.

Der Tod stirbt, aber niemals ein reifer Mensch -

das ist die Botschaft all der Erwachten:

Du bist todlos.

Sie haben es erkannt,

sie haben ihren Tod gelebt.

Sie haben zugeschaut,

und sie haben herausgefunden

dass er dich umzingeln kann

aber du bleibst abseits,

du bleibst weit weg davon.

Der Tod ereignet sich in deiner Nähe, aber er ereignet sich niemals für dich.

Todlosigkeit ist dein Wesen,

Glückseligkeit ist dein Wesen,

Göttlichkeit ist dein Wesen,

aber diese Erfahrungen

kannst du nicht in das Denken stecken und in das Gedächtnis stopfen.

Du musst durch das Leben hindurchgehen

und bis dahin kommen.

08.07.2007 um 00:47 Uhr

Quellender Urgrund 1/5 (5)

von: tao

 Wenn es einen Grund für das Glücklichsein gibt, dann wird diese Ursache Zeit brauchen: Du wirst sie praktizieren müssen, du wirst lang dafür üben müssen. Und die ganze radikale Einstellung des Taoismus ist die, dass du in eben diesem Moment glücklich sein kannst.

Was bedeutet das? Das bedeutet, dass es keinen Grund gibt, also brauchst du auch nichts einzuüben. Es geht bloß darum, dass du es zulässt - es ist schon da, wenn du es erlaubst. Wenn du es nicht zulässt, dann funktionierst du wie ein Stein; wenn du es erlaubst, wird der Felsen entfernt. Es ist nur eine Frage des Zulassens. Tao ist da, du lässt es zu - das ist alles. Wenn du es nicht zulässt, wird es nicht eintreten, denn es kann nicht deine Freiheit zerstören, es schützt deine Freiheit. Wenn du „nein" sagst, wird es dein Wesen nicht betreten. Wenn an deiner Türe geschrieben steht, dass niemandem ohne ausdrückliche Erlaubnis der Eintritt gestattet ist, wird es warten. Es wird nicht einmal nach deiner Erlaubnis fragen - es wird einfach warten, denn selbst die Bitte um deine Erlaubnis heißt, sich in deine Freiheit einzumischen. Es wird warten. Es wird nicht anklingeln. Es wird einfach warten. Tao ist überall, und wartet, und es wartet so still...das ist der Grund, warum seine Gegenwart nicht gespürt wird, es scheint fast abwesend zu sein. Kannst du es nicht sehen? Tao scheint die abwesendste Sache in der Welt zu sein. Das ist der Grund, warum Materialisten existieren können, warum sie sagen können: „Wo ist dein Tao? Wir sehen es nicht..." Es ist so unaufdringlich: Es erlaubt dir totale Freiheit. Und totale Freiheit beinhaltet, gegen Tao zu gehen.

Deine Natur ist die der Glückseligkeit. Du bist aus dem Stoff gemacht, den man Wonne nennt. Aber du musst es zulassen, du musst entspannen, du musst dich loslassen; da ist keine Ursache - bloß das Loslassen ist nötig. Daher kann es theoretisch in genau diesem Moment passieren - nicht einmal eine Zehntelsekunde muss verschwendet werden. Wenn es einen Grund gibt, dann...dann wird eine lange Zeit nötig sein, und sogar dann, man weiß ja nie - du magst erfolgreich sein, du bist vielleicht trotzdem nicht erfolgreich.

Sieh nur den Unterschied zwischen der hinduistischen Einstellung und der taoistischen Einstellung. Der Hindu, der Jaina, der Buddhist - sie alle sagen: Das Karma der vergangenen Leben muss entfernt werden. Viel muss getan werden, große Disziplin ist nötig - nur dann wirst du etwas erreichen können. Aschtavakra. Lao-tse. Bodhidharma, Lin Chi sagen: Nichts ist nötig, erlaube es einfach. Entspanne, gestatte es, und in eben diesem Moment wird es in dich einzuströmen beginnen.

07.07.2007 um 02:03 Uhr

Tao Te King 15 (11)

von: tao

  Wenn du an Nützlichkeit denkst,

dann ist ein junger Mensch nützlicher als ein alter Mensch.

Ein alter Mensch hat seine Energie verloren, sein Körper ist beeinträchtigt,

er ist krank, er kann jeden Tag sterben, er ist nicht nützlich -

er ist bloß eine Bürde.

Der ganze Respekt vor alten Leuten ist verschwunden.

Das ist eine Begleiterscheinung, wenn du die Vergangenheit nicht mehr respektierst

dann kannst du deinen Vater oder gar deinen Großvater nicht mehr respektieren,

und du erinnerst dich nicht einmal mehr an den Namen deines Urgroßvaters.

Es ist, als wenn er niemals existiert hätte.

Du beginnst mehr an deine Kinder zu denken und für sie zu fühlen -

sie sind die Zukunft.

Und die werden an ihre Kinder denken, bedenke das,

sie werden sich um dich auch keine Gedanken mehr machen.

Also leide nicht deswegen und empfinde nicht den Schmerz und die Verletzung, die davon herrührt. Im Westen ist die Zukunft signifikant geworden;

im Osten ist es immer die Vergangenheit gewesen.

Viele Dinge müssen da verstanden werden.

Warum ist die Zukunft im Westen signifikanter geworden?

Der Westen wird von Wissensmenschen dominiert: Professoren, Wissenschaftler,

Romanschriftsteller, Theologen und politische Demagogen.

Der Westen wird von gebildeten Menschen beherrscht -

und natürlich gibt es für einen jungen Menschen die Möglichkeit

mehr zu wissen als der alte Mensch

denn er steht immer schon auf den Schultern des alten Menschen

also kann er ein wenig weiter vorausschauen.

Dein Vater studierte vor dreißig oder vierzig Jahren an der Universität.

In diesen vierzig Jahren hat sich alles verändert,

was auch immer dein Vater weiß, ist fast schon veraltet.

Das Copyright der Bücher, die er in der Universität las,

gibt es  nicht mehr. Niemand kümmert sich noch um diese Bücher,

du findest sie nur noch in Verkaufsständen für gebrauchte Bücher. Sie sind nutzlos.

Was auch immer er in vierzig Jahren angehäuft hat, ist nutzlos

denn in vierzig Jahren hat sich eine Explosion an Wissen ereignet.

Und das geht immer weiter und weiter.

Deine Kinder werden mehr wissen als du.

Tatsächlich wissen sie schon mehr.

Zwei kleine Kinder gingen mit ihrer alten Großmutter in einen Zoo

und die alte Großmutter erklärte ihnen, was was war.

Dann kamen sie zum Wort „Storch", und die alte Frau sagte:

Dies ist der Vogel, der die Kinder aus dem Himmel bringt.

Diese zwei Kinder begannen zu kichern

und das eine flüsterte dem anderen ins Ohr:

Sollten wir dem alten Ding die Wahrheit sagen?

Aber das andere sagte. Warum sie beunruhigen? Lass sie bei ihrem Glauben bleiben.

06.07.2007 um 01:47 Uhr

Südliches Blütenland 17/11 (6)

von: tao

Sonstige

  Diese Unterscheidung muss berücksichtigt werden -

es gibt zwei Arten von Überlegenheit.

Bei der einen hast du bloß die Minderwertigkeit versteckt,

 sie zugedeckt, du verwendest eine Maske -

hinter der Maske, da ist die Unterlegenheit.

Deine Überlegenheit ist bloß oberflächlich,

tief innen bleibst du minderwertig,

und weil du das laufend spürst

musst du diese Maske der Überlegenheit tragen, der Schönheit.

Weil dir bewusst ist, dass du hässlich bist

musst du es bewerkstelligen, schön zu sein,

du musst es zur Schau stellen, du musst ein falsches Gesicht zeigen.

Das ist eine Art der Überlegenheit; sie ist nicht real.

Es gibt eine andere Art der Überlegenheit

und diese Höherwertigkeit ist die Abwesenheit von Minderwertigkeit,

nicht der Gegensatz dazu. Du stellst einfach keine Vergleiche mehr an.

Wenn du nicht mehr vergleichst, wie kannst du dann noch minderwertig sein?

Schau... wenn du der einzige Mensch auf der Erde wärst

und da ist niemand sonst mehr, wirst du unterlegen sein?

Mit wem wirst du dich dann vergleichen? In Bezug auf was?

Wenn du alleine bist, was wirst du dann sein, minderwertig oder höherwertig?

Du wirst keines von beiden sein.

Du kannst nicht minderwertig sein, weil es keinen über dir gibt;

du kannst dich nicht für höherwertig erklären

weil es keinen unter dir gibt.

Du wirst weder überlegen noch unterlegen sein -

und dies ist die Überlegenheit der Seele.

Sie vergleicht niemals.

Vergleiche, und die Minderwertigkeit entsteht.

Vergleiche nicht, und du bist einfach - einzigartig.

Ein taoistischer Mensch ist höherwertig in dem Sinn

dass die Minderwertigkeit verschwunden ist.

Ein Politiker ist überlegen in dem Sinn

dass er seine Minderwertigkeit überwältigt hat.

Sie ist noch versteckt da, sie ist immer noch in ihm.

Er benutzt bloß die Verkleidung, das Gesicht, die Maske eines überlegenen Menschen.

Wenn du Vergleiche anstellst, dann irrst du,

dann wirst du immer auf die anderen schauen.

Und keine zwei Personen sind die gleichen, das können sie nicht sein.

Jedes Individuum ist einzigartig und jedes Individuum ist höherwertig,

aber diese Überlegenheit ist nicht vergleichbar.

Du bist höherwertig, weil du nichts anderes sein kannst.

Überlegenheit ist einfach deine Natur.

Der Baum ist höherwertig, der Fels ist höherwertig.

Die ganze Existenz ist göttlich.

 

05.07.2007 um 00:00 Uhr

Goldene Blüte 8/33-35 (6)

von: tao

 

Du kannst Dinge logisch beweisen, sogar absurde Dinge. Sei wachsam. Dein Denken liebt die Träume. Dein Denken ist die Quelle des Träumens, daher hat dein Denken die Pflicht und Schuldigkeit, diese Träume zu unterstützen. Wenn du nicht sehr aufmerksam bist, wirst du von deinem eigenen Denken immer wieder getäuscht, ausgetrickst und in die Falle gelockt werden, in die gleichen Stupiditäten, die dir schon viele Male zugestoßen sind und die du schon viele Male bereut hast und viele Male den Entschluss gefasst und dir geschworen hast: „Niemals wieder!" Aber das Denken wird dir mit subtilen Verlockungen kommen. Das Denken ist der beste Vertreter. Das Denken ist sehr überzeugend. Und weil das Denken immer zu deinen unbewußten Sehnsüchten hält, unterstützt der Körper auch das Denken.

Die Bemühung, aufzuwachen, ist wirklich mühsam. Das ist die größte Herausforderung, der sich ein Mensch in seinem Leben stellen kann - und nur ein Mensch kann sich ihr stellen, ein couragierter Mensch. Es braucht Mut, die Herausforderung des Erwachens zu akzeptieren. Dies ist das größte Abenteuer, das es gibt. Es ist leichter, zum Mond zu kommen, es ist leichter, auf den Everest zu steigen, es ist leichter, in die Tiefen des pazifischen Ozeans zu tauchen. Das wirkliche Problem entsteht, wenn du tief in dein eigenes Selbst hineingehst. Das reale Problem taucht auf, wenn du aufzuwachen beginnst; dann íst deine ganze Vergangenheit dagegen. Deine ganze Vergangenheit hängt dir dann felsenschwer am Hals - sie zieht dich nach unten, sie erlaubt dir nicht, in den Himmel zu fliegen, in das Unendliche, in Tao, in Nirwana.

Das ist eine schöne Parabel, dass ein Meister stirbt und ein anderer Meister kommt, um ihn zu verabschieden - aber was für eine Art, sich zu verabschieden. Die Gelegenheit des Todes wird benutzt. Ja, nur sehr bewusste Leute können die Gelegenheit nutzen, die der Tod möglich macht. Der Tod aus unbewußter Sicht ist der Feind, der Tod aus bewusster Sicht ist der größte Freund. Der Tod, unbewußt betrachtet, ist bloß ein Zerschmettern all deiner Träume, all deiner Lebensmuster, all der Strukturen, die du dir aufgebaut hattest, von all dem, worin du investiert hast - ein völliger Kollaps, eine Türe zum Göttlichen.

Ninakawa liegt im Sterben und Ikkyu fragt: „Soll ich dich weiterführen?" Er sagt damit, dass der Tod ein Beginn ist, kein Ende. „Soll ich dich weiterleiten? Brauchst du irgendwie meine Hilfe? Du bist gerade dabei, eine neue Seinsweise zu lernen, eine neue Sichtweise ist im Entstehen; du betrittst gerade eine neue Dimension, eine neue Fülle - soll ich dich anleiten? Ist meine Hilfe in irgendeiner Weise nötig?" Ninakawa erwiderte: „Ich kam alleine hierher und ich gehe alleine. Von welcher Hilfe könntest du für mich sein?"

Ja, wir kommen alleine und wir gehen alleine. Und zwischen diesen beiden Einsamkeiten erzeugen wir all die Träume des Zusammenseins, der Beziehung, Liebe, Familie, Klubs, Freunde, Gesellschaften, Nationen, Kirchen, Organisationen. Alleine kommen wir, alleine gehen wir. Alleinsein ist unsere ultimative Natur. Aber zwischen diesen beiden, wie viele Träume träumen wir! Man wird ein Ehemann oder eine Ehefrau, ein Vater oder eine Mutter. Man spart Geld an, sammelt Macht, Prestige, Respektabilität, und weiß doch ganz genau, dass du mit leeren Händen kommst und dass du mit leeren Händen gehst. Du kannst keine Sache von hier mitnehmen - trotzdem häuft man laufend an, trotzdem identifiziert man sich laufend mit irgendetwas, wird immer verhafteter, immer mehr verwurzelt in dieser Welt, von der wir Abschied nehmen müssen. Benutze diese Welt als eine Karawanserei, eine Raststätte, mach dir in ihr kein Zuhause. Nutze sie, gewiss, aber lass dich nicht von ihr benutzen. Es hat keinen Sinn, irgendetwas zu besitzen, denn in dem Moment, in dem du etwas in Besitz zu nehmen beginnst, wirst du davon besessen.

04.07.2007 um 00:00 Uhr

Tao 290

von: tao

  Wenn du ein Leben lebst

der Bequemlichkeit, der Sicherheit und des Komforts

wirst du Gefahren vermeiden,

wirst du viele Schwierigkeiten und Leiden umgehen;

aber indem du diese Schwierigkeiten und Leiden vermeidest

wirst du all die Wonne vermeiden, die im Leben möglich ist.

Wenn du Leiden umgehst, umgehst du Glück, bedenke das.

Wenn du versuchst, einem Problem zu entkommen

dann fliehst du damit auch vor der Lösung.

Wenn du dich einer Situation nicht stellen willst

dann verkrüppelst du damit dein eigenes Leben.

Lebe niemals ein kontrolliertes Leben - das ist das Leben eines Aussteigers -

aber sei diszipliniert. Diszipliniert nicht wegen mir,

nicht wegen irgendjemandem, sondern gemäß deines eigenen Lichts.

„Sei ein Licht für dich selbst."

Das war Buddhas letzter Ausspruch, bevor er starb;

das Letzte, was er äußerte, war: „Sein ein Licht für dich selbst."

Das ist Disziplin.

In Indien bedeutet samadhi zweierlei:

Der Friedhof, das Grab, wo ein Mensch beerdigt ist

und auch die finale Verwirklichung, die ultimative Realisation -

beides, denn beides ist eine Art von Tod.

Wenn du stirbst, ist es ein gewöhnlicher Tod des Körpers,

aber die Bündelung des Denkens überlebt, nimmt weiter neue Geburten auf sich,

reinkarniert sich, bewegt sich weiter im Rad von Leben und Tod.

Der gewöhnliche Tod ist kein totaler Tod,

es ist ein partieller Tod, ein Teil von dir stirbt;

aber der verbleibende Teil ist so machtvoll

dass er den toten Teil wiedererschafft, ein neuer Körper wird wieder aufgebaut.

Ein neuer Körper kristallisiert sich wieder.

Dann ist da der finale Tod.

Der endgültige Tod ist nur der eines Menschen des Tao, eines Menschen, der es erkannt hat,

der dahin gekommen ist, das Geheimnis des Lebens kennen zu lernen,

der all das realisiert hat, was das Leben geben kann -

nun gibt es nichts mehr für ihn, zu dem er zurückkommen müsste,

er hat die Prüfung bestanden, er kehrt nicht mehr wieder.

Er stirbt nicht nur als Körper, er stirbt als Denken, als Ego.

Er stirbt komplett.

Da bleibt nur noch der innere Raum

der eins wird mit dem äußeren Raum;

die Wände zwischen dem Innen und dem Außen verschwinden.

Die Inder nennen das Samadhi.

03.07.2007 um 00:00 Uhr

Tao Te King 1 (19)

von: tao

 Alle Sprache ist zwecklos. Wahrheit kann nicht ausgedrückt werden.

Was haben dann all die Schriften getan?

Was hat Lao-tse dann getan?

Was haben dann die Upanishaden getan?

Sie versuchen alle, etwas zu sagen, was nicht gesagt werden kann

in der Hoffnung, dass eine Sehnsucht in dir entstehen mag, etwas darüber in Erfahrung zu bringen. Die Wahrheit kann nicht gesagt werden, aber allein schon bei der Anstrengung, sie zu sagen, kann beim Hörer oder Leser ein Verlangen entstehen

das kennen zu lernen, was nicht ausgedrückt werden kann.

Ein Durst kann provoziert werden.

Der Durst ist da,

du bist schon durstig, aber du brauchst eine kleine Provokation.

Wie kann es anders sein?

Du bist nicht glücklich, du bist nicht ekstatisch, du bist durstig.

Dein Herz ist ein brennendes Feuer

und du suchst nun etwas, was den Durst löschen kann,

aber, weil du das Wasser nicht findest, weil du die Quelle nicht findest,

hast du nach und nach versucht, deinen Durst selbst zu unterdrücken.

Das ist der einzige Weg, sonst wäre es zuviel -

es würde dir nicht erlauben, überhaupt zu leben. Also unterdrückst du den Durst.

Ein Meister wie Lao-tse weiß gut, dass Wahrheit nicht gesagt werden kann,

aber allein schon der Versuch, sie zu sagen, wird etwas hervorrufen,

wird den unterdrückten Durst in dir an die Oberfläche bringen.

Und taucht der Durst erst einmal wieder auf, beginnt eine Suche, eine Infragestellung.

Und er hat dich in Bewegung gesetzt.

„Das Tao, von dem geredet werden kann

Ist nicht das Absolute Tao."

Es kann höchstens relativ sein.

Zum Beispiel können wir etwas über das Licht einem blinden Menschen sagen

wohl wissend, dass irgendetwas über Licht unmöglich zu kommunizieren ist

weil er keine Erfahrung damit hat.

Aber trotzdem kann etwas über das Licht gesagt werden -

Theorien über das Licht können gesagt werden.

Sogar ein blinder Mensch kann ein Experte für Theorien über das Licht werden,

er kann ein Experte werden für die gesamte Wissenschaft vom Licht;

da gibt es kein Problem;

aber er wird nicht verstehen, was Licht ist.

Er wird verstehen, aus was Licht besteht;

er wird die Physik des Lichts verstehen, die Chemie des Lichts;

er wird die Poesie des Lichts verstehen;

aber er wird die „Faktizität" des Lichts nicht verstehen, das, was es ist.

Er wird die Erfahrung des Lichts nicht verstehen.

Also ist alles, was einem blinden Menschen über Licht gesagt wird, nur relativ sein;

es ist etwas über das Licht, nicht das Licht selbst.

Licht kann nicht kommuniziert werden.

Sonstige

02.07.2007 um 00:04 Uhr

Tao 289

von: tao

  Beschäftigt

Wenn du in Beziehung zu Leuten stehst, wirst du tausendmal provoziert, herausgefordert und verführt. Immer wieder kommt es dazu, dass du deine Fallgruben und deine Beschränktheiten kennen lernst, deine Wut, deine Lust, deine Besitzgier, deine Eifersucht, deine Traurigkeit, dein Glücklichsein - alle Stimmungen kommen und gehen, du bist ständig in einem Aufruhr. Aber das ist der einzige Weg, zu erkennen, wer du bist.

Selbsterkenntnis ist nicht das Wissen über ein totes Selbst, Selbsterkenntnis ist das Wissen um den Prozess des Selbst. Das ist ein lebendiges Phänomen. Das Selbst ist kein Ding, es ist ein Ereignis, es ist ein Prozess. Denke niemals in dinglichen Begriffen - das Selbst ist nicht in dir vorhanden genau wie ein Ding, das in deinem Zimmer wartet. Das Selbst ist ein Prozess: Es verändert sich, bewegt sich, erreicht neue Höhen, begibt sich auf neue Ebenen, geht tiefer in neue Tiefen. In jedem Moment geht viel Arbeit vor sich und der einzige Weg, diesem Selbst zu begegnen, ist, ihm unvermutet in der Beziehung zu begegnen.

Liebe ist der Spiegel. Lass deine Meditation sich in der Liebe spiegeln. Wenn du feststellst, dass da etwas fehlt, meditiere mehr - aber fliehe niemals vor der Liebe; lass es sich immer wieder in der Liebe widerspiegeln, denn das wird das einzige Kriterium sein, ob du dich im Wachsen befindest oder nicht. Wenn du wirklich dabei bist, in Liebe zu wachsen, wirst du bald sehen, dass die Liebe geblieben und die Eifersucht verschwunden ist; dass die Liebe geblieben und das Besitzergreifend-Sein verschwunden ist; dass die Liebe geblieben und der Hass verschwunden ist. Eine große Reinheit entsteht, eine großartige Unschuld. Ein Duft wird in deiner Seele freigesetzt. Meditiere weiter und liebe weiter. Lass Liebe und Meditation zwei Flügel sein. Lass sie sich gegenseitig helfen.

Das ist ein Pfad, der mühsam ist, der wirklich beschwerlich ist. Liebe allein ist gut, denn da gibt es nichts zu reflektieren, Meditation alleine ist einfach, denn da ist kein Spiegel, der reflektieren könnte, aber Meditation und Liebe zusammen....das wirft dich genau in das Auge des Sturms. Aber das ist der einzige Weg, nach Hause zu kommen.

Und wenn nach dem Sturm die Dinge still werden, dann ist das Schweigen lebendig, es ist nicht das tote Schweigen eines Friedhofs.

Das ist der Weg des Tao, Scherereien für uns zu bereiten, uns auf gewagte Reisen zu schicken, uns in neue Seinsweisen zu stoßen, in neue Lebensstile, in das Unbekannte hinein, das Unvertraute, das Fremde. Du würdest gerne bei dem dir Vertrauten bleiben, denn da bist du sehr effizient geworden. Doch auf dem Weg des Tao wirst du wieder und wieder aus dem Vertrauten in das Unvertraute gedrängt - denn wo immer du effizient geworden bist, da bist du mechanisch geworden. Maschinen sind effizient. Wenn du also effizient geworden bist, wisse wohl, dass du dich nun weiterbewegen musst. Dies ist jetzt nicht mehr von irgendeinem Wert, du musst weitergehen. Du hast es gelernt, nun geh und lerne etwas anderes.

Wenn eine Person in jedem Moment ihres Lebens ein Lernender bleibt, von der Geburt bis zum Tod, nur dann kommt das Erwachen - sonst nicht. Also bleibe niemals irgendwo stehen. Jemand fragte Buddha: „Was ist Erleuchtung?" Und er sagte: „Charaiveti, charaiveti" - gehe immer weiter, gehe immer weiter, bleibe niemals stehen, werde eine ewige Reise. Ja, du kannst halt machen und übernachten, du kannst unter einem Baum ausruhen, aber bau dir dort kein Haus. Lass das ewige Wachsen dein einziges Zuhause sein. Dafür gibt es kein Ende - das ist die Bedeutung des Spruches, dass Gott unendlich ist. Es gibt kein Ende dafür. Du kommst laufend an und an und an, aber du kommst niemals wirklich an.  Du kommst laufend näher und näher und näher, aber du kannst niemals sagen, dass du angekommen bist...Die Realität ist so unendlich, wie kannst du behaupten, sie in deiner Faust zu halten?

01.07.2007 um 02:25 Uhr

Tao 288

von: tao

 

Wenn du möchtest, dass dich die Ganzheit überschüttet als ein Ganzes,

dann wähle nicht.

Wenn du eine Wahl triffst, wirst du ein Bettler bleiben;

wenn du keine Entscheidung triffst, wirst du der Herrscher werden.

Wenn du wirklich das Gefühl hast, dass du nichts weißt, was gibt es dann noch zu sagen?

Punkt.

Das würde genug sein.

Aber nein, dann mischt sich das Wissen ein.

Du weißt genau, dass dies bloß ein Trick ist.

Du weißt, dass du ein Spiel der Unwissenheit spielst, um weise zu erscheinen

weil du gehört hast, dass Leute, die weise sind

sagen, dass sie überhaupt nichts wissen.

Dann bist du clever.

Dieses Clever-Sein wird dich umbringen,

diese Cleverness wird nichts helfen.

Wenn du nichts weißt, dann weißt du nichts,

und wenn du nichts weißt und bei deiner Unwissenheit bleiben kannst,

dann wirst du Präsenz spüren

denn wenn jemand unwissend ist, ist dieser jemand ungeheuer weit und unbegrenzt.

Die Unwissenheit hat keine Grenzen,

nur Wissen hat Grenzen, nur Wissen hat Begrenzungen.

Das Wissen ist verschlossen, Unwissenheit ist eine Öffnung, ein unendliches Öffnen.

Wissen ist geräuschvoll, Unwissenheit ist still -

da ist nichts, was man an die große Glocke hängen könnte, da ist nichts, worüber man viel Aufheben machen könnte. Man ist unwissend - beendet!

Dann ist man wirklich unwissend

und dann könnten keine anderen Worte mehr folgen,

sie könnten einfach nicht mit der Unwissenheit zusammen existieren.

Nein, du versuchst lieber, weise zu sein.

Von woher kommen die Worte dann? Aus deiner Unwissenheit?

Du weißt schon alles.

Du bist eine schlafende Seele, keine Worte können deine Fragen beantworten.

Und du hast die Antwort sowieso schon gehört

und du kennst die Antwort.

In deiner unbegrenzten Unwissenheit, ohne Grenzen,

begegnest du der Ganzheit, triffst du auf Tao.

Du hast die Schönheit der Unwissenheit nicht kennen gelernt, nein.

Du versuchst höchstens so zu tun, als ob du unwissend wärst

aber dein Wissen wird es dir nicht gestatten.

Es mischt sich ein, es ist immer da und ist um dich herum.

Sogar wenn du sagst, dass du unwissend bist

wirst du diese Unwissenheit sehr wissend aussehen lassen,

du wirst diese Unwissenheit mit Wissen ausschmücken.

Unwissenheit ist nackt und bloß, du kannst sie nicht dekorieren;

nur das Wissen ist dekoriert und poliert.