Taoistische Reflektionen

31.10.2007 um 23:59 Uhr

Tao 335

von: tao

 

Die Dinge sind ein wenig aus dem Ruder gelaufen,

aber der Teufel ist göttlich und er muss zurückgerufen werden,

und wenn du ihn bekämpfst, kannst du ihn nicht zurückholen.

Durch das Kämpfen geht er immer weiter weg,

und dir wird immer ein Teil fehlen. Dieser fehlende Teil

wird dich nicht in Frieden lassen. Er muss nach Hause geholt werden,

er muss in die Ganzheit absorbiert werden.

Wenn du alles akzeptierst, erblüht plötzlich Liebe, der Hass verschwindet.

Wenn ich also befürworte, den Hass zu akzeptieren, dann bin ich nicht dafür, hasserfüllt zu sein;

tatsächlich zerschneide ich damit die eigentliche Wurzel des Hassens.

Wenn ich Akzeptanz befürworte, zerschneide ich mit diesem Akzeptieren die eigentliche Wurzel.

Du wirst niemals wieder hasserfüllt sein, wenn du akzeptierst;

wenn du nicht akzeptierst, wird du voll Hass bleiben,

und deiner Liebe wird etwas fehlen. Dies muss tief verstanden werden,

denn das ist kein metaphysisches Problem,

es ist existentiell. Es ist ein Problem, das jeder in sich trägt.

30.10.2007 um 00:24 Uhr

Tao 334

von: tao

 

Der Kopf mischt sich in die Emotion ein.

Dann unterdrückst du sie und dann versuchst du, dich in jemanden zu verlieben

der, rational gesehen, zu dir paßt.

Niemand kann sich absichtlich verlieben.

Wenn du dich anstrengst, dich dazu zwingst

kann das höchstens eine Ehe sein, aber niemals eine Liebesgeschichte.

Es wird immer impotent sein, es würde nicht diese Intensität haben.

Du mischst dich ständig bei dir ein.

Der Körper sagt: "Ich bin hungrig", aber du sagst: "Das ist jetzt nicht die Zeit dafür".

Wenn der Körper sagt: "Ich bin nicht hungrig",

dann zwingst du weiterhin Essen in ihn hinein, weil du sagst;

"Jetzt ist Mittagessenzeit und ich habe sonst keine Zeit mehr

also ist es jetzt Zeit dafür und du mußt eben essen".

Gurdjieff pflegte zu sagen

dass all die drei menschlichen Zentren, Körper, Emotion und Kopf, miteinander vermischt sind

und das ist der Grund, warum du so konfus bist.

Keine Klarheit existiert in dir. Alles ist Schall und Rauch, ein Wirrwarr.

In dir existiert keine Flamme.

Das erste, was Gurdjieff zu tun pflegte

war also, jedes Zentrum zu seinem eigenständigen Funktionieren zu bringen.

29.10.2007 um 01:33 Uhr

Tao 333

von: tao

Der Teufel existiert in der Teilung.

Wenn du geteilt bist, dann kriecht er in die Risse,

er schlägt Wurzeln in den Ritzen, die sich zwischen zwei Teilen auftun,

Wenn du alles akzeptierst, das ganze Leben, wie es ist,

ohne Verneinung, ohne Entsagung,

ohne den Dingen Namen zu geben -- das ist schlecht und dies ist gut --

wenn du das Leben akzeptierst, wie es ist, was auch immer es ist,

was auch immer der Fall ist, wenn du es in seiner Totalität akzeptierst,

dann verschwindet der Teufel.

Er wird von Gott verschluckt, er wird vom Göttlichen absorbiert.

Der Teufel ist göttlich -- auch schon im bloßen Wortstamm.

Teufel kommt von der gleichen Wurzel wie das englische Wort für göttlich, divine --

sie beide kommen von der Sanskritwurzel "dev".

Der Teufel ist göttlich. Das ist die Wurzelbedeutung dieses Begriffs.

28.10.2007 um 02:09 Uhr

Südliches Blütenland 17/3 (6)

von: tao

 

Was nah ist, langweilt dich, du hast es satt;

was weit weg ist, gibt dir Träume, Hoffnungen, eine Möglichkeit für Lust und Vergnügen.

Also beschäftigt sich das Denken immer mit dem Entferntliegenden.

Es ist immer die Frau von jemand anderem, die attraktiv und schön ist;

es ist immer das Haus von jemand anderem, das dich fesselt;

es ist immer das Auto von jemand anderem, das dich fasziniert.

Es ist immer das in der Entfernung. Du bist blind für das, was ganz nah ist.

Das Denken kann das, was ganz nah ist, nicht sehen.

Es kann nur das sehen, was sehr weit weg ist.

Und was ist am weitesten weg, liegt am entferntesten ?

Der Gegensatz ist das, was am weitesten entfernt ist.

Du liebst eine Person --

dann ist der Hass das Phänomen, was ganz weit weg ist;

du stopfst das Essen in dich hinein --

nun ist Fasten das Phänomen, was ganz weit weg ist;

du bist sexuell enthaltsam --

dann ist Sex das Phänomen, was ganz weit weg liegt;

du bist ein König --

dann ist ein Mönch das Phänomen, was ganz weit weg ist.

27.10.2007 um 21:03 Uhr

Tao 332

von: tao

Buddha ist weise, Mahavir ist weise,

du kannst kein bißchen Torheit in ihnen finden.

Sie sind Perfektion und Lao-tse ist es nicht, Dschuang Dsi ist das nicht,

Liä Dsi ist es nicht. Sie sind widersprüchlich, paradox,

aber darin liegt ihre Schönheit.

Buddha ist monoton. Wenn du Buddha heute verstehst,

hast du sein Gestern verstanden

und du hast auch sein Morgen verstanden.

Er ist ein konsistentes Etwas,

sauber, logisch, bewegt sich auf einer Linie, linear.

Aber Lao-tse geht zickzack, er rennt umher wie ein Verrückter. Du wirst das verstehen,

so wie du dich auf seine Aussprüche einläßt,

du wirst erkennen, dass er sich wie verrückt bewegt,

Obwohl seine Äußerungen oberflächlich gesehen keinen Sinn ergeben,

sind es äußerst sensible Statements.

Aber um denn Sinn zu verstehen wirst du dich komplett ändern müssen.

26.10.2007 um 23:58 Uhr

Südliches Blütenland 17/3 (5)

von: tao

Zeit wird durch die Bewegung des Denkens erschaffen,

genau wie die Bewegung des Pendels.

Das Denken bewegt sich, du fühlst die Zeit.

Wenn sich das Denken nicht bewegt, wie kannst du dann die Zeit spüren ?

Wenn es keine Bewegung gibt, kann Zeit nicht empfunden werden.

Wissenschaftler und Mystiker stimmen in diesem Punkt überein:

Bewegung erzeugt das Phänomen der Zeit.

Wenn du dich nicht bewegst, wenn du still bist,

verschwindet die Zeit, kommt die Ewigkeit in die Existenz.

Deine Uhr bewegt sich schnell,

und ihr Mechanismus ist Bewegung vom einen Extrem zum anderen.

Was es als nächstes über das Denken zu verstehen gibt

ist, dass das Denken immer nach dem Entfernten strebt,

niemals nach dem, was nah ist.

25.10.2007 um 22:09 Uhr

Südliches Blütenland 17/10 (8)

von: tao

Um Dschuang Dsi und Lao-tse zu verstehen, um den Taoismus zu verstehen,
wirst du verstehen müssen
dass sie nicht an Kämpfen jeglicher Art glauben.
Sie sagen: Kämpfe nicht, lebe !
Lass einfach los und lass dich gehen,
so kann die Natur dich durchdringen und du kannst die Natur durchdringen.
Sie sagen: Sei einfach einfach normal, versuche nicht außergewöhnlich zu sein, versuche nicht, jemand zu sein, sei bloß niemand.
Du wirst dich mehr freuen, denn du wirst mehr Energie übrig haben,
du wirst voll Energie sein.
Da ist ungeheuer viel Energie in dir, aber die wird durch das Kämpfen verbraucht; du teilst dich selbst und dann kämpfst du auf beiden Seiten
und die Energie wird zerstreut und aufgelöst.
Dieselbe Energie kann ekstatisch werden
wenn du ihr erlaubst, sich in innerer Harmonie zu bewegen, und nicht ins Kämpfen zu fließen.

24.10.2007 um 03:01 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (17)

von: tao

Philosophie ist niemals unschuldig,

sie ist immer ausgeklügelt, sie ist ein Hilfsmittel des Denkens.

Drei Freunde diskutierten das Leben,

denn zwischen Freunden ist ein Dialog möglich.

Im Osten ist es also Tradition gewesen

dass, bevor du nicht Freundschaft, Liebe, Ehrerbietung und Vertrauen vorfindest,

kein Tiefergehen möglich ist.

Wenn du zu einem Meister gehst und dein Boot ist voll mit deinen Ideen,

dann kann es keinen Kontakt geben, es kann kein Dialog stattfinden.

Zuerst mußt du leer sein,

so dass Freundschaft möglich wird,

so dass du hinschauen kannst, ohne dass irgendwelche Ideen dir vor den Augen herumschweben,

so dass du hinschauen kannst, ohne schon Schlußfolgerungen getroffen zu haben.

Und immer wenn du ohne Schlußfolgerungen sehen kannst,

ist deine Perspektive ganz weit, sie ist nicht begrenzt.

Sonstige

23.10.2007 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 27/20 (13)

von: tao

Wenn du einem Dschuang Dsi zuhörst, dann höre bloß zu.

Von deiner Seite her ist nichts anderes nötig

als eine passive Rezeptivität, ein Willkommenheißen.

Alles ist klar, aber du kannst alles durcheinander bringen,

und kannst dann ganz verwirrt werden von deiner eigenen Kreation.

Die Schüler müssen Dschuang Dsi verpaßt haben --

und sie verpassen ihn immer wieder.

Sie machen sich Sorgen darüber, was getan werden sollte.

Und dieser Punkt muss verstanden werden:

Ein Mensch mit Weisheit beschäftigt sich immer mit dem Sein,

und ein ignoranter Mensch

ist immer mit Tunsfragen beschäftigt, was getan werden soll.

Das Sein ist keine Frage für ihn.

Dschuang Dsi ist mit dem Sein beschäftigt;

die Schüler sind mit dem Tun beschäftigt.

Wenn der Tod kommt. was sollte dann getan werden ?

Was sollten wir tun ? Der Meister liegt im Sterben-

Was ist also mit der Bestattungsfeier ? Wir müssen das doch planen.

22.10.2007 um 02:55 Uhr

Tao Te King 78 (6)

von: tao

 

Wenn das Leben mit Atmen beginnt,

und der Tod auch,

und alles spielt sich zwischen diesen beiden ab,

dann können Yoga, Taoismus, Tantra

und alle Wissenschaften der inneren Alchemie,

den Atem nicht vernachlässigen.

Yoga nennt ihn Prana.

Dieses Wort ist schön.

Yoga nennt das Atmen Prana.

Prana bedeutet den elan vital,

die eigentliche Vitalität deines Wesens.

Das ist nicht bloß Luft, die durch deine Lungen kommt und geht.

Yoga sagt

die Luft ist bloß die äußere Schicht davon.

Tief verborgen in dieser Schicht

ist die Vitalität.

Wütend

21.10.2007 um 00:55 Uhr

Tao Te King 64 (9)

von: tao

Du mußt schon bewußt sein

wenn der Ärger noch da ist.

Es ist schwierig, ihn zurückzudrängen

aber wenn du dir bewußt wirst, wenn die Wut noch da ist

dann wird sie niemandem schaden können,

du wirst sie bloß beobachten, sie wird verdampfen.

Es ist unmöglich, sie wieder zurückzuschieben, sie hat Besitz von dir ergriffen;

sie wird dir schaden, aber sie wird niemand anderem ein Leid zufügen.

Du wirst nicht mehr auf jemand anderen zornig sein;

du wirst bloß vor Wut kochen

und läßt es dann in das Vakuum sich wieder auflösen, in den Himmel freigesetzt werden.

wenn du auf dieser zweiten Stufe bewußt wirst

wirst nur du verletzt werden, niemand sonst.

Aber wenn du schon auf der ersten Stufe bewußt wirst,

dann wirst sogar du keinen Schaden erleiden.

20.10.2007 um 01:40 Uhr

Tao 331

von: tao

 

Unnatürlich zu sein ist zu unserem natürlichen Leben geworden.

Natürlich ist es dann ein Wunder, natürlich zu sein, das größte Wunder:

Sich bloß an gewöhnlichen Dingen zu freuen, am Essen, Schlafen, Trinken,

dem Lufthauch, der an dir vorbeizieht....

Wenn du gewöhnliche Dinge genießt, dich an ihnen erfreust,

wird das ganze Leben eine Feier.

Werner Erhard hat recht, wenn er folgende lao-tsegemäße Sache sagt:

"Probleme, die du versucht hast zu ändern oder dich mit ihnen herumzuschlagen,

klären sich auf im Prozeß des Lebens und schaffen sich selbst aus der Welt."

Lebe das Leben, lebe es in seiner Totalität, begib dich in all seine Dimensionen --

schwelge in jeder Dimension, genieße es total,

und am Ende wirst du feststellen, dass dir alles geholfen hat.

Alles, wirklich alles.

Sogar die Frau oder der Mann, die soviel Leid für dich erzeugt haben, sogar die;

sogar das Kind, das du so sehr liebtest und das so früh starb, sogar das;

sogar das Geschäft, das ein Mißerfolg war und dich bankrott machte, ja, sogar das.

Alles! 

19.10.2007 um 14:38 Uhr

Tao Te King 1 (21)

von: tao

Das Wort steht im Wörterbuch.

Sogar wenn du es nicht verstehst, kannst du im Wörterbuch nachschauen

und wirst wissen, was es heißt.

Aber die Bedeutung liegt in dir, der Sinn kommt durch Erfahrung.

Wenn du jemanden geliebt hast

dann kennst du die Bedeutung des Wortes "Liebe".

Die wörtliche Bedeutung steht im Wörterbuch,

ist vorgegeben von der Sprache, der Grammatik.

Aber die erfahrungsmäßige Bedeutung, der existentielle Sinn, ist in dir.

Wenn du die Erfahrung kennengelernt hast, ist augenblicklich das Wort "Liebe"

nicht mehr leer; es enthält etwas.

Und wenn ich hier etwas schreibe,

ist das leer, bevor du nicht deine Erfahrung da hineinbringst

und wenn deine Erfahrung dazukommt, wird es signifikant.

Sonst bleibt es leer -- Worte und Worte und Worte.

18.10.2007 um 22:41 Uhr

Tao Te King 71 (11)

von: tao

 

Wenn du dich dem Chaos gestellt hast,

wenn du der Anarchie der inneren Welt gegenübergestanden bist,

dann wirst du fähig dazu, die vierte Ebene zu betreten.

Die vierte ist die Todesebene, die Todesschicht.

Nach dem Chaos hat man sich dem Tod zu stellen --

das Chaos bereitet dich darauf vor.

Auf der vierten,

wenn du sie erreichst, wirst du ein plötzliches Sterbegefühl haben -- du bist am Sterben.

In tiefer Meditation, wenn du das Vierte berührst

beginnst du zu spüren, dass du gerade stirbst.

Oder -- weil Meditation nicht solch eine universale Erfahrung ist --

in tiefem sexuellen Orgasmus hast du auch das Gefühl, dass du gerade stirbst.

Überall auf der Welt

überkommt Leute mit verschiedener Kultur, Sprache und Konditionierung,

immer wenn sie einen Orgasmus erleben,

plötzlich ein Gefühl des Todes.

Wütend

17.10.2007 um 01:00 Uhr

Quellender Urgrund 2/16 (2)

von: tao

Immer wenn du zum Beispiel krank bist, wirst du körperbewußt. Du bist schwach, du hast ein Fieber, etwas läuft verkehrt im Körper; du wirst dir des Körpers bewußt. Es tut weh -- du bist dir deines Körpers bewußt. Wenn der Körper absolut in Ordnung ist, gesund, in einem Zustand des Wohlseins, bist du dir seiner nicht bewußt; nicht dass du nicht weißt, dass du gesund bist, aber kein Selbst-Bewußtsein ist nötig. Du bist einfach gesund. Ein Zustand des Wohlbefindens umgibt dich.
Aber in diesem Zustand gibt es keine Trennung zwischen dem Zustand und dem Erkennenden. Du bist eins damit. Es ist nicht so, dass du das Wohlsein fühlst, du bist Wohl-Sein, wer wird sich dessen also bewußt sein? Es gibt keine Aufteilung, wer wird also darüber Bescheid wissen? Nur in der Krankheit kommt es zur Teilung. Du bist total eins mit dem Körper, wenn der Körper gesund ist. Wenn der Körper krank ist, ereignet sich eine Spaltung; du wirst auseinandergebrochen. Du bist nicht mehr zusammen. Der Körper existiert irgendwo, du existierst irgendwo anders. In der Meditation bist du eins mit deinem Bewußtsein, also funktioniert und existiert es nicht als ein Denken. Du bist eins -- da ist keine Teilung. Wenn es keine Trennung gibt und sich Einheit einstellt, dann verschwindet alles Selbstbewußtsein. Ich wiederhole das, weil du es mißverstehen kannst. Es ist nicht so, dass das Selbst verschwindet, bloß das Selbst-Bewußtsein verschwindet. Und bedenke, du wirst nicht in einem Zustand des Unbewußtseins sein, du wirst völlig bewußt sein, aber nicht selbst-bewußt. Du wirst vollkommen bewußt sein, hellwach, aber da wird nur Bewußtheit sein, keine Aufteilung, wer wessen bewußt ist -- kein Subjekt, kein Objekt, einfach ein kompletter, ein totaler Zustand --ein Kreis der Bewußtheit. Diese Bewußtheit, in der es kein Selbst-Bewußtsein gibt, ist egolos. Und diese Bewußtheit hat eine Grazie, eine Schönheit, eine Anmut, die nicht zu dieser Welt gehört. Sogar eine häßliche Person wird in diesem Zustand schön werden, häßlich, soweit es die Kriterien dieser Welt betrifft, aber durchtränkt, erhellt von und mit etwas vom Darüberhinaus. Der Körper, die Gestalt, mag nicht schön sein, aber sie ist erfüllt von irgendeiner unbekannten Grazie. Und dann vergißt du den Körper; die Anmut ist so groß, dass den Körper einfach nicht mehr beachten kannst -- du spürst den Liebreiz.
Alle Menschen des Tao sind schön, nicht dass ihre Körper immer schön sind -- nein. Aber sie sind erfüllt von irgendeiner unbekannten Wonne, die dich anrührt, einer Anmut, die das Milieu um sie herum anreichert. Sie tragen ihr eigenes Klima mit sich herum, und wo immer sie sind, hat du plötzlich das Gefühl, dass sich das Mikroklima verändert hat. Und das ist solch eine gewaltige Kraft, dass du gar nicht auf ihre Körper schauen kannst, ihre Körper verschwinden einfach für dich, so stark ist ihre Körperlosigkeit.

16.10.2007 um 22:46 Uhr

Quellender Urgrund 2/4 (8)

von: tao

Das geschieht jeden Tag.

Geh und schau mal zu in der Nacht vor einer Bar und einem Weingeschäft,

wie Betrunkene auf der Straße umkippen,

wie sie in der Gosse liegen, absolut glücklich.

Am Morgen werden sie sich wieder aufrappeln.

Sie mögen ein wenig verschrammt sein

aber ihre Körper haben keine Verletzung erlitten.

Ihre Knochen sind intakt. Sie haben keine Frakturen bekommen.

Versuch du mal wie ein Betrunkener auf die Straße zu fallen --

du wirst sofort dir etwas brechen.

Und er fällt so jeden Tag, jede Nacht hin, viele Male,

aber ihm stößt nichts zu.

Was ist da los, was ist das Geheimnis ?

Wenn er betrunken ist, gibt es keine Sehnsucht.

Er fühlt sich völlig wohl, im Hier und Jetzt.

Wenn er betrunken ist, hat er keine Angst, da ist keine Furcht,

und wo keine Furcht ist, da ist auch keine List und Tücke.

15.10.2007 um 02:48 Uhr

Tao Te King 70 (5)

von: tao

 

Du versuchst ein Problem zu lösen und hundert Probleme entstehen

infolge deiner Anstrengungen.

Etwas ganz Grundsätzliches fehlt da.

Dieses Denken, das du schon hast, ist nicht das Denken

das Probleme lösen kann.

Was auch immer du also mit diesem Denken anstellst, es verkompliziert alles noch mehr.

Das ist ein Teufelskreis.

Wenn es eine Sache noch  mehr kompliziert

dann versuchst du, sie noch mehr zu lösen, dann wird sie noch weiter verkompliziert,

und das geht immer so weiter.

Wenn diesem Denken gestattet wird, bis zum ganz logischen Extrem seiner Kapazität zu gehen,

wirst du verrückt werden.

Geisteskrankheit wird das logische Endergebnis sein.

Du wirst nur nicht wahnsinnig, weil du nicht zum äußersten Extrem gehst, das ist alles.

14.10.2007 um 02:38 Uhr

Tao 330

von: tao

Neti neti -- die negative Herangehensweise; das taoistische Herangehen ist negativ. Es redet niemals über die Realität, denn darüber kann nicht gesprochen werden. Es redet nur darüber, was unwirklich ist, was falsch ist. Versteht du erst einmal das Falsche als verkehrt, wirst du fähig dafür werden, das Wirkliche als real zu erkennen.

Der Psychiater in der Bar lehnte am Tresen und begann, harte doppelte Longdrinks zu trinken. Sein Gesicht war von Sorge durchfurcht und er war zur selben Zeit unheilverheißend traurig. Ein anderer Psychiater kam zufällig vorbei.

"John!", rief er, "John! Mein guter Kumpel. Du scheinst heute nacht nicht du selbst zu sein. Magst du mir darüber etwas erzählen ?"

"Da gibt es nicht viel zu sagen", erwiderte John. "Erinnerst du dich noch an diesen reichen Spinner, den ich seit Jahren in Behandlung hatte ? Denjenigen, der mich praktisch von Anfang im Geschäft gehalten hatte ?"

"Ganz gewiß erinnere ich mich. Du meinst den, der seit dreißig Jahren ständig träumte, dass er immer noch auf der Hochschule sei ?"

John nickte.

"Was ist passiert ?"

"Letzte Woche hat er seinen Abschluß gemacht."

Graduiere nicht so schnell. Geh langsam voran. Sogar wenn du dich beeilen möchtest, denke daran: Es gibt Dinge, die man nicht in Eile, auf beschleunigte Art und Weise, erledigen kann, und Tao ist eines von diesen Dingen.

13.10.2007 um 01:54 Uhr

Tao 329

von: tao

Die Einzigartigkeit besteht ja schon, du mußt sie nur entdecken. Du brauchst sie nicht zu erfinden, sie ist schon in dir verborgen; du mußt sie nur der Existenz freisetzen, das ist alles. Diese Einzigartigkeit muss nicht kultiviert werden. Sie ist dein Schatz. Du hast sie schon immer mit dir getragen. Sie ist dein eigentliches Wesen, dein tiefster Wesenskern. Du mußt bloß deine Augen schließen und dich selbst betrachten; du mußt bloß eine Weile lang halt machen und ruhen und schauen. Aber du rennst schon so schnell, du bist in solch großer Hast, es zu erreichen, dass du es versäumen wirst.

Fröhlich

12.10.2007 um 13:14 Uhr

Tao Te King 64 (8)

von: tao

 

Wenn du den inneren Prozeß verlangsamst, dann kannst du es sehen:

Wut ist im Kommen -- du kannst sie sehen.

Wut hat drei Stufen:

Die Wut ist zuerst in Samenform, im Astralbereich;

wenn du sehr sehr achtsam bist, kannst du das Herankommen des Sturms fühlen;

er ist noch nicht gekommen, er klopft gerade an die Türen;

das Pochen ist sehr subtil, aber es kann gehört werden.

Du hörst es nur nicht

weil du innerlich solch ein Durcheinander bist:

So ein Lärm, so ein Geschnatter,

dass das subtile Geräusch nicht gehört werden kann.

Aber wenn du ein wenig still wirst, wirst du von der Wut schon wissen, bevor sie dich erreicht.

Dann kann sie sehr leicht behandelt werden.

Die zweite Stufe ist, wenn die Wut von dir Besitz ergriffen hat.

Dann ist es fast unmöglich

diese Kraft zurückzudrängen.

Tatsächlich bist du schon so sehr davon besessen

dass du gar nicht da bist, um sie kontrollieren zu können.

Wenn du wütend bist, dann bist du nicht, nur die Wut ist noch da;

dein ganzes Wesen ist davon in Beschlag genommen worden.

Das mag nur einen einzigen Moment lang so sein

aber du verlierst dich selbst darin,

es hüllt dich ein,

du wirst etwas tun, was du bereuen wirst;

aber du bist hilflos, wie verrückt, wahnsinnig.

Und dann die dritte Stufe -- wenn die Wut verraucht ist:

Dann wird sie jedem bewußt.

Wenn die Wut weg ist

dann wird es sogar der dümmsten Person bewußt.

Dann bereut sie es,

versucht, Ausflüchte zu finden dafür, warum sie wütend wurde,

sie rationalisiert es,

sie versucht, auf die andere Seite zuzugehen, auf die sie ihre Wut und ihren Mist geschleudert hat

damit man ihr vergibt, sie entschuldigt sich --

das ist die dritte Stufe.

Und die Leute in der dritten Stufe schwören immer heilige Eide, dass sie niemals wieder wütend sein werden, ihre Schwüre sind absolut impotent;

das wird nichts helfen

denn das tut man erst auf der dritten Stufe

wenn die Wut verflogen ist.

Dann ist jeder weise.