Taoistische Reflektionen

11.12.2007 um 00:27 Uhr

Südliches Blütenland 24/8 (9)

von: tao

 

Was ist das Charakteristische an einem Affen ?

Was ist der tiefgehendste Charakterzug bei einem Affen ?

Es ist das Nachmachen.

Gurdjieff pflegte zu sagen, dass du kein Mensch werden kannst

bevor du nicht aufhörst, ein Affe zu sein -- und er hatte recht.

Jemand fragte ihn:

Was ist das Charakteristischste an einem Affen ?

Er sagte: Die Imitation, das Kopieren.

Der Affe ist ein perfekter Imitator.

Was hast du dein ganzes Leben lang getan ?

Bist du ein Mensch gewesen oder ein Affe ?

Du imitierst, du schaust dich einfach um und du gehst hinterher;

du folgst und befolgst, du wirst falsch.

Du siehst jemanden, wie er in einer bestimmten Art und Weise geht,

dann versuchst du, auch so zu gehen;

jemand trägt eine spezielle Kleidung,

du würdest auch gerne diese Kleidung haben;

jemand hat ein Auto bekommen, du würdest auch gerne dieses Auto haben --

alles und jedes !

10.12.2007 um 01:48 Uhr

Tao 351

von: tao

Es gibt auch dumme Heilige -- eigentlich sind das keine Heilige,

das sind einfach Leute, die Angst haben, Feiglinge.

Die haben niemals gesündigt,

sind niemals vom Weg abgekommen,

haben sich immer an den rechten Pfad geklammert,

an den gut ausgebauten, viel begangenen Trampelpfad,

an die Ideologie, die die Gesellschaft ihnen gegeben hat,

an die Konzepte, die die Religion ihren Köpfen eingebläut hat,

an die Konditionierung

in die hinein sie geboren worden sind -- daran haben sie sich gehalten,

sind niemals davon abgewichen, das sind Feiglinge,

die haben nichts gelernt.

Ihr Wert ist gleich Null.

Es mögen gute Leute sind,

aber ihr Gutsein ist salzlos.

Es hat keinen Duft.

Es ist ein wenig stumpf und tot.

09.12.2007 um 00:25 Uhr

Südliches Blütenland 19/13 (19)

von: tao

 

Erlaube deiner Frau, sie selbst zu sein;

erlaube deinem Mann, er selbst zu sein;

erlaube deinem Kind, es selbst zu sein -- übe keinen Zwang aus.

Wir alle sind Seevögel, einander unbekannt, Fremde.

Niemand weiß, wer du bist. Was wir höchstens tun können

ist, dir zu helfen, das zu sein, was auch immer du sein wirst.

Und die Zukunft ist unbekannt; sie kann nicht erzwungen werden.

Und es gibt keinen Weg, sie zu kennen, keine Astrologie wird helfen,

es ist töricht, mit solchen Methoden die Zukunft kennen zu wollen.

Die Leute machen sich davon abhängig, weil die Leute dumm sind.

Die Astrologen leben davon, dass wir laufend etwas

über die Zukunft wissen wollen, so dass wir sie planen können.

08.12.2007 um 01:13 Uhr

Quellender Urgrund 2/20 (6)

von: tao

Liebe bedeutet, der andere wird so wichtig,

soviel wichtiger als du, dass, käme eine Krise

du dich selbst für deinen Geliebten opfern würdest.

Der Geliebte sitzt auf dem Thron --

du bist bloß ein Diener, du bist bloß ein Schatten.

Das ist für das Denken schwierig.

Das ist der Grund, warum Liebe nicht möglich ist

und sogar Sex wird unmöglich. Denn sogar im Sex

kommt ein Moment, wo du dich selbst aufgeben mußt --

nur dann kann sich der Orgasmus ereignen,

nur dann kann der ganze Körper sich mit einer neuen Energie füllen,

voll sein mit neuen Vibrationen, mit Bio-Elektrizität.

Das kann zu einem vibrierenden, strahlenden Fließen werden -- du verlierst dich selbst.

Aber sogar das ist nicht möglich.

07.12.2007 um 00:00 Uhr

Tao Te King 63 (4)

von: tao

Das Leben ist nur für den Menschen ein Problem, weil nur der Mensch einen Trick gelernt hat --

den Trick des Aufschiebens.

Dann werden kleine Dinge größer.

Dann kommt ein Moment, wenn du nicht mehr mit ihnen zurechtkommst.

Dann wirst du so klein  und das Problem ist so groß,

es ist fast unmöglich, damit klarzukommen,

dann trägst du immer diese Bürde auf deinem Kopf herum.

Und mit dieser schweren Last, wie kannst du dich da noch freuen ? wie kannst du genießen ?

wie kannst du feiern ? wie kannst du tanzen ?

Und dann sagt jemand: Es gibt einen Gott.

Du hörst die Worte

aber du kannst es nicht glauben.

Vielleicht gibt es einen Teufel, der die ganze Welt am Laufen hält,

aber doch keinen Gott.

06.12.2007 um 01:30 Uhr

Südliches Blütenland 18/12 (9)

von: tao

Der taoistische Bogenschütze ist konzentriert, aber er ist es nicht in Bezug auf das Ziel, die Zielscheibe. Ihm geht es darum, wie er den Pfeil schießen kann, so dass er das Ziel erreicht; er sorgt sich nicht darum, dass er das Ziel verfehlen könnte.

Soweit es die westlichen Sprachen betrifft, bedeutet Meditation, tief in ein Objekt hineinzugehen -- also zu denken, mit seinen tieferen Implikationen. Kontemplation ist linear; du denkst über ein Objekt nach, von allen möglichen Aspekten her, aber das Denken ist in Bewegung. In der Meditation bewegt sich das Denken nicht mehr. Es ist ähnlich der Konzentration des Bogenschützen, aber ohne irgendwelche Pfeile. Deine Gedanken sind die Pfeile, aber sie treffen dasselbe Thema immer tiefer und tiefer -- nicht in einer Linie, also nicht horizontal, sondern vertikal.

Es gibt kein Wort in den westlichen Sprachen, das das indische Wort für Meditation, dhyana, absolut und adäquat übersetzen kann. "Meditation" ist dafür ausgesucht worden, weil es kein anderes Wort gibt, aber es ist eine falsche Wahl. Im Vergleich zu Konzentration und Kontemplation ist es besser, aber dhyana, ch´an oder zen haben eine total andere Bedeutung: Das Denken ist stehengeblieben.

Bei der Konzentration wird das Denken verengt, in der Kontemplation fließt es in einer Linie einem speziellen Thema zu, in der Meditation ist es konzentriert, und wirft seine Gedankenpfeile immer tiefer in dasselbe Objekt hinein. Aber alle drei Prozesse gehören noch zum Denken.

Dhyana bedeutet, das Denken ist beseite gestellt worden. Da ist keine Konzentration, da ist keine Kontemplation, da ist keine Meditation mehr. Es ist ein Zustand des Nicht-Denkens; es ist absolutes Schweigen, es regt sich nicht einmal der geringfügigste Gedanke.

Im Osten sind soviele Hilfsmittel schon probiert worden... Wie kann man das Schnattern des Denkens auf Dauer stoppen, wie kann man es umgehen, wie kann man es anhalten, wie kann man darüber hinausgehen. Dschuang Dsi hat dazu seinen eigenen einzigartigen Beitrag. Er redet zu seinen Schülern in Absurditäten, und das Denken kann sie nicht lösen. Das Denken braucht etwas Vernünftiges, Rationales, Logisches; das ist sein Territorium. Das Absurde ist jenseits davon.

05.12.2007 um 00:45 Uhr

Tao 350

von: tao

Intelligenz ist die angeborene Kapazität zu sehen, wahrzunehmen. Jedes Kind wird intelligent geboren und dann von der Gesellschaft dumm gemacht. Wir erziehen es in Dummheit.. Früher oder später graduiert es dann in Stupidität.

Intelligenz ist ein natürliches Phänomen -- genau wie es Atmen ist, genau wie es Sehen ist. Intelligenz ist das innere Sehen; sie ist intuitiv. Sie hat nichts mit dem Intellekt zu tun, bedenke das. Verwechsle niemals Intellekt mit Intelligenz, es sind polare Gegensätze. Der Intellekt gehört zum Kopf; er wird von anderen gelehrt, er ist dir aufgesetzt worden. Du mußt ihn kultivieren. Er ist geborgt, er ist etwas Fremdes, er ist nicht angeboren.

Aber Intelligenz ist angeboren. Sie ist dein eigentliches Wesen, deine wahre Natur. Alle Tiere sind intelligent. Sie sind keine Intellektuellen, das stimmt, aber sie sind alle intelligent. Bäume sind intelligent, die ganze Existenz ist intelligent, und jedes Kind wird intelligent geboren. Hast du schon je ein Kind getroffen, das dumm ist ? Das ist unmöglich ! Aber auf eine erwachsene Person zu stoßen, die intelligent ist, das ist sehr selten; dazwischen muss irgendetwas gründlich schieflaufen.

04.12.2007 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 18/12 (8)

von: tao

 

Kämpfe nicht und versuche nicht, gegen den Strom anzugehen,

versuche nicht einmal zu schwimmen, laß dich einfach von der Strömung treiben

und lass dich von der Strömung leiten, wo immer sie dich hinführt.

Sei eine weisse Wolke, die am Himmel dahinzieht --

ohne Ziel, auf dem Weg nach nirgendwo, bloß dahinziehen.

Dieses Dahintreiben ist das letztendliche Erblühen.

Was es bei Dschuang Dsi als erstes zu verstehen gilt,

ist: Sei natürlich.

Alles Unnatürliche muss vermieden werden.

Tu nichts, was unnatürlich ist.

Die Natur ist genug -- du kannst sie nicht verbessern,

aber das Ego sagt: Nein, du kannst die Natur verbessern --

darauf beruht jegliche Kultur.

Jede Bemühung, die Natur zu verbessern, ist Kultur,

und alle Kultur ist wie eine Krankheit --

je kultivierter ein Mensch ist, desto gefährlicher ist er.

03.12.2007 um 01:20 Uhr

Tao Te King 70 (6)

von: tao

Zwischen Geisteskranken und dir

besteht ein gradueller Unterschied,

sonst nichts.

Ein Schritt mehr und du wirst wahnsinnig werden.

Du gehst bloß nicht bis zum Extrem, das ist alles.

Du klammerst dich an die Mitte,

so bewerkstelligst du irgendwie deine Normalität.

Ansonsten scheint jeder pathologisch zu sein.

Das Leben an sich ist kein Problem,

also ist jede Anstrengung, es zu lösen, töricht.

Das Leben ist ein Mysterium, das gelebt werden soll,

und kein Problem, das gelöst werden muss.

 Lass dies als ganz fundamentales Verstehen in dir reifen.

Es ist überhaupt kein Problem.

Genieße es !

Erfreue dich daran !

Liebe es ! Lebe es ! Tu, was auch immer du möchtest,

aber bitte, versuch nicht, es zu lösen.

Es ist doch überhaupt kein Problem !

02.12.2007 um 00:00 Uhr

Tao Te King 45 (12)

von: tao

Das ist kein Paradox, es ist einfach:

Das Fundament eines Gebäudes kann ohne das Gebäude existieren,

aber das Gebäude kann nicht ohne das Fundament existieren.

Ein Mensch kann in der Dunkelheit existieren, aber ein Mensch kann nicht nur im Licht existieren.

Ein Mensch kann das Leben eines Sünders führen, weil es niedriger ist,

aber ein Mensch kann nicht nur das Leben eines Heiligen führen.

Das Höhere braucht das Niedrigere.

Es ist niedriger, weil es ohne das Höhere existieren kann

-- das Höhere ist keine Notwendigkeit dafür --

aber das Höhere kann nicht ohne das Niedrigere existieren.

Die Wurzeln können ohne den Baum existieren, das ist nichts Unmögliches.

Wenn du den Baum fällst,

werden die Wurzeln immer noch existieren und ein neuer Baum wird sprießen können;

aber versuch es mal andersherum -- schneide die Wurzeln ab -- dann werden keine neuen Wurzeln mehr wachsen können.

  

01.12.2007 um 02:20 Uhr

Tao 349

von: tao

Sonstige 

Beides sind häßliche Phänomene: Verrückt zu werden, neurotisch zu werden, schuldbeladen zu sein ist häßlich; ein Heuchler zu werden ist ebenfalls häßlich. Aber deine sogenannten Religionen lassen dir keine andere Wahl: Sie alle reden darüber, Ja zu sagen, aber sie alle bringen dir bei, Nein zu sagen. Sie alle denken, sie seien theistisch -- sie sind alle atheistisch, denn Atheismus bedeutet ein tiefverwurzeltes Nein und Theismus bedeutet ein fundamentales Ja zum Leben. Theismus hat nichts mit Gott zu tun, ebenso wie Atheismus nichts mit der Leugnung Gottes zu tun hat. Theismus sagt Ja zum Leben mit all seinen Unvollkommenheiten, so wie es ist, sagt ja zu ihm ohne Vorbedingungen, ohne Wenn und Aber. Und Atheismus bedeutet, Nein zum Leben, so wie es ist, zu sagen und zu versuchen, es besser zu machen, der Versuch, es perfekt zu machen.

Warum kannst du nicht Ja zu dir selbst sagen ? Weil dir erzählt worden ist, dass du verkehrt bist, du bist nichts als ein Sünder. Alles, was du tust, ist falsch, alles, was du denkst, ist falsch, alles, was du bist, ist falsch -- wie kannst du da Ja zu dir sagen ? Dir sind Ideale gegeben worden, großartige Ideale, aus denen ein "Du sollst" wird: "Du sollst so und so sein...". Und du vergleichst dich laufend mit diesen dummen Idealen. Natürlich wirst du diesen Anforderungen überhaupt nicht gerecht, und wenn du so sehr hinter den Erwartungen zurückbleibst, dann beginnst du ein starkes Nein dir selbst gegenüber zu empfinden, du möchtest dich zerstören; du kannst dich selbst nicht lieben.

Dir ist gesagt worden, du sollst die anderen lieben, aber dir ist niemals gesagt worden, dich selbst zu lieben. Und du kannst nur andere lieben, wenn du zuerst dich selbst geliebt hast: Wenn du dich selbst nicht liebst, kannst du niemanden anderen auf der Welt lieben. Indem du dich selbst liebst, lernst du die Kunst der Liebe. Und wenn du dich selbst mit all deinen  Unvollkommenheiten lieben kannst, dann wirst du fähig sein, andere menschliche Wesen mit all ihren Unvollkommenheiten zu lieben. Wenn du dich selbst mit all deinen Unvollkommenheiten nicht lieben kannst, wie wirst du dann andere mit ihren Unvollkommenheiten lieben können ? Du wirst sie hassen ! Eltern hassen ihre Kinder, Kinder hassen ihre Eltern, Frauen hassen ihre Männer, Männer hassen ihre Frauen, aus dem einfachen Grund, weil sie die Unvollkommenheiten sehen können. Jeder ist auf der Suche nach einer perfekten Person und du wirst nirgendwo eine Person finden, die vollkommen ist, mit Ausnahme einiger Narren, die ständig für sich den Anspruch erheben, dass sie unfehlbar sind, perfekt. Papst Benedikt der Deutsche, er ist unfehlbar ! Päpste sind unfehlbar. Sie repräsentieren Gott -- wie können sie da fehlbar sein ? In Indien beansprucht Satya Sai Baba für sich, unfehlbar zu sein. Das sind nun wirkiich Vollidioten ! Sie haben keinen Sinn für irgendwelche Manieren, nicht einmal für irgendwelche Etikette; sie besitzen keinerlei Intelligenz. Sonst könnten sie es sehen -- es ist so einfach. Aber es ist nun einmal eine traditionelle Angelegenheit.