Taoistische Reflektionen

11.01.2008 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 24/8 (11)

von: tao

 

Du bist hier, um deine eigene Bestimmung zu erfüllen

und dieses Schicksal ist individuell, niemand sonst teilt es mit dir.

Diese Existenz hat dir die Geburt gegeben

um eine spezielle Bestimmung zu erfüllen

die von niemand anderem erfüllt werden kann.

Kein Buddha kann das tun, kein Jesus kann das tun, nur du, du kannst es tun.

Und du machst andere nach.

Das ist der Grund, warum die Hinduisten sagen: Bevor du nicht mit dem Imitieren aufhörst

wirst du wieder und wieder in die Existenz hineingeworfen werden --

das ist die Theorie der Wiedergeburt.

Du wirst immer wieder hineingeworfen

bevor du nicht dein Schicksal erfüllst --

 bevor du nicht erblühst, wirst du zurückkommen müssen.

Wie kannst du erblühen, wenn du andere nachmachst ?

10.01.2008 um 01:48 Uhr

Südliches Blütenland 17/1 (6)

von: tao

 

Wenn du erst einmal damit anfängst, die Realität mit dem Denken zu betrachten

dann wird alles ein Problem;

dann beginnt das Ego mit seinen Interpretationen

und dann hast du nur noch Interpretationen.

Du magst Beweise dafür haben,

und diese Beweise mögen vernünftig erscheinen,

aber nur dir, niemandem sonst --

denn es ist dein Ego, das dir diese Interpretationen gibt.

Und du fixierst dich immer mehr auf deine Interpretationen

weil du schon soviel in sie investiert hast.

Wenn jemand etwas sagt, was gegen das Christentum geht,

dann fühlt sich ein Christ dadurch verletzt.

Wenn jemand etwas gegen den Hinduismus sagt,

fühlt sich ein Hinduist getroffen.

Warum ? Wenn du wirklich ein Wahrheitssucher bist,

wofür sich religiöse Leute ja halten,

warum solltest du beleidigt und tief verletzt sein ?

Du solltest nachfragen -- vielleicht hat der andere recht.

Aber das Ego ist involviert.

09.01.2008 um 00:17 Uhr

Quellender Urgrund 2/20 (9)

von: tao

 
Warum ist das Ego immer kampfbereit ?
Du bist jederzeit bereit, dich auf jemanden zu stürzen,
eine Entschuldigung dafür zu finden und zu kämpfen, zu argumentieren und wütend zu sein. Warum ist das Ego immer auf der Suche nach einem Kampf ?
Weil Kampf der Brennstoff ist:
Durch Kampf fühlt es sich machtvoll, es existiert durch Kampf.
Ego ist die innerste Gewalt
und wenn du das Ego stärken willst
mußt du ständig immer weiterkämpfen.
Vierundzwanzig Stunden lang am Tag
mußt du mit dem einen oder anderen kämpfen.
Aber ein Feind muß da sein
so daß du die Herausforderung haben kannst, den Konflikt,
und du kannst so das Ego aufrecht erhalten.
Verrückt

08.01.2008 um 00:30 Uhr

Tao Te King 22 (15)

von: tao

Schon jetzt in dir

existieren Millionen kleiner Leben in deinem Körper.

Sie fressen dich gerade schon.

Millionen von Leben -- aber sie sind sich deiner nicht einmal bewußt,

du bist bloß Fressen für sie.

So wie du andere ißt, so wirst auch du gefressen.

Das ist ein einfacher natürlicher Prozeß.

Tatsächlich sollten wir nicht über Gewalt in der Natur reden,

es gibt sie nicht. Nur der Mensch ist gewalttätig.

Gewalttätigkeit kommt ins Spiel, wenn du zu töten beginnst

ohne auch nur ans Essen zu denken.

Du gehst in den Dschungel, in den Wald hinein,

und du tötest Tiere, und du nennst es einen "Sport".

Kein Tier kann dazu überredet werden, irgendjemanden zu töten, nur so aus Spaß,

aber der Mensch schon.

07.01.2008 um 02:19 Uhr

Tao Te King 15 (12)

von: tao

Mulla Nasrudin rief seinen Jungen zu sich, denn die Zeit war nun reif und gewisse Dinge über das Leben mußten ihm gesagt werden.

Also sagte er ihm: Komm mit mir in mein Zimmer, ich würde gerne ein paar Fakten des Lebens mit dir diskutieren.

Du bist nun reif genug und ein paar Sachen müssen dir nun erzählt werden.

Mulla fühlte sich ein wenig nervös -- wie sich jeder Vater fühlt, wenn den Kindern die Fakten über das Leben erzählt werden sollen.

Wie es jedem mit altem, altmodischen Denken so geht, er fühlte sich etwas nervös.

Als sie ins Zimmer gingen und er die Türe hinter ihnen schloß, sagte der Junge:

Du brauchst nicht nervös zu sein. Was möchtest du denn jetzt wissen ?

Ich kann es dir sagen, sei doch nicht so aufgeregt.

06.01.2008 um 00:56 Uhr

Quellender Urgrund 2/12 (12)

von: tao

Wenn du eine Rosenblume verstehen willst, wirst du die Erde verstehen müssen: Sie kommt aus ihr, die Erde ist die Quelle. Und du wirst den Himmel verstehen müssen, denn sie erblüht in den Himmel hinein. Du wirst die Sonne verstehen müssen, denn ohne die Sonne kann sie nicht existieren; ihre Farbe kommt von der Sonne. Und wenn du noch tiefer hineingehst, wirst du feststellen, dass du alles verstehen müssen wirst, was in der Existenz existiert. Nur dann wird dein Wissen über diese Rose komplett und total sein.
Aber bloß indem du sie "Rose" nennst, fängst du schon damit an, dass du denkst, du hättest sie erkannt. Diese Namen geben dir Wissen und diese Namen machen dich einfach konfus.
Fragte Joyce, das Kind, das immer Fragen stellt: "Vati, ist heute Mittwoch ?"
Antwortete der geduldige Vater: "Nein, meine Tochter, heute ist Donnerstag." Joyce: "Aber gestern sagtest du: "Heute ist Mittwoch" ?"
Vater: "Gut, heute war Mittwoch gestern. Gestern war Donnerstag morgen. Wenn heute morgen ist, wird heute gestern sein. Jetzt ist heute heute. Verstehst du´s jetzt ?"
Spiele mit Worten, Spiele... und sonst nichts. All deine Philosophie und all deine Theologie sind nichts als Spiele mit Worten, Wortspielereien.  Und man kann endlos spielen. Ein Wort kann zum anderen führen und so weiter und so fort. Die Existenz ist, und die Existenz ist kein Wort. Die Existenz ist, und die Existenz ist keine Philosophie. Die Existenz ist, und die Existenz ist kein Dogma, keine Theorie, keine Schrift. Wenn du in die Existenz gehen willst, dann mußt du alle Worte fallen lassen, die Gewohnheit, alles zu verbalisieren, aufgeben; du mußt die Sprache loslassen. Die Sprache ist die Barriere.
Verschwindet erst einmal die Sprache, wer bist du dann noch ? Bist du dann ein Wissender ? Dann bist du kein Wissender mehr. Wei0t du dann noch irgendetwas ? Du weißt nichts. Du bist kein Wissender und du weißt gar nichts, und exakt in diesem Moment des Leerseins entsteht Erkenntnis. Das ist das, was die Zen-Leute Satori nennen. Wenn die Sprache losgelassen wird, ereignet sich Satori, und die ganze Anstrengung auf dem Pfad des Zen ist, wie man die Sprache loslassen kann. Sie geben einem Paradoxien, die man lösen soll. die nicht gelöst werden können. Bei dem Versuch, diese Paradoxien zu lösen, bekommt man allmählich die Sprache selber satt. Aus reiner Erschöpfung heraus kommt ein Moment, wo die Sprache wegfällt, und das Bewußtsein befreit ist -- Satori hat sich ereignet.

060108.jpg

05.01.2008 um 00:59 Uhr

Tao Te King 67 (7)

von: tao

 Wenn alles gut läuft,

und wenn die Sexualität natürlich bleibt,

dann -- durch tiefergehenden Sex:

Liebe entsteht.

Liebe ist nicht sexuell

aber sie entsteht aus der Sexualität heraus,

das muss verstanden werden.

Das ist genau wie bei einer Lotusblume

die aus Dreck und Schlamm herauswächst.

Aber sie selbst ist nicht Dreck und nicht Matsch.

Sie ist deren totale Transformation.

Zwischen Sex und Liebe besteht soviel Abstand

wie zwischen schlammigem Wasser, Matsch, und einer Lotusblüte.

Wenn du sie nicht schon gekannt hättest,

du hättest dir nicht vorstellen können, dass dieser Lotus aus gewöhnlichem Matsch herauskommt.

Unmöglich, sich das vorzustellen, das zu begreifen,

denn der Lotus ist solch ein transformiertes Phänomen.

So anders. Wie von einer anderen Welt.

Er scheint nicht Teil von dieser Erde zu sein.

Aber er kommt aus dieser Erde heraus.

Liebe entsteht wie ein Lotus.

04.01.2008 um 01:36 Uhr

Tao 360

von: tao

Der Taugenichts erschien beim Doktor in der Praxis und krümmte sich vor Schmerzen. Nach einer sorgfältigen Untersuchung sagte der Arzt dem Mann, er solle Wein, Weib und Gesang aufgeben.

"Aber Herr Doktor", protestierte der Mann, der nicht verstand, was das mit seinem Leiden zu tun habe, "ich kann mich nicht mehr bücken."

"Oh ja", sagte der Arzt, "Sie müssen auch das Rauchen aufgeben."

"Ich bin dagegen", sagte der Nichtsnutz.

"Warum ?", fragte der Mediziner.

"Ich würde mich dann wie ein Narr fühlen, der herumsteht und nichts tut."

Wenn man nichts tut, dann fühlt man sich, als wenn man ein Idiot ist. Man muss doch etwas tun -- wenn du nichts tun kannst, dann rauche wenigstens. Die Leute fangen zu rauchen an, immer wenn sie nichts zu zun haben; das Rauchen ist eine Ersatzhandlung. Immer wenn du gar nichts zu tun hast, dann kannst du wenigstens eine rauchen; dann fühlst du dich beschäftigt. Die Leute fühlen sich blöd, wenn sie nichts zu tun haben. Hast du dieses Phünomen nicht schon bei dir selbst beobachtet ? Wenn du einfach bloß dasitzt, dann wirst du unruhig -- du mußt etwas tun. Wenn jemand kommt, wirst du so tun, als ob du etwas tun würdest. Du wirst anfangen, dieselbe Zeitung zu lesen, die du schon gelesen hast, nur so tun, als ob. Jemand ist gekommen, also nimmst du die Zeitung in die Hand, so dass er weiß: Du tust gerade etwas; sonst würde er denken, dass du ein Depp bist. Was machst du denn da ? Ein Mensch muss immer etwas tun, und das in  einem fort. Die Leute tun als ob, sie können nicht einfach sein -- das ist nicht erlaubt.

In England gibt es das Sprichtwort: "Ein leerer Kopf ist die Werkstatt des Teufels": Wenn jemand gar nichts tut, ist das gefährlich. Tatsächlich ist das aktive Denken die Werkstatt des Teufels. Das leere Denken hat niemals irgendjemandem etwas angetan. Hitler war kein leerer Kopf. Buddha ist ein leeres Denken. Dschingis Khan war kein leeres Denken, Dschuang Dsi ist leer. All der Unsinn, der durch die Jahrhunderte huindurch geschehen ist, wurde vom aktiven Denken getan. Das untätige Denken hat nichts Falsches getan, denn das untätige Denken ist überhaupt nicht am Tun interessiert -- was soll das denn ? Du kannst ein untätiges Denken nicht dazu überreden, ein Adolf Hitler zu werden, es wird über das Lächerliche daran lachen. "Warum ?", wird es fragen, "wofür ?"

03.01.2008 um 00:00 Uhr

Tao 359

von: tao

 

Der Mensch ist eigenartig ! Er klammert sich an das Ego und giert nach Glückseligkeit ! Dann, sagt Lao-tse, machst du etwas falsch. Wenn ein Mensch sterben möchte, kann er Gift nehmen. Gift wird auch von der Natur erzeugt; aber wenn der Mensch willens ist, Gift zu nehmen, weil es von der Natur geschaffen wurde und doch nicht sterben möchte, dann ist das schwierig. Lao-tse sagt: Wenn du sterben möchtest, nimm das Gift und stirb. Wenn du nicht sterben möchtest, dann nimm das Gift nicht. Das Geschehen des Todes ist natürlich, die Einnahme des Giftes ist auch natürlich, aber die Entscheidung liegt in deinen Händen -- willst du sterben oder nicht.

Fröhlich 

02.01.2008 um 01:33 Uhr

Tao 358

von: tao

 
Du kannst zwei Arten von Heiligen in der Welt finden:
Den einen, der aus Furcht heilig ist, der aus Angst vor der Hölle, aus Furcht vor den Konsequenzen, niemals sündigte. Er ist fast ein tönerner Heiliger, nicht real, er hat gar nichts erreicht; und du wirst keine Weisheit in ihm finden, denn von woher hätte er die Weisheit bekommen können ? Er kam niemals vom Weg ab, wie kann er da reif werden ? Er wird ein Kind sein, unwissend, töricht und dumm; nicht schädlich, aber von ihm kannst du gar nichts lernen. Er kann dir höchstens seine Dummheit beibringen, seine Feigheit.
Dann ist da noch eine andere Art Heiliger -- du hast Glück, wenn du einen Heiligen der anderen Art finden kannst, denn wenn es einhundert Heilige gibt, dann sind neunundneunzig davon stupide.

Fröhlich

01.01.2008 um 01:22 Uhr

Tao 357

von: tao

Dieses unvollständige Leben kann kein Crescendo werden;

dieses Leben, das immer fragmentarisch und nie komplett ist, kann keine Harmonie erzeugen.

Du wirst als ein Chaos sterben --

das ist der Grund, warum du immer in Todesangst sterben wirst

und wenn der Tod an deine Türe klopft, wirst zu zittern:

Die Harmonie des Lebens ist noch nicht erreicht worden, und der Tod ist schon da,

du hast dein Leben nicht gelebt, und der Tod ist gekommen;

du bist immer noch unvollständig, eigentlich ungeboren, und der Tod ist da.

Du zitterst.

Ein Mensch, der sein Leben gelebt hat, einer, der seinen Tag gelebt hat,

akzeptiert immer den Tod auf schöne Weise

denn da ist nichts mehr übrig, was noch getan werden müßte.

Er hat alles getan, er hat alles gelebt und hat sich in alle Richtungen bewegt.

Alles, was das Leben geben konnte, hat er in sich angesammelt.

Er hat den Honig des Lebens akkumuliert, nun ist er bereit zu sterben.