Taoistische Reflektionen

09.02.2008 um 01:56 Uhr

Südliches Blütenland 18/12 (10)

von: tao

Ich habe gelesen, dass ein Jäger, ein europäischer Großwildjäger,

in Afrika in einem Urwald die Orientierung verloren hatte.

Plötzlich stieß er auf ein paar Hütten.

Er hatte noch niemals davon gehört, dass es in diesem dichten Urwald ein Dorf gab.

Es war auf keiner Landkarte verzeichnet.

Also ging er zum Häuptling des Dorfes und sagte:

Es ist schade, dass ihr für die Zivilisation gar nicht existiert.

Der Häuptling sagte: Nein, das ist gar nicht schade,

wir haben immer Angst davor, entdeckt zu werden --

kommt erst einmal die Zivilisation in unser Dorf, sind wir verloren.

Die Natur geht verloren, wenn du erst einmal dich bemühst, sie zu verbessern --

das bedeutet ja, dass du damit versuchst, Tao zu verbessern.

Alle Religionen versuchen, dies zu tun -- sie wollen Gott verbessern.

Dschuang Dsi hat dafür nichts übrig.

Fröhlich

08.02.2008 um 01:54 Uhr

Tao 369

von: tao

Traurig 

Du hasst jemanden.  Wenn du hasst,  was geschieht dann in dir ?

Was ist Hass ?   Was möchtest du der anderen Person antun ?

Du möchtest sie töten, sie zerstören.

Du möchtest sie wegwerfen, so  weit  weg  wie möglich.

Du möchtest sie nicht sehen, du möchtest sie nicht in deiner Nähe haben,

du würdest sie gerne verschwinden lassen, so dass sie nicht mehr existiert --

das ist der Grund, warum du sie gerne töten und zerstören würdest.

Wenn du eine Person liebst, was würdest du dann ihr antun wollen ?

Du willst,  dass sie für immer und ewig am Leben bleibt,  dass sie niemals stirbt,

immer ganz nah und eng bei dir und du hast immer Zugang zu ihr.

Du würdest sie gerne schützen,  dich um sie kümmern,

und du kannst es nicht glauben, dass deine Liebe durch irgendetwas zerstört werden würde.

Du hättest es gerne,  wenn dein Geliebter oder deine Geliebte unsterblich wären.

Schau dir die beiden Phänomene an. Sie sind einander entgegengesetzt.

Aber du kannst es nicht fühlen, dass sie zwei  Aspekte derselben Münze sind.

07.02.2008 um 02:29 Uhr

Tao 368

von: tao

Als er schon sehr alt war, wurde Immanuel Kant, der deutsche Philosoph, von jemandem gefragt: "Warum waren Sie eigentlich niemals verheiratet ? Haben Sie niemals jemandem einen Heiratsantrag gemacht ?" Kant dachte längere Zeit darüber nach und sagte dann: "Wenn ich jetzt daran zurückdenke, dann, ja, tatsächlich, einmal machte ich einem Mädchen einen Heiratsantrag."

Das interessierte den Fragesteller nun sehr. Er fragte: "Was geschah dann?" Kant sagte: "Etwas lief schief. Ich machte ein zweites Mal einen Heiratsantrag. Ich fragte sie an dem einen Tag und am nächsten Tag fragte ich sie wieder. Und das Mädchen flippte richtig aus."

Kants Gedächtnis war nicht sehr gut -- das Mädchen hatte seinen Antrag schon in der Nacht zuvor angenommen. Kannst du eine Person heiraten, die den Heiratsantrag zum zweiten Mal stellt ? Dieser Mann ist doch nicht zuverlässig. Nach der Heirat wird er dann eines Tages kommen und sagen: "Wer sind Sie und was machen Sie hier ?"

In einer gewöhnlichen Ehe treffen zwei Körper zusammen. Wenn man sehr viel Glück hat, dann begegnen sich höchstens zwei Denksysteme, dann treffen sich Körper und Geist. Eine Hoch-Zeit im eigentlichen Sinne findet aber nur statt, wenn sich nicht Körper, nicht Geist, sondern wenn sich Seelen begegnen. Dann treffen sich zwei Wesen. Nur dann kann man in tiefer Liebe sein, hingegeben und offen sein, mit dem anderen mitgehen, wo immer er hingeht, in Dankbarkeit und mit Vertrauen.

06.02.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 26/10 (8)

von: tao

Beschäftigt

Wenn dein Denken zu beladen ist mit Worten, Theorien und Schriften,

wird das alles ständig an die Hirnschale klopfen: Gib den Weg frei, wir wollen herauskommen !

Und wenn das Denken herauskommen möchte, kann Tao nicht in dich hereinkommen.

Wenn das Denken herauskommen möchte,

ist es für nichts offen, was gerade hereinkommt.

Es ist verschlossen, es ist eine Einbahnstraße --

es ist kein Gegenverkehr möglich.

05.02.2008 um 01:26 Uhr

Tao 367

von: tao

Niemand ist jemals imstande gewesen, die ganze Absurdität

des Denkens zu erleben, niemand. Es ist grenzenlos.

Du wirst seine Gesamtheit nicht erfahren können

denn es ist sehr kreativ,

es kreiert laufend neue Absurditäten.

Du bist hier in dieser Existenz schon so lange gewesen und doch

bist du nicht imstande gewesen, seine ganze Absurdität zu erleben.

Du bist nicht zum ersten Mal hier auf diesem Planeten Erde,

du bist schon vorher hier gewesen.

Hinter deiner frischen Haut sind deine alten Gesichter verborgen.

Du bist uralt.

Zu Buddhas Zeiten gab es einen Lehrer in Indien

dessen Name Prakuddha Katyayana war. Er war ein außergewöhnlicher Lehrer.

Er redete seine Schüler immer als die Uralten an.

Sogar wenn ein Kind kam, um Prakuddha Katyayana zu sehen

sagte er: Wie geht es dir, du Uralter ?

04.02.2008 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (19)

von: tao

Sonstige

Die Wahrheit ist, oder die Wahrheit ist nicht.

Sie ist immer total. Du kannst sie nicht teilen.

Du kannst nicht sagen, es ist bis zu einem gewissen Maß wahr.

Nein, Wahrheit kennt keine Abstufungen. Sie ist entweder oder sie ist nicht.

Wenn also im Denken die Schlußfolgerung enthalten ist

dass Christus die einzige Wahrheit darstellt,

dann ist es unmöglich, auf Krischna zu hören.

Sogar wenn du ihm unterwegs in die Quere kommst

wirst du nicht auf ihn hören können.

Sogar wenn du Buddha auf dem Pfad begegnest, wirst du mit ihm nicht zusammentreffen.

Und die ganze Welt ist voll von Schlußfolgerungen.

Der eine ist ein Christ, der andere ein Hinduist,

jemand ist ein Islamist, jemand ist ein Buddhist --

und genau darum fehlt dabei die Wahrheit !

03.02.2008 um 01:53 Uhr

Südliches Blütenland 20/2 (7)

von: tao

 

Beim Taoismus geht es darum, dich zu töten.

Die ganze Anstrengung zielt darauf ab, dich zu zerstören.

Bist du erst einmal zerstört, wird das Unzerstörbare auftauchen --

Es ist da, nur verborgen.

Ist erst einmal all das, was unwesentlich ist, eliminiert,

wird das Wesentliche wie eine Flamme sein -- Lebendigkeit in höchster Blüte. 

Dieses Gleichnis von Dschuang Dsi ist schön.

Er sagt: Ein weiser Mensch ist wie ein leeres Boot.

"So ist der vollkommene Mensch --

Sein Boot ist leer."

Da ist niemand drinnen.

Wenn du einem Dschuang Dsi oder einem Lao-tse begegnest,

ist das Boot noch da, aber es ist leer, niemand ist drin.

Wenn du einfach auf die Oberfläche schaust,

dann ist da jemand da, weil das Boot ja da ist.

Aber wenn du tiefer gehst,

wenn du wirklich näher kommst,

wenn du den Körper außer acht läßt, das Boot,

dann kommst du zur Begegnung mit einem Nichts-Sein.

Traurig

02.02.2008 um 01:47 Uhr

Südliches Blütenland 17/3 (8)

von: tao

Immer wieder wird das Entfernte anziehend und reizvoll, wieder beginnst du das Reisen.
In dem Moment, in dem du dein Ziel erreichst
ist das, was du schon so gut kanntest, nun weit entfernt,
das hat nun die Anziehungskraft, wird nun zum Stern am Himmel, zu etwas Erstrebenswertem.
Ich habe über einen Piloten gelesen
der zusammen mit einem Freund über Kalifornien flog.
Er sagte zu seinem Freund: Schau mal da hinunter auf diesen schönen See
Ganz in der Nähe davon wurde ich geboren, da, das ist mein Dorf.
Er deutete auf ein kleines Dorf
ganz in die Berge gebettet, in der Nähe des Sees,
und er sagte: Dort wurde ich geboren. Als ich ein Kind war
pflegte ich am See zu sitzen und zu fischen; Angeln war mein Hobby.
Aber zu dieser Zeit, als ich ein Kind war, das am See angelte,
da flogen immer wieder Flugzeuge am Himmel über meinen Kopf hinweg,
und ich träumte von dem Tag, an dem ich selbst ein Pilot werden würde,
dann würde ich so ein Flugzeug fliegen.
Das war mein einziger Traum.
Nun ist das in Erfüllung gegangen, und was für ein Unglück.
Nun schaue ich ständig immer wieder auf diesen See hinunter
und denke darüber nach, wann ich endlich in den Ruhestand gehen werde und wieder Fischen gehen kann.
Dieser See ist so wunderschön.
So geschieht das immer wieder.
Auf diese Weise ereignen sich auch für dich die Dinge.
In der Kindheit sehntest du dich danach, schnell groß zu werden
denn die Älteren sind stärker und dürfen mehr.
Ein Kind sehnt sich danach, sofort erwachsen zu werden.
Alte Leute sind weise, und das Kind hat das Gefühl
was auch immer es tut, es ist immer verkehrt.
Und dann frage den alten Menschen --
er denkt immer daran, dass, als die Kindheit verloren war,
damit alles verloren gegangen ist; das Paradies war in der Kindheit.
Und all die alten Menschen sterben und denken dabei an die Kindheit,
an die Unschuld, die Schönheit, das Traumland..

01.02.2008 um 02:27 Uhr

Quellender Urgrund 1/5 (6)

von: tao

 

Konfuzius fragt Yung Kiki:

 "Meister, was ist der Grund für deine Freude ?"

"Sag mir, wie du das erreicht hast. Sag mir, wie du vorgegangen bist - welche Methodologie du befolgt hast; welche Prinzipien, welche Disziplinen, welche Schriften. Wie hast du es erreicht ?" Konfuzius wird jetzt gierig. Er möchte den gleichen Zustand erreichen, wo ein Lied natürlich ist und Musik von selbst fließt, und man am Feiern ist. Dieser Mensch wirkt ungeheuer bezaubernd auf ihn, denn er ist

"...in einen groben Fellmantel gehüllt mit

einem Seil um seine Hüfte geschlungen, und er singt

während er eine Laute schlägt."

Ein armer Mensch hat nichts, weswegen er glücklich sein kann, er hat nichts, worüber er glücklich sein kann. Wenn er unglücklich gewesen wäre, wäre das verständlich gewesen; wenn er deprimiert gewesen wäre, wäre das verständlich gewesen -- Konfuzius würde an ihm vorbeigegangen sein, ohne auch nur seine Existenz zu bemerken. Aber dieser arme Mann, der nichts hat, "mit einem Strick um seine Hüfte" ... und er singt ? Er singt ein Freudenlied ? Er spielt auf seiner Laute ? Konfuzius ist bezaubert, magnetisiert, aber er stellt eine falsche Frage. Ein Taoist würde niemals solch eine Frage stellen. Freude ist eben, und sie ist einfach da; sie hat keine Ursache, daher sind auch keine Methoden für sie möglich, nur Verstehen.