Taoistische Reflektionen

11.03.2008 um 03:04 Uhr

Tao Te King 6 (8)

von: tao

Je mehr du wächst, desto mehr kannst du im Tao Te King sehen;

je mehr du in den taoistische Texten sehen kannst, desto mehr wächst du;

je mehr du wächst, desto mehr kannst du dann wiederum in ihnen finden.

Diese Bücher sind also keine Bücher, sie haben ihr Eigenleben;

sie sind lebendige Phänomene.

Und du kannst sie nicht einmal lesen und dann mit ihnen fertig sein,

nein, so geht das nicht.

Ein logisches Buch kann einmal gelesen werden und dann ist man fertig damit,

man hat es verstanden, du kannst es jetzt in den Papierkorb werfen.

Aber ein gleichnishaftes Buch ist Poesie: Es ändert sich mit deinen Stimmungen,

es verändert sich mit deiner Einsicht, es ändert sich mit deinem Wachstum,

es gibt dir verschiedene Sichtweisen in deinen verschiedenen Geisteszuständen.

Die Analogie bleibt die gleiche.

 Du verstehst eine Analogie nur von deinem Standpunkt aus.

10.03.2008 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 20/2 (8)

von: tao

 

Dschuang Dsi ist ein seltenes Erblühen.

Denn niemand zu werden

ist die schwierigste, fast unmögliche, außergewöhnlichste Sache in der Welt.

Das gewöhnliche Denken sehnt sich danach, außergewöhnlich zu sein; das gewöhnliche Denken sehnt sich danach, jemand ganz spezielles zu sein, das ist Teil der Normalität.

09.03.2008 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 26/10 (9)

von: tao

Wenn du aggressiv bist, durch Worte, nach außen gehst

kann nichts in dich eindringen,

weder Liebe, noch Meditation, noch Tao.

Und alles, was schön ist, geschieht als ein nach innen gehender Prozeß.

Wenn du still bist, und keine Worte in dir anklopfen, um herauszukommen,

wenn du wartest --

in diesem Moment des Wartens

ereignet sich Schönheit, geschieht Liebe, passiert Andacht, ereignet sich Tao.

Aber wenn ein Mensch zu wortesüchtig ist, wird er das alles vermissen,

am Ende wird er eine lange Kollektion haben

von Worten und Theorien, Logik, allem möglichen --

aber nichts davon lohnt sich und ist der Mühe wert, weil der Inhalt fehlt.

Fröhlich

08.03.2008 um 00:00 Uhr

Südliches Blütenland 19/13 (20)

von: tao

 

Das Leben kann nicht geplant werden; es ist eine ungeplante Flut --

und es ist gut, dass es nicht geplant ist.

Wenn es geplant wäre, dann würde alles todlangweilig sein.

Es ist gut, dass niemand imstande ist, die Zukunft vorherzusagen,

es ist gut, dass die Zukunft unbekannt bleibt, unvorhersagbar,

denn darin liegt die ganze Freiheit.

Wenn die Zukunft bekannt wird, dann bleibt keine Freiheit mehr übrig,

dann wirst du dich wie ein vorhersagbarer Mechanismus bewegen.

Aber das ist es, was wir wollen, oder das ist das, was wir zu tun versuchen.

Wenn du ein wenig verständnisvoll bist,

dann gib den anderen um dich herum die Freiheit, sie selbst zu sein

und erlaube niemandem, sich in deine Freiheit einzumischen.

Mache aus niemandem einen Sklaven für dich

und werde kein Sklave für niemanden.

07.03.2008 um 00:38 Uhr

Tao 382

von: tao

Wahrheit befreit.

Wessen Wahrheit?

Wie kann meine Wahrheit dich befreien?

Deine Gefangenschaft ist die deine,

wie kann meine Wahrheit deine Fesseln zerschneiden?

Du hast deine Gebundenheit aus deiner Unwissenheit heraus geschaffen,

du mußt deine eigene Freiheit kreieren

aus deiner Vewirklichung der Wahrheit heraus.

Niemand sonst kann dich befreien.

Außer dir, und nur dir.

Und klammere dich niemals an die Hoffnung

dass jemand anderer dich befreien kann.

Wenn das möglich wäre

dann würde ein Buddha genug gewesen sein, ein Jesus wäre genug gewesen,

ein Krischna würde die ganze Sache erledigt haben.

Nichts weiter wäre mehr nötig gewesen.

06.03.2008 um 01:06 Uhr

Südliches Blütenland 6/4 (21)

von: tao

 

Wohin gehst du?

Ist da etwas, wohin du gehen kannst?

Und sogar wenn du irgendwo ankommst, wirst du immer noch du selbst sein.

Sogar wenn du in diesem Moment zu einem Präsidenten gemacht würdest,

von diesem Land oder von irgendeinem anderen Land,

denkst du, irgendetwas würde sich ändern? Du wirst der gleiche bleiben --

das gleiche frustrierte Wesen, das gleiche ehrgeizige Wesen,

mit der gleichen Spannung, der gleichen Beklemmung, den gleichen Albträumen.

Mulla Nasrudin klopfte einmal an die Türe seines Psychiaters.

Sagte der Psychiater: Was ist denn jetzt wieder los?

Mulla Nasrudin sagte: Ich habe einen Albtraum,

der jede Nacht wiederkehrt. Hilf mir!

Ich kann nicht schlafen, es ist zu einer schweren Last auf meinem Kopf geworden.

Es muss jetzt etwas getan werden!

Er war wirklich in Problemen,

seine Augen waren entzündet und sein ganzer Körper

sah aus, als wenn er seit vielen vielen Monaten nicht mehr geschlafen hätte.

Der Psychiater war besorgt.

Er sagte: Rede, erzähle mir von dem Albtraum. Was ist das für ein Traum?

Sagte Nasrudin: Jede Nacht habe ich einen Traum, einen schrecklichen Traum.

Der Traum geht so, dass ich mit zwölf schönen Frauen allein bin.

Der Psychiater sagte: Das verstehe ich nicht.

Was ist so schrecklich daran?

Nasrudin sagte: Hast du jemals versucht, zwölf Frauen zu lieben?

Ganz alleine? Auf einer Insel?

Aber du liebst ja zwölftausend Frauen --

denn jedes Verlangen ist eine Frau.

05.03.2008 um 02:53 Uhr

Tao Te King 67 (8)

von: tao

So wie Wissenschaft - speziell destruktive Wissenschaft - Politik,

Geld und geldorientierte Suche, Besitzstreben, zum Körper gehören

und zur Sexualität gehören,

so gehören Kunst, Poesie, Musik, Malerei, Bildhauerei

zur zweiten Ebene der Liebe.

Wenn deine Liebe fließt,

wenn du dahin gekommen bist,

ein gewisses Sich-in-Übereinstimmung-Befinden mit einer Person,

ein bestimmtes Einssein mit einer Person,

wenn auch nur für Momente --

ist auch das schon genug, um das ganze Leben zu ändern.

Wenn du auch nur einen einzigen Moment lang dahin gekommen bist

dass du spürst, dass zwei Personen sich aufgelöst haben

und eins geworden sind --

im Sex lösen sich zwei Körper auf und werden eins;

in der Liebe lösen sich zwei Denksysteme auf und werden eines --

wenn du für einen einzigen Moment dieses Einssein kennengelernt hast,

wird dein Leben eine Poesie werden,

wird dein Leben einen Tanz an sich haben,

wird dein Leben eine tiefe Hamonie haben und Musik in sich tragen.

04.03.2008 um 02:11 Uhr

Südliches Blütenland 17/1 (8)

von: tao

 

Durch Wissen stärkst du dein Ego.

Wenn also jemand sagt, es gibt kein Wissen durch das Denken

stellt sich das Ego einfach taub.

Es hört niemals zu, weil das gefährlich ist.

Das Denken sagt: Das ist auch eine Theorie.

Das Denken sagt: Sogar Anti-Philosophie ist eine Philosophie,

sogar Dschuang Dsi ist ein Philosoph.

Dann ist alles geregelt

und du ziehst dich wieder auf deine Interpretationen zurück.

Aber bedenke, Dschuang Dsi ist kein Philosoph.

Philosophie ist eine Einstellung dem Leben gegenüber.

Einstellung bedeutet eine Auswahl. Und eine Selektion kann nur fragmentarisch sein.

Ein Mystiker trifft niemals eine Wahl.

Er schaut auf das Ganze ohne irgendeine Entscheidung von seiner Seite aus,

er wird keine Auswahl, keine Entscheidung treffen.

Verrückt

03.03.2008 um 02:38 Uhr

Südliches Blütenland 13/10 (9)

von: tao

Jesus war ein einfacher Mensch,

aber schau dir die Katholiken, die Protestanten an,

die hundertfachen Sekten der Christenheit und ihre Interpretationen.

Jesus war ein einfacher Mann,

der Sohn eines Zimmermanns, er benutzte niemals den theologischen Jargon.

Er war kein Mann der Worte, er war ein Mensch der Erfahrung.

Er redete einfach in  kleinen Geschichten, Anekdoten und Gleichnissen.

Und er sprach damit zu ungebildeten Leuten,

sein Sinn war simpel.

Aber schau... die Protestanten, die Katholiken, ihre Theologen,

sie haben soviel aus ihm gemacht -- einen Berg!

Über einfache Angelegenheiten diskutieren und argumentieren sie in einem fort und sie verlieren sich so sehr darin,

dass Jesus komplett in Vergessenheit gerät.

Beschäftigt

02.03.2008 um 02:50 Uhr

Tao 381

von: tao

Für einen Christen ist die Wahrheit von Jesus faktisch zu seiner Gebundenheit geworden.

Ein Christus ist eine befreite Seele -- aber ein Christ ?

Er lebt in einem Gefängnis;

natürlich dekoriert in einer christlichen Art und Weise.

Ein Hinduist lebt in einem anderen Gefängnis,

verziert mit hinduistischen Gottheiten,

und mit Bildern, Heiligenbildern und Mantren.

Ein Buddhist lebt in einem buddhistischen Gefängnis.

Ihre Gefängnisse unterscheiden sich,

aber das Gefangensein ? Die Gefangenschaft ist die gleiche.

Deine Fesseln können unterschiedlich sein.

Es ist sogar möglich, dass deine Fesselung wertvoller ist

als die Ketten anderer -- du magst goldene haben,

aber das macht gar keinen Unterschied -- du bist noch nicht befreit.

Sonstige

01.03.2008 um 01:57 Uhr

Tao 380

von: tao

 

Spiel nicht mir dir selbst ein Spiel

denn niemand anderes außer dir wird getäuscht werden.

Es war einmal, dass ein Schüler bei einem Zen-Meister war

viele Jahre lang und nichts passierte.

Was auch immer der Meister sagte, er versuchte es zu tun

aber trotzdem geschah nichts

denn eigentlich versuchte er es nicht, er tat nur so, als ob er es versuchen würde.

Er zog bloß eine Show ab. dass er sich bemühen würde;

er spielte ein Spiel, er war nicht aufrichtig.

Dann begann er damit, andere zu fragen: Was soll ich tun ?

Ich tue doch alles, was auch immer der Meister sagt, und nichts geschieht.

Jemand sagte: Es wird nichts passieren, es ist schwierig,

es ist fast unmöglich.

Wenn du wirklich willst, dass was passiert, dann gibt es nur eines, stirb.

Der Mann war in der Zwischenzeit

solch ein ausgebuffter  Bluffer geworden

dass er sagte: Das werde ich tun.

Er ging zum Meister, um ihn zu besuchen.

Plötzlich, als der Meister ihn anschaute,

fiel er auf den Boden,

schloss seine Augen und tat so, als ob er tot sei.

Der Meister lachte herzlich

denn du kannst ja viele Dinge vortäuschen

aber wie gibst du vor, tot zu sein ?

Das ist die letzte aller Absurditäten.

Der Meister sagte: Richtig, das hast du gut getan,

aber eine Frage noch, bevor du komplett verschwindest.

Was ist denn mit dem Koan, dem Problem, das ich dir zur Lösung aufgegeben habe?

Der Meister hatte ihm ein Problem gegeben, über das er meditieren sollte,

das ganze grundsätzliche Problem

wenn du mit einer Hand einen Ton erzeugen möchtest,

wie wird dann der Ton einer Hand klingen ?

Der Scheintote öffnete sein eines Auge und sagte:

Meister, das habe ich noch nicht gelöst.

Der Meister schlug ihn hart, trat ihn und sagte:

Du Heuchler, weißt du nicht einmal das,

weißt du nicht einmal, dass tote Menschen keine Fragen mehr beantworten ?

Du bist tot, und doch beantwortest du sofort eine Frage.