Taoistische Reflektionen

11.05.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 20/2 (10)

von: tao

 

Ein vollkommener Mensch lebt ohne irgendeinen Zweck;

ein vollkommener Mensch ist in Bewegung, aber ohne irgendein Motiv.

Wenn du einen vollkommenen Menschen fragen würdest: "Was tust du denn da?"

würde er sagen: "Ich weiß es nicht, aber das ist das, was sich gerade ereignet."

Wenn du mich fragen würdest, warum ich hier schreibe,

dann würde ich sagen: Frag die Blume, warum sie blüht.

Das ereignet sich eben, das ist nicht manipuliert.

Wenn es keinen gibt, der es manipulieren kann, dann ist das Boot leer.

Wenn es eine Absicht gibt, wirst du immer unglücklich sein. Warum?

Einmal wurde ein Geizhals, ein großer Kapitalist, gefragt:

Wie konntest du so erfolgreich soviel Reichtum anhäufen?

Der Geizhals sagte: Das ist mein Motto --

was auch immer morgen getan werden soll

sollte schon heute getan werden,

und was auch immer heute genossen werden könnte

sollte erst morgen genossen werden.

Das ist mein Lebensmotto gewesen.

Er hatte damit Erfolg, Kapital anzusammeln --

und auf diese Weise haben die Leute auch Erfolg, wenn sie Unsinniges sammeln!

Dieser Kapitalist war auch unglücklich.

Auf der einen Seite hatte er Erfolg damit, Reichtum anzuhäufen,

auf der anderen Seite war er damit auch erfolgrech, Unglück zu akkumulieren.

Traurig

 

10.05.2008 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 1/4 (5)

von: tao

Warum kannst du nicht alleine gehen? Weil du dem Leben nicht vertraust. Du gehst mit den Mohammedanern, du gehst mit den Hinduisten, du gehst mit den Juden, weil du dem Leben nicht traust, du vertraust der Masse. Um alleine zu gehen, benötigt man großes Vertrauen in das Leben... in die Bäume, in die Flüsse, in den Himmel, in die Ewigkeit von all dem -- man vertraut darauf. Du vertraust Konzeptionen, die von Menschen ersonnen wurden, du vertraust Systemen, die von Menschen erdacht wurden, du vertraust Ideologien, die von Menschen zusammengezimmert wurden. Wie können Ideologien, die von Menschen gemacht wurden, wahr sein?

Der Mensch hat diese Ideologien erschaffen, bloß um die Tatsache zu verbergen, dass er es nicht weiß, dass er unwissend ist. Der Mensch ist schlau, clever, und er kann Rationalisierungen kreieren; aber diese Rationalisierungen sind Quatsch -- du kannst dich damit nicht in die Wahrheit hineinbegeben. Du wirst sie aufgeben müssen. Der Taoismus sagt, dass Unwissenheit nicht die Barriere vor der Wahrheit darstellt -- das Wissen ist das Hindernis.

Samuel Becketts großes Werk "Warten auf Godot" ist in diesem Zusammenhang etwas, über das es sich nachzudenken lohnt:

Zwei Landstreicher, Wladimir und Estragon, sind auf der Bühne. Sie sind da, um zu warten -- genau wie jeder andere auf der Welt am Warten ist -- niemand weiß genau, auf was. Jeder wartet einfach, in der Hoffnung, dass etwas passieren wird: Heute ist es noch nicht passiert, morgen wird es sich ereignen. Das ist das menschliche Denken: Das Heute ist vergeudet, aber es hofft darauf, dass sich morgen etwas ereignen wird. Und diese zwei Tramps sitzen nun unter einem Baum und warten... sie warten auf Godot.

Niemand weiß genau, wer dieser Godot ist. Das Wort klingt wie Gott, aber es klingt nur so, und tatsächlich sind die Götter, auf die du noch wartest, alle Godots. Du hast sie erschaffen, weil man auf etwas warten muss, wie willst du sonst die Existenz aushalten? Wofür? Wie willst du sonst das Leben aufschieben? Wie willst du sonst hoffen? Das Leben würde unerträglich werden, unmöglich, wenn es nichts mehr gibt, auf das du warten kannst. Der eine wartet auf das große Geld, und der andere wartet auf die Macht, und jemand anderes wartet auf die Erleuchtung, und ein anderer auf sonst etwas; aber jeder wartet. Und Leute, die warten, sind die Leute, die das Leben verpassen.

Beschäftigt

09.05.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 17/10 (13)

von: tao

 

Wie kannst du lieben? Wie kannst du bloßes Sein genießen?

Nein, du kannst gar nichts tun.

Nun, da du erwachsen bist, kannst du nur noch folgen -- dem, was sein müßte, was du solltest und was du nicht solltest.

Dein Kuß wird bloß Gift sein, er wird vergiftet sein.

Du hast Angst zu leben, du verschiebst es immer wieder --

irgendwann in der Zukunft wirst du dann leben;

und wegen dieses Aufschiebens hast du Himmel und Hölle geschaffen.

Der Himmel ist dein finales Aufschieben

von allem, was lebenswert ist.

Du sagst, dass es im Himmel ewige Schönheit gibt;

aber diese ewige Schönheit ist hier und jetzt, nicht im Himmel.

Wenn du lächelst -- steh bloß mal vor einem Spiegel und lächle --

du wirst sehen, hinter deinem Lächeln, da steckt die Wut,

da ist Traurigkeit, da ist Lust; es ist nicht rein.

Das kann es nicht sein, denn schon die Quelle ist vergiftet.

Nichts ist rein --

nicht nur die Dinge, die du dir kaufen kannst, sind gepanscht und verdorben,

du bist verfälscht. Dann kannst du auch nicht lächeln,

und wenn du nicht lächeln kannst, wie kannst du dann küssen?.

08.05.2008 um 23:59 Uhr

Tao Te King 9 (15)

von: tao

 

Wenn ein Kind zu sehr lacht, wird es unweigerlich bald weinen.

Du kannst das sehen -- erst lacht es, lacht und lacht,

und plötzlich fängt es an zu weinen.

Das Lachen ging bis ins Extrem und schlug ins Weinen um.

Du kannst nicht vierundzwanzig Stunden lang glücklich sein;

das Unglücklichsein ist eine Entspannung.

Du kannst nicht vierundzwanzig Stunden lang unglücklich sein;

das Glücklichsein ist eine Entspannung.

Es ist ein Tanz auf dem Seil --

und der Mensch ist so töricht, weil der Mensch zu logisch ist.

Du lebst in der Welt als ein Familienvater.

Dann lebst du vierundzwanzig Stunden lang in der Welt,

und nicht einmal während einer Stunde in diesen vierundzwanzig Stunden bist du außerhalb davon, in Meditation, in Andacht, in Isolation, eben alleine,

wo du bloß dich selbst genießt,

und dich nicht um die Welt und weltliche Angelegenheiten kümmerst -- nein.

Dann bekommst du eines Tages das alles satt.

Das muss so sein, es wird dazu kommen:

Wenn du vierundzwanzig Stunden lang ein Familienmensch bleibst

wirst du eines Tages den Hals voll haben, du bist bis zum Extrem gegangen.

Dann willst du das alles los haben und bist reif für die Insel.

Wütend

07.05.2008 um 23:59 Uhr

Tao 402

von: tao

Meditation hat nichts

mit dem Denken zu

tun; Meditation

bedeutet einfach ein

Zustand des Nicht-

Denkens. Das

Funktionieren des

Denkens ist die

einzige Störung in

der Meditation.

Wenn du versuchst,

Meditation durch das

Denken zu erreichen,

mußt du

zwangsläufig

scheitern, dein

Versagen ist

vorprogrammiert. Du

versuchst damit, das

Unmögliche zu

erreichen.

 

06.05.2008 um 23:59 Uhr

Tao 401

von: tao

Wenn du vom Alleinsein sprichst, dann meinst du eigentlich Einsamkeit. Einsamkeit ist ein negativer Zustand: Dir fehlt der andere und du fangst an, dich umzuschauen nach dem anderen zu suchen. Alleinsein ist ungeheuer schön. Alleinsein meint einen Moment, wenn der andere nicht mehr benötigt wird, du bist dir selbst genug -- so genug, dass du dein Alleinsein mit der ganzen Existenz teilen kannst. So unerschöpflich ist dein Alleinsein, dass du es in die ganze Existenz hineingießen kannst und es wird immer noch bei dir bleiben. Du bist reich, wenn du allein bist, du bist arm, wenn du dich einsam fühlst.

Die einsame Person ist ein Bettler; ihr Herz ist eine Bettelschale. Der Mensch, der alleine ist, ist ein Herrscher...Lao-tse ist alleine.

Und wenn sich dir Alleinsein ereignet, dann wird deine Interpretation fehlgehen. Denn deine Interpretation kommt von deinen vergangenen Erfahrungen, sie stammt von deinem Denken aus der Vergangenheit. Sie kommt von deiner Erinnerung. Dein Denken wird dir also eine verkehrte Idee geben. Lass lieber das Denken sein. Gehe in dein Alleinsein hinein: Beobachte es, koste es. In all seine Aspekte muss hineingeschaut werden. Geh in es hinein durch alle Zugänge, die möglich sind; es ist der großartigste Tempel, den es gibt. Und es ist in diesem Alleinsein, dass du dich selbst finden wirst -- und sich selbst zu finden heißt Tao zu finden.

Tao ist allein, und hast du erst einmal da hineingesehen, ohne dass sich das Denken eingemischt hat, wirst du es nicht mehr wollen, überhaupt noch davon abgelenkt zu werden. Dann gibt es nichts mehr, das dich abzieht, denn es besteht keine Notwendigkeit mehr, abgelenkt zu werden. Dann würdest du auch nicht mehr davor davonlaufen wollen, denn das ist das Leben, es ist ewiges Leben. Warum sollte man davor davonlaufen wollen? Und damit ist nicht gemeint, dass du in diesem Alleinsein nicht mehr imstande bist, dich auf jemanden zu beziehen. Tatsächlich wirst du zum erstenmal  beziehungsfähig sein.

Ein einsamer Mensch kann sich nicht auf jemanden beziehen, weil seine Bedürftigkeit so groß ist. Er klammert, er stützt sich auf den anderen. Er versucht, den anderen in Besitz zu nehmen, denn er hat ständig Angst: "Wenn der andere geht, was dann? Ich werde wieder einsam zurückbleiben." Daher gibt es so viel Besitzergreifung in der Welt. Das hat einen Grund. Der Grund ist einfach: Du hast Angst -- wenn der andere dich verläßt, dann wirst du wieder einsam, völlig einsam zurückgelassen werden.

 

05.05.2008 um 23:59 Uhr

Tao Te King 41 (10)

von: tao

Sogar die Sehnsucht, die Wahrheit zu erreichen, kommt vom Ego.

 Das gibt man dann auch auf.

Aber bedenke, man kann die Anstrengung nur loslassen

wenn man die Anstrengung bis zum Äußersten getrieben hat.

Du kannst nicht sagen: Wenn das so ist

dann sollte ich die Anstrengung von Anfang an schon sein lassen. Warum sich anstrengen?

Du wirst den springenden Punkt verpassen.

Das ist denjenigen passiert

die Krishnamurti zugehört hatten. Der sagte

- und was er auch immer sagte, war völlig wahr --

dass keine Anstrengung nötig ist.

Das ist richtig, aber es stimmt nur für diejenigen

die mit ihrem ganzen Wesen eine sehr große Anstrengung unternommen haben.

Nur für die ist es wahr - sie können es fallenlassen.

Fröhlich

04.05.2008 um 23:59 Uhr

Tao 400

von: tao

Eure Leben sind Mist.

Und es gibt einen Weg, zu sein

der ungeheuer glückselig ist.

Ich muss euch immer wieder daran erinnern

dass die Art und Weise, wie ihr lebt, kein Weg des Lebens ist, es ist ein Weg, zu sterben.

Ihr tötet euch damit einfach selbst.

Und ich muss euch daran erinnern:

Es gibt einen Weg

wo nichts außer unbegrenzter Seligkeit existiert.

Aber das soll keine Präferenz erzeugen.

Ich schreibe das nicht, um eine Entscheidung hervorzurufen,

das soll nicht heißen: Laß dies und wähle das, lass das eine sein und versuche, das andere zu erreichen -- nein, das ist damit nicht gemeint.

Damit will ich einfach sagen, dass das Denken, das etwas erreichen will

nichts als nur Schrott zustande bringt.

03.05.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 26/10 (11)

von: tao

Ein Mensch, der die Worte vergessen hat, ist es wert, dass man mit ihm redet.

Es mag nicht so leicht sein, ihn zum Reden zu überreden,

aber bloß in seiner Nähe zu sein, bloß an seiner Seite zu sitzen

würde ein Austausch sein, würde eine Kommunikation sein,

die tiefste, die möglich ist.

Zwei Herzen würden ineinander verschmelzen.

Aber warum diese Sucht nach Worten?

Weil das Symbol das Reale zu sein erscheint.

Und wenn das immer wieder wiederholt wird,

hypnotisierst du dich durch die Wiederholung ganz von selbst.

Wiederhole irgendetwas, und nach und nach

wirst du vergessen, dass du es eigentlich gar nicht weißt.

Die Wiederholung wird dir das Gefühl geben, dass du es weißt.

02.05.2008 um 23:59 Uhr

Tao 399

von: tao

Du liebst eine Frau

aber die Beziehung wird schal, und alles geht schief.

Dann beginnst du, an eine andere Frau zu denken. Das Denken sagt;

Dieses Frau ist nicht die richtige für dich, aber es existiert auch eine Frau, die richtig für dich ist.

Dann versuchst du, sie zu finden. Du bist bei der falschen Frau hängengeblieben.

Das ist der Grund, warum das Problem entstanden ist.

Das Problem ist nicht wegen dieser Frau entstanden. Bedenke das.

Wenn du achtsam bist, wirst du es sehen: Das Problem ist

wegen der Sehnsucht entstanden, nicht wegen dieser Frau.

Dann sagt das Denken: Verlasse diese Frau, lass dich scheiden, geh zu einer anderen.

Aber mit einer anderen geschieht das gleiche Muster --

und wieder sagt das Denken: Finde jemand anderen.

Und du gehst weiter und immer weiter. Und das Denken wird immer hoffen

dass jemand eines Tages auftauchen wird

und dann wird alles endlich stimmig sein, und du wirst im Himmel sein.

Das ist noch nicht passiert, es wird sich nicht ereignen.

 

 

01.05.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 17/1 (9)

von: tao   Stichwörter: Südliches, Blütenland, 17

 

Wenn du eine Wahl triffst, dann gibt es sofort ein Problem

weil das Leben widersprüchlich ist;

das Leben existiert durch Widersprüche,

und es ist schön, wie das Leben das Unmögliche hinbekommt.

Die Nacht und der Tag existieren als Nachbarn,

eigentlich nicht als Nachbarn --

der Tag verschmilzt in die Nacht und wird die Nacht;

die Nacht schmilzt wieder in den Tag hinein und wird zum Tag.

Liebe und Haß existieren zusammen;

die Liebe schmilzt und wird der Haß,

der Haß schmilzt und wird die Liebe.

Leben und Tod existieren zusammen:

Das Leben zerrinnt laufend in den Tod

und der Tod schmilzt laufend wieder in das Leben hinein.