Taoistische Reflektionen

10.06.2008 um 23:28 Uhr

Quellender Urgrund 2/20 (16)

von: tao

Es begab sich, dass Mulla Nasrudin verheiratet wurde.

Für seine Flitterwochen reiste er ins Gebirge,

 In der allerersten Nacht klopfte jemand um Mitternacht an die Türe.

Nasrudin stand auf und öffnete die Türe.

Da stand ein Mann mit einer Pistole in seiner Hand, ein Räuber. Er kam herein.

Aber er vergaß seinen Raubüberfall, als er Mulla Nasrudins Frau sah,

ein schönes junges Mädchen. Er vergaß völlig seine räuberische Absicht.

Und er sagte zu Mulla Nasrudin: Du stellst dich in diese Ecke.

Dann zog er mit Kreide einen Kreis um ihn herum und sagte ihm:

Geh bloß nicht aus diesem Kreis heraus -- ein Schritt und mit dir ist es aus.

Dann küßte er Nasrudins Frau und hatte Sex mit ihr.

Als er endlich gegangen war, sagte die Frau: Was bist du für ein Mann?

Stehst da in dem Kreis

und schaust zu, wie ein anderer Mann deine Frau vergewaltigt!

Nasrudin sagte: Ich bin kein Feigling!

Und triumphierend fügte er hinzu:

Immer wenn mir der Mann seinen Rücken zukehrte

habe ich einen Schritt aus dem Kreis hinaus gemacht, und das nicht bloß einmal, nein, sogar dreimal!

Auf genau diese Weise hält sich das Ego ständig aufrecht,

bloß indem es aus dem Kreis heraussteigt. Wenn ihm der Rücken zugekehrt wird,

wenn der Tod nicht zu dir hinsieht, dann machst du einen Schritt.

Und das nicht nur einmal, dreimal sogar! Und du fühlst dich gut dabei.

Und ich denke, dass jeder in einer Ecke steht

und einen Kreis um sich herum gezogen hat.

Du stehst in diesem Kreis und manchmal machst du einen Schritt hinaus

bloß um das Gefühl zu haben, dass du kein Feigling bist.

Aber es liegt nicht in der Natur des Ego, furchtlos zu sein.

09.06.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 13/10 (12)

von: tao

Religion ist nicht realistisch, sie ist symbolisch.

Es geschah einmal, dass ein Freund Picasso besuchte.

Der Freund war beim Militär, in der Armee.

Er sah sich in Picassos Studio um und sagte dann:

Was für ein Unsinn! Alles ist unrealistisch,

auch nicht ein einziges Gemälde repräsentiert die Wirklichkeit.

In der Realität kannst du nichts finden, das Picassos Gemölden gleicht.

Das gibt es einfach nicht. Es ist eben nur Picassos Gefühl der Wirklichkeit.

Die Wissenschaft versucht das Objektive zu entdecken,

die Kunst versucht ständig das Subjektive im Objektiven zu finden.

Du betrachtest eine Blume; wenn du einen Wissenschaftler nach ihr fragst

wird er von der chemischen Zusammensetzung der Blume sprechen.

Natürlich sind diese Verbindungen vorhanden, aber sie sind nicht die  Blume,

denn sie beinhalten nicht die Schönheit,

sie tragen nicht die Bedeutung, sie haben nicht den Sinn.

09.06.2008 um 02:52 Uhr

Tao Te King 48 (9)

von: tao

Du denkst und planst für die Zukunft,

irgendwann, wenn ihr dann wie Götter werdet,

dann wirst du es genießen.

Das Wissen erschafft die Zukunft.

Das Wissen erzeugt die Sehnsucht.

Das Wissen bringt das Werden hervor.

Das Wissen ist sansar, das Rad des Lebens.

Wenn du in diesem Hamsterrad bist, dann gehst du immer rundherum und trittst auf der Stelle, aber ankommen tust du nirgendwo.

Das Wissen ist die Welt.

Wenn Jesus sagt: Mein Könrigreich ist nicht von dieser Welt,

meint er damit die Welt des Werdens.

er meint nicht die Welt der Bäume und der singenden Vögel

und des fallenden Regens, und des Himmels und der Wolken, nein,

mit "dieser Welt" meint er nicht diese Welt, die dich umgibt,

er meint die Welt, die dein Denken und dein Sein umwölkt,

die Welt des Werdens, des Verlangens --

was Buddha tanha nennt.

07.06.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 23/5 (9)

von: tao

Diese christlichen Priester sind natürlich schon tot,

bei ihnen ist doch alles geplant.

Wenn du dies oder jenes sagst, dann muss eine bestimmte Geste gemacht werden;

sogar die Gestikulation darf nicht spontan sein.

Wenn du das oder jenes sagst, mußt du einen gewissen Blick dabei aufsetzen;

sogar den Augen wird nicht gestattet, spontan zu sein.

Wie du dastehen mußt, wann du lauter werden mußt,

und wann du flüsternd sprechen sollst,

wann du auf den Tisch hämmern mußt und wann nicht --

alles ist geplant.

Man sollte sie fragen, wo Jesus ausgebildet wurde.

Er war überhaupt kein Pfarrer, er war kein Priester.

Er ging niemals auf irgendeine theologische Hochschule,

er war der Sohn eines Zimmermanns.

 

06.06.2008 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 1/4 (6)

von: tao

In Samuel Becketts "Warten auf Godot" sind da zwei Tramps. Die warten bloß. Auf was sie warten, ist das Kommen eines Mannes, Godot, von dem erwartet wird, dass er sie mit Kost und Logis versorgen wird. In der Zwischenzeit versuchen sie, sich die Zeit mit Smalltalk zu vertreiben, mit Späßen, Spielen und kleineren Kappeleien....

Das ist doch dein Leben: Man ist währenddessen mit kleinen Dingen beschäftigt. Die große Sache wird sich erst morgen ereignen. Godot wird morgen kommen. Heute streitet man sich herum - die Ehefrau mit dem Ehemann, der Ehemann mit der Ehefrau. Kleine Sachen, Smalltalk, Späßchen, Spielereien...Überdruss und Leere. Das ist doch heutzutage das, was jeder empfindet: Langeweile, Überdruss und Leere...."Es gibt nichts zu tun" ist der Refrain, der immer wieder intoniert wird.... Im Stück sagen die beiden das immer wieder "Da kann man nichts machen", aber dann trösten sie sich selbst: "Aber morgen wird er ja kommen". Und tatsächlich hat er das ihnen niemals versprochen, sie haben ihn noch nie getroffen -- es ist eine Erfindung. Man muss etwas erfinden; aus dem Unglück heraus muss man sich das Morgen erfinden und etwas, an das man sich klammern kann. Deine Götter, deine Himmel, deine Paradiese, deine mokshas und Erleuchtungen sind alles Erfindungen. Der Taoismus redet nicht einmal darüber.

Dieses Schauspiel von Samuel Beckett "Warten auf Godot" ist ganz essentiell taoistisch.

...Mitten im ersten Akt stürmen zwei Fremde -- Pozzo und Lucky -- auf die Bühne. Pozzo scheint ein wohlhabender Mann zu sein; Lucky, der Diener, wird zu einem nahegelegenen Markt getrieben, um verkauft zu werden. Pozzo erzählt den Landstreichern von Luckys Vorzügen -- von denen der bemerkenswerteste der ist, dass er denken kann. Um das zu demonstrieren, knallt Pozzo mit seiner Peitsche und kommandiert: "Denke!" und dann folgt ein langer, hysterisch unzusammenhängender Monolog. in dem Fragmente aus Theologie, Wissenschaft, Sport und Zusammengelesenem sich herausdrängen in eine einzige Konfusion, bis die drei anderen sich auf ihn stürzen und ihn zum Schweigen bringen.

Was ist denn dein Denken? Was meinst du denn damit, wenn du sagst: "Ich denke"? Es ist ein hysterisch unzusammenhängender Monolog, in dem Fragmente aus Theologie, Wissenschaft, Sport und sortiertem Erlernten sich in Verwirrung drängeln...bis der Tod kommt und dich zum Schweigen bringt. Was ist denn dein ganzes Denken? Was kannst du überhaupt denken? Was gibt es denn zu denken? Und wie kann man durch Denken bei der Wahrheit ankommen? Denken kann dir keine Wahrheit liefern. Wahrheit ist eine Erfahrung, und die Erfahrung ereignet sich nur, wenn das Denken nicht mehr da ist.   

05.06.2008 um 23:59 Uhr

Tao 408

von: tao

Tatsächlich ist ein Mensch, der

nicht manchmal ein Narr sein kann

nicht weise genug.

Ständig weise zu sein,

vierundzwanzig Stunden am Tag

und sieben Tage in der Woche

weise zu sein,

ist töricht.

Manchmal mußt du dir auch Ferien

nehmen von deiner Weisheit

und dich wie ein Narr verhalten.

Nur dann besteht ein Gleichgewicht.

Der Narr ist auch

Teil des Lebens.

04.06.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 13/10 (11)

von: tao

Das Denken ist niemals in Gefahr, wie auch immer

außer in der Gegenwart eines lebenden Meisters.

Dann ist es fast schon am Rande des Todes.

Du fliehst vor den Krischnas und dann trägst du die Gitas in deinem Kopf mit dir herum.

Du entkommst einem Jesus und hast dann immer die Bibel in deiner Tasche dabei.

Die Bibel kann in deiner Tasche behalten werden, nicht Jesus.

Die Bibel wird dir gehören,

aber bei Jesus wirst du Jesus gehören müssen.

Das ist der Unterschied:

Du kannst eine Bibel besitzen, du kannst nicht Jesus besitzen.

Du wirst von ihm besessen sein müssen.

Und, darüber hinaus, Wissenschaft kann geschrieben werden. Da gibt es kein Problem.

Weil es keine Fertigkeit ist, es ist ein Theoretisieren, es ist Theorie.

Das kann aufgeschrieben werden, es ist Beschreibung, es ist kein Mysterium.

Die ganze Basis der Wissenschaft besteht darin, alles zu entmystifizieren.

Sie hat Prinzipien, Gesetze, die können niedergeschrieben werden;

und wenn du das Gesetz entzifferst, ist alles bekannt.

Religion ist nicht wie Wissenschaft, sie ist mehr wie Kunst --

sie ist symbolisch.

03.06.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 17/11 (11)

von: tao

Weißt du erst einmal, wer du bist, dann gibt es kein Problem.

Du bist doch schon höherwertig.

Und nicht nur du bist höherwertig --

alles ist höherwertig.

Die ganze Existenz ist höherwertig

ohne dass irgendetwas minderwertig wäre,

denn Gott ist eins, die Existenz ist eins.

Weder das Minderwertige noch das Höherwertige können existieren.

Das ehrgeizlose Denken kommt zu dieser Erkenntnis.

Dann können wir uns Dschuang Dsis Sätze vornehmen.

Dieser schöne Vorfall ereignete sich wirklich. 

Dschuang Dsi war auf seinem Weg in die Hauptstadt

und der Premierminister bekam es mit der Angst zu tun.

Er musste die Nachricht gehört haben, dass Dschuang Dsi im Kommen war

wahrscheinlich von der Geheimpolizei, von seinen Spionen.

02.06.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 19/13 (23)

von: tao

Das Leben wird nicht durch Zeit verstanden,

es wird durch Meditation verstanden. Es ist ein Nach-Innen-Gehen.

Die Zeit ist eine Außenbewegung, die Zeit ist an der Peripherie.

Ein Mensch kann tausend Jahre lang leben und dumm bleiben.

Tatsächlich wird er dümmer werden, weil er wachsen wird.

Und wenn du ein Dummheitssamenkorn in dir hast

wirst du in eintausend Jahren solch ein riesiger Baum werden

dass Millionen von dummen Leuten in deinem Schatten rasten können.

Was auch immer du hast, das wächst;

nichts ist statisch, alles ist im Wachstum begriffen.

Also wird eine stupide Person noch stupider,

eine weise Person wird noch weiser --

aber Zeit hat nichts mit Verstehen zu tun.

Verstehen ist nicht temporal, nicht zeitlich, es bedeutet nicht mehr Erfahrung.

01.06.2008 um 23:58 Uhr

Quellender Urgrund 2/20 (15)

von: tao

Indem du dich ständig für mutig und furchtlos hältst,

hilft dieses "Ich bin kein Feigling" deinem Ego.

Wenn du zu der Erkenntnis kommst, dass das Ego ein Feigling ist,

"Ich bin ein Feigling", wenn du das wirklich realisierst und dir dessen bewußt wirst

dass dieses Ego Furcht ist und sonst nichts,

wirst du es nicht mehr aufrechterhalten. Du wirst es fallen lassen.

Warum eine Krankheit mir dir herumschleppen?

Aber die Krankheit ist versteckt und du denkst, dass es keine Krankheit ist,

du hältst es vielmehr für die einzige Gesundheit.

Aber das Ego ist ein Feigling, das kann nicht anders sein.

Du kannst keinen furchtlosen Menschen mit einem Ego sehen, das ist unmöglich.

 Das Ego ist ein erzeugtes Phänomen, von dir geschaffen;

es wird auch wieder verschwinden.