Quellender Urgrund 2/20 (16)
Es begab sich, dass Mulla Nasrudin verheiratet wurde.
Für seine Flitterwochen reiste er ins Gebirge,
In der allerersten Nacht klopfte jemand um Mitternacht an die Türe.
Nasrudin stand auf und öffnete die Türe.
Da stand ein Mann mit einer Pistole in seiner Hand, ein Räuber. Er kam herein.
Aber er vergaß seinen Raubüberfall, als er Mulla Nasrudins Frau sah,
ein schönes junges Mädchen. Er vergaß völlig seine räuberische Absicht.
Und er sagte zu Mulla Nasrudin: Du stellst dich in diese Ecke.
Dann zog er mit Kreide einen Kreis um ihn herum und sagte ihm:
Geh bloß nicht aus diesem Kreis heraus -- ein Schritt und mit dir ist es aus.
Dann küßte er Nasrudins Frau und hatte Sex mit ihr.
Als er endlich gegangen war, sagte die Frau: Was bist du für ein Mann?
Stehst da in dem Kreis
und schaust zu, wie ein anderer Mann deine Frau vergewaltigt!
Nasrudin sagte: Ich bin kein Feigling!
Und triumphierend fügte er hinzu:
Immer wenn mir der Mann seinen Rücken zukehrte
habe ich einen Schritt aus dem Kreis hinaus gemacht, und das nicht bloß einmal, nein, sogar dreimal!
Auf genau diese Weise hält sich das Ego ständig aufrecht,
bloß indem es aus dem Kreis heraussteigt. Wenn ihm der Rücken zugekehrt wird,
wenn der Tod nicht zu dir hinsieht, dann machst du einen Schritt.
Und das nicht nur einmal, dreimal sogar! Und du fühlst dich gut dabei.
Und ich denke, dass jeder in einer Ecke steht
und einen Kreis um sich herum gezogen hat.
Du stehst in diesem Kreis und manchmal machst du einen Schritt hinaus
bloß um das Gefühl zu haben, dass du kein Feigling bist.
Aber es liegt nicht in der Natur des Ego, furchtlos zu sein.


