Taoistische Reflektionen

11.07.2008 um 23:59 Uhr

Tao Te King 70 (9)

von: tao

 

Das Denken möchte etwas haben, mit dem es kämpfen kann.

Sogar wenn es gar kein Problem gibt, kreiert es Scheinprobleme

damit es sie lösen kann.

Dadurch, dass es sie löst, fühlt es sich gut;

das Ego ist gestärkt, erfüllt,

du hast etwas bezwungen.

Das ist der grundsätzliche Standpunkt des Taoismus --

dass das Leben gelebt werden muss.

Dafür bedarf es keines informierten Denkens, sondern eines staunenden Herzens.

Wundere dich so sehr, wie du kannst.

Im Westen sagt man, dass Philosophie aus Staunen heraus geboren wurde,

aber das scheint falsch zu sein,

denn eine Philosophie wird nur da geboren, wo das Staunen abgetötet worden ist.

Verrückt

10.07.2008 um 23:59 Uhr

Tao Te King 16 (13)

von: tao

Die Leute akkumulieren Wohlstand auf Kosten ihres eigenen Selbst.

Eines Tages schließlich und endlich,

wird ihnen bewußt, dass sie sich selbst verloren haben

und dass sie nutzloses Zeug erworben haben.

Der Preis dafür war groß, aber jetzt kann nichts mehr getan werden, die Zeit ist vorbei.

Wenn du zeitbewußt bist

wirst du verrückt darauf sein, Dinge anzuhäufen,

du wirst deine ganze Lebensenergie in Dinge hineinstecken.

Ein Mensch, der sich der ganzen Bandbreite bewußt ist

wird diesen Moment genießen, so sehr, wie er nur kann.

Er wird dahintreiben.

Er wird sich keine Sorgen um das Morgen machen

denn er weiß: Das Morgen kommt nie.

Er weiß zutiefst

dass letztlich nur eines erreicht werden muss --

und das ist das eigene Selbst.

09.07.2008 um 23:59 Uhr

Tao Te King 1 (25)

von: tao

 

Im Westen ist Schizophrenie allmählich

immer alltäglicher geworden,

denn tief innen sind all die westlichen Religionen schizophren,

sie spalten. Sie sagen: Gott ist gut.

Wohin soll man dann all das Böse hintun?

Gott ist einfach gut und er kann nicht schlecht sein,

und da ist viel, was schlecht im Leben ist -- wohin mit all dieser Schlechtigkeit?

Also wird ein Teufel kreiert.

In dem Moment, in dem du einen Gott erschaffst, erzeugst du augenblicklich auch einen Teufel.

Da muss ich darauf hinweisen: Lao-tse redet niemals über Gott, nie und nimmer.

Auch nicht einmal verwendet er das Wort "Gott".

Denn benutzt du auch nur einmal das Wort "Gott",

kommt der Teufel sofort zur gleichen Tür herein.

Öffne diese Türe -- dann kommen sie beide zusammen hinein.

08.07.2008 um 23:59 Uhr

Tao 417

von: tao

Das größte, das tiefste Verlangen in deinem Herzen ist nicht, liebender zu werden, die tiefste Sehnsucht ist, Liebe zu werden. Was ist der Unterschied? Wenn du liebevoll bist, wirst du liebevoll jemandem gegenüber sein -- und wenn du zu jemandem liebevoll bist, werden andere im Schatten stehen. Wenn du dein Denken auf eine Sache fokussierst, dann wird alles andere unscharf und verschwommen. Wenn du ausschließlich auf eine Sache schaust, wird alles andere ausgeblendet, ausgeklammert. Liebe kann eine Konzentration sein, dann ist sie monogam; Liebe kann meditativ sein, dann ist sie nicht monogam. Und wenn Liebe nicht monogam ist, dann ist sie taoistisch, spirituell.

Du liest diesen Text. Du kannst ihn mit Konzentration lesen -- wie es in den Universitäten gelehrt wird. Konzentriert euch! Du konzentrierst dich aus Furcht und Gier heraus, sonst wirst du durch die Prüfung fallen, du wirst nicht erster werden, du wirst keine Auszeichnung bekommen, du wirst die Möglichkeiten für einen guten Job verlieren und die Aussichten auf viel Geld und ein schönes Haus -- auf dies und das. Also konzentrierst du dich, aus Furcht. Das ist der Grund, warum die Studenten sich um so besser konzentrieren können, je näher die Prüfung rückt -- denn die Furcht und die Gier wird akuter, sie werden aktualisiert und sie werden zu handfesten Realitäten. Konzentration geschieht aus Furcht und Gier heraus.

Meditation ist total anders. Wenn du dich konzentrierst, verschließt du dein Denken für alles andere. Meditation bedeutet bloß ein Offensein, eine entspannte Offenheit. Sie ist keine Konzentration. Während du dies liest, hörst du vielleicht auch, wie die Vögel in den Bäumen singen. Der Wind, der durch die Bäume weht, singt auch sein Lied -- auch dafür bist du offen. Der Flugzeug fliegt vorüber, oder der Zug fährt vorbei -- du bist auch dafür offen. Das ist Meditation -- du bist einfach offen, zugänglich, bewußt, erreichbar, alle Türen sind offen.

Es wäre sehr armselig, wenn du nur dies lesen würdest, wenn doch Vögel, die in den Bäumen singen, eine Hintergrundmusik darstellten, für das, was du gerade liest. Das ist eine Bereicherung, das ist keine Ablenkung. Das lenkt das Denken nicht ab. Es lenkt das Denken nur ab, wenn du dich konzentrierst -- bedenke das. Die Ablenkung ist nur eine Nebenerscheinung der Konzentration. Wenn du dich konzentrierst, dann stört dich der Vogel, weil er dich ablenkt. Der Vogel würde dich nicht ablenken, wenn du dich nicht konzentrieren würdest. Sei einfach hier zugänglich, was auch immer geschieht, sei erreichbar, offen, mit allen Türen offen. Wenn es zu regnen beginnt, sei offen; wenn ein Sturm aufzieht, sei offen; wenn die Gewitterwolken donnern, sei offen -- was auch immer geschieht, bleibe offen dafür. Dann ist deine Offenheit ganzheitlich.

07.07.2008 um 23:55 Uhr

Tao Te King 71 (14)

von: tao

Einen tiefen Orgasmus zu haben bedeutet, ein ozeanisches Gefühl zu haben

total verloren zu sein.

Frauen sind dazu gezwungen worden, beim Sex nicht aktiv zu sein, denn wenn sie aktiv sind

dann sind sie anfälliger dafür --

weil sie einen subtileren und feinfühligeren Körper haben --

das todgleiche Phänomen des Orgasmus zu spüren.

Sie sind gezwungen worden, kein einziges Wort zu sagen, sich nicht zu bewegen;

sie sollten bloß still daliegen, wie tot und eingefroren.

 

06.07.2008 um 23:59 Uhr

Tao Te King 64 (10)

von: tao

"...das, was noch nicht manifest ist, ist leicht zu verhindern;"

Das kann sofort gestoppt werden.

Aber dann wirst du eine sehr, sehr tiefgreifende Sensitivität benötigen --

und du bist schon fast abgestumpft geworden,

du bist nicht sensibel.

Die Leute haben ihre Sensibilität komplett verloren,

sie sind fast total unsensibel.

Sie schleppen sich dahin, wie im Schlaf.

Sie tun Dinge, ohne zu wissen, warum sie sie tun.

Wenn sie dann etwas getan haben, dann wird ihnen plötzlich bewußt: Was habe ich getan?

Dann strengen sie sich an und finden Entschuldigungen

weil es so töricht erscheint.

Ohne irgendeine Ausflucht, ohne irgendeinen Grund, warum hast du es getan?

Und du hast das gleiche viele Male in der Vergangenheit getan,

und du wiederholst es immer wieder.

 

05.07.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 1 (15)

von: tao

Fröhlich 

Du magst all den Reichtum in der Welt haben

aber wie kannst du den nach innen bringen und die Leere in dir füllen?

Nein, sogar wenn du all den Reichtum hast

wirst du dich immer noch leer fühlen --

leerer noch, weil nun der Kontrast da sein wird.

Das ist der Grund, warum ein Buddha seinen Palast verläßt:

Wo er all den Reichtum sieht, und doch die innere Leere fühlt,

er spürt, dass alles nutzlos ist.

Ein anderer Weg ist, nach innen zu gehen --

nicht zu versuchen, dieses "Niemand-Sein" los zu werden, sondern es zu verwirklichen.

Das ist das, was Dschuang Dsi sagt: Werde ein leeres Boot,

geh einfach nach innen und realisiere, dass du niemand bist.

In dem Moment, in dem du erkennst, dass du niemand bist

explodierst du in eine neue Dimension hinein.

04.07.2008 um 23:59 Uhr

Tao 416

von: tao

Die Sehnsucht an sich hält dich zurück.

Das intensive Verlangen, mit dem Universum zu verschmelzen

hält dich getrennt davon.

Lass den Wunsch los und  die Verschmelzung geschieht.

Du kannst nicht durch ein intensives Verlangen eintauchen

denn der Wunsch als solcher wird dich getrennt davon halten.

Wer ist derjenige, der sich danach sehnt?

Zu wem gehört dieses intensive Verlangen?

Ein  starker Wunsch erzeugt ein starkes Ego -- und eine  Unterdrückung.

Und wer hat dir gesagt, dass du getrennt bist und dass du eine Verschmelzuung brauchst?

Du bist schon tief eingetaucht.

Schau dir die unterschiedliche Sichtweise an.

Lao-tse sagt: Du bist mit der Existenz verschmolzen, du bist nicht getrennt.

03.07.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 20/2 (12)

von: tao

 
Jesus wurde von den Juden gekreuzigt, damit sie weiter bloß ans Morgen denken konnten
aus diesem Grund, aus keinem anderen Grund.
Nicht dass sie gegen Jesus gewesen wären --
Jesus war ein perfekter Mensch, ein schöner Mann,
warum sollten die Juden etwas gegen ihn gehabt haben?
Ganz im Gegenteil, sie hatten auf diesen Menschen gewartet.
Seit Jahrhunderten hatten sie gehofft und gewartet:
Wann wird der Messias kommen?
Und dann plötzlich verkündete dieser Jesus:
Ich bin der Messias, auf den ihr gewartet habt,
und ich bin jetzt gekommen. Nun schaut zu mir her.
Sie waren verstört --
weil das Denken sich nicht dem stellen kann, was Fakt ist,
das Denken kann sich nicht mit diesem Moment konfrontieren.
Aber es kann immer aufschieben, es war leicht, dies weiter hinauszuschieben:
Der Messias muss noch kommen, bald wird er kommen....

Fröhlich 

02.07.2008 um 17:17 Uhr

Südliches Blütenland 17/11 (13)

von: tao

Wenn ein Mensch wie Dschuang Dsi umherzieht, ist er ein König; ob er nun wie ein Bettler lebt oder nicht, das macht keinen Unterschied. Er ist ein König, wo immer er hingeht.

Königlichkeit ist für ihn nicht etwas Äußerliches, es ist etwas Innerliches.

Ein Bettelmönch aus Indien ging nach Amerika zu Beginn des letzten Jahrhunderts:

Sein Name war Ramteerth.

Er pflegte sich selbst "Der Kaiser" zu nennen.

Der Präsident von Amerika kam, um ihn zu sehen, und sah ihn erstaunt an. Er war bloß ein Bettler!

Der Präsident fragte: Das kann ich nicht verstehen.

Warum nennst du dich selbst "Der Kaiser"?

Du siehst wie ein Bettler aus. Du hast sogar ein Buch geschrieben mit dem Titel "Sechs Anordnungen des Kaisers Ram". Warum?

Ramteerth lachte und sagte: Schau in mich,

mein Königreich gehört zur Innenwelt.

Sieh in mich hinein, ich bin ein Kaiser.

Mein Königreich ist nicht von dieser Welt.

01.07.2008 um 17:05 Uhr

Tao 415

von: tao

Wenn du im Freien meditierst und Ameisen auf deinem Körper herumkrabbeln

dann sind die nicht bösartig, sie wissen überhaupt nicht, dass du meditierst,

sie wissen gar nicht, dass du da bist.

Sie verfolgen vielleicht ihre eigenen Angelegenheiten -- Ameisen sind sehr geschäftlich --

sie sind vielleicht auf ihrem eigenen Trip,

du bist ihnen bloß im Weg, das ist alles.

Tatsächlich bist du es, der sie stört, nicht sie dich.

Du sitzt bloß da wie ein Fels

-- du denkst, dass du gerade meditierst --

und störst damit ihre ganze Straße.

Ameisen sind großartige Nachfolger ihrer Anführer --

die Anführerin ist den einen Weg gegangen, also gehen all die Ameisen diesen Weg.

Sie sind immer sehr kontrolliert, sie sind wie die Armee.

Also müssen sie über dich hinüberlaufen.

Du denkst, dass sie dir im Weg sind,

du denkst, dass sie dich stören;

sie denken, dass du ihnen bloß im Weg bist, und dass du sie damit störst.

Nein, sie sind nicht boshaft.

Niemand ist bösartig außer dem Menschen, niemand sonst kann das sein.