Taoistische Reflektionen

11.08.2008 um 23:59 Uhr

Tao 425

von: tao

Es geschah, als Alexander auf dem Weg nach Indien war, dass er unterwegs Diogenes begegnete. Diogenes war ein außergewöhnliches Wesen. Wenn Diogenes Lao-tse begegnet wäre, dann würden sich beide hingesetzt und gelacht haben, gelacht und gelacht. Sie haben die gleiche Qualität. Als Alexander vorbeikam, hörte er, dass Diogenes ganz in der Nähe sei, also ging er hin, um ihn zu sehen. Sogar Alexander war beeindruckt von dem Mann, sogar Alexander fühlte sich ganz klein vor ihm. Er war ein nackter Fakir,

er besaß nichts, aber sein Wesen war solcherart, so magnetisch, so machtvoll, dass Alexander beeindruckt war, sehr beeindruckt. Tatsächlich wird gesagt, dass er niemals wieder von irgendeinem

anderen Mann beeindruckt wurde. Er fragte nach seinem Geheimnis: Wie bist du so kraftvoll geworden, obwohl du gar nichts hast? Ich bin ein Welteroberer, und ich habe fast die ganze Welt gewonnen, nur noch wenig fehlt noch.

Bald werde ich damit fertig sein. Aber du bist ein nackter Mann und hast nichts. Was ist das Geheimnis deines Glücks? Von Diogenes wird berichtet, er habe gesagt: Ich habe der Hoffnung entsagt. Das ist das Geheimnis. Und ich sage dir: Verzichte du auch auf die Hoffnung, sonst wirst du immer leiden. Alexander sagte: Ich werde zu dir kommen, um das Geheimnis zu erlernen, aber nicht jetzt. Ich bin auf dem Weg -- die halbe Welt, mehr als die halbe Welt, habe ich erobert, aber es fehlt noch ein Teil. Ich muss ein Welteroberer werden, dann werde ich kommen. Diogenes sagte: Niemand ist jemals ein Welteroberer gewesen. Das eine oder andere bleibt immer ungetan. Der Traum ist niemals vollständig und die Sehnsucht wird niemals erfüllt. Wenn du mich wirklich verstehst, und wenn du wirklich sehen kannst, dass ich glücklich bin, ohne mich darum zu kümmern, die ganze Welt zu gewinnen, dann kannst du auch ohne das glücklich sein. Intellektuell verstand Alexander diese Logik, aber er sagte: Ich werde später kommen. Dies ist nicht die richtige Zeit für mich. Als er Diogenes verließ, sagte Diogenes: Denke daran, du wirst sterben, bevor du die Welt erobert hast; jeder ist vorher gestorben und du kannst keine Ausnahme sein. Und das geschah. Alexander kam niemals wieder zurück nach Hause. Auf dem Rückweg von Indien starb er unterwegs. Er muss sich an Diogenes erinnert haben, an diesen nackten Asketen, in seinen letzten Momenten.

Und dann ist da noch eine andere Geschichte, für die ich mich nicht

verbürgen kann. Es gibt eine Geschichte, dass am selben Tag, als Alexander starb, auch Diogenes starb, und sie trafen sich auf dem Weg zu der anderen Welt, während sie den Fluss durchquerten, der zwischen dieser und jener Welt fließt. Sie begegneten sich im Fluss. Diogenes begann laut zu lachen und sagte: Schau, schau, erinnerst du dich an mich, du Narr? Du starbst, und du starbst auf halbem Weg, und der Sieg war nicht vollständig. Bloß um sein Gesicht zu wahren, versuchte Alexander auch zu lachen, aber er schaffte es nicht. Bloß um sein Ansehen zu retten, sagte er: Ja, das ist eigenartig, das Zusammentreffen eines Herrschers mit einem nackten Bettler in diesem Fluss.

Das hat sich vielleicht noch nie zuvor ereignet, es mag nicht wieder geschehen. Diogenes lachte sogar noch brüllender und sagte: Du hast recht, aber du verstehst nicht, wer der Herrscher ist und wer der Bettler ist. Wer der Herrscher ist und wer der Bettler ist, das weißt du nicht so genau. Da liegst du falsch, ansonsten hast du recht. Es ist die Begegnung eines Herrschers mit einem Bettler, aber ich bin der Herrscher und du bist der Bettler. Du hast um die ganze Welt gebettelt, du bist der größte Bettler, den es je gab, aber schau, was mit deinem Reich passiert ist.... Und ich lebte wie ein Herrscher. Nun war sogar Alexander nackt, denn alles mußte auf diesem Ufer zurückgelassen werden, und er fühlte sich sehr unbehaglich, verlegen und peinlich berührt, aber Diogenes war unbefangen. Er sagte: Wohl wissend, dass man eines Tages nackt werden muss, warf ich selbst diese Kleider weg. Und nun schau, wie du dich schämst vor Gott. Ich werde lachend dastehen, und du wirst dich schuldig fühlen, befangen und all das. Alles um dich herum ist verkehrt.

Es gibt keine Möglichkeit, die Absurditäten zu erschöpfen, sogar Menschen wie ein Alexander schöpfen sie niemals aus. Wenn du sie erschöpfen willst, ist der einzige Weg der, bewusster zu werden..

 

    Fröhlich

 

10.08.2008 um 22:59 Uhr

Tao Te King 48 (11)

von: tao

Ein Kind, das vielleicht gerade neben dir sitzt, mag noch im Paradies sein, aber du bist es nicht.

Das Paradies ist also keine Frage der Geografie,

es ist eine Frage des inneren Raums.

Das Wissen erzeugt die Kluft,

es korrumoiert die Unschuld,

es macht dich alt,

sonst würdet ihr immer wie Kinder bleiben.

Und wenn Jesus sagt, und er sagt es ganz zu recht:

"Bevor ihr nicht werdet wie die Kinder

werdet ihr nicht mein Königreich Gottes betreten",

ist das der geheime Schlüssel

die verschlossenen Türen zum Paradies wieder zu öffnen.

Das Wissen vertreibt dich daraus, nicht Gott.

09.08.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 26/7 (21)

von: tao

Du sitzt jetzt wahrscheinlich gerade,

und du benutzt dafür nur wenig Platz, zwei Quadratmeter.

Du benutzt dafür nicht die ganze  Erde, die ganze Erde ist nutzlos,

du verwendest nur einen kleinen Teil, gerade mal zwei Quadratmeter.

Sagt Dschuang Dsi: Nimm an, der ganze Erdboden wird weggenommen,

nur diese zwei Quadratmeter bleiben für dich übrig;

du stehst also da und benutzt mit jedem Fuß ein paar Zentimeter des Erdbodens.

Nimm an, nur das bleibt übrig und der ganze andere Erdboden wird weggenommen,

wie lange wirst du ihn benutzen können,

diesen kleinen Teil, den du gerade noch benutzt?

Eine Kluft, ein grenzenloser Abgrund tut sich um dich herum auf --

dir wird augenblicklich schwindlig werden, du wirst in diesen Abgrund fallen.

Der nutzlose Erdboden unterstützt den nützlichen Teil,

und das Nutzlose ist ungeheuer weit, das Nützliche ist sehr klein.

Und dies gilt für alle Seinsebenen:

Das Nutzlose ist ungeheuer weit, die Nützliche ist sehr klein.

Wenn du versuchst, das Nützliche zu bewahren und das Nutzlose zu vergessen,

wird dir früher oder später schwindlig werden.

Und das ist schon passiert,

dir ist schon schwindlig und du bist gerade dabei, in den Abgrund zu stürzen.

08.08.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 17/3 (10)

von: tao

Weil das Denken aus Polaritäten besteht,

bist du niemals ganz.

Das Denken kann nicht ganz sein, es ist immer halb.

Wenn du jemanden liebst, hast du dann beobachtet

dass du dabei deinen Hass unterdrückst?

Die Liebe ist nicht total, sie ist nicht ganz,

gleich dahinter sind all die dunklen Kräfte verborgen

und sie können jeden Moment ausbrechen. Du sitzt dabei auf einem Vulkan.

Wenn du jemanden liebst, dann vergißt du einfach

dass du Ärger in dir trägst, Hass und Eifersucht.

Du läßt sie einfach los, als ob sie nie existiert hätten.

Aber wie kannst du sie loslassen?

Du kannst sie einfach im Unbewußten verbergen.

Bloß an der Oberfläche kannst du liebevoll werden,

tief innen versteckt sich der Aufruhr.

Früher oder später wirst du die Nase voll haben,

die bzw. der Geliebte werden nun vertraut sein.

07.08.2008 um 23:59 Uhr

Tao Te King 64 (12)

von: tao

Gurdjieff pflegte zu sagen: So wie du bist

hast du keine Seele.

Er hat recht.

Wie kann gesagt werden, dass du eine Seele hast

wenn du überhaupt keine Bewußtheit hast?

So wie du bist, ist nichts möglich für dich,

denn alle Möglichkeiten eröffnen sich nur, wenn du bewußt wirst.

Werde bewußt,

werde achtsamer,

so hellwach

dass, was auch immer dir durchs Denken zieht, das durchquert es mit deiner perfekten Bewußtheit -- du weißt es.

Buddha pflegte zu seinen Schülern zu sagen:

Sogar wenn du ein- und ausatmest, sollte dir bewußt sein

dass jetzt der Atem nach innen geht,

dass nun der Atem sich umgedreht hat, und wieder nach außen fließt;

Hineinkommen, Hinausgehen, Einströmen, Ausströmen...

Nicht dass du das wiederholen sollst, wenn du es aufsagst, wirst du den Atem vergessen;

du mußt ihn beobachten, nicht mit Worten -- mit Bewußtheit.

06.08.2008 um 23:59 Uhr

Tao Te King 6 (9)

von: tao

"Liebe ist Gott" ist zum Beispiel eine Analogie.

Ein Mensch, der niemals irgendetwas anderes als Sex kennengelernt hat

der denkt, dass Sex Liebe ist....

Das ist zunehmend zu sehr der Fall.

Dann wird der Geschlechtsakt "Liebe-machen" genannt;

aber dieses "Liebe machen" ist absolut töricht --

du kannst nicht Liebe machen, Liebe ist kein Akt.

Sex ist eine Handlung, aber Liebe ist keine Handlung, sie ist ein Seinszustand --

du kannst darin sein, aber du kannst sie nicht machen,

du kannst hineinfallen, es ist keine Anstrengung.

Sex kann gemacht werden, aber nicht Liebe.

Eine Prostituierte kann dir Sex geben, aber keine Liebe --

wie kannst du auf Bestellung und für Geld Liebe machen?

Unmöglich!

05.08.2008 um 23:59 Uhr

Quellender Urgrund 1/7 (4)

von: tao

Es war einmal:

Mulla Nasruddin und seine Frau stritten sich eines Tages -- der Mann und die Frau argumentierten miteinander -- und es kam zu dem ganz natürlichen Punkt, dass Mulla sich nach und nach zu fragen begann: "Warum habe ich damit überhaupt angefangen?"

Er war hungrig und die Frau dachte nicht einmal daran, das Essen zu kochen. Er stellte sich also vor die Frau hin und sagte: "Es tut mir leid, ich gestehe, dass ich im Unrecht war."

Die Frau sagte; "Das reicht mir nicht. Du wirst schon zugeben müssen, dass ich im Recht war. Bloß dass du Unrecht hattest, macht nicht viel Unterschied, du wirst gestehen müssen, dass ich Recht hatte. Gib ein positives Statement ab! Denn du magst Unrecht haben und trotzdem denkst du vielleicht insgeheim, dass ich auch im Unrecht bin, das nützt mir also nicht viel."

Beide Personen können falsch liegen. Bedenke, Wahrheit gibt es eine; Unwahrheiten kann es so viele geben wie du willst. Religion gibt es eine -- es kann nicht zwei geben -- denn die Wahrheit ist eins; aber Philosophien kann es so viele geben, wie du willst. Jeder kann seine eigene Philosophie haben: Es ist dein Traum über die Realität. Du kannst dir deine eigene Theorie zusammenzimmern, du kannst dir nicht die Realität zurecht zimmern. Das erzeugt die Ruhelosigkeit. Und wenn du unschlüssig bist, dann hängst du in einem Zwischenraum. Und dieses Zwischen-zwei-Stühlen-Sitzen, weder hier noch dort, ist das, was Philosophie in einem Menschen erzeugt. Er beginnt zu fühlen, dass er Bescheid weiß, er spürt auch tief innen immerzu, dass er es nicht weiß. Das ist dann ein sehr angespannter Zustand. Du weißt, dass du es nicht weißt, und doch hast du das Gefühl, dass du es nicht weißt. Du spürst, dass du es weißt. und doch weißt du, dass du es nicht weißt. Nun bist du dabei, dich zu spalten, du bist dabei, schizophren zu werden. Und in diesem Zustand des unschlüssigen Denkens fühlt man sich immer unvollständig, und dieses Unvollständigsein tut weh. Man möchte die ganze Wahrheit kennen lernen, die komplette Wahrheit.

04.08.2008 um 23:59 Uhr

Tao Te King 78 (7)

von: tao

Das Atmen hat zwei Teile.

Der eine: der Körper der Atmung,

gemacht aus Sauerstoff, Stickstoff und so weiter,

und zweitens, der Geist des Atmens,

gemacht aus Vitalität, Gott selbst.

Das ist genau wie -- dein Körper ist da,

und du, dein Bewußtsein,

ist tief innen verborgen in deinem Körper.

Der Körper ist ein Schutz,

ein Vehikel.

03.08.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 17/11 (15)

von: tao

Immer wenn ein Mensch wie Dschuang Dsi seines Weges geht, ist er der Herrscher.

Er kann gar nichts machen.

Er steht nicht im Wettbewerb zu irgendjemandem,

er ist nicht scharf auf irgendeine Krone dieser Welt,

aber wo immer er hingeht, bekommen es ehrgeizige Leute mit der Angst zu tun,

Politiker bekommen Angst. Dieser Mann ist gefährlich,

denn schon sein Gesicht, die Augen, die Art und Weise, wie er geht,

zeigen, dass er ein Herrscher ist.

Es braucht es nicht zu beweisen, er ist der Beweis.

Er braucht es nicht zu äußern, nicht nötig, es zu sagen.

02.08.2008 um 23:59 Uhr

Tao Te King 64 (11)

von: tao

Traurig 

Normalerweise ist ein Mensch ein Roboter, ein Automat,

er wiederholt die gleichen Fehler immer wieder.

Er ist eben unbewußt.

Gurdjieff pflegte zu seinen Schülern zu sagen:

Wenn du eine einzige Minute lang bewußt bleiben kannst,

wird das schon reichen.

Er gab ihnen Uhren und trug ihnen auf, sie zu beobachten:

Schau auf die Uhr, beobachte den Sekundenzeiger,

und bleibe aufmerksam darauf, dass du zuschaust;

und immer wenn du merkst, dass dir die Bewußtheit entglitten ist,

berichte es mir augenblicklich.

Es war fast unmöglich, einen Menschen zu finden

der sechzig Sekunden, also eine Minute lang, achtsam sein konnte.

Nach drei, vier Sekunden -- der Sprung, du hast es vergessen,

dein Denken ist irgendwo anders hin abgeschweift;

dann fällt es dir plötzlich wieder ein,

dann fängst du wieder das Beobachten an; aber nach drei, vier Sekunden --

und wieder hast du es vergessen.

01.08.2008 um 23:59 Uhr

Südliches Blütenland 26/10 (14)

von: tao

 

Bis zum Alter von sieben Jahren lernt das Kind fast fünfzig Prozent

von allem, was es jemals in seinem ganzen Leben lernen wird.

Und diese fünfzig Prozent sind sehr bedeutsam

denn das wird die Basis.

Es wird viele Dinge lernen,

es wird eine großartige Wissensstruktur aufbauen,

aber dieser ganze Aufbau wird auf dem Wissen basieren

das es erhielt, als es noch ein Kind war.

Und während dieser Zeit, bevor es sieben Jahre alt wird,

hat das Kind noch keine Logik zur Verfügung, kein Argumentationsvermögen.

Es vertraut noch, es erforscht; es glaubt einfach alles.

Es kann nicht nicht glauben,

denn es weiß nicht, was Glauben und was Unglauben ist.