Tao 425
Es geschah, als Alexander auf dem Weg nach Indien war, dass er unterwegs Diogenes begegnete. Diogenes war ein außergewöhnliches Wesen. Wenn Diogenes Lao-tse begegnet wäre, dann würden sich beide hingesetzt und gelacht haben, gelacht und gelacht. Sie haben die gleiche Qualität. Als Alexander vorbeikam, hörte er, dass Diogenes ganz in der Nähe sei, also ging er hin, um ihn zu sehen. Sogar Alexander war beeindruckt von dem Mann, sogar Alexander fühlte sich ganz klein vor ihm. Er war ein nackter Fakir,
er besaß nichts, aber sein Wesen war solcherart, so magnetisch, so machtvoll, dass Alexander beeindruckt war, sehr beeindruckt. Tatsächlich wird gesagt, dass er niemals wieder von irgendeinem
anderen Mann beeindruckt wurde. Er fragte nach seinem Geheimnis: Wie bist du so kraftvoll geworden, obwohl du gar nichts hast? Ich bin ein Welteroberer, und ich habe fast die ganze Welt gewonnen, nur noch wenig fehlt noch.
Bald werde ich damit fertig sein. Aber du bist ein nackter Mann und hast nichts. Was ist das Geheimnis deines Glücks? Von Diogenes wird berichtet, er habe gesagt: Ich habe der Hoffnung entsagt. Das ist das Geheimnis. Und ich sage dir: Verzichte du auch auf die Hoffnung, sonst wirst du immer leiden. Alexander sagte: Ich werde zu dir kommen, um das Geheimnis zu erlernen, aber nicht jetzt. Ich bin auf dem Weg -- die halbe Welt, mehr als die halbe Welt, habe ich erobert, aber es fehlt noch ein Teil. Ich muss ein Welteroberer werden, dann werde ich kommen. Diogenes sagte: Niemand ist jemals ein Welteroberer gewesen. Das eine oder andere bleibt immer ungetan. Der Traum ist niemals vollständig und die Sehnsucht wird niemals erfüllt. Wenn du mich wirklich verstehst, und wenn du wirklich sehen kannst, dass ich glücklich bin, ohne mich darum zu kümmern, die ganze Welt zu gewinnen, dann kannst du auch ohne das glücklich sein. Intellektuell verstand Alexander diese Logik, aber er sagte: Ich werde später kommen. Dies ist nicht die richtige Zeit für mich. Als er Diogenes verließ, sagte Diogenes: Denke daran, du wirst sterben, bevor du die Welt erobert hast; jeder ist vorher gestorben und du kannst keine Ausnahme sein. Und das geschah. Alexander kam niemals wieder zurück nach Hause. Auf dem Rückweg von Indien starb er unterwegs. Er muss sich an Diogenes erinnert haben, an diesen nackten Asketen, in seinen letzten Momenten.
Und dann ist da noch eine andere Geschichte, für die ich mich nicht
verbürgen kann. Es gibt eine Geschichte, dass am selben Tag, als Alexander starb, auch Diogenes starb, und sie trafen sich auf dem Weg zu der anderen Welt, während sie den Fluss durchquerten, der zwischen dieser und jener Welt fließt. Sie begegneten sich im Fluss. Diogenes begann laut zu lachen und sagte: Schau, schau, erinnerst du dich an mich, du Narr? Du starbst, und du starbst auf halbem Weg, und der Sieg war nicht vollständig. Bloß um sein Gesicht zu wahren, versuchte Alexander auch zu lachen, aber er schaffte es nicht. Bloß um sein Ansehen zu retten, sagte er: Ja, das ist eigenartig, das Zusammentreffen eines Herrschers mit einem nackten Bettler in diesem Fluss.
Das hat sich vielleicht noch nie zuvor ereignet, es mag nicht wieder geschehen. Diogenes lachte sogar noch brüllender und sagte: Du hast recht, aber du verstehst nicht, wer der Herrscher ist und wer der Bettler ist. Wer der Herrscher ist und wer der Bettler ist, das weißt du nicht so genau. Da liegst du falsch, ansonsten hast du recht. Es ist die Begegnung eines Herrschers mit einem Bettler, aber ich bin der Herrscher und du bist der Bettler. Du hast um die ganze Welt gebettelt, du bist der größte Bettler, den es je gab, aber schau, was mit deinem Reich passiert ist.... Und ich lebte wie ein Herrscher. Nun war sogar Alexander nackt, denn alles mußte auf diesem Ufer zurückgelassen werden, und er fühlte sich sehr unbehaglich, verlegen und peinlich berührt, aber Diogenes war unbefangen. Er sagte: Wohl wissend, dass man eines Tages nackt werden muss, warf ich selbst diese Kleider weg. Und nun schau, wie du dich schämst vor Gott. Ich werde lachend dastehen, und du wirst dich schuldig fühlen, befangen und all das. Alles um dich herum ist verkehrt.
Es gibt keine Möglichkeit, die Absurditäten zu erschöpfen, sogar Menschen wie ein Alexander schöpfen sie niemals aus. Wenn du sie erschöpfen willst, ist der einzige Weg der, bewusster zu werden..



